Skip to main content

Full text of "Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 



A. HARNACK 

Mission und Ausbreitung 
des Christentums in den 

ersten drei Jahrhunderten 

Erster Band 



J.CHinrichs'sche Buchhandlung ^tMl^g 



e> x/-^K79 



/3,- 




of tbe 

inniversiti? of Mieconein 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



Grundlegende Werke 
ZUR GESCHICHTE DES URCHRISTENTUMS 

aus dem Verlage der J. C. HnoucHs'schen Buchhandlung in Lbipzio. 
Ausfahrlidie Prospekte aber die Serienwerke stehen zu Diensten. 

Adolf Harnack, Die altchristh Literatur bis Eusebius. 

I. Die Oberlieferung und der Bestand. 1893. ^35—; geb. ^38 — 
U. Die Chronologie. 2 Bände. 1897 u. 1904. J$ 39.40; geb. J$ 45.40 

Texte und Untersuchungen zur Geschichte der alt- 
christlichen Literatur. Herausgegeben von Oscar von 
Oebhardt und Adolf Hamack. 

/.Reihe: 15 Bde. 1882—1897. M.380-; in 17 Halbfranzbände geb. ^ 422.50 
//.Reihe, auch unter dem Titel: 

Archiv ffir die Ausgabe der alt christh Schriftstellen 

Band 1-14. 1897-1906. ^359— ; in 15 Halbfranzbände geb. ^396.50 

Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten 
drei Jahrhunderte« Herausgegeben von der Kirchenväter- 
Kommission der Königl. Preuß. Akademie der Wissenschaften. 
[Mitglieder die Herren: Proff. DD. Harnack, Vorsitzender, Diels, von 
Gebhardt, Hirschfeld, Jülicher, Loofs, t Mommsen, von Wila- 
mowitz-Möllendorff.] Seit 1897 erschienen: 13 Bände JH 183—; 

in 11 Halbfranzbdn. u. 2 hiterimsbdn. J$ 211.50 

Soeben er$cheint: 

Easebias, Gegen Marcell. — Ober die kirchliche Theologie. — Die Frag- 
mente Marcells. Herausgegeben von Erich Klostermann. [Eusebius, 
Band IVl ^ 9— ; in Halbfranz geb. JH 11.50 

Jm Laufe de* Jahres erscheinen: 

Acta Archelai» bearbeitet von C. H. Beeson. 

Easebias, Historia ecdesiastica nebst Rufin's Obersetzung bearbeitet von 

tTh. Mommsen. Herausgegeben von E. Seh wartz. Zweite Hälfte 

mit Prolegomena und Registern. 



— Der Umfang dieser Sammlung ist auf etwa 50 Bände berechnet. — 



Digitized by 



Google 



Patrum apostolicorum openu Textum ad fidem codicum 
et graecorum et latinorum adhibitis praestantissimis editio- 
nibus recensuerunt, commentario exegetico et historico illu- 
straverunt, apparatu critico, versione latina passim conecta, 
prolegomenis, indicibus instruxerunt O. de Gebhardt, 
A. Harnack, Th. Zahn. Editio post Dresselianam alteram 
tertia. 3 Fascc in 4 TeUen. gr. 8^ 1876—1878. ^ (24.50) jetzt 16 — 

— Editio quinta minor. 8«. 1906. jnim; gtb.j$2-' 

Das Neue Testament, Griechisch. 

C. V. Tischendorf: Ad antiquissimos testes denuo recensuit, 
apparatum criticum omni studio perfectum apposuit, com- 
mentationem isagogicam praetexuit. Prolegomena scripsit 
C. R. Gregory, additis curis E. Abbot. Editio octava critica. 

3 Bände, gr. 8^ 1872-1894. J$70-; geb. in Halbfrz. .il 77.50 
Ausgabe auf Schreibpapier mit breiten Rändern .ü 90 — 

Prolegomena allein ^ 32 — ; geb. J$ 34.50 

B.Weifi: Berichtigter Text mit kurzer Erläuterung zum Hand- 
gebrauch bei der Schriftlektflre. Zweite Auflage. 

3 Bände. 8^ 1902—1905. .il 24 — ; geb. in Halbfrz. .il 30 — 




Digitized by 



Google 



Adolf Harnack 

DIE MISSION UND AUSBREITUNG DES CHRISTENTUMS 
IN DEN ERSTEN DREI JAHRHUNDERTEN 

ZWEITE NEU DURCHGEARBEITETE AUFLAGE 

I.BAND 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



DIE 

Mission und Ausbreitung 
DES Christentums 

IN DEN 

ERSTEN DREI JAHRHUNDERTEN 



VON 



Adolf Harnack 



ZWEITE NEU DURCHGEARBEITETE AUFLAGE 
MIT ELF KARTEN 

I. BAND 

Die Mission in Wort und Tat 




Leipzig 

J. C. HINRICHS'SCHE BUCHHANDLUNG 
1906 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



112229 

Vorrede zur ersten Auflage. 



Die Mission und Ausbreitung der christlichen Religion in den 
ersten drei Jahrhunderten ist monographisch bisher nicht be- 
schrieben worden. Wir besitzen für die älteste Epoche der 
Eirchengeschichte Darstellungen der dogmengeschichtlichen Ent- 
wicklung und des Verhältnisses von Kirche und Staat — unter 
den letzteren die vortreffliche von Neumann — , aber die Missions- 
geschichte ist vernachlässigt geblieben. Die Schwierigkeit der 
Erhebung und der Abgrenzung des Stoffs und die noch größeren 
Schwierigkeiten, das geographisch-statistische Material zu sammeln 
und zu sichten, mögen abgeschreckt haben. Der auf den folgen- 
den Blättern dargebotene erste Versuch bittet um freundliche 
Beurteilung. Die Nachfolger — an solchen wird es nicht fehlen 
— werden es besser machen können. Zur Erläuterung habe ich 
einige Bemerkungen vorauszuschicken: 

Die älteste Missionsgeschichte der Kirche ist unter Legenden 
begraben oder vielmehr durch eine tendenziöse Geschichte ersetzt 
worden, die sich in wenigen Jahrzehnten in allen Ländern des 
Erdkreises abgespielt haben soU. An dieser Geschichte ist mehr 
als tausend Jahre hindurch gearbeitet worden — denn die 
Legendenbildung in bezug auf die apostolische Mission beginnt 
schon im ersten Jahrhundert und hat noch im Mittelalter, ja bis 
in die Neuzeit hinein geblüht; ihre Wertlosigkeit ist jetzt allge- 
mein anerkannt. Ich habe diese Geschichte in meiner Darstellung 
kaum gestreift; denn die kritische Untersuchung der Quellen ist 
durchweg als vollzogen vorausgesetzt. Alles das, was hier aus 
den apokryphen Apostelgeschichten, den provinzialen und lokalen 
Kirchenlegenden, aus den Bischofslisten und den Märtyrerakten 



Digitized by 



Google 



TI Vorrede zur ersten Auflage. 

nicht aufgeDommen bez. nicht erwähnt ist, bt als unbrauchbar 
weggelassen; aber in bezug auf das zuverlässige Material ist YoU- 
ständigkeit angestrebt. Wirkliche Schwierigkeiten boten nur die 
Märtyrer -Akten und -Überlieferungen. Eine oder die andere 
Stadt ist aus ihnen meinen Listen yieUeicht noch hinzuzufügen; 
aber ihre Zahl ist sicher eine sehr geringe. Leider versagen die 
Lischriften fast ganz; denn datierte christliche Inschriften aus der 
vorconstantinischen Zeit sind selten, bei den nicht -datierten aber 
ist Sicherheit, dafi eine Inschrift dem dritten Jahrhundert angehört 
und nicht dem vierten, nur in wenigen Gruppen von Fällen zu 
erreichen. Für eine umfangreiche SSasse femer kann der christ- 
liche Ursprung nur vermutet, aber zurzeit noch nicht bewiesen 
werden. 

Da das apostolische Zeitalter der Kirche in seinem ganzen 
Umfange unter den Gesichtspunkt der Missionsgeschichte föUt, so 
könnte man eine ausführliche Darstellung desselben hier erwarten. 
Eine solche ist nicht gegeben; man findet sie in vielen Werken, 
vor allem bei Weizsäcker; ich habe nach ihm Paulus als 
Missionar nicht noch einmal schildern wollen, sondern mich auf 
Grundzüge beschränkt. Was geboten ist, muB sich selbst recht- 
fertigen. Der Versuch, in einer Folge von Längsschnitten den 
Problemen gerecht zu werden, schien mir hier am Platze, nicht 
nur um Wiederholungen zu vermeiden, sondern vor allem um die 
Hauptlinien und die Hauptkräfte der christlichen Religion ein- 
heitlich und scharf hervortreten zu lassen. Die einzelnen Kapitel 
sind so gefaßt, daß sie für sich gelesen werden können ; aber die 
Einheitlichkeit des Ganzen hat dadurch, hoffe ich, nicht gelitten. 

Die für diese Darstellung der alten christlichen Missions- 
geschichte gewählte Basis ist nur so breit, als meine allgemeinen 
Geschichts- und Religionskenntnisse reichen, also recht schmal. 
Man suche daher in dem Buche nicht Aufschlüsse über die grie- 
chische und römische Religionsgeschichte, über uralte Mythen 
und über neue Kulte, über Rechtsverhältnisse und Administrationen: 
darüber wissen andere besser Bescheid. Ich habe mich seit Jahr- 
zehnten lediglich bemüht, die Zäune, die uns trennen, zu ent- 
fernen und von den Nachbarn soviel zu lernen als nötig ist, um 



Digitized by 



Google 



Vorrede zur ersten Auflage. VU 

das richtige Maß der Erscheinungen auf dem Gebiete der Eirchen- 
geschichte nicht zu verfehlen und Abgeleitetes nicht für Originales 
auszugeben. 

Was die antike Geographie und Statistik betrifft, so habe 
ich von den einschlagenden Untersuchungen eingehender Kenntnis 
genommen, als das Buch es verrät. Leider ergeben die Arbeiten 
zur Bevölkerungsstatbtik des Altertums so widersprechende und 
daher unbrauchbare Resultate, daß ich zuletzt, verzweifelnd, 
nahezu alles beiseite gelassen habe. Nur ein kleiner Rest absolu- 
ter Statistik bt im ersten Kapitel des ersten Buchs und in den 
Schlußausfährungen stehen geblieben. Nach den Karten im Corpus 
Inscriptionum Latinarum, den Kärtchen im 5. Bande der „Römi- 
schen Geschichte ** Mommsens, nach Kieperts „Pormae orbis 
antiqui^, soweit dieselben erschienen sind, und einigen anderen 
Hilfsmitteln habe ich die Städte und Plätze identifiziert und 
keine Ortschaft, die ich dort nicht gefunden habe — von ein 
paar vorstädtischen Dörfern abgesehen — , ohne Bemerkung auf- 
genommen. Ursprünglich hatte ich die Absicht, dem Buche 
Karten beizugeben, und habe nur ungern darauf verzichtet. Aber 
ich mußte mich davon überzeugen, daß sie, wie man es auch 
anfinge, ein falsches Bild bieten müssen; denn unser Material ist 
bis zum Jahre 325 für die verschiedenen Provinzen zu ungleich, 
mit der Eintragung lediglich der Städte, in denen Christen vor 
Constantin nachweisbar sind, ist wenig gewonnen, und die Dichtig- 
keit der Christen in den verschiedenen Provinzen durch Farben 
anzugeben, habe ich nicht gewagt. Erst fOr das 4. Jahrhundert 
lassen sich Karten zeichnen, und dabei kann auf die frühere Ge- 
schichte Rücksicht genommen werden. — Auf die Einteilung der 
Provinzen und den Wechsel der Einteilungen hatte ich kaum 
irgendwo Anlaß, einzugehen. Eine DarsteUung der Yerfassungs- 
geschichte der Kirche darf sie nicht beiseite lassen, aber ich 
habe Fragen der Verfassung nur herbeigezogen, wo es unver- 
meidlich war. Überhaupt war mein Absehen darauf gerichtet, 
mich so kurz wie möglich zu fassen, die Grenzen der Aufgabe 
scharf zu ziehen und längst Erledigtes nicht um der YoUständig- 
keit oder um der Bequemlichkeit des Lesers willen noch einmal 



Digitized by 



Google 



VIII Vorrede sor ersten Auflage. 

zn erörtern. Die AuBbreitongsgeschichte des Christentiuns in den 
einzelnen Provinzen ist nur in Umrissen gegeben. Wer hier tiefer 
eindringen will*, muS mit Bamsay in Phrygien oder mit den 
firanzosischen Gelehrten in Afirica graben oder sich mit Duchesne^ 
in die alten Bischofslisten versenken, freilich ~ für die ersten 
drei Jahrhunderte wird die Ausbeute über das hier Gebotene 
hinaus gering sein. 

Die literarischen Quellen, welche uns für die älteste Missions- 
geschichte des Christentums zu Gebote stehen, sind lückenhaft, 
aber wie umfangreich sind sie, wenn man sie mit dem vergleicht, 
was für die Geschichte der anderen Religionen im römischen 
Reiche vorhanden ist! Sie ermöglichen den Versuch einer zu- 
sammenhängenden und in aUen Hauptpunkten geschlossenen Dar- 
stellung der Mission und Ausbreitung der christlichen Religion, 
und sie gestatten ein begründetes Urteil darüber, warum diese 
Religion im Reiche zum Siege gekommen ist und wie dieser Sieg 
beschaffen war. Eine Reihe von Fragen freilich bleibt ungelöst; 
zu ihnen gehören auch solche, an die jeder zuerst denkt, wenn 
er der Missionsgeschichte näher tritt. 

Einige früher von mir verfaßte Abhandlungen zur Missions- 
geschichte sind in erweiterter und verbesserter Gestalt in dieses 
Buch aufgenommen worden. Ich habe sie an ihrem Orte kennt- 
lich gemacht. 

Meinem verehrten Freunde, Professor Imelmann, spreche 
ich herzlichen Dank aus für den wirksamen Anteil, den er während 
der Drucklegung an diesen Blättern genommen hat. 

Berlin, den 4. September 1902. 

A. H. 



Digitized by 



Google 



Vorwort zur zweiten Auflage. 



Die zweite Auflage bt um mehr als zehn Bogen gegenüber 
der ersten gewachsen; davon fallen sechs auf das vierte Buch („Die 
Verbreitung der christlichen Religion^). Die Zahl neuer Orte, in 
denen ich das Christentum vor Constantin nachweisen konnte, ist 
verschwindend gering — meine Kritiker haben die Liste nicht zu 
vermehren vermocht — ; aber ich habe versucht, der Schilderung 
der Ausbreitung der Religion in den einzelnen Provinzen mehr 
Farbe zu geben und manche versteckte Stelle herbeigezogen. 
Einige neue Abschnitte sind eingefügt worden; den Exkurs aber 
zum ersten Buch („Das angebliche Apostelkonzil zu Antiochien^) 
habe ich, ohne an ihm irre geworden zu sein, gestrichen, weil er 
nicht notwendig war. Überraschen wird es, daß trotz dem in der 
ersten Auflage ausgesprochenen Yerzicht dem Buche nun doch 
Karten beigegeben sind. Bestimmend waren von vielen Seiten 
an mich gerichtete Bitten, die stets mit dem Hinweise begründet 
wurden, daB die Mehrzahl der Leser sich ohne Karten kein Bild 
von der Verbreitung zu machen vermöge, die vorhandenen Karten 
des orbis antiquus aber nur nach eingehenden Studien für den 
besonderen Zweck nutzbar gemacht werden können. So habe 
ich meine Bedenken besiegt und selbst die elf Blätter entworfen, 
die dem Werke beigegeben sind. Am meisten Wert lege ich auf 
den Versuch, der auf dem zweiten Blatte gemacht ist. Er ist 
ein Wagnis, aber ohne diese Karte, welche den ganzen Ertrag 
der Arbeit zusammenfaBt, sind die Karten IQ — XI irreführend, 
weil sie von zufalliger Kunde mehr oder weniger abhängig sind. — 
Die beigegebenen Register sind von mir neu ausgearbeitet worden. 

Berlin, den l. Dezember 1905. 

A. H. 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



Inhaltsfibersicht 



• Erstes Buch: 

Einleitung und Qrundl^^ng. ^ 

I. Bande» 

Erstes Kapitel: Das Judentum, seine Verbreitung und Entschränknng 1 

Zweites Kapitel: Äußere Bedingungen f&r die universale Ausbreitung 

der christlichen Religion 17 

Drittes Kapitel: Innere Bedingungen für die universale Ausbreitung 

der christlichen Religion (der religiöse Synkretismus) 21 

Viertes Kapitel: Jesus Christus und die Weltmission 31 

Fünftes Kapitel: Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission . 37 

Sechstes Kapitel: Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der 

ersten Missionare 63 



Zweites Buch: 
Die MIsslonspredIgt In Wort und Tat. 

Einleitung 73 

Erstes Kapitel: Religiöse Grundzttge der Missionspredigt 74 

Zweites Kapitel: Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung 87 
Drittes Kapitel. Fortsetzung : Der Kampf gegen die Dämonen . . 108 
Viertes Kapitel: Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung . . . 127 
Grundlegendes. — Einleitung S. 127. — (1) Das Almosen überhaupt 
und seine Verbindung mit dem Kultus S. 133. — (2) Die Unter- 
statzung der Lehrer S. 136. — (3) Die Ünterstützimg der Witwen 
und Waisen S. 137. — (4) Die Unterstützung der Kranken, 
Schwachen, Armen imd Arbeitsunfähigen S. 139. — (5) Die Sorge 
für die Gefieuigenen und in den Bergwerken Schmachtenden S. 140. 
— (6) Die Sorge f&r die zu begrabenden Armen und die Verstorbe- 
nen überhaupt S. 143. — (7) Die Sorge für die Sklaven S. 145. — 



Digitized by 



Google 



XII Inhalt. 

Seite 

des 

L Bandet 

(8) Die Sorge bei großen Kalamitäten S. 148. — (9) Arbeitsnach- 
weis und Recht auf Arbeit in den Gemeinden S. 150. — (10) Die 
Sorge fOr zngereiste Brflder (Gkutfreundschaft) and für arme oder 
gef&hrdete Gemeinden S. 152. 

Fünftes Kapitel: Die Religion des Geistes und der Kraft, des sitt- 
lichen Ernstes und der Heiligkeit 172 

Sechstes Kapitel: Die Religion der Autorit&t und der Vernunft, der 

Mysterien und der transzendentalen Erkenntnisse 188 

Siebentes Kapitel: Die Botschaft von dem neuen Volk und dem 
dritten Geschlecht (das geschichtliche und politische Bewußtsein 

der Christenheit) , 206 

Exkurs: Die Beurteilung der Christen als drittes Geschlecht 
seitens ihrer Gegner 227 

Achtes Kapitel: Die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte 284 

Neuntes Kapitel: Der Kampf gegen den Polytheismus und GOtseen- 

dienst 242 

(1) Der grobe Götzendienst S. 242. — (2) Die mit dem Götzen- 
dienst verflochtene Philosophie S. 246. — (3) Die Menschenver- 
götterung und der Kaiserkultus, Heroen und Engel S. 247. — 
(4) Theater, Spiele und Feste S. 251. — (5) Luxus S. 258. — 
(6) Das mit dem Heidentum verflochtene BeruMeben (Handwerker, 
Astrologen, Magier imd Lehrer der Wissenschaften, Handel, 
Beamte, Militär; heidnische Redensarten und Schwüre) S. 258. 

Schlußbetrachtung: Die volle Ausgestaltung des Christentums als 

synkretistische Religion 261 



Drittes Buch: 



Die Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen 
der Mission. 

Erstes Kapitel: Die christlichen Missionare (Apostel, Evangelisten, 

Propheten, bez. Lehrer; nicht beru&mäßigre Missionare) .... 267 

(1) Der Begriff »Apostel' nach den ältesten Schriften S. 267. — 

(2) Apostel, Propheten und Lehrer bei den Juden S. 274. — 

(3) Apostel, Propheten und Lehrer als Einheit S. 280. — (4) Apo- 
stel S. 291. — (5) Propheten S. 296. — (6) Lehrer (charismatische 
und nicht charismatische) S. 298. — (7) Nicht - beru&m&ßigre 
Missionare S. 308. 

Exkurs^ Reisen; brieflicher und literarischer Austausch . 310 

Zweites Kapitel: Missionsmethoden; Katechese und Taufe; Eingriffe 

in das häusliche Leben 319 



Digitized by 



Google 



Inhalt. Xm 

Seite 

de« 

I. Bandes 

Drittes Kapitel: Die Namen der Christgl&ubigen 884 

Exkurs I: Oi ^Ooi 852 

Exkurs II: Die Rufoamen der Christen 854 

Yiertes Kapitel: Die Gemeindebildung in ihrer Bedeutung fttr die 

Mission 362 

Exkurs I : Gemeindebildung und Bistum (Provinzial-i Stadt- 

und Dorfbistum) in der Zeit von Pius bis Constantin . 873 
Exkurs II : Die katholische Konföderation und die Mission 898 
Exkurs III: Der Primat Roms und die Mission .... 398 

JPOnftes Kapitel: Gegenwirkungen 399 

(1) Die Verfolgungen S. 899. — (2) Urteile der Gegner; literarische 
Angriffe S. 408. 

Schlußbetrachtung: Motive und Gegenmotive fOr die Annahme 

der christlichen Religion 418 



Viertes Buch: 
Die Verbreitung der christlichen Religion. seib» 

IL Bandes 
Erstes Kapitel: Zeugnisse allgemeiner Art über den Umfitng und 
die Stärke der Verbreitung des Christentums. Die Hauptstadien 
der Missionsgeschichte 5 

Zweites Kapitel: Zur intensiven Verbreitung 25 

(1) Die gebildeten St&nde (Vornehme und Beamte) S. 25. — (2) Der 
Kaiserhof S. 32. — (8) Das Müit&r S. 41. — (4) Die Frauen 
8. 51. — Zusatz: Über den Kirchenbau 8. 67. 

Drittes Kapitel: Die Verbreitung des Christentums bis z. J. 825 . . 70 
(I) Orte, in denen christliche Gemeinden bez. Christen bereits im 

1. Jahrh. (vor Trajan) nachweisbar sind 72 

(II) Orte, in denen christliche Gemeinden vor d. J. 180 (Tod des Marc 

Aurel) nachweisbar sind 75 

{lU) Orte, in denen christliche Gemeinden vor d. J. 825 (Konzil von 
Nicäa) nachweisbar sind, nebst einer kurzen Geschichte der Aus- 
breitung der christlichen Religion in den einzelnen Provinzen . 77 

(1) Palastina 77 

(2) Phönizien 98 

(8) Cölesyrien 102 

(4) Cypem 116 

(5) Edessa (Osroene) und die östlichen Gebiete (Mesopotamien, 
Persien, Parthien, Indien) 117 

(6) Arabien 127 



Digitized by 



Google 



XIV Inhalt. 

Seite 

des 

n. Bandes 

(7) Ägypten und die Thebais, Libyen nnd die Pentapolis . . . 182 

(8) Cilicien 151 

(9) Kleinaeien 153 ^ 

Allgemeines S. 153. — (A) Cappadocien S. 162. -~ (B) Arme- 
nien, Diospontns, Paphlagonien, Pontos Polemoniacos S. 166. 
— (C) Bithynien S. 178. — (D) Qalatien, Phrygien und Piai- 
dien mit Lycaonien S. 179. — (E) Asien, Lydien, Mysien, 
Hellespont und Carien S. 188. — (F) Lycien, Pamphylien 
und Isaurien S. 192. 

(10) Greta und die Inseln 195 

(11) Thracien, Macedonien, Dardanien, Epirus, Thessalien, Achaia 196 

(12) Mösien und Pannonien, Noricum imd Dalmatien 201 

(13) Nord- und Nordwestküste des Schwarzen Meeres .... 203 

(14) Rom, Mittel- und Unteritalien, Sizilien und Sardinien . . 204 

(15) Oberitalien und die Romagna 220 

(16) Gallien, Belgien, Grermanien und R&tien 222 

(17) Britannien 233 

(18) Africa, Numidien, Mauretanien, Tripolitana 234 

(19) Spanien 255 

Anhang I: Die Verbreitung christlicher häretischer Ge- 
meinschaften und schismatischer Kirchen 262 

Anhang II: Die Ausprägung provinzialkirchlicher Ver- 
schiedenheiten innerhalb der katholischen Kirche . . 266 

Anhang III: Die Verbreitung des Christentums und die 
Verbreitung anderer Religionen im römischen Reiche, 
besonders des Mithrasdienstes 270 

Viertes Kapitel: Ergebnisse 276 



Sachregister 288 

Geographisches Register 297 

Nachtrage und Verbesserungen 311 

Karten nach 312 

I. Die Verbreitung des Christentums bis z. J. 180. 
IL Die Verbreitung des Christentums um d. J. 325. 
in^XI. Spezialkarten dazu: 

III. Palästina, Phönice, Arabia. — IV. Syria und Mesopota- 
mia. — V. Aegyptus, Heptanomis, Thebais. — VI. Asia, 
Phrygia, Cappadocia etc., Armenia. — VII. Thracia, Mace- 
donia, Achaia, Moesia, Dalmatia, Pannonia. — VIII. Italia. — 
IX. Britannia, Gallia, Germania, Italia Superior. — X. His- 
pania, Africa, Cyrenaica. — XI. Numidia, Africa Proconsularis, 
Zeugitana. 



Digitized by 



Google 



Erstes Buch. 
Einleitung und Grundlegung. 

Erstes Kapitel. 
Das JudentuiHi seine Verbreitung und Entschränkung. 

Die Synagogen in der Diaspora sind nicht nur, wie Tertullian 
bezeugt, die „fontes persecutionum^ fOr die jugendliche Christen- 
heit gewesen, sondern zugleich auch die wichtigsten Voraus- 
setzungen fär die Entstehung und das Wachstum christlicher 
Gemeinden im Reiche. Das Netzwerk der Synagogen stellt die 
Mittelpunkte und Linien der christlichen Propaganda im voraus 
dar. Die Mission der neuen Religion, im Namen des Gottes 
Abrahams und Moses* unternommen, fand bereits ein für sie be- 
stelltes Feld. 

Eine Übersicht über die Verbreitung des Judentums in den 
Anföngen unserer Zeitrechnung ist öfters gegeben worden, zuletzt 
mit besonderer Sorgfalt von Schürer ^. Uns interessieren hier 
folgende Punkte: 

(1) Juden gab es in den meisten, jedenfalls in allen am 
Mittelmeer und in dessen Umgebungen gelegenen Provinzen des 
römischen Reichs sowie am schwarzen Meere, östlich über Syrien 
hinaus in kompakten Massen in Mesopotamien, Babylonien und 
Medien^. 



^) Geschichte des jüdischen Volks, Bd. III», S. 1—38. 

*) Die Bekehrung des Königshauses von Adiabene (am Tigris, an der 
römisch -parthischen Grenze) snm Judentum in der Zeit des Kaisers Claudius 
ist eine besonders merkwürdige Tatsache in der Geschichte der Expansion 
des Judentums und wird auch von Josephus gebührend hervorgehoben. Der 
Übertritt des edessenischen Königshauses zum Christentum 150 Jahre später 
ist eine auffaUende Parallele dazu. Renan (Die Apostel, Deutsche Ausgabe 
S. 275f.) hat nicht unrecht, wenn er in seiner Weise sagt: „Die königliche 
Familie von Adiabene gehört der Geschichte des Christentums an.* Er meint 
das nicht im Sinne des Orosius (VII, 6) und Moses von Chorene (IE, 35), die 
Harnack, Mission. 2. Aufl. 1 



Digitized by 



Google 



2 Einleitung und Grundlegung. 

(2) Am zahlreichsten waren sie in Syrien ^, sodann in Ägypten 
(in allen Nomen bis nach Ober- Ägypten hinauf)^, in Rom und 
den kleinasiatischen Provinzen'. Wie stark sie in alle lokalen 
Verhältnisse eingedrungen waren, zeigen besonders die auf das 
letztgenannte Gebiet sich beziehenden Zeugnisse. Hier sowie am 
Nordufer des schwarzen Meeres haben sie auch an den Religions- 

das Königshaus wirklich christlich werden lassen, sondern «indem sie den 
Judaismus annahmen, gehorchten sie dem Gef&hl, welches die ganze heid- 
nische Welt dem Christentum zuf&hren sollte*. Übrigens bietet auch die 
Wirksamkeit der Helena, der Mutter Constantins, in Jerusalem eine auf- 
fallende Parallele zur Wirksamkeit der adiabenischen Königin gleichen 
Namens daselbst (s. Josephus, Antiq. XX, 2 ff., Bell. Jud. V, 2— 4; V, 6, 1; 
VI, 6, 3). Vielleicht hat sich die christliche Kaiserin die jüdische Königin 
geradezu zum Muster genommen; denn die Wirksamkeit dieser war in Jeru- 
salem und bei den Juden unvergessen (s. Euseb., h. e. 11, 12 und die talmu- 
dische Überlieferung). — Zusammenfassende S^ugnisse Über die Verbreitung 
des Judentums im Reich stehen bei Philo (Legat. 36 und Flacc. 7), in der 
Apostelgeschichte (2, 9 ff.) und bei Josephus (Bell. II, 16,4; VIT, 3,3; Apion 
n, 39). Die Behauptung des Josephus: o^x iartv im rifg olxovfUwtfs Sfjfwg 6 
fAfi fwTQcn' ^fUTsoav ixoiv, ist schon mehr als 200 Jahre früher von einem 
jüdischen Sibyllen -Orakel ausgesprochen worden (Orac. III, 271: näoa dk yaXa 
os&ev nXriQfjq xcu näoa ^6Xaaoa), Ein bereits im J. 139/138 vor Chr. abgefaßtes 
Rundschreiben des römischen Senates zum Schutz der Juden ist an die Könige 
von Ägypten, Syrien, Pergamum, Cappadocien und Parthien, femer nach 
Sampsame (Amisus?), Sparta, Sicyon (im Peloponnes), Delos, Samos, der 
Stadt Gortyna, Carien mit Myndus, Halicamass und Cnidus, nach Cos und 
Rhodus, der Landschaft Lycien mit Phaseiis, Pamphylien mit Side, der 
phönicischen Stadt Aradus und nach Cyrene und Cypem gerichtet. Bereits 
z. Z. des Sulla hat Strabo geschrieben (bei Josephus, Antiq. XI V, 7, 2) : slg 
näoav st6Xiv tjSrj TfOQeXrjXv^i , xai x6nw ovx iaxi gqdia}^ svqcXv tfjg otxovfUvijg 
Sg ov jtcLQodidexxcu toOto x6 <pvlw /«ly^* ijiixQazsTxcu M avroC. Für die intensive 
Verbreitung des Judentums ist das Zeugnis Senecas besonders lehrreich (bei 
August., de civit. dei VI, 11): «cum interim usque eo sceleratissimae gentis 
consuetudo convaluit, ut per omnes iam terras recepta sit; victi victoribus 
leges dederunt." Justin behauptet (Dial. 117): lor« xä löny h ok fjvdhia> 
oifdßk v/i&v xoß yhovg [seil, der Juden] ^xriaev, aber die gleich folgende Be- 
hauptung, daß es Christen in jedem Volke gebe, l&ßt jene Konstatierung 
als tendenziös erscheinen. 

^) Besonders die große Anzahl der Juden in Antioc hien wird hervor- 
gehoben. 

*) Für die Verbreitung der Juden im südlichen Arabien ist Philostor- 
gius (h. e. III, 4) wichtig. Er sagt, daß der dortigen Bevölkerung ovx 6Hyw 
nXfj^og 'lovScUoov dvojtitpvQxcu, 

•) Philo, Legat. 33 : *Iovdouöi xaO''' hcdaxrjy jtöXtv sloi TtofutXij^sTg 'Aolas xb 
xal ZvQiag, Das ^kxdüxtjv*^ empfluigt seine Bestätigung durch zahlreiche 
partikulare Zeugnisse, für Cilicien z. B. durch Epiphanius (haer. 30, 11). Hier 
heißt es von dem , Apostel", der vom jüdischen Patriarchen gesandt war, 
um in Cilicien bei den Juden die Abgaben zu sammeln: Sg &¥bX^ü}¥ ixsTös 
&jt6 kxdcxrig sr6Xea>g xrjg KtXixiag xä htidixara xxX. etoinQaxxev. — Über die 
Verbreitung des Judentums in Phrygien und den Nachbarprovinzen (auch 
in dem innersten Gebiete) s. die beiden großen Werke von Ramsay, ,The 



Digitized by 



Google 



Das Jadentmn, seine Verbreitang und Entschränkumg. 3 

mischmigen Teil genommen (Kult „des höchsten Qottes^ und 
des Qottes „Sabbatistes^^), und fär Syrien ergibt sich dasselbe, 
wenn auch nicht so deutlich aus direkten Zeugnissen, so doch 
indirekt aus der Vorgeschichte des christlichen Gnosticismus ^. In 
Africa Ton der Proconsularis bis nach Mauretanien waren sie an 
der Küste nicht spärlich^. In Lyon scheint es zur Zeit des 
Irenäus nicht viele Juden gegeben zu haben'. Doch können sie 
im südlichen Gallien, wie spätere Quellen beweisen, nicht spär- 
lich gewesen sein, und in Spanien waren sie zahlreich und mächtig, 
wie aus den Beschlüssen der Synode von Elvira um das J. 300 
hervorgeht. Endlich werden wir annehmen dürfen, dafi sie in 
der älteren Eaiserzeit in Italien — abgesehen von Rom und 
Süditalien, wo sie sehr verbreitet waren — nicht eben zahlreich 
gewesen sind (wenn auch einzelne Synagogen selbst in Oberitalien 
damals nicht fehlten). Es folgt da^ aus der Kulturgeschichte 
Italiens und wird durch die Tatsache bestätigt, daß alte jüdische 
Inschriften außerhalb Roms und Süditaliens selten bez. unsicher 
sind. „Die Juden gaben das erste Beispiel jener Art von Pa- 
triotismus, welche später die Parsen, die Armenier und bis zu 
einem gewissen Grade die neuem Griechen kundgeben sollten, 
eines außerordentlich energischen, aber nicht an einem bestimmten 
Boden haftenden Patriotismus, eines Patriotismus von überall ver- 
breiteten und überall sich als Brüder erkennenden Kaufleuten, 
eines Patriotismus, der sich nicht die Bildung großer kompakter 

cities and bishoprics of Phiygia** und „Historical Geography of Asia Minor'', 
sowie desselben Ao&atz im „Expositor' 1902 Jan.: .The Jews in the Graeco- 
Asiatic cities**. Wo in jenen Gegenden Inschriften in größerer Zahl gefunden 
worden sind, sind stets jüdische unter ihnen. Welche Bolle das jüdische 
Element in dem pisidischen Antiochien gespielt hat, zeigt Act. 13, s. beson- 
ders V. 44 und y. 50 (oi 'lovSaXbi noQcnQVvcaß tos oeßofUvag ywaCxa/s xag svox^' 
fAova/s xoX xovs stQcnovc r^ n6XioK). Aus dem Martyrium des Polycarp und 
des Pionius geht die Bedeutung des jüdischen Elements in Smyma hervor: 
das Straßenbild der Stadt war an jüdischen Feiertagen ein verändertes. 
„Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden ^einasiens zeugt u. a. 
der Versuch, den unter Augustus die jonischen Griechenst&dte, es scheint 
nach gemeinschaftlicher Verabredung, machten, ihre jüdischen Gemeinde- 
genossen entweder zum Rücktritt von ihrem Glauben oder zur vollen Über- 
nahme der bürgerlichen Lasten zu nötigen* (Mommsen, ROm. Gesch. V S.489f.). 

>) Man vgl. auch, was Epiphanius (haer. 80, 1) von einem Kult des 
„narroxQotmQ'* erzählt. 

') S. Monceaux, Lee colonies juives dans TAfriqne romaine (Rev. des 
ätndes juives, 1902). Leclerq, L*Afrique chr^tienne, 1904, 1 p. 36f. Jüdische 
Gemeinschaften sind nachgewiesen für Carthago, Naro, Hadrumetum, Utica, 
Hippo, Simittu, Volubilis, Cirta, Auzia, Sitifis, Caesarea, Tipasa, auch in 
Oea, usw. 

'} Daher kennt er auch allem Anschein nach keine Judenchristen aus 
eigener Anschauung. 

1* 



Digitized by 



Google 



4 Einleitung und Grundlegung. 

Staaten, sondern kleiner autonomer Qemeinwesen im Schöße an- 
derer Staaten zum 2iiel setzte" 

(3) ZiffermäBig läßt sich die Menge der Juden in der Dia- 
spora nur schlecht bestimmen. Was wir an Zahlangaben be- 
sitzen, ist folgendes: Von den Juden in Babylonien sagt Josephus, 
es seien ^nicht wenige Myriaden^, bez. ^unzählige Myriaden^ da- 
selbst^. Derselbe erzahlt', in Damascus seien zur Zeit des 
großen Krieges 10000 Juden niedergemetzelt worden; an einer 
anderen Stelle (in demselben Buch) schreibt er ^18000"*. Von 
den fOnf Stadtteilen Alexandriens hießen nach Philo' zwei „die 
jüdischen", weil sie größtenteils von Juden bewohnt waren; doch 
fanden sich Juden auch in anderen Stadtteilen.^ Philo schätzt 
ihre Gesamtzahl in Ägypten („bis an die Grenzen Äthiopiens") auf 
nicht weniger als 100 Myriaden = eine Million*. Bereits in der 
Zeit Sullas bildeten die Juden der Cyrenaica nach Strabo'^ eine 
der vier Klassen der Bevölkerung (neben Bürgern, Bauern und 
Metöken). In dem großen Aufstand unter Trajan sollen sie 
220000 Ungläubige daselbst hingeschlachtet haben ^; zur Rache 
wurden von Marcus Turbo „viele Myriaden" von ihnen getötet*. 
Die Juden -Revolution erstreckte sich auch auf Cypem; dort 
sollen 240000 Nicht- Juden von ihnen gemordet worden sein^®. 
In Bezug auf die Anzahl der Juden in Rom finden wir die An- 
gaben, daß im J. 4 vor Chr. 8000 römische Juden eine aus 
Palästina kommende Judendeputation verstärkt haben ^^, femer 
daß, als Tiberius die ganze Judenschaft aus Rom verwies (J. 19 
nach Chr.), 4000 waffenfähige Juden nach Sardinien deportiert 
worden seien. Die letztere Notiz ist deshalb besonders be- 
achtenswert, weil sie sowohl von Tacitus als auch von Josephus 
überliefert wird^*. Tiberius hat den Befehl nach dem Sturze 



^) Renan, „Die Apostel*, Deutsche Ausgabe S. 299. 

*) Antiq. XV, 3, 1 bez. XI, 5, 2. Nach Antiq. XII, 3, 4 hat Antiochus 
der Qroße 2000 Familien aus der Zahl dieser Juden in Phrygien und Lydien 
angesiedelt. 

•) BeU. Jud. II, 20, 2. — *) A. a. 0. VII, 8, 7. — ») In Place. 8. 

•) In Place. 6. — ') Bei Josephus, Antiq, XIV, 7, 2. 

•) Dio Cassius LXVIII, 32. — •) Euseb., h. e. IV, 2. 

^^ Dio Cassius 1. c. Ebenderselbe erzählt (LXIX, 14), in dem Barkochba- 
Aufstand seien 580000 Juden in Palästina gefiEÜlen. 

") Josephus, Antiq. XVn,ll,l; Bell. U, 6,1. 

^*) Eine Differenz ist aber insofern vorhanden, als Josephus (Antiq. 
XVIII, 3, 5) nur von Juden spricht, Tacitus (Annal. II, 85) aber schreibt: 
„Actum et de sacris Aegyptüs Judaicisque pellendis £actumque patrum con- 
sultum, ut quattuor milia libertini generis ea superstitione infecta, quis 
idonea aetas, in insulam Sardiniam veherentur, coercendis illic latrocinüs et, 
si ob gravitatem caeli interissent, vile damnum; ceteri cederent Italia, nisi 
certam ante diem profanes ritus exuissent.* Die Ausweisung wird auch von 



Digitized by 



Google 



Das Judentum, seine Verbreitung und Entschr&nkung. 5 

Sejans wieder zurückgenommen^, und die Juden wurden sofort 
wieder zahlreich in Rom^; aber unter Claudius im J. 49 wurde 
die Ausweisung erneuert, der Befehl jedoch bald zurückgezogen, 
da seine Durchführung bedenklich erschien, und auf ein Verbot 
der religiösen Versammlungen beschränkt^. In Rom wohnten 
die Juden besonders in Trastevere, aber auch in anderen Stadt- 
teilen waren sie zu finden, wie denn auch jüdische Kirchhöfe an 
sehr yerschiedenen Stellen in der Stadt aufgedeckt worden sind. 
Überblickt man diese Zahlangaben ^, so sind nur zwei von 
Bedeutung, nämlich erstlich die Philos, dafi die ägyptischen 
Juden nicht weniger als eine Million stark gewesen sind. Philos 
verhältnismäßig genaue Ausdrucksweise (ovx djtodiovoi ju^vgiddcov 
biociinf 61 lijv * AXe^dvögeiav xal rijv ;|rc6^v *Iovd(uoi xatoüeavyreg 
&n6 Tov TiQbg Aifim^v xaraßa^jiwv fJi^XQ^ ''^ öqUov Al&umlag), 
zusammengehalten mit der Tatsache der pünktlich geführten 
Steuerlisten in Ägypten, macht es wahrscheinlich, dafi wir es hier 
mit keiner phantastischen Zahl zu tun haben. Auch erscheint die 
Zahl selbst nicht zu hoch, wenn man bedenkt, dafi die ganze 
Judenschaft^ Alexandriens mit eingeschlossen ist. Da die Be- 
völkerung Ägyptens (z. Z. des Vespasian) 7 — 8 Millionen Seelen 
betragen hat, so wird die Judenschaft ein Siebentel oder ein 
Achtel (etwa H\) ausgemacht haben'. Nur far Syrien werden 



Sueton (Tiber. 86) berichtet: „Extemas caeremonias, Aegyptios Jndaicosqne 
ritos compescnit, coactis qni snperstitione ea tenebantur religioeas vestes 
com instrumento omni combnrere. Jadaeorom juventatem per speciem sacra- 
menti in provincias gravioris caeli distribuit, reliquos gentis ejusdem vel 
similia sectantes urbe summoTit, sub poena perpetnae servitutis nisi obtem- 
perassenf 

^) Philo, Legat. 24. — *) Dio Casa. LX, 6: nXswdaaamg aHig. 

') Die Qnellen widersprechen sich hier: Die Apostelgeschichte (18, 2), 
Sneton (Cland. 25) und Orosins (VII, 6, 15) — der letztere unter irrtümlicher 
Berufung auf Josephus, der über den Vorgang schweigt — sprechen von 
einem förmlichen (und durchgeführten) Ausweisungsbefehl, Dio Cassius aber 
(LX, 6) schreibt: tovs tb 'laviaüws jtUovdoayjoc al-^tg, <5<jt» ;i;aJU;r<o; S» ävav 
jagax^s ^^ro joC ^x^^ otp&r i^; nöXsoK slgx^rou, ovx i^ijXcufs lUv, r<p 6i dtf 
stojQiq^ ßltp xQO'>f*^i^ovs ixiXsvas fAtj awa&QoiCetr&at. Zwei so treffliche Zeugen 
wie Lucas und Sueton durch Cassius zu beseitigen, geht m. £. nicht an. 
Auch SchOrers Ausweg (III S. 82), eine bloß bisabsichtigte Ausweisung an- 
zunehmen, befriedigt noch nicht. Der Befehl muß wirklich ergangen, sehr 
bald aber, nachdem die Juden (Garantien gegeben hatten, durch das Ver- 
sammlungsverbot ersetzt worden sein. 

^) Eine Reihe von Zahlen, die Josephus sonst noch angibt, habe ich 
beiseite gelassen, da sie ganz unbrauchbar sind. 

•) VgL Mommsen, Rom. Gesch V S. 578. Pietschmann in Pauly- 
Wissowas Encjklop. I Col. 990 f. Bei och. Die Bevölkerung der griechisch- 
rümischen Welt S. 258 £, bezweifelt die Angabe des Josephus (Bell. II, 16, 4), 
die ägyptische Bevölkerung sei zur Zeit Neros T^x Millionen Seelen stark 



Digitized by 



Google 



6 Einleitimg nnd Grandlegnng. 

wir einen noch höheren Prozentsatz jüdischer Beyölkerung an- 
nehmen müssen^; in allen anderen Provinzen des römischen Reichs 
wird ihre Zahl geringer gewesen sein. 

Die zweite Stelle von Belang ist die Angabe, daß Tiberios 
4000 waffenfähige^ Juden nach Sardinien deportiert hat — Juden, 
nicht Juden und Ägypter, wie Tacitus sagt; denn das bestimmte 
Zeugnis des Josephus wird hier durch Sueton unterstützt (s. o.), 
der zuerst auch von Juden und Ägyptern spricht, dann aber 
spezialisierend hinzufugt: „ludaeorum iuventutem per speciem 
sacramenti in provincias gravioris caeli distribuit." Viertausend 
waffenfähige Männer entspricht einer Gesamtzahl von mindestens 
10000 Menschen^. So groß etwa war damals die Judenschaft 
in Rom. Diese Berechnung stimmt freilich schlecht zu der an- 
deren Nachricht, 23 Jahre früher hätten 8000 römische Juden 
eine palästinensische Deputation verstärkt. Josephus hat entweder 
die jüdische Kopfzahl hier eingesetzt, oder er hat sehr stark über- 
trieben. In Bezug auf die Bevölkerung der Stadt Rom zur Zeit 
des Augustus (5 vor Chr.) ist die Zahl von 320000 Plebejern 
männlichen Geschlechts über zehn Jahre die zuverlässigste Angabe. 
Diese Zahl fuhrt bei der notorischen Minorität der Frauen in Rom 
auf etwa 600000 Einwohner (ohne die Sklaven)'. Die etwa 
10000 Juden ^ repräsentierten also ihnen gegenüber etwa den 



gewesen, und will nur etwa 5 Millionen gelten lassen. Einen durchschlagenden 
Grand gegen Josephus hat er nicht angefahrt. Da er aber auch Philos 
Nachricht, die ägyptische Jadenschaft sei eine Million Seelen stark gewesen, 
für übertrieben hält, so wird auch er gegen die Annahme, die Judenschafb 
Ägyptens habe etwa 13% der OesamtbevÖlkernng betragen, nichts ein- 
wenden. Die Größe der Stadt Alezandrien schätzt Beloch (einschließlich 
der Sklaven) auf etwa eine halbe Million. Unter ihnen werden gegen 
200000 Jaden gewesen sein, da die Jadenschaft Alexandriens etwa zwei 
Fünftel der Bevölkerang betrag. 

*) Josephas, Bell. VII, 3, 3 : T6 'lovSaicw yhog xoXv fiiy xaxa näoav ripf 
ohcwfihnp^ noQianagtcu jois hiix<OQ(otg, nhXaxov Se xfj 2vqU^, Beloch (S. 242 ff., 
507) schätzt die Bevölkeruag Syriens z. Z. des Aagustas aaf etwa 6 Millionen, 
z. Z. des Nero aaf etwa 7 Millionen, die Antiochiens aaf nahe 300000 freie 
Einwohner (z. Z. des Augastos). Da der Prozentsatz der Jaden in Syrien (und 
speziell in Antiochien) grOßer war als der in Ägypten (etwa 13 •/©), so ist fllr 
Syrien z. Z. Neros sicher mehr als eine Million Jaden anzonehmen. 

*) Ich setze dabei voraus, daß, wie bei jeder eingewanderten Be- 
völkerung, die Zahl der Männer sehr viel größer gewesen ist als die der 
Frauen, rechne zu den 4000 waffenfähigen Männern noch 2000 Knaben und 
Greise männlichen Geschlechts und nehme ca. 4000 Personen weiblichen 
Geschlechts an. 

*) Vgl. Beloch S. 292 ff. Seine Zahl 500000 scheint mir zu niedrig 
gegriffen. 

*) Renan („Antichrist'', Deutsche Ausgabe S. 6) ist geneigt, die Zahl 
der römischen Juden mit Frauen und Kindern auf 20 — 30000 zu veranschlagen. 



Digitized by 



Google 



Das Judentum, seine Verbreitung und Entschränkung. 7 

60. Teil der Beydlkening^. Tiberius hat die Gewaltmaßregel, sie 
auszuweisen, noch gewagt; Claudius hat, dreißig Jahre später, 
das Experiment zu wiederholen versucht, aber nicht durchzuführen 
vermocht 

Daß die Judenschaft in Rom nach der Zeit der großen Auf- 
stände und Kriege unter Yespasian, Titus, Trajan und Hadrian 
noch erheblich gewachsen ist, ist schwerlich anzunehmen; denn 
in vielen Provinzen des Reichs waren die Juden dezimiert, und 
das mußte einen Rückschlag auf die Judenschaft in Rom ausüben. 
Bestimmtes ist jedoch nicht bekannt. 

Betrug die Judenschaft in Ägypten etwa eine Million^ in 
Syrien noch etwas mehr; rechnet man auf Palästina etwa 700000 
Juden — heute leben dort etwa 600[650]000 Menschen; s. Bä- 
deck er s Palästina, 1900 S. LVII — , so wird man jedenfalls 
nicht zu hoch greifen, wenn man die Juden in allen übrigen 
Gebieten (die kleinasiatischen, griechischen, die in der Cyrenaica, 
femer in Rom, Italien, Africa, Gallien und Spanien etc.) zusammen 
auf etwa anderthalb Millionen anschlägt. Es ergiebt sich also 
eine Gesamtsumme von etwa 4 — 4^2 Millionen Juden. Eine sehr 
aufTallende und auf den ersten Blick alle Bevölkerungsberech- 
nungen in Frage stellende Beobachtung ist es nun aber, daß — 
nach Bei och — die Bevölkerung im ganzen römischen Reich 
zur Zeit des Todes des Augustus etwa 54 Millionen betragen 
haben soll, und daß doch die Juden im Reich um diese Zeit nicht 
unter 4 — 4^/2 Millionen geschätzt werden können. Selbst wenn 
man die Bei och sehe Ziffer auf 60 Millionen erhöht, wie können 
die Juden 7^0 der ganzen Bevölkerung betragen haben? Ent- 
weder ist unsere Berechnung falsch — Irrtümer sind auf diesem 
Gebiete fast unvermeidlich — oder die Propaganda des Juden- 
tums ist in den Provinzen eine sehr starke gewesen; denn aus 
der Fruchtbarkeit der Juden allein erklärt sich die hohe Zahl 
der Diaspora-Juden schlechterdings nicht. Man wird wohl an- 
zunehmen haben, daß sehr zahlreiche „Heiden^, besonders stamm- 
verwandte Semiten niederen Standes scharenweise zur Religion 
Jahvehs übergegangen sind^. Die Juden der Diaspora waren 
nur teilweise wirkliche Juden. War aber das Judentum im Reich 
wirklich so stark, daß es etwa 7 ^/o der Bevölkerung zur Zeit des 



^) Mit den Peregrinen und Sklaven wird die Gesamtzahl auf etwa 
8^900000 zu veranschlagen sein (nach Beloch höchstens 800000). 

*) Seit dem Edikt des Pius, welches die Beschneidung von Nichljuden 
auÜB strengste verboten hatte (vgl. auch schon das Edikt Hadrians), müssen 
die förmlichen Übertritte aufgehört haben oder ganz selten geworden sein; 
cf. Orig. c. Geis. II, 13. 



Digitized by 



Google 



g Einleitong und Grundlegung. 

Augustus umfaßte S bo begreift man erst seinen großen Einfloß 
und seine soziale Bedeutung. Auch für das Verständnis der Pro- 
paganda und Ausbreitung des Christentums ist es wichtig zu 
wissen, daß die Religion, unter deren „umbraculum^ es in die 
Welt hinaustrat, nicht nur intensiv sehr bedeutend war, sondern 
auch extensiv einen beträchtlichen Bruchteil der Bevölkerung 
ausmachte. 

Unsere Übersicht wäre unvollständig, wenn wir nicht, sei es 
auch nur in aller Kürze, auf die Art der Propaganda des Juden- 
tums im Reich einen Blick würfen^; denn das Christentum hat 
seinen Missionseifer mindestens zum Teil von dem Judentum ge- 
erbt. Bei der Propaganda des Christentums werde ich überall, 
wo die Mittel, welche gebraucht wurden, von den Juden über- 
nommen sind, auf die jüdische Mission zurückkommen. Ich be- 
schränke mich hier daher auf einige allgemeine Bemerkungen. 

Daß eine Religion, welche eine so starke Scheidewand 
zwischen sich und allen anderen Religionen aufrichtete und in 
ihrer praktischen Darstellung und in ihren Verheißungen so innig 
mit dem Volkstum verbunden war, in der Diaspora einen so leb- 
haften Missionstrieb besessen' und so große Erfolge erzielt hat, 
ist erstaunlich. Letztlich ist dies doch nicht aus Herrschsucht 
und Ehrgeiz zu erklären, sondern ist ein Beweis, daß das 
Judentum als Religion durch äußere Einflüsse und 
innere Umbildung bereits entschränk t^, daß es ein Mittel- 
ding zwischen einer Volksreligion und einer Weltreligion (Kon- 
fession und Kirche) geworden war. Der Jude fühlte stolz, daß 
er der Welt etwas zu sagen habe und etwas bringen müsse, was 
die ganze Menschheit angehe — den einen geistigen Gott, 
Schöpfer Himmels und der Erde, und sein heiliges 
Sittengesetz — , und aus diesem Bewußtsein heraus (Rom. 2, 
19f.) empfand er die Missionsverpflichtung. Die jüdische Pro- 
paganda im Reich war primär die Verkündigung des 



^) Im deutschen Beich beträgt die Anzahl der Jaden zurzeit etwas mehr 
als l^/o der Bevölkerung, in Osterreich -Ungarn aber 4Vt%. 

*) Man vgl. hier die Darstellung Schürers, a. a. 0. III* S. 102 ff. 

*) Die Verpflichtung zur Mission imd die Hoffnung auf sie ist bereits 
in den ältesten jüdischen Sibyllinen ausgesprochen, und ^t die gesamte 
alexandrinisch -jüdische Literatur hat apologetisch -propagandistische Tendenz. 

^) Vgl Bousset, Die Religion des Judentums im neutestamentlichen 
Zeitalter, 1903. S. besonders die Abschnitte (S. 139—184): „Die Theologen, 
Die Kirche imd die Laien. Die Frauen, Bekenntnis (Dogma, Glaube), Die 
Synagoge als Heilsanstalt *", femer den großen, Abschnitt: »Der individuelle 
Glaube und die Theologie". Wird eine Yolksreligion zur Eonfession und 
Kirche, so tritt auch der individuelle Glaube und seine Spannung mit der 
Kirche auf. Ober die Propaganda in der Heidenwelt s. S. 77 ff. 



Digitized by 



Google 



Das Jadentam, seine Verbreitung und Entschränkung. 9 

einen Qottes, seines Sittengesetzes und seines Gerichts; 
alles übrige trat ihr gegenüber zurück. Mochte es auch in vielen 
Fällen auf bloßen Seelenfang abgesehen sein (Matth. 23, 15): es 
war dem Judentum doch Ernst damit, die stummen Götzen zu 
stürzen und die Heiden zur Anerkennung des Schöpfers und 
Richters zu bewegen; die Ehre des Gottes Israels war dabei 
beteiligt. 

Yon hier aus ist eine Erscheinung zu beurteilen, welche 
mißdeutet wird, wenn man sie aus scheinbaren Analogien er- 
klärt — die verschiedenen Stufen und Formen des jüdischen 
Proselytismus. In anderen Religionen stammen diese Differen- 
zierungen in der Regel aus dem Bestreben, den Proselyten die 
sittlichen Ansprüche, welche die Religion stellt, zu erleichtem. 
Dieser Grund ist hier nicht, jedenfalls nicht allein, maßgebend 
gewesen, vielmehr blieb die sittliche Forderung unverändert. 
Entscheidend war, daß man die kultischen und zeremoniellen 
Forderuiigen herabzusetzen vermochte, weil man die Aner- 
kennung Gottes und seines Buchs für die Hauptsache 
hielt. Die verschiedenen Arten des jüdischen Proselytismus 
ergaben sich fast ausschließlich aus dem verschiedenen Maße der 
Observation der gesetzlich-zeremoniellen Vorschriften. Erleichtert 
wurde freilich diese schöne Weitherzigkeit durch die Tatsache, 
daß Jude wurde, wer dieser Religion auch nur den kleinen Finger 
gab K Aber auch das kommt andererseits in Betracht, daß selbst 
der geborene Jude, sobald er den Boden Palästinas verlassen 
hatte, eigentlich nur ein Proselyt war; denn nicht nur der Opfer- 
kultus fiel fOr ihn fort, sondern auch viele andere Gebote konnten 
in der Fremde nicht oder doch nur sehr ungenügend beobachtet 
werden^. Mit der inneren Neutralisierung, der der Opferkultus 
im Judentum bereits seit Menschenaltem allmählich — auch bei 
den Pharisäem — verfiel, traf die historische Situation zusammen, 
daß die bei weitem größere Hälfte der Anhänger dieser Religion 
unter Bedingungen lebte, die sie dem Opferkultus längst entfremdet 
hatten. Dies machte sie dann in der ganzen Peripherie ihres 
geistigen Daseins f&r fremde Eultweisheit und Philosophien zu- 
gänglich, und so entstanden die griechisch-jüdischen und die 
persischen Mischformen, die freilich in einigen Erscheinimgen 
auch den Monotheismus in Frage stellten. Die Zerstörung des 
Tempels durch die Römer zerstörte in Wahrheit nichts; sie kann 



^) Und wurde er es nicht selbst, so wurde es der Sohn. 

<) Eine böse Scheidewand blieb freilich immer die Beschneidung. Die 
geborenen Juden legten auf diese doch noch in der Regel das höchste Ge- 
wicht, and die Heiden bequemten sich sehr ungern zu dieser Operation. 



Digitized by 



Google 



10 Einleitung und Grundlegung. 

wie ein organisches Ereignis in der Geschichte dieser Religion 
aufgefaßt werden. Die Frommen täuschten sich, wenn sie die 
Wege Qottes an diesem Punkte for unbegreiflich hielten. 

Im Reiche wußte man es längst nicht anders: die Juden 
haben eine bildlose Gottesyerehrung, und sie haben keine Tempel. 
Mochte beides (als Atheismus) der rohen Masse noch anstößiger 
und verächtlicher sein als die Beschneidung, das Sabbathgebot, 
das Verbot des Schweinefleisches u. s. w. — auf weite Kreise 
von Gebildeten machte es einen tiefen Eindruck^. Die jüdische 
Religion schien durch diese Züge, zusammen mit dem Monotheis- 
mus — für ihn begann die Zeit reif zu werden^ — , auf die Stufe 
der Philosophie erhoben, und da sie doch Religion zugleich 
war, stellte sie einen Typus geistig-geistlichen Lebens dar, der 
allen verwandten Erscheinungen überlegen war*. Es war im 
Grunde nicht künstliche Mache, wenn ein Philo und Josephus 
das Judentum als die philosophische Religion darstellten — 
diese Art Apologetik entsprach der Sache, wie sie empfunden 
werden mußte ^ — , und als die geoffenbarte und zugleich philo- 
sophische Religion, ausgestattet mit „dem ältesten Buch der 
Welt^, hat das Judentum seine große Propaganda entfaltet^. 



^) Die starre Exklusivität freilich in der Religion schreckte die Mehr- 
zahl ab und rief die ehrlichste EntrOstung hervor; denn solche Exklusivität 
war etwas ganz Paradoxes und mußte als hartnäckige Inhumanität und 
Frechheit empfunden werden. Der Antisemitismus tritt im römischen Reich 
schon seit ca. 100 vor Christus deutlich hervor, wächst stetig im ersten Jahr- 
hundert nach Christus und entladet sich in schrecklichen Verfolgungen. 

*) Reif wurde sie auch ftür den Gedanken einer individuellen Vergeltung 
im Jenseits als Exponent einer gesteigerten Wertung der individuellen Sitt- 
lichkeit und der Beurteilung des Individuums nach dieser. 

*) Die verwandten Erscheinungen sind vor allem die Schulen der idea- 
listischen Popularphilosophie, 8. Wendland, Philo und die stoisch-kynische 
Diatribe, 1895. 

*) Vgl. Friedländer, Gesch. der jüdischen Apologetik als Vorgeschichte 
des Christentums, 1908. In der Apologetik auf ihren Höhepunkten stellte 
sich die jüdische Religion als die idealistische Philosophie dar, ruhend auf 
Offenbarung (dem heiligen Buche), also als materialer ideologischer Rationalis- 
mus und formaler Suprarationalismus — die „befriedigendste** Religionsform, 
zumal der Gottesbegriff eine Lebendigkeit, Präzision und Sicherheit behielt, 
wie er sie in den verwandten Erscheinimgen nicht besaß, und die uralten 
«Weissagungen* in ihrer Überwältigenden Zahl und Bestimmtheit jeden Zweifel 
niederschlugen. 

*) „Als philosophische Religion zog das Judentum wohl einzelne Ge- 
bildete an, aber als religiöse und soziale Gemeinschaft mit eigentümlichem 
Leben die Volksmasse', wendet Axenfeld in der unten S. 15 zu nennenden 
Abhandlung ein (S. 34). Allein als religiöse Gemeinschaft mit eigentümlichem 
Leben machte sie eben einen philosophischen Eindruck — auch auf die Un- 
gebildeten. Übrigens stimme ich Axenfeld bei, daß die Propaganda nicht 



Digitized by 



Google 



Das Judentam, seine Verbreitung und E^tschränkung. H 

Was Josephus^ von den ZuBtanden in Antiochien erzählt: „Die 
Juden zogen dort fortwährend eine große Menge Oriechen zu 
ihren Gottesdiensten heran und machten sie in gewissem Sinn zu 
einem Bestandteil ihrer selbst** — gilt von der gesamten Mission 
des Judentums^. Die Zugehörigkeit zum Judentum seitens der 
Griechen und Romer durchlief alle möglichen Grade der Stärke, 
von der abergläubischen Aufiiahme einiger Riten an bis zur vollen 
Identität. „Gottesfurchtige ^ Heiden wurde die Mehrzahl, Pro- 
selysten, d. h. beschnittene Juden mit der Verpflichtung, das 
ganze Gesetz zu halten, gewiß verhältnismäßig nur wenige ^ 
Unerläßlicher als selbst die Beschneidung war för die Aufiiahme 
das Taufbad*. 

Alles dies ist fär die der jüdischen Mission nachfolgende 
christliche von höchstem Belang gewesen, aber mindestens ebenso 
belangreich für sie war die empfindliche Lücke, welche die 
jüdische Missionspredigt ließ: ein wahrer Sohn Abrahams kann 
doch der Nicht -Jude mindestens in der ersten Generation nicht 
werden, sein Rang vor Gott bleibt ein untergeordneter, und 
darum bleibt es auch zweifelhaft, in welchem Maße der Proselyt 
— von den „Gottesfürchtigen** nicht zu reden — an den herr- 
lichen Zukunftsverheißungen teilhaben wird. Die Religion, welche 
diese Lücke ausfüUen wird, wird die jüdische Mission aus dem 
Felde schlagen*. Und wenn sie vollends verkündigt, die Letzten 

der literarischen Tätigkeit einzelner jüdischer Hellenisten, sondern der Assimi- 
lationskrafb ihrer religiös lebendigen, ihre Überzeugung mit der Strenge des 
Lebens vertretenden, in der Gewinnung von Proselyten die Ehre Jahves, den 
eigenen Vorteil und eine Befriedigung nationalen Stolzes erkennenden Ge- 
meinden ihre Erfolge verdankt 

») Bell. Vn, 8, 3. 

*) Die Intensität der jüdischen Propaganda im Reiche im 1. Jahrhundert — 
,die Zeit, in welcher die christliche Predigt ihren Lauf begann, ist zugleich 
die Zeit, in welcher die jüdische Propaganda den Höhepunkt ihres Erfolgs 
erreicht hatte** — zeigt sich auch am {^dringen der jüdischen Woche und 
des Sabbaths in das Reich, s. Schürer, Die siebentägige Woche im Gebrauch 
der christlichen Kirche der ersten Jahrhunderte, in der Ztschr. för NTliche 
Wissensch. 1905 S. 4Q ff. Viele Heiden feierten den Sabbath, wie jetzt Juden 
den Sonntag feiern. 

*) Wie sehr die Proselyten mit den geborenen Juden verschmolzen, 
darüber s. Euseb., h. e. I, 7. 

*) Nicht zu vergessen ist, daß es auch in der Diaspora an Exklusivität 
und Fanatismus nicht gefehlt hat. Die erste Verfolgung der Christen ist 
von Synagogen der Diaspora-Juden in Jerusalem in Szene gesetzt worden, und 
der fanatische Saulus war Diaspora^ude und Pharisäer. 

*) Über die Abnahme und das Zurücktreten der jüdischen Mission im 
Reiche nach der zweiten Zerstörung des Tempels sind m. W. zuverlässige 
Untersuchungen noch nicht angestellt worden. Daß auch das Judentum der 
Diaspora spätestens seit dieser Zeit seine Verbindung mit dem Griechentum 



Digitized by 



Google 



12 Einleitung' und Grundlegung. 

werden die Ersten werden, wenn sie die Freiheit Yom ^Gesetz'' 
für das Normale und Höhere erklart, die Beobachtung des 
Zeremonialgesetzes aber — im günstigsten Fall — für das eben 
noch zu Diüdende, wird sie Tausende gewinnen, wo die frühere 
Missionspredigt nur Hunderte gewann^. Der Propaganda der 
jüdischen Religion kam aber nicht nur ihr höherer innerer Wert 
zu gut, sondern auch die großen sozialen und politischen Vorteile, 
welche das Bekenntnis zu derselben brachte. Man vergleiche, 
was Schürer (a. a. O. HI* 8. 56 — 90) über die innere Organi- 
sation der jüdischen Gemeinden in der Diaspora, femer über ihre 
staatsrechtliche Stellung und bürgerliche ^Gleichberechtigung'' aus- 
geführt hat', und man wird finden, wie vorteilhaft es im römischen 



lockert, um sie dann ganz au&ugeben — man vergleiche nur die Kette der 
der LXX folgenden griechischen Bibelübersetzungen und ihr Ende ~ daß 
die jüdisch-griechische Literatur plötzlich spärlich wird, um bald ganz auf- 
zuhören, scheint mir eine sichere Tatsache. Aber ob hier nur die äußere 
Zertrümmerung und innere Versteifung des Judentums in Betracht kommt — 
warum aber versteifen sie sich in ihrem Gesetz? — , oder ob auch andere 
Gründe, z. B. die wachsende Rivalität des Christentums, darüber wage ich 
kein Urteil. Über die Ablehnung des Griechentums seitens des palästinen- 
sischen Judentums schon vor der ersten Zersürung des Tempels s. unten S. 15. 

^) Eine bemerkenswerte weltgeschichtliche Parallele zu der Predigt 
des Paulus im Verhältnis zur Judenpredigt ist die Verkündigung Luthers (im 
Verhältnis zur katholischen Predigt), daß nicht der Mönch der wahrhaft 
Vollkommene sei, sondern der im tätigen Beruf lebende Christ. Auch Luther 
erklärte, daß die Letzten (die im Berufe Tätigen) die Ersten seien. -— Die 
im Texte gegebene Ausführung ist von Friedländer (Dr. Bloches Oesterr. 
Wochenschrift, Zentralorgan f. d. ges. Literessen des Judentums, 1902, 
Nr. 49 f.) besbitten worden: die Prosei jten seien den Vollblut- Juden ganz 
gleichwertig zur Seite getreten. Allein Friedländer selbst schränkt in der 
Ausföhrung diese liberale Stellung der Juden auf das Judentum der griechischen 
Diaspora ein, führt sie auf den Hellenismus zurück und belegt sie lediglich 
durch Philo (bez. noch durch Johannes der Täufer). La dieser Einschränkung 
— man beachte Übrigens dabei, daß Philo in der Regel sagt, der jüdische 
Geburtsadel nütze nichts, wenn man ein schlechter Mensch sei; der geborene 
Heide sei dem gegenüber viel besser — ist nichts gegen die These einzu- 
wenden. Ich selbst bin ja noch weiter gegangen: unzweifelhaft hat die im 
Judentum der Diaspora längst vor der Entstehung des Christentums geübte 
Allegorisierung des Ceremonialgesetzes die gesetzesfreie Kirche aus den 
Heiden direkt vorbereitet. Allein darum handelt es sich, (1) ob das strenge 
palästinensische Judentum in seinem Geburtsdünkel durch diese Erweichungen 
wesentlich betroffen worden ist, (2) ob es nicht auch auf das Judentum in 
der Diaspora fort und fort starken Einfluß geübt hat, (8) ob das Judentum 
in der Diaspora wirklich auf alle Prärogativen der Geburt verzichtet hat. 
Die beiden letzten Fragen muß ich verneinen (auch in Bezug auf Philo), 
die erste aber bejahen. 

*) Auch in der Diaspora stellten sich die jüdischen Gemeinwesen als 
kleine Staaten im Staate, bez. in der Stadt dar; man denke nur an die 
Civilgerichtsbarkeit, die sie ausübten, ja selbst in die Kriminalgerichtsbarkeit 



Digitized by 



Google 



Das Judentum, seine Verbreitung nnd Entschränkung. 13 

Reiche war, zu einer jüdischen Gemeinde zu gehören. Spott und 
GeringBchätzung hatte man als Jude unter Umstanden aUerdings 
zu ertragen, aber diese Unbill wurde wett gemacht durch die 
reichen Privilegien, die man als Anhänger dieser religio licita 
genoß. BesaB man dazu noch ein stadtisches Bürgerrecht — es 
war nicht schwer zu erlangen — oder gar das römische, so war 
man gesicherter und besser situiert, als die meisten anderen 
Reichsangehörigen. Kein Wunder daher, daß in Zeiten der Ver- 
folgung Christen zum Judentum abzufallen drohten \ und daß die 
Loslösung von den Synagogen auch wirtschaftlich tief in die 
Verhältnisse der geborenen Juden, die Christen wurden, eingriff*. 
Schließlich noch eine Beobachtung: alle auf den Wegen des 
Verkehrs und Handels importierten Religionen sind zunächst 
Städtereligionen und bleiben es eine geraume Zeit. Daß das 
Judentum in der Diaspora durchweg Städtereligion war, läßt sich 
nicht behaupten und ist auch für einige große Provinzen wider- 
legt, in der Hauptsache aber ist es Städtereligion geblieben: von 
Juden auf dem Lande wissen wir wenig. 

Solange der Tempel stand, bildete er und die Abgaben, die 
man an ihn entrichtete, ein Band, welches die Juden der Diaspora 
mit Palästina verband'. Später trat eine rabbinische Behörde an 
die Stelle des jerusalemischen Priesterkollegiums, und sie verstand 
es, die Abgaben weiter zu erheben und zu nützen. An der Spitze 
jener Behörde stand der Patriarch; eingesammelt wurden die 



griffen sie über. Für Palästina besitzen wir noch aus dem 3. Jahrhundert 
den Bericht des Origenes (ep. ad Afric. 14) über die Macht des Ethnarchen 
(= Patriarchen), die eine so große sei, «daß er sich in nichts von dem Könige 
nnterscheide" ; »es finden auch heimlich Gerichtsverhandlungen statt nach 
dem Gesetz, nnd manche werden zum Tode verurteilt, nicht mit Ermächti- 
gung, aber auch nicht so, daß es dem Herrscher verboigen wäre." Ähnliches 
wird auch sonst in der Diaspora geschehen sein. Die Zeit des Hadrian und 
Pius brachte zwar einen furchtbaren Rückschlag; aber später ist das früher 
Gewonnene teilweise wieder zurückerobert worden. 

*) Doch sind die Zeugnisse dafür nicht zahlreich. 

*) Durch ihre religiöse und nationale Eigenart sovrie durch die recht- 
liche Anerkennung, welche dieselbe im Reiche genoß, hoben sich die Juden 
aufiB kräftigste von allen Völkern, welche der römische Staat umschloß, ab. 
Dies tritt am schlagendsten darin hervor, daß sie sogar als «das zweite Ge- 
schlecht* bezeichnet worden sind. Wir werden unten nachweisen, daß die 
Christen deshalb das dritte Geschlecht genannt worden sind, weil die Juden 
als das zweite galten. 

*) Dazu kamen Boten und Briefe, die den Zusammenhang der jüdischen 
,Heidenkirche'' mit Jerusalem aufrecht erhielten; ein gutes Beispiel findet 
sich am Schluß der Apostelgeschichte. 



Digitized by 



Google 



14 Einleitung und Grundlegung. 

Gelder durch ^AposteP, welche er aussandte ^. Diese „Apostel^ 
scheinen aber auch noch andere Pflichten gehabt zu haben (s. dar- 
über später). 

Die christliche Mission verdankt der ihr vorangegangenen 
jüdischen erstens ein im ganzen Reiche bestelltes Feld, femer 
überall in den Städten schon formierte religiöse Gemeinden, weiter 
ein vorbereitetes ^Gehülfenmaterial^ (Axenfeld), die alttestament- 
liehen Vorkenntnisse, dazu ein katechetisches und liturgisches 
Material, welches mit wenigen Veränderungen benutzt werden 
konnte, femer die Gewöhnung an regelmäßige Gottesdienste und 
an eine Eontrolle des privaten Lebens, weiter eine eindmoksvolle 
Apologetik fär den Monotheismus, die historische Teleologie und 
die Ethik, endlich das Gefühl der Verpflichtung zur „Selbst- 
ausbreitung^. Das ist soviel, dafi man wohl sagen darf, die christ- 
liche Mission ist eine Fortsetzung der jüdischen Propaganda. ^Eine 
Generation von Fanatikem hat das Judentum seines Lohnes be- 
raubt und es verhindert, die Ernte, die es bereitet hatte, ein- 
zusammeln^ (Renan). 

Inwiefem andrerseits das Judentum fär das Evangelium vor- 
bereitet war, mag man an dem Synkretismus ermessen, zu dem 
es sich nicht nur auf Nebenlinien entwickelt hatte. Die Um- 
wandlung einer Volksreligion zu einer Weltreligion kann auf 
doppelte Weise geschehen: durch Reduktion auf grofie Haupt- 
punkte oder durch Aufiiahme einer FüUe neuer Elemente aus 
anderen Religionen. Beides ist im Judentum gleichzeitig ein- 
getreten^. Aber die wichtigste Vorbereitung ist die Reduktion, 
und sie ist vor allem jener großen Szene zu entnehmen, die uns 
Marcus (12, 28 — 34) aufbewahrt hat — das in seiner Eüifachheit 
größte religionsgeschichtliche Denkmal, welches wir aus der Zeit 
der Religionswende besitzen': 

„Ein Schriftgelehrter fragte Jesum: Welches ist das erste 
von allen Geboten? Jesus antwortete: Das erste ist: „Höre Israel, 

») Über den ^Patriarchen" s. Schürer IIP S.77f. Daß der ^Patriarch* 
sich auch persönlich in die Diaspora begeben hat, ist f&r Ägypten dorch 
Vopisc. Saturn. 8 bezeugt. — Über die , Apostel* s. Buch in Kapitel 1 sub 
Abschnitt 2. 

*) Über den „Synkretismus" s. vor allem das letzte Kapitel inBoussets 
Werk 8. 448 — 493. Der Synkretismus hat in der jüdischen Religion jeden 
ihrer älteren Bestandteile erweicht und eine Fülle ganz neuer Elemente ein- 
geführt. Aber der Anspruch, die allein wahre Religion zu sein, und die 
Überzeugung, in „Moses* alles zu besitzen, ist nicht erweicht worden. 

') Man vergleiche dazu als nächste Stufe die dem Paulus beigelegte 
Missionsrede auf dem Areopag. 



Digitized by 



Google 



Das Judentum, seine Verbreitung und Entschränkung. 15 

der Herr unser Gott ist ein einiger Gott, und du sollst lieben den 
Herrn deinen Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele und 
von ganzem Gemüt und mit aller deiner Eraft^; das zweite ist: 
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbsf*; ein größeres 
Gebot als dieses gibt es nicht. Und es sprach zu ihm der Schrift- 
gelehrte: So isfs, o Lehrer; richtig hast du gesagt, dafi Er ein 
einiger ist und kein anderer außer ihm, und das ihn Lieben von 
ganzem Herzen und mit ganzem Sinn und mit ganzer Kraft und 
das Lieben des Nächsten wie sich selber ist viel mehr wert als 
alle Ganz- und Schlachtopfer. Und Jesus, da er sähe, daß er 
verständig geantwortet hatte, sprach zu ihm: Du bist nicht weit 
vom Reiche Gottes." 

Zusatz: Was die Stellung des palästinensischen Juden- 
tums zimi Missionsgedanken (Universalismus und Pflicht syste- 
matischer Propaganda) betrifft, so liegen die Dinge im Zeitalter 
Christi und der Apostel so, daß man Pro und Contra zu plädieren 
vermag (s. Bertholet, die Stellung der Israeliten und Juden zu 
den Fremden, 1896; Schürer, a.a.O. EEI S. 125ff.; Bousset, 
a. a. O. S. 82 ff.; Axenfeld, die jüdische Propaganda als Vor- 
läuferin der urchristlichen Mission in den „Missionswiss. Studien^, 
Festschrift f. War neck, 1904, S. 1—80). Vor jener Epoche 
lagen nämlich zwei in ihren Tendenzen grundverschiedene Zeit- 
alter. Das ältere, auf Deutero-Jesaias fußende brachte den 
Universalismus der jüdischen Religion und eine fast bis zur Huma- 
nität gesteigerte religiöse Ethik auch in Palästina stark zum Aus- 
druck. Es spiegelt sich in zahlreichen Psalmen, im Jonasbuch 
und in der Spruchweisheit. Die Frommen sind sich bewußt, daß 
Jahveh über die Völker und über alle Menschenkinder herrscht, 
daß er der Gott jedes Einzelnen ist und daß er nichts anderes 
als Gottesftircht verlangt. Eben deshalb hoffen sie auf die end- 
gültige Bekehrung aller Heiden, fordern Völker und Könige auf, 
sich vor Jahveh niederzuwerfen und ihn zu loben, und verlangen, 
daß Jahvehs Name überall in der Heidenwelt verkündigt und seine 
Herrschaft (im Sinne der Bekehrung zu ihm) ausgebreitet werde. 
Aber mit der Zeit der Maccabäer setzt die Tendenz auf Absperrung 
ein. Die Apokalyptik richtet ihr Auge stärker auf die Unter- 
werfung der Heidenvölker als auf ihre Bekehrung; die exklusiven 
Tendenzen beginnen wieder deutlicher (zimi Schutze der Eigenart 
des Volkes) hervorzutreten. „Es ist eine der wichtigsten Folgen 
der Gewalttat des Antiochus, daß seitdem eine bedingungslose 
Entschränkung des Judentums für alle Zeit diskreditiert und ein 
Philhellenentum im Sinne des Jason und Alcimus für Heimat 
wie Diaspora unmöglich ist oder wenigstens, falls es sich zeigen 
will, scharfe Korrektur erfährt" (Axenfeld, S. 28). Nun wogen 



Digitized by 



Google 



16 Einleitung und Grundlegung. 

im Zeitalter Christi und der Apostel die vorwärtstreibenden Kräfte 
und die nationalen, retardierenden durcheinander. Selbst der 
Pharisäismus erscheint gespalten. In einigen Psalmen und Lehr- 
büchern sowie in der 13. Beracha des Schmone Esre tritt der 
Universalismus noch bestimmt hervor, und „der berühmteste Träger 
der jüdischen Schriftgelehrsamkeit, Hillel, und seine Schüler haben 
die Propaganda ganz besonders gepflegt. „Liebe die Geschöpfe 
und leite sie zum G-esetz^, ist einer der von ihm überlieferten 
Eemsprüche (Pirke Aboth I, 12).*' Auch Gttmaliel, der Lehrer 
des Paulus, ist auf die Seite der Propagandisten zu stellen. Es 
war übrigens nicht unmöglich, exklusiv und propagandistisch zu- 
gleich zu sein: man verschärfte die Bedingungen der Mission bis 
zur Zumutung, das ganze Gesetz zu halten. Lrre ich nicht, so 
stand Jesus vornehmlich dieser Art Pharisäismus in Jerusalem 
gegenüber. Je mehr sich nun in Palästina der Gegensatz zu der 
Fremdherrschaft zuspitzte und die große Katastrophe näher kam, 
desto mehr wuchs die Abneigung gegen Alles, was fremd war, 
und die Vorstellung, dafi alles Nicht-Jüdische im Gericht unter- 
gehen werde. Wahrscheinlich kurz vor der Zerstörung des Tempels 
endete die Kontroverse zwischen den Schulen Hillels und Schanmiais 
auf einem vollen Siege des letzteren, der zwar kein prinzipieller 
Gegner der Mission war, sie aber unter die härtesten Bedingungen 
stellte. Die 18 Maßregeln, die angenonmien wurden, enthielten 
u. a. die Verbote, das Griechische zu erlernen und Gaben für den 
Tempel von Heiden anzunehmen. Der Verkehr mit den Heiden 
wiirde unter die schärfsten Gesetze gestellt und sollte überhaupt 
aufhören. Damit ist das Judentum der Mischna und des Talmud 
vorbereitet. Das Judentum der Diaspora folgte dieser Entwicklung, 
wenn auch nicht sofort. 



^) Sehr richtig bemerkt Axenfeld (a.a.O. S. 8f.): „Aus der stetigen 
Spannung zwischen dem Anspruch auf Anschluß der Heiden und der Angst 
vor ihm erklärt sich die Geschichte der jttdischen Propaganda. Es gleicht 
das propagandatreibende Judentum einer Eroberungsarmee, deren Offensive 
durch die Rücksicht auf die Verbindung mit der Operationsbasis beständig 
gehemmt wird." Aber eine künstliche, theologische Reflexion scheint es mir 
zu sein, wenn derselbe Gelehrte den höchsten Wert darauf legt, daß die 
jadische Propaganda kein „Sendungsbewußtsein" gehabt habe, sondern — 
im Unterschied von der christlichen — lediglich in dem Bewußtsein eigener 
religiösen Überlegenheit, ohne Demut und ohne Gehorsam, im Eifer ihren 
Gott verkündigt habe. Vergeblich habe ich mich bemüht, dieser These, die 
letztlich der Verteidigung der Historizität von Matth. 28, 19 dient, auch nur 
eine particula veri abzugewinnen. Daß dem christlichen Missionseifer später 
der Glaube an einen direkten Befehl Jesu besonderen Nachdruck geben 
mußte, ist natürlich nicht zweifelhaft. 



Digitized by 



Google 



Äußere Bedingnugen f. d. univ. Aasbreitnng d. christl. Religion. 17 

Zweites Kapitel. 

Auflere Bedingungen ffir die universale Ausbreitung 
der christlichen Religion. 

Nur gleichsam in Überschriften möchte ich angeben, welche 
äußere Bedingungen die schnelle und weite Ausbreitung der christ- 
lichen Religion in der Eaiserzeit ermöglicht oder befördert haben. 
Eine der wichtigsten ist im vorigen Abschnitt bereits genannt, 
die Ausbreitung des Judentums, welche der des Christentums 
vorangegangen ist und ihr den Weg bereitet hat. Neben ihr 
kommen vor allem folgende Momente in Betracht^: 

(1) Die seit den Tagen Alexanders des Großen erfolgte und 
sich immer noch fortsetzende Hellenisierung des Orients und 
z. T. auch des Occidents, bezw. die relative Einheitlichkeit 
in Bezug auf Sprache und Anschauungen, welche durch sie 
geschaffen wurde. Diese fortschreitende Hellenisierung scheint sich 
erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung er- 
schöpft zu haben ^, erlebte aber im 4. Jahrhundert durch die Ver- 
legung der Residenz des Reichs in den Osten auf wichtigen Linien 
noch eine nachträgliche Verstärkung. Da sich das Christentum 
sehr schnell mit der Sprache und dem Geist des Hellenismus, 
wenn auch nicht vollständig, zusammenschloß, so konnte es einen 
nicht geringen Teil der Erfolge desselben für sich benutzen. Als 

^) Die Zahl der Werke, aus denen man hier Belehrung schöpfen kann, 
ist Legion. Eines der neuesten ist Gruppe, Kulturgeschichte der römischen 
Kaiserzeit, 2 Bde, 1908. 1904. 

*) Untersuchungen darüber, wann in Rom und im Westen die Fort- 
schritte des Hellenismus, vor allem der griechischen Sprache, abnehmen und 
aufhören, sind mir nicht bekannt. Nach meiner beschränkten Kenntnis der 
Dinge wflrde ich das Ende des zweiten Jahrhunderts als Grenze setzen. Noch 
Marc Aurel hat seine Bekenntnisse griechistih geschrieben. Ähnlich Sym- 
ptomatisches wird man später nicht mehr finden. Die sinkende Bildung, aber 
wohl auch die Natur der Dinge — die sich verbreitende Flutwelle wird 
immer seichter — , hat dem Griechischen im Abendland ein Ziel gesetzt. 
Im dritten Jahrhundert f%ngt Bom an, das Griechische auszuscheiden; im 
Laufe des vierten Jahrhunderts wird es wieder eine rein lateinische Stadt. 
Was von Rom gilt, gilt auch von den Provinzen des Westens, sofern sie das 
griechische Element angenommen hatten, selbst von Süditalien und Gallien, 
obgleich hier der Prozeß länger dauerte. Im zweiten Jahrhundert hat man 
sidb wahrscheinlich noch in jeder größeren Stadt des Westens mit Hülfe des 
Griechischen verständlich machen können; im dritten Jahrhundert wird der 
Fremdling, der nicht Latein verstand, dort bereits manchmal, wenn auch 
selten, at^ Schwierigkeiten gestoßen sein, im vierten konnte der im Westen 
Reisende des Lateins gewiß nicht mehr entraten: nur in Südgallien und Unter- 
italien genüg^te sein Griechisch. 

H am ack, Mission. 8. Aufl. 2 



Digitized by 



Google 



lg Einleitung und Grundlegung. 

Dank dafür hat es an seinem Teile die Portschritte des Hellenis- 
mus befördert und seinen Rückzug aufgehalten. 

(2) Die römische Weltmonarchie und die in ihr voll- 
zogene politische Einheit der Völker an den Küsten des Mittel- 
meeres; die in dem Weltstaat vollzogene relative Einheitlichkeit 
der äußeren Lebens-Ordnungen und -Bedingungen, imd die relative 
Sicherheit des gemeinschaftlichen Lebens. In vielen Provinzen 
des Orients empfand man nach entsetzlichen Stürmen und Kriegen 
den Kaiser wirklich als den Frieden und begrüßte sein Gesetz 
als Schutz und Schirm^. Die Tatsache der irdischen Welt- 
monarchie mit ihrem Kaiser-Gott beforderte aber auch die Vor- 
stellung von der urbildlichen himmlischen Monarchie und 
schuf zugleich die Bedingimg für die Entstehung einer katho- 
lischen d. h. universalen Kirche. 

(3) Der außerordentlich erleichterte, gesteigerte und gesicherte 
Weltverkehr^, die vorzüglichen Straßen, die Bevölkerungs- 
mischung', der Austausch der Güter und Ideen, der persönliche 
Austausch, der allgegenwärtige Kaufmann und der allgegenwärtige 
Soldat, man darf hinzufügen der allgegenwärtige Professor, der 
in Antiochia wie in Cadhc, in Alexandria wie in Bordeaux zu 
finden war. Die Kirche fand also die Wege für die Verbreitung 



^) Origenes (c. Geis. II, 80) hat nach dem Vorgang des Melito die Be- 
deutung dieses Tatbestandes f&r die Mission richtig beurteilt; ,In Jesu 
Tagen ging die Gerechtigkeit aaf und die Fülle des Friedens; sie begann 
mit seiner Geburt. Gott bereitete die Völker auf seine Lehre vor und 
machte, daß der römische Kaiser die ganze Welt beherrschte ; es sollte nicht 
mehrere Reiche geben, sonst wären ja die Völker einander fremd geblieben 
und der Vollzug des Auftrags Jesu: „Gehet hin und lehret alle Völker **, den 
er den Aposteln gab, schwieriger gewesen. Es ist bekannt , das die Geburt 
Jesu unter der R^erung des Augustas erfolgte, der die meisten Völker zu 
einem einzigen Reich zusammengebracht und vereinigt hatte. Das Vorhanden- 
sein mehrerer Reiche wäre fQr die Verbreitung der Lehre Jesu über die 
ganze Erde hinderlich gewesen, nicht bloß wegen der bereits genannten Ur- 
sachen, sondern auch deshalb, weil die Völker dann gezwungen gewesen 
wären, Krieg zu führen und das Vaterland zu verteidigen. . . . Wie hätte da 
diese friedliche Lehre, die nicht einmal gestattet, an seinen Feinden Ver- 
geltung zu üben, durchdringen und Annahme finden können, wenn nicht bei 
der Ankunft Jesu die weltlichen Verhältnisse allerorts eine ruhigere Gestaltung 
erhalten hätten?" 

*) Vgl Stephan in Raumers Histor. Taschenbuch 1868 S. 1 ff. Zahn, 
Weltverkehr und Kirche während der drei ersten Jahrhunderte (1877). Die 
Tatsache, das nach einer Grabinschrift ein phrygbcher Kaufmann die Reise 
nach Rom zweiundsiebzigmal gemacht hat, verdient immer wieder genannt 
zu werden. 

') Wo nur immer Inschriften die Namen einer größeren Menge bieten 
und dabei die Herkunft verzeichnen — Soldaten, Pagen, Märtyrer usw. — , 
erregt die Völkermischung Erstaunen. 



Digitized by 



Google 



Äußere Bedingungen £ cL univ. Ausbreitung d. christl. Religion. 19 

geebnet, die Mittel parat und die Bevölkerung in den großen 
Städten so bunt und geBchichtlos, wie sie sie brauchte. 

(4) Die durch die Tatsache des orbis Romanus einerseits, 
durch die philosophische Entwickelung andererseits erzeugte oder 
doch verstärkte praktische und theoretische Überzeugung von 
der wesentlichen Einheit des Menschengeschlechts, den 
Menschenrechten und Menschenpflichten, welche durch die wahr- 
haft erleuchtete römische Gesetzgebung — besonders in der Zeit 
von Nerva bis Alexander Severus — befestigt wurde. Die größte 
und dauerhafteste Hervorbringung des Kaiserreichs, das römische 
Recht, brauchte in wesentlichen Punkten von der Kirche nicht 
negiert zu werden, sondern wurde vielmehr von ihr bejaht^. 

(5) Die Dekomposition und Demokratisierung der 
alten Gesellschaft, der allmähliche Ausgleich zwischen den 
cives Romani und den Provinzialen, den Griechen und den Bar- 
baren, der relative Ausgleich der Stände, die Hebung des Sklaven- 
standes — also ein durch Zersetzung fär Neubildungen bereiteter 
Boden. 

(6) Die römische Religionspolitik, welche durch ihre 
Toleranz den Austausch der Religionen beforderte und ihrer 
natürlichen Geschichte — Wachstum, Umbildung oder Absterben — 
Schwierigkeiten kaum bereitete, wenn sie auch die tatsächliche 
Verachtung der Zeremonien des Staatskultus nicht duldete. Das 
schwere Hemmnis, welches die Aufrechterhaltung des Staatskultus 
der Ausbreitung der christlichen Religion in den Weg legte, wurde 
durch die Freiheit, welche die Religionspolitik sonst gewährte, 
reichlich aufgewogen. 

(7) Das Vereinswesen, sowie auch die kommunalen und 
provinzialen Organisationen. Jenes hat in mancher Hinsicht 
den Boden fär die Aufnahme des Christentums bereiten helfen 



^) Hier (zu Punkt 1 — 4) möge die berühmte ZusammenfaBBiing Renan s 
stehen („Die Apostel", Deutsche Ausgabe S. 296£): «Die Eioheit des Reichs 
war notwendige Vorbedingung jedes umfE^senden Proselytismus, welcher sich 
über die Schranken der Nationalität erheben wollte. Im 4. Jahrhundert ward 
das Reich sich dessen bewußt; es wurde christlich; es erkannte im Christen- 
tum die Religion, die es wider seinen Wülen großgezogen, die Religion, deren 
Grenzen durch die seinigen bestimmt wurden, die Eins mit ihm war und 
ffthig, ihm ein zweites Leben zu verschaffen. Die Kirche ihrerseits gestaltete 
sich zu einer durchaus römischen und ist bis auf unsere Tage gleichsam ein 
Überrest des alten Rümerreichs geblieben. Hätte man zu Paulus gesagt, 
Claudius sei sein wirksamster Mitarbeiter, und hätte man zu Claudius gesagt, 
dieser von Antiochia aufbrechende Jude schicke sich an, den Grund zu dem 
dauerhaftesten Teil des kaiserlichen Gebäudes zu legen, der eine wie der 
andere würde im höchsten Grad erstaunt gewesen sein. Und doch hätte 
man damit die Wahrheit gesagt." 



2* 



Digitized by 



Google 



20 Emleitung tmd Grtmdlegung. 

und hat in einigen Fällen vielleicht als Schutz für dasselbe ge- 
dient; diese sind für die wichtigsten kirchlichen Organisationen 
geradezu Torbildlich geworden und haben den Gemeinden die 
schwere Arbeit, sich Organisationen erst erdenken und sie emp- 
fehlen zu müssen, erspart 

(8) Das Eindringen der syrischen und persischen 
Religionen in das Reich, namentiich von der Zeit des Pius an, 
Religionen, die gewisse Züge mit dem Christentum gemeinsam 
hatten. Was sie der Kirche an Zuwachs zunächst entzogen, er- 
setzten sie reichlich durch die neuen religiösen Bedürfhisse, die 
sie in den Gemütern erzeugten, Bedürfnisse, deren Befriedigung 
letzlich der Rezeption des Christentums zugute kommen mußte. 

(9) Der durch die Demokratisierung der Gesellschaft und 
die gleichzeitige Popularisierung der Wissenschaft sowie durch 
unbekannte Gründe eingetretene Verfall der exakten Wis- 
senschaften und das steigende Ansehen einer nach Offen- 
barungen suchenden und Wunder begehrenden, mysti- 
schen Religionsphilosophie. 

Alle diese äußeren Bedingungen zusammen — die letzteren 
beiden können bereits zu den inneren gerechnet werden — haben 
einen großen Umschwung in dem ganzen Dasein der Menschen 
in der Kaiserzeit herbeigeführt, einen Umschwung, der der Aus- 
breitung der chrisüichen Religion sehr forderlich sein mußte. Die 
enge Welt war weit, die gespaltene einheitlich, die barbarische 
griechisch und römisch geworden. Ein Imperium, eine Welt- 
sprache, eine Kultur, eine gemeinsame Entwickelung zum Mono- 
theismus und eine gemeinsame Sehnsucht nach Heilanden^! 



^) Sehr richtig sagt Uhlhorn, Die christliche Liebestfttigkeit in der 
alten Kirche (1882) S. 37: „Seit der Kaiserzeit machte sich eine andere 
Strömung bemerkbar. Man versteht die ersten Jahrhunderte der christlichen 
Kirche nicht, man versteht namentlich ihre schnelle Ausbreitung nicht, und 
daß sie verhältnismäßig schnell zum Siege kam, wenn man diese Strömung 
nicht beachtet. . . . Wäre die von Christo ausgehende neue Lebensströmung 
mit dem noch ganz ungebrochenen antiken Leben zusammengetroffen, so 
würde sie an diesem Felsen wirkungslos zurückgeprallt sein. Nun ist aber 
das antike Leben schon in der Zerbröckelung begriffen, die starren Grund- 
sätze desselben fiangen schon an, sich zu erweichen, ja es kommt der christ- 
lichen Strömung schon eine ihr verwandte im Judentum entgegen. Im römi- 
schen Reiche hat sich ein der antiken Welt unbekannter Universalismus 
angebahnt, die Nationalitäten sind aufgerieben, das allgemeine Menschentum 
ringt sich aus der Hülle der Nationalität los; den Stöbern ist der Gedanke 
aufgegangen, daß alle Menschen gleich sind, sie reden von Brüderlichkeit 
und den Pflichten des Menschen gegen andere Menschen. Die bis dahin 
ganz verachteten niederen Stände gewinnen Raum. Die Behandlung der 
Sklaven wird milder. Hat sie Cato zu den Ochsen auf die Streu verwiesen, 
so sieht Plinius in ihnen seine „dienenden Freunde". Der Handwerkerstand 



Digitized by 



Google 



Innere Bedingungen f. d. univ. Ausbreitung d. christl. Religion. 2 t 



Drittes Kapitel. 

Innere Bedingungen ffir die universale Ausbreitung der 
christlichen Religion (der religiöse Synkretismus). 

Eine Reihe wichtiger innerer Bedingungen für die universale 
Ausbreitung der christlichen Religion wird in späteren Abschnitten 
zur Sprache kommen: daß das Christentum Predigt für die Armen, 
für die Beladenen, für die Ausgestofienen war, daß es Liebe 
predigte und Liebe übte, das verwandelte felsiges und dürres 
Erdreich in fruchtbares Ackerfeld für die Kirche. Wo keine 
andere Religion säen und ernten konnte, da vermochte diese 
Religion ihren Samen zu streuen und Frucht zu schaffen. 

Die entscheidendste Vorbedingung aber für die Propaganda 
der Religion lag in den religiösen Gesamtzuständen der Eaiser- 
zeit. Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, Bilder von 
diesen Zuständen zu entwerfen. Man kann auch nicht auf ein 
klassisches Werk verweisen, welches der ungeheueren Aufgabe 
wirklich gerecht geworden ist, so ausgezeichnete Untersuchungen 
und Schilderungen wir besitzen. Ich erinnere an die Werke von 
Tzchirner, Friedländer, Boissier, R6ville und Wissowa^ 
Unter solchen Umständen müssen wir uns begnügen, einige An- 
deutungen in Bezug auf zwei Hauptlinien zu geben. 

(1) Trotz der inneren Entwickelung des Polytheismus zum 
Monotheismus bezeichnet der Gegensatz zwischen beiden das Ver- 
hältnis von Christentum und Heidentum, und zwar kommt der 
Polytheismus in erster Linie als politische Religion (Eaiserkultus) 
in Betracht. Von hier aus sind Christentum und Heidentum 
einfach Antipoden: jenes verbrennt, was dieses anbetet, und dieses 
verbrennt die Christen als Hochverräter. Di^ christlichen Apolo- 
geten und Märtyrer haben ganz recht, wenn sie häufig in ihren 
Reden alles auf diesen einfachen Gegensatz zurückführen und von 
anderem schweigen. 



hebt sich, die Freigelassenen arbeiten sich empor. Die Kollegien bieten 
ihnen nicht bloß eine Stätte geselligen Lebens, sondern auch eine Förderung 
ihrer sozialen Stellung. Die Frauen, bisher rechtlos, bekommen in wach- 
sendem Maße Rechte. Man nimmt sich der Kinder an. Die anfangs rein 
politische Institution der Getreidespenden wird zu einer Art Armenpflege. 
Immer häufiger begegnen uns Akte der Liberalität, Schenkungen, Stiftungen, 
die schon mehr humanen Charakter tragen* usw. 

^) Vgl. auch den Abriß der Geschichte der griechischen Religion von 
Wilamowitz-Moellendorff (Jahrb. des Freien deutschen Hochstifts, 1904). 



Digitized by 



Google 



22 Einleitusg und Grnndlegang. 



« 



Das Judentum teilte mit dem Christentum diese Stellung zum 
Polytheismus, aber (1) es war eine nationale Religion, und 
daher wurde sein Monotheismus in weiten Kreisen gar nicht ver- 
standen und somit geduldet, (2) es vermied in der Regel den 
Konflikt mit der Staatsgewalt und verpflichtete nicht zimi Mar- 
tyrium. Die Bedingung, man müsse Jude werden, um Monotheist 
zu sein, war ja auch unverstandig; sie setzte den Schöpfer Himmels 
und der Erde zu einem Nationalgott herab. War er aber ein 
Nationalgott, so war er nicht der einzige. Man munkelte wohl 
auch im Reiche vom jüdischen Atheismus, weil die Bilder fehlten; 
aber rechten Ernst hat man mit diesem Vorwurf hier nicht 
gemacht oder vielmehr, man schwankte in der Beurteilung hin 
und her, und die politische Konsequenz dieses Schwankens war: 
in dubio pro reo. 

Anders stand es mit dem Christentum; die Göttergläubigen 
konnten hier nicht zweifelhaft sein: verlassen von der Unterlage 
einer Nation und eines Staates, ohne Bilder und ohne Tempel, 
war es Atheismus. Der Gegensatz zwischen Polytheismus und 
Monotheismus war hier reinlich und schroff. Der Kampf zwischen 
den beiden Religionsformen ist seit dem zweiten Jahrhundert 
vom Christentum und nicht vom Judentum gefuhrt worden. Jenes 
war aggressiv; dieses hat im Grunde überhaupt nicht mehr ge- 
kämpft, sondern es hat Proselyten gefangen. 

Aber der Kampf war von Anfang an kein aussichtsloser. 
Zwar war der Polytheismus des Staatskultus längst noch nicht 
entwurzelt, als das Christentum auf den Plan trat^; aber es 
waren Mächte genug vorhanden, die bereits an seinem Sturze 
arbeiteten. Die kritische Epoche, da sich die Republik in die 
Dyarchie und Monarchie verwandelte, hat er noch überstanden, 
aber die Fülle der neu auf ihn eindringenden und ihn zersetzenden 
Religionen hat er mit dem Zauberstab des Kaiserkults nicht un- 
schädlich machen, mit dem Strahle des alles durchdringenden, 
proteusartigen Sonnenkults nicht zerteilen können. Doch — es 
wäre ihm wohl noch ein langes Leben beschieden gewesen, wären 
die Welterkenntnis, die Philosophie, die Ethik nicht seine offenen 
oder geheimen Gegner geworden, und wäre er nicht mit Mytho- 
logien von lächerlicher und empörender Rückständigkeit belastet 
gewesen. Staatsmänner, Dichter und Philosophen konnten sich 
darüber hinwegsetzen — jede dieser Gruppen fand einen Weg, 
auf dem sie den Kontakt mit der Vergangenheit zu wahren ver- 
mochte — , aber das „Volk", einmal aufmerksam geworden oder 



^) Selbst erfolgreiche RestanratioDen haben nicht gefehlt; s. die An- 
deutungen sab 2) in diesem Abschnitt. 



Digitized by 



Google 



Innere Bedingungen f. d. univ. Ausbreitnng d. christl. Religion. 23 

aufmerksam gemacht, zieht in solchen Fällen die rücksichtslose 
Eonsequenz. Für weite Kreise ist der Kampf gegen die befiederten 
und beschuppten, die ehebrecherischen und mit Lastern behafteten 
Gottheiten und wiederum gegen die Götzen von Holz und Stein 
der eindrucksvollste und wirksamste Bestandteil in der christlichen 
Predigt gewesen. Weite Kreise bis in die unteren Volks- 
schichten hinein — ja hier sind sie hauptsächlich zu suchen — 
waren durch innere und äußere Erfahrungen eben jetzt so weit, 
daß die flammenden Worte gegen den Greul des Götzendienstes 
sie packen und zum Monotheismus fuhren mußten. Die Lage, in 
der sich der Polytheismus als Staatsreligion befand, war der 
Propaganda des Christentums günstig. Religion stand gegen 
Religion, aber die eine war neu und lebendig, die andere war 
— abgesehen von dem Kaiserkult, in welchem sie noch einmal 
ihre ganze Stärke zusammenfaßte — alt, und niemand vermochte 
zu sagen, was eigentlich aus ihr geworden war. War sie nichts 
als politische Legalität, oder war sie die vielfach verschlungene, 
unübersehbare Menge der religiones licitae im Reiche? 

(2) Doch hiermit ist nur die eine Seite der Sache berührt. 
Die religiösen Zustände, Strebungen und Bildungen waren in der 
Kaiserzeit kompliziert. So wichtig die einfachen Gegensätze 
^Monotheismus gegen Polytheismus^, „strenge Sittlichkeit gegen 
Laxheit und Laster^ waren, so unmöglich ist es doch, die innere 
Lage mit diesen Gegensätzen zu umspannen. Weder ist der Zustand 
im Reiche durch das Wort „Polytheismus** genügend bezeichnet, 
noch ist das Christentum, wie es verkündigt wurde, Monotheismus 
schlechthin, noch standen sich Tugend und Laster einfach gegen- 
über. Wir müssen hier etwas ausholen. 

Wer den Prinzipat des Lmenlebens über der äußeren Empirie 
und über dem Staatlichen für Illusion und Verderbnis hält, muß die 
Zersetzung der Antike bereits von Sokrates und Pl^ ab datieren. 
Hier scheiden sich die Geister! Wer aber die Entwickelung jenes 
Prinzipats für den höchsten Fortschritt hält, ist doch nicht ge- 
nötigt, mit dieser Entwickelung his zum Neuplatonismus vorzu- 
schreiten. Zwar wird er nicht verkennen, daß es bis zuletzt, 
d. h. bis zu Augustin, an wahrhaften Fortschritten nicht gefehlt 
hat; aber er wird einräumen, daß sie teuer, zu teuer erkauft 
worden sind. Die Fehlentwickelung begann, als die Innenschau 
ihr Correlat, die exakte Naturwissenschaft, zu mißachten anfing 
und verkümmern ließ, und als sie sich der Mystik, Theurgie, Astro- 
logie oder Magie zuwandte. Schon mehr als hundert Jdbre vor 
der christlichen Zeitrechnung hat dieser Prozeß seinen Anfang ge- 
nommen; mit einem Januskopf steht Posidonius an der Schwelle 
des Überganges zweier Weltanschauungen. Er huldigt einerseits 



Digitized by 



Google 



24 Einleitung und Grundlegung. 

noch einem rationalen Idealismus, aber er Yerbindet ihn bereits 
mit alogischen und mystischen Elementen. Das Tragische ist, 
daß diese Elemente gesucht und aufgenommen werden müssen, 
um neue Gefühlswerte auszudrücken, deren Sicherstellung dem 
rationalen Idealismus mit seinen Mitteln nicht gelingen kann, 
weil er hülflos im Intellektualismus festgebannt ist und sogar die 
Sprache versagt, wenn es gilt, Werte zu fixieren, die nicht in- 
tellektueller Natur sind. So tritt das 'YneQfyorjxAv auf, und dieser 
Begriff zieht in steigendem Maße den Mythus und das Absurde 
heran und läßt es kritiklos passieren. Der Mythus ist nun nicht 
mehr bloß Symbol, sondern er wird zum Stoff, in welchem sich 
höhere Bedürfnisse des Gemütes und der Religion ausdrücken, 
weil ihre wirkliche Natur und Art den Denkern verschlossen bleibt. 
Die nächste Stufe nach Posidonius ist Philo. 

Ein Rückfall in überwundene Stufen mußte die Folge sein; 
aber zugleich trägt dieser Rückfall, wie immer, kräftige Züge einer 
traurigen Neuerung. Die alte Mythologie war naiv oder politisch 
und lebte in der Ceremonie; die neue wird eine Konfession, 
wird philosophisch, pseudophilosophisch und gewinnt nun erst 
Macht über den Geist. Sie verblödet ihn allmählich und — ihr 
höchster Triumph! — bringt ihn um den Sinn für das Wirkliche 
und lähmt die Funktionen aller Sinne. Die Augen werden dunkel, 
und die Ohren hören nicht mehr. Mit diesen Begleiterscheinungen 
setzt eine Neubelebung und Restauration des religiösen Sinns — 
als Folge der philosophischen Entwickelung — etwa beim Aus- 
gang des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung ein. Sie erfaßt 
allmählich alle Schichten der Gesellschaft und hat sich seit der 
Mitte des 2. Jahrhunderts von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gesteigert. 
In doppelter Weise — in solch dualer Entwicklung stellen sich 
religiöse Erhebungen stets dar — hat sie sich bemerkbar gemacht : 
erstlich in den nicht erfolglosen Versuchen, die alten Religionen 
zu beleben und einzuschärfen, die überlieferten Gebräuche pünkt- 
licher einzuhalten und die Orakelstätten und Eultusorte zu restau- 
rieren. Indessen kamen die neuen religiösen Bedürfoisse der Zeit 
in diesen Versuchen, die zum Teil von oben und künsüich gemacht 
wurden, weder kräftig noch ungetrübt zum Ausdruck. Auch hat 
das Christentum zu dieser Restauration der Religion schlechter- 
dings kein Verhältnis besessen — zwei verschiedene Größen, die 
sich gegenseitig nicht verstanden, stießen hier aufeinander; die 
eine mußte versuchen, die andere auszurotten (s. oben). Aber die 
Belebung der Religion hat sich zweitens in einer viel energischeren 
Weise vollzogen: 

Seit den Tagen Alexanders und seiner Nachfolger und sodann 
seit den Tagen des Augustus standen die Völker, auf deren Ent- 



Digitized by 



Google 



Innere Bedingungen f. d. univ. Ausbreitung d. christl. Religion. 25 

Wickelung der Fortschritt der Menschheit beruhte, unter einem 
neuen Zeichen. Der große Umschwung in den äußeren Be- 
dingungen ihres Daseins ist oben hervorgehoben worden; ihm 
entsprach, zum Teil als Folge, ein innerer, religiöser Umschwung, 
der nicht zum mindestens auf der Religionsmischung, vor allem 
aber auf der fortschreitenden Kultur und innerer und äußerer 
Erfahrung beruhte. Zwar für die Völker vom Euphrat- und Tigris- 
land, ja von Persien ^ bis nach Ägypten läßt sich der Zeitpunkt 
nicht angeben, an welchem die Religionsmischung begonnen hat: 
soweit wir die Geschichte rückwärts zu verfolgen imstande sind, 
haben diese Völker und deshalb auch ihre Religionen in einem 
Austausch gestanden und sich gegenseitig mit ihrer Religions- 
weisheit beschenkt. Nun aber war das Griechentum mit dem 
ganzen Kapitale seiner in heißer und freudiger Arbeit erworbenen 
Kenntnisse und Ideen hinzugetreten, aufgeschlossen für jedes Ele- 
ment, welches der Orient ihm bot, und wiederum jedes Element 
seiner eigenen Wissenschaft und Spekulation unterwerfend. 

Was durch den Austausch der orientalischen Religionen, 
die israelitische eingeschlossen, schon vorher erreicht worden war, 
hat die Wissenschaft vor hundert Jahren „Orientalische Religions- 
philosophie^ genannt, mit diesem Ausdruck einen weiten Komplex 
von kultischen Riten, Kultusweisheit, religiösen Ideen und wissen- 
schaftlichen Spekulationen (astronomischen und anderen ins Reli- 
giöse erhobenen Erkenntnissen) bezeichnend, der so unbestimmt 
war, wie der Name, der ihn umspannen sollte. Sehr viel weiter 
sind wir auch heute noch nicht gekommen^; aber etwas be- 
stimmter können wir doch jenen Komplex fassen. Die beste Hilfe 
leistet uns dabei — das erscheint paradox — der christliche 
Gnosticismus ; denn nirgendwo anders werden uns so deutliche und 
zusammenhängende Ausführungen geboten wie hier. 

Ich werde es im folgenden versuchen, die wichtigsten Stücke 
des „Orientalismus^ hervorzuheben, der natürlich in sich nicht 
geschlossen war, sondern an jedem Hauptpimkte verschieden- 
artige Stoffe und Gedanken bot. Charakteristisch ist überall, daß 
der Glaube an die überlieferten mythologischen Stücke in rea- 
listischer Form noch keineswegs erloschen war bez. sich wieder 
erhob, daß aber Ideen an sie geheftet wurden. Wo und in 
welchem Maße die Ideen überwogen und das Realistische auf die 
Stufe des Symbols herabdrückten, das ist im einzelnen Fall in 

^) Ob und inwieweit auch Indien beteiligt ist, ist eine Kontroverse, die 
noch nicht erledigt ist; doch ist eine Beteiligung wahrscheinlich. 

*) Namentlich die Herkunft der einzelnen Elemente ist in vielen Fällen 
dunkel — ob indisch, persisch, babylonisch, vorderasiatisch, ägyptisch etc., 
ob aus spontaner Entwickelung erzeugt. 



Digitized by 



Google 



26 Einleitung und Grundlegung. 

der Regel nicht zu ennittelii, und dieser Umstand läßt unser 
Wissen um den „Orientalismus^ als ein sehr unyollkommenes 
erscheinen; denn was hilft es, ein Mythologumenon für eine be^ 
stimmte Zeit und einen bestimmten Kteia zu konstatieren, wenn 
wir nicht feststellen können, welche Geltung es gehabt hat? 
Wurde es festgehalten, wie es lautet, oder war es in eine Idee um- 
gesetzt, oder war es ein Bild, oder ein Gegenstand unyerstandener 
Pietät, oder war es gar nur noch eine Arabeske? Hatte es eine 
theologische Bedeutung oder eine kosmologische, oder eine ethische 
oder eine historische? Berichtete es von etwas, was einst in 
grauer Vorzeit geschehen war, oder was jetzt noch fortdauert, 
oder was sich erst in der Zukunft verwirklichen wird? Oder 
wogten diese Deutungen und Wertungen alle durcheinander? 
Wurde das Mythologumenon als eine heilige, aber gleichsam 
unbestimmte Größe empfunden, fähig, sich mit jedem denkbaren 
Koeffizienten zu yereinigen und dem Exponenten jeder beliebigen 
Deutung als Basis zu dienen? Ich denke, die letztere Frage ist 
zu bejahen und zugleich nicht außer acht zu lassen, daß gleich- 
zeitig und in einem und demselben Kreise die yerschiedensten 
Koeffizienten an das Mythologumenon herangerückt worden sind. 
Nicht zu übersehen ist auch die Mannigfaltigkeit der Ursprünge 
der Mythologumena. Die ältesten stammten aus der primitivsten 
Naturanschauung, in der die Wolken das Licht bekämpften und 
die Nacht die Sonne fraß, oder aus dem Wunder der Zeugung und 
dem Schrecken des Todes. Oder sie stammten aus dem Traumleben 
der Seele, der aus ihm abgeleiteten Spaltung der Seele und des 
Körpers, und dem Seelenkulte. Die nächste Schicht mag aus 
alten geschichtlichen Erinnerungen entstanden sein, phantastisch 
vergrößert und ins Übernatürliche gesteigert. Dann folgt, was 
aus den ersten ^wissenschaftlichen^ Versuchen übrig geblieben 
und nicht weiter fortgebildet war, Hinmiels- und Naturbeobach- 
tungen, die zur Erkenntnis von Regelmäßigkeiten geführt hatten, 
verbunden mit religiösen Anschauungen, alles noch seelisch belebt 
und mit Kräften des Bewußtseins ausgestattet. Auf dieser Schicht 
erheben sich nun die großen Religionen des Orients, wie sie in 
historischer Zeit bestanden haben, mit ihren besonderen Mytho- 
logien und ihrer Kultweisheit. Dann folgt die Schicht der be- 
grifflich entwickelten und mit der erstarkten philosophischen 
Wissenschaft in Verbindung gesetzten Religion, halb Apologetik 
und halb Kritik; auch in ihr sind noch Mythologumena gebildet 
worden. Endlich entsteht die letzte Schicht — die Vergletsche- 
rung der alten Phantasien und Religionen durch ein neues, aus 
äußerer und innerer Erfahrung erzeugtes Weltbild. Es mischt 
durch den Druck alles, was vorher gewesen, durch einander, preßt 



Digitized by 



Google 



Innere Bedingungen f. d. nniv. Ansbreitnng d. christl. Religion. 27 

Fernliegendes zusammen, zerbricht alle Strukturen, schiebt eine 
breite Moräne von Trümmerstücken yor sich her, in der sich die 
Elemente aller früheren Schichten finden, und bedeckt seine eigene 
Oberfläche mit denselben. Das ist der „Synkretismus^. Von 
ferne gesehen, bietet auch er ein einheitliches, wenn auch buntes 
Bild; aber was man zu sehen bekommt, sind nicht die Kräfte, 
die ihn gestaltet haben. Was erscheint, ist das Alte; die neuen 
Elemente liegen in der Tiefe unterhalb der Erscheinungen. 

Diese neuen Elemente sind die politisch-sozialen Erfahrungen 
und die innere Beobachtung. Es scheint, daß noch vor Berührung 
mit dem griechischen Geiste der „Orientalismus^ diese Stufe ge- 
wonnen hat; indessen gehört es zu den empfindlichsten Lücken 
unserer religionsgeschichtlichen Kenntnisse, daß wir nicht zu ent- 
scheiden vermögen, wie viel wir der selbständigen, vom griechischen 
Geiste noch unberührten Entwickelung des „Orientalismus^ zuzu- 
schreiben haben. Wir müssen uns begnügen, festzustellen, was 
geworden ist. Die neue Erkenntnis und Stimmung, die geworden 
ist und uns auf dem Boden des Hellenismus (der in der Ent- 
wickelung seiner alten Mysterien und in seiner Philosophie, dem 
fortgebildeten Piatonismus, mit dem „Orientalismus^ zusammen- 
traft) begegnet, war etwa folgende ^r 

(1) Die scharfe Teilung zwischen Seele (Geist) und 
Leib, die mehr oder weniger exklusive Schätzung des Geistes 
und die Vorstellung, daß derselbe aus einer anderen, höheren 
Welt stamme und ewiges Leben in sich trage oder doch zu ihm 

.befähigt sei. Der damit gesetzte Individualismus. 

(2) Die scharfe Teilung zwischen Gott und Welt und 
die Zerstörung der naiven Vorstellung ihrer Zusammengehörigkeit 
und Einheit. 

(3) Als Folge der Teilungen: die Sublimierung der Gott- 
heit via negationis et eminentiae: nun erst ist sie unfaßbar, un- 

') Das Eonvergieren der Entwickelongslinien bei den verschiedenen 
Yölkem im Zeitalter des Hellenismus ist eine der sichersten Erkenntnisse, 
laicht nur durch Austausch sind damals übereinstimmende oder ähnliche 
Bildungen zu Stande gekommen, sondern auch durch Parallelentwickelung. 
Dies erschwert aber die Entscheidung, auf welchem Aste diese oder jene 
Erscheinung gewachsen ist, ja macht sie in vielen Fällen unmöglich. Die 
Gleichartigkeit der Parallelentwickelung umfaßte aber nicht nur die Ideen, 
sondern oftmals auch die Mittel und Anschauungsformen; denn der mensch- 
lichen Phantasie sind hier engere Grenzen gezogen, als man gemeinhin an- 
nimmt. 

*) Man vgl. hierzu die Abhandlung von Loofs, „Die Krisis des Christen- 
tums im 2. Jahrhundert^ (Deutsch-evangel. Blätter 1904, Heft 7), in welcher 
das Problem geschildert ist, welches sich aus dem Zusammentreffen des 
Christentums mit dem Synkretismus ergab. Dazu die einschlagenden Aus- 
fEttiTungen in .Wer nies «Anfängen unserer Religion **, 2. Aufl., 1904. 



Digitized by 



Google 



28 Einleitang und Onmdlegang. 

beschreiblich, aber auch groB und gut; sie ist auch Urgrund aller 
Dinge, aber letzter, nur statuierter, nicht wirklich faßbarer. 

(4) Femer als Folge der Teilungen und der exklusiven 
Schätzung des Geistes: die Erniedrigung der Welt, die Er- 
klärung, daß sie besser nicht wäre, daß sie aus einer Verfehlung 
entstanden sei, daß sie für den Geist Gefängnis, im besten Fall 
Zuchthaus sei. 

(5) Die Überzeugung, daß die Verbindung mit dem 
Fleische, „diesem befleckten Rock^, für den Geist erniedri- 
gend und verunreinigend sei, ja daß er zerfallen müsse, 
wenn die Verbindung nicht gelöst oder ihr nicht die Macht ge- 
nommen wird. 

(6) Die Sehnsucht nach Erlösung als Erlösung von der 
Welt, dem Fleische, der Endlichkeit und dem Tode. 

(7) Die Überzeugung, daß alle Erlösung Erlösung zum ewigen 
Leben ist, daß sie aber gebunden ist an Erkenntnis und Ent- 
sühnung: nur die erkennende (die sich selbst, die Gottheit und 
das Seiende in seinem Sein und Wert erkennende) und die reine 
(entsühnte) Seele kann gerettet werden. 

(8) Die Gewißheit, daß sich die Erlösung der Seele 
als Rückkehr zu Gott ebenso stufenweise vollzieht, wie 
sich einst die Trennung der Seele von Gott stufenweise vollzogen 
hat, bis sie in dies Jammertal gelangt ist. Alle Belehrung über 
die Erlösung ist daher Belehrung über „die Rückkehr und den 
Weg**, und der Vollzug der Erlösung ist nichts anderes als stufen- 
weiser Aufstieg. 

(9) Der freilich unsichere Glaube, daß die erhoffte Er- 
lösung bez. der Erlöser schon vorhanden sei und nur auf- 
gesucht werden müsse — vorhanden entweder in einem alten 
Kult, der nur in die richtige Beleuchtung zu setzen sei, oder in 
einem Mysterium, das allgemeiner zugänglich gemacht werden 
müsse, oder in einer Persönlichkeit, deren Kraft und Gebot man 
zu folgen habe, oder in dem Geiste selbst, wenn er sich nur auf 
sich besinne. 

(10) Die Überzeugung, daß alle erlösenden Mittel sich 
zwar der Erkenntnis bedienen sollen, aber sich in ihr nicht er- 
schöpfen können, vielmehr letztlich eine wirkliche göttliche 
Kraft real zuführen und übertragen müssen: nur die mit 
der Erkenntnismitteilung verbundene „Weihe*' (das Mysterium, 
das Sakrament), die den Geist überwältigt, erlöst wirklich und 
führt ihn durch den mystischen Exzeß aus dem Gefängnis, der 
Endlichkeit und der Sünde. 

(1 1) Die in dem allen enthaltene, ja ihm zu Grunde liegende 
Einsicht, daß Welterkenntnis, Religion und strenge ethische 



Digitized by 



Google 



Innere Bedingungen f. d. üniy. Ansbreitong d. christl. Religion. 29 

Disziplinierung des individuellen Lebens eine geschlossene 
Einheit bilden müssen — eine exklusive Einheit, die mit Staat, 
Gesellschaft, Familien- und Berufsordnung schlechterdings nichts 
zu tun hat und sich daher in Bezug auf alle diese Gebiete ne- 
gierend d. h. als Askese verhalten muß. 

Seele, Gott, Erkenntnis, Entsühnung, Askese, Er- 
lösung, ewiges Leben, demgemäß Individualismus und 
Menschentum an Stelle des Nationalismus: das sind die er- 
habenen — aber in ernsthaft genommenen Mythen ausgedrückten — 
Gedanken, die als der Niederschlag tiefer innerer und äußerer 
Bewegungen, als das Produkt der Arbeit großer Geister und als 
die Sublimierung aller Kulte in der Eaiserzeit lebendig und eine 
Macht waren. Wo es wirkliche Religion gab, da atmete sie 
in diesem Kreise von Erfahrung und Gedanken. Wie viele es 
waren, die in ihm lebten, ist gleichgültig: der Glaube ist nicht 
jedermanns Ding, und die Religionsgeschichte, sofern sie wirklich 
Geschichte der lebendigen Religion ist, läuft stets nur auf einer 
schmalen Linie. 

Wunderbar aber ist es, unter wie vielen verschiedenen Ver- 
brämungen diese Gedanken umliefen! Sie bedurften an sich eines 
großen Apparats, wie alle religiösen Welterklärungen, welche 
monistische imd dualistische Theorien in eine Einheit bringen 
wollen. Aber hier gefiel man sich noch darin, den Apparat zu 
steigern, teils um alles mögliche Alte und wertvoll Scheinende 
noch unterzubringen, teils weil das Einzelne nicht kräftig genug 
erschien und man durch Häufung zum Ziel zu kommen hoffte. 
Durch die Verschiedenheit der Apparate scheinen diese synkre- 
tistischen Bildungen auf der Oberfläche oft ganz disparat; blickt 
man aber auf die Motive und Ziele, so gewahrt man eine über- 
raschende Einheit, ja Einfachheit In der Tat — die letzten 
Motive sind einfach imd gewaltig, wie sie aus einfachen, aber ge- 
waltigen inneren Erlebnissen entsprungen sind. In ihnen ist der 
Portschritt der Religionsentwickelung gegeben, soweit ein solcher 
abgesehen vom Christentum stattgefunden hat. 

Mit diesem „Synkretismus'' oder Hellenismus letzter Hand 
hatte es die christliche Religion neben dem Kaiserkult zu tun. 
Dann ist aber sofort offenbar, daß es nicht ausreicht, den Gegen- 
satz von Christentum und „Heidentum^ einfach als den Gegensatz 
von Monotheismus und Polytheismus zu beschreiben. Gewiß, jener 
Synkretismus vermochte sich auch mit dem Polytheismus ganz wohl 
zu vertragen; er fordert ihn sogar und mußte ihn verstärken. 
Der „Apparat" bedurfte sowohl für die Erklärung der Weltent- 
stehung als auch fmr die Beschreibung des „Rückwegs" Äonen, 
Mittel wesen, Halbgötter und Nothelfer, und die höchste Gottheit 



Digitized by 



Google 



30 Eialeitong und Orandlegung. 

wäre nicht die höchste und YoUkommenste, wenn sie die einzige 
wäre. Allein im Grunde ist doch die ganze Denkweise mono- 
theistisch; denn sie erhebt den höchsten Gott als den ürgott hoch 
über alle Götter und schließt die Seele und den Urgott (nicht 
die Untergötter) exklusiv zusammen^. Der Polytheismus ist auf 
eine tiefere Stufe verbannt, also auf der Höhe nicht mehr vor- 
handen. Femer aber, das Christentum selbst nahm, sobald es zu 
reflektieren anfing, an diesem „Synkretismus** Teil, entlehnte ihm 
Gedanken, ja entwickelte sich mit Hülfe dieser Gedanken. 
Es ist nicht von Anfang an selbst eine synkretistische Erscheinung; 
denn Jesus Christus gehört nicht in diesen Kreis, und die erste 
Ausgestaltung der christlichen Religion war die der Jüngerschaft 
Jesu. Aber sobald es Gedanken über Gott, Jesus, die Sünde, die 
Erlösung, das ewige Leben bildete, schöpfte es aus den Erleb- 



') Den Unterschied zwischen dem christlichen Gott und dem (jott des 
synkretistischen Hellenismus hat der Heide bei Macarius Magnes (Porphy- 
rius) IV, 20 mit trefifender Klarheit angegeben: T6 fievtoi jiegl Ttjg ftopoQz^s 
tov fi6yov ^eov xai rfjg noXvoQX^ ^^ atßopiircav ^e&v Sioqq^Stiv ^ritriomiJisVf 
cov (WH oldag ov6k rrfg ftovoQxiag toy löyor atptiyriaaa^CLi. Mov6.QXf)g yo.Q 
iariv o-öx ^ f*6yog mv AXX^ 6 fidvog äQx^"^- ^QX^*' S* 6f*o(pvXci>r StflaStj 
xai Sfioimv, oJor 'ASgiavog 6 ßaaiXsvg imüvoqxV^ ysyovev, ovx ^i /*<Vot ^ 
ovS' Sil ßo&v xai TiQoßdtcar ^qx^p ^ ägxovoi notfieveg tj ßovx6Xoi, <iJU* Sxi 
dv^Qtojicov ißaoiXevs f&v 6fioyev&v zijv avztfy <pvaiv ix^^tcoy. i&oav' 
T(og i^sdg ovx cty fwvoQXV^ xvqIok ixX^-&tj, et firj ^s&y ^QX^- foOto yoQ ^qsjis 
T^ ^eiqf fuys&et xai t^J ovQorUfi xai noVJj^ &^i<üfiaxi. Cf. IV, 23 : Ildw o<paX' 
Xsa^e [seil, ihr Christen] voiiliovitg ;i;aJU^aiyefr x^ ^s6v, tX xig xai äXXog xXij- 
^siij ^eog xai xijg avxod ngoaijyoQiag xvyxdvoif 6jt6xE xai &qxovx^ vjifjx6oig xai 
SovXoig deonöxcu xfjg 6fi<awf*la/g oi qr&ovovaiv, ov ^efuxar yovr fiixQoywxdxegoy 
dv^Q<o3itov xhv deov slvai vofjU^Biv. Hier ist der Gegensatz des christlichen 
und des hellenischen Monarchismus ausgezeichnet formuliert, nur wäre zu 
sagen, daß yiele philosophische Christen (schon im 2. Jahrhundert) jenen 
strengen monotheistischen GottesbegrifiP auch nicht hatten, ja daß er schon im 
I.Jahrhundert modifiziert erscheint. Tertullian (adv. Prax. 8), der den damals 
orthodoxen Gottesbegriff wiedergibt, kommt doch bei der Verteidigung der 
christlichen Logoslehre dem Porphyrius bedenklich nahe: „Nullam dico domi- 
nationem ita unius esse, ita singtilarem, ita monarchiam, ut non etiam per 
alias prozimas personas administretur, quas ipsa prospexerit ofificiales sibi". 
Die Schüler des Origenes gingen noch weiter in der Rezeption des synkre- 
tistischen Monotheismus. Erst das Nicänum hat ihm in der Christenheit ein 
Ende bereitet durch die irrationale Trinitätslehre, welche gebietet, den Logos 
und den Geist als innergöttUche Personen zu denken. Allein die hier aus 
dem Felde geschlagene heidnische Monarchie -Vorstellung hatte sich auf dem 
Boden der Engellehre bereits etabliert. Daß diese ganz hellenisch ist, weil 
sie den Polytheismus durch eine Hintertür einläßt, hat Porphyrius (IV, 21) 
wohl bemerkt. In IV, 23 sucht er den Christen nachzuweisen, daß ihre 
heiligen Schriften eine Mehrzahl von Göttern lehrten, also die Vorstellung 
der Monarchie Gottes (in einem Kreise von üntergöttem) enthielten, welche 
die Hellenen lehrten. Er verweist auf Exod. 22,28; Jerem. 7,6; Deut. 12,80; 
Josua 24,14; I Cor. 8,5. 



Digitized by 



Google 



Jesus Christus und die Weltmission. 3 t 

nissen der allgemeinen Religionsentwickelung und nahm ihre Ob- 
jekÜYierungen zu Hülfe. — 

Dem alten, im Eaiserkult gipfelnden Polytheismus und diesem 
Synkretbmus d. h. der letzten Stufe des Hellenismus sah sich die 
christliche Predigt gegenüber gestellt. Sie bildeten die inneren 
Bedingungen, unter denen die jugendliche Religion missioniert 
hat. Aus dem Gegensatz zum Polytheismus schöpfte sie die Kraft 
der Antithese und die Gewalt der Exklusiye, die jede selbständige 
Religion braucht und die sie stark macht. In dem Synkretismus, 
d. h. in alledem, was damals den Namen „Religion^ überhaupt 
verdiente, hatte sie, ohne es zu ahnen, einen geheimen Bundes- 
genossen: sie mußte ihn nur läutern, vereinfachen und — kompli- 
zieren. 



Viertes Kapitel. 
Jesus Christus und die Weltmission. 

Es ist unmöglich, die Frage: Jesus und die Weltmission, 
kritiklos nach dem Wortlaut der Evangelien zu beantworten. Sie 
sind geschrieben worden, als die Weltmission des Christentums be- 
reits in vollem Gange war und haben sie daher auf direkte An- 
weisungen Jesu zurückgefahrt. Aber sie lassen den wirklichen 
Tatbestand doch noch deutlich erkennen. 

Jesus Christus hat seine Botschaft — die Predigt von dem 
nun kommenden Reiche Gottes und vom Gericht, von Gottes 
väterlicher Vorsehung, von der Buße, der Heiligkeit imd der 
Liebe — ausschließlich an seine Volksgenossen, die Juden ge- 
richtet Durch kein Wort hat er diese vom nationalen Boden 
losgelöst oder die überlieferte Religion für unwert erklärt: im 
Gegenteil — seine Predigt konnte als ihre stärkste Bekräftigung 
erscheinen. Auch hat er sich an keine der zahlreichen „liberalen" 
oder synkretistischen jüdischen Konventikel und Schulen ange- 
schlossen oder ihre Gedanken aufgenommen; er steht vielmehr 
auf dem Boden der jüdischen Rechten, d. h. der Frömmigkeit, 
wie sie der Pharisäismus behauptete. Allein er zeigte, daß dieser 
das GKite zwar festhalte, aber verkehre, und daß die Verkehnmg 
zur schlinmisten Sünde geworden sei. Er kämpfte gegen die 
eigensüchtige und selbstgerechte, im Tiefsten lieblose und gottlose 
Art, in welcher zahlreiche Pharisäer die Frömmigkeit ausbauten 
und betrieben. Schon daraus ergab sich eine Loslösung von der 
nationalen Religion; denn die pharisäische Haltung galt als die 
nationale und war es. Aber weiter, er durchkreuzte den An- 
spruch, daß die Abrahamssöhne bereits durch ihre Abstammung 



Digitized by 



Google 



32 Einleitung und Grundlegung. 

des Heiles sicher seien, und stellte den Gedanken der Gottes- 
sohnsehaft ausschließlich auf die Pfeiler der Buße und der Demut, 
des Glaubens und der Liebe. Damit löste er die Religion inner- 
lich vom nationalen Boden ab imd machte den Menschen, nicht 
den Juden, zu ihrem Träger. Endlich, je deutlicher es wurde, 
daß das jüdische Volk als Ganzes und in seiner Repräsentanz 
seine Predigt verwarf, desto bestimmter kündigte er das Gericht 
über ^die Kinder des Reichs^ an, und desto sicherer nahm er die 
Weissagung, die auch sein Vorläufer verkündigt hatte, auf, daß 
der Tisch seines Vaters der Gäste doch nicht ermangeln, sondern 
daß eine Fülle derselben von den Landstraßen und Zäunen und 
von Morgen, Mittag und Abend kommen werde. Zuletzt hat er 
die Verwerfung des Volkes und den Untergang des Tempels vor- 
ausgesagt, darin aber nicht den Untergang seines Werks, sondern 
vielmehr, ebenso wie in dem eigenen Todesleiden, die Voraus- 
setzung der Erfüllung dieses Werks gesehen. 

Das ist der ^Universalismus" der Predigt Jesu; ein anderer 
läßt sich nicht nachweisen, und darum kann auch eine Anweisung zur 
Weltmission von ihm nicht gegeben worden sein. Zwar enthalten 
die Evangelien eine solche, aber es läßt sich unschwer zeigen, daß 
sie weder echt ist noch der ältesten Überlieferung angehört. Sie 
würde auch einen ganz fremden Zug in die Verkündigung Jesu 
bringen und zahlreiche echte Sprüche unverständlich oder wertlos 
machen. Wohl aber darf man sagen, daß die Weltmission mit 
Notwendigkeit aus der Religion Jesu und aus seinem Geiste 
hervorgehen mußte, und daß ihre Entstehung ohne ein direktes 
Wort Jesu — ja im äußerlichen Widerspruch zu manchem seiner 
Worte • — ein stärkeres Zeugnis fOr die Art, Ejraft und Größe seiner 
Verkündigung ist, als wenn sie die Ausführung einer bestimmten 
Anweisung gewesen wäre. An der Frucht erkennt man den Baum; 
man darf aber die Frucht nicht an der Wurzel suchen. Was die Art 
betrifft, wie Jesus gewirkt und Jünger gesammelt hat, so tritt 
auch hier seine imd seiner Predigt Eigenart leuchtend hervor. 
Weder eine Schule noch eine Sekte hat er sammeln wollen. Die 
Art der äußeren Zugehörigkeit zu ihm hat er unter keine Regel 
gestellt; denn zu Gott wollte er die Menschen fuhren und für das 
Reich Gottes bereiten. Wohl hat er sich Schüler erwählt, die er 
besonders imterwies und als Mitarbeiter annahm, aber auch hier 
war nichts geregelt — ein nächster Kreis von dreien, ein weiterer 
von zwölfen, ein noch weiterer von einigen Dutzenden, Männer 
und Frauen, die mit ihm zogen. Aber daneben hatte er Vertraute, 
die in ihren Häusern und Berufen blieben, und er erweckte und 
fand Gotteskinder überall im Lande. Keine Regel und Gesetz 
band sie zusammen; seine Teilnahme und sein Eifer galten ledig- 



Digitized by 



Google 



Jesus Christus und die Weltmission. 33 

lieh dem Größten und Speziellsten — dem Reiche seines Vaters 
und der einzelnen Seele. In dieser Art Mission zu treiben hat er 
nur einen Nachfolger gehabt, und der kam erst nach 1000 Jahren 
— den heiligen Franz von Assisi. 

Sieht man von den Worten ab, die unser erster Evangelist dem auf- 
erstandenen Jesus in den Mund legt, und die sich ähnlich im unechten 
Anhang zum zweiten Evangelium finden % läßt man femer die Geschichte 
der Weisen aus dem Morgenlande und gewisse alttestamentliche Citate, 
welche der erste Evangelist in seine Darstellung eingeflochten hat*, bei 
Seite — so muß man anerkennen, daß Marcus und Matthäus der Versuchung, 
in die Worte und in die Geschichte Jesu die Anfänge der Beidenmission 
einzutragen fast durchweg widerstanden haben. Daß Jesus die Sünder zu 
sich gerufen und mit den Zöllnern gegessen, daß er am Sabbath geheilt, 
daß er die Pharisäer mit ihrer Gesetzesbeobachtung bekämpft und die Barm- 
herzigkeit und das Gericht in den Mittelpunkt gerflckt, daß er den Unter- 
gang des Tempels prophezeit hat, das ist der Universalismus, den sie 
bezeugen. Aber selbst die Geschichte von der Wahl bez. Aussendung der 
Zwölfe wird ohne Beziehung auf die Weltmission (Marc. 3, 13 C 6, 7 ff. und 
Matth. 10, IfL) berichtet; ja Matthäus schränkt die Sendung ausdrücklich 
auf Palästina ein. „Weichet nicht ab auf den Weg der Heiden und betretet 
keine samaritanische Stadt, geht vielmehr zu den verirrten Schafen aus dem 
Hause Israel*" (10, 6), und 10, 23 heißt es: «Ihr werdet nicht die Städte 
Israels sämtlich besucht haben, bis der Menschensohn konmit'**. Fast noch 
charakteristischer ist die Erzählung vom kananäischen Weib; denn beide 
Evangelisten lassen darüber keinen Zweifel, daß die Geschichte im Sinne 
Jesu eine Ausnahme darstellt % also die Regel bestätigt 

Bei Idarcus ist diese Perikope die einzige, in welcher die Missions- 
tätigkeit Jesu ausdrücklich auf das jüdische Volk in Palästina eingeschränkt 
erscheint. Matthäus aber bietet außer der Aussendungsrede noch (19, 28) 
das Wort, daß die Zwölfe einst die zwölf Stämme Israels richten werden — 
von der Heidenmission ist hier also abgesehen*. 

>) Matth. 28, 19ff., cf Marc. 16, 15. 20. — *) Cf. Matth. 4, 13 ff. 12, 18ff. 

') Dieser Vers macht es unmöglich, die Rede Jesu als eine nur vor- 
läufige Aussendungsrede zu fassen. Ist das Wort echt, so kann die Heiden- 
mission nicht im Horizonte Jesu gelegen haben. — Bei den ^rjyefxayeg und 
ßaadstg* (Matth. 10, 18; Marc 13, 9) braucht nicht an heidnische gedacht 
zu sein, aber der bei Matthäus (nicht bei Marcus) zu den Worten stg 
fiOQTVQiov avzols sich findende Zusatz „xai tok i^Botv* kann schwerlich anders 
verstanden werden denn als eine Hinzufügung im Sinne von Matth. 28, 19 f. 
Marcus hat 6, 7 ff. (vgl. Luc. 9, Iff.) die Beschränkung auf Palästina und 
das jüdische Volk fisdlen gelassen, aber eine universale Bestimmung doch 
nicht zu geben gewagt. „Obwohl Marcus es nie ausdrücklich sagt und kein 
Gewicht darauf legt, versteht es sich bei ihm doch von selbst, daß Jesus 
seine Wirksamkeit auf die Juden beschränkf" (Wellhausen zu Marc 7, 29). 

*) Nach Matthäus (15, 24) sagt Jesus ausdrücklich: .Ich bin nicht ge- 
sandt denn nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel **. Das Ttgiatov 
bei Marc. 7, 27 ist nicht zu pressen, wie viele Ausleger tun. 

') Auch das Wort: „Bittet, daß eure Flucht nicht geschehe am Sabbath" 

(Matth. 24, 20) mag man hierher rechnen. Beachtenswert ist auch, daß das 

Gleichnis von den beiden Söhnen (Matth. 21, 28 ff.) nicht auf Juden und 

Heiden gedeutet wird. Die Arbeiter im Weinberg (Matth. 20, Iff) sind 

Harnaok, Mission. 9. Aufl. 3 



Digitized by 



Google 



34 Einleitung und Gnindlegong. 

Von einer zukünftigen Predigt de§ £?angeliuni6 in der Welt l&fit 
Marcus Jesus nur zweimal sprechen, nämlich in der eschatologischen Rede 
(13, 10: «Bei allen Völkern muß zuvor das Eyangelium verkündigt werden*, 
seil, bevor das Ende konmit) und in der Salbungsgeschichte, wo es 14, 9 
heißt : „Wo auch immer das (dieses) Evangelium verkündigt werden wird in 
der ganzen Welt, da wird auch das, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis 
erzählt werden.* Die erste Stelle legt ein geschichtliches Theologumenon 
in den Mund Jesu, welches schwerlich von ifa^ stammt; die andere erweckt 
zwar nicht in Bezug auf den Vorgang selbst, wohl aber in bezug auf die 
Rede Jesu v. 8 und 9 starke Bedenken; denn sie ist ein Hysteron-Proteron, 
und zudem ist die feierliche Versicherung aufibilend. Es muß ihr irgend 
eine nicht mehr deutliche Kontroverse zu Grunde liegen, welche den Vor- 
gang nicht nur damals, als er sich ereignete, sondern auch später noch 
hervorgerufen hat. Wurde er etwa in Zweifel gezogen '1 

Matthäus bietet diese beiden Sprüche auch (24, 14; 26, 18); außerdem 
aber überliefert er noch einen Spruch*, der die Heidenwelt ins Auge £aßt, 
der jedoch in seiner prophetischen Haltung Bedenken in bezug auf seine 
Echtheit nicht erregt. C. 8, 11 heißt es: „Ich sage euch, daß viele von 
Ost und West kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob in dem Himmel- 
reich zu Tische sitzen werden; die Söhne des Reichs aber werden hinaus- 
geworfen worden. ** Warum sollte Jesus so nicht gesprochen haben, obgleich 
ihn Marcus nie so sprechen läßt? Heißt es doch auch in der Rede des 
Täufers (Matth. 3, 9): „Glaubt nicht bei euch sagen zu können: Wir haben 
Abraham zum Vater; denn ich sage euch, Gott vermag aus diesen Steinen 
dem Abraham Kinder zu erwecken.** 



nach der Erzählung des Evangelisten ebenfalls nicht auf Heiden zu deuten, 
und auch c. 22, 9 ist nicht an diese zu denken. 

*) Die Perikope von den bösen Weingärtnem rechne ich nicht hierher; 
denn weder in der Fassung des Marcus (12, Iff.) noch in der des Matthäus 
(21, 33 ff.) spricht sie von der Heidenmission. Die Worte Matth. 21, 43 (.das 
Gottesreich wird einem Volke gegeben, das die Früchte desselben bringen 
wird*) beziehen sich nicht auf die Heiden, sondern das „Volk* steht im 
Gegensatz zu dem offiziellen Israel; Marcus spricht absichtlich nur von 
„anderen", denen der Weinberg gegeben werden wird. Ich sage absichtlich; 
denn gerade an dieser Allegorie, die nicht leicht Jesus selbst zugesprochen 
werden kann (s. Jülicher, Gleichnisse II S. 405 f.; doch möchte ich mich 
nicht sicher entscheiden), läßt sich erkennen, wie streng Marcus in der 
Femhaltung der Heidenmission von dem Evangelium gewesen ist, und 
wie konsequent Matthäus den Rahmen des jüdischen Volkes festhält. Die 
Parabel forderte geradezu auf, Jesus von der Heidenmission sprechen zu 
lassen; aber beide Evangelisten haben die Aufforderung abgelehnt (s. auch 
Luc. 20, 9ff.). Auch Wellhausen schreibt zu Matth. 21, 43: „Unter dem 
anderen ,Volk' können auch jüdische und nicht bloß heidnische Christen 
verstanden werden, da das ^&vog nicht national, sondern moralisch charak- 
terisiert ist.* 

») Von den Sprüchen 5, 18. 14: „Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid 
das Licht der Welt*, darf man wohl absehen; auch das ist bedeutungslos, 
daß bei Marcus allein (11, 17) zu den Worten: „Mein Haus ist ein Bethaus* 
der Zusatz (übrigens aus der Quelle, Jesaj. 56, 7) steht: „xäai toie i&veaiv'^; 
dieser Zusatz „1^ den Nachdruck nicht auf die Universalität des Bet- 
haufes, sondern auf den nackten Begriff des Bethauses selber* (Well- 
hausen). 



Digitized by 



Google 



Jesus Christiis und die Weltmission. 35 

Es hat sich also ergeben, daß beide Evangelisten in den Rahmen der 
öffentlichen VerkQndigung Jesu nichts von der Heidenmission eingetragen 
haben, außer in der eschatologischen Rede und bei der Salbungsgeschichte. 
Matthäus hat dabei die engen Grenzen der Wirksamkeit Jesu positiv und 
unzweideutig markiert, andererseits aber nicht nur c. 8, 11 aufgenommen, 
sondern auch in seinen alttestamentlichen Zitaten die Heiden ins Auge ge- 
faßt. Marcus hat sich ganz neutral verhalten, übrigens die Geschichte vom 
kanan&ischen Weib nicht unterdrückt. 

Umso kräftiger hebt sich mm das Wort des Auferstandenen Matth. * 
'28, 19 ff. von dem Vorangehenden ab, und Matthäus selbst muß diesen 
Abstand nicht nur gefühlt, sondern muß ihn absichtlich zum Ausdruck 
gebracht haben K Ein Herr und Heiland, der seine Predigt auf das jüdische 
Volk beschränkt und auch nicht einmal den Befehl zur Weltmission gegeben 
hat, war in der Zeit, in der unsere Evangelien geschrieben worden sind, eine 
Unmöglichkeit. Hat er den Befehl nicht vor seinem Tode gegeben, so hat 
«r ihn als der Verklärte erteilt. 

Es ergiebt sich aus diesem Sachverhalt, daß ein solcher Befehl Über- 
haupt nicht von Jesus herrührt, daß er also aus den geschichtlichen Ent- 
wickelungen der Folgezeit konstruiert und sachgemäß erst dem Aufertsandenen 
in den Mund gelegt worden ist Paulus weiß auch von einem solchen all- 
gemeinen Befehl nichts*. 

Auch Lucas hat als Referent der Worte Jesu keine andere Haltung 
eingenommen als die beiden ersten Evangelisten, und das will vielleicht am 
meisten bedeuten. Zwar die Vorgeschichte hat er mit leiser Hand universa- 
listisch gefärbt*, und am Schluß läßt er deutlich und stark den Auferstandenen, 

^) Es sei denn, daß c. 28, 19 ff. ein späterer Zusatz zum Evangelium 
wäre; Sicherheit läßt sich darüber nicht gewinnen. Es liegt eine gewisse 
Raffiniertheit, die man dem Schriftsteller nicht zutrauen möchte, darin, erst 
die heidenchristlichen Leser mit jenen Sprüchen, die das EvangeUnm auf 
das Volk Israel einschränken, gleichsam auf die Folter zu spannen, um dann 
im letzten Satze der Schrift die Spannung zu lösen. Auch sehen jene Ein- 
schränkungen, wie sie erzählt werden, nicht so aus, als sollten sie später 
zurückgenommen werden. Andererseits ist zu erwägen, daß das erste Evan- 
gelium mit den Weisen aus dem Morgenlande beginnt — doch läßt diese 
Perikope auch eine streng judenchristliche Deutung zu — , daß c. 8, 11 in 
diesem Evangelium steht, daß der Schriftsteller c. 4, 18 ff. sein Interesse füf- 
das Volk, das im Finstem sitzt, bekundet, daß er Jesum c. 12, 20 als den 
bezeichnet, auf dessen Namen die Heiden hoffen, daß er in der eschatolo- 
gischen Rede und in der Salbungsgeschichte auf die Verkündigung des Evan- 
geliums bei allen Heiden ausblickt, und daß durchschlagende Gründe, c.28,19ffl 
als Interpolation zu betrachten, nicht nachgewiesen werden können. Also 
ist es doch ratsam, dem Verfasser die merkwürdige Historizität zuzutrauen, 
daß er den Rahmen der Verkündigung Jesu so, wie er ihm gegeben war, fast 
durchweg treu beibehalten hat, um ihn erst am Schlüsse zu sprengen. Ein- 
facher ist Marcus verfethren, indem er die Missionsfrage ausschied — denn 
80 wird man sein Verhalten verstehen müssen. 

») Im übrigen — es ist unmöglich und völlig zwecklos, mit denen zu 
streiten, die in der Ablehnung der Oberlieferung, Jesus habe nach seinem 
Tode gegessen und getrunken und seinen Jüngern Lehrvorträge gehalten, 
«ine unstatthafte „Voreingenommenheit* sehen. 

») Man vgL 1,32 (.Sohn des Höchsten"); 2,11 („Freude allem Volk«, 
„Heiland"); 2, 14 («Gloria in ezcelsis*); 2, 31 („ein Licht zu erleuchten die 
Heiden**); dazu 8, 23 ff. die bis auf Adam zurückgeführte Genealogie. 

3* 



Digitized by 



Google 



36 Einleiiang mid Grandlegimg. 

wie Matthäus, den Befehl geben, das Evangelium allen Völkern zu ver- 
kündigen ^ Aber was dazwischen liegt, hat er, dem Marcus folgend, 
behandelt, d. h. er bietet keine Worte, die die Mission Jesu ausdrücklich 
auf das jüdische Volk einschränken*, aber auch keine Sprüche oder Er- 
zählungen, in denen sie als universalistisch bezeichnet wird*, und er hat 
wahrscheinlich nirgendwo absichtlich korrigiert*. 

Von dem vierten Evangelium ist in diesem Zusammenhang ganz abzu- 
sehen; denn es hat den Horizont der Predigt Jesu, ja schon den Johannes* 
. des Täufers, nach Maßgabe der in den beiden ersten christlichen Generationen 
so erfolgreich unternommenen Beidenmission erweitert und dementsprechend 
ydie Juden*^ von Anfang an — trotz der historischen Bemerkung c. 4, 22 — 
als die Verworfenen erscheinen lassen. Läßt man auch den Prolog beiseite, 
so begegnet sofort (c. 1, 29) das Wort im Munde des Täufers: „Siehe, das 
ist Gottes Lamm, welches die Sünde des Kosmos trägt*, und das ganze 
Evangelium ist von direkt universalistischen Aussagen durchzogen. Jesus 
ist der Weltheiland, und Gott hat die Welt also geliebt, daß er ihn 
gesandt hat. Dazu finden sich Stellen wie die von „den anderen** Schafen 
und der einen Herde (10, 16). Besonders bemerkenswert aber ist es, daß 
dieses Evangelium „Griechen** nach Jesum fragen (12, 20 ff.) und diesen eine 
förmliche Erklärung darüber abgeben läßt, warum er noch nicht die Griechen 
befriedigen könne: er muß erst sterben; erst als Erhöhter wird er alle zu 
sich ziehen. Man sieht, hier wurde ein schweres Problem empfunden. 

Die Verkündung Jesu, sei es auch nur in ihren Grundzügen, hier zur 
Darstellung zu bringen*, würde irreführend sein; denn zur Missionspredigt 
ist sie in der Folgezeit nicht einmal Juden gegenüber geworden. Sie 



^) C. 24,47; dazu Act 1,8: „Ibr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem 
und in ganz Judäa und Samarien und bis zum Ende der Erde." 

*) Doch findet sich das indirekte Wort der Einschränkung c. 22, 30 «= 
Matth. 19, 28 (s. o. S. 33), aber es brauchte nicht so verstanden zu werden. 

*) Man hat dafür allerlei anzufahren versucht, aber es erweist sich als 
nicht beweiskräftig, so Petri wunderbaren Fischzug (5, 1 ff.)t ^^ Samariter- 
geschichten (10, 33 ff.; 17,16), das Gleichnis vom verlorenen Sohn (15, 11 ff., 
B. dazu Jülicher, a. a. 0. II S. 333 ff.). Auch die Apostelaussendung (6, 13 ff.) 
und die merkwürdige Aussendung der Siebzig (10, 1 ff.) ist keineswegs im 
Sinne der fieidenmission erzählt. Daß die Zwölfe in diesem Evangelium ein 
paarmal „die Apostel** heißen, ist ein harmloses Hysteron-Proteron. Die 
programmatische Rede in Nazareth (4,26.27) W\t noch am meisten ins Ge- 
wicht; aber auch in ihr erscheint der Universalismus Jesu nicht Über den 
prophetischen hinausgehoben. In bezug auf die Stelle 21, 24 = Marc. 18, 10 = 
Matth. 24, 14 ist Lucas sogar der Vorsichtigste gewesen, der in feinem Ge- 
fühl den Stil der Propheten wiederherzustellen versucht hat. Er sagt nichts 
davon, daß das Evangelium erst in aller Welt verkündigt sein müsse, bevor 
das Ende konmit, sondern schreibt: äxßi o^ nXfjgw^&aiv xouqoI kdv€^. — Was 
die Samaritergeschichten betrifft, so scheint Lucas eine weitergehende reli- 
gionsgeschichtliche Tendenz hier nicht im Sinne gehabt zu haben, während 
eine solche Joh. 4 unverkennbar ist. 

*) Die Geschichte vom kananäischen Weib, die bei Matthäus und Marcus 
zwischen den beiden Speisimgsgeschichten isteht, hat er wahrscheinlich nicht 
weggelassen, sondern gar nicht gekannt. Hat er sie gekannt, so müßte man 
in der Weglassung allerdings eine Korrektur sehen. 

*) Vgl. meine Vorlesungen über das Wesen des Ohristentums. ' 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Jaden- zor Heidenmisaion. 37 

nnterstüzte die Missionspredigt — die Evangelien sind, nm als Mittel der 
Evangelisation zu dienen, niedergeschrieben — ; diese aber handelte davon, 
daß Jesus der Messias sei und demn&chst wiederkehren und das Reich auf- 
richten werde (so vor Juden), beziehungsweise von der Einheit Gottes, der 
WeltschOpfung, dem Sohne Gottes, dem Heiland und dem Gericht (so vor 
Heiden). Die Sprüche Jesu haben daneben freilich eine stille und wirksame 
Mission ausgeflbt, und das geschichtliche Bild, welches die Evangelien boten, 
hat — neben dem Glauben an den Erhöhten — einen tiefen Einfluß auf die 
Eatechumenen und die Gläubigen gewonnen. 

Die partikularen Züge an diesem geschichtlichen Bilde und den Sprüchen 
wurde man nicht mehr gewahr, und das war recht und gut. Eine Gottes- 
und Menschenliebe war ja hier lebendig, die man als intensiven üniversalis- 
mus bezeichnen kann, ein Absehen von allem Äußeren (Stand, Person, Ge- 
schlecht, äußerem Kultus u. s. w.), welches notwendig zur Innerlichkeit zwang, 
ein Protest gegen das, was „die Alten" gelehrt hatten, der alles Alte 
allmählich unwert machte >. Eine der größten Revolutionen, welche die 
Religionsgeschichte kennt, ist hier eingeleitet und begründet worden ohne 
jede Revolution. Nur die Ankündigung des Untergangs des Tempels und 
das Gericht Über das Volk und seine Leiter hat Jesus Christus ausgesprochen. 
Er erschütterte das Judentum und stellte den Kern der Religion Israels ans 
Licht: damit, d. h. durch seine Verkündigung Gottes als des Vaters und 
durch seinen Tod, gründete er die Weltreligion, die zugleich die Religion 
des Sohnes wurde. 



Fünftes Kapitel. 
Der Obergang von der Juden- zur Heidenmission. 

^Christi mors potentior erat quam vita.** Der Tod Jesu hat 
den Olauben an ihn als den Gesandten Gottes nicht zu erschüttern 
vermocht imd eben deshalb die Überzeugung seiner Auferstehung 
erweckt: er war doch der Messias — denn nun gab es nur ein 
Entweder-Oder — und darum ist es immöglich, daß der Tod ihn 
behalten hat. Er lebt und wird in Herrlichkeit demnächst wieder- 
kommen. Die Schüler aber wurden zu berufenen Reichsgenossen, 
zu Zeugen und — zu Aposteln. Sie bezeugten aber nicht nur seine 
Predigt imd seinen Tod, sie bezeugten auch seine Auferstehung; 
denn sie hatten ihn gesehen, und sie hatten seinen Geist emp- 
fangen. Andere Menschen waren sie geworden; ein Strom gött- 
lichen Lebens hatte sie erfaßt, und ein neues Feuer brannte in 
ihrer Seele. Furcht, Zweifel, Kleinmut — alles war ausgelöscht. 



*) Über ^Jesu Stellung zum Alten Testament' s. den zutreffenden Vor- 
trag von E. Klostermann (1904) unter diesem Titel. Wer sich diese Stellung 
klar gemacht hat, wird an die Verkündigung Jesu nicht mehr imgeschicht- 
liehe Ansprüche in bezug auf die , Weltmission " stellen. 



Digitized by 



Google 



38 Einleitoog und Grundlegung. 

Pflicht und Recht, diesen Jesum von Nazareth als den Christas 
zu verkündigen, drängte sich mit unwiderstehlicher Gewalt auf; 
denn wie konnten sie schweigen, wenn sie wußten, daß die neue 
Weltzeit nun herbeikomme, und daß Oott die Erlösung seines 
Volkes bereits begonnen habe ? Eine alte Überlieferung (Act. 1 . 2) 
berichtet, daß die Missionspredigt der Jünger am 51. Tage nach 
der Kreuzigung in Jerusalem begonnen habe. Wir haben keinen 
Grund, dieser so bestimmten Angabe zu mißtrauen. Nach Jerusalem 
also sind sie aus Galiläa zurückgekehrt und haben sich dort ge- 
sammelt. Schon diese Übersiedelung spricht dafär, daß sie in 
größter Öflfentlichkeit, im Mittelpunkt des jüdischen Gemeinwesens, 
wirken wollten. Hier richteten sie sich ein und blieben daselbst 
lange Jahre ^ — zwölf Jahre sagt ein alter Bericht*, den aber 
die Apostelgeschichte ignoriert (doch s. c. 12, 17). Von Jerusalem 
aus unternahmen sie Missionsreisen in die Umgegend (auch die 
Wahl des Jacobus zum Vorsteher der jerusalemischen Gemeinde * 
— er gehörte nicht zu den Zwölfen — spricht dafär). Das lehrt 
die Apostelgeschichte, vor allem aber I Cor. 9, 5. 

Zunächst wurde das Evangelium ausschließlich den Juden ge- 
predigt. Es bildete sich die Gemeinde in Jerusalem, bald darauf 
Gemeinden in Judäa (I Thess. 2, 14: al ixxXrjoiai tov ^sov al aioai 
iv tfj ^lovdalq. und Gal. 1, 22: fjjxriv äyvoovßievog tcp ngoaconq} Toig 
ixxXfjaCcug jfjg ^lovdaiag taig h Xqujt^) sowie in Galiläa, Samaria 
(Act. 1, 8; 8, 1 flf.; 9, 31; 15, 3) und in dem Küstenland (Act. 9, 

>) Man darf yielleicht auch annehmen, daß sie an Ort and Stelle sein 
wollten, wenn der Herr demnächst wiederkonmien und das himmlische Jeru- 
salem herab&hren werde. — Galiläa tritt nun ganz zurück, was merkwürdig 
ist. Man hört nichts mehr von diesem Lande. 

*) Der alte Bericht — Petri Kerygma bei Clemens Strom. VI, 5, 43 — 
ist freilich verdächtig; denn er behauptet, ein Herrn wort an die Jünger zu 
kennen, das gelautet habe: fittä i^ htf i^iX^ere eis rov xöofioVf firi xig elkjj' 
ovx tjxovoofuv. Allein mit den 12 Jahren kann es seine Richtigkeit haben 
ohne die falsche, apologetische Begründung; denn in den Acta Petri cum 
Simone c. 5 und bei ApoUonius (bei Euseb., h. e. V, 18, 14) lautet das Wort 
(ebenfalls als Hermwort), die Apostel sollten 12 Jahre in Jerusalem bleiben ; 
von dem Auszug «/c tov xöofwv ist nichts gesagt Das „Herrn wort" wird 
auch hier nicht zu Recht bestehen, wohl aber wird die Tatsache, daß die 
Jünger 12 Jahre in Jerusalem blieben, schwerlich erfunden sein. Zwölf bez. 
elf Jahre nach der Auferstehung ist ein Zeitraum , den auch andere Quellen 
abgegrenzt haben (s. D ob schütz i. d. Texten u. Unters. XI, 1 S. 53f.); er 
liegt sogar der späteren Berechnung des Todesjahres des Petrus zu Grunde : 
ann. 30 + 12 + 25 = ann. 67. Isoliert steht die Behauptung der pseudo- 
clementinischen Rekognitionen (I, 43; IX, 29), die Apostel seien sieb^i Jahre 
in Jerusalem geblieben. 

') Die Apostelgeschichte setzt für die ersten Jahre voraus, daß die 
Apostel die jerusalemische Gemeinde geleitet haben. Plötzlich c. 12, 17 er- 
scheint Jacobus als der Leitende. 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidemnission. 39 

32ff.^). Das anfängliche Verhältnis dieser Gemeinden zu dem 
Judentum erscheint uns nicht recht deutlich, und es ist wohl auch 
zunächst nicht klar, sondern widerspruchsvoll gewesen. Einerseits 
wird der Bericht der Apostelgeschichte (s. c. 3 ff.), daß die jerusa- 
lemische Gemeinde fast von Anfang an stoßweise Verfolgungen 
erleiden mußte, durch das Zeugnis des Paulus beglaubigt (I Thess. 
2, 14: Sri td aixä bid'^eje xal ijüiek {mi> zwv IdUov ovfAxpvXeT&v, 
xa^d)g xal aixol [seil, die Gemeinden in Judäa] ini xwv Iov&aUov)\ 
die Meinung, die einige jüdische Gelehrte vorgetragen haben, er- 
scheint somit unhaltbar, es habe ursprunglich und Jahrzehnte hin- 
durch ein durchaus friedliches Verhältnis zwischen den Christ- 
gläubigen und den Juden bestanden^. Andrerseits steht es fest, 
daß auch Friede imd Duldung geherrscht hatten^, die Gemeinden 
geraume Zeit hindurch unbehelligt geblieben sind (Act. 9, 31: ^ 
bcxXfjala xad' SXrjg Ttjg ^lovdalag xal FaXilalag xal SajxaQlag ^xev 
sIqi^vtjv) und einige Christen hohes Ansehen bei ihren jüdischen 
Brüdern genossen haben ^. Sie waren strenge Gesetzesbeobachter 
und hielten sich auch eifrig zum Tempel^; damit aber erfüllten 

*) Der dieser Mission parallel laufenden Mission des Simon Magus in 
Samarien mag hier wenigstens gedacht sein. Sie hatte im Heimatlande 
große Erfolge, versuchte aber vergeblich, aus der christlichen Mission Vor- 
teile zu ziehen. Im einzelnen ist uns das meiste dunkel ; soviel aber ist ge- 
wiß, daß sich Simon als Religionsstifter gab (ob er auch Jesus zu kopieren 
versuchte?), und daß später eine hellenistische Theosophie (Gnosis) dieser 
neuen Religion zugesellt worden ist. Die Christen haben vom AnÜEtng an 
und stets diese Erscheinung mit dem höchsten Abscheu behandelt Es muß 
in sehr früher Zeit einen Moment gegeben haben, in welchem sie eine wirk- 
liche Versuchung fQr die jugendlichen (Gemeinden gewesen ist; aber inwiefern 
ist unklar. Hatte es Simon auf eine Fusion abgesehen? (Act. 8 und spätere 
Quellen). 

*) Vgl. Jo6l, Blicke in die Religionsgeschichte, 2. Abt. 1883. Wie es 
bei der Mission in Palästina zugegangen ist, steht Matth. 10, 17 ff. zu lesen: 
JtagaScjaovatv {f/näg ek owiSgia 9cai h xaXg cwayfoyaZs avxcbv fiaatiyfooovow 
{jfAäg . . . 7taQad(S}oei Sk &deX<p6g ädtXipw tlg ^vojov xal JtarijQ xixvov xal 
ijtopaon^ooytcu xixva kni yovsTg xai ^avava>aovoiv a'öxovg . . . Stop dk 6ia>xfoai¥ 
(ffiäe h tfj nöXei Tavtjj, fpei^ete slg tifv higcw. 

*} Sonst hätten sich die Apostel überhaupt nicht so lange in Jerusalem 
halten können. 

*) Hegesipp bei Eusebius, h. e. II, 22, berichtet dies von Jacobus. Seine 
Darstellung ist freilich sehr undurchsichtig, aber das Ansehen des Jacobus 
beim Volke darf man ihr entnehmen. 

*) S. Act. 21,20, wo die jerusalemischen Christen zu Paulus sprechen: 
0e(OQetg, dSeX<pSf n6oai ftvQiddeg elaiv h xok 'lovScUois tdiv ne3it<nevx6x<ov , xai 
jrdvres CriXcoxai tov röfiov {)n&Qxov<Hr. Diese Stelle beleuchtet und recht- 
fertigt den Hauptpunkt des Berichts des Hegesipp Über Jacobus. Aus der 
sehr alten Überlieferung (Prolog zum Marcusevangelium um 200), Marcus 
habe sich, Christ geworden, den Daumen abgeschnitten, um nicht als Priester 
fungieren zu müssen, mag man schließen, daß manche christianisierte Juden 
aus dem Priesterstand in Jerusalem anfangs noch als Priester fungiert haben. 



Digitized by 



Google 



40 Einleitung und Qrundlegung. 

sie die oberste Pflicht des Juden, und da sie Jesus als Messias 
erst noch erwarteten — die erste Ankunft galt ja nur als etwas 
Vorläufiges; daß er wirklich der Messias sei, dafür stand der 
öflfentliche Beweis noch aus — , so mag ihnen dies bei freund- 
licher Beurteilung um ihrer Gesetzesbeobachtung willen als Idio- 
synkrasie nachgesehen worden sein^. Wenigstens vermögen wir 
uns die Sache nicht anders vorzustellen. Daß sie überhaupt den 
Messias so sicher und so bald erwarteten, kann ihnen grade bei 

*) Richtig Weizsäcker (Apost Zeitalter* S. 38): ^Die Zugehörigkeit 
zu dem Glauben und Gemeinwesen ihres Volkes hielten die ältesten Christen 
fest. Sie wollten nicht Abtrflnnige sein, imd sie konnten auch nicht als 
solche beurteilt werden. Auch wenn sie nicht den ganzen Kultus festhielten, 
geschah dadurch diesem Verhältnisse kein Eintrag. Das Judentum verstattete 
nicht bloß eine große Freiheit der Lehrmeinungen, sondern auch der Beteili- 
gung am Kultus, wie das Beispiel der Essäer in jener Zeit hinreichend beweist. 
Die Christen ließen sich keine Verletzung des Gesetzes zu Schulden kommen, 
sie traten nicht angreifend auf. Daß sie unter den Ortsgerichten ebenso wie 
unter dem Synedrium als oberstem Landesgericht stehen, fällt damit zu- 
sammen, daß sie überhaupt Juden blieben. Daß einmal einzelne verklagt 
werden, aber wegen mangelnden Grundes wieder entlassen werden müssen, 
oder auch daß dies mit einer Züchtigung begleitet wird . . . ., ist an sich 
ganz denkbar (cf. Matth. 10, 17). . . . Durch die ganze Stellung der ersten Christen 
im jüdischen Gemeinwesen ist nun auch die Vorstellung ausgeschlossen, als 
ob dieselben auf jüdischem Boden im allgnmeinen sich eine besondere Syna- 
goge eingerichtet und ihre Versammlung als solche neben die bestehende 
Synagoge gestellt hätten. Da die Synagoge der Regel nach eine Einrichtung 
der jüdischen Gemeinde ist, so hätte das soviel bedeutet, als sich vom Ge- 
meindeverband in jedem Sinn lossagen , und wäre daher dem Abfall gleich 
gewesen. Nur in Jerusalem kann die Frage aufgeworfen werden, ob hier 
nicht die Fremdensynagogen Gelegenheit zu einer solchen Einrichtung gaben. 
Es ist unsere Apostelgeschichte, welche uns eine unverfängliche Angabe über 
solche bringt : sie spricht c. 6, 9 von der Synagoge der Libertiner und Cyre- 
näer und Alexandriner und derer von Cilioieu und Asien, welche mit Stephanus 
disputierten. Es ist nicht ganz ersichtlich, ob dabei an eine einzige Synagoge 
zu denken ist« welche alle die Genannten umfaßte, oder an mehrere und wie 
viele. Für das letztere spricht, daß die Fremden, welche sich nach dieser 
Angabe in Jerusalem zu eigenen Versammlungen vereinigen, von der Lands- 
mannschaft ausgehen. Man könnte nun vermuten, daß die Christen als Lands- 
mannschaft der Galiläer (Act. 1, 11; 2, 7) eine ähnliche Stellung eingenommen 
haben; doch ist der Name nicht in zutreffendem Sinne nachweisbar. Nach 
Act. 24, 5 muß man annehmen, daß sie vielmehr unter dem Namen Nazaräer 
bekannt waren, und dieser wiederum bezeichnet wohl nicht die Herkunft 
des Vereins, sondern diejenige des Stifters und hat also einen anderen Cha- 
rakter Selbst aber wenn die Christen eine Synagoge als Galiläer in 

Jerusalem gebildet hätten, in ähnlicher Weise wie die Libertiner, so wäre 
daraus nicht viel über die Einrichtuug ihrer Gemeinschaft zu entnehmen, da 
wir ja auch darüber gar nichts vrissen, in welchem Sinne und unter welchen 
Formen jene Landsmannschaften sich als besondere Synagogen in Jerusalem 
eingerichtet haben. Für die ganze Frage ist aber doch nicht zu übersehen, 
daß wir in unsem Quellen den Namen der Synagoge überhaupt nicht auf 
die Christen angewendet finden." 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Jaden- zur Heidenmission. 41 

4en Eifrigsten ihrer jüdischen Landsleute nur zum Lobe gereicht 
haben. Glaubten sie die Person des künftigen Messias bereits 
zu kennen, so war das freilich in den Augen dieser ein schwerer 
Irrtum; aber durch den Kreuzestod schien der Lrglaube an der 
Wurzel bereits beseitigt, und jene Eifrigen konnten eben deshalb 
erwarten, daß „das Ärgernis" nun in sich selbst in Kürze zusammen- 
brechen, der messianische Eifer dagegen nachbleiben werde. Die 
jüdische Obrigkeit aber konnte die Sache abwarten und sich mit 
Überwachung begnügen. Spielte sich doch einstweilen noch die 
ganze Bewegung in den untersten Schichten ab^. 

Allein die Periode der Nachsicht bez. stoßweiser und nicht 
sehr kräftiger Reaktionen seitens der Judenschaft mußte aufhören 
und den schärfsten Repressalien weichen, sobald die (im jüdischen 
Sinn) bedingungslose oder ganz lax bedingte Heidenmission 
«ine offenkundige Tatsache wurde. Die Heidenmission spaltete 
aber zunächst die kleine Christenschar selbst und veranlaßte die- 
jenigen, welche sie ablehnten, näher an ihre nichtchristgläubigen 
Brüder heranzurücken. Der Apostel Paulus mußte über eine 
doppelte Gegnerschaft klagen und mit ihr kämpfen: sowohl die 
gesetzesstrengen Judenchristen verfolgten ihn, als auch, wie 
I Thess. 2, 15 f. zeigt, die Juden (ixdic&^avteg fffiäg .... xa>- 
Ivovxeg fifxag zoTg S&veaiv laX'^aai, tva ao)^(baiv), die somit der 
christlichen Mission unter den Heiden, obgleich sie sie im Orunde 
nichts anging, keineswegs mit verschräiAten Armen zuschauten. 

Die Anfänge der Heidenmission sind nicht völlig klar — 
Paulus ist nicht der erste Heidenmissionar gewesen^ — ; jedoch 
aus apriorischen Erwägungen und aus bestimmten Mitteilungen 
können wir folgern, daß der Übergang zur Heidenmission ein 



^) Man vgl., was Über Gamaliel Act. 5, 34 ff. erzählt ist. Niederes Volk, 
^. Job. 7,48. 49: /ijy xig ix x&v dex<^(^ inünsvoev elg avrov rj ix xCbv ^agi- 
aalcDv; dXXä 6 Sx^og o^xog 6 fitj yivtooxojv xov vöfiov inoQaxoi slaiv. Die 
Apostelgeschichte markiert jedoch c. 6, 7, daß auch Priester (angeblich ein 
•xokvg Sxlog derselben) hinzugetreten seien, and c. 15, 5 auch Pharisäer. 

*) Paulus hat nirgendwo in seinen Briefen den Anspruch erhoben, die 
fieidenmission Oberhaupt erst begonnen zu haben. Hätte er sie begonnen, 
«0 hätte er das gewiß nicht verschwiegen. Oal. 1, 16 sagt nur, daß der 
Apostel bereits seine Bekehrung als Berufung zur Heidenmission verstanden 
hat; aber daß diese selbst, als er sie auszuführen begann, etwas ganz Neues 
war, sagt die Stelle nicht. Man braucht auch nicht aus ihr zu folgern, daß 
daß Paulus sofort als Heidenmissionar aufgetreten ist; der Zweck der Offen- 
barung des Sohnes Gottes (tva eiayysXl^ayfAai avxov iv xoXg S^eoiv) kann sich 
ihm allmählich enthüllt haben. (Anders wäre es, wenn es sicher stOnde, 
daß er sofort nach seiner Bekehrung nach Arabien gegangen ist, um dort 
direkte Heidenmission zu treiben; allein es ist nicht bekannt, ob er sich 
sofort nach Arabien begeben hat, wie lange er dort gewesen ist, und ob er 
dort schon die direkte Heidenmission begonnen hat). Nur das ist anzunehmen. 



Digitized by 



Google 



42 Einleitong und Grundlegung. 

allmählicher war, sich aber als solcher mit zwingender Gewalt 
aufdrängte. Auch hier war alles durch die innnere Lage des 
Judentums bereits vorbereitet, nämlich durch den jüdischen 
Missionseifer, die zum Universalismus strebende Zersetzung und 
den abgestuften Proselytismus. Wir haben darauf in dem ersten 
Kapitel schon hingewiesen. 

Nach der Apostelgeschichte (cap. 6. 7) ^ war die älteste jerusa- 
lemische Christengemeinde aus zwei Elementen zusammengesetzt, 
dem palästinensisch-hebräischen und dem Element der Diaspora- 
Juden CEXkfjvioTai) '. Zwischen beiden trat frühzeitig eine Spannung 
ein; sie führte zur Einsetzung der sieben Armenpfleger, die der 
zweiten Gruppe angehörten und sämtlich griechische Namen trugen. 
Innerhalb dieser Gruppe, die wir uns im ganzen als freisinniger 
d. h. als minder streng in der buchstäblichen Gesetzesbeobachtung 
denken dürfen ', trat Stephanus, der Armenpfleger, besonders her- 

daß ftlr ihn, den Bekehrten, eine neue Berufung und ein neuer innerer Kampf 
nicht mehr nötig waren, um die Heidenmission zu unternehmen. Daß er 
trotzdem der Heidenmissionar bleibt, ist gewiß. Er hat das Recht der Mis- 
sion und die Pflicht wirklich begründet, und er hat die Bewegung aus 
unsicheren Anfängen zur weltumspannenden Mission erhoben. 

>) Für den Yer^Euser der Apostelgeschichte ist der Übergang der Juden* 
mission in die Heidenmission und die aus ihm resultierende Verwerfung des 
Judentums eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen; ja man darf sagen, 
daß er die Darstellung dieses Übergangs in den Hauptzweck seines Buches 
aufgenommen hat. Das beweist die Anlage der 15 ersten Kapitel sowie der 
Schluß des Buches c. 28,23 — 28 (die Verse 30 u. 31 sind ein Postscriptum). 
Nach Anführung von Jeeaj. 6, 9. 10 — eine für das Judentum vernichtende 
Prophezeiung, die der Ver&sser nun erftlllt sieht — l&ßt er den Paulus in 
den Juden sprechen: yv€oax6v ovv «jtcd vfitv dr« xots i^ectr djteardirj totJro 
t6 ofoxriQiov xov &eov' avtol xai dxovoovtat. Deutlicher kann man es nicht 
sagen, daß das Evangelium nicht den Juden, sondern den flbrigen Völkern 
gegeben ist — Was oben im Text von dem Werke der Heidenmission er- 
zählt wird, stützt sich auf die Apostelgeschichte, soweit als ich ihre Berichte 
fdr zuverlässig halte. Ihr Verfasser ist Pauliner; aber er motiviert den christ- 
lichen Universalismus sehr viel einfacher als Paulus oder vielmehr — er 
motiviert ihn gar nicht (das Evangelium ist universalistisch), wenn er auch 
nicht verschleiert, daß anfangs nur den Juden gepredigt worden ist und sich 
die Heidenmission langsam entwickelt hat. Die innerchristlichen Spannungen 
kommen dabei kaum zum Ausdruck. 

*) Daß es in Jerusalem aber auch Christen gab, die vorher Proselyten 
waren, zeigt Apostelgesch. 6, 5: Nix6iaoy ngooi^Xvxov, Das hinzugeftigte 
'Avxioxea zeigt ein besonderes Interesse für diese Stadt beim Verf. der Schrift. 

') S. Weizsäcker, Apost. Zeitalter * S. 51 £ Natürlich waren sie »gute* 
Juden, sonst hätten sie sich nicht in Jerusalem niedergelassen; aber es darf 
angenommen werden, daß diese Synagogen der Libertiner (Römer), Cyrenäer, 
Alexandriner , Cilicier und Asiaten (Act. 6, 9) auch hellenisierte Juden um- 
faßten, die durch hellenische Wissenschaft die jüdische Religion erweichten. 
Andererseits zählten auch sie exklusive Fanatiker in ihrer Mitte, und von 
ihnen ist der erste Ansturm gegen die Christen ausgegangen. Das palästi- 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission. 43 

vor. Die Anklage seitens einiger fanatischer Landsleute gegen 
ihn Tor dem Synedrium lautete, daß er fortgesetzt blasphemische 
Reden führe gegen „den heiligen Ort^ und das Gesetz, indem er 
behaupte, daß Jesus den Tempel zerstören und die Sitten, die 
Moses geboten habe, ändern werde. Diese Anklage wird in der 
Apostelgeschichte als erlogen bezeichnet; aber, wie die Rede des 
Stephanus beweist, war sie an sich begründet, erlogen war nur 
die Tendenz, die man den Worten gab. Stephanus hat nicht 
wider den Tempel und das Gesetz gesprochen, um ihren gött- 
lichen Ursprung zu bestreiten, sondern er hat die begrenzte Dauer 
dieser Einrichtungen behauptet. Damit setzte er sich allerdings 
in Widerspruch zu dem Tulgären Judentum seiner Zeit, aber 
schwerlich in Widerspruch zu allem, was jüdisch war. Daß es 
im Judentum, Yornehmlich in dem der Diaspora, bereits Rich- 
tungen gab, die den Tempelkultus ^, und in diesem in erster 
liinie die blutigen Opfer, für unwesentlich, ja für bedenklich 
hielten, steht fest. Ebenso gewiß ist auch, daß aus äußeren und 
inneren Gründen in manchen jüdischen Bjreisen die äußerliche 
Gesetzesbeobachtung nicht hoch geschätzt wurde bez. hinter der 
Moral mehr oder weniger zurücktrat. Es ist denmach historisch 
und psychologisch wohl yerständlich, daß ein für das Evangelium 
gewonnener Diasporajude die souveränen und exklusiven sittlichen 
Momente, welche dasselbe darbot^, mit schon bestehenden Dispo- 
sitionen in Bezug auf die relative Wertlosigkeit des Tempels und 
des Zeremoniengesetzes verband und das Ergebnis zog: der Messias 
Jesus wird den Tempelkultus abschaffen und das Zeremonien- 
gesetz ändern. Man beachte dabei das Futurum; die Apostel- 
geschichte scheint hier sehr genau zu berichten: Stephanus hat 
nicht zu Änderungen aufgefordert — erst der als Messias wieder- 
kehrende Jesus wird Wandel schaffen — , sondern er hat diese 
Änderungen prophetisch vorhergesagt und damit allerdings den 
Unwert der bestehenden Ordnungen behauptet. Zur Heidenmission 
hat er nicht aufgefordert, aber er hat sie durch sein Wort und 
seinen Tod doch mitbegründen helfen. 

nensische Judentum (das Synedrium) schloß sich an. In dem embryonalen 
Stadium erscheint also die erste Christenverfolgimg als eine Zänkerei und 
Spannung innerhalb des Diaspora-Judentums in Jerusalem. 

^) Zumal nachdem derselbe wiederholt durch das verweltlichte Priester- 
tum entweiht war. 

*) Auch daran darf hier erinnert werden, daß Jesus selbst den Unter- 
gang des Tempels prophezeit hat. Ich halte mit Weizsäcker (a. a. 0. S. 53) 
dieses Hermwort für echt. Es ist zum Ausgangspunkt geworden fQr eine 
innere Entwicklung seiner Jünger, die sie schließlich zur Heidenmission ge- 
führt hat. Vgl. über das Hermwort vom Untergang des Tempels und seine 
Bedeutung Wellhausens Kommentare zu den Synoptikem. 



Digitized by 



Google 



44 Einleitung und Grundlegung. 

Stephanus wurde gesteinigt und starb, wie Hus, (Ür eine 
Sache, deren Konsequenzen er wahrscheinlich noch nicht über- 
schaute; seine Steinigung ist nicht auffallend — diese Art von 
Jesusgläubigen konnte das orthodoxe Judentum am wenigsten 
vertragen. Auch die Anhänger des Stephanus wurden verfolgt — 
grell war ja auf einmal die kleine Christenschar in ihrer Gefähr- 
lichkeit beleuchtet — ; sie mußten Jerusalem yerlassen, nicht aber 
die Apostel (Act. 8,1); diese haben sich also mit Stephanus 
in dem Punkte der Anklage noch nicht für solidarisch 
erklärt^. Die Versprengten zogen in Judäa und Samarien umher 
und wirkten unfreiwillig-freiwillig als Missionare, d. h. als Apostel 
(Act. 8, 4); unter ihnen war der Gemeindepfleger Philippus der 
Bedeutendste; er predigte in Samarien und an der Küste. Wie 
er den äthiopischen Dynasten, einen Eunuchen, gewonnen und ge- 
tauft hat, wird ausführlich berichtet (Act. 8, 26 ff.), und das ist 
wohl yerständlich. Der Mann war kein Jude, sondern gehörte zu 
den ^(poßovfieyoi tbv ^e6y^; übrigens hätte er als Verschnittener 
auch nie Jude werden können. Indem er der christlichen Ge- 
meinde zugeführt wird, er, der „halbe" Proselyt und Eunuch, ist 
eine starre Schranke bereits gefallen. 

Allein ein Fall entscheidet noch nicht, und auch der zweite 
ähnliche Fall — Petrus tauft den ,,(poßovfievog^ Cornelius in 
Cäsarea — kann die prinzipielle Bedeutung noch nicht gehabt 
haben, welche der Verfasser der Apostelgeschichte ihm gibt*. 



») Dies scheut mir sehr wichtig und bezeugt zugleich die Treue der 
Berichterstattung der Apostelgeschichte an diesem Punkte. Verfolgt wurden 
augenscheinlich die Christen damals mit Auswahl; unbehelligt blieben solche, 
deren Devotion gegenüber dem Tempel und Gesetz zweifellos war, also zu- 
nächst auch noch Jacobus, Petrus und die anderen Apostel. Daß Petrus erst 
später, wenn auch nicht viel später, den ersten Schritt aus dem strengen 
Judentum getan hat, sagt die Apostelgeschichte deutlich genug. Anders 
Weizsäcker (a. a. 0. S. 60 f.), der den ersten Schritt schon hierher verlegt, 
aber sonst richtig bemerkt: , Es ist einleuchtend, daß diese Erkenntnis (näm- 
lich daß das Heil im Reiche, das zukünftige Heil, nicht mehr auf die Ver- 
pflichtung des Gesetzes gegründet sein kann) durch nichts so sehr erweckt 
und gefördert werden konnte, als wenn von pharisäischer Seite der Glaube 
an Jesus und sein Reich verfolgt wurde, weil durch denselben der unver- 
brüchlichen Dauer des Gesetzes uud dem Glauben an das Heil desselben 
Eintrag geschehe. Die Verfolgung ist daher die Befreiung des Christen- 
glaubens, sie ist das Mittel, dexfselben zur Klarheit über sich selbst zu 
bringen. Und sie ist in diesem Sinne an der Urgemeinde nicht vergeblich 
gewesen." 

*) Wenigstens hat sie sicher nicht dort gelegen, wo der Verfasser sie 
sucht; aber insofern war allerdings der Fall von hoher Bedeutung, als er 
Petrus nötigte, der Gesinnung und Praxis nun beizutreten, die die Stephanus- 
freunde bisher allein (ohne die Urapostel) befolgt hatten (s. die vorige An- 
merkung). Die Bekehrung des Hauptmanns von Cäsarea fahrte den Petrus 



Digitized by 



Google 



Der Übergang Ton der Juden- zur Heidenmission. 45 

So lange es sich um Proselyten, sei es auch um solche des 
weitesten Sjreises, handelte, konnte selbst der strengste Judenchrist 
eine Auffassung finden, die ihm ihre Aufnahme erträglich er- 
scheinen ließ: er konnte die recipierten Proselyten für Angehörige 
der Christengemeinde im weiteren Sinne halten, d. h. noch 
inuner far Proselyten. 

Der nächste und entscheidende Schritt geschah in Antiochien ; 
er ging wiederum von den verjagten Stephanusfreunden aus (Act. 
11, 19 ff.), die auf ihren Missionswanderungen nach Phönicien, 
Cypem und Antiochia gekommen waren. Zwar die Mehrzahl von 
ihnen hielt sich streng an die Judenmission, aber einige — 
cyprische und cyrenische Männer^ — predigten in der großen 



nnd mit ihm einen Teil der jerusalemischen Gemeinde ein wichtiges Stück 
weiter. Übrigens ist nicht zu verschweigen, daß die ganze Perikope Be- 
denken in bezug auf ihre Geschichtlichkeit erregt. Lucas hat sie, in der 
Überzeugung, daß hier der große Wendepunkt gegeben sei, mit einer in 
seinem Werke sonst vermißten Ausführlichkeit behandelt. 

^) Die Namen sind hier nicht genannt, aber c. 18, 1 werden als anti- 
ochenische Propheten imd Lehrer der (Cyprier) Barnabas, Simeon- Niger, 
der Cjrener Lucius, Manahem, der Vertraute [man darf nicht «Milchbruder" 
Übersetzen] des Tetrarchen Herodes, und Saulus genannt. Da nach Act 1 1, 22 ff. 
Barnabas und Saulus erst nach Gründung der Gemeinde in Antiochien dort- 
hin gekommen sind, so darf man vielleicht in den drei anderen Personen die- 
Gründer der Gemeinde und also auch die ersten Heidenmissionare erkennen. 
Aber Barnabas muß unter den Begründern der Heidenmission 
doch an erster Stelle genannt werden; er muß die freie Anschauung 
selbständig erworben haben. Das zeigt das Verhältnis des Paulus zu ihm. 
Ein cyprischer Levit, gehörte er von Anfang an der jerusalemischen Ur- 
gemeinde an (vielleicht war er schon im Gefolge Jesu gewesen, s. Clemens, 
Strom. II, 20; Euseb., h. e. 1, 12; Clemens Rom., Hom. 1,9) und hatte sich in 
ihr durch einen Akt der Opferwilligkeit eine bedeutende Stellung verschafft 
(Act. 4, 86 f.). Unzweifelhaft ist er die Mittelsperson zwischen Paulus und 
den Uraposteln gewesen, so lange eine solche nOtig war (Act. 9, 27), und 
ebenso der Vermittler zwischen Jerusalem und Antiochien (Act. 11, 22 ff.). Er 
ist auf der sogenannten ersten Missionsreise des Paulus fast die Hauptperson 
(Act. 18. 14). Seitdem er sich ganz der Heidenmission gewidmet hatte, scheint 
sein Ansehen in Jerusalem nicht das alte geblieben zu sein. Man mißtraute 
auch ihm, und er mußte, wie Paulus, sein Verhalten rechtfertigen (Act. 15; 
Qtkh 2). In der kritischen Situation, die dann in Antiochien eintrat, hat er, 
von Petrus verführt, die Probe nicht bestanden (so wenigstens nach dem 
Bericht des Paulus Gal. 2, 13; aber was für Paulus Heuchelei gewesen wäre, 
brauchte es für ihn nicht zu sein). Die gemeinsame Missionstätigkeit mit 
Paulus hört nim auf (die Apostelgeschichte läßt sie auch mit einem Miß- 
klang enden, aber nach ihr [c. 15, 86 ff.] haben sich die beiden Apostel 
darüber gestritten, ob Marcus mitzunehmen sei). Barnabas geht mit Marcus 
nach Cypem. Als Paulus den I. Corintherbrief und den Galaterbrief schrieb, 
war er noch als Missionar tätig, und sein Name war auch den Corinthem 
nicht unbekannt (s. I Cor. 9, 6). Daß Paulus den Galatem die »Heuchelei** 
des Bamabas nach Jahr und Tag noch erzählt, ist ein Beweis dafQr, wie 



Digitized by 



Google 



46 Einleitang und Grundlegung. 

Weltstadt Antiochia auch den Hellenen^ und fanden bei ihnen 
eine gute Wirksamkeit. Diese Männer sind die ersten 
Heidenmissionare gewesen und haben die erste Heidenkirche 

— eben in Antiochia — gestiftet. In ihr Werk aber traten 
Bamabas und Paulus (Act. 11, 23iF.) ein, um schnell die eigent- 
lich Leitenden zu werden*. 

Die bekehrten Hellenen in Antiochien, Syrien und Cilicien 

— denn dort entfalteten Bamabas und Paulus bald darauf ihre 
Mission — mögen in den ersten Jahren größtenteils frühere 



unvergeßlich dem Apostel diese Katastrophe ist, in der die ganze Heiden- 
mission auf dem Spiel gestanden hat, fordert aber nicht die Annahme, daß 
Paulus sich noch von Bamabas getrennt weiß. £r wird in jener Erzählung 
überhaupt nur erwähnt, um die Größe des Unheils, welches die Feigheit des 
Petrus angerichtet hatte, schlagend zu charakterisieren. Der gewählte Aus- 
druck (xcu BoQvdßag awanrix^) zeigt zudem, daß er halb willenlos mitfort- 
gerissen wurde. Die Stelle I Cor. 9, 6 beweist, daß Paulus in Bamabas immer 
noch den Apostel Christi gesehen und in diesem Sinne in seinen Gemeinden 
von ihm gesprochen hat (s. auch Coloss. 4, 10; aus der Stelle geht hervor, 
daß Bamabas auch den asiatischen Christen als eine Größe bekannt war). 
Aber ein herzliches Verhältnis zwischen beiden, die so lange Zeit hindurch 
so Großes zusammen erlebt hatten, kann doch nicht bestanden haben; das 
Schweigen in den Briefen des Paulus und in der Apostelgeschichte (nach 
c. 15) ist beredt. Wir aber haben in Ansehung der Heidenmission nach 
Paulus Bamabas als den verdientesten zu schätzen, ja wir können ahnen — 
denn das lassen die Quellen gerade noch zu — , daß seine Verdienste in bezug 
auf die Beschwichtigung der Sorgen und des Argwohns der jerusalemischen 
Muttergemeinde noch weit größere gewesen sind, als die uns erhaltenen Be- 
richte sagen. Vielleicht besitzen wir ein Schreiben des Bamabas — nicht 
den sogenannten Bamabasbrief, aber den Hebräerbrief. Die Zeugnisse, daß 
er der Verfasser sei, sind nicht schlecht, aber doch nicht ausreichend, und 
die inneren Gründe sprechen gegen diese Annahme. Ob er von Cypem aus 
nach Alexandrien gegangen ist und dort gewirkt hat, wie die pseudoclemen- 
tinischen Homilien wissen wollen (Buch I u. 11)? 

*) So ist 11, 20 zu lesen, nicht ^Hellenisten*. — Daß gerade in Anti- 
ochien die heidenchristliche Predigt begonnen hat, ist nicht aufßallend. Nur 
in einer internationalen, nivellierenden Großstadt war diese Wendung möglich 
oder drängte sich vielmehr auf, sofern sie nicht durch eine prinzipielle neue 
Erkenntnis bedingt war. Eine solche aber hat höchst wahrscheinlich jenen 
ersten Missionaren noch gefehlt. Sehr merkwürdig ist, daß man nichts von 
einem Gegensatz der Judenchristen und der Heidenchristen in Antiochien 
selbst hört. Die dort bekehrten Juden müssen sich, zersetzt und kosmo- 
politisch wie sie waren, der gesetzesfreien Gemeinschaft einfach angeschlossen 
haben. £rst die jerusalemische Gemeinde tmg den Streit in die antiochenische 
hinein (s. Act. 15, 1 und GaL 2, 11—13). 

*) Alles, was sich in der Apostelgeschichte direkt oder entfemter auf 
Antiochien bezieht, ist besonders wertvoll; denn die Überlieferung, Lacaa 
sei ein antiochenischer Arzt gewesen, verdient Glauben. Bereits c. 6 und 
<He zugehörigen folgenden Stücke der Apostelgeschichte tendieren auf 
Antiochien. 



Digitized by 



Google 



Der Obergang von der Jaden- zur Heidenmission. 47 

y^q)oßoifjLBvoi.^ gewesen sein^, aber gewiß nicht ausschließlich. 
Jedenfalls bildete sich in Antiochien eine Gemeinde, die der 
Mehrzahl nach aus Unbeschnittenen bestand, und die nun selbst 
die Mission bei den Heiden in die Hand nahm^. Für 
diese Gemeinde kam zuerst — die heidnischen Gegner prägten 
den Namen — die Bezeichnung y^Xgcoriavol^ auf (Act. 11, 26). 
Diese Bezeichnung ist für sich selbst ein Beweis, daß sich die 
neue Gemeinde in Antiochien kräftig von der Judenschaft abhob'. 

Die heidenchristlichen Gemeinden Syriens und Ciliciens hielten 
das Gesetz nicht, wußten sich aber doch als das Volk Gottes im 
vollsten Sinne des Wortes und waren darauf bedacht, mit der 
Muttergemeinde in Jerusalem Fühlung zu haben und von ihr an- 
erkannt zu werden*. Für die meisten dieser bekehrten kosmopoli- 
tischen Juden und Griechen genügte die Versicherung, daß Gott 
ja bereits durch die Propheten den Unwert der Opfer hat ver- 
kündigen lassen^, und daß man deshalb alles Zeremonielle im 
Gesetz allegorisch deuten und sittlich verstehen müsse ^. Auch 
die anderen heidenchristlichen Gemeinden, die sich nun durch 
imbekannte Missionare bildeten (z. B. die römische), urteilten 
zunächst so. 

Allein so einfach hat sich der Apostel Paulus mit dem Gesetz 
nicht abgefunden. Entwertet durch den stillen auflösenden Gang 
der Zeit und der Verhältnisse war ihm kein Teil desselben; es 
bestand vielmehr in allen seinen Geboten zu Recht. Abrogiert 
kann es nur von dem werden, der es gegeben hat, von Gott 



*) Cf. Havet, Le Christianisme T. IV p. 102: ,Je ne sais s'il y est 
entr^, du vivant de Paul, un seul paTen — je veux dire un homme qui ne 
connüt pas d^jä, avant d'y entrer, le judai'sme et la Bible." Das ist wohl 
übertrieben, aber wird doch wesentlich richtig sein. 

») Act. 13, 1 ff. 

») Näheres über den Namen , Christen" s. im 3. Buch. — Die heiden- 
christliche theologische Terminologie, soweit das Heidenchristentum eine 
solche brauchte, muß auch in Antiochien entstanden sein. 

*) Man vergleiche, was die Apostelgeschichte (11, 29 f ; 12, 25) von einer 
Spende erzählt, welche die jüngst gestiftete antiochenische Gemeinde nach 
Jerusalem zur Zeit der Hungersnot unter Claudius gesandt hat. Das war 
dieselbe Hungersnot, in der die Königin Helena von Adiabene die armen 
Jerusalemiten so reichlich unterstützte. 

*) An dem Opferwesen hat man sich durchweg das Recht klar gemacht» 
den Buchstaben preiszugeben; denn das Opferwesen war bereits für weite 
Kreise in die Feme gerückt und entwertet. Das übrige Gesetz folgte dann 
wie von selbst nach. 

*) Daß dies die vulgäre heidenchristliche Anschauung war, erkennt 
man besonders deutlich aus der nachapostolischen Literatur. Sie war also 
in Kraft geblieben trotz der sehr abweichenden und energischen Lehre des 
Paulus. 



Digitized by 



Google 



48 Einleitung und Grundlegung. 

selbst, und auch Gott kann es nur so aufheben, daß er es zugleich 
in seinem Rechte bejaht, d. h. für seine Erfüllung sorgt und es 
eben dadurch aufhebt. Dies alles ist geschehen: durch den 
Kreuzestod des Sohnes Gottes, Jesus Christus, und die Auf- 
erstehung ist das Gesetz erfüDt und aufgehoben. Ob diese Be- 
trachtung und Spekulation eine sekundäre und abgeleitete war 
(gewonnen an dem Besitz des Geistes und des neuen Lebens, das 
der Apostel in sich fühlte), ob sie eine primäre war (gewonnen 
an der Gewißheit der Sündenvergebung), ob beides zusammentraf, 
diese Frage braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Genug, daß 
er überzeugt war, durch den Tod und die Auferstehung des 
Christus sei bereits die neue Zeit angebrochen: „Die Zukunft ist 
schon Gegenwart geworden, und der Geist regiert." In dieser 
Gewißheit erkannte er in dem Evangelium fest und sicher die 
neue Religionsstufe, wie er sich auch selbst als eine neue 
Kreatur fühlte. Die neue Religionsstufe ist die Stufe des Geistes 
und der Wiedergeburt, der Gnade und des Glaubens, des Friedens 
und der Freiheit: alles Alte, auch alle früheren Gottesoffen- 
barungen, hat sie als Religionen des Sündenstandes unter und 
hinter sich. Von hier aus konnte er, der Jude und Pharisäer j 
sogar die große Konzeption wagen, mit der er alle gesunde 
Religionsphilosophie und die ganze vergleichende Religions- 
geschichte begründet hat, nämlich die „natürliche'' Gotteserkenntnis 
der Menschheit bez. das, was sich unter dem Prinzipat des Ge- 
wissens in ihr entwickelt hatte, mit dem Gesetze des erwählten 
Volkes zusammenstellen (Rom. If.). Beides ist, wenn auch in 
verschiedener Weise und nicht gleichwertig, göttliche Offenbarung 
— das Beste, was die Menschheit bisher besessen hat — , und 
beides hat doch nicht ausgereicht, sondern den Sündenstand ver- 
mehrt und zum Tode geführt. 

Eine neue Religion ist gegeben — eben deshalb ist die 
Heidenmission nicht eine Möglichkeit, sondern eine Pflicht, die 
Gesetzesfreiheit nicht eine Konzession, sondern die entscheidende 
und beseligende Form des Evangeliums. Daß es in keinem Sinn 
Gesetz ist, sondern Gnade und Gabe, darin liegt ja sein Wesen 
begründet. Der geborene Jude mag sich auch als Christ be- 
schneiden lassen und die Gesetzesgebote halten — er hält damit 
das jüdische Volk in Bjraft, dessen Rolle im weltgeschichtlichen 
Plane Gottes noch nicht ausgespielt ist — ^, aber für seine 

*) Indessen da der geborene Jude, der Christ geworden, nach der Mei- 
nung des Paulus mit den Heidenchristen in Lebens- und Tischgemeinschaft 
treten soll, so wird damit die Gesetzesbeobachtung an einem sehr wichtigen 
Punkte durchbrochen. Über dies Problem hat Paulus wohl nur deshalb« 
nicht weiter nachgedacht, weil er an das nahe Weltende glaubte. 



Digitized by 



Google 



Der Übergang Ton der Juden- zur Heidenmission. 49" 

Seligkeit ist das Gesetz belanglos; der geborene Heide aber darf 
sich nicht beschneiden lassen und darf das Gesetz nicht halten; 
denn er würde durch solches Tun erklären, daß Christus umsonst 
gestorben ist. 

In diesem Sinne hat der große Apostel den Heiden Christus 
den Gekreuzigten gepredigt und die Heidenmission sowohl prinzipiell 
begründet als tatsächlich verwirklicht. Was die anderen vor ihm 
getan, war, gemessen an seiner Überzeugung, unbefestigt und 
fragwürdig; es schien zu demselben Ziele zu fuhren, aber es 
wurde weder dem Gesetze noch dem Evangelium ganz gerecht. 
Paulus zertrümmerte mit dem Kreuz Christi die Religion Israels, 
während er sie doch niit größerer Ehrfurcht und strengerem 
Gehorsam umfaßte, als jene; er erklärte, die Zeit Israels sei 
abgelaufen. Zwar mit einer fast unbegreiflichen Pietät ehrte er 
die Judenchristengemeinde Jerusalems, aus der ihm doch soviel 
Feindschaft entgegengebracht wurde; aber er ließ darüber keinen 
Zweifel, daß nun „die Zeiten der Heiden'^ gekommen seien, daß 
also judenchristliche Gemeinden, wenn sie nicht mit den heiden- 
christlichen zu der einen „Kirche Gottes" verschmölzen, in ihrer 
Exklusivität ein wirkliches Existenzrecht nicht mehr besäßen. 
Seine religiöse und religionsgeschichtliche Konzeption war, auf 
den Kern gesehen, von größter Einfachheit, weil sie auf einer 
einzigen Tatsache fußte. Auf eine kurze Formel aber läßt sie 
sich nicht bringen, ohne bis zur Flachheit entstellt zu werden, sie 
ist immer nur in einem paradoxen Medium lebendig. An Stelle 
des Mittels und der Mittel, die er aufgebracht hat, und in denen 
sie für ihn gültig und gesichert war, können auch andere Mittel 
treten : das haben bereits in der nächsten Generation der Verfasser 
des Hebräerbriefes und jener große Unbekannte bewiesen, der die 
Johanneischen Schriften geschrieben hat. Seitdem sind noch viele 
andere Lehrer aufgetreten, die das paulinische Evangelium anders 
begründet haben — ich nenne aus dem 2. Jahrhundert zwei so 
verschiedene, wie Marcion und Clemens Alexandrinus — ; aber 
was sie transformierten, war nicht die Frucht und der Kern. In 
dem Kerne sind sie vielmehr mit dem Apostel einig: der nach- 
geborene Historiker hat das hohe Vorrecht, dort Einheit in den 
ersten und letzten Dingen sehen zu dürfen, wo die Begründungen 
und Beweise sehr verschieden sind. 

Paulus, der Pharisäer, hat das Volk Israel und die Religion 
Israels in der Geschichte entthront^; er hat das Evangelium von 

*) Kein Wunder, daß die Juden später behaupteten, er sei ein Ter- 

kappter Heide; s. Epiph., haer. 30, 16: xcu xov Jlavkov xaxriyoQwnsg ovx 

alaxvvovrai btutl&axoig xtai xtjg x&v yfevSajiocx6l<a¥ avx&v xaxovqylaq xcu nXdvrje 

X6y<Hg Ti&toifjfUvoiQ, Tagoia fihv avx6v, d>s avx6s 6fioXoyeT xcu ovx ä^eixai,. 

Harnaok, Mission. 2. Aafl. 4 



Digitized by 



Google 



50 Einleitung und Grundlegung. 

dem jüdischen Boden losgerissen und auf den Boden der Mensch- 
heit verpflanzt ^. Kein Wunder, daß die volle Reaktion des Juden- 
tums gegen das Evangelium nun erst begann — die Reaktion 
der Juden und der Judenchristen. Die Feindschaft der Juden 
zeigt jedes Blatt der Apostelgeschichte vom 12. Kapitel an^, und 
auch aus den evangelischen Berichten, deren Quellen bis in die 
Zeit vor d. J. 65 zurückreichen, lernt man sie kennen*. Die Juden 
versuchten nun die palästinensischen Gemeinden auszurotten und 
die christlichen Missionare zum Schweigen zu bringen. Sie haben 
das Werk des Paulus unter den Heiden auf Schritt und Tritt zu 
hemmen gesucht. Sie haben die Ghristgläubigen und Christus 
in ihren Synagogen verflucht; sie haben die Massen und die 
Obrigkeit in allen Ländern aufgehetzt; sie haben die furchtbaren 
Vorwürfe gegen die Christen, dÜe schon im Zeitalter Trajans eine 
Rolle spielten, systematisch und offiziell in die Welt gesetzt (vfxdg 
xijg xatd tov ducalov xal fifx&v x&v in ixetvov xax^g ngoXrjyjeiog 



Xdyoyreg iS 'EXXijvcov dk avrov vnoxi'&svxai , kaßovtsg xijv nQ6q>aoiv ix tov xönov 
diä x6 q?iXdXi]'&sg vn axnov ^&Sv, Su, Tagaevg slfu, ovx dai^fiov ndXsoog JtoXirt^g, 
eha (pdoxovoty avrov elvcu "EXXrjva xai 'EXXtjvidog firjiQog xal "EXXijvog naxQog 
natda, ivaßsßrjxivai de stg 'legooSivfia xcu XQ^^^ ixsT fiSjMvrjxSvat, inite^nrj' 
xivat 08 ^vyaiBQa'' tov IsQiayg Jtgog ydfiov dyaysa^i xai jovrov ivsxa jiQoo^Xvroy 
yevia^cu xai mQitfitj^tjvat , sha fiij laßdvxa xrjv xÖQtjr m^Uf&ai xai xaxä xegi' 
xofifjg yeygaipivat xai xaxä aaßßdxov xai vopw&eaCag, 

^) Niemand hat das Ergebnis der Verpflanzung erhabener ausgedrückt 
als Lucas in der Geburtsgeschichte Jesu (o. 2), und zwar in den Worten, die 
er dem Engel und den Engeln in den Mund legt. — Von der Schätzung des 
Paulus in der Heidenkirche, einem sehr komplexen Problem, kann hier nicht 
gehandelt werden. Die höchste Schätzung findet sich bei den Marcioniten. 
Origenes (Hom. XXV in Lucam, t. 5 p. 181 f ed. Lommatzsch) erzählt uns, 
sie lehrten, Paulus sitze im Himmel zur Rechten Christi und Marcion zur 
Linken. Er fährt fort: „Porro alii legentes: Mittam vobis advocatum spiri- 
tum veritatis, volunt intellegere apostolum Paulum". Auch wenn die letz- 
teren in katholischen Kreisen zu suchen wären, was mir nicht wahrschein- 
lich ist, wäre diese Auffassung für die Großkirche nicht charakteristisch, 
sondern etwas Singuläres. 

') Nun begann auch der König Herodes die Verfolgung und zwar richtete 
er sich gegen das Kollegium der Zwölfe (Act. 12). Er statuierte ein Exempel 
und ließ den Jacobus Zebedäi hinrichten (warum er ihn herausgegriffen hat, 
wissen wir nicht). Dann ließ er den Petrus in Ketten legen, aber dieser 
entging dem Tode, mußte jedoch Jerusalem yerlassen. Dies geschah im J. 12 
p. mortem Chr. Seitdem scheinen nur noch einzelne Apostel in Jerusalem 
geblieben zu sein. Zur Zeit des sog. Apostelkonzils ist zwar Petrus wieder 
daselbst, aber die Konvention schließt Paulus nicht mit den Elfen, sondern 
nur mit ihm, dem Herrenbruder Jacobus und Johannes. Wo waren die 
librigen? Waren sie nicht mehr in Jerusalem, oder zählten sie in dieser An- 
gelegenheit nicht mit? 

') S. die AuBsendungsreden in den synoptischen Evangelien und auch 
die große eschatologische Rede. 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- znr Heidenmission. 51 

<xhioi) und die Verleumdungen über Jesum aufgebracht^; sie haben 
den heidnischen Ghristenfeinden das literarische Material geliefert; 
sie haben — wenn nicht alles täuscht — die neronische Christen- 
hetze inspiriert und fast überall bei den späteren blutigen Ver- 
folgungen im Hintergrunde oder im Vordergrunde der Aktion 
gestanden — „fontes persecutionum" nennt Tertullian die Syna- 
gogen — ; sie haben das Heidenchristentum, das sie doch gar 
nichts anzugehen schien, instinktiv als ihren eigentlichen Feind 
empfunden. Die Juden taten, was sie mußten: sie beschleunigten 
den Prozeß, der die volle Befreiung der neuen Religion von der 
alten bedeutete, und der dem Judentum die Losung der schon 
begonnenen Aufgabe, sich zur Weltreligion auszugestalten, entzog. 
In diesem Sinn hat die jüdische Feindschaft etwas Befriedigendes: 
sie half die beiden Religionen völlig von einander trennen und 
verstärkte, wenn es noch nötig war, in den Heidenchristen die 
Oewißheit, daß ihre Religion eine neue Schöpfung darstelle, und 

*) Justin (Dial. 17, cf. 108. 117), nachdem er die Juden fttr die Ver- 
leumdungen der Christen verantwortheh gemacht, behauptet, daß die jüdische 
Regierung in Jerusalem ausgesandt habe ävögag ixXsxjovg äjto 'leQovaaXrj/Ä slg 
jiäaav tijv yrjv, Xtyovtcig dtgeoiv ä^eov XQiariav&v nstprivhan, xaioliyovxais Jadra, 
&teg xa&* rjfiwv ol äyvoovvxeg fjf*äg Jidyteg Xfyovatv, okjt» ov fi6vov iavioTg ddixüig 
ahioi vnoLQXsxs, iüiXa xcu xolg äXXoig Sbuxötv äjrl6^ av^toxotg^ cf. 117: toO v/oO 
TOtJ i^«w ^ofia ßsßijixo&rjvcu xatä näoay xipf yfjv xcu ßXao<pff/MT&^ ol dgx^Q^^ 
jov Xaov Ifiwv xai dtddaxaXoi ei^daavto, u. c 108: ävögag ;f 6«^OToyiJaovT«ff 
ixXsxxovs ek Jiäaav tijv olxovfiivTjv htifixpaiBf xtiQvaaovtas Sri aXgeak ng ä&sog 
xal ävofwg eyVy^Q'^^ ^^ 'Ifjaad rivog raXdaiov nXdvov , Sv aiavQ€oadvta>v ^fidyv 
oi fia^xai avrov xXiy/avtBg avrw dn6 rot) ftv^fiatog wxjog .... jtXav&ai jovg 
dr&gwnov€ Xdyayrsg iyrfysQ^cu a^hv ix vsxq&v xcu sig ovQOVoy aveirjXvi^svcu, 
xajBindrrsg dsdidaxevat xal Tovxa Sjieq xaxa x&v SfAoXoyovvxaji^ XQtoxov xai dtöd- 
axaXov xai viov ^soi) slvat navxi yivBi 6.r&Q(on<ov ä'&ea xcu ävofMt xai av6ota 
Xeyexs. Verfluchung der Christen in den Synagogen: Dial. 16 (dazu: ovx i^ov- 
ciag ixexe avxoxstgsg yevea^at ^f*wv dia xoifg vvv ijttxQaxoOrxag [die Bömer], 
öodxig di 5v mvrfX9, xal xovxo higd$axe), 47. 93. 96. 96. 108. 117. 187: hier sagt 
Justin, daß die Verfluchung Christi im synagogalen Gottesdienst auf An- 
ordnung der Archisynagogen f^exä xifv ngoaevxrjy geschieht (daß sich die 
Jüdischen Proselyten aus den Heiden noch feindlicher gegen die Christen be- 
nehmen als die Juden selbst, sagt Justin ausdrücklich, Dial. 122); Hieron. in 
Jesaj. 52, 5; £piphan., haer. 29, 9. — Justin, Apol. I, 10; 1, 31 (im Barkochba- 
krieg wurden die Judenchristen blutig von den Juden verfolgt). TertuU. ad 
nat 1, 14: „et credidit vulgus ludaeo; quod enim aliud genus seminarium est 
in&miae nostrae?* adv. Marc. III, 23; adv. Jud. 13: „ab illis enim in- 
cepit infamia"; Scorpiace 10: „synagogae ludaeorum fontes persecutionum*. 
Iren. IV, 21, 3: „ecclesia insidias et persecutiones a ludaeis patitur*. 
IV, 28, 3 : „ludaei interfectores domini .... apostolos interficientes et perse- 
quentes ecciesiam*. Origenes bezeugt wiederholt, daß die Juden die Urheber 
der Verleumdungen gegen die Christen seien. Dazu s. Stellen wie Hom. I 
in Ps. 36 (t. 12 p. 154 ed. Lomm.): „Etiam nunc ludaei non moventur ad- 
versus gentiles, ad versus eos, qui idola colunt et deum blasphemant, et illos 
non oderunt nee indignantur adversus eos ; adversus Christianos vero insatia 



Digitized by 



Google 



52 Einleitung und Grundlegung. 

daß sie selbst nicht nur die Zugelassenen zweiter Ordnung, son- 
dern das neue Yolk Gottes seien, das an Stelle des alten ge- 
treten ist^. 

Aber auch die Judenchristen nahmen den Kampf auf; sie 
stellten an die antiochenische Gemeinde von Jerusalem aus die 
Forderung der Beschneidung. Die Folge dieser Forderung war 
das sogenannte Apostelkonzil. Wir haben zwei Berichte über 
dasselbe (Gal. 2 und Act. 16); aber jeder läßt an sich viel zu 
wünschen übrig, und beide sind schwer vereinbar. Der des Paulus 
ist mehr hingewühlt als hingeschrieben und strebt so gewaltsam 
der Mitteilung des schließlichen Ausgangs zu, daß die Vorstufen 
aus den abgerissenen Sätzen teils gar nicht, teils nur unsicher zu 
erkennen sind; der andere hat den endgültigen Ausgang, wenn 

büi odio feruntur* (s. auch p. 155). Vor allem ist der Bericht des Eusebius 
(in Jesaj. 18, 1 f.) von Wichtigkeit, dessen Quelle man leider nicht kennt 
(Justin ist jedenfalls nicht die Quelle desselben): svgofuv h xoXg x<ov xaXatwv 
ovyyQCLfifiaatVf ok oi xrjv 'hgovaaXrjfi olxothrrgs tot) rdb» 'lovdaüar fdrov^ legtlg 
xai XQeoßvregoi ygäpifioxa diaxagd^arxes eis ndrta du:tefiyfarto rä i^tfi tötg 
&j€<xrtaxov 'lovSaiotg diaßdXXanee xrjy X^tatov didctöpccdictw c&c cJügeotv Mcuyijy xal 
dXXoTQlap loO &eov, nagi^eXX6¥ xe ^i' hxtaxoX&v fitj xcLgcLÖi^aa^m avxi^p ..,,01 
xg dxöaxoXoi avx&p kntaxokäg ßißXlvaQ xofitC6furoi .... dxarxaxoO yfji 
dthgexov, x6v stegi xoO awt^Qog ^fi&y irdiaßdlXorteg Xdyor. djtooxöXovs dk eiohi 
Mcd vvr i&og ioxir 'lovdcJoii dvofidCeiv xovg kyxvxha ygafifuixa stagä xwr dgxd^' 
Tow avjwv hnxofuiofAhovQ. Nach dieser Stelle ist Paulus ein .Apostel* ge- 
wesen, bevor er ein Apostel wurde, und es läßt sich die Frage wohl auf- 
werfen, ob jene Eigenschaft nicht mit dazu beigetragen hat, daß er sich, 
Christ geworden, in und mit seinem Christenstand sofort zum Apostel be- 
rufen fahlte. 

^) In diesem Zusammenhang hat man auch auf den christlichen Sprach- 
gebrauch von idvri (^.gentes", »gentiles*) zu achten. Das Alte Testament 
stellt die idvri dem Volke Israel gegenüber (unter Umständen wird natOrlich 
auch dieses zu den «Völkern* gerechnet), und daher war es den Juden gani 
geläufig, auch die anderen Religionen lediglich dadurch zu charakteri- 
sieren, daß sie die Religionen der i^vti seien. Somit hatte ^^vri bereits im 
vorchristlichen Zeitalter bei den Juden eine Bedeutung, die sich mit unserem 
Wort »Heiden* (das vielleicht das von den Deutschen rezipierte Wort idnf 
selbst ist; s. darüber später) ungeföhr deckte. Paulus — und augenschein- 
lich nicht er allein — konnte es daher nicht bestehen lassen, daß ein Air 
das Evangelium gewonnener Nicht-Jude noch zu den iOvti gerechnet wurde. 
Er gehörte einst zu ihnen, nun aber nicht mehr (s. z. B. 1 Cor. 12,2: otdats 
drt Sxs i&ytj ^xe Ttgog xä et^mXa . . . ^yea^e); er zählt jetzt zum wahren Israel 
bez. zu dem neuen Volke. Offenbar sollte ursprünglich damit nicht gesagt 
sein, daß er seine Nationalität wirklich gewechselt hätte; allein es mußte 
den christlichen Kosmopolitismus und wiederum das Selbstbewußtsein, auch 
politisch etwas Besonderes zu sein, mächtig fördern, wenn man sich in dieser 
Weise einerseits allen i^ gegenüber stellte, andererseits sich als das neue 
Weltvolk faßte und von den Juden nichts wissen wollte. Daß, wo der Zu- 
sammenhang unmißverständlich war und es nur auf die nichtjüdische Her- 
kunft ankam, auch Christen noch als zu den i^ gehörig bezeichnet worden 
sind, braucht kaum besonders erwähnt zu werden. 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission. 53 

nicht alles trügt, durch die ungehörige Kombination mit einer 
anderen, späteren Aktion völlig vervirirrt und erregt auch sonst 
Bedenken. Aber feststellen läßt sich noch, daß Petrus, Johannes 
und Jacobus das Werk des Paulus anerkannt und ihm keine 
Vorschriften für seine Missionswirksamkeit gemacht haben; sie 
-selbst aber wollten, wie bisher, ausschließlich bei der Judenmission 
bleiben. Die Vereinigimg von Juden- und Heidenchristen zu einer 
Oemeinschaft des Gottesdienstes und des Lebens vnirde zunächst 
von Paulus nicht erreicht; nur das Prinzip war zum Siege ge- 
kommen. Weite Kreise der Judenchristen haben auch diese, 
freilich in sich haltlose und kurzlebige Konvention nicht anzu- 
erkennen vermocht, und dennoch war sehr viel gewonnen — durch 
die Abmachung selbst und noch mehr dadurch, daß sie über sich 
hinauswies. Die Judenchristen spalteten sich. Wie sie dabei 
Jahre hindurch (in Jerusalem und sonst) doch haben zusammen- 
halten können, ist ein schweres Rätsel. Der eine Teil fuhr fort, 
den Paulus und sein Werk mit glühender Feindschaft und mit 
allen Mitteln zu verfolgen: man suchte ihn zu vernichten. Gewiß 
war auch ehrliche Überzeugung dabei, die Paulus freilich nicht zu 
49ehen vermochte; doch hat er diesen „Eiferern um das Gesetz'' 
auf palästinensischem Boden bis zuletzt Konzessionen gemacht; 
nur außerhalb Palästinas ließ er sie nicht gelten, sobald sie auch 
Heiden für ihre Form des Christentums gewinnen wollten. Der 
andere Teil — und auf diesen Boden stellten sich Petrus und viel- 
leicht noch andere Urapostel — begann bald, wenn auch tastend 
und unsicher, über die Konvention hinauszugehen und auf dem 
außerpalästinensischen Gebiet mit den Heidenchristen in Lebens- 
gemeinschaft zu treten, auch die Judenchristen in diesem Sinne 
anzuleiten. Diese unsicheren Versuche endigten mit einer neuen 
Konvention, durch welche nun eine wirkliche Lebensgemeinschaft 
ermöglicht wurde. Bedingung war, daß die Heidenchristen sich 
vom Götzenopferfleisch, vom Genuß des Bluts und des Erstickten 
und von der Hurerei enthalten sollten. Seitdem ist Petrus und 
vielleicht noch dieser oder jener aus der Zahl der Urapostel in 
die Heidenmission eingetreten. Die letzte Schranke war gefallen ^. 

^) Daß es in der Diaspora — und zwar nicht nur in den Palästina be- 
nachbarten Provinzen — ursprünglich auch judenchristliche Gemeinden ge- 
geben hat (nicht nur einen Juden christlichen Bestand innerhalb der heiden- 
christlichen Gemeinden), darf man wohl annehmen. Aber solche judenchrist- 
liche Gemeinden müssen sich in Eleinasien, oder wo sie sonst existierten, 
verhältnismäßig schnell mit den heidenchristlichen, paulinischen verschmolzen 
haben. Die Gemeinden von Smjma und Philadelphia scheinen um das 
Jahr 93 (Apoc. Joh.) wesentlich aus bekehrten Juden bestanden zu haben; 
sie stehen aber im Verbände der anderen Gemeinden, als wären sie beiden- 
christliche. 



Digitized by 



Google 



54 Einleitmig und Grundlegung. 

Bewundern wir die Größe des Paulus, so gilt unsere Bewunderung 
nicht minder den Uraposteln, die um des Evangeliums willen auf 
eine Lebensweise eingingen, die ihr Herr und Meister, mit dem 
sie gegessen und getrunken, sie nicht gelehrt hatte. 

Das Judenchristentum, welches in Lebensgemeinschaft mit 
den Heidenchristen trat, hob sich damit selbst auf: Petrus ist in 
der zweiten Periode seiner Wirksamkeit kein „Judenchrist'' mehr 
gewesen, sondern „Hellene" geworden^; aber noch blieben zwei 
judenchristliche Parteien, nämlich die, welche auf der Konvention 
des Apostelkonzils verharrte, den Heidenchristen ihren Segen gab, 
aber im Leben von ihnen abrückte, und die, welche die Heiden- 
kirche als eine Pseudokirche zu bekämpfen fortfuhr. Eine kirchen- 
geschichtliche Bedeutung konunt beiden nicht mehr zu, dazu 
waren sie numerisch zu schwach; Justin, der es wissen mußte, 
sagt Apol. I, 53, das jüdische Volk habe Jesum verworfen „^^v 
dilycDv Tivcbv^. Li der Diaspora waren Judenchristen — Syrien 
und Ägypten ausgenommen — kaum vertreten^, dort fühlten sich 

*) S. Pseudoclemens, Hom. XI, 16: iäv 6 dXXSipvXtK rov vS/iov ngd^jj, 
*Iov6aX6g iariv, firj jtgd^ae de 'lovöaiog ^XXrjv. Die Missionstätigkeit muß Peims 
zuletzt ganz an die Seite des Paulus gerückt haben (s. I Clem. 5) — sonst 
bliebe seine Schätzung in der Heidenkirche vollends unerklärlich — , aber 
wir wissen nichts Genaueres Aber sie. Zuf&llig erfahren wir (Gal. 2), daß er 
in Antiochien gewesen ist. Der I. Corintherbrief macht es wahrscheinlich, 
daß er bald nach der Stiftung der connthischen Gemeinde vorübergehend 
auch nach Corinth gekommen ist. Es ist auch ein Zufall zu nennen, daß 
wir das hören. Lucas hat nach c. 12 der Apostelgeschichte das Interesse 
fOr die Missionstätigkeit des Petrus verloren; warum, ist nicht recht klar. 
Wenn er bei Judenchnsten in universalem Sinn gewirkt hat, ohne doch 
ihre Lebensführung von dem Judentum sofort zu befreien, so versteht man 
es, daß die heidenchristliche Überlieferung kein besonderes Interesse an seiner 
Tätigkeit genommen hat. Einmal aber muß in seinem Leben der Moment 
eingetreten sein, in welchem er ganz auf die heidenchristlichen Grundsätze 
eingegangen ist. Man kann vermuten, daß das nicht erst in Rom geschehen 
ist, sondern schon damals, als er in Corinth war. (In Rom war er kaum 
wenige Monate, dann wurde er gekreuzigt. Wir besitzen dafür ein urkund- 
liches Zeugnis, das merkwürdigerweise bisher nicht beachtet worden ist. 
j 3 - 5 c" f Pgrphyrius schreibt bei Macarius Magnes (III, 22) : taiogetrai firjd' dkfyovg 
, «. r T^fi^vas ßooxi^aag xä nQoßaxta 6 Jlhgog iazavQÖia^ax. Das kann sich nur auf 
den römischen Aufenthalt beziehen. Das Zeugnis ist um so wichtiger, als 
Porphyrius lange in Rom gelebt und dort eingehend sich mit dem Christen- 
tum befaßt hat. Sollte aber der Heide bei Macarius nicht Porphyrius selbst 
sein, so hat er ihn ausgeschrieben). Dennoch müssen wir gestehen, daß uns 
die Mittel fehlen, um jene Schätzung des Petrus wirklich erklären zu können, 
die ihn erst neben (s. Clemens und Ignatius), dann über Paulus gestellt hat. 
Auch daß der Brief, den wir im N. T. als I. Petrusbrief lesen, ihm beigelegt 
worden ist, ist ein Rätsel, das kaum mindere Schwierigkeiten bereitet fiJs 
die Annahme, das Schreiben sei wirklich von ihm. 

*) Doch haben einzelne Versuche der Propaganda nicht gefehlt. Dahin 
gehören die Grundschriften der pseudoclementinischen Literatur, gehört 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Jaden- zur Heidenmission. 55 

die Heidenchristen als die Herren, ja fast als die Einzigen^, und 
es dauerte nur noch bis gegen das Jahr 180, da wurden die Juden- 
christen in die Ketzerkataloge der großen Kirche eingerückt. Man 
zahlte ihnen also heidenchrisüicherseits mit der gleichen Münze 
heim: die Ketzer machten ihre früheren Richter zu Ketzern. 

Aber auch die Beziehungen der Judenchristen zu ihren 
Stammesgenossen, den Juden, yerschlechterten sich bald — soweit 
überhaupt leidliche Beziehungen bestanden hatten. Die Zerstörung 
Jerusalems und des Tempels scheint hier die letzte Krise, die 
mit dem vollen Bruch endigte, hervorgerufen zu haben 2. Kein 
Christ, mochte es auch ein einfacher Judenchrist sein, konnte 
die Katastrophe des jüdischen Staates, seiner Stadt und seines 
Heiligtums, für etwas anderes halten als für die gerechte Strafe 
des Volkes, das seinen Messias gekreuzigt hatte. Damit hörte er 
eigentlich auf, Jude zu sein — gewiß hat übrigens die Katastrophe 
das exklusive palästinensische Judenchristentum dezimiert und 
eine betrachtliche Anzahl sei es zum Judentum zurückgeführt 
sei es in die große Kirche getrieben — ; denn ein Jude, der den 
Untergang seines Staates und des Tempels als göttliche 
Schickung acceptierte, mordete sich damit selbst. Indessen, welcher 
Inkonsequenz sind nicht Gefühle föhig, die an eine starke Über- 
lieferung gebunden sind! Es gab doch Judenchristen, die nach 
dem Fall Jerusalems das blieben, was sie waren, also augen- 
scheinlich über den Fall des Tempels klagten und doch in diesem 
Fall eine gerechte Strafe sahen! Durften sie wünschen, daß der 
Tempel wieder erbaut würde, oder durften sie das nicht wünschen? 
Daß sie ihren Landsleuten, den echten Juden, nun zum doppelten 
Ärgernis wurden, ist wohl verständlich. So gerieten diese armen 
Leute dauernd zwischen zwei Feuer: die Juden verfolgten sie 
mit grinmiem Haß', und die Heidenkirche beurteilte sie als 

Symmachus und seine literarische Tätigkeit am Ende des 2. Jahrhunderts 
sowie jener Elkesait Alcibiades aus Apamea in Syrien, der nach Rom kam, 
und von dem Hippolyt in den Philosophumenen berichtet. Das gnostische 
Judenchristentum — ihm sind alle diese Erscheinungen zuzurechnen — konnte 
mehr Gehör in der Heidenwelt erhoffen als das strenggläubige, da es syn- 
kreÜstisch war. Auf Einzelheiten hier einzugehen, würde zu weit führen. 

^) Wie sich das Blatt gewendet hat, erkennt man bei Justin, Dial. 47. 
Die Heidenchristen lassen sich längst keine Bedingungen mehr vorschreiben, 
sondern sie erwägen ihrerseits, ob und wie weit sie Judenchristen als christ- 
liche Brüder anerkennen können, und verfahren dabei sehr rigoros. 

*) Wann sich die Judenchristen von jeder Beziehung zu den Synagogen 
getrennt haben bez. trennen mußten, wissen wir nicht ; wir können nur ver- 
muten, daß, wenn diese Beziehungen bis zum Jahre 70 bestanden haben, sie 
dann aufhörten. 

•) Epiphanius (h. 29, 9): ov fAdtfov ol x&v 'lovdaitov Jiatdeg jiQog tovzovg 
xixtffvjcu /jtToog, dXXa dptotdfuvoi ioy&ev xal fUafjg tj/idQai xai :i€qI t^v iojiiQav„ 



Digitized by 



Google 



y 



^6 Einleitung nnd OnmcUegong. 

Ketzer, d. h. als Nichtchristen. „Semijudaei^ und ^Semichristiani^ 
zugleich hat sie Hieronymus genannt, der sie noch persönlich ge- 
kannt hat^. Er hat nicht Unrecht; sie waren wirklich „Halbe''; 
sie waren Halbe, obgleich sie die Lebensweise befolgten, die 
Jesus selbst befolgt hatte. Unter dem Druck des Buchstabens 
J^esu sind sie langsam gestorben. 

Kaum gibt es eine Tatsache, die des Nachdenkens so würdig 
ist, wie die, daß die Religion Jesu auf jüdischem und auch auf 
semitischem Boden keine Wurzeln hat fassen können^. Es muß 
doch etwas in dieser Religion gelegen haben und liegen, was dem 
freieren griechischen Geist verwandt ist. In gewisser Weise ist 
ja das Christentum bis auf den heutigen Tag griechisch geblieben ; 
denn die Formen, die es auf diesem Boden angenommen hat, 
sind in den großen Kirchen — auch im Protestantismus — wohl 
modifiziert, aber nicht abgestreift worden. Welche Kraftprobe aber 
ist es gewesen, die diese Religion im zartesten Kindesalter erlebt 
hat! „Gehe aus deinem Vaterland und aus deiner Freundschaft 
in ein Land, das ich dir zeigen will, und ich will dich zum großen 
Volke machen. ** Der Islam ist in Arabien entstanden und über- 
all arabische Religion geblieben; die Kraft seiner Jugend war 
auch die Kraft seines Mannesalters. Die christliche Religion ist, 
fast unmittelbar nach ihrer Erscheinung, aus dem Volke vertrieben 
worden, dem sie angehörte. Sie mußte so gleich anfangs unter- 
scheiden lernen, was Kern und was Schale sei^. 

Für den dezidierten AntiJudaismus, der sich bereits in der 
ältesten Heidenchristenheit ausbildete, ist Paulus nur zum Teil 
verantwortlich. Lehrte er auch, daß die Zeiten der Juden {jiäaiv 

TQig Tßs ^fidga^f Sxe evxa^ htiieloftoiv h xaXi avt&r avraytoyäi^ , kncLQmvxoA 
avToXg xai dva^e/4atiCovai qmoxovxsg Sxi ' 'Ejaxatagdooi 6 ^eog xovg Na^oyqalovg. 
xai yoQ xovxoig jteQiaoSxsQov irixovai, dia x6 auto 'IovMa>v avxovg Svxag *Itjoavr 
xfjQvaosiv elvat Xqiüxov, Sjisq iaxiv havxlov jiQog xovg ixi *Iovdaiovg xovs Xqioxov 
fiTj de^afievovs. 

') Epiphanias (1. c.) sagt von ihnen: 'lovdduH fiäXXov xcd ovdev hegov 
sidvv de o^oi ix^Qoi xotg 'lot^dcuotf vjioqxovoiv. 

*) Die Syrer bilden eine gewisse Ausnahme; aber wie stark grftcisiert 
diese syrische Kirche, obgleich sie ihre eigene Sprache beibehalten hat! 

') Das Evangelium verband sich besonders enge mit dem Griechentum, 
aber exklusiv ist es auch in dieser Verbindung in unserer Periode nicht ge- 
worden; im Gegenteil — man legte, wie schon der Apostel Paulus getan, 
das höchste Gewicht darauf, daß alle Völker berufen seien und das Evange- 
lium von Angehörigen aller Nationen aufgenommen sei. Als primi inter 
pares galten allerdings die Griechen, und ihr Ansehen mußte in dem Maße 
wachsen, als man auf die Tradition Gewicht legte und diese doch nicht bis 
zu den Juden zurückfahren konnte und durfte (die Berufung auf die jerusa- 
lemische Gemeinde war seit der Mitte des 2. Jahrhunderts eine Berufung auf 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission. 57 

^v^Qcojioi^ havxioiv, I Thess. 2, 15) jetzt vorüber seien, so konnte 
und wollte er doch an eine definitive Verstoßung des Volkes 
Gottes nicht glauben; sein letztes Wort darüber hat er Rom. 11 
gesprochen: ov ^iXo) vjuäg äyvoeiv rd juvaxiJQiov rovro, 8u TtcAgcDoig 
änd juiQovg t0 *IoQa^k yiyovev äxQig ov rd nkiJQcojua xoyv t9v(bv 
elaiX^, xal oürcog nag ^loQarjk ooj'&rjOBxai .... äfxexafiekrjxa 
yaQ tä xoLQiOjuara xal ^ xX^oig tov '&bov. In diesem Sinn ist Paulus 
Judenchrist geblieben: die Zweiheit der Menschheit (Juden und 
„Völker'*) bleibt trotz der einen Kirche Gottes, die sie umspannt, 
in gewisser Weise bestehen, und diese Kirche hebt die besonderen 
den Juden geschenkten Verheißungen nicht auf. 

Aber dieser Standpunkt ist dem Paulus eigentümlich ge- 
blieben. Diejenigen, welche sich ausschließlich durch das Mittel 
der Allegorie von dem Buchstaben der alttestamentlichen Religion 
und von dieser selbst befreiten — sie bildeten die große Mehr- 
zahl — , hatten for die paulinische Betrachtung keinen Sinn 
und durften sie gar nicht gelten lassen; denn blieb sie auch nur 
an einem Punkte bestehen, so war damit das Recht der allegori- 
schen Auffassung und damit das Recht der Heidenkirche überhaupt 
in Frage gestellt^. Kommt dem Volke Israel noch ein Sonder- 
recht zu, bedeutet auch nur eine Sonderverheißung irgend etwas, 
muß auch nur ein Buchstabe in Kraft erhalten bleiben — wie 
darf das Übrige spiritualisiert und auf ein fremdes Volk über- 
tragen werden? Konsequent folgte aus dieser Betrachtung, daß 
das jüdische Volk nun verworfen ist, daß es Ismael ist und 
nicht Isaak, Esau und nicht Jakob. Aber auch dieses Urteil 
konnte noch nicht genügen. Wenn die geistige Deutung des Alten 
Testaments die richtige ist und die buchstäbliche die falsche, so 
ist jene von Anfang an die richtige gewesen; denn nicht 
kann heute richtig sein, was gestern noch falsch war. Nun aber 
hat das jüdische Volk von Anfang an und stets die buchstäbliche 
Deutung befolgt — es hat sich beschneiden lassen, es hat blutige 
Opfer gebracht, es hat die Speisegesetze beobachtet — , also ist 
es stets im Irrtum gewesen und hat durch solchen Irrtum be- 
wiesen, daß es niemals das erwählte Volk war. Das er- 



eine griechische, nicht auf eine jüdische Gemeinde). In diesem Sinne em- 
pfanden sich auch die Lateiner den Griechen gegenüber als die sekundären; 
doch Terstand die römische Kirche bald, diesen Nachteil wett zu machen. 
Im Osterstreit um das Jahr 190 kamen zuerst gewisse Rivalitäten zum Aus- 
druck ; aber es waren nicht nationale — die römische Gemeinde war damals 
noch Überwiegend griechisch — , sondern provinzialkirchliche. 

^) Die paulinische Lehre Tom Gesetz und vom alten Bunde wurde, wie 
die nachapostolische Literatur lehrt, in weiten Kreisen nicht verstanden und 
daher nicht oder nur in Fragmenten rezipiert. 



Digitized by 



Google 



58 Einleitung nnd Grundlegung. 

wählte Yolk war stets das christliche; es war gleichsam latent 
immer vorhanden — der jüngere Bruder ist in Wahrheit der 
ältere — , wenn es auch erst mit Christus in die Erscheinung ge- 
treten ist. Das jüdische Volk hat von Anfang an die Verheißung 
verloren; ja ob sie je ihm gegolten hat, selbst darüber läßt sich 
streiten; jedenfalls beweist die buchstäbliche Deutung der gott- 
lichen Willensofifenbarungen, daß es von Gott verlassen und unter 
die Führung des Teufels gekommen ist. Ist das aber klar, so 
muß auch noch der letzte Schritt getan und das letzte Urteil 
ausgesprochen werden: das Alte Testament, dieses ganze 
Buch, geht die Juden überhaupt nichts an. Widerrecht- 
lich und frech haben sie es an sich gerissen, mit Beschlag belegt, 
und suchen es seinem einzigen Eigentümer zu entziehen, ver- 
falschen es durch ihre Auslegungen, ja selbst durch Korrekturen 
und Streichungen. Jeder Christ muß ihnen daher den Besitz des 
Alten Testaments absprechen; ein Christ, der sagen würde, dieses 
Buch gehört uns und den Juden, der sündigt: das Buch ge- 
hört von Anfang an, jetzt und immerdar den Christen 
allein^; die Juden aber sind das schlimmste, gottloseste und gott- 
verlassenste Volk unter allen Völkern^, das eigentliche Teufels- 
volk, die Synagoge des Satan, die Genossenschaft der Heuchler*. 
Die Kreuzigung des Herrn — das ist die Signatur dieses Volkes*. 
Nun aber hat sie Gott auch offenkundig und vor aller Welt dem 
Verderben dahin gegeben: ihr Tempel ist verbrannt, ihre Stadt 
ist zerstört, ihr Gemeinwesen ist vernichtet, ihr Volk ist zerstreut 
— es darf Jerusalem nicht einmal mehr betreten*. Man kann 



*) Die unbequeme Tatsache, daß den Juden das Buch nicht entrissen 
worden ist,, und daß sie es noch immer haben und brauchen, legt sich Pseudo- 
Justin (Cohort. 13) also zurecht: die Juden bewahren nach Gottes Anord- 
nung das Alte Testament auf, damit, wenn die heidnischen Gegner den 
Christen Fälschungen (der Weissagungen) vorwerfen, der Gegenbeweis gefShrt 
werden kann. Aber Justin macht den Juden den Vorwurf (im Dialog), daß 
sie das A. T. im antichristlichen Sinne verfälscht hätten. Seine Beweise sind 
aber nichtig. 

*) Justin z. B. beurteilt die Juden nicht günstiger als die Heiden, son- 
dern ungünstiger (s. Apol. 1, 87. 39. 48. 44. 47. 53. 60). Aristides' freundlichere 
Stellung (Apol. c. 14) ist eine Ausnahme. 

») S. Apoc. Joh. 2,9; 8,9; Didache 8; vgl. auch, was im Johannes- und 
im Petrusevangelium über die Juden zu lesen steht. Daß sie von einem 
bösen Engel von Anfang an verführt worden seien, sagt Bamabas, ep. 9, 4. 
Im II. Clemensbrief heißen die Juden ,o/ doxovvtes ^x^tv ^eöv*^ ähnlich in 
dem Kerygma Petri bei Clemens, Strom. VI, 5, 41: ixeivoi fiovoi oiö/ievoi tor 
^eov yiyvcooxsty ovx Ijiloxavxai. 

*) Pilatus wurde immer mehr entlastet. 

») Cf. TertuU. Apolog. 21: „Dispersi, palabundi et soli et caeli sui ex- 
torres vagantnr per orbem sine homine, sine deo rege, quibus nee advenarum 
iure terram patriam saltim vestigio salutare conceditur". 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission. 59 

daher zweifeln, ob Gott die Bekehrung dieses Volkes überhaupt 
noch wünscht, ob nicht in seine Strafe unerlaubt eingreift, wer 
auch nur einen Juden zu gewinnen unternimmt: doch sie wollen 
ja selbst nicht kommen und überheben durch ihre Halsstarrig- 
keit und Christusfeindschaft die Christen der Beantwortung dieser 
Frage. 

Das ist die konsequente Haltung der Heidenkirche gegen- 
über dem Judentum. Der Trieb der Selbsterhaltung und die 
Rechtfertigung der Aneignung des Alten Testamentes trafen mit 
der alten Antipathie der Griechen und Römer gegen das Juden- 
tum zusammen. Die letzten Eonsequenzen, wie sie der Verfasser 
des Barnabasbriefs (c. 4, 6 f.; 14, 1 f.) gezogen hat, haben doch 
nicht alle zu ziehen gewagt^. Die Meisten gestanden in un- 
klarer Weise zu, daß in früheren Zeiten ein besonderes Verhält- 
nis Gottes zu diesem Volk existiert habe; aber auch sie bezogen 
alle Verheißungen im Alten Testament auf das Volk der Christen. 
Während Bamabas in der Beobachtung des Wortsinns des Ge- 
setzes einen Beweis der teuflischen Verführung erkannte, der das 
jüdische Volk unterlegen sei 2, sahen diese in der Beschneidung 
ein von Gott gegebenes Signum ^ und erkannten auf Grund irgend 
welcher Erwägungen an, daß die wörtliche Beobachtung des Ge- 
setzes zeitweilig die Absicht und das Gebot Gottes gewesen, 
wenn auch die Gerechtigkeit niemals aus solcher Beobachtung 
geflossen sei. Indessen auch sie sahen in dem geistigen Sinn 
den allein wahren, den die Juden durch eigene Schuld verkannt 
hätten, urteilten, daß die Belastung mit Zeremonien eine päda- 
gogische Notwendigkeit gegenüber dem halsstarrigen imd zum 



') Das Folgende nach meinem Lehrbach der Dogmengeschichte I ' S. 168 ff. 

*) S. Barnab. ep. 9 f. Man mißversteht die Stellung des Bamabas zum 
Alten Testament gründlich, wenn man glaubt, über seine Auslegungen 
cc. 6 — 10 als über „Seltsamkeiten" und „Willkürlichkeiten •* hinwegschreiten 
und sie als gleichgültig und „unmethodisch " beiseite schieben zu können, 
sünmethodisch" ist hier gar nichts, und darum auch nichts willkürlich. Der 
streng geistige Gottesbegriff des Bamabas und die Überzeugung, daß alle 
(jüdischen) Zeremonien teuflisch seien, nötigten ihn zu seinen Auslegungen ; 
diese sind im Sinne des Bamabas so ^enig bloß geistreiche Einfälle, daß 
er vielmehr ohne sie das Alte Testament völlig hätte preisgeben müssen. 
Z. B. der Bericht, daß Abraham seine Knechte beschnitten habe, hätte dem 
Bamabas die ganze Autorität des Alten Testaments vernichten müssen, wenn 
es ihm nicht gelungen wäre, ihn umzudeuten. Er tut es, indem er eine 
andere Stelle aus der Genesis mit ihm kombiniert und nun im Bericht über- 
haupt nicht mehr die Beschneidung, sondern eine Weissagung auf den ge- 
kreuzigten Christus findet (c. 9). 

*) Barnab. 9, 6: äXX igelQ' xcu firfv negitsTfirfTai 6 Xaog elg affgaylSa: 
80 läßt Bamabas den vulgären Heidenchristen sprechen; er selbst teilt diese 
Meinung nicht 



Digitized by 



Google 



^0 Einleitung und Grundlegung. 

Götzendienst geneigten Volk gewesen sei (Schutz des Monotheis- 
mus), und gaben dem Zeichen der Beschneidung auch wohl eine 
Deutung, durch die es nicht mehr als ein Gut, sondern viehnehr 
als das Merkmal zur Vollziehung des Gerichts an Israel erschien^. 
So ist Israel eigentlich zu allen Zeiten die After- bez. die 
Teufelskirche gewesen ; in Wahrheit steht das „ältere'* Volk dem 
Jüngeren" auch zeitlich nicht voran; dieses ist vielmehr das ältere 
imd das „neue" Gesetz das ursprüngliche. Die Patriarchen, 
Propheten und Gottesmänner aber, die der Mitteilung von Gottes 
Worten gewürdigt worden sind, haben mit dem Volke der Juden 
innerlich nichts gemein; sie sind Gottes Erwählte, die sich durch 
einen heiligen Wandel, ihrer Erwählung entsprechend, ausgezeichnet 
haben und ab die Vorläufer und Väter des latenten Volkes der 
Christen betrachtet werden müssen^. Auf die Frage, wie es zu 
erklären sei, daß diese Männer, die doch gar nicht als Juden 
betrachtet werden dürfen, ausschließlich oder fast ausschließlich 
innerhalb des Volkes der Juden erschienen sind, erhält man aus 
den Urkunden keine befriedigende Antwort. Man nahm wohl an, 
daß Gott in seiner Barmherzigkeit das schlimmste Volk durch die 
stärksten Mittel habe zur rechten Erkenntnis führen wollen; aber 
auch das habe nichts gefruchtet. 

Eine solche Ungerechtigkeit wie die der Heidenkirche gegen- 
über dem Judentimi ist in der Geschichte fast unerhört. Die 



Vgl. Justin, Dial. 16. 18. 20. 30. 40-46; er hat neben einander die 
drei Beurteilungen: (1) daß die Zeremonialgesetze eine pädagogische Maß- 
regel Gottes gewesen seien gegenüber dem halsstarrigen, zum Abfall ge- 
neigten Volk, (2) daß sie — so die Beschneidung — das Volk in Hinsicht auf 
die Vollziehung des zukünftigen Gerichts nach göttlicher Anordnung kennt- 
lich machen sollten, (3) daß sich im zeremonialgesetzlichen Gottesdienst der 
Juden die besondere Verworfenheit und Schlechtigkeit des Volks darstelle. 
Den Dekalog aber hat Justin als das natürliche Vemunfbgesetz gefaßt, also 
vom Zeremonialgesetz bereits bestimmt unterschieden. 

*) Das ist die übereinstimmende Ansicht aller Schriftsteller des nach- 
apostolischen Zeitalters. Die Christen sind das wahre Israel; daher gebühren 
ihnen alle Ehrenprädikate des Volkes Israel. Sie sind die zwölf Stämme 
(s. Jacob, epist. 1, 1), und so sind Abraham, Isaak und Jakob die Väter der 
Christen (diese Vorstellung, über welche in der Heidenkirche kein Schwanken 
herrscht, ist nicht allein auf den Apostel Paulus zurückzuführen) ; die Gottes- 
männer des Alten Testaments sind Christen gewesen; s. Ignat., ad Mago. 8, 2: 
oi nQoqnjxiu xaxä Xqiotw 'ItjooOv iCtjactv. Zu beachten hat man aber, daß 
ein nicht geringer Bruchteil der Christen, die Mehrzahl der sog. Gnostiker 
und die Marcioniten, mit dem Judentum auch das Alte Testament verwarf 
(Bamabas steht im Briefe dicht vor der Verwerfung, vermeidet sie aber durch 
seine entschlossene Umdeutung des Buchstabens). Sie erscheinen als die 
Konsequenten und sind es doch nicht ; denn das Alte Testament abschneiden 
heißt für das Christentum eine andere, neue historische Grundlage suchen, 



Digitized by 



Google 



Der Übergang von der Juden- zur Heidenmission. ßl 

Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, 
mid, während sie selbst nichts anderes ist als transformiertes Juden- 
tum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: die 
Tochter verstößt die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert ! Aber 
ist diese Betrachtung wirklich zutreffend? Auf einer gewissen 
Stufe allerdings, und vielleicht kann man niemanden zwingen, sie 
zu verlassen. Aber auf einer höheren Stufe stellt sich die Sache 
anders dar: das jüdische Volk hat durch die Verwerfung Jesu 
seinen Beruf verleugnet und sich selbst den Todesstoß versetzt; 
an seine Stelle rückt das neue Volk der Christen; es übernimmt 
die gesamte Überlieferung des Judentums; was unbrauchbar in 
derselben ist, wird umgedeutet oder fallen gelassen. In Wahrheit 
aber ist diese Abrechnung nicht einmal eine plötzliche oder uner- 
wartete; unerwartet ist nur die spezielle Form: das Heidenchristen- 
tum führt doch nur einen Prozeß zu Ende, der in einem Teile 
des Judentums bereits längst begonnen hatte — die Entschränkung 
der jüdischen Religion und ihre Transformation zur Weltreligion. 

Um das Jahr 140 war der volle Übergang der christlichen 
Religion zu den „Heiden** und die Loslösung von dem Judentum 
perfekt ^. Nur gelehrte Gegner unter den Griechen und die Juden 
selbst erinnerten die Christen daran, daß sie eigentlich Juden sein 
müßten. Eine jüdische Gegenmission hat es aber seit dem Falle 
Jerusalems — lokale Versuche ausgenommen* — nicht mehr 

und diese konnte nur in irgend einer anderen Religion oder einem anderen 
Eultsystem gefunden werden. Nur Marcion machte den bedeutsamen Ver- 
such , das Alte Testament preiszugeben und mit der Lehre und Mythologie 
des Paulinismus ausschließlich zu arbeiten; aber gelungen ist der Ver- 
such nicht. 

>) Vierzig Jahre später konnte daher bereits Irenäus das Alte Testament 
und seine wirkliche Religion viel unbefangener betrachten; denn man f&hlte 
sich im Besitz des Alten Testaments kaum mehr ernstlich durch das Juden- 
tum gestört. Nun vermochte Irenäus sogar wieder zuzugestehen, daß die 
wörtliche Beobachtung des Alten Testaments in früherer Zeit gut und 
fromm war, und die folgenden altkatholischen Väter gingen darin noch weiter.. 
Sie näherten sich von der einen Seite so wieder dem Paulinismus; aber sie 
entfernten sich gleichzeitig womöglich noch stärker von ihm als die früheren 
Generationen, da sie seinen Antinomismus noch weniger verstanden und dazu 
das Alte Testament gegen die Qnostiker zu verteidigen hatten. Ihre Un- 
befangenheit in Anerkennung des wörtlichen Sinnes des Alten Testaments 
war aber nicht nur durch die Sicherheit verursacht, die sie gegenüber dem 
Judentum empfanden, sondern noch mehr durch das steigende Wohlgefallen, 
das sie an den Gesetzen und Eultussatzungen des Alten Testaments fianden. 

*) Von Verlockungen der Christen seitens der Juden zum AbfoU hört 
man in der Literatur, aber nicht häufig; s. z. B. Serapions Schrift bei Euseb., 
h. e. VI, 12 und Acta Pionii 13 (hier auch eine Kritik der Juden an Christus 
als Selbstmörder und Zauberer). 



Digitized by 



Google 



Q2 Einleitong und Ghrondlegung. 

gegeben, yielmehr setzten sich die Christen in die Burgen der 
jüdischen Propaganda und der jüdischen Proselyten: Japheth 
bezog die Hütten Sems^, und Sem mußte weichen. 

Immerhin gab es einen dunklen Punkt: warum ist Jesus 
nicht in der Mitte der ^Völker'*, sondern unter den Juden auf- 
getreten ' ? Das war ein quälendes Problem. Es ist wichtig (s. o.), 
daß das 4. Evangelium erzählt, Ghiechen hätten Jesum sehen 
wollen (12, 20 ff.). Die Worte, welche der Evangelist daraufhin 
Jesu in den Mund legt^, sollen eine Erklärung der fehlenden 
Heidenmission des Heilands sein. Und derselbe Evangelist läßt 
Jesum unmißverständlich deutlich sprechen (10, 16): xal äXia 
ngdßaxa ix^ ^ <>^ ^^^'^ ^^ ^^ avXijg TavTtjg, xäxeTva dei fu 
Ayayeiv xal rrjg qxayfjg juiov äxovoovoiv. Er selbst wird sie her- 
führen — also ist die durch seine Jünger vollzogene Mission seine 
eigene Mission: es ist so gut^ wie wenn er selbst hinauszöge* 
— ja, weil er ihnen den heiligen Geist senden wird, der sie in 
alle Wahrheit leiten und ihnen noch verborgene Weisheit mit- 
teilen soll, wird sich sein eigenes Wirken in ihnen noch 
potenzieren. 

*) Die unfertigen und halbbürtigen Schöpfungen der jüdischen Propa- 
^nda im Reiche verwandelten sich in selbständige, anziebungskräftige, den 
Synagogen weit überlegene Bildungen, die sich naturgemäß sofort gegen eben 
diese mit aller Schärfe richten mußten. 

*) Das Jesus selbst viele ix tov 'EXXrjvixov für sich gewonnen habe, be- 
hauptet nur das relativ späte falsche Josephus-Zeugnis. 

•) 'EXriX\r&8v i} &Qa h^a So^aa&g 6 vlog xov dr^QOJJtov. dfAtfv dfiffp Xsym 
vfily, iäv firi 6 x6xxoq xov alxov neaatv ei^ xrjv yrjr dxodiivjf, avxog fidpos /*^ei' 

iay de djwddrjj, jtoXvv xoQJtor (pigsi ijX^ev o^ qxorrj ix xoi) ovqco^' 

xcd iÖö^aoa xod ndXtv do^dam 'Irjoov^ ehrev ov dt' ifik ^ qxmnj avrtf 

y&fovev aXXa Öi' vfiäg' vvv xgioig koxiv xov xoafwv xovxov vvv 6 &QX^^ ''^ 
xöofiov xcvxov ixßXrj^osxcu Ifw xdyo) iäv v\p€o^& ix xrjg Yfjs, Jtdvxas 
kXxvo<a jtQog ifiavxdv. 

*) Freilich vollständig und überall beruhigte man sich dabei nicht. 
Zwar mitten unter die beidnischen Völker hat auch die Legende in filterer 
Zeit Jesum nicht zu versetzen gevragt ; aber schon zu dem Kinde sind Magier 
aus dem Orient gekommen und haben es angebetet, nachdem ein Stern seine 
Geburt aller Welt kund getan hat (Matth. 2) ; Engel haben „allem Volke* 
bei der Geburt Jesu große Freude angekündigt (Luc. 2) ; als jener Stern er- 
schien — so erzählt ignat. ad Eph. 19 — , da bezeugte diese Erscheinung, 
daß iXvexo jräaa f^aytia, xai x&s deafwg rjqxxriC^o xaxlag , äyvoux xct^QsVxo, 
siaXcuä ßouitXela Öieq^^eigexo ^sov dv&QCjjfivcog tpavegovfiivov slg xaivöxijxa didlov 
Ciorjg' dgxv^ ^« iXdfißayey x6 jraga ^«q> djttfQxuffAivov. hf^ev xd Jtdrxa cwsxtvsTxo 
did x6 fieXexäa&ai ^ovarov xaxdXvoiv. Kühner noch sind die edessenischen 
Christen gewesen; sie haben im 3. Jahrhundert behauptet, Jesus habe mit 
ihrem Könige Abgar korrespondiert und ihn geheilt. Eusebins (h. e. I fin.) 
war diese ^Zählung sehr wichtig; denn sie schien ihm das direkte Wirken 
Jesu bei den Heiden in etwas zu ersetzen. 



Digitized by 



Google 



Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der ersten Missionare. 63 

Eine Folge dieser Betrachtung war, daß man die Zwölf wie 
eine Axt von persönlicher Vervielfältigung Christi selbst auffaßte, 
und daß man ihre Sendung in alle Welt , d. h. die von Jesus 
angeblich selbst befohlene Heidenmission, in das Eerygma aufoahm ; 
man vgl. die Apologie des Aristides c. 2; Justin Apol. I, 39; 
AjBcens. Isaiae 3, 13 ff. (der adventus XII discipulorum gehört zu 
den grundlegenden Heilstatsachen); Iren, fragm. 29^; TertulL, 
Apol. 21, adv. Marc. IH, 22: „habes et apostolorum opus praedi- 
catum** [geweissagt]; Hippel., de antichr. 61 ; Orig. c. Geis. HI, 28; 
Novat., de trinit. 8; Acta Joh. (ed. Zahn p. 246): ^Der Gott, der 
uns zur Mission der Völker erwählt hat, der uns ausgesandt hat 
in alle Welt, der sich gezeigt hat durch die Apostel. "^ 
Serapion bei Eusebius, h. e. VI, 12: „Wir nehmen Petrus und die 
anderen Apostel an wie Christus.** Näheres über die Apostel 
8. im 3. Buch. 



Sechstes Kapitel. 

Die Ergebnisse der Mission des Paulus 
und der ersten Missionare. 

1. Vor seiner letzten Reise nach Jerusalem schrieb Paulus 
von Corinth aus nach Rom (15, 19 ff.): „Ich habe die Verkündi- 
gung Christi ausrichten können von Jerusalem an bis nach Illyrien, 
wobei ich immer meine Ehre darein gesetzt habe, das Evangelium 
da nicht zu verkündigen, wo Christus schon bekannt war, weil 
ich nicht auf fremden Grund bauen wollte. Das ists auch, was 
mich so oft verhindert hat, zu euch zu kommen. Jetzt endlich, 
wo ich in diesen Gegenden keine Arbeit mehr habe, wohl aber 
seit langen Jahren die Sehnsucht, zu euch zu kommen, (werde 
ich es ausführen), sobald ich nach Spanien reise. Denn ich hoffe 
auf der Durchreise euch zu sehen und, von euch geleitet, dorthin 
zu gehen, nachdem ich mich zuvor an euch, ohne euch beschwer- 
lich zu fallen, erquickt habe.** 

*) Harvey II p. 494: ovro? [S X^tarog] h xfj xagdü^ xfjg yfjg, h ;u(w^aTi 
XQvßsig xai rgirj/^Qq) fidyiatov devögov yewrj^stg [vorher war er mit dem Samen- 
korn Lac. 13, 39 verglichen] i^heivs xovs lavxov xXddovg slg xä nigaxa xrjg yfjg. 
ix xovxov JiQOxvrpavxeg ol iß &ji6<noXoi, xXddot a}QaToi xai ev^cdsTg yerrj^ivxsg 
axixri iysvn^^aav xotg i&veoiv, ü>g nsxstvoXg ovQavov, iqt wv xl&dayp axenaa^hxeg 
ol 7t6yxeg, d>g Sgvßa vno xcüiiav aweX^övxa f^exiXaßov xfjg l| aifx&v szQosQXO/iiyrjg 
idiodifiov xai knovQavlov XQ<Hpijg, 

*) Auch eines der Motive zur Erfindung von apostolischen Missions- 
geschichten ist iiier zu suchen. 



Digitized by 



Google 



64 Einleitung und Grundlegung. 

Die Verkündigung des Evangeliums in der hellenischen 
Welt ist also vollendet; das bedeuten die Worte „bis nach Illyrien"; 
denn hier beginnt die lateinische Welt^ Die Ausdrucksweise 
des Paulus, der die Missionspredigt auf einer schmalen Linie von 
Jerusalem bis Illyrien für die Verkündigung des Evangeliums in 
der ganzen Osthälfte der Welt erklärt, ist nur bei der Annahme 
verständlich, daß die Gewißheit des nahen Weltendes eine andere 
Art der Mission überhaupt nicht zuläßt als die der Durch- 
querung der Welt. Zu Grunde liegt der Gedanke, daß das 
Evangelium in der kurzen Spanne der gegenwärtigen Weltzeit 
überall verkündet werden muß*, daß aber die Durchquerung das 
einzig mögliche Mittel seiner Durchführung ist. Vorausgesetzt ist 
dabei, daß sich nach rechts und links von der flammenden Linie 
das Feuer von selbst verbreiten wird*. 

Der Gedanke der Durchquerung der Welt ist, wie es scheint, 
von dem Apostel auf der sog. zweiten Missionsreise gefaßt worden *, 
und er betrachtet ihn natürlich als eine göttliche Weisung. So 
ist die schwierige Stelle (Act. 16, 6— 8) zu deuten. Hatte er die 
zweite Missionsreise unternommen, um in die rein hellenischen 
Küstenstriche Kleinasiens zu gehen, imd somit das Bewußtsein 
gewonnen, auch zum Apostel der Hellenen berufen zu sein, so 
wird an der Westgrenze Phrygiens dieses Bewußtsein in ihm von 
einer weit höheren Aufgabe überboten. Er ist nicht nur der 
Apostel der Barbaren (der Syrer, Cilicier, Lycaonier), auch nicht 
nur der Apostel der Barbaren und Hellenen — er ist der Welt- 
apostel: er hat die Pflicht, das Evangelium durch das ganze 
römische Reich bis zum äußerten Westen zu tragen, bez. sofern 
es auch von anderen verkündigt wird, die Lücken in der großen 
Transversale zu ergänzen. Daher schwenkt er an der Grenze 
Phrygiens nicht nach Westen ab (Asien) und nicht nach Norden 
(Bithynien) — wie man erwartet, und wie er selbst ursprünglich 
geplant hat — , sondern nach Nordwesten. Aber auch Mysien 

*) Ägypten konnte nicht ausfallen. Wenn Paulus es weder hier noch 
sonstwo nennt, so muß er gewußt haben, daß dort andere Missionare tätig 
sind. Die hellenische Welt ohne Ägypten wäre unvollständig gewesen. Oder 
war ihm Ägypten ein so gottverhaßtes Land, daß nichts mehr ftlr dasselbe 
zu hoflfen ist, wie dem Johannes (OiFenb. 11,8)? 

*) Der Gedanke kehrt in den Evangelien wieder (Marc. 13, 10). Ist er 
von Paulus zuerst erfaßt und in Kurs gesetzt worden? 

») Vgl. dazu 1 Thess. 1,8; Rom. 1,8; Coloss. 1,6. 

*) Aber auch nicht früher. Die ganze sog. erste Missionsreise bliebe 
unverständlich, wenn er ihn schon damals gehabt hätte, ja Wen dt (zu 
Apostelgesch. 13, 13) wird recht haben, wenn er bemerkt, Paulus habe sich 
damals überhaupt noch nicht als Apostel der Hellenen, sondern als der der 
Barbaren gefühlt. Nur so ist die Wahl des Missionsgebietes (südöstliches 
Eleinasien) zu verstehen. 



Digitized by 



Google 



Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der ersten Missionare. 65 

durcheilt er nur; jener Entschluß, Asien und Bithynien 
liegen zu lassen, bedeutete von Anfang an die Unter- 
nehmung der Mission nach Macedonien, Achaja und, 
über sie hinaus, in den Westen. 

Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen, Corinth oder, richtiger 
im Sinn des Paulus, Macedonien und Achaja hören das Evan- 
gelium. Warum bleibt er aber 18 Monate in Corinth? warum 
geht er nicht sofort nach Rom und weiter in den Westen? warum 
schiebt er eine neue Reise ein und zwar diesmal nach Eleinasien 
und nimmt in Ephesus einen dreijährigen Aufenthalt? Die Ant- 
wort ist nicht schwierig: gewiß, schon damals, als er das erste 
Mal bis Corinth vorgedrungen war, gedachte er nach Rom und 
in den Westen zu gehen (s. Rom. 1, 13); aber die Verhältnisse 
waren zum Glück stärker als diese hochfliegende Idee. Wenn 
ich recht sehe, kam ein Dreifaches in Betracht. Erstlich wollte 
und durfte er die Fühlung mit Jerusalem und Antiochien, den 
beiden Muttergemeinden, nicht verlieren; das nötigte ihn zweimal 
zu Rückwegen. Zweitens drängte sich ihm gebieterisch die Pflicht 
auf, gegründete Gemeinden auszubauen und sie nicht nach einigen 
Wochen im Stich zu lassen ; die Pflicht der Organisation und der 
Arbeit im Kleinen gewann die Oberhand über die phantastische 
und vermeintliche Pflicht, hinter der sich doch wohl auch ein 
Korn von Ehrgeiz verbarg, die Welt mit dem Evangelium zu 
durchqueren. Endlich zeigte es sich, daß niemand die Fahne 
des Evangeliums aufpflanzte in dem großen Gebiet, das er mitten 
auf dem Wege liegen gelassen hatte, nämlich in dem westlichen 
Kleinasien — dem Kern der hellenischen Welt. Gewiß hatte er 
darauf gerechnet, daß andere dort das Wort Gottes verkünden 
würden, aber die Hoffiiung war fehlgeschlagen. Zwar ließ er 
nun bei seiner ersten Rückreise (von Corinth nach Jerusalem) 
die ausgezeichnete Missionarin Prisca mit ihrem Gatten Aquila 
in Ephesus zurück; aber als er selbst auf der sog. dritten Missions- 
reise wieder dort eintraf, fand er (neben kleinen Anfangen einer 
christlichen Gemeinde) Johannesjünger daselbst, deren Mission er 
nicht bestehen lassen durfte, bald aber ein so reiches und frucht- 
bares Arbeitsgebiet, daß er sich gezwungen sah, seßhaft zu werden. 
Hier in Ephesus ist die geistige Auseinandersetzung mit dem 
Hellenismus, die in Corinth begonnen worden war, fortgeführt 
worden. Beweis dafür ist der erste CorinÜierbrief. In Antiochien 
war diese Auseinandersetzung noch nicht möglich gewesen. Die 
Stadt war doch nur eine große griechische Kolonie, griechisch in 
dem Sinne, in welchem E^alkutta englisch ist. 

Den Plan der Durchquerung der Welt hatte der Apostel 
nicht aufgegeben. Seine Durchführung verzögerte sich nur, wie 

Harnaok, Mission, a. Aufl. 5 



Digitized by 



Google 



66 Emleitung und GnindlegUDg. 

ja auch die Wiederkunft Christi sich verzögerte. Wahrscheinlich 
wäre er noch länger in Ephesus geblieben (in dessen näherer und 
weiterer Umgebung neue Gemeinden aufwuchsen) und hätte innigere 
Fühlung mit dem Griechentum genommen, wenn ihn nicht trübe 
Nachrichten, die aus Corinth kamen, und ein kleiner Pöbelaufstand 
aus der Stadt getrieben hätten. 

Ephesus ist durch sein Wirken die dritte Hauptstadt der 
Christenheit, die eigentlich griechische Hauptstadt, geworden, und 
eine Zeitlang schien es, als sollte es die definitive und der Mittel- 
punkt werden. Allein schon entwickelte sich im fernen Westen 
ein Rivale, der die asiatische Metropole überstrahlen sollte — 
die vierte Stadt der Christenheit und bald die erste, Rom. 

Nachdem Paulus Ephesus verlassen hatte und, durch Mace- 
donien und Achaja reisend, wieder der wandernde Apostel ge- 
worden war, gewann die unvergessene Idee der Durchquerung 
der Welt wieder die Oberhand. Von Corinth aus schrieb er 
damals nach Rom jene Worte, mit denen wir dieses Kapitel 
eröffnet haben. Sie verlieren etwas von ihrem hyperbolischen 
Anstrich, wenn man die außerordentlichen Erfolge des Apostels 
in Macedonien und Achaja, in Asien und Phrygien, die hinter ihm 
lagen, ins Auge faßt. Er hatte das Gefühl, die hellenische 
Welt — trotz des geringen Erfolges in Athen — bezwungen zu 
haben, und in diesem Bewußtsein eines religiösen und intellektuellen 
Sieges schien ihm die Aufgabe hier erschöpft zu sein. 

Aber auch in Rom (und darum auch in Italien) hatte Gott 
ihn nicht mehr nötig. Dort war das Evangelium schon verkündigt ; 
eine große Gemeinde, „von deren Glauben man in der ganzen 
Welt hörte", hatte sich durch unbekannte Missionare bereits ge- 
bildet. Also blieb nur Spanien übrig; Gallien und Africa, an den 
Seiten liegend, werden dann nicht unberührt bleiben. Der Richt- 
punkt „Spanien" statt „Africa" oder „Gallien" zeigt, daß es 
wirklich auf eine Transversale abgesehen war. So hat ihn auch 
richtig Clemens (Brief I, 5) verstanden, und fast glaubt man den 
Apostel selbst zu hören: „Siebenmal in Ketten, vertrieben, ge- 
steinigt, ein Herold geworden im Lande des Aufgangs imd des 
Niedergangs, ein Lehrer der Gerechtigkeit in der ganzen Welt 
und bis an den Grenzpfahl des Westens hin." 

Ob er wirklich dahin gelangt ist? Zunächst jedenfalls nicht, 
wieder mußte er in den fernen Osten zurück, und die bitteren 
Ahnungen, mit denen er die Reise nach Jerusalem antrat, erfüllten 
sich. Als er mehrere Jahre später wirklich nach Rom kam, 
geschah es als Gefangener. Aber vermochte er auch nicht mehr 
zu vrirken, wie er wollte, so wurde doch seine Wirksamkeit keine 
geringere — durch die Predigt in Rom, durch Briefe an die 



Digitized by 



Google 



Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der ersten Missionare. 67 

fernen Gemeinden und persönlichen Verkehr mit Freunden aus 
dem Osten. 

Als er im Sommer des Jahres 64 mit dem Schwerte hin- 
gerichtet wurde, hatte er seinen Schuldschein an die Völkerwelt 
voll eingelöst. Er ist der Apostel xai i^oxi^v gewesen. Barbaren, 
Griechen und Lateinern hat er das Evangelium gebracht. Aber 
nicht darin, daß er bis Ulyrien, bis Rom, ja wahrscheinlich bis 
Spanien als Missionar gekommen ist, liegt seine Größe, sondern 
in der Art, wie er seine Mitarbeiter erzogen und wie er seine 
Gemeinden geschaffen und organisiert hat. Er hat, obgleich ihm 
alles Hellenische im Tiefsten stets verschlossen geblieben ist, doch 
die christliche Religion auf den hellenischen Boden dauernd ver- 
pflanzt — nicht er allein; aber nur seine Gedanken sind ein 
neues Ferment im Hellenismus geworden. Die Gnostiker, Irenäus, 
Origenes und vor allem Augustin bezeugen das. Sofern es einen 
originellen christlichen Hellenismus gegeben hat, ist er ein paulinisch 
beeinflußter gewesen. In seinen Briefen lebte er fort. Sie sind 
nicht nur Dokumente seiner Persönlichkeit und seiner Arbeit — 
nur wenige Schriftstücke der Weltliteratur lassen sich in dieser 
Hinsicht mit ihnen vergleichen ~ , sondern wie sie aus der Tiefe 
eines lebendigen religiösen Besitzes und eines unaufhörlichen 
inneren Kampfes geboren sind, sind sie auch unversiegliche 
Quellen religiöser Kraft. Jede Zeit hat sie anders verstanden, 
noch keine hat ihr Verständnis erschöpft, selbst in der Verflachung 
sind sie höchst wirksam gewesen. 

Von den vier Mittelpunkten der Christenheit im 1. Jahrhimdert 
— Jerusalem, Antiochien, Ephesus und Rom — ist nur eine 
(Ephesus) die Schöpfung des Paulus, und auch sie ist ihm nicht 
so treu geblieben, wie man erwarten sollte. Als „Vater" ist er 
überall zurückgetreten, ja verdrängt worden, verdrängt durch das 
Mittelmäßige, das „Natürliche", durch das, was sich von selber 
machte. Weder seine Stärken noch seine Schwächen sind als 
Influenzen auf seine Gemeinden übergegangen. In diesem Sinn 
war er stets ein einsamer Mann; aber der Lehrer der Christen- 
heit ist er geblieben, ja ist es in steigendem Maße erst geworden. 

2. Seine Hinterlassenschaft sind neben seinen Briefen seine 
Gemeinden. Er hat sie selbst als seine „Briefe" bezeichnet. 
Weder sein Beruf als rastlos fortschreitender Missionar noch sein 
Temperament noch seine religiöse Eigenart (ekstatischer Enthusiast 
und exklusiver Theologe) schienen ihn zum Organisator zu be- 
fähigen, und dennoch hat er es wie kein anderer verstanden, 
Kirchen zu gründen und zu bauen (vgl. Weinel, Paulus als 
kirchlicher Organisator, 1899). In Glaube, Liebe, Hofl&iung 
und den verwandten Tugenden die höchsten Früchte des Geistes 



Digitized by 



Google 



gg Einleitung und Gnindlegimg. 

erkennend, die Ausbrüche des Enthusiasmus unter den Zweck der 
Erbauung beugend, den Einzelnen dem Organismus des Gtmzen 
unterordnend, die natürlichen Ordnungen des gemeinschaftlichen 
Lebens trotz ihrer Mängel und Weltlichkeit als Gottes Ordnungen 
behauptend, hat er die Gefahren der Schwärmerei überwunden 
und Gemeinden geschaffen, die in der Welt leben konnten, ohne 
von der Welt zu sein. Aber die Organisation ist ihm nie Selbst- 
zweck oder Mittel zu weltlichen Herrschaftszwecken gewesen und 
nie hat er sie gewollt. „Einheit in der Bruderliebe, Gottesherr- 
schaft im Menschenherzen, nicht Herrschaft der Virtuosen oder 
der Priester über Laien, das sind die Ziele seiner Kirchengründung." 
Als Theologe und im Kampfe gegen die Judaisten erscheint er 
manchmal wie ein Inquisitor oder wie ein fanatischer Schrift- 
gelehrter, und man hat gesagt, daß er der Kirche die theologische 
Verengung imd die Ketzermacherei eingeimpft habe; aber in 
Wahrheit kannte er nur ein Bekenntnis neben dem Bekenntnis 
zimi lebendigen Gott, nämlich das „Christus der Herr**, und am 
Ende seines Lebens hat er bezeugt^ daß er jede Lehre ertragen 
wolle, die auf diesem Grunde stehe. Der Geist Christi, die 
Freiheit, die Liebe — wider sein Temperament und seine Er- 
ziehung hat er sich diese Höhe erkämpft und errungen, und 
deshalb auch die Gemeinden auf diese Höhe zu stellen versucht. 
3. Zwischen ihm und seinen Mitarbeitern war ein großer 
Abstand. Unter den selbständigen sind Bamabas, Silas (Silvanus), 
das Ehepaar Prisca und AquUa sowie Apollo zu nennen. Von 
Bamabas wurde oben S. 45 gehandelt; Silas, der Prophet der 
jerusalemischen Urgemeinde, rückte an seine Stelle neben Paulus 
und hat auf der sogenannten zweiten Missionsreise etwa so neben 
ihm gestanden wie Bamabas auf der ersten. Es bedeutete wohl 
eine Art von Rückversicherung Jerusalem gegenüber, daß Paulus 
ihn mitgenommen hat. Aber, soviel wir sehen (vgl. auch noch 
II Cor. 1, 19), hat kein Mißton ihr Verhältnis gestört: Silas ist 
Mitbegründer der Gemeinden in Macedonien uud Achaja geworden. 
Dann verschwindet er vollkommen im Leben des Paulus und in 
der Apostelgeschichte, um zur Überraschung am Schluß des 
ersten, nach Pontus, Galatien, Cappadocien, Asien und Bithynien 
gerichteten Petrasbriefs wieder aufzutauchen und zwar als Schreiber 
des von Petrus inspirierten Briefs (denn das besagen höchstwahr- 
scheinlich die Worte c. 5, 12: 6iä StXovavov vfuv rov tugxov 
ädehpov, cbg Xoyd^ofiai, di dUyov iyQatpa), Diese abgerissene Nach- 
richt muß in ihrer Isolierung ein Rätsel bleiben. — Das aus Rom 
nach Corinth zur Zeit des Claudius gepflüchtete Ehepaar Prisca 
und Aquila (oder vielmehr die Missionarin Prisca und ihr Gatte 
Aquila) stand von allen selbständigen Missionaren Paulus am 



Digitized by 



Google 



Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der ersten Missionare. 69 

nächsten: sie haben mit ihm in Corinth zusammengewirkt, haben 
sein Wirken in Ephesus vorbereitet, die Prisca hat den aus 
Alexandrien stammenden Johannesjiinger Apollo für Christus ge- 
wonnen — ein Beweis ihrer christlichen Weisheit — , sie haben 
dem Apostel einmal das Leben gerettet, und sie haben, nach 
Rom zurückgekehrt, dort in seinem Sinn gewirkt (s. meine Ab- 
handlung in den Sitzungsber. der Berliner Akad. 1900, 11. Jan.). 
Es spricht vieles dafür, daß der Hebräerbrief von ihnen — sei 
es aus der Feder der Prisca, sei es aus der des Aquila — stammt 
(s. meine Abhandlung in der Zeitschr. f. NTliche Wissenschaft 
Bd. 1, S. 1 fif., 1900). — Apollo, der Alexandriner, hat in Corinth 
als selbständiger Missionar auf dem von Paulus bepflanzten Felde 
gewirkt. Nur im I. Corintherbrief hat sich Paulus über ihn ge- 
äußert und zwar anerkennend und freundlich, gerade weil er 
wußte, daß man in Corinth eine Spannung und Rivalität zwischen 
ihnen konstruierte. Dennoch läßt sich fragen, ob ihm das Wirken 
dieses von ihm selbst nicht bestellten geistvollen Genossen durch- 
weg sympathisch gewesen ist. Die abgerissene Notiz im Titus- 
brief über ihn (3, 13) lehrt uns leider nicht mehr, als daß auch 
später das Verhältnis zwischen den beiden Männern nicht ge- 
litten hat. 

Unter den Missionaren, die Paulus selbst an sich herangezogen 
bez. gebildet hat, steht Timotheus im Vordergrund. Wir hören 
ziemlich viel von ihm, und seine Person ist auch dem Verfasser 
der Apostelgeschichte so wichtig gewesen, daß er von seiner 
Herkunft und Auswahl (16, 1) erzählt. Dennoch vermögen wir 
uns von diesem treuesten jüngeren Mitarbeiter des Apostels kein 
rechtes Bild zu machen, vielleicht eben deshalb, weil er ihm 
gegenüber unselbständig war. Nach dem Tode des Apostels — 
er war auch in Rom bei ihm und hat so Beziehungen zu dieser 
Gemeinde gewonnen — hat er seine Wirksamkeit noch fortgesetzt, 
bt zeitweise gefangen gewesen und hat die domitianische Zeit 
noch erlebt (Hebr. 13, 23). — Unter den übrigen Mitarbeitern 
zweiten Rangs sind Marcus (der älteste Jerusalemit), Titus und 
der Arzt Lucas hervorzuheben. In Bezug auf Marcus, den Paulus 
auf die sogenannte 2. Missionsreise nicht mehr mitgenommen hat, 
der sich aber später wieder in seiner Begleitung findet (Philem. 24; 
Coloss. 4, 10; n Tim. 4, 11), ist es möglich, daß die Tradition 
aus zwei Personen eine gemacht hat (wahrscheinlich ist es m. E. 
nicht). Er ist der Mann, der nach dem Zeugnis des Presbyters 
Johannes evangelische Aufzeichnungen gemacht hat. Titus, von 
dem wenig bekannt ist, war ein Vollblut-Heide (Gal. 2, 1 f.) und 
hat zeitweise auf Creta gewirkt. In Lucas, der auf der zweiten 
Missionsreise in Troas zu dem Apostel stieß (er gehörte der 



Digitized by 



Google 



70 Einleitung und Grundlegung. 

antiochenischen Gemeinde an und war, wie Titus, Heidenchrist), 
erhielt die älteste Christenheit nicht ihren größten, aber ihren 
verständigsten Schriftsteller. Paulus selbst scheint „den geliebten 
Arzt" (Coloss. 4, 15) und „Mitarbeiter** (Philem. 24) in seiner 
Bedeutung doch nicht voll erkannt zu haben. Die letzten Worte 
über seine Mitarbeiter, die wir von ihm besitzen, sind nicht er- 
freulich. Schon aus dem Philipperbrief spricht Vereinsamung, 
und n Tim. 4, 9 f. heißt es : „Beeile dich , schleunig zu mir zu 
kommen; denn Demas hat, nachdem er diese Welt lieb gewonnen, 
mich verlassen und ist nach Thessalonich gegangen, Crescens 
nach Galatien, Titus nach Dalmatien. Lucas ist allein bei mir 
[das scheint aber ein geringer Trost zu sein!]. Nimm den Marcus 
zu dir und bring' ihn mit, denn er kann mir gute Dienste leisten. 
Tychicus habe ich nach Ephesus gesandt .... Alexander, der 
Schmied, hat mir viel Böses erwiesen .... Bei meiner ersten 
Verteidigungsrede stand mir niemand zur Seite, sondern alle ließen 
mich im Stich ....*' Man würde aber doch unrecht tun, die 
Mitarbeiter des Apostels nach diesen unmutigen Worten zu be- 
urteilen. Augenscheinlich haben sie nicht getan, was er wollte, 
aber die Gründe ihrer Entschlüsse kennen wir nicht. 

4. Daß Petrus (nach Paulus? neben Paulus?) in die klein- 
asiatische Mission eingetreten ist, dafür besitzen wir in dem so- 
genannten I. Petrusbrief eine sehr zweifelhafte Urkunde; aber 
gewiß ist, daß — wohl nach der Zerstörung Jerusalems — her- 
vorragende palästinensische Christen nach Asien und Phrygien 
gekommen sind und dort eine bedeutende Tätigkeit entfaltet 
haben. An ihrer Spitze steht ein Mann, der nach Ephesus kam 
und dort im höchsten Alter beim Beginn der Regierung Trajans 
gestorben ist — Johannes, „der Presbyter**, wie er sich selbst 
imd wie ihn sein Kreis genannt hat. Er wirkte in den paulinischen 
Gemeinden Asiens persönlich und durch Briefe, vermehrte sie, 
ordnete ihre inneren Verhältnisse und trat Irrlehrem mit außer- 
ordentlicher Schärfe entgegen. Die Oberleitung der Gemeinden 
behielt er sich vor und übte sie durch wandernde Sendlinge aus. 
Sein Ansehen war ein apostolisches oder apostelgleiches, aber 
gegen Ende seines Lebens suchte diese und jene Gemeinde, die 
sich selbständig fühlte, im Verein mit ihrem Bischof seine Ober- 
herrschaft abzuschütteln. Als er die Augen schloß, verschwand 
wohl sofort die nur noch in seiner Person gegebene Missions- 
organisation, und die selbständige lokale trat überall hervor. Als 
Ignatius zwölf bis fünfzehn Jahre später nach Asien kam, war 
von jener nichts mehr vorhanden, und auch das Gedächtnis an 
jenen Johannes trat hinter dem Gedächtnis an Paulus zurück. 
Es muß also zuletzt der Kreis des Johannes ein beschränkter, er 



Digitized by 



Google 



Die Ergebnisse der Mission des Paulus und der ersten Missionare. 71 

selbst ziemlich isoliert gewesen seui^. Sicher gehören ihm der 
zweite und dritte Johannesbrief, der im neuen Testamente steht, 
und eben deshalb darf man auch den ersten Brief und das vierte 
Evangelium mit hoher Wahrscheinlichkeit ihm zuschreiben, ja 
man darf noch einen Schritt weiter gehen und ihm auch jenes 
Buch vindicieren, welches sieben Briefe und die christliche Be- 
arbeitung einer (oder mehrerer) jüdischer Apokalypsen enthält — 
die Offenbarung Johannis. Biese Hypothese ist die einfachste, 
die sich aufstellen läßt, schließt sich der Überlieferung am besten 
an und hat keine kapitalen Schwierigkeiten gegen sich. Über die 
Person dieses Johannes läßt sich nur das mit einer an Gewißheit 
grenzenden Wahrscheinlichkeit sagen, daß er nicht der Zebedäide 
ist, sondern ein sonst unbekannter Jerusalemit priesterlicher Her- 
kunft und „Hermjünger'' ^, ferner daß er, wie sein Evangelium 
zeigt, eine besondere Beziehung zum Zebedäiden Johannes einst 
gehabt haben muß ^. War am Ende seines Lebens seine Autorität 
erschüttert bez. auf einen kleinen Ereis beschränkt, so ist es 
diesem Kreise („die Presbyter'^) gelungen, jene Autorität dadurch 
wiederherzustellen und mächtig zu erweitem, daß sie seine 
Schriften „edierten" und in den Kirchen durchsetzten. Wahr- 
scheinlich haben sie auch den Hermjünger, „Apostel" und Pres- 



') Es scheint, daß ihn damit dasselbe Geschick ereilte, welches er dem 
Paulus bereitet hat. Man geht freilich hier wie im Nebel, aber das völlige 
Verschweigen des Paulus in den sieben Briefen der Apokalypse ist ein Pro- 
blem und kann nicht als unerheblich bezeichnet werden. Auch das Schweigen 
in dem Evangelium Johannis, in welchem sich doch sonst so viel Zeitgeschicht- 
liches spiegelt, ist höchst auffiallend. Die sind gewiß ganz im Unrecht, 
welche die Sendung des Parakleten, von der das Evangelium spricht, auf 
Paulus beziehen wollen (Origenes — s. o. S. 50 — erzShlt uns von solchen), 
aber sie haben recht, wenn sie in dem Evangelium nach Paulus suchten und 
ihn sonst nicht £Euiden. 

') Diese Bezeichnimg legt nahe, fordert aber nicht notwendig die 
persönliche Jüngerschaft, da sie nicht in Jerusalem, sondern in Asien auf- 
gekommen ist. 

') Daß der Jünger, den der Herr lieb hatte, der Zebedäide Johannes 
ist, ist noch immer die wahrscheinlichste Annahme; dann aber ergibt sich 
alles andere. Die Beziehung zu ihm braucht nicht in Asien vom Presbyter 
gewonnen worden zu sein, sondern kann sehr wohl auf Jerusalem zurückgehen. 
Den formalen Anstoß (zwei Johannes) muß man in den Kauf nehmen; der 
Name war sehr häufig. Wenn aber irgendein kritisches Problem hier durch 
die Annahme erleichtert wird, auch der Zebedäide Johannes sei nach Asien 
gekommen, so mag man dieser Überlieferung, die schon Justin bezeugt, 
Glauben schenken. Durch diese Zustimmung wird in bezug auf die Frage 
nach dem Verfasser der johanneischen Schriften nichts geändert. Erleichtert 
aber wird die Erklärung der Tatsache, daß man verhältnismäßig so früh in 
der asiatischen Tradition den Yer&sser der johanneischen Schriften für den 
Zebedäiden gehalten hat. 



Digitized by 



Google 



72 Einleitong und Qrandlegang. 

byter geflissentlich zum Zwölfapostel gemacht oder sind doch 
diesem Irrtum nicht entgegengetreten. 

Außer diesem Johannes sind der Evangelist Philippus und 
seine vier weissagenden Töchter, femer der ^Hermjünger" Aristion 
und vielleicht auch der Apostel Andreas als solche zu nennen, 
die nach Eleinasien gekommen sind. Für Philippus (man hat ihn 
übrigens im zweiten Jahrhundert auch mit dem Apostel gleichen 
Namens verwechselt) und seine Töchter steht die Wirksamkeit 
in Hierapolis in Phrygien durch sichere Zeugnisse fest Den 
Hermjünger Aristion nennt Papias neben Johannes als alten 
Zeugen, und nach einer armenischen Handschrift geht der unechte 
(mit dem Lucas- und Johannes-Evangelium verwandte, also wohl 
in Asien entstandene) Schluß des Marcusevangeliums auf ihn zurück. 
Daß Andreas nach Asien gekommen ist, läßt sich auf Orund der 
im Muratorischen Fragment stehenden alten Legende vermuten; 
dieselbe wird durch die freilich späte, aber doch nicht sicher 
wertlose Nachricht gestützt, Andreas sei in Ghiechenland gestorben ^ 

Im Ausgang des 1. Jahrhunderts waren Asien und Phrygien 
die einzigen Provinzen, in denen palästinensische Traditionen 
durch persönliche Repräsentanten noch lebendig waren. Zugleich 
war wahrscheinlich in keinem anderen Teile des Reichs eine so 
große Anzahl nahezusammenliegender Christengemeinden zu finden 
wie hier und in Bithynien und im Pontus. Das mußte ihnen, 
namentlich aber der Gemeinde von Ephesus ein großes Ansehen 
geben. Wenn Clemens Alexandrinus nach alten Traditionen 
suchte, blickte er auf Asien, und auch in Rom wußte man, welche 
Bedeutung den Gemeinden dort aus ihrer Tradition zukam. Aber 
in Rom ist man doch niemals gewillt gewesen, sich auf die zweite 
Stufe zu stellen. Um das Jahr 50 ist die Christenheit eine 
Ellipse, die an Jemsalem und Antiochen ihre Mittelpunkte hat; 
fanfzig Jahre später liegen diese Mittelpunkte bereits in Ephesus 
und Rom. Li dieser Tatsache tritt die Gh*öße des Werkes des 
Paulus und der ersten christlichen Missionare aufs deutlichste 
hervor. 



^) Man darf hier auch an Ignat. ad Ephes. 11 erinnern: &a ivi xXviq€^ 
'E<p€ai€ov evQe^ täv XQuniav&v, ot xcu xoig dxoaröXots navxoxt aw^eaav (aL 
ow^aav) h dvydfiet 'Irjoot^ Xotmov. Die LA avr^eoav fordert aber nicht not- 
wendig die persönliche Anwesenheit der Apostel in Ephesus. 



Digitized by 



Google 



Zweites Buch. 
Die Missionspredigt in Wort und Tat 

Das Geheimnis der Anziehungskraft der christlichen Predigt 
und eine wichtige Bedingung ihres Erfolges lag in dem Einen 
und Vielen, das sie von Anfang an umfaßte. Sie war einerseits 
so einfach, daß man sie mit wenigen kurzen Sätzen zu umschreiben, 
in einer großen inneren Erschütterung zu erfahren vermochte, 
und sie war andererseits so mannigfaltig und reich, daß sie jeg- 
liches Denken befruchtete und jedes Gefühl belebte. Fast von 
Anfang an yermochte sie mit jeder Betätigung des Edlen und 
Ghiten, ja auch mit jeder Spekulation und jedem Mysterienkultus 
zu wetteifern. Sie war neu und alt, jenseitig und diesseitig zu- 
gleich; sie war hell und durchsichtig und wiederum tiefsinnig und 
geheinmisvoU; sie war statutarisch und über jedes Gesetz erhaben; 
sie war eine Lehre und doch keine Lehre, eine Philosophie und 
doch etwas anderes als Philosophie. Man hat vom abendländischen 
Katholizismus gesagt, er sei in seiner Gesamterscheinung die 
complexio oppositorum; aber dies gilt auch schon von der christ- 
lichen Predigt in ihren frühesten Anfangen. Man kann es bereits 
am Paulinismus nachweisen, ebenso aber auch an der Verkündigung 
der christlichen Religion im zweiten Jahrhundert. Wer daher die 
Missionspredigt und Missionswirksamkeit darstellen will, um die 
überraschenden Erfolge des Christentums zu erklären, muß sich 
aller Momente gleichmäßig zu bemächtigen versuchen. Wir werden 
so verfahren, daß wir darstellen werden: 

(1) Religiöse Grundzüge der Missionspredigt. 

(2) Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung. 

(3) Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 

(4) Die Religion des Geistes und der Kraft, des sittlichen 
Ernstes und der Heiligkeit. 

(5) Die Religion der Autorität und der Vemimft, der Mysterien 
und der transcendentalen Erkenntnisse. 

(6) Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten 
Geschlecht (das geschichtliche und politische Bewußtsein der 
Christenheit). 



Digitized by 



Google 



74 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat 

(7) Die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte. 

(8) Den Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 

In diesen Kapiteln zusammengenommen hoffen wir dem Reich- 
tum der Aufgabe gerecht zu werden, ohne doch die einfache 
Kraft dieser Religion abzuschwächen oder zu verdunkeln ^. EÜnes 
freilich muß hier ausgeschlossen bleiben, nämlich die Entwickelung 
der christlichen Lehre bis zu der abgeschlossenen Katechismus- 
lehre der Kirche imd bis zu der christlichen Religionsphilosophie 
des Origenes und seiner Schüler zu verfolgen. Unstreitig hat die 
Lehre in beiden Gestalten auch für die Mission eine hohe Be- 
deutung gehabt, namentlich seit ihrem relativen ersten Abschluß 
um die Mitte des 3. Jahrhunderts. Aber die Aufgabe hier ist so 
groß, daß sie ein eigenes Werk fallt. Ich habe ihr in dem 
1. Bande meines Lehrbnchs der Dogmengeschichte (3. Aufl.)^ zu 
entsprechen versucht und muß diejenigen auf dieses Werk ver- 
weisen, welche die Lücke, die wir hier lassen müssen, ergänzt 
sehen wollen. 



Erstes Kapitel. 
Religiöse Orundzflge der Mlsslonspredlgt. 

Das Wort „Missionspredigt" kann in einem doppelten Sinne 
verstanden werden — erstlich (im weiteren Sinne) umfaßt es alles, 
was das Evangelium an bewegenden, anziehenden und überzeugen- 
den Momenten besaß bez. in seiner Entwickelung zur synkretistischen 
Religion bis zum Ende des 3. Jahrhunderts rezipierte und in Kraft 
und Leben umsetzte. Zweitens (im engeren Sinne) umschließt 
das Wort lediglich die entscheidende Glaubensbotschaft und die 
moralischen Forderungen. Im letzteren Sinne werden wir in 
diesem Abschnitt die Gnmdzüge der Missionspredigt zur Dar- 
stellimg bringen; in der weiteren Fassung gehört vieles hierher. 
Altes Testament und neue Schriften, Heilung und Erlösung, Gnosis 
und Apologetik, Mythus und Sakramente, Dämonenbezwingung, 
soziale Ausgestaltung und Hilfleistung — alles dies nahm an der 
Missionspredigt teil und trug dazu bei, sie eindrucksvoll und über- 
zeugend zu machen. Im engeren Sinne sind der Darstellung der 
Missionspredigt hier Schranken zu ziehen; denn die Fassung der 
entscheidenden Glaubensbotschaft und der moralischen Forderungen 



*) hl dem Martyrium der Scilitaner sagt der Prokonsul: ^Et nos religiosi 
sumus, et simplex est religio nostra." Darauf repliziert der Christ Speratus: 
«Si tranquillas praebueris aures tuas, dico mjsterium simplicitatis.** 

*) ^8^' meinen Grundriß der Dogmengeschichte, 4. Aufl., 1905. 



Digitized by 



Google 



Religiöse Grandzüge der Missionspredigt. 75 

ist natürlich abhängig gewesen von der dogmengeschichtlichen 
Entwickelung. Diese kann aber nicht dargelegt werden, ohne die 
(Frenzen dieses Werks zu überschreiten (s. o.). Indessen ist die 
Schranke nicht so empfindlich, weil, soviel wir wissen, die Missions- 
predigt im strengen Sinne des Wortes seit dem Ende des 2. Jahr- 
hunderts so ziemlich aufgehört hat. Der Katechumenenunterricht 
trat an ihre Stelle, femer die häusliche Erziehung im und zum 
Christentum und der kirchliche Gottesdienst. Endlich ist das 
Mißverständnis abzuwehren, als sei jeder, der zum Christentum 
übertrat, durch eine in den Grundzügen vollständige Missionspredigt 
gewonnen worden. Die Quellen, soweit sie uns hier Aufschluß 
geben, zeigen ein ganz anderes Bild — und zwar während der 
ganzen vorconstantinischen Epoche. In unzähligen Fällen war 
das, was die Entscheidung bewirkte, nur ein Strahl des Lichtes: 
der eine wurde durch das alte Testament gewonnen, der andere 
durch Dämonenbeschwörer, ein dritter durch die Reinheit des 
christlichen Lebens, wieder ein anderer durch den Monotheismus 
oder — vor allem — durch die Aussicht auf eine totale Ent- 
sühnung und auf das ewige Leben oder durch die Tiefe der Speku- 
lationen oder durch den sozialen Halt, den er gewann. Am 
häufigsten aber mag, solange das Christentum sich noch nicht 
natürlich fortpflanzte, ein Gläubiger den anderen erweckt haben, 
wie ein Prophet den anderen salbt; das Beispiel — nicht nur das 
der Märtyrer — und die persönliche Darstellung des christlichen 
Lebens erzeugten die Nachahmung. Eine vollständige Kenntnis 
der christlichen Lehre, die ja noch im 2. Jahrhundert wie weiches 
Wachs war, haben sich gewiß die wenigsten erworben — „idiotae, 
quorum semper maior pars esf, sagt Tertullian, und Hippolyt 
klagt über die Ignoranz sogar eines römischen Bischofs — ; aber 
auch die Kenntnis der heiligen Schriften mußte trotz der nicht 
fehlenden Privatlektüre das Vorrecht einzelner bleiben, so weit- 
schichtig imd schwer verständlich waren sie^. 

Die älteste Missionspredigt an die Juden lautete : „Das Gottes- 
reich ist nahe herbeigekommen; tut Buße^." Was das Himmel- 



*) Namentlich abendlandische Bischöfe und Theologen klagen immer 
wieder über die mangelnde Bibelkenntnis bei Laien und auch bei Klerikern, 
aber vgl. auch Clemens Alezandriuus. 

*) Die älteste Missionspredigt (Matth. 10, 7 f.), mit der die Jünger Jesu 
betraut wurden, lautet: xrjQvaaets Xsyovxsg Su ^yytxsv i} ßaadsla x(av ov^a- 
v&v. Die Buße ist hier nicht genannt, aber aus anderen Stellen zu er- 
gänzen. Die Kraft, Heilandswirken zu üben, wird ihnen dabei in Aussicht 
gestellt ßo^svoihrfag ^sganeveis, vsxqovs kyelQexe, XejiQovg xa^agiCsis, doufiövia 
ixßdXXsTs). 



Digitized by 



Google 



76 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

reich sei und was die Nähe bedeute, glaubten die Juden zu wissen; 
was BuBe zur Erwerbung der besseren Gerechtigkeit sei, mußte 
ihnen gesagt werden, und von hier aus empfing auch der Begriff 
„Gottesreich" einen anderen Sinn. 

Die zweite Stufe in der Missionspredigt an die Juden bildete 
der Satz „J^sus, der Auferstandene^, ist der Messias^ und wird 
vom Himmel wiederkommen, um sein Reich aufzurichten." 

Die dritte Stufe war durch die Beleuchtung des ganzen alten 
Testaments (des Gesetzes und der Propheten) vom Standpunkte 
der durch Jesus Christus geschehenen Erfüllung bezeichnet, und 
zugleich galt es, diejenige innere Gesinnung und sittliche Haltung 
zu gewinnen und auszugestalten, zu welcher die Mitglieder der 
messianischen Gemeinde, die durch den heiligen Geist berufen und 
von ihm getragen sind, sich verpflichtet wissen •. Hierbei mußte 
die Erfahrung gemacht werden, daß die bisherige Gesetzes- 
beobachtung nicht ausreiche, um die Sünde zu tilgen, bezw. um 
die Gerechtigkeit zu gewinnen, daß aber Jesus, der Messias, ge- 
storben sei zur Vergebung der Sünden (yvoyoibv fora> iiMV, Szi dtd 
Tovtov {fjMV äcpeoig äfJLaQiiwv xaxayyiXXexan &Ji6 ndvxtov &v o^k 
fldwifj^xe h vößup Mcovaicog dtxaiay&fjvai)^. 



^) Vgl. das nralte gerne in chrisÜiche Anferstehungsbekenntnis I Cor. 
15, 4 ff. 

«) Cf. Matth. 10,32. 

*) ^.Nachahmung" und , Nachfolge"* Christi hatten bei den sittlichen Er- 
mahnungen nicht den Spiehaum, den man erwartet. Jesus hat von Nach- 
ahmung Gottes gesprochen und ihm selbst nachzufolgen geboten; auch legte 
das Verhältnis von Lehrer und Schfller die Formel der Nachfolge nahe. 
Aber sobald er als Messias anerkannt war, als Gottes Sohn, Heiland und 
Richter, mußten Nachahmung und Nachfolge zurücktreten, wenn auch die 
Apostel in ihren Briefen beides noch eingeschärft und Jesum in Gesinnung, 
Tat und Leiden als Vorbild aufgestellt haben. Ein ethisches Formprinzip, 
um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen, ist in der alten Kirche die 
Nachahmung nur für die Virtuosen der Religion, die Geistlichen, Lehrer, 
Asketen und Märtyrer geworden; in der ethischen Unterweisung der Ge- 
meinde spielte sie eine geringere Rolle. Auch die Anweisung zur Nachfolge 
im strengen Sinn findet sich verhältnismäßig selten. Doch ist es nicht ohne 
Interesse, die Stellen zu sammeln und zu flberschauen, die hier einschlagen. 
Gerne parallelisierte man den Lebensgang und das Verhalten hervorragender 
Christen, namentlich der Confessoren, mit dem Christi. Zu generellen gesetz- 
lichen Vorschriften in bezug auf die Nachahmung Christi ist es nicht ge- 
kommen, weil die Christologie dazwischen trat (Gehorsam, nicht Nachahmung 
ist gefordert), und weil die wirkliche pünktliche Nachahmung zu schwer 
erschien. Die, welche sie versuchten, haben daher stets als Christen höherer 
(jattung gegolten (wenn ihnen auch frühe schon zugerufen worden ist, sich 
nicht zu überheben); also hat die Theorie der katholischen Kirche von den 
.evangelischen Räten" eine uralte Wurzel. 

*•) Act. 13, 38; soweit ist m. £. die judenchristliche Erkenntnis in der 
antiochenischen Rede des Paulus zutreffend formuliert; die weitere Fortführung 



Digitized by 



Google 



Religiöse Grandztige der Missionspredigt. 77 

„Ihr wißt, daß, als ihr Heiden wart, ihr zu den stummen 
Götzen entführt fortgerissen wurdet" (I Cor. 12, 2); „Ihr seid be- 
kehrt Yon den Götzen zu Gott, zu dienen dem lebendigen und 
wahrhaftigen Gott und zu erwarten vom Himmel her seinen Sohn, 
den er erweckt hat von den Toten, Jesum, der uns rettet von 
dem kommenden Zorn" (I Thess. 1, 9 f.). Hier haben wir die 
Missionspredigt an die Heiden in nuce. Der „lebendige, und 
wahrhaftige Gott" ist das Erste und Entscheidende; Jesus, der 
Sohn Gottes, der uns gegen den zukünftigen Zorn (d. h. an dem 
nun hereinbrechenden Gerichtstage) sicher stellt — daher 
„Jesus der Herr" — das Zweite. Dem lebendigen Gott, der jetzt 
allen verkündigt wird, gebührt Glaube und hingebender Dienst; 
dem Sohne Gottes als dem Herrn gebührt Glaube und HoiBFnung^. 

Diese kurze Predigt enthält einen unerschöpflichen Inhalt — 
objektiv und subjektiv, positiv und negativ — und ist doch aufs 
festeste in sich geschlossen. Objektiv und positiv ist sie die Bot- 
schaft von Gott dem einen, dem geistigen, dem allgegenwärtigen, 
allwissenden imd allmächtigen, dem Schopfes Himmels und der 
Erden, dem Herrn und Vater der Menschen, dem großen Ökonomen 
der Menschheitsgeschichte ^ ; sie ist femer die Botschaft von Jesus 
Christus, dem Sohne Gottes, der vom Himmel gekonmien ist, den 



des Gedankens (h xovxt^ jtäs 6 moxevajv dixaioOxai) ist spezifisch paulinisch. 
Im übrigen bietet die ganze Rede ein schOnes Beispiel einer an Jnden ge- 
richteten Missionspredigt. Daß der Satz: , Christus ist f&r unsere Sünden 
gestorben nach den Schriften", ein allgemein christlicher imd nicht bloß ein 
paulinischer war, folgt aus I Cor. 15, 3. Auch Weizsäcker (a.a.O.* S. 60 f.) 
hebt es mit Recht stark hervor, daß vor und neben Paulus auch in den 
jndenchristlichen Kreisen (bei Petrus) die Einsicht bestanden haben muß, das 
Qesetz und seine Beobachtung sei zur Rechtfertigung vor Gott nicht völlig 
ausreichend, und dem Messias Jesus bez. seinem Tode komme eine soterio- 
logische Bedeutung zu. 

') Justin (Acta Just. 2) antwortet auf die Frage nach dem «Dogma*" 
der Christen: S^isg svceßoii/isy eig x6v r&v Kgraxiayc^ ^s6r, Sv ^yovfie&a Sva 
TotTTOv 1^ ^Z^? noirjiTfy xal dijfjuovgyov t^s ndatfe xx£a$cog, ögaxfjg xs x<u dogdxov, 
xai xvQiov 'Iijaovv Xgtaxdr jiaXda ^sov, Sg xai xqoxsxi^qvxxcu vno x&v ngo- 
tprix&v fAiXhav stagayivso^cu x^ yivei xoiv dv^QcoJKov ocDxrjgiag xriQV^ xal dtdd- 
axatXog xaX^iv fta&rjxöiv, 

*) In dieser Hinsicht ist die Rede, die Lucas dem Paulus auf dem 
Areopag in den Mund gelegt hat (Act. 17,22 — 30), typisch und besonders 
instruktiv. Zugleich stellt sie die Verbindung dar mit den reinsten Konzep- 
tionen des Hellenismus. Man muß diese Rede mit dem I. Thessalonicherbrief 
kombinieren, um sich ein Bild zu machen, wie die grundlegende Missions- 
predigt vor Heiden beschaffen gewesen ist, und das Vorurteil zu beseitigen, 
als seien der Galater- und Römerbrief Muster der paulinischen Missions- 
predigt. ~ Ein besonders gutes Bild von den Grundzügen der Missionspredigt 
(neg. und pos.) gewähren auch die Fragmente des Kerygma Petri. Die alte 
Schrift hat wohl, wie auch schon der Titel andeutet, geradezu ein Kompen- 
dium der Lehre für Missionszwecke sein sollen. 



Digitized by 



Google 



78 IWe Missionspredigt in Wort und Tat. 

Vater kundgetan hat, für die Sünden gestorben, auferstanden ist, 
den Oeist herabgesandt hat und, zur Rechten Gottes sitzend, 
zum Gericht wiederkommen wird*; sie ist endlich die Bot- 
schaft von dem Heile, das Jesus als der Heiland bringt, nämlich 
die Befreiung von der Herrschaft der Dämonen, der Sünde und 
des Todes und das Geschenk des ewigen Lebens. 

Objektiv und negativ ist sie die Verkündigung von der 
Nichtigkeit aller übrigen Götter, der Protest gegen die goldenen, 
silbernen nnd hölzernen Götzenbilder und der Protest gegen das 
blinde Fatum und die Gottlosigkeit. 

Subjektiv endlich ist sie die Botschaft von dem Unwert aller 
Opfer, aller Tempel und alles Kultus von Menschenhänden, da- 
gegen die Verkündigung des Gottesdienstes im Geist und in der 
Wahrheit, des zuversichtlichen Glaubens, der Heiligkeit und der 
Enthaltung, der Liebe und der Brüderlichkeit, endlich der felsen- 
festen Gewißheit der Auferstehung und des ewigen Lebens und 
daher des Unwerts des gegenwärtigen Lebens, welches unter dem 
zukünftigen Gericht steht. 

Furcht und Hoffnung wurden bei dieser neuen Botschaft in 
außerordentlicher Weise erregt : die Furcht vor dem Hereinbrechen 
des Weltendes und der großen Abrechnung, bei der der Gerechte 
kaum zu bestehen vermag, und die Hoffnung auf ein herrliches 
Reich auf Erden nach der Katastrophe, ein Paradies voll köst- 
licher Genüsse und voll Trost und Seligkeit. Solch einen Schrecken 
imd solch ein Glück hatte wahrscheinlich noch keine Religion als 
öffentliche Botschaft verbreitet. 

Die Botschaft von dem einen allmächtigen Gott befremdete 
weite Bereise nicht mehr — im Gegenteil: das unsicher Geahnte 
schien erfüllt in Gewißheit und Herrlichkeit. Anders stand es 
mit Jesus und der Botschaft von der Auferweckung. Wie man 
nach dem Bericht der Apostelgeschichte (17, 18) in Athen ^den 
Jesus und die Anastasis'' für neue Dämonen und für höchst selt- 
sam hielt, so mußte überall die Lehre von ihnen zuerst als paradox 
gelten. Doch auf diesen Punkt haben wir hier nicht einzugehen. 
Gewiß ist, daß „der eine, lebendige Gott als der Weltschöpfer", 

*) Thaddäu8 kündigt dem Abgar für den folgenden Tag eine Missions- 
predigt an und gibt im voraus ihren Inhalt also an (Euseb., h. e. 1, 13): 
xrjQv^co xal onegto rov Xöyov Tfjg Cfotjg, nsQi xe xrjg iXevoecjg rov 'Irjoov xai^oK 
eySvero, xal tuqI xijg ajioaxoXfjg atrtov, xcu svsxa xivog djteaxdXi] vno xov naxQog, 
xal negl xfjg 6wdfi£<og xal xwv egycov avxov xal fivaxi]Qi(ov Sv iXdXijOEv ev 
x6ofi((t, xal noCq, dwafisi xavxa ijiolsi, xal negl xrjg xaivfjg avxov xrjgv^ecog, xal 
nsgl xrjg fuxgdxrjxog , xal negl xijg xajieivcoaemg , xal ji&g hojielvwasv kavxov xal 
anedsxo xal iofiixgwev aixov xrjv ^£6xy]xa, xal iaxavgw^ xal xaxißrj slg xov 
"Aiöiiv, xal diiox^os (fgay/Aor xov i^ almvog firj oxia^ivxa, xal dvT^yeigev vexgovg 
xal xaxißij fi6vog, dvißfj öe fxsxd noXXov SxXov ngog xov Ttaxiga avxov. 



Digitized by 



Google 



Religiöse Grundzüge der Missionspredigt. 79 

„der Soter Jesus" \ „die Auferweekung*' und „die asketische Ent- 
haltung" die hervorstechendsten Punkte der neuen Verkündigung 
bildeten. Dabei mußte die Geschichte Jesu kurz mitgeteilt werden 
(christologisches Kerygma) und wurde die Auferstehung in der 
Regel als Auferstehung des Fleisches, die Enthaltung in erster 
Linie als die geschlechtliche Reinheit, überhaupt aber als der 
Verzicht auf die Welt und die Abtötung des Fleisches bestimmt ^. 
Das Überschwänglichste war die Botschaft von Auferweckung 
des Fleisches, der vollkommenen Restitutio in integrum und des 
Herrlichkeitsreichs. Creatio und resurrectio sind Anfang und Ende 
der Lehre. In der erregten Hoffnung auf die Auferweckung floß 
die neue Schätzung des Werts des Individuums mit ganz minder- 
wertigen sinnlichen Wünschen zusanmien. Der Glaube an die 

*) In der Paradoxie, daß der Soter auch der Richter ist, besaß das 
Christentom einen seiner charakteristischen Gedanken, durch den es anderen 
Religionen besonders überlegen war. — „Vater und Sohn" bez. „Vater, Sohn 
und heiliger Geist": die üyas und die Trias wechselt, aber jene Formel ist 
wohl etwas älter; beide sind schon bei Paulus selbst nachweisbar. Ob er 
die letztere geprägt hat, möchte ich bezweifeln. Sie gehört wahrscheinlich 
wie „die B^irche", „das neue Volk", „das wahre Israel*, „Apostel, Propheten 
und Lehrer", „Wiedergeburt* usw. zu den Schöpfungen des ältesten Jünger- 
kreises. — Das Kerygma von Jesus ist mit dem Bekenntnis zu Vater, Sohn 
und Geist und mit der Kirche, der Sündenvergebung und der Fleisches- 
auferstehung verbunden worden. Das römische Symbol ist für uns der erste 
Zeuge dieser Verbindung und wahrscheinlich auch an sich der älteste. Dieses 
Symbol ist wohl nicht aus der Missionspraxis im engeren Sinn entstanden, 
sondern schon aus der katechetischen Praxis. 

*) Für den ersten Punkt (der eine, lebendige Gott) ist Hermas Mand. I 
besonders entscheidend (jiq&xov ndvtwv nlarevoov, Sxi elg ioxiv 6 ^eog 6 xä 
ndvta xxloas xai xaxoQxiaag xxX.), vgl. Praedic. Petri bei Clemens, Strom. V, 6,48; 
VI, 5, 39; VI, 6, 48 (die zwölf Jünger werden von Jesus als Apostel aus- 
gesandt mit dem Aufkrag : svayyeXiaao'&ai xovg xaxä xrjv olxovfiivtjy dv^Q(OJfovg 
ytv(oaxeiv, Sxi elg &e6g iaxiv). Aristides gibt c 2 seiner Apologie das Kerygma 
von Jesus Christus; aber wo er das Christentum auf einen kurzen Ausdruck 
bringen will, genügt es ihm zu sagen: die Christen sind die, welche den 
einen wahren Gott gefunden haben, s. z. B. c. 15 : „Die Christen haben .... 
die Wahrheit gefunden .... sie kennen nämlich und glauben an Gott, den 
Schöpfer Himmels und der £rde, ihn, durch den alles besteht, und von dem 
alles kommt, ihn, der keinen anderen Gott neben sich hat, ihn, von welchem 
sie die Befehle erhalten haben, die sie in ihren Sinn eingeschrieben haben, 
Befehle, die sie beobachten im Glauben und in der Erwartimg der zukünftigen 
Welt." (Vgl. auch die pseudomelitonische Apologie.) Die drei anderen Haupt- 
punkte sind besonders charakteristisch in den Acta Theclae formuliert: von 
Paulus heißt es hier (c. 1. 5), daß er überliefert habe Jidvxa xä Xdyia xvqIov xai 
xijg yswi^osmg xai x^g dvaaxdaemg xov i^yajnj/jiivov , und daß der Inhalt seiner 
Predigt sonst gewesen sei — Xöyog ^sov jisgi iyxQaxeiag xai dvaaxdascog. Die 
beiden letztgenannten Begriffe sind als sich ergänzende außsufassen. Die 
iyxgdxsta wird gefordert, weil die Auferstehung d. h. das ewige Leben gewiß 
ist, aber jene zur Bedingung hat; vgl. z. B. Vita Polycarpi 14: iXsyev xr^y 
dyrtlav jigöögofior elvai xfjg fAeXXovatjg dtp^gxov ßaoiXeiag. 



Digitized by 



Google 



80 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

Auferstehung des Fleisches und an das 1000 jährige Reich schien 
auch bald den Heiden als das eigentliche Charakteristikum dieser 
törichten Religion. Sie hatten Recht; er war es damals wirklich. 
Justin erklärt, daß alle rechtgläubigen Christen so lehren und 
hoffen. ^Fiducia Christianorum resurrectio mortuorum, illä cre- 
dentes sumus^, schreibt Tertullian (de resurr. 1), und er fOgt 
(c. 21) hinzu, daß man sie nicht allegorisch verstehen dürfe wie 
die Häretiker meinen; denn: ^verisimile non est, ut ea species 
sacramenti, in quam fides tota committitur, in quam disciplina tota 
conititur, ambigue annuntiata et obscure proposita videatur (s. auch 
das Folgende). Die ältesten ^wissenschaftlichen^ Traktate groß- 
kirchlicher Lehrer waren Abhandlungen über die Auferstehung 
des Fleisches. Und in diese Hoffnung hinein spielte der glühende 
Wunsch der Gedrückten, der Armen, der Sklaven, aber auch der 
Enttäuschten: ,,volumus non diutius servire, optamus maturius 
regnare" (TertuU. de erat. 5). ^Cum et tempora totius spei fixa 
sint sacrosancto stilo, ne liceat eam ante constitui quam in adven- 
tum, opinor, Christi, vota nostra suspirant in saeculi huius occasum, 
in transitum mundi quoque ad diem domini magnum, diem irae 
et retributionis" (Tert. de-resurr. 22). ^Kommen möge die Gnade, 
und vergehen möge diese Welt, der Herr kommt!'' betete man 
bei der Abendmahlsfeier (Didache 10). Bis über den Anfang des 
3. Jahrhunderts hat in weiten Kreisen diese Stimmimg angehalten; 
aber ihr Höhepunkt war die Zeit bis Marc AureP. — 

Der „Weisheit", dem „Verständnis", dem „Wissen" und der 
„Erkenntnis" war von Anfang an das weiteste Gebiet geöffnet, 
und schwerlich gab es irgend eine ausführlichere Missionspredigt, 
die nicht ins „Gnostische" d. h. ins Hellenisch-Philosophische über- 
ging; denn da es feststand, daß der Soter Jesus vom Himmel 
gekommen war — die Kreise, die es anders auffaßten, können 
hier bei Seite bleiben — , so war die Phantasie völlig entschränkt 
imd zum höchsten Fluge verpflichtet. ;,Wir sind göttlichen Ge- 
schlechts" (Act. 17,28) war noch eine nüchterne Erkenntnis: die 
Gottheit ist Mensch, ja Fleisch geworden, damit die Menschen 
göttlich würden, das war die Erkenntnis, zu der sich alles zu- 
spitzte. Sie wurde verbunden mit der Spekulation, daß die 
Menschwerdung, eben weil sie ein göttlich - kosmisches Ereignis 



*) Sehr detailliert hat Origenes (De princ II, 11, 2) die Vorstellungen 
der Cbiliasten geschildert, die er bekämpft nnd bereits wie eine zorückge- 
bliebene Partei behandelt. Man sieht aus seiner Schilderung, daß man sie 
sich nicht sinnlich genug denken kann. Auch auf „nuptiarum conventiones 
et filiorum procreationes" rechneten sie wieder. Aber man vgl., wie selbst 
ein Irenäus im 5. Buch seines großen Werkes das tausendjährige Reich, «nach 
apostolischer Überlieferung*' und an Papias sich anschließend, gezeichnet hat. 



Digitized by 



Google 



Religiöse Qrundzüge der Missionspredigt. 81 

sei, eine wiederherstellende und steigernde Bedeutung für alles 
Geschaffene habe, und daß die Seele des Menschen, durch ab- 
gestufte Mächte und Schranken bisher von Gott, ihrem Urquell, 
geschieden, nun den freien Rückweg zu Gott besitze, wobei alle 
jene Mächte, selbst befreit, nicht mehr Schranken, sondern Stufen 
und Vermittler sind. Zu der unumgänglichen Spekulation über 
Gott, Welt, Seele kam noch die über die Kirche; auch hier wurde 
das Historische und Irdische ins Eosmische und Transzendentale 
erhoben. 

Der Gegensatz einer ^gesunden^ und einer häretischen Gnosis 
hat sich in der Predigt erst allmählich herausgestaltet, wenn man 
auch von Anfang an aufmerksam gewesen ist auf gewisse Speku- 
lationen, die das Kerygma selbst zu gefährden schienen^. Das 
EorrektiT gegen eine zu ausschweifende Gnosis, die die ganze 
synkretistische Religion des Zeitalters hereinzog und ins Dua- 
listische und Doketische überging, wurde in der ^gesunden^ Gnosis, 
sodann aber in der Lehre von der Freiheit, in einer nüchternen, 
rationalistischen Gotteslehre und Moral, in dem Realismus der als 
Heilstatsachen gedeuteten Geschichte Jesu und in der Lehre von 
der Auferstehung des Fleisches — letztlich aber und am sichersten 
in dem Verbot von „Neuerungen" und in der Fixierung der Über- 
lieferung — gefunden. In dieser Hinsicht ist sehr instruktiv, wie 
Origenes das Kerygma bestinmit (in Joh. XXX H, 9). Erst repe- 
tiert er Hermas Mand. I (der eine Gott, der Schöpfer), dann fugt 
er hinzu: „man muß aber auch glauben, daß Jesus Christus der 
Herr ist, und an die ganze Wahrheit, die von ihm als Gott und 
als Mensch gilt; man muß aber auch an den heiligen Geist glauben, 
und daß wir, da wir einen freien Willen besitzen, gestraft werden 
für das, was wir gesündigt haben, aber belohnet werden für unsere 
guten Taten". 



') Es gehört zu den merkwürdigsten Erscheinungen und zu denen, 
welche am meisten zu denken geben, daß von Anfieing an, wo nur immer 
eine „gefährliche" Spekulation aufbauchte, diese so bekämpft wurde, daß 
man einen Teil derselben übernahm. Man vgl. die in Phrygien (Colossae) 
au%etauchten „Irrlehren" und halte den Colosser- und Epheserbrief dagegen ; 
man erinnere sich der „Irrlehren", welche die johanneischen Schriften be- 
kämpfen, und denke an den gnostischen Inhalt dieser Schriften ; man zeichne 
sich ein Büd von den .Irrlehren", welche Ignatius in seinen Briefen be- 
kämpft, und vergegenwärtige sich die Theologie des Ignatius; man stelle 
sich die großen gnostischen Systeme des 2. Jahrhunderts vor und lese den 
sie bekämpfenden Irenäus: „vincendi vincentibus legem dederunt!" So ge- 
waltig war die Macht der hellenisch-synkretistischen Ideen! Es scheint fast, 
als habe stets eine Art von Immunisierungsverfahren stattgefunden: man 
impfte der »gesunden" Lehre die Irrlehre in starker Verdünnung ein und 
feite sie so gegen die akute Infektion. 

Harnaok, Mission. S. Aofl. ß 



Digitized by 



Google 



82 J^e Missionspredigt in Wort und Tat. 

Im 2. Jahrhundert bereits war das christliche Kerygma ein 
sehr verschiedenes : anders predigten die Evangelisten der großen 
Kirche im Morgenland und anders im Abendland, wenn auch auf 
derselben Grundlage, wieder anders predigten die Gnostiker und 
Marcioniten. Aber Tertullian hat vielleicht nicht ganz imrecht, 
wenn er behauptet, die Heidenmission werde von diesen wenig 
betrieben; sie machten sich in der Regel nur an solche, die be- 
reits Christen waren. Seit dem gnostischen Kampf ist die anti- 
gnostische Glaubensregel allmählich überall die Grundlage der 
kirchlichen Verkündigung geworden. Das Ethische und Stürmische 
trat hinter das Dogmatische mehr zurück, aber das Drangen auf 
Enthaltung und Askese hörte doch nicht auf. 

Die Theologie war beim Übergang des 2. zum 3. Jahrhundert 
unübersehbar weitschichtig geworden, aber die Missionspredigt muß 
stets verhältnismäßig kurz gewesen sein; denn für die ^Idioten^ 
waren schon jene vier Stücke, die wir oben genannt, genug und 
übergenug. Szenen, wie die, welche die Apostelgeschichte (c. 8, 
26 — 38) erzählt, haben sich mutatis mutandis — besonders in 
Zeiten der Verfolgung angesichts der Märtyrerfreudigkeit einzelner 
Christen — immer noch wiederholt, obgleich eine rechtgläubige 
(und in der Theorie unumgängliche) Lehre von großem Umfang 
bestand, und das Bekenntnis; Ein Gott, der die Welt geschaffen, 
Jesus der Herr, Gericht, Auferstehung — war gewiß für viele 
alles, was sie wußten. Andererseits waren gewisse Hauptstücke 
des Weissagungsbeweises, der in der Predigt vor Juden und Heiden 
eine so große Rolle spielte (siehe das Kapitel über das Alte Testa- 
ment), in sehr weiten Kreisen verbreitet, und es müssen die Grund- 
züge des christlichen Gottesbegriflfs sehr vielen geläufig gewesen 
sein; denn triumphierend weisen die Apologeten immer wieder 
darauf hin, daß „bei uns die Handwerker und Sklaven und alten 
Weiblein Rechenschaft zu geben wissen von der Gottheit und nicht 
ohne Beweis glauben^." 

Die vier Stücke — der eine lebendige Gott, der Soter und 
Richter Jesus, die Auferstehung des Fleisches und die Enthaltung 
— konstituierten in ihrer Verbindung die neue Religion, die sich 



^) Zusammen mit den Hauptstücken des Weissagungsbeweises (ein bis 
zwei Dutzend Stellen aus dem Alten Testament) waren die entsprechenden 
Stücke der Greschichte Jesu die bekanntesten und geläufigsten. Daß es — 
abgesehen vom Kreuzestod — streng historisch genommen fast sSintlich 
Legendenstoffe (ideelle Geschichte) waren, war das notwendige Ergebnis 
dieser Betrachtungsweise und Methode. An gewaltigem Eindruck kam wahr- 
scheinlich nichts den Geburtsgeschichten gleich, wie sie bei Matthäus und 
namentlich bei Lucas zu lesen standen. Daß die Auferstehungsgeschichte 



Digitized by 



Google 



Religiöse Grandzüge der Missionspredigt. 83 

kräftig Yon den alten, namentlich auch von der jüdischen, abhob 
und sich doch trotz ihres scharfen Kampfes gegen den Poly- 
theismus organisch an den Entwickelungsgang anschloß, den diie 
Religion an den Ufern des östlichen und zentralen Mittelmeeres 
genommen hatte. Das Medium aber, in welchem jene vier Stücke 
lebendig waren, war der Vergeltungsgedanke d. h. die 
Souveränetät des Sittlichen einerseits und das erlösende 
Kreuz andererseits — jede Auffassimg der Grundzüge der christ- 
lichen Missionspredigt ist verfehlt, die nicht alles sub specie der 
Souveränetät des Sittlichen und der auf dem Kreuze Christi sich 
gründenden Gewißheit der Erlösung durch Vergebung betrachtet ^. 
Die „Gnade" d. h. die Vergebung hat einen großen Spielraum; 
aber sie hat die Vergeltung nicht gesprengt. Die Einschärfung 
des Sittlichen wurde in den christlichen Gemeinden von Anfang 
an doppelt bewirkt, durch den Geist Christi und durch den Ge- 
danken des Gerichts und der Vergeltung. Es erhielt aber durch 
beides eine strenge Richtung auf das Jenseits; denn Christus war 
der, der wiederkehren sollte. Die „gegenwärtige" und die „zu- 
künftige Zeit" standen sich schroff für das Empfinden der ältesten 



im Detail nicht den gleichen Erfolg erzielte, lag an der Verschiedenheit 
der Berichte, die in den autoritativen Schriften so groß ist, daß eine einheit- 
liche and eindracksvolle Vorstellung des Verlaufs herzustellen selbst den 
damaligen Exegeten — und was vermochten sie nicht alles! — nicht gelang. 
So ha];>en die in den Evangelien erzählten Einzelgeschichten in bezug auf 
die Auferstehung nicht die Bedeutung erlangt wie die Geburtsgeschichten. 
^Am dritten Tage auferstanden von den Toten nach der Schrift'' — nur 
dieses kurze Bekenntnis ist so populär geworden wie Luc. 1 und 2 und wie 
die Geschichte der Weisen aus dem Morgenlande. — Die Vorstellung, daß 
die Apostel seihst eine Quintessenz des christlichen Lehrstoffes zusammen- 
gestellt hätten, war verbreitet; aber worin diese Quintessenz bestehe, darüber 
herrschte große Verschiedenheit. Mit der Didache beginnt die Abfassung 
der Werke, die als Werke aller Apostel oder als autoritative Zusammen- 
&s8ung ihrer Anordnungen angesehen wurden. 

*) Die Erlösung durch Vergebung war im strengen Sinne als eine ein- 
malige gedacht: in der Taufe kommt der Ertrag des Todes Christi dem ein- 
zelnen zugut und tilgt alle seine bisherigen Sünden. Wie Paulus haben 
zahlreiche Lehrer nach ihm das Kreuz Christi als den Inhalt des Christen- 
tums überhaupt vorgestellt. Dem Doketismus Marcions gegenüber, der den 
Kreuzestod Jesu unsicher macht, ruft Tertullian (de came 5) aus: „Parce 
unicae spei totius orbis." Über die in der Taufe den Gläubigen zugewendete 
Folge hinaus wirkt das Kreuz wohl noch schirmend und schützend (gegen 
die Dämonen), aber nicht sündentilgend (Spekulationen, die das behaupteten, 
setzten erst später ein). Als Mysterium ist es freilich unerschöpflich, und 
seine Wirkungen sind darum nicht auszusagen. Schon Pseudobamabas und 
Justin sind Mysteriosophen des Kreuzes gewesen, s. Bamab. ep. 11. 12; Justin, 
Apol. I, 55, wo auch triumphierend behauptet ist, daß [ol xaxoi Salfwveg] 
ovdafKrO ovo' ixi ztvoc x&v Xiyofihfoav vl&v xov Ai6g ro <navQ<o^^€u ifu/jn^ocnno. 
Vgl. auch Minudus, Octav. 29; Tertull., ad nat. 1, 12, etc. 

6* 



Digitized by 



Google 



g4 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

Christen gegenüber^, und von hier erhielt die Forderung der 
^Enthaltung'' das kräftigste Motiy, ja wurde bei nicht wenigen zu 
einer Art passionierter Leidenschaft. Es ist dieselbe Gemeinde, 
die in jedem Gottesdienste, wie wir gehört haben, betete: 
^Kommen möge die Gnade, und vergehen möge diese Welt; 
Maran atha^, und die solche Anweisungen gab, wie wir sie im 
Hirten des Hermas im ersten Gleichnis lesen ^. ^Yon allen Christen 



*) S. II Clem. ad Cor. 6: iatiy o^oc 6 aioav xai 6 fiiXXcnv dvo kx-^gol. 
o^oQ Xeygt fiotxelav x€u (p^gav xai tpiXoQyvQlav xcu dndnfyf ixsivos de xovxoif 
djiojdoöetcu. ov dwdfie^ ovv x&v ovo <piXoi elvcu. ösT de ^fiäg xovrq) ojioxa^a- 
/Aerovg ixelvq) XQ^^<U' oi6fie^ Sxi ßiXji^r iotiv xh ey^Öe fitöfjacu, Sxt fuxQQ, 
xai SXiyoxQiiyta xai qr&oQxd' ixeiva de dYamjocu, xä dya^a xä äqf^OQxa. 

*) ^Ihr wißt," — ich setze die Stelle, die statt vieler gilt, hierher — 
,daß ihr Diener Gottes in der Fremde weilt; denn eure Stadt liegt fem ab 
von dieser Stadt. Wenn ihr nun die Stadt kennt, in der ihr künftig wohnen 
werdet, warum richtet ihr euch hier Felder ein, schafR; ihr euch kostspieligen 
Prunk, zwecklose Oebäude und Wohnungen? Wer sich in dieser Stadt hier 
derart einrichtet, der erwartet nicht, in seine Stadt hinaufzugelangen. 
Törichter, halbherziger, elender Mensch, siehst du denn nicht, daß all dieses 
fremdes Eigentum ist und unter der Gewalt eines anderen steht? Der Herr 
dieser Stadt wird dir einst sagen : ,Ich sehe es nicht gern, daß du in meiner 
Stadt wohnest; r&ume diese Stadt, weil du nicht nach meinen Gesetzen 
lebst.' Nun du, Besitzer von Äckern, Häusern und vielen anderen Geschäften, 
was willst du mit deinem Hause und was du dir sonst erworben hast, an- 
fangen, wenn du von jenem ausgewiesen wirst? Denn der Herr dieses Landes 
erklärt mit vollem Rechte: ,Entweder füge dich meinen Gesetzen oder gehe 
mir aus dem Lande.* Was willst du in diesem Fall deiner Felder und übrigen 
Habe wegen tun, da du in deiner eigenen Stadt schon ein G^etz hast? 
Wirst du dein Gesetz vollständig verleugnen und nach dem Gesetze dieser 
Stadt wandeln ? Sieh zu, ob es nicht nachteilig fCir dich sei, dein Gesetz zu 
verleugnen. Denn wenn du in deine Stadt zurückkehren willst, wirst du 
nicht aufgenommen, sondern ausgeschlossen werden, weil du das Gesetz deiner 
Stadt verleugnet hast. Siehe darum zu, daß du, in der Fremde weilend, dir 
nicht mehr erwerbest als das gerade Ausreichende ; und wenn der Herr dieser 
Stadt kommt, dich als einen gegen sein Gesetz Widerspenstigen hinauszu- 
schaffen, so sei bereit, seine Stadt zu verlassen, nach der deinigen dich auf- 
zumachen und ungestört und freudig nach deinem Gesetz zu leben. Sehet 
euch also vor, ihr, die ihr Gk>tt dienet und ihn im Herzen habt. Vollbringet 
die Gott gefälligen Werke, eingedenk der Gebote und Verheißungen, die er 
gegeben hat, und vertrauet ihm, er werde diese erfüllen, wenn seine Gebote 
erföllt werden. Statt Äcker kaufet, so weit jeder imstande ist, bedrängte 
Seelen, nehmt euch der Witwen und Waisen an und übersehet sie nicht; 
eueren Reichtum und alle euere Bemühungen verwendet auf solche Felder 
und Häuser, die ihr von Gott empfangen habt [seil, auf die Armen]. Denn 
zu dem Zweck hat euch der Herr Reichtum verliehen, daß ihr ihm solche 
Dienste leistet. Viel besser ist*s, solche Äcker, Güter und Häuser zu kaufen, 
die du wiederfinden wirst in deiner Stadt, wenn du dich dort niederlassen 
wirst. Ein solcher Aufwand ist gut und heilig, nicht mit Schmerz und 
Furcht, sondern mit Freude verbunden. Machet darum nicht den Aufwand 
der Heiden; denn er ist euch, den Knechten Gk>ttes, unzuträglich; ent£altet 
vielmehr den eignen Aufwand, an dem ihr Freude haben könnt. Drückt den 



Digitized by 



Google 



Religiöse Grnndzüge der Missionspredigt 85 

kann man das Wort hören: Mir ist die Welt gekreuzigt und 
ich der Welt^.'' 

Aber eben dieser entschlossene Verzicht auf die Welt machte 
sie erst ßlhig und stark, auf sie zu wirken. Wenn der Spruch: 
„Wer für die Welt etwas tun will, muß sich mit ihr nicht ein- 
lassen^, je eine Wahrheit gehabt hat, so hat er sich damals 
bewahrheitet. Man hat dem ältesten Christentum vorgeworfen, 
daß es zu weltflüchtig und asketisch gewesen sei ; aber Revolutionen 
werden nicht mit Rosenwasser gemacht, und hier galt es auch 
einer Revolution. Es galt, den Polytheismus zu stürzen und die 
Majestät Gottes und des Guten aufzurichten in der Welt — für 
die, welche an sie glaubten, und auch für die, welche nicht an 
sie glaubten. Das konnte zunächst nicht anders geschehen als 
dadurch, daß man den Unwert dieser Welt behauptete und sich 
wirklich vor ihr löste. Diese Schroffheit aber hat die Missions- 
predigt schwerlich gehemmt, sondern verstärkt, da sie nicht isoliert 
war, sondern begleitet von der Botschaft von dem Heilande und 
der Heilung, von der Liebe und Hilfleistung. Und noch etwas 
ist zu sagen : dem Yergeltungsgedanken, so scharf er ausgeprägt 
war imd so stark er die Gemüter auf das Jenseits richtete, war 
die Härte und Unlebendigkeit genommen; denn neben ihm stand 
die sicherste Empfindung und Überzeugung von der Gegenwart 
Gottes, seiner Vorsehung und Leitung. Von keiner Betrachtung 
waren die alten Christen weiter entfernt als von der, welche man 



Dingen keinen falschen Stempel auf; rührt nichts Fremdes an und verlangt 
nicht darnach; denn es ist verderblich, Fremdes zu begehren. Tu, was dir 
als Arbeit befohlen ist, und du wirst das Heil erlangen. *" Bei aller Schroff- 
heit der Ermahnung kommt es dem Hermas übrigens doch nicht in den Sinn, 
daß der unterschied von reich und arm tatsächlich in der Gemeinde auf- 
hören soll. Das zeigt, wenn es noch nötig, das folgende Gleichnis. Wie die 
Entwicklung in der christlichen Gemeinde in bezug auf diese Frage weiter 
fortgeschritten ist, lehrt der Traktat des alezandnnischen Clemens: ^Quis 
dives salvetur?** Übrigens zeigt schon das Job. 12, 8 Jesu in den Mund ge- 
legte Wort „Arme werden allezeit bei euch sein* — das Wort ist schwerlich 
absichtslos gesetzt ~, daß man in der Gemeinde nicht an eine wirkliche 
Aufhebung des Unterschieds von reich und arm gedacht hat. 

*) Celsus bei Origenes V, 64. Den Pessimismus der ältesten Christen 
in bezug auf die Welt kann man sich nicht stark und entschieden genug 
denken. (Marcion nannte seine Eonfessionsgenossen owraXcUjtayQiH xai avfifU" 
aov/Asvot, s. TertuU. adv. Marc. lY, 9). In dieser Hinsicht ist uns noch Ter- 
tullian, ja selbst Origenes ein Zeuge. Es sei nur ein Zug heryorgehoben. 
Hom. 8 in Levit. t. 9 p. 816 f. sagt er, daß in der Bibel nur Weltmenschen 
wie Pharao und Herodes ihren Geburtstag feiern, „sancti non solum non 
agunt festivitatem in die natali suo, sed a spiritu sancto repleti exsecrantur 
hunc diem*. Der wahre Geburtstag der Christen ist ihr Todestag. Origenes 
denkt an Hieb; außerdem ist die Form seines Pessimismus allerdings noch 
durch besondere Spekulationen bedingt. 



Digitized by 



Google 



86 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

die deistiBche nennt. Sie kannten den Yater im Himmel; sie 
wußten, daß Gott ihnen nahe sei, daß er sie leite, mid die Tiefsten 
miter ihnen wußten, daß er mit seiner Kraft in ihnen regiere. So 
yerkündigten sie ihn, und in dieser Yerkündigung wurde das Jen- 
seits zum Diesseits; die starre Vergeltung schien zu verschwinden; 
denn was war noch zu „vergelten**, wenn man in seiner Gegen- 
wart lebte und seine Weisheit, Macht und Güte mit allen Kräften 
des Herzens, ja mit allen Sinnen spürte? Die Stimmungen des 
sicheren Besitzes und der Sehnsucht, der erfahrenen Gnade und 
einer leidenschaftlichen Hofihung haben nicht nur in einem Manne 
wie Paulus gewechselt. Sehnsüchtig schaut er aus auf die Be- 
freiung von dem Leibe, und ergreifend ist dabei seine Teilnahme 
für alles, was in Banden liegt, für die ganze seufzende Kreatur. 
Aber die Hoffnung, die sein ganzes Herz und sein Sein erfüllte, 
war keine aufreibende und ungewisse; sie ruhte auf dem festen 
Grunde eines sicheren Unterpfandes, nämlich der Kindschaft und 
des Besitzes des Geistes Gottes^. 

Es bedarf wohl nicht eines besonderen Hinweises darauf, daß 
die christliche Yerkündigung als Predigt von der Buße und der 
strengen Sittlichkeit einerseits und als Anbietung der Sünden- 
tilgung und Erlösung andererseits eine innere Spannung enthielt, 
die dem einzelnen in ganz verschiedener Weise zum Bewußtsein 
kommen mußte. War diese Sündentilgung und Erlösung ein- 
geschlossen in Sakramente bez. in ein Sakrament (die Taufe), so 
konnte es nicht ausbleiben, daß Tausende eben nur nach diesem 
Sakrament ausschauten, sich mit dem Glauben an seine prompte 
magische Wirkung begnügten und mit der sittlichen Forderung 
keinen rechten Ernst machten. Umgekehrt konnte diese so über- 
wältigend in das Gewissen fallen, daß die Erlösung lediglich als 
der Lohn und Preis eines heiligen Lebens erschien. Dazwischen 
waren viele Standpunkte möglich. Die kirchliche Yerkündigung 
hat beides ernstlich in einem Gleichgewicht halten wollen; aber 
Sakramente sind überall willkommener als Sittenpredigten, und 
jene Zeit war in besonderer Weise sakramentssüchtig. Sie brachte 
den Mysterien noch die nötige !N'aivetät und zugleich schon das 
nötige Raffinement entgegen. 

^) Das Bild der Person Christi in ihrer Totalität, so daß ein Christas- 
pathos entstand, hat doch nur in wenigen so gewirkt, daß sie das, was sie 
an ihm erlebt haben, anszosprechen sich getrieben fELhlten. Neben Paulas 
und Johannes ist eigentlich nur Ignatius zu nennen. Aber in wie vielen 
Christen mag dieses Bild die stärkste Macht gewesen sein, ohne daß wir es 
wissen! Bei einigen Märtyrern bricht es in den letzten Bekenntnissen, bei 
Origenes mitten in gelehrten Homilien, in ergreifender Weise hervor. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung. 87 

Zweites Kapitel. 
Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung ^ 

Das Eyangeliiun, wie Jesus es verkündigt hat, ist Erlösungs- 
religion, aber Erlösungsreligion in verborgener Weise. Jesus 
verkündigt eine neue Botschaft — die Nähe des Reiches 
Gottes, den Vater, seinen Vater — und ein neues Gesetz, aber 
er wirkt als Heiland, und in solchem Wirken wurde er ans Kreuz 
geschlagen. Als Religion der Erlösung hat Paulus das Evangelium 
verkündigt. 

Als Arzt ist Jesus in die Mitte seines Volkes getreten. ^Nicht 
die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken*.'* Als 
den Arzt des Leibes und der Seele, als den Heiland schildern ihn 
die drei ersten Evangelien. Er spricht nicht viel von der Krank- 
heit, sondern er heilt sie. Er erklärt nicht, daß die Krankheit 
gesund sei, sondern er nennt sie beim rechten Namen, aber er 
erbarmt sich der Kranken. Nichts von Sentimentalität oder Raffine- 
ment findet sich bei ihm; auch keine feinen Distinktionen und 
Sophismen, daß die Gesunden eigentlich die Kranken seien und die 
Kranken die Gesunden. Er sieht Scharen von Kranken um sich, 
er zieht sie an sich, und er hat nur den Trieb zu helfen. Leibes- 
und Seelenkrankheiten unterscheidet er nicht streng — er nimmt 
sie als die verschiedenen Äußerungen des einen großen Leidens 
der Menschheit. Aber er kennt ihre Wurzeln; er weiß, daß es 
leichter ist zu sagen: „Stehe auf und wandle^, als „Dir sind deine 
Sünden vergeben"*, und er handelt demgemäß. Vor keiner 
Seelenkrankheit schreckt er zurück — Sünderinnen und Zöllner 
bilden seine stete Gesellschaft — , und keine Leibeskrankheit ist 
ihm zu ekelhaft. In dieser Welt von Jammer, Elend, Schmutz, 
und Verworfenheit, die ihn täglich umgibt, bleibt er lebendig, 
rein und immer tätig. 

So hat er Jünger und Jüngerinnen gewonnen: es ist ein Kreis 
von Geheilten, der ihn umgibt*. Sie sind geheilt worden, weil 

') Nach dem Abschnitt VI meiner Abhandlung „Medizinisches aas der 
ältesten Eirchengeschichte* 1892 (Texte u. üntersach. Bd. VIII) in neuer Be- 
arbeitung. 

») Marc. 2, 17. Luc. 5, 31. 

*) Marc. 2, 9. Oder ist die Stelle anders zu verstehen? Ist das .Dir 
sind deine Sfinden vergeben* leichter zu sagen? Wenn die Stelle so ver- 
standen werden muß, dann ist augenscheinlich der Sinn von «leichter** ein 
anderer. 

*) Eine alte edessenische Legende über Jesus hat sich an seine heilende 
Tätigkeit angeschlossen. Die Edessener führten am Ende des 3. Jahrhunderts 



Digitized by 



Google 



gg Die Missionspredigt in Wort and Tat. 

sie an ihn glaubten, das heißt weil sie aus seinen Zügen und aus 
seinen Worten Gesundheit abgelesen haben. Die Gesundheit der 
Seele ist die Erkenntnis Gottes. Auf diesen Fels hatte sie Jesus 
aus dem Schiffbruch des Lebens gerettet. Weil sie Gott als den 
Yater in dem Sohne erkannt haben, darum wissen sie sich als 
geheilt. Sie schöpfen fortan aus einem nie versiegenden Quell 
Gesundheit und wahres Leben. 

„Ihr werdet zu mir dies Sprichwort sagen: ,Arzt, heile dich 
selbst*''^ — er, der so vielen half, schien selbst in eine immer 
hilflosere Lage zu kommen. Angefeindet, verleumdet, von den 
Oberen seines Volkes mit dem Tode bedroht, verfolgt in dem 
Namen des Gottes, den er verkündigte, ging er dem Kreuze ent- 
gegen. Aber eben dieses Kreuz offenbarte erst die ganze Tiefe 
und Kraft seines Wirkens als Heiland. Es vollendete seinen Beruf, 
indem es die Menschen lehrte, daß das Leiden des Gerechten 
das Heil in der Geschichte ist. 

„Fürwahr er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere 
Schmerzen; durch seine Wunden sind wir geheilt" — das war die 



ihr Christentum, welches sie in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts er- 
halten hatten, anf die apostolische Zeit znrflck, und sie bewahrten einen an- 
geblichen Briefwechsel zwischen ihrem Könige Abgar und Jesus. Dieser 
Briefwechsel ist uns noch erhalten (s. Euseb., h. e. 1, 18). Er ist eine naive 
Dichtung. Der schwer erkrankte König schreibt also : „Abgar, Toparch von 
Edessa, entbietet Jesu, dem guten Heilande, der in der Gegend von Jerusalem 
erschienen, seinen Gruß. Ich habe von Dir und Deinen Heilungen gehört, 
die Du ohne Arznei und Kräuter vollbringst. Denn, wie erzählt wird, machst 
Du Blinde sehen, Lahme gehen und reinigst Aussätzige, treibst unreine 
Geister und Dämonen aus, heilst die, welche von langwierigen Ej-ankheiten 
gequält sind, und erweckst Tote. Da ich nun alles dieses ober Dich gehört 
hatte, da stellte ich mir das Doppelte vor die Seele: entweder bist Du selbst 
Gk>tt, und, herabgestiegen vom Himmel, tust Du dies, oder Du bist ein Sohn 
Gottes, indem Du dies tust. Deswegen schreibe ich nun an Dich und bitte 
Dich, zu mir zu kommen und das Leiden, welches ich habe, zu heilen. Denn 
ich habe auch gehört, daß die Juden wider Dich murren und Dir Übles zu- 
fügen wollen. Ich habe eine sehr kleine, aber anständige Stadt, die für uns 
beide genflgt." Darauf antwortet Jesus: ,1 Selig bist Du, weil Du an mich 
gläubig geworden bist, ohne mich gesehen zu haben ; denn es steht von mir 
geschrieben: Die mich gesehen haben, werden nicht an mich glauben, damit 
diejenigen, welche mich nicht gesehen haben, glauben und leben. Was aber 
Deine Bitte zu Dir zu kommen betrifft, so muß ich hier alles, wozu ich ge- 
sandt bin, erfQllen und darnach zu dem aufgenommen werden, der mich ge- 
sandt hat. Wenn ich aber aufgenommen sein werde, so werde ich einen 
meiner Jünger senden, daß er Deine Krankheit heile und Dir und den Deinigen 
das Leben gebe.** Es wird nun erzählt, daß Thaddäus nach Edessa gekommen 
sei und den König ohne Arznei und Kräuter durch Handaufleguug geheilt 
habe, nachdem dieser ein Glaubensbekenntnis abgelegt hatte. „Auch Abdus, 
der Sohn des Abdus, wurde von ihm vom Podagra geheilt/ 
») Luc. 4,23. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium Yom Heiland nnd yon der Heilung. S9 

neue Erkenntnis, die vom Kreuze ausgingt. Wie ein lebendiger 
Strom Wassers ergoß sie sich auf die vertrockneten Menschen- 
herzen und auf ihre dürre Moral. An die Stelle der dinglichen 
und statutarischen Moral trat die Anschauung eines persönlichen, 
reinen und göttlichen Lebens, das sich im Dienste an den Brüdern 
verzehrt und willig in den Tod gegeben hatte. Diese Anschauung 
wurde das neue Lebensprinzip; sie entwurzelte das alte Leben, 
wie es zwischen Sünde und Moral hin- und herschwankte; aber 
sie ließ ein neues Leben entstehen, welches nichts anderes sein 
wollte als Jüngerschaft Christi, und welches Kraft schöpfte aus 
seinem Leben. Die Jünger zogen hinaus, um die Botschaft „Gottes 
des Heilandes" zu verkündigen*, des Heilandes und Arztes, dessen 
Person, Tun imd Leiden die Heilung war. Es war nicht augen- 
blickliche überschwängliche Stimmung, sondern der sichere und 
ruhige Ausdruck des Bewußtseins, das ihn stetig erfüllte, wenn 
Paulus den Galatem schrieb*: „Ich lebe — doch nun nicht ich, 
sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, 
das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt 
hat und sich selbst für mich dargegeben. " In diesem Bewußtsein 
waren die ältesten christlichen Missionare bereit, täglich zu sterben. 
Eben deshalb ist ihre Sache nicht untergegangen. 

In der Welt, welcher die Apostel die neue Botschaft ver- 
kündigten, war die Religion ursprünglich nicht für die Ej-anken 
da, sondern für die Gesunden. Die Gottheit will reine und gesunde 
Verehrer. Die Kranken imd die Sünder sind den finsteren Mächten 
verfallen; sie mögen zusehen, ob sie Gesundheit des Leibes und 
der Seele von irgend woher wiedergewinnen können. Erst dann 
sind sie den Göttern willkommen. Es ist interessant zu sehen, 
wie noch bei dem Christenfeind Celsus im Ausgang des 2. Jahr- ^ 

hunderts diese Auffassung die durchsclilagende ist*: ^Die, welche 
zur Feier anderer Weihen auffordern, schicken folgende Botschaft 
voraus: ,Wer reine Hände hat und Verständiges spricht, (der 
komme herzu)', oder: ,Wer rein ist von jeder Schuld und wer 
sich in seiner Seele keiner Sünde bewußt ist und wer ein edles 



*) Vgl. I Petr. 2, 24: ov Tcp fiwXayni avtot la^xe. 

*) Luc. 2,11: hix^ vfuv «kmtiJ^, Sg eaziv Xgiatog xvQiog. .loh. 4,42: 
otdafjiev oxi ovxög imiy dXtj^&g 6 aootrjo tov xöofjtov. Tit. 2, 11: Ejtefpdvrj ^ 
jjfo^tc xov ^eov ocDtiJQiog Ttäaiv dv^QCjJiOig. Tit. 3, 4 : ij XQV^^'^V^ ^<*' V 9'<^a*'- 
^QKOjiia knsq>dvri xov awxfjQog ^fimv ^sov. In einigen christlichen Kreisen 
wurde die Bezeichnung „Heiland" f^ Jesus sogar ausschließlich gebraucht. 
Iren&us (I, 1, 3) macht es dem Valentinianer Ptolemäus zum Vorwurf, daß er 
Jesus nicht „xv^toc" nennen wolle, sondern nur „ocdti/^", und wirklich wird 
in dem Brief des Ptolemäus an die Flora Jesus ausschließlich amxrjQ genannt. 

•) Gal. 2, 20. — ♦) Orig. c. Geis. III, 59 f. 



Digitized by 



Google 



90 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

und gerechtes Leben gefuhrt hat, (der trete heran)'. Und das 
rufen die aus, welche Entsühnung von Sünden versprechen^. 
Hören wir nun dagegen, was für Leute jene (die Christen) rufen: 
,Wer ein Sünder ist, ein Tor, ein Einfältiger, mit einem Wort 
ein Unglücksmensch — ihn wird das Reich Gottes aufnehmen'. 
Den Sünder, damit meinen sie den Ungerechten, den Dieb, den 
Einbrecher, den Giftmischer, den Tempelräuber und den Grabes- 
schänder. Wenn einer eine Räuberbande bilden wollte, würde er 
solche Leute herbeirufen^!'' Mit wünschenswerter Deutlichkeit 
hat hier Celsus den prinzipiellen Gegensatz des Christentums und 
der antiken Religion zum Ausdruck gebracht*. 

Aber die religiöse Stimmung, welche das Christentum vor- 
fand und welche sich im 2. und 3. Jahrhundert rapid entwickelte 
und verbreitete, war, wie wir bereits gesehen haben (Buch I 
Kap. 3), nicht mehr die „antike". Auch hier zeigt es sich, daß 
die neue Religion erschien, „als die Zeit erfüllt war". Die heitere 
Naive tat der alten Religion, soweit eine solche bestanden hatte, 
war im Absterben; an ihre Stelle traten neue religiöse Bedürf- 
nisse. Die Philosophie hatte das Individuum entfesselt und den 
Menschen im Bürger entdeckt. Der Austausch der Staaten und 
Nationen, ihr Zusammenwachsen zu einem Weltreich, hatte den 
Eosmopolitismus verwirklicht. Der Kosmopolitismus aber hat 
immer den Individualismus zu seiner Kehrseite. Die verfeinerte 
materielle und geistige Kultur machte das Leid des Lebens emp- 

*) Der Sinn ist, selbst zu solchen Mysterien, in denen es sich um Ent- 
sühnung handelt, werden nur solche berufen, die im allgemeinen gut und 
gerecht gelebt haben. 

*) Bei Porphyrius steht die Sache schon etwas anders. Unbedingt kann 
er den Spruch Christi von den Kranken, um deren willen er gekommen sei, 
nicht verwerfen. Andrerseits steht ihm doch als Hellenen fest, daß die 
Religion für die Einsichtigen, die Gerechten und die Forschenden ist. Daher 
ist seine Ausführung (bei Macarius Magnes IV, 10) ziemlich verworren. 

*) Origenes verteidigt hier das Christentum geschickt. „Wenn ein Christ 
seine Einladung an dieselben Leute ergehen l&ßt, an die sich ein R&uber- 
hauptmann wendet, so tut er das in anderer Absicht. Er tut es, um ihre 
Wunden mit seiner Lehre zu verbinden, um die Fieberglnt der Leidenschaften 
in der Seele mit den Heilmitteln zu ersticken, die der Glaube bietet, und 
die dem Wein und dem Ol und den anderen Mitteln entsprechen, welche die 
Heilkunde anwendet, um dem Leibe Linderung der Schmerzen zu verschaffen* 
(111,60) . . . »Celsus verdreht den Tatbestand und behauptet, wir lehrten, 
Gott sei nur ffXr die Sünder gesendet worden. Dies ist gerade so, als wenn 
er etwas daran auszusetzen hätte und den Leuten es verübelte, wenn sie 
sagten, ein wohlwollender und gnädiger {fpiXav^QaynozaTog , Beiwort des 
Äsculap) König habe in eine Stadt seinen Arzt gesendet der Personen wegen, 
die in derselben krank lägen. Gott das Wort ist demnach als Arzt fdr die 
Sünder gesandt worden, als Lehrer der göttlichen Geheimnisse aber für die, 
welche bereits rein sind und nicht mehr sündigen" (HI, 61). 



Digitized by 



Google 



Das Evangelimn vom Heiland und von der Heilung. 91 

findlicher. Die größere Empfindlichkeit zeigte sich auch auf dem 
sittlichen Gebiet, und einige orientalische Religionen kamen dem 
entgegen. Die Philosophie der Socratiker mit ihren feinen 
ethischen Reflexionen verbreitete sich aus den Höhen der Denker 
in die Niederungen des Yolkes. Yor allem die Stoiker hatten 
es unablässig mit der „Gesundheit und den Krankheiten der Seele^ 
zu tun und zwangen ihre praktische Philosophie in diese Grund- 
form. Reinheit, Trost, Entsühnung, Heilung begehrte 
man, und man begann sie in der Religion zu suchen, weil man 
sie sonst nirgends fand. Man schaute nach neuen religiösen 
Weihen aus, um sie zu gewinnen. Beweise für diese veränderte 
religiöse Stimmung bieten die Werke des Seneca, des Epictet 
imd vieler anderer. Aber ein noch viel stärkerer Beweis liegt 
in dem Aufschwung, den der Kult des Asculap in der Eaiserzeit 
gewonnen hat ^. Bereits im Jahre 290 vor Chr. war auf den Rat 
der Sibyllinischen Bücher der Asculap von Epidaurus nach Rom 
geholt worden. Auf der Tiberinsel hat er sein Heiligtum er- 
halten; daneben stand, wie bei den zahlreichen Asclepien der 
Ghriechen, eine Heilanstalt, in welcher die Kranken im Schlaf die 
Anweisungen des Gottes erwarteten. Griechische Ärzte folgten 
dem Gott nach Rom. Aber es dauerte lange, bis der Gott imd 
die griechischen Arzte populär wurden. Diese scheinen sich anfangs 
nicht durch Geschicklichkeit empfohlen zu haben. „Im Jahre 
219 vor Chr. hatte sich der erste griechische Wundarzt in Rom 
niedergelassen; er bekam sogar das Bürgerrecht und auf Staats- 
kosten einen Laden „in compito Acilio^. Allein dieser Arzt 
wütete so unbarmherzig mit Messer und Brenneisen, daß der 
Name eines Chirurgen und der eines Schinders gleichbedeutend 
wurde ^.'^ In der Kaiserzeit wurde es anders. Zwar hielten sich 
die Römer selbst immer noch von der Kunst der Medizin fem 
und beurteilten sie wie eine Art Divination; aber geschickte 
griechische Ärzte waren auch in Rom gesucht, und der Kultus 
des Asculap, des „deus clinicus", blühte. Yon Rom aus hat er 
sich über den ganzen Westen verbreitet, hie und da verschmolzen 
mit dem Kultus des Serapis und anderer Gottheiten, ihm zur 
Seite und untergeordnet der Kultus der Hygiea und Salus, des 



*) Vgl. über den Äscolap-Eult v. Wilamowitz-Moellendorf, Isyllos 
von Epidauros, 1886 S.36 L, 44ff., 116 ff.; Usener, Götternamen, 1896, S. 147 f., 
350, femer die Abhandlung Ilbergs über Asclepios in Teubners Neuen Jahr- 
büchern II, 1901 und den umsichtigen Artikel Asclepios in Pauly-Wissowas 
REncykl. von ThrÄmer (II Col. 1642 ff.). 

*) Preller-Jordan, ROni. Mythologie II S. 243. Plinius sagt: „Moz 
a saevitia secandi urendiqne transisse nomen in camificem et in taedinm 
artem omnesque medicos". 



Digitized by 



Google 



92 1^6 Missionspredigt in Wort nnd Tat 

Telesphoms und Somnus. Dabei erweiterte sich die Sphäre dieses 
heilenden Gottes immer mehr: er wurde zum „Soter** schlecht- 
hin, zu dem Oott, der in allen Nöten hilft, zu dem ^Menschen- 
freunde" ((pdav^QconöxaTog)^. Je mehr man in der Religion 
nach Rettung und Heilimg ausschaute, desto mehr wuchs das 
Ansehen des Gottes. Er gehört zu den alten Göttern, welche 
dem Christentum am längsten Widerstand geleistet haben. Da- 
rum begegnet er auch in der alten christlichen Literatur nicht 
selten. In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts und im 
dritten war der Äsculapkultus einer der verbreitetsten. Man reiste 
zu den berühmten Heilanstalten des Gottes, wie man heute in die 
Bäder reist; man rief ihn an bei den Krankheiten des Leibes 
und der Seele; man schlief in seinen Tempeln, um zu genesen; 
man brachte ihm, dem SE02 2QTHP^ die reichsten Geschenke ; 
man weihte ihm das Leben. Ungezählte Inschriften und Bild- 
werke bezeugen das. Aber auch bei anderen Göttern stellte man 
die heilbringende Tätigkeit nun in den Mittelpunkt. Zeus selbst 
und Apollo* traten in ein neues Licht. Auch sie wurden „Hei- 
lande". Niemand konnte mehr ein Gott sein, der nicht auch ein 
Heiland war*. Durchmustert man die große Streitschrift des 
Origenes gegen Celsus, so gewahrt man leicht, daß ein Haupt- 
streitpunkt zwischen den beiden bedeutenden Männern der war, 
ob Jesus der rechte Heiland sei oder Äsculap. Celsus tritt ebenso 
lebhaft und wundergläubig für diesen ein, wie Origenes für jenen. 
Dabei ist die Mischung schlimmsten Aberglaubens mit verständiger 

^) Der Kalt war wirklich ein humaner, und die Ärzte worden durch 
ihn zur Humanität geführt. In einer Stelle in den pseudohippocratischen 
llaQayyeXicu heißt es: „Ich ermahne aber, sich nicht inhuman zu bezeigen, 
sondern Reichtum oder Dflrftigkeit (der Patienten) in Betracht zu ziehen, 
gegebenenfalls auch unentgeltlich zu behandeln" — in welchem Ansehen die 
tatQoi dvdQYVQoi standen, ist bekannt — ,und mehr auf künftige Dankbarkeit 
zu rechnen als auf augenblicklichen Ruhm. Wenn sich (also) Veranlassung 
bietet, einem Unbekannten oder Unbemittelten beizuspringen, wird man 
solchem vor allem hilfreich sein; denn wo Nächstenliebe ist, da ist auch 
Werktätigkeit* (IX 258 Littr^, III 321 Erm.; mir bekannt aus der Mit- 
teilung Ilbergs und in der Berl. Philol. Wochenschrift 1893, 25. Mfirz). Wie 
stark die Christen selbst die Wahlverwandtschaft mit den humanen Ärzten 
empfanden, dafür hat Ilberg (a. a. 0. aus VI 90 Littr^, II, 128 Erm.) das 
schlagendste Beispiel gegeben. Eusebius schreibt (h. e. X, 4, 11): „Jesus hat 
wie ein trefflicher Arzt um der Heilung der Kranken willen Abschreckendes 
untersucht und Ekelhaftes berührt, bei fremden Leiden selbst Schmerz emp- 
funden.* Diese Stelle ist wörtlich hinübergenommen aus dem pseudo- 
hippocratischen Traktat negi <pvo&v: 'O fiev yag lijxQog SgeT xe Seivd, ^lyydvei 
T€ dffdicov, in dXXozQijjai de ^vfKpoqfjoiv IdCas xagnovxai Xvjecls. 

*) z. B. Tatian, Orat 8. 

*) Dem entsprechend bezeichnet Porphjrius als Zweck des Philosophie- 
rens i} x^g yvxrjs awxriQla, 



Digitized by 



Google 



Das Eyangeliom vom Heiland und von der Heilung. 93 

Kritik, wie sie sich bei beiden findet, heute für uns ein Rätsel. 
Wir können uns den geistigen Zustand, in welchem sich jene 
Männer befanden, kaum mehr vorstellen. L. IQ, 3 bemerkt 
Origenes: „Es geschahen überall oder doch an vielen^ Orten 
Wunder. Celsus selbst gibt in seinem Buche an, daß Äsculap 
Krankheiten geheilt und künftige Dinge offenbart hat in allen 
Städten, die ihm geweiht waren, wie in Tricca, Epidaurus, Cos, 
Pergamum". Nach DI. 22 macht es Celsus den Christen zum 
Vorwurf, daß sie sich nicht entschließen können, den Asculap, 
weil er zuvor Mensch gewesen, Gott zu nennen. Origenes er- 
widert, daß Äsculap nach der griechischen Überlieferung von 
Zeus mit dem Blitz getötet worden sei. Celsus behauptet (TU, 14) 
als glaubwürdig, daß eine große Anzahl von Griechen und Bar- 
baren den Äsculap gesehen haben und noch sehen, ihn selbst 
und nicht ein bloßes Trugbild von ihm, wie er Krankheiten heilt 
und Wohltaten spendet, daß aber die Jünger Jesu nur einen 
Schatten gesehen hätten. Origenes ist darüber sehr empört; aber 
seine Gegenbeweise sind schwach. Auch auf die zahllose Menge 
von Griechen und Barbaren, die an Äsculap glaubten, beruft sich 
Celsus. Origenes verweist auf die große Anzahl von Christen 
(1. c), auf die Wahrheit der h. Schriften und auf die gelungenen 
Krankenheilungen im !N'amen Jesu. Dann aber ändert er plötzlich 
seine Verteidigung imd schreibt (DI, 25) in höchst verständiger 
Überlegung: ^Wollte ich aber auch zugeben, daß ein Dämon, 
Äsculap mit Namen, die Macht habe, körperliche Krankheiten 
zu heilen, so könnte ich doch denjenigen, welche dieses Heilen 
oder das Weissagen des Apollo mit Staunen erfüllt, die Bemerkung 
machen, daß diese Kraft der Krankenheilungen an sich weder 
gut noch böse ist, daß sie eine Sache ist, die nicht bloß Recht- 
schaffenen, sondern auch den Gottlosen zuteil wird, desgleichen 
daß, wer die Zukunft kennt, damit nicht sofort ein braver und 
wackerer Mann ist. . . Man wird nicht imstande sein, die Tugend- 
haftigkeit derer zu beweisen, die Kranke heilen und Künftiges 
verkünden. Es lassen sich viele Beispiele von solchen 
anführen, die geheilt wurden, obgleich sie es nicht 
verdienten, zu leben, Leute, die so verdorben waren 
und einen so schmählichen Wandel geführt hatten, daß 
ein verständiger Arzt Bedenken getragen hätte, sie zu 
heilen. . . In der Macht, Kranke zu heilen, offenbart sich an sich 
nicht etwas Göttliches." Man sieht aus allen Ausführungen des 
Origenes hier, wie hoch der Kultus des Äsculap gestanden hat 
und wie die damaligen Menschen nach „Heilung" ausschauten. 

In diese heilungssüchtige Welt trat die christliche Predigt 
ein. Daß sie Heilung versprach und brachte, daß sie in dieser 



Digitized by 



Google 



94 Die MissioDspredigt in Wort und Tat. 

Eigenschaft alle anderen Religionen und Kulte überstrahlte, das 
hat ihren Sieg bereits begründet, bevor sie ihn durch eine ein- 
drucksvolle Religionsphilosophie vollends gewann. Nicht nur setzte 
sie dem erträumten Asculap den wirklichen Jesus gegenüber, 
sondern sie gestaltete sich selbst als die ^Religion der 
Heilung**, als „die Medizin der Seele und des Leibes" 
bewußt und bestimmt aus^, und sie sah auch in der 
tatkräftigen Sorge für die leiblich Kranken eine ihrer 
wichtigsten Pflichten. Beides soll hier durch eine Reihe von 
Beispielen aus einer unübersehbaren Fülle beleuchtet werden. 

Zunächst die Theorie. Das Christentum blieb bei der ihm 
eingepflanzten Regel, daß die Religion für die Kranken sei. Aber 
es setzte demgemäß voraus, daß sich kein Mensch oder doch fast 
kein Mensch in einem normalen Zustande beiinde, daß sie allzumal 
untüchtig seien. Nicht nur Paulus hat diesen Charakter ans Licht 
gestellt — er sah alle Menschen ohne Christus als Sterbende an, 
sterbend an ihrer Sünde — ; neben ihm haben die vielen unbe- 
kannten ältesten Missionare ähnlich, wenn auch einfacher, gelehrt: 
die menschliche Seele ist krank, ist dem Tode verfallen, und zwar 
von ihrer Geburt an. Das ganze Geschlecht liegt im Sterben. 
Jetzt aber ist die „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes des 
Heilandes** erschienen und erneuert die kranke Seele^. So wurde 
die Taufe als ein Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der 
Seele, zur „Erlangung des Lebens** aufgefaßt*; so galt das 
Abendmahl als das „Pharmakon der Unsterblichkeit*; so heißt 
die Buße „vera de satisfactione medicina** *. Bei der Feier wurde 
für das „Leben** gedankt, welches nun geschenkt ist*. Der Be- 
griff des „Lebens** erhielt eine neue, vertiefte Bedeutung. Schon 
Jesus selbst hatte von einem „Leben** gesprochen, dem der Tod 
nichts anzuhaben vermag, ja das man gewinnt, indem man das 
irdische Leben opfert. Paulus und der vierte Evangelist haben 
die Anschauung und das Wort aufgenommen und sie zum Inbegriff 
aller Güter der Religion ausgestaltet. Der Not, dem Elend, der 
Sünde, dem Tode gegenüber gab sich die neue Religion als die 
Botschaft von der Unsterblichkeit. Das verstand die Heidenwelt. 



') Schon das Neue Testament ist so stark von medizinischen Ausdrücken 
durchzogen, die als Bilder verwertet werden, daß eine Zusammenstellung 
mehrere Seiten ftQlen wttrde. 

*) Tit. 3,4: ij XSV^^S ^^ 4 ipiXav&Qoonia hutpavri toO üCDx^Qog 
TjfjL&v i^eov ... iatoasv i^/iäs, 8. das Neue Testament sub omti^q. 

*) Tertullian, de bapt. 1 u. viele a. Stellen. Clemens, Paedag. I, 6, 29 
nennt die Taufe „iJaic^riov q>dQfiaxw'^ ^ Tertull. «aqua medicinalis". 

♦) Ignatius, Justin, Iren&us. — ») Cypr., de lapsis 15. 

•) Didache 9. 10. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium vom Heiland nnd von der Heilung. 95 

Sie verstand es, wenn ihr verheißen wurde, sie sollte selig und 
unsterblich werden wie die seligen Götter. Aber nicht wenige 
verstanden auch das Recht der Bedingung, daß man sich der Kur 
der Religion zu unterwerfen habe, daß die Seele erst rein nnd 
heilig sein müsse, bevor sie unsterblich werden könne. So er- 
griffen sie die Botschaft von dem großen Arzte, der „Enthaltung" 
predigt und „Leben" verleiht ^ Wer einen Strahl von der Kraft 
und Herrlichkeit des neuen Lebens empfangen hatte, der beur- 
teilte sein bisheriges Leben als Blindheit, Krankheit und Sterben^. 
Die apostolischen Väter und die Apologeten bezeugen diese Auf- 



^) Clemens Alex, beginnt seinen Pädagog damit, daß er den Logos als 
den Arzt bezeichnet, welcher die Leidenschaften heilt (1, 1,1: xä jtd^ 6 
3tag<i/iv^tix6g Xöyog iätai). Er unterscheidet den Xdyog stQozQSJtttxög, vno^txog 
und jtoQafivi^uxög; dazu kommt noch der diSaxxixög. Der Logos aber ist 
Christus. Auch Gregorius Thaum. nennt in der Lobrede auf Origenes (c. 16) 
den Logos den Arzt. Li den pseudoclementinischen Homilien ist Jesus, der 
wahre Prophet, durchweg auch der Arzt; ebenso wirkt Petrus überall als 
der große Arzt, der lediglich durch Qebet und Rede Scharen von Kranken 
heilt, (s. besonders Buch VII). umgekehrt ist Simon Magns als der böse 
Zauberer vorgestellt, der überall, wohin er kommt, Krankheiten hervorruft. 
Am häufigsten und eingehendsten hat Origenes Jesus als den Arzt geschildert. 
Eine der vielen Stellen wenigstens möge hier stehen (Hom. YIII in Levit. 
c. 1 1. 9 p. 312 f.): „Medicum dici in scripturis divinis dominum nostrum Jesum 
Christum, etiam ipsius domini sententia perdocemur, sicut dicit in evangeliis 
[folgt Matth. 9, 12 f.]. omnis autem medicus ex herbarum succis vel arborum 
vel etiam metallorum venis vel animantium naturis profutura corporibus 
medicamenta componit. sed herbas istas si quis forte, antequam pro ratione 
artis componantur, adspiciat, si quidem in agris aut montibus, velut foenum 
vile conculcat et praeterit. si vero eas intra medici scholam dispositas per 
ordinem viderit, licet odorem tristem, fortem et austerum reddant, tamen 
suspicabitur eas curae vel remedii aliquid continere, etlamsi nondum quae 
vel qualis sit sanitatis ac remedii virtus agnoverit. haec de communibus 
medicis diximus. veni nunc ad Jesum coelestem medicum, intra ad hanc 
stationem medicinae eins ecclesiam, vide ibi languentium iacere multitu- 
dinem. venit mulier, quae et partu immunda effecta est, venit leprosus, qui 
extra castra separatus est pro immunditia leprae, quaerunt a medico remedium, 
quomodo sanentur, quomodo mundentur, et quia Jesus hie, qui medicus est, 
ipse est et verbum dei, aegris suis non herbarum succis, sed verborum sacra- 
mentis medicamenta conquirit. quae verborum medicamenta si quis incultius 
per libros tamquam per agros videat esse dispersa, ignorans singulorum dic- 
torum virtutem, ut vilia haec et. nullum sermonis cultum habentia praeteri- 
bit. qui sero ex aliqua parte didicerit animarum apud Christum esse medi- 
cinam, intelliget profecto ex bis libris, qui in ecclesiis recitantur, tamquam 
ex agris et montibus, salutares herbas adsumere unumquemque debere, ser- 
monum dumtaxat vim, ut, si quis illi est in anima languor, non tam ex- 
terioris firondis et corticis, quam succi interioris hausta virtute sanetur." 

*) Die Untugenden als Seelenkrankheiten — dieses Thema wird von den 
christlichen Lehrern so häufig behandelt wie von den Stoikern; s. z. B. Orig. 
in ep. ad Rom. lib. II (t. 6, 91 f.): „Languores quidem animae ab apostolo in 
bis (Rom. 2, 8) designantur, quorum medelam nullus inveniet nisi prius mor- 



Digitized by 



Google 



96 ^i® Missionspredigt in Wort und Tat. 

fassung. ^Das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat 
er zu uns als zu Söhnen gesprochen, die wir bereits verloren 
waren, hat er gerettet. Blind waren wir in unserem Sinn, Steine, 
Holz, Gold, Silber und Erz anbetend, und unser Leben war nichts 
anderes als der Tod^." Das Sterbliche wird das Unsterbliche 
anziehen, ja hat es bereits angezogen, das Yergängliche das Un- 
vergängliche; das war der Jubelruf der alten Christen, der sie 
wappnete gegen eine See von Plagen und die Furcht des letzten 
Augenblicks in einen Triumph verwandelte. „Jene elenden Leute 
haben sich in den Eopf gesetzt, daß sie ganz und gar unsterblich 
seien**, sagt Lucian im „Peregrinus Proteus". Er hätte gewiß 
einen Witz dazu gemacht, wenn ihm einer eingefallen wäre; aber 
dem beweglichen Spötter bt bei der Schilderung des Glaubens 
der Christen der Witz in bemerkenswerter Weise abhanden ge- 
kommen. 

Die Gesundheit der Seele, das neue Leben, wird geschenkt; 
aber es muß innerlich angeeignet werden. Groß war die Gefahr, 
daß die das übersahen, welche gewohnt waren, aus allen mög- 
lichen Mysterien Weihen und überirdische Güter fortzutragen, wie 
man eine Sache fortträgt. Auch wäre es leicht zu zeigen, wie 
bald die Kirche in ihrer Sakramentspraxis dem heidnischen 
Mysterienwesen verfallen ist. Aber so stark war das einmal ein- 
gepflanzte Element der sittlichen Forderung, der Reinheit der 
Seele, daß es sich in der katholischen Kirche auch neben der 
schlechten Sakramentspraxis behauptete. Seelenheilung und 
Seelenheilkunde haben nie aufgehört, ja ihren ganzen dog- 
matischen und kultischen Apparat stellte die alte Kirche unter 
diesen Zweck. Sie gab sich fort und fort als die große Heil- 
anstalt, als das Lazaret der Menschheit; die Heiden, Sünder und 
Häretiker sind die Kranken, die kirchlichen Lehren und Hand- 
lungen sind die Arzneien; die Bischöfe und Seelsorger sind die 
Ärzte, aber als solche nur die Diener Christi, des Arztes der 
Seelen^. Ich greife einige Beispiele heraus. ^Wie das Gut des 
Leibes die Gesundheit ist, so ist das Gut der Seele die Erkenntnis 

borum cognoverit causas, et ideo in divinis scripturis aegritndines animae 
numerantor et remedia describuntur, nt hi, qui se apostolicis subdiderint 
disöiplinis, ex bis, quae scripta sunt, agnitis languoribus suis carati possint 
dicere: ,Lauda anima mea dominum, qui sanat onmes languores tuosS" 

>) II Clem. ep. ad Cor. 1. Ähnliches namentlich bei Tatian; aber es 
fehlt in keiner Apologie ganz. 

*) Celsus, diese Art der christlichen Predigt wohl kennend, beurteilt 
die Christen als Kurpfuscher: „Der Lehrer des Christentums macht es wie 
jemand, der einem Kranken Wiederherstellung seiner Gesundheit verspricht, 
aber davon abh&lt, daß man kundige Ärzte hinzuziehe, damit seine Unwissen- 
heit nicht von ihnen aufgedeckt werde." Darauf erwidert Origenes: „Welches 



Digitized by 



Google 



Das Evangelimn vom Heiland und von der Heilung. 97 

Gottes^, sagt Justin^. ^Solange wir noch Frist haben für (unsere) 
Heilung, wollen wir uns dem Gott, der da heilt, übergeben und 
ihm als Bezahlung lautere Bußgesinnung weihen ^.^ ^ Jesus hat 
wie ein treflFlicher Arzt um der Heilung der Kranken willen Ab- 
schreckendes untersucht und Ekelhaftes berührt, bei fremden 
Leiden selbst Schmerz empfunden und uns, die wir nicht nur 
krank waren, nicht nur an schrecklichen Geschwüren und eiternden 
Wunden litten, sondern bereits unter den Toten lagen, aus den 
Abgründen des Todes durch sich selbst errettet ... er, der 
Lebensspender, der Lichtspender, unser großer Arzt*, König und 
Herr, der Christus Gottes*." n^^^^ ^^^^ kann dem heilungs- 
bedürftigen Leibe keinerlei Heihnittel mit Erfolg verordnen, ohne 
das im Leibe sitzende Übel ausgeschieden oder das hinzutretende 
aufgehalten zu haben. Ebenso kann der Lehrer der Wahrheit 
mit seinem Vortrag über die Wahrheit niemanden überzeugen, so 
lange noch ein Lrtum in der Seele der Zuhörer sich verborgen 



sind denn die Ärzte, von denen wir die Einfältigen fem halten?* Er zeigt 
dann, daß es die Philosophen nicht sein können, noch weniger die, welche 
noch in dem rohen Aberglauben des Polytheismus befiemgen sind (111, 74). 

>) Fragm. IX, Otto, Ck)rp. Apol. III p. 258. Vgl. dazn den schönen 
Wunsch im Anßuog des 3. Johannesbriefes: jisqi ndvxfov svx,ofial os evodoC- 
e^t xal vytcJvsiy, xa&ojg svodo^xal aov ^ V^Z^. 

•) n Clem. ad Cor. 9. 

*) Vgl. ep. ad Diogn. 9, 6. PseudoJustin , de resurr. 10 : „unser Arzt, 
Jesus Christus", Clemens, Paedag. I, 2, 6: „Der Logos des Vaters ist der ein- 
zige Päonische Arzt fOr die menschlichen Schw&chen, und der heilige Zauberer 
{äyiog httpSik) för die kranke Seele" (folgt Ps. 86, 2. 3). .Die Heilkunst 
kuriert nach Democrit die Krankheiten des Körpers, die Weisheit aber be- 
freit die Seelen von den Leidenschaften. Der gute Pädagog aber, die Weis- 
heit, der Logos des Vaters, der Schöpfer des Menschen, künmiert sich um 
das ganze Qebilde und heilt es nach Leib und Seele, er, S navoQxrjg rifg 
^tK&gcDJtikrjzog iatgog 6 <s(o%i^q^ Folgt Marc. 2, 11. S. auch I, 6, 36 u. 1, 12. 100: 
.Deshalb heißt auch der Logos ,Heiland'; denn er hat ftir die Menschen 
geistige Arzneien erfunden zum Wohlbefinden und zum Heil ; er bewahrt die 
Gesundheit, er deckt die Schäden auf, er bezeichnet die Ursachen der Leiden- 
schaften, er amputiert die Wurzeln unvernünftiger Begierden, er schreibt Diät 
vor, er verordnet alle heilsamen Gegengifte fttr die Kranken. Denn das ist 
das größte und wahrhaft königliche Werk Gottes: die Bettung der Mensch- 
heit. Dem Arzt, der keinen Bat fOr die Gesundheit gibt, zürnen die Kranken, 
wie aber sollten wir nicht dem göttlichen Erzieher Dank sagen usw." 
Paedag. I, 8, 64. 65. 

*) Euseb., h. e. X, 4, 11 (die Stelle wurde oben bereits berührt), vgl. auch 
die Bezeichnung der Bibel bei Aphraates „die Bücher des weisen Arztes*. 
Vgl. Cjprian, de op. 1 : »Christus ist verwundet worden, um unsere Wunden 
zu heilen . . . Als der Herr bei seiner Ankunft jene Wunde, die Adam ver- 
ursacht, geheilt hatte usw." Bei Cyprian sind überhaupt die von der Krank- 
heit hergenommenen Bilder sehr häufig; s. z. B. de habitu 2; de unitat. 3; 
de laps. 14. 34. 

Harnaok, Mission. 3. Aofl. 7 



Digitized by 



Google 



98 ^^^ Missionspredigt in Wort und Tat. 

hält und den Beweisen widerstrebt^.'' „Wenn wir aus dem 
Satze: ,Durch die medizinische Wissenschaft wird die Krankheit 
erkannt', den Schluß ziehen wollten, also sei die medizinische 
Wissenschaft die Ursache der Krankheit, würden wir etwas Un- 
gereimtes behaupten. Steht es aber fest, daß die Heilwissenschaft 
etwas Gutes ist, weil sie die Kenntnis der Krankheit lehrt, so ist 
auch das Gesetz gut, durch welches die Sünde getroffen wird^." 

Von den Häretikern heißt es schon im 2. Timotheusbrief 
(2, 17), daß ihre Rede wie der „Krebs" um sich fresse. Dieses 
Wort ist sehr häufig wiederholt und weiter ausgestaltet worden: 
„Ihr Gespräch steckt an wie die Pest*." „Häretiker sind schwer 
zu heilen", sagt Ignatius^, „einen Arzt gibt es . . . Jesum 
Christum unseren Herrn." Den häretischen Irrlehren gegenüber 
heißt die richtige Lehre schon in den Pastoralbriefen die „gesunde 
Lehre". 

Am häufigsten aber wird das Bußverfahren mit dem Heil- 
verfahren verglichen: „Nicht alle Wunden werden mit demselben 
Pflaster geheilt; die Fieberanfalle stille durch mildernde Um- 
schläge", heißt es bei demselben Ignatius*. „Die Heilung der 
Leidenschaften", sagt Clemens im Eingang des Pädadog, „be- 
wirkt der Logos durch Zureden; er kräftigt die Seelen mit milden 
Gesetzen wie mit mildernden Arzneien* und disponiert die Kran- 

>) Athenag., de resurr. 1. 

*) Origenes gegen die Antinomisten, Comm. in Rom. III, 6. Lomm. 
T. VI p. 195. Hom. in Jerem. 19, 3. Ähnlich Clemens, Paedag. I, 9, 88: .Wie 
der Arzt dem Kranken nicht böse ist, der ihm mitteilt, daß er Fieber habe — 
denn der Arzt ist nicht der Urheber des Fiebers, sondern der, der es kon- 
statiert {ovx atztog, dXX* iXeyx(K) — , so ist auch der Tadelnde dem, der an 
der Seele leidet, nicht übelwollend.* Vgl. Methodius (Opp. I p. 52 Bon- 
wetsch): .Wie wir nun einen Arzt nicht tadeln, der angesagt, auf welche 
Weise ein Mensch gesund sein könne usw.* Vgl. auch I, 65: .Denn auch 
die an den Leibern ärztlich Behandelten, welche erkrankt leiden, verlangen 
nicht sofort Gesundheit, sondern durch die Ho&ung der kommenden Rettung 
nehmen sie Leiden gern auf sich.'' 

») Cyprian, de laps. 34. — ♦) Ad Ephes. 7 : dvadsQiijievros, 

») Ad Polyc. 2. Die Stelle ist allegorisch zu' verstehen und richtet sich 
an den Bischof Polycarp, der schon c. 1 ermahnt worden war: »Trage die 
Krankheiten aller.* Mit Sanftmut und Weisheit soll der Bischof gegen die 
Irrenden und geistlich Kranken verfahren. Die Mahnung kehrt in der Form, 
in die sie Ignatius gekleidet hat, in der späteren Literatur sehr oft wieder, 
8. die gelehrte Note von Lightfoot, Clem. Alex., Fragm. (Dindorf III 
p. 499): .Mit einem Pflaster wirst du dich selbst und den Nächsten (der 
dich verleumdet) heilen (wenn du der Verleumdung sanftmütig begegnest).* 
Clem. Homil. X, 18: .Man muß das Pflaster nicht auf das gesunde Glied des 
Körpers legen, soudem auf das leidende.* Hermes Trismeg., juqI ßox, x^X. 
p. 331 : «Brauche nicht (immer) das nämliche Pflaster.* 

*) I» 1, 3: fjxia tpdg/Mixa, s. Homer. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium yom Heiland und von der Heilung. 99 

ken zur vollen Erkenntnis der Wahrheit.'' ^Lasset uns das Ver- 
fahren der Ärzte (bei Ausübung der Sittenzucht) anwenden**, sagt 
Origenes^: „wenn trotz der Behandlung mit Öl, der Pflaster und 
erweichender Umschläge die Härte der Geschwulst nicht nachgibt, 
bleibt nur noch das Mittel übrig — zu schneiden." Auf den 
Einwurf • bußscheuer Christen, die behaupteten, das öffentliche 
Schuldbekenntnis samt der Bußleistung beleidige das Ehrgefühl 
imd sei jämmerlich, erwidert Tertullian^: „Nein — durch die 
Sünde gerät man in die Jämmerlichkeit; wo es aber zur Buße 
kommt, da hört das Jämmerliche auf, weil das Heilsame eintritt. 
Jämmerlich ist es auch, sich schneiden, mit dem Eisen ausbrennen 
und durch ein ätzendes Pulver peinigen zu lassen; allein bei den 
Heilmitteln, die unter Schmerzen Heilung bewirken, dient der 
Vorteil der Heilung zur Entschuldigung der Unbill." Mit ihm 
stimmt Cyprian überein, wenn er schreibt*: „Der Priester des 
Herrn muß heilsame Mittel brauchen*. Unerfahren ist der Arzt, 
der angeschwollene Wundbeulen mit schonender Hand berührt 
und das tief in den inneren Teilen eingeschlossene Gift sich ver- 
mehren läßt, indem er es konserviert. Die Wunde muß geöffnet 
und geschnitten werden, und nach Entfernung der fauligen Teile 
muß ein energisches Heilverfahren eintreten. Mag auch der 
Kranke, weil er es nicht aushalten kann, vor Schmerz rufen, 
schreien und klagen — er wird nachher danken, wenn er Ge- 
nesung verspürt." Den ausgeführtesten Vei^leich aber zwischen 
einem Bischof und einem Chirurgen lesen wir in der Grundschrift 
der apostolischen Konstitutionen^: „Heile auch du (Bischof) wie 
ein mitleidiger Arzt alle Sünder, indem du heilsame, zur Rettung 
dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf Schneiden 
und Brennen und auf die Anwendung austrocknender Streupulver, 
sondern verbrauche auch Yerbandzeug und Charpie, gib milde 
und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde 
Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege 
sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fülle und dem Gesunden 
gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie 
mit Streupulver, d. h. mit einer Strafrede; wenn sie sich aber durch 

») In 1. Jesu Nave VIII, 6 Lomm. XI, p. 71. Cf. Hom. in Jerem. 14, 1. 

•) De poenit. 10. 

*) De lapsis 14. Bei Cyprian wird das Büß- und das Heilverfiahren stän- 
dig paraUelisiert, s. ep. 31, 6. 7; ep. 55, 16; ep. 59, 13. Vgl. auch das rOmische 
Schreiben, I.e. ep. 30,3. 5. 7. Derselbe Novatian, von dem dieses Schreiben 
stammt, schreibt de trinit. 5, daß Gottes Haß zur Medizin diene. 

♦) Vgl. Pseudoclem. ep. ad Jacob. 2: .Der Vorsitzende (der Bischof) 
muß (in der Gemeinde) wie ein Arzt walten und darf nicht heftig wie ein 
unvernünftiges Tier sein." 

») L. II, 41. 

7» 



Digitized by 



Google 



100 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

wildes Fleisch vergröSert, so mache sie mit scharfer Salbe gleich 
d. h. durch Androhmig des Gerichts; wemi sie aber mn sich frißt, 
so bremie sie mit Eisen mid schneide das eitrige Geschwür aus, 
nämlich durch Auferlegung von Fasten. Hast du dies getan und 
gefunden, daß von Fuß bis zum Kopf kein milderndes Pflaster 
aufzulegen ist, weder Öl noch Bandage, sondern das Geschwür 
um sich greift und jedem Heilungsversuch zuYorkonunt — wie 
der Krebs jegliches Glied in Fäulnis versetzt — , dann schneide 
mit vieler Umsicht und nach gepflogener Beratung mit anderen 
erfahrenen Ärzten das faule Glied ab, damit nicht der ganze 
Leib der Kirche verdorben werde. Nicht voreilig also sei zum 
Schneiden bereit, und nicht so rasch stürze dich auf die viel- 
gezähnte Säge, sondern brauche zuerst das Messer imd entferne 
die Abszesse, damit durch Entfernung der innen liegenden Ur- 
sache der Krankheit der Körper vor Schmerzen geschützt bleibe. 
Triffst du aber einen Unbußfertigen und (innerlich) Abgestor- 
benen, dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen 
Unheilbaren ab ^." 

Man kann nicht leugnen, daß diese fortgesetzte Aufinerk- 
samkeit auf die „Krankheiten^ der Sünde auch schlimme Folgen 
hatte. Nicht nur der ästhethische Sinn stumpfte sich ab^, son- 
dern auch der sittlich -tätige. Man muß die Menschen auf das 
Gesunde, die edle Tat, lenken, wenn man sie bessern will; das 
fortgesetzte Reden über Sünde und Vergebung übt eine narko- 
tische Wirkung aus. Mindestens muß der Pädagoge abwechseln 
zwischen dem Hinweis auf die Yergangenheit (die Schuld, die 
sittliche Gebundenheit) und dem Ausblick auf die Zukunft (das 



^) S. Clemens Alex. Paed. I, 8, 64 f. : «Viele Leidenschaften werden ge- 
heilt durch Strafe und durch Anordnung strengerer Gebote . . . der Tadel 
ist gleichsam eine chirurgische Operation für die Leidenschaften der Seelen ; 
diese sind Abszesse an der Wahrheit; man muß sie durch den Schnitt des 
Tadels O&en. Der Tadel gleicht einer Arznei, die die verhärteten Beulen 
der Leidenschaften auflöst und das Häßliche des wollüstigen Lebens reinigt, 
dazu die Hjpersarkosen des Hochmuts abträgt und den Menschen wieder ge- 
sund und wahr macht." Vgl. I, 9, 83. Methodius, Opp. I p. 115 ed. Bon- 
wetsch. 

*) An dieser Folge hat namentlich der Kaiser Julian Anstoß genommen 
— und mit Recht. Es war in der Kirche eine Ästhetik des Häßlichen auf- 
gekommen als Protest gegen die Sinnlichkeit des Heidentums. Krankheit, 
Tod und die Reste des Todes, Moder und Gebeine, wurden der Gesundheit 
und dem Schönen vorgezogen. Die Übersinnlichkeit des Christentums suchte 
sich einen Ausdruck zu geben in den häßlichen Fragmenten des abgestorbenen 
Sinnlichen. Wie weit von diesem Raffinement einer sublimen Frömmigkeit 
war der entfernt, der auf die Schönheit der Lilien auf dem Felde hingewiesen 
hatte! Die Christen des 3. u. 4. Jahrhunderts fingen wirklich an, die Krank- 
heit fOr gesund und den Tod für das Leben zu erklären. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium yom Heiland und von der Heilnng. 101 

zu erstrebende Ziel und die Anspannung der Kräfte). Die Theo- 
logen der alexandrinischen Kirche hatten für letzteres einen Sinn. 
Aber indem sie das Bild des vollkommenen Christen zeichneten, 
des wahren Gbostikers, legten sie in einseitiger Weise Wert auf 
das Wissen und die richtige Erkenntnis. Sie hatten sich 
nicht völlig von dem sokratischen Irrtum losgemacht, daß der 
wissende Mensch auch immer der gute sei. Zwar haben sie 
dcj/rWissensdünkel der „Gebildeten** auf dem Boden der Religion 
und Sittlichkeit überwunden ^. In der Schrift des Origenes gegen 
Celsus finden sich vortreffliche Abschnitte darüber, daß auch der 
ungebildete Mensch Gesundheit der Seele erlangen muß und kann, 
daß allem zuvor Heilung von Sünde und Kraftlosigkeit nötig ist^, 
und er trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er bemerkt': „Plato 
und die anderen weisen Männer unter den Griechen sind mit ihren 
schönen Aussprüchen jenen Ärzten ähnlich, die nur den höheren 
Standen ihre Aufmerksamkeit schenken, den gemeinen Mann aber 
verachten, während die Jünger Jesu dafür zu sorgen bemüht 
sind, daß die große Menge der Menschen gesunde Nahrung er- 
halte*." Allein Origenes meint doch, daß es für den weiter- 
strebenden Menschen nur ein Durchgangs punkt ist, die Reli- 
gion als Heilmittel zu gebrauchen. Er ist überzeugt, daß auf 



*) Clemens Alex., Strom. VII, 7,48: (hs 6 latgog vyUtav jtoQixexai tok 
owegycHai jiQog vyUtav , ovx<og xai 6 &e6g i^r itdiov awtrjQiav toif oweQyo^i 
nghg yvwair te xai evngaylav, 

*) C. Geis. III, 58: «Wir heilen mit der Armei unserer Glaubenslehre 
jedes vernünftige Wesen." 

•) C. Gels. VII. 60. 

•) Eine sehr feine AnsfÖhrung darüber, daß der wahre Prophet so reden 
muß, daß die Menge — nicht nor die Gebildeten — ihn verstehen und be- 
herzigen kann, findet sich 1. c. VII, 59: „Man nehme eine Speise an, die ge- 
sund ist nnd im stände, den Menschen zu nähren und zn stärken, aber auf 
eine Weise zubereitet und mit süßen und leckeren Zutaten gewürzt, daß sie 
dem Geschmacke der einfachen Leute, die an solche Dinge nicht gewöhnt 
sind, wie den Bauern, den Arbeitern und Armen, nicht zusagt, sondern nur 
den Reichen und Verweichlichten mundet. Man nehme femer an, diese näm- 
liche Speise sei nicht so zubereitet, wie die Feinschmecker es lieben, sondern 
so, wie es der Arme, der Landnuum, die überwiegende Mehrzahl gewohnt 
ist Wenn nun der Annahme zufolge die auf die eine Art zubereitete Speise 
nur allein den Feinschmeckern wohl bekommt, von den andern aber nicht 
gegessen wird, während sie im Gegenteil, auf die andere Art zubereitet, un- 
zähligen Menschen Kraft und Stärke g^bt: von welcher Art von Speisen 
werden wir dann glauben, daß sie dem öffentlichen Wohle zuträglicher und 
dienlicher sei, von jener, die sich nur den Vornehmen, oder von dieser, die 
sich der großen Menge als nützlich erweist? Nehmen wir auch an, die 
Speise sei gleich gesund und nahrhaft, mag sie nun auf diese oder auf jene 
Art zubereitet sein, so ist es doch klar und augenscheinlich, daß der Menschen- 
liebe und der Sorgj^t för das allgemeine Wohl besser genügt wird von einem 



Digitized by 



Google 



102 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

der höchsten Stufe religiöser Bildung alles Geschichtliche und 
Positive in der Religion ebenso unnötig wird, wie der Begriff 
Erlösung und Heilung selbst. Auf der höchsten Stufe ist der 
Geist von Gott erfiQlt und bedarf keines ^Heilandes", also auch 
keines geschichtlichen „Christus" mehr. „Selig*', ruft er aus^, 
„sind diejenigen, die, indem sie den Sohn Gottes brauchten, so 
geworden sind, daß sie ihn nicht mehr als den Arzt nötig haben, 
der die Kranken heilt, noch als den Hirten, noch einer Erlösung 
bedürfen, sondern nur Weisheit, Vernunft und Gerechtigkeit". 
Ganz scharf scheidet er in der Schrift gegen Celsus (DI, 61 f.) 
zwischen zwei Zwecken und Gütern der christlichen Religion, 
einem niederen und einem höheren. „Nicht zu den Mysterien 
und zur Teilnahme an der Weisheit, die im Geheimnis verborgen 
liegt, rufen wir den Ungerechten, den Dieb, den Einbrecher u. s. w., 
sondern zur Heilung. Denn ein Doppeltes bietet unsere göttliche 
Lehre. Sie reicht dem Kranken Heilmittel dar, und darauf be- 
zieht sich das Wort: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, 
sondern die Kranken, und sie eröffnet denen, die rein an der 
Seele und am Leibe sind, das Geheimnis, das seit ewigen Zeiten 
verschwiegen war, nun aber durch die prophetischen Schriften 
offenbart worden ist und durch die Erscheinung unseres Herrn 
Jesu Christi . . . Gott das Wort ist denmach als Arzt gesendet 
worden für die Sünder, als Lehrer der göttlichen Geheimnisse 
aber für die, welche bereits rein sind und nicht mehr sündigen *.** 
Origenes verbindet also den altchristlichen und den philo- 
sophischen Religionsbegriff. Er erhebt sich damit auch über die 
pessimistische Romantik, welche als Gefahr jenem Religions- 
begriff drohte. Aber nur unter den Gebildeten konnte er Nach- 



Arzt, der vielen die Gesundheit geben und erhalten will, als von einem 
anderen, der dieses nur bei wenigen zu tun wünscht.* Wie entfernt derselbe 
Origenes von aller orthodoxen Borniertheit war, zeigt folgende schöne Aus- 
führung (III, 13) : „Wie nur derjenige in der Heilknnst tüchtig wird, der die 
verschiedenen Schulen studiert und nach sorgfältiger Prüfung unter den vielen 
an die beste sich anschließt . . ., so besäße nach meiner Meinung der die 
gründlichste Kenntnis des Christentums , der von den jüdischen und christ- 
lichen Sekten sorgfältig Einsicht genommen hat." 

*) Comm. in Joh. I, 22 T. I, p. 43 Lomm. 

*) Ebenso Clemens Alex., Paed. I, 1, 3: locu olfx iaxdv vyUia xcu yvökug, 
dJU* i} fuy fia^ott, i} de tdaei nBQiylvtxai, ovx Sy olv %tq voa&¥ ht jiq6x8q6v xi 
j<ov di^aoxaUx&v ixfMk^ot ngiv ^ xiXsov {^icbmi. ovdi yäg cIhhivtok ngog tovg 
/Aav66.vort<is ? xd/ÄVortag dsi t&v noQayyeXfi&tfüv ixaatoy leyetat, äXla jiQOi o€g 
/isv sig yv&otv, itQog odg dk sig taow. xa&dneg o^ roTg vooo^ai x6 oa^fta latgoB 
ZQV^^if tavtfj xai xoTg da^evovoi trjv fpvxr^y natdayoyyov deif ty' rjfA&v Idorjzcu xä 
jtd^, eha de xai didaoxdXov, Sg xa^yriattou ngog xa^agäv yrataeoK inixrji^siö' 
nyra evxQsniCcov xrfv tpvxi^v, dwafihrrjv xo>Q^oou xrjv dutoxaXvxpiv xov X6yav. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung. 103 

folger finden. Das christliche Yolk hielt an Jesus, dem Hei- 
lande, fest. 

Das läßt sich bisher nicht erweisen, daß der für uns im 
fünften (yielleicht schon im yierten) Jahrhundert auftauchende 
Christustypus, der dann in den bildlichen Darstellungen der herr- 
schende geworden ist, dem Typus des Asculap nachgebildet ist. 
Zwar sind die Typen sich ähnlich, die Prädikate, die beiden ge- 
spendet werden, zum Teil identisch; auch ist es bisher nicht ge- 
nügend aufgeklärt, warum man das ursprüngliche Bild des jugend- 
lichen Christus durch das neue Bild ersetzt hat; aber es fehlen 
alle Mittel, um die Entstehung des kallistinischen Christustypus 
aus dem Urbilde des Asculap abzuleiten. Diese Ableitung muß 
deshalb zur Zeit als eine ungenügend begründete, wenn auch 
beachtenswerte Hypothese gelten. Ein positives Zeugnis für sie 
wäre vorhanden, wenn die Bildsäule, welche in der Stadt Paneas 
(Cäsarea Philippi) im 4. Jahrhundert für ein Bild Jesu galt, ein 
Asculap-Standbild gewesen ist. Eusebius erzählt uns nämlich ^, 
er habe dort ein Kunstwerk an dem Hause gesehen, welches das 
von Jesus geheilte blutflüssige Weib aus Dankbarkeit habe er- 
richten lassen. „Es steht auf einer hohen Basis bei der Türe 
ihres Hauses das Erzbild eines Weibes, das, auf die Knie gebeugt, 
wie eine Flehende die Hand ausstreckt; gegenüber steht aus 
demselben Metall die Bildsäule eines aufrechtstehenden Mannes, 
der, ehrbar in einen doppelt um den Leib geschlagenen Mantel 
gekleidet, die Hand nach dem Weibe ausstreckt. Zu seinen 
Füßen an der Basis wächst eine fremdartige Pflanze empor, die 
bis an den Saum des ehernen Mantels reicht und ein Heilmittel 
gegen mancherlei Krankheiten ist. Diese Mannesgestalt mm soll 
das Bild Jesu sein. Zu verwundern ist es nicht, daß ehemalige 
Heiden, die Wohltaten von dem Herrn empfangen hatten, sich 
auf diese Weise dankbar erwiesen.'' Daß dieses Bildwerk Jesum 
darstellen sollte und von dem blutflüssigen Weibe errichtet wor- 
den sei, ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich^; viel- 
mehr hat man anzunehmen, daß es, vielleicht schon frühe, von 
der christlichen Bevölkerung in Paneas umgedeutet worden ist. 
War es nun eine Äsculapstatue — und dafür spricht die heil- 
kräftige Pflanze — , so läge hier allerdings ein Übergang von 
„Asculap -Soter" zu „Jesus-Soter" vor. Allein gesichert ist die 
Deutung auf den heidnischen Heiland nicht, und auch wenn sie 
sicher wäre, so ist eine generelle Schlußfolgerung noch nicht ge- 
stattet. Jedenfalls unterschätzt man den Abscheu, den auch noch 



*) H. e. VII, 18, cf. Philostorg., h. e. VII, 8. 

«) S. Hauck, Die Entstehung des Christustypus, 1880 S. 8 ff. 



Digitized by 



Google 



104 1^0 Missionspredigt in Wort nnd Tat. 

die Christen des 4. Jahrhunderts vor den heidnischen Göttern ge- 
hegt haben, wenn man an eine bewußte Umbildung des Asculap- 
bildes zum Christusbilde denken zu dürfen meint ^. 

Wir haben bisher betrachtet, wie sich das älteste Christentum 
als Religion der ^Heilung^ in den Oleichnissen, Gedanken, 
Lehren und BuBordnungen ausgebaut hat. Es erübrigt noch 
zu zeigen, daß es diesen Charakter auch in seinen Ordnungen 
zur Pflege der leiblich Kranken ausgeprägt hat. 

^Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht .... 
Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, 
das habt ihr mir getan." In diesen Worten hat der Stifter der 
Religion die dienende Liebe an den Kranken in den Mittelpunkt 
der Religion gestellt und sie allen seinen Jüngern auf die Seele 
gelegt. Die alte Christenheit hat diese Verpflichtung im Herzen 
behalten^ und in der Tat verwirklicht. Man kann das noch aus 
den Resten der uns erhaltenen Literatur erkennen, obgleich sie 
nicht zu dem Zwecke geschrieben ist, das Gedächtnis an die Werke 
der Barmherzigkeit zu erhalten. Zunächst begegnen uns überall 
Mahnungen, für die Kranken zu sorgen. ^Tröstet die Kleinmütigen, 
nehmt euch der Kranken an", schreibt der Apostel Paulus an 
die erregte, die nächsten Pflichten übersehende Gemeinde von 
Thessalonich ^. Li dem Kirchengebet, welches uns in dem ersten 
Clemensbrief erhalten ist, wird ausdrücklich für die seelisch und 
körperlich Leidenden gebetet ^ „Ist jemand krank, der rufe zu 

^) Äsculap war in den Angen der Christen ein Dämon nnd ein GGtze; 
ihn konnten sich die Christen weder zum Vorbild nehmen noch mit ihm 
paktieren. Von bildnngseifrigen Christen in Rom wird wohl einmal gesagt 
— jedoch von einem fanatischen Gegner — , daß sie den Galen anbeteten 
(bei Euseb., h. e. V, 28), aber daß sie den Äscnlap anbeten, wird nie behauptet. 
Zu den Stellen, die oben angeführt sind, an denen sich altchristliche Schrift- 
steller mit Äsculap befassen (vielleicht wird bereits Apoc. 2, 13 auf ihn an- 
gespielt), sind noch folgende hinzuzufügen: Justin, Apol. 1, 21. 22. 25. 54 [man 
würde Justin gründlich mißverstehen, wenn man aus diesen Stellen irgend 
etwas zugunsten des Gottes herauslesen wollte]; Tatian, Orat. 21; Theoph. 
ad. Autol. J, 9; Tertull., de anima 1 [eine für den Abscheu vor diesem Gott 
besonders charakteristische Stelle] ; Cjpr., Quod idola 1 ; Origenes c. Cels. III, 
3. 22—25. 28. 42. Eine euhemeristische Erklärung für den Gott gibt Clemens, 
Protr. 2, 26 : t^ yäg evegyerovvta /ätj owieneg Oeoy dvijtXaodv ttvas ooyrrjQac 
Aiooxa^Qovg . . . xal 'AoxXrjjiidv tajgdv. Wie wenig er ihm wohlwill, zeigen 
mehrere Stellen, Protr. 2, 80: iaigdg qpddoyvQos ^, cf. 4,52. 

') Vgl. die schönen AusfÜhnmgen des Lactant., Div. inst. VI, 12 (nament- 
lich p. 529 Brandt): „aegros quoque quibus defuerit qui adsistat, curandos 
fovendosque suscipere summae humanitatis et magnae operationis est." 

•) I. 5, 14. 

*) I dem, 59: rovg do^evetg [so ist wahrscheinlich zu lesen] Taaai .... 
i^avdatriaov rovg ao^evovrzag, JioLQcucdXeoav rovg SXtyoyfvxoOrrag. Vgl. die späteren 
Erankengebetsformularien von App. Const. VIII, 10 an; s. Binterim, Denk- 
würdigkeiten VI, 3 S. 17 £F. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium vom Heilan<} und von der Heilung. 105 

sich die Ältesten der Gemeinde*', heißt es im Jacobusbrief ^ — 
ein deutlicher Beweis, daß die Hilfe in Krankheitsfällen als eine 
Gemeindesache ^ angesehen wurde. Dies geht auch aus dem 
Polycarpbrief hervor, wo es von den Obliegenheiten der Altesten 
heißt: ^sie sollen das Yerirrte zurückholen, für alle Kranken 
sorgen und die Witwen, Waisen und Armen nicht vernachlässigen^." 
Genaueres erfahren wir von Justin. Er berichtet uns in seiner 
Apologie^, daß die Christen sonntäglich freiwillige Gaben im 
Gottesdienst darbringen: diese werden bei dem Yorsteher (dem 
Bischof) niedergelegt, und „er verwendet diese Gaben für die 
Waisen und Witwen und für die, welche durch Krankheit oder 
aus irgend einer anderen Ursache Mangel leiden." Dasselbe be- 
richtet Tertullian im Apologeticus \ besonders hervorhebend, daß 
die Gemeinde für die arbeitsunfähigen Greise sorge. Wir erfahren 
weiter durch Justin, daß es die Diakonen gewesen sind, welche 
die Pflicht hatten, zu den Krauken zu gehen. — Spätestens gegen 
Ende des 3. Jahrhunderts im Zusanmienhang mit der Yerehrung 
heiliger Herren und Nothelfer und mit der Erbauung von Mär- 
tyrer- und Heiligen-Kapellen^ beginnt in der Kirche die voll- 
kommene Nachahmung der Asculapkulte , um von Krankheiten 
und Gebrechen geheilt zu werden. Auch die Incubation muß 
schon damals — wenn nicht schon früher — ihren Anfang ge- 
nommen haben, sonst könnte sie im 4. Jahrhundert nicht so ver- 
breitet gewesen sein. In früherer Zeit hatten sie Kirchenlehrer 
als einen heidnischen Brauch abgelehnt; aber, wie so oft in 
ähnlichen Fällen — sie kam doch, nur mit veränderter Etikette. 

Die Kirche hat ein festes Institut der Kranken- und 
Armenpflege in frühester Zeit ausgebildet und mehrere Gene- 
rationen hindurch in Wirksamkeit erhalten. Es ruhte auf der 
breiten Grundlage der Gemeinde ; es empfing seine Weihe aus dem 
Gemeidegottesdienst, aber es war streng zentralisiert. Der Bischof 
war der Oberleiter*, und in manchen Fällen — namentlich in 
Syrien und Palästina — ist er wirklich zugleich Arzt gewesen''; 

*) C. 5, U. 

*) S. I Cor. 12, 26: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit." 

») C. 6, 1. — *) C. 67. — ») C. 39. — •) Ap. Const III, 4. 

') Achelis, Die syrische Didaskalia (Texte u. Unters. Bd. 25, Heft 2, 
1904) S. 881 sucht nachzuweisen, daß der Ver&sser dieses Buchs Bischof und 
Arzt zugleich gewesen ist. S. 388 zeigt er, daß ähnliche Kombinationen 
nicht ganz selten gewesen sind (s. de Rossi, Roma Sott., tav. XXI, 9, Grab- 
schrift ans San Callisto: Aiowoiov latgov jtQeaßvxeQov — Zenobius, Arzt und 
M&rtyrer in Sidon zur Zeit Diodetians, Euseb., h. e. VIII, 13 — ein Arzt und 
Bischof in Tiberias, Epiphan., haer. 30, 4 ~ Theodotus, Arzt und Bischof in 
Laodicea 8yr. — Basilius, episcopus artis medicinae gnarus, zu Ancyra, 



Digitized by 



Google 



1 06 ^^^ Missionspredigt iu Wort and Tat. 

seine ausführenden Organe waren die Diakonen und die angestellten 
„Witwen**. Die letzteren sollten zugleich vor Mangel geschützt 
werden, indem sie in den Gemeindedienst aufgenommen wurden ^. 
In einer Anweisung aus dem 2. Jahrhundert heißt es ^ : „In jeder 
Gemeinde soll- (mindestens) eine Witwe angestellt werden, um 
den Yon Krankheiten heimgesuchten Frauen beizustehen^, die 
dienstfertig sei, nüchtern, das Nötige den Presbytern meldend, 
nicht gewinnsüchtig, nicht vielem Weingenuß ergeben, damit sie 
nüchtern zu sein vermag für die nächtlichen Hilfeleistungen.^ Sie 
soll „den Presbytern das Nötige'* melden, d. h. sie soll dem Clerus 
gegenüber Dienerin bleiben*. Beiläufig bemerkt Tertullian 
einmal tadelnd von den Weibern in den häretischen Gemein- 
schaften: „sie wagen zu lehren, zu streiten, zu exorzisieren, Hei- 
lungen zu versprechen, vielleicht auch zu taufen*." Ziemlich 
frühe scheint im Orient das Institut der angestellten Witwen in 
das der „Diakonissen** übergegangen zu sein; leider ist uns über 
diesen Übergang und die Entstehung der Diakonissen-Institution 
nichts bekannt*. 

In der ältesten Kirche traten die weiblichen Pfleger hinter 
den männlichen sehr zurück. Die Diakonen waren die eigent- 
lichen Helfer. Ihr Amt war schwer und, namentlich in den 
Zeiten der Verfolgungen, sehr exponiert. Sie haben eine beträchtr 
liehe Anzahl zu den Märtyrern gestellt. „Täter guter Werke, 
Tag und Nacht nach allem sehend'*, werden sie genannt ''. Die 
Sorge für die Armen und Kranken war eine ihrer Hauptaufgaben *. 
Wie viel sie leisten mußten und was sie geleistet haben, erkennt 



Hieron., de vir. inl. 89, cf. Canones Hippol. c. 3 § 18: im Ordinationsgebet 
ffir den Bischof und Presbyter wird um die Gabe zu heilen gebetet; c. 8 § 53 
wird vorausgesetzt, daß jemand, der die Gabe der Krankenheilung hat, den 
Antrag stellt, daraufhin in den Klerus aufgenommen zu werden). Vgl. Texte 
u. Unters. Bd. 8, Heft 4 S. 1—14: , Christliche Ärzte*. 

M S. I Tim. 5, 16. — «) S. Texte u. Unters. II, 5 S. 23. 

•) „Du aber, Witwe, die du ohne Zucht bist" — heißt es in der Didasc. 
syr. c. 15 S. 80 — , „du siehst wohl die Witwen, deine Genossinnen, oder 
deine Brüder in Krankheit, aber du kümmerst dich nicht um deine Glieder, 
für sie zu fasten, zu beten, die Hand aufzulegen und sie zu besuchen, son- 
dern du stellst dich selbst, als wärest du nicht gesund, oder als wärest du 
nicht frei.* 

*) S. Didasc. syr. c. 15 S. 79 f. — ») De praescr. 41. 

•) Sie werden zuerst im Pliniusbrief erwähnt. 

') Texte u. Unters. II, 5 S. 24. 

•) S. Ep. Pseudoclem. ad Jacob. 12: Oi tfjg ixxXijoiag f^tdxavoi toO hu- 
0x671 ov üwexüx; gefißöfjievoi iojo}oay 6<p^aXnoi, kx&oiov tijg ixxXtiaiag xoXv- 
jtQayfAOVoOvTsg tag ngd^stg . . . tovg de xarä adgxa rooovvzag fMtv^ayhoHfar xai 
Tcp dyvooOvri nXri&ei JißoaayzißaXXhoxfav, fv' ijiiqffaivcovrai , xcu tä diovxa hti tfj 
Tov nQoxa&eCofiivov yvojfÄj] jtOQsxircoöav. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium vom Heiland und von der Heilung. 107 

man aus der Briefsammlung Cyprians^ und aus den echten 
Märtyrerakten. Aber der Umstand, daß besondere Kranken- 
pfleger vorhanden waren, sollte den Laien nicht entlasten. „Die 
Kranken sind nicht zu yemachlässigen, noch soll einer sagen: 
ich habe das Dienen nicht gelernt. Niemand soll eine gemäch- 
liche Lebensweise oder das Ungewohnte, anderen hilfreich zu 
sein, vorschützen'', heißt es im pseudojustinischen Brief an Zenas 
und Serenus^. Daß sich die Nachfolge Christi im Krankendienst 
zeigt, mit dem das „visitare pupillos et viduas'' häufig zusammen- 
gestellt wurde, wird besonders vom Verfasser des psendoclemen- 
tinischen Briefs de virginitate hervorgehoben. Dem Märtyrer 
Seleucus wird von Eusebius* das Zeugnis ausgestellt, daß er, 
wie ein Vater und Beschützer, der Waisen und hilflosen Witwen 
und der Armen und Kranken Bischof und Pfleger gewesen sei, 
und viele ähnliche Beispiele werden berichtet. Namentlich ent- 
flammte die Pestzeit den barmherzigen Eifer vieler Christen. 
„Siehe, wie sie einander lieben", hat Tertullian aus heidnischem 
Munde öfters gehört*, und Lucian bezeugt es*. 

Was die therapeutischen Methoden anlangt, so war es wie 
heute; je weltflüchtiger und weltfeindlicher die Christen waren, um 
so skeptischer und erbitterter waren sie auch gegen die übliche 
Behandlungsweise (s. z. B. Tatians Oratio c. 17. 18). Es gab — 
und nicht nur den Dämonischen gegenüber (s. den folgenden Ab- 
schnitt) — eine therapeutische „Christian Science*', aus neuem 
und altem Aberglauben gemischt. Als eine Probe vergleiche man 
Tertull., Scorpiace 1: ^Wir Christen machen über den gebissenen 
Fuß sofort das Kreuzeszeichen, sprechen eine Beschwörung und 
reiben ihn mit dem zerquetschten Tier ein.'' Das Kreuzeszeichen 
und die Beschwörung allein taten es also nicht. 

') Er ermahnt immer wieder in den Briefen, die er aus seinem Versteck 
an die Gemeinde schrieb, die Kranken nicht zn vernachlässigen. 

«) C. 17. — ») De mart. Pal. 11, 22. — *) Apolog. 39. 

*) Auf den Kampf, den die Kirche gegen die medizinischen Sünden, 
z. B. die Frachtabtreibung (Didacbe 2, 2, Bamab. 19, 5, Tertull., Apolog. 9, 
Minucius 30,2, Athenag., Suppl. 35, Clem., Paed. 11, 10, 96 etc.), und gegen 
die widernatürlichen, krankhaften Laster des Heidentums geführt hat, sei 
nur im Vorübergehen hingewiesen. Die Kirche nahm hier in wahrhaft huma- 
nem Sinne den Kampf auf; ihr stand der Wert und die Würde des mensch- 
lichen Lebens fest, das in keiner Entwickelungsstufe vernichtet oder ge- 
schändet werden dürfe. In bezug auf diese Verbrechen hat sie auch vom 
4. Jahrhundert an die Reichsgesetzgebung, die ihr übrigens im 3. Jahrhundert 
bereits selbst entgegengekommen war, beeinflußt. 



Digitized by 



Google 



108 ^e Missionspredigt in Wort und Tat. 

Drittes Kapitel. 
Fortsetzung: Der Kampf gegen die Dämonen ^ 

In den ersten Jahrhunderten ist der Glaube an Dämonen 
und ihre Herrschaft in der Welt weit verbreitet gewesen. Dem- 
gemäß glaubte man auch an dämonische Besessenheit» und folge- 
recht nahm auch der Wahnsinn häufig die Form an, daß die 
Kranken sich von einem oder mehreren bösen Geistern besessen 
glaubten. Diese Form des Wahnsinns kommt auch heute noch 
vor, ist aber selten, weil in weiten Kreisen der Glaube an die 
Existenz und Wirksamkeit von Dämonen erloschen ist. Die Er- 
scheinungsformen aber, in denen der Wahnsinn sich ausprägt, 
sind stets abhängig von dem allgemeinen Zustande der Kultur 
und den Vorstellungen der Gesellschaft. Wo das religiöse Leben 
noch erregt ist, und wo zugleich ein starker Glaube an die un- 
heimliche Tätigkeit böser Geister herrscht, da bricht auch jetzt 
noch sporadisch die ^Besessenheit^ aus. Neuere Fälle haben 
sogar gezeigt, daß ein überzeugter „Geisterbeschwörer", nament- 
lich ein religiöser, in seiner Umgebung unfreiwillig „Besessenheit*' 
erst hervorruft, um sie dann zu heilen. Auch wirkt die „Besessen- 
heit" ansteckend. Ist erst ein Fall der Art in einer Gemeinschaft 
vorgekommen und bringt der Kranke selbst oder gar der Priester 
denselben in Zusammenhang mit der allgemeinen und besonderen 
Sündhaftigkeit, predigt er darüber und richtet erschütternde Worte 
an die Gemeinde, verkündet er, daß hier wirklich der Teufel sein 
Spiel treibe, so folgt dem ersten Fall bald ein zweiter und 
dritter*. Dabei treten die wunderbarsten, im einzelnen noch 
vielfach unerklärten Erscheinungen ein. Das Bewußtsein des 
Kranken, sein Wille und seine Aktionssphäre verdoppeln sich. 
Mit vollster subjektiver Wahrhaftigkeit — Schwindeleien laufen 
natürlich immer mit unter — fühlt er sich selbst und dazu ein 



*) Nach derselben Abhandlung, welcher der vorige Abschnitt größten- 
teils entnommen ist. Vgl. hierzu Weinel, Die Wirkungen des Geistes und 
der Geister im nachapostolischen Zeitalter (1899) S. 1 ff. und den Artikel 
.Dämonische» in der Protest. REncykl. Bd. 4» (J. Weiss). 

*) Wie die krankhaften geistigen Zust&nde, besonders die Visionen, 
welche die Christen in den Gemeindeversammlungen befielen, von der eben 
gehörten Predigt abhängig waren, dafür bietet Tertullian, de anima 9, ein 
schönes Beispiel. £ine Schwester, erzählt er, sah in der Vision eine Seele in 
leiblicher Gestalt, nachdem Tertullian eben über die Seele (und zwar wahr- 
scheinlich über die Körperlichkeit der Seele) gepredigt hatte. Er fügt ganz 
unbefangen selbst hinzu, daß die Visionen ihren Inhalt aus der eben gehörten 
Schriftverlesung, aus Psalmen und aus den Predigten zu erhalten pflegen. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. 109 

zweites Wesen in sich, welches ihn zwingt und beherrscht. Er 
denkt, fohlt, handelt bald als der eine, bald als der andere, und 
von der Überzeugung, ein Doppelwesen zu sein, durchdrungen, 
bestärkt er sich selbst und seine Umgebung durch ersonnene, 
wenn auch innerlich erzwungene, Handlungen in diesem Glauben. 
Abgenötigter Selbstbetrug, schlaue Aktivität und hilfloseste Passi- 
vität sind in unheimlicher Weise verbunden und vollenden das 
Bild einer seelischen Krankheit, die in der Regel auch die höchste 
Empfänglichkeit für die ^Suggestion^ zeigt und deshalb zur Zeit 
häufig noch einer wissenschaftlichen Analyse spottet, es jedem 
freilassend, besondere geheimnisvolle Kräfte hier wirksam zu 
denken. Es gibt auf diesem Gebiete Tatsachen, die man nicht 
wegleugnen kann und doch nicht zu erklären vermag^. Aber 
noch mehr: es gibt hier „Krankheiten", von denen nur die Über- 
menschen befallen werden, und sie schöpfen aus dieser „Krank- 
heit'' ein bisher ungeahntes neues Leben, eine alle Henmmisse 
niederwerfende Energie und den Eifer des Propheten oder Apostels. 
Yon dieser „Besessenheit" ist hier nicht die Rede; denn sie be- 
steht nur für den Glauben oder Unglauben. 

Wo die Krankheit bei Menschen gewöhnlichen Schlages und 
im Zusammenhang mit der Religion auftritt, da ist die Prognose 
keine ungünstige. Die Religion, welche sie zur Reife bringt, 
vermag sie in der Regel auch zu heilen. Vor allem der christ- 
lichen Religion wohnt diese Kraft inne. Wo ein leeres oder 
sündhaftes, fast dem Tode verfallenes Leben plötzlich durch die 
Predigt dieser Religion erweckt wird und der Schrecken über 
die Knechtschaft des Bösen in die Vorstellung wirklicher Besessen- 
heit übergeht, da wird die Botschaft von der Gnade Gottes, die 
in Jesus Christus erschienen ist, die gebundene Seele wieder be- 
freien. Die Blätter der Kirchengeschichte vom Anfang bis auf 
den heutigen Tag legen dafür Zeugnis ab. Wenn sie in unserer 
Zeit nur mit wenigen Zeilen, in den ersten drei Jahrhunderten 
bis zum Rande beschrieben sind, so ist der Grund nicht in den 
selteneren Heilungen, sondern in dem selteneren Auftreten der 
Krankheit zu suchen. 

Die bloße Botschaft, die christliche Predigt allein, genügt 
freilich nicht, um die Krankheit zu heilen. Hinter ihr muß ein 
überzeugter Glaube, eine von diesem Glauben getragene Person 

^) Vgl. das Lebensbild Blnmhards von Zfindel (1881), Ribot, Les 
maladies de la personnalit^, Paris 1885, Derselbe, Les maladies de la 
mtooire, Paris 1881, und Les maladies de la volonte, Paris 1883. S. aach 
das Werk von Jan dt, Rulman Merswin. Un probl^me de psychologie reli- 
giense, Paris 1890, besonders p. 96 ff., femer die Untersuchungen von Forel 
und Krafft-Ebing. 



Digitized by 



Google 



][X0 Diß Missionspredigt in Wort und Tat. 

stehen. Nicht das Gebet heilt, sondern der Beter, nicht die 
Formel, sondern der Geist, nicht der Exorzismus, sondern der 
Exorzist. Nur wo die Krankheit, wie wir das von nicht wenigen 
Fällen des 2. Jahrhunderts voraussetzen müssen, epidemisch und 
fast gewöhnlich geworden ist, ja sogar etwas Konventionelles be- 
kommen hat, da genügen auch konventionelle Mittel. Der Exorzist 
wird zum Magnetiseur, wohl auch zum betrogenen Betrüger. 
Aber wo eine starke Lidividualität vom Dämon des Schreckens 
um sich selber betrogen wird und die Seele wirklich erschüttert 
ist durch die Macht der Finsternis, die sie besitzt, und der sie 
doch bereits entfliehen will, da muß ein starker heiliger Wille 
von außen den gebundenen Willen befreien. Dort und hier 
handelt es sich um das, was man aus Verlegenheit in neuerer 
Zeit ^Suggestion" nennt; aber anders „suggeriert" der Prophet, 
anders der professionelle Exorzist. 

Der Glaube an die Wirksamkeit der Dämonen hat sich in 
der Form, wie wir ihn in den jüngsten Büchern des griechischen 
Alten Testaments, im Neuen Testament \md in den jüdischen 
Schriften der Kaiserzeit finden, verhältnismäßig spät bei den Juden 
entwickelt. Damals aber stand er in vollster Blüte ^. Um die- 
selbe Zeit begann er auch bei den Griechen und Römern über- 
hand zu nehmen. Es ist bisher noch nicht erklärt worden, wie 
diese dazu gekommen sind. Daß die Form des Dämonenglaubens, 
wie wir sie vom 2. Jahrhundert an überall im Reiche verbreitet 
finden, lediglich auf jüdische oder gar auf christliche Einflüsse 
zurückzuführen sei, ist unmöglich. Aber ihren Beitrag zur Ein- 
bürgerung des Glaubens, oder richtiger zur Entwicklung des alt- 
griechischen \md dann auch von den Philosophen (Plato) genährten 
Geisterglaubens in einer ganz bestimmten Ricbtimg mögen diese 
Religionen ebenso geliefert haben, wie andere orientalische, vor 
allem die ägyptische*, deren Priester von alten Zeiten her be- 
rühmte Exorzisten waren. Im zweiten Jahrhundert gab es einen 
Stand von Exorzisten^ wie es heute neben den gelehrten Ärzten 
„Naturärzte" gibt. Aber verständige Leute waren doch skeptisch, 
und der große Jurist Ulpian — es war dies damals eine ebenso 
brennende Frage wie heute — wollte sie nicht in den Stand der 



^) S. die interessante Stelle Joseph. Antiq. YIJl, 2,5: üagioxe ZoXofA&vi 
fia&tXv 6 ^eog xal rrjv xatä t&v d(Uft6voiv xixvriv sig dttpiXsiav xal ^Qoxehv 
ToTs 6r&Q<onotg' incpddg xe awra^dfjievog alg naQijyoQeTtcu tä voatj/aara xod tgö- 
novg l^OQXwo8(ov xaxskuiev, ols ol evdwfievoi ta daifidvia wg fitfxix' htavsX'&kXv 
ixduo^ovot. xal avxtj f^tixQi vvv nag^ ^fuv 17 ^eQcmela nXet&iov loxvet. Man 
Tergleiche die Geschichtet die nun folgt. Die Juden müssen im Reiche als 
Exorzisten bekannt gewesen sein. 

*) Auch die persische. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. Hl 

Arzte eingerechnet wissen; freilich war ee ihm sogar zweifelhaft, 
ob die ^Spezialisten^ Arzte im Sinne des Gesetzes seien ^. 

Das Eigentümliche des Dämonenglaubens ^ im 2. Jahrhimdert 
besteht erstlich darin, daß er aus den dunklen unteren 
Schichten in die oberen, selbst in die Literatur, empordringt 
und eine ungleich wichtigere Sache wird als ehedem, zweitens 
daß er keine kräftige naive öffentliche Religion mehr 
neben sich hat, die ihn niederhält, femer daß die bisher als 
sittlich indifferent gedachte Macht des Dämon sich in die Yor- 
Stellung von der Schlechtigkeit desselben wandelt, und endlich in 
der individuellen Applikation des neuen Glaubens, die dann 
auch die seelischen Krankheiten zu ihrer Folge hatte. Faßt man 
diese Momente zusanmien, so sind die außerordentliche Yerbreitung 
des Dämonenglaubens und die zahlreichen Ausbrüche der dämo- 
nischen Krankheit auf das Zusanmienwirken der bekannten Tat- 
sachen zurückzufuhren, daß in der Kaiserzeit das Zutrauen zu den 
alten Religionen dahinschwand, das Individuum aber als freies 
und abhängiges sich zu fühlen begann und darum auch auf seinen 
eigenen Kern und die eigene Verantwortung stieß. Von keiner 
Überlieferung mehr gezügelt und gehalten, irrt es unter den zu 
leblosen Fragmenten gewordenen, zusammengewürfelten Über- 
lieferungen einer im Untergang begriffenen Welt umher, bald 
diese, bald jene hervorsuchend, um schließlich oft, von Furcht 
und Hoffnung getrieben, am Absurdesten einen trügerischen Halt 
zu finden oder an ihm zu erkranken^. 

In diese Situation ist das Evangelium eingetreten. Spottend 
hat man gesagt, es habe erst die Krankheiten erzeugt, die es zu 
heilen verkündete. Aber der Spott, in einzelnen Fällen berechtigt, 
fällt in der Hauptsache auf den Spötter zurück. Das Evangelium 
hat die Krankheiten zur Reife gebracht, die es dann geheilt hat. 
Es fand sie vor und hat sie durch seine eigene Mission gesteigert. 
Aber es hat sie auch geheilt, und die kühnste Phantasie vermag 
sich kein BUd zu machen, was aus dem Reiche des 3. Jahrhundets, 
was aus der alten Welt geworden wäre ohne die Kirche. Pro- 
fessoren wie Libanius oder wie seine Kollegen an der Hochschule 

>) S. die merkwürdige Stelle Dig. L, XIII, c. 1, § 3: ^.Medicos fortassis 
quis accipiet etiam eos, qui alicuius partis corporis vel certi doloris Sani- 
tätern pollicentor: ut puta si aoricolaris, si fistula vel dentinm, non tarnen 
si incantavit, si inprecatus est, si, ut vulgari verbo inpostoram utar, exorci- 
zavit: non sunt ista medicinae genera, tametsi sint, qui hos sibi profuisse 
cum praedicatioue adfirmant.* 

*) Die wissenschaftliche (philosophische) Grundlegung und Ausfahrung 
des Dämonenglaubens geht auf Xenocrates zurück; nach ihm ist Posidonius 
besonders zu nennen, vgl. Apulejus, de deo Socratis. 

•) Von einer ^aotpla dcufiaviwSrjs*^ redet der Jacobusbrief (3, 15). 



Digitized by 



Google 



112 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

zu Athen sind freilich unsterblich, und sie können sich, wesentlich 
unverändert, in allen Jahrhunderten erhalten; aber Völker leben 
nicht von der Kost der Rhetoren und Philosophen. Das alte Rom 
hat beim Ausgang des 4. Jahrhunderts nur einen Symmachus be- 
sessen, der Osten nur einen Synesius, aber Synesius wurde Christ. 
Ich beabsichtige, im folgenden einige wichtige Nachrichten 
über die Besessenheit und die Heilung Yon Besessenen, die uns 
aus der alten Eirchengeschichte erhalten sind, ohne Kommentar 
zusanmienzustellen. An einer Stelle werde ich ein Bild geben 
von der Verbreitung und der Art des Dämonenglaubens. Tertullian 
hat es gezeichnet; man tut nicht gut, an Tertullian vorüberzugehen. 
Um den Wert, welchen die Exorzismen für die älteste Christen- 
heit besaßen, zu würdigen, muß man sich erinnern, daß nach dem 
Glauben der Christen der Sohn Gottes in die Welt gekommen 
ist, um den Satan und sein Reich zu bekämpfen. Die Evangelisten, 
besonders Lucas, haben das Leben Jesu von der Versuchungs- 
geschichte an als unaufhörlichen Kampf gegen den Teufel ge- 
schildert: er ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören. 
Im Marcus-Evangelium heißt es (1, 32), man habe viele Besessene 
zu Jesus gebracht, und er habe sie geheilt, indem er die Dämonen 
austrieb (1, 34). ^Er ließ die Dämonen nicht reden; denn sie 
kannten ihn" (vgl. auch Luc. 4, 34. 41). Generell wird (l, 39) 
erzählt: „Er predigte in den Synagogen in ganz Galiläa und trieb 
die Dämonen aus." Den zwölf Jüngern verlieh er bei der Aus- 
sendung die Macht des Exorzismus (3, 15), die sie auch sofort 
ausübten (6, 13; vgl. für die 70 Jünger Luc. 10, 17); aber die jeru- 
salemischen Schriftgelehrten sagen von ihm, daß er den Beelze- 
bul habe^ und die Dämonen durch den Obersten der Dämonen 
austreibe (3, 22) ^. Die Geschichte von den ,, unsauberen Geistern*', 
die in die Herde Säue fahren, ist hinreichend bekannt (5, 2 ff.); 
sie bildet eines der seltsamsten Stücke der heiligen Geschichte, 
an dem sich die gläubige und rationalistische Erklärung vergebens 
abgemüht hat. Eine andere uns näher berührende Geschichte ist 
die von der besessenen Tochter des kananäischen Weibes (7, 25 ff.). 
Daß auch epileptische Krämpfe als Besessenheit gedeutet wurden, 
sowie andere nervöse Störungen (auch Stummheit, s. Matth. 12, 22; 
Luc. 11, 14), zeigt die Erzählung Matth. 17, 15 ff. (Luc. 9,38). 
Bemerkenswert ist, daß schon bei Lebzeiten Jesu Exorzisten, 
ohne von ihm besonders autorisiert zu sein, in seinem Namen 
Teufel beschworen. Das hat Anlaß zu einem wichtigen Gespräch 

^) Auch von Johannes dem Täufer hieß es, er sei besessen; 8. Matth. 11, 18. 

') Jesus selbst erklärt, daß er die Dämonen durch den Geist Gottes 
austreibe, Matth. 12,28; aber der Vorwurf scheint öfters wiederholt worden 
zu sein, daß er den Teufel habe und rase; s. Joh. 7, 20; 8, 48 f.; 10,20. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. Ii3 

zwischen JesuB und Johannes gegeben (Marc. 9, 38): ^Johannes 
sprach zu Jesus: Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen 
Dämonen austrieb, und wir wehrten es ihm, weil er uns nicht 
nachfolgte. Jesus aber antwortete: Wehret ihm nicht; denn es 
ist niemand, der eine Erafttat tut in meinem Namen und mich 
alsbald schmähet: denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns.** 
Aber andererseits gibt es nach einem anderen Hermwort unter 
denen, die in seinem Namen Teufel austreiben, solche, die er nie 
erkannt hat (Matth. 7, 22). Von einer der Frauen in der Be- 
gleitung Jesu war auch später noch bekannt, daß er ihr ^sieben 
Dämonen" ausgetrieben hatte (Marc. 16, 9; Luc. 8, 2), und unter 
die Erafttaten, mit denen alle Gläubigen ausgerüstet werden 
sollten, zählte man nach dem unechten Schluß des Marcus-Evan- 
geliums auch den Exorzismus (16, 17)^. 

Als Dämonenbeschwörer sind die Christen in die große Welt 
eingetreten, und die Beschwörung war ein sehr wichtiges 
Mittel der Mission und Propaganda. Es handelte sich 
dabei um die Beschwörung und Besiegung der in den 
einzelnen Menschen wohnenden Dämonen, aber auch 
um die Reinigung des ganzen öffentlichen Lebens Yon 
ihnen. Denn das Saeculum steht unter der Herrschaft 
des Schwarzen und seiner Scharen (Bamabas); xeUai iv 
71 ovtj Qcp (JohAimeß), Das war keine blasse Theorie, sondern 
lebendigste Anschauung. Die ganze Welt und der Luftraum, 
der sie umgibt, ist von Teufeln erfiillt; alle Formen des Lebens 
— nicht nur der Götzendienst — sind von ihnen beherrscht. Sie 
sitzen auf den Thronen und umschweben die Wiege des Kindes. 
Die Erde ist recht eigentlich eine Hölle geworden, obgleich sie 
Schöpfung Gottes ist und bleibt. Aber dieser Hölle und den 
Teufeln gegenüber verfügen die Christen über unbezwingliche 
Waffen. Neben dem Beweise, den sie aus dem Alter ihrer 
Schriften führten, verwiesen sie auf die ihnen verliehene Kraft des 
Exorzismus, der die bösen Geister in die Flucht schlage und sie 
sogar zwinge, für die Wahrheit ihrer Religion Zeugnis zu geben. 
^Wir haben*', sagt Tertullian am Schluß des Apologeticus (c. 46), 
^euch unseren ganzen Zustand dargelegt und auch die Beweise 
für die Wahrheit unserer Sache, nämlich die Glaubwürdigkeit 
und das Altertum der göttlichen Schriften und zweitens 
das Geständnis der dämonischen Mächte (für uns).** Ein 
solches Gewicht legte man auf die Tätigkeit der Exorzisten*! 

*) Er ist hier sogar als erstes Stück genannt. 

') In dem pseudoclementinischen Brief „Über die Jungfräulichkeif 
sind Schriftvorlesung, Exorzismus und Lehre als die wichtigsten religiösen 
Funktionen zusammengestellt (1, 10). 

Harnack, Mission. 9. Aufl. 3 



Digitized by 



Google 



114 I^iö Missionspredigt in Wort und Tat. 

In den Paulusbriefen \ in dem Briefe des Plinius und in der 
Didache ist von ihnen allerdings nicht die Rede*. Aber seit der 
Zeit Justins ist die christliche Literatur angefüllt von den Hin- 
weisen auf die Dämonenbeschworungen, und mindestens jede 
größere Gemeinde besaß Exorzisten, die ursprünglich als be- 
sonders begnadigte Menschen angesehen wurden, später aber einen 
eigenen Stand in der niederen Hierarchie neben den Lektoren 
und Subdiakonen bildeten. Indem sie zu einem eigenen Stande 
wurden, hörten sie auf, das zu sein, was sie früher gewesen 
waren *. Die Kirche zog eine feste Grenze zwischen ihren Exor- 
zisten, die im Namen Christi handelten, und den heidnischen 
Magiern, Zauberern u. dgl. * Dennoch vermochte sie sich gegen 
gewinnsüchtige Schwindler nicht genügend zu schützen, und 
manche ihrer Exorzisten waren ebenso zweideutige Leute wie 
ihre ^Propheten**. Die hohe Schule religiöser Schwindeleien war 
in Ägypten, worüber sowohl Lucians „Peregrinus Proteus" als 
Celsus und der Brief des Hadrian an den Servian belehren*. 
Sehr frühe schon haben heidnische Beschwörer den Namen der 
Patriarchen*, Salomos, ja sogar Jesu Christi in ihre Zauber- 
formeln aufgenommen; auch jüdische Exorzisten fingen bald an, 
den Namen Jesu in ihre Sprüche einzuflechten ''. Umgekehrt 

») Doch 8. Ephes. 6, 12; II Cor. 12, 7 usw. 

') Es ist bisher unerklärt, daß bei Paulus die Dämonenbeschwörungen 
fehlen. Übrigens ist seine Sündenlebre ihnen nicht günstig. 

*) Die Geschichte des Exorzismus (bei der Taufe und als selbständige 
Handlung) und der Exorzisten ist viel zu umfangreich imd zum Teil noch 
zu wenig erforscht, um hier abgehandelt werden zu können. Von den sog. 
Zauberpapyri, die in immer größerer Anzahl auftauchen, ist noch manches 
zu erwarten. Insofern Exorzismus und Exorzisten in das öffentliche Leben 
der Kirche fielen, vgl. Probst, Sakramente und Sakramentalien S. SQff.; 
Kirchliche Disziplin S. 116 ff. 

*) Vgl. die Apologeten, die Schrift des Origenes c. Celsum und die 
Bestimmung in den Canones Hippolyti (Texte u. untersuch. VI, 4 S. 83f.): 
^OUoviatrig vel magus vel astrologus, hariolus, somniorum interpres, prae- 
stigiator ... vel qui phylacteria conficit . . . hi omnes et qui sunt similes 
bis neque instruendi neque baptizandi sunt.*" Vgl. auch die Polemik gegen 
die magischen Künste der Gnostiker. 

*) Vopiscus, Saturn. 8: „nemo illic archisynagogus Judaeorum, nemo 
Samarites, nemo Christianorum presbyter, non mathematicus , non haruspex, 
non aliptes.*' 

•) S. Orig. c. Cels. I, 22. 

^) S. den Bericht über jüdische Exorzisten in der Apostelgeschichte 
(19, 13): „Es unterwanden sich aber auch etliche der umlaufenden jüdischen 
Beschwörer (in Ephesus), den Namen des Herrn Jesus über die von bösen 
Geistern Besessenen auszusprechen, indem sie sagten: Ich beschwöre euch 
bei dem Jesus, den Paulus verkündigt* — Pseudocyprian, de rebapt. 7, räumt 
ein, daß auch Nichtchristen Dämonen manchmal wirksam mit dem Namen 
Christi austreiben. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. 115 

mußte die Kirche ihre eigenen Exorzisten ermahnen, es nicht den 
Heiden nachzimiachen. In dem pseudoclementinischen Briefe 
^über die Jungfräulichkeit^ heißt es (I, 12): ^Auch dies ziemt 
den Brüdern in Christo und ist gerecht und ihnen rühmlich, daß 
sie die besuchen, die von bösen Geistern gequält werden, und 
beten und Beschwörungen über sie in geziemender Weise anstellen 
in Bittworten, die vor Gott angenehm sind, nicht aber in glän- 
zenden und langen Reden, wohlgesetzt und ausstudiert, um vor 
den Menschen als beredt und mit einem guten Gedächtnis begabt 
zu erscheinen. Solche Menschen gleichen in ihrem Geschwätz 
einem tönenden Erz oder einer klingenden Schelle und nützen 
denen nichts, über die sie ihre Beschwörungen anstellen, sondern 
bringen nur schreckliche Worte hervor, mit denen sie die Leute 
in Furcht jagen, nicht aber handeln sie mit wahrem Glauben 
nach der Lehre des Herrn, der gesagt hat: ,Diese Art fährt nicht 
aus denn durch Fasten und festes und unablässiges Gebet und 
durch die Anspannung des Gemüts (auf Gott).' So mögen sie 
also heiliges Flehen und Beten zu Gott richten mit Freudigkeit 
und aller Nüchternheit und Keuschheit, ohne Haß und ohne Bos- 
heit. So sollen wir die kranken (besessenen) Brüder und 
Schwestern besuchen . . . ohne Falsch und ohne Geldgier und 
Gepränge und ohne Geschwätz und ohne Yielgeschäftigkeit, welche 
der Frömmigkeit fremd ist, und ohne Stolz, sondern mit dem 
demütigen und bescheidenen Sinn Christi. So mögen sie die 
Kranken also mit Fasten und Gebet exorzisieren, nicht aber mit 
eleganten, gelehrt zusanmiengestellten und wohldisponierten Reden, 
sondern wie Menschen, die von Gott das Charisma der Heilung 
erhalteü haben, zuversichtlich, zum Lobe Gottes. Durch euer 
Fasten und durch Flehen und beständige Nachtwachen und durch 
die anderen guten Werke, die ihr tut, tötet die Werke des 
Fleisches durch die Kraft des heiligen Geistes. Wer so handelt, 
der ist ein Tempel des heiligen Geistes Gottes; ein solcher möge 
die Dämonen austreiben, und Gott wird ihm dabei helfen. . . . 
Der Herr hat befohlen: ,Treibt die Dämonen aus', und hat die 
Anweisung gegeben, auch sonst zu heilen, und dazu gesprochen: 
,Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es.' Ein großer 
Lohn von Gott wartet derer, die so handeln, die da dienen den 
Brüdern mit den Charismen, die ihnen vom Herrn geschenkt sind.'' 
Justin schreibt (Apol. 11, 6) : ;,(Der Sohn Gottes ist Mensch 
geworden zur Yemichtung der Dämonen). Ihr könnt das er- 
kennen aus dem, was unter euren eigenen Augen vorgeht. Denn 
viele von den Unsrigen, den Christen, haben eine große Anzahl 
Besessener in der ganzen Welt und in eurer Stadt (Rom) durch 
Beschwörung beim Namen Jesu Christi, des unter Pontus Pilatus 



Digitized by 



Google 



116 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

Gekreuzigten, geheilt, während sie von allen anderen Beschwörern 
und Zauberern und Arzneimischem nicht geheilt worden waren; 
sie heilen sie auch jetzt noch fort und fort, indem sie die Dämonen, 
Ton denen diese Menschen besessen sind, zu nichte machen und 
austreiben.** In seinem Dialoge gegen die Juden (c. 85) schreibt 
derselbe Justin: „Jeder Dämon, der beschworen wird bei dem 
Namen des Sohnes Gottes und des Erstgeborenen vor aller Kreatur, 
des durch eine Jungfrau Geborenen, des zum leidensfähigen 
Menschen Gewordenen und Gekreuzigten unter Pontius Pilatus 
von eurem Volke imd Gestorbenen und von den Toten Auf- 
erstandenen und zum Himmel Aufgestiegenen — bei diesem 
Namen wird jeder Dämon besiegt und überwunden. Wenn ihr 
aber bei allen Namen der Könige oder Gerechten oder Propheten 
oder Patriarchen, die bei euch gewesen sind, Beschwörungen 
anstellt, so wird doch kein einziger Dämon überwunden werden . . . 
Bereits bedienen sich eure Exorzisten, vrie auch die Heiden, einer 
besonderen Kunst und wenden Räucherwerk an und magische 
Bande. ** Aus dieser Stelle geht hervor, daß die christlichen Be- 
schwörungsformeln die Hauptstücke der Geschichte Christi ent- 
hielten^, und dies sagt Origenes in der Schrift gegen Celsus (I, 6) 
mit aller Deutlichkeit: „Die Kraft des Exorzismus liegt in dem 
Namen Jesu, der ausgesprochen wird, indem zugleich die 
Geschichten von ihm verkündigt werdend" 

Sehr skeptisch wird man freilich gestimmt, wenn man liest, 
daß die christlichen Parteien unter einander sich die Kraft des 
Exorzismus absprachen und die Heilungen für Irrtum oder 
Täuschungen erklärten. So schreibt Irenäus (H, 31,2): „Die 
Anhänger des Simon und Carpocrates und die übrigen angeblichen 
Wundertäter werden überführt, daß sie nicht in der Kraft Gottes, 
noch in Wahrheit, noch zum Segen der Menschen das tun, was 
sie tun, sondern zum Verderben und zur Verführung durch 
magische Täuschungen und jeglichen Trug, mehr schadend als 
nützend denen, die ihnen glauben, weil sie Verführer sind. Denn 
weder können sie Blinden das Gesicht schenken, noch Tauben 
das Gehör, noch alle Dämonen in die Flucht schlagen, mit Aus- 
nahme derer, die sie selbst gesandt haben, wenn anders sie das 
vermögen *.'' In bezug auf die eigene Gemeinde aber hat sich 



^) Das wichtigste Stück in der Beschwörungsformel war die Erwähnung 
des Kreuzestodes, s. Justin, Dialog. 30. 49. 76. 

*) 'loxvsiy doxovot . . . , x0 Mfiau 'Ifnoov fjuxa tfjg iTiayysXias t€Öv Ttsgi 

avTov loXOQi&V. 

*) Man vgl. dazu die traurigen Versuche der Großkirche in Asien, die 
montanistischen Prophetinnen als Dämonische zu betrachten und zu be- 
schwören. Die Versuche miBglOckten aber. Zu vergleichen ist hierzu der 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. 117 

Irenäus (a. a. O.) davon überzeugt, das selbst Tote von ihren 
Mitgliedern erweckt werden. Hier, behauptet er, sei nichts Schein 
oder Irrtum und Trug, sondern, wie bei dem Herrn selbst, das 
Außerordentlichste Wahrheit. ^In Jesu Namen üben seine wahren 
Jünger, die von ihm die Gnade empfangen haben, eine heil- 
bringende Wirksamkeit zum Wohle der anderen Menschen aus, 
je nachdem sie das Gnadengeschenk von ihm erhalten haben. 
Denn die einen treiben die Dämonen aus gewiß und wahrhaftig; 
oftmals ereignet es sich dann, daß die, welche von den bösen 
Geistern gereinigt worden sind, den Glauben annehmen imd 
Glieder der Kirche werden K Die anderen haben auch eine 
Yorkenntnis künftiger Dinge und Gesichte und prophetische 
Sprüche . . . Nicht zu zählen ist die Zahl der Segnungen, welche 
in der ganzen Welt die Kirche, sie von Gott empfangend, im 
Namen Jesu Christi, des unter Pontus Pilatus Gekreuzigten, 
Tag für Tag zum Heile der Heidenwelt vollbringt, ohne 
jemanden zu täuschen oder Geld zu verlangen. Denn wie sie 
umsonst empfangen hat von Gott, so dient sie auch damit umsonst^ 
(lajQol ävdgyvQoi), 

Die populäre Vorstellung der ältesten Christen, wie der 
späteren Juden, war die, daß abgesehen von der zahllosen Menge 
der Dämonen, die in der Natur imd in der Geschichte ihr ver- 
wegenes Spiel treiben, ein jeder einen guten Engel zur Seite hat, 
der über ihn wacht, imd einen bösen Geist, der auf ihn lauert^. 
Läßt er sich von diesem leiten, so ist er eigentlich schon ^be- 
sessene, d. h. die Sünde selbst ist „Besessenheit^. Die sklavische 
Abhängigkeit, in welche der Mensch gerät, der sich seinen Trieben 
überläßt, ist gut beobachtet, aber die Deutung ist naiv. An dem 
Dämonenglauben, wie er die christliche Welt im 2. und 3. Jahr- 
hundert beherrscht hat, lassen sich leicht die Züge nachweisen, 
die ihn zu einer reaktionären, die Kultur bedrohenden Erscheinung 
stempeln. Aber man darf doch nicht vergessen, daß er in seinem 
Kern einen sittlichen und darum auch einen geistigen Fortschritt 

Bericht Firmilians (Cypr., ep. 75, 10) Über eine christliche Frau, die sich als 
Prophetin ftihlte und viele .verführte" : «subito apparuit illi unus de exor- 
cistis, vir probatus et circa religiosam disciplinam bene semper conversatus, 
qui exhortatione quoque fratrum plurimomm qui et ipsi fortes ac laudabiles 
in fide aderant excitatus erexit se contra illum spiritum nequam revincen- 

dum ille exorcista inspiratus dei gratia fortiter restitit et esse illum 

nequissimum spiritum qui prius sanctus putabatur ostendit" 

>) Doch scheint es im 8. Jahrhundert zimi Vorwurf gemacht worden zu 
sein, an Besessenheit gelitten zu haben. Cornelius wirft es Novatian (bei 
Euseb. , h. e. VI, 43) vor, daß er vor seiner Taufe besessen gewesen und von 
einem Exorzisten geheilt worden sei. 

*) 8. z. B. den Hirten des Hermas. 



Digitized by 



Google 



It8 ^e Missionspredigt in Wort uncl Tat. 

barg: die Aufmerksamkeit auf das Böse und die Erkemitnis der 
Macht der Sünde und ihrer Herrschaft in der Welt. Deshalb 
hat auch ein so hochgebildeter Geist wie Tertullian sich ganz 
dem Dämonenglauben hingegeben. Es ist interessant zu sehen, 
wie sich in seiner ausfOhrlichen Darstellung desselben (in dem 
Apologeticus) die griechisch-römischen und die jüdisch-christlichen 
Elemente verbunden haben. Ich setze seine Ausfuhrung voll- 
ständig hierher. Sie steht in dem Zusammenhang des Nachweises, 
daß hinter den toten Götzen aus Holz und Stein die Dämonen 
stecken, die aber, von den Christen gezwungen, sich als das be- 
kennen müssen, was sie sind, nämlich als unreine Geister, nicht 
als Götter. An einigen Stellen klingt schon der Ton der Ironie 
und des Spotts über diese „armen Teufel** an, der im Mittelalter 
so kräftig wurde, ohne doch den Dämonenglauben zu erschüttern. 
Aber im ganzen ist die Darstellung höchst ernsthaft. Mit welchen 
Koeffizienten das alte Christentum belastet gewesen ist, mögen 
die lernen, welche heute träumen, sie besäßen es, wenn sie nur 
einige alte Glaubensformeln in Kraft erhielten ^ : 

„Wir Christen behaupten (c. 23 f.) die Existenz gewisser 
geistiger Wesen. Auch der Name ist nicht neu. Die Philo- 
sophen kennen die Dämonen, da Socrates selbst die Willens- 
meinung eines Dämoniums abwartete. Natürlich! Soll ihn doch 
auch ein Dämonium von Kindheit an begleitet haben — versteht 
sich , ein vom Guten abmahnender Geist ! Alle Dichter kennen 
sie; auch das ungebildete Yolk nennt sie häufig beim Fluchen. 
Denn auch ,Satanas' — den Fürsten dieser schlimmen Gesellschaft 
— ruft es bei eben diesen Verwünschungen aus; der Seele ist 
die Kunde von ihm angeboren. Auch die Existenz von Engeln 
hat selbst Plato nicht geleugnet. Für beide Arten geistiger 
Wesen stehen sogar die Magier ein. Allein (nur) aus den 
heiligen Schriften läßt sich der Hergang erkennen, wie aus ge- 



*) Neben Tertullian ist es der ältere Tatiaa gewesen, der in seiner 
^Rede an die Griechen" c. 7 — 18 die genaueste Darlegung der christlichen 
Dämonenlehre gegeben hat. Die Dämonen haben das „Fatum" eingeführt 
und den Polytheismus. Für die Gläubigen, resp. die pneumatischen Menschen 
sind sie sichtbar; die „Psychiker** vermögen sie nicht zu sehen, oder doch 
nur ausnahmsweise (15. 16). Die Krankheiten stammen aus den Körpern; 
aber die Dämonen schreiben sich die Ursache davon zu. „Bisweilen aller- 
dings erschfittem sie selbst im Sturm ihrer unverbesserlichen Bosheit den 
Zustand des Leibes; doch trifft sie ein Machtwort Gk>ttes, so erschrecken sie, 
fliehen davon, und der Kranke wird geheilt' (16 extr.). Übrigens leugnet 
Tatian nicht, daß Besessene manchmal auch ohne Beihilfe der (Christen ge- 
heilt werden. — Auch in den pseudoclementinischen flomilien (IX, 10. 16—18) 
stehen wichtige Mitteilungen über die Dämonen. Vgl. zu dem christlichen 
Dämonenglauben Diels, «Elementum", 1899, namentlich S. 50ff. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. 119 

wissen Engeln, die durch eigene Schuld verdorben sind, ein noch 
verdorbeneres Geschlecht von Dämonen geworden ist, das von 
Gott samt den Urhebern des Geschlechts und mit dem, den vnr 
(oben) den Fürsten genannt haben, verdammt wurde. Hier muß 
es genügen, ihr Wirken darzulegen. Dasselbe hat einzig das 
Verderben der Menschen zum Zweck. Von Anfang an arbeitete 
die Bosheit dieser Geister auf den Untergang der Menschen. 
Daher verursachen sie den Körpern Krankheiten imd böse Zufölle 
aller Art, der Seele aber plötzliche imd außerordentliche, sie 
gewaltsam erschütternde Ausbrüche. Zu statten kommt ihnen 
bei diesen Angriffen auf Seele und Leib ihre Feinheit und Dünn- 
heit. An sich imsichtbar und jeder Wahrnehmung entzogen, 
erschienen diese Geister zwar nicht im Akt selber, aber im Effekt 
sind sie häufig bemerkbar, wenn z. B. ein unerklärliches in der 
Luft liegendes Übel die Baum- und Feldfrüchte in der Blüte 
herabwirft, im Keime erstickt, in der Reifeentwickelimg schädigt, 
und wenn die durch eine unbekannte Ursache verdorbene Luft 
ihren pestbringenden Hauch herabschüttet. Mit derselben Heim- 
lichkeit der Ansteckung bewirkt die Anhauchung der Dämonen 
und Engel auch mancherlei Verderben des Geistes durch Raserei, 
Wahnsinn und häßliche oder schreckliche Lüste mit verschiedenen 
Irrtümern, wovon der vornehmste jener ist, daß sie den 
besessenen und gebundenen Menschenseelen jene Götter 
empfehlen^, um [auch] sich das beliebte, in Fettdampf und 
Blut bestehende Futter zu verschaffen, welches den Götzenstatuen 
und -bildem dargebracht vrird. Und welch eine ausgesuchtere 
Weide könnte es für sie geben, als daß sie die Menschen durch 
falsche Vorspiegelungen von dem Gedanken und der Erwägung 
der wahren Gottheit abbringen? Wie sie diese Vorspiegelungen 
bewirken können, werde ich zeigen. Jeder Geist ist beflügelt; 
so auch die Engel und Dämonen. Daher sind sie im Augenblick 
überall. Die ganze Welt ist für sie ein einziger Ort. Was und 
wo etwas geschieht, erfahren sie ebenso schnell als sie es melden. 
Ihre Schnelligkeit hält man für Göttlichkeit, weil man ihr Wesen 
nicht kennt. Sich das zu nutze machend, wollen sie bisweilen 
auch als Urheber der Dinge gelten, die sie nur ankündigen. In 
bezug auf die schlinmien sind sie es in der Tat manchmal, in 
bezug auf die guten nie. Sogar die Kenntnis der Dispositionen 
Gottes wissen sie zu erlangen, in früherer Zeit aus den Reden 
der Propheten, jetzt aus der Vorlesung der h. Schriften. Aus 

^) Das gilt oberall als die Hauptveranstaltung der Schlechtigkeit der 
D&monen: sie haben den Polytheismus eingeführt, d.h. unter den 
Bildem toter Götzen lassen sie sich verehren und machen sich die Opfer, 
deren Dünste ihnen schmecken, zu nutze. 



Digitized by 



Google 



120 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

diesen Quellen erfahren sie manches Zukünftige und ahmen nun 
die Gottheit nach, während sie doch die Gabe, die Zukunft zu 
schauen, nur stehlen. Wie verschlagen sie bei den Orakeln die 
zweideutige Rede auf den möglichen doppelten Erfolg berechnen, 
davon wissen die Crösus imd Pyrrhus zu erzählen .... Da sie 
in der Luft wohnen, in der Nachbarschaft der Gestirne, und mit 
den Wolken in Verbindung stehen, können sie sofort wissen, was 
sich dort vorbereitet, so daß sie den Segen, den sie schon fiihlen, 
versprechen können. Wohltätig sind sie fOrwahr auch in ihrer 
Sorge für die Gesundheit! Sie schädigen nämlich zuerst, dann 
schreiben sie Heilmittel vor, imerhörte oder gegenteilige, um das 
Wunder zu markieren — , dann hören sie auf zu schädigen und 
gelten mm als die Heilbringer. Was soll ich also noch über die 
anderen Künste oder auch Fälligkeiten der betrügerischen Geister- 
welt sagen? Soll ich von den Trugbilden der Castoren, von dem 
im Siebe getragenen Wasser, von dem durch einen Gürtel in 
Bewegung gesetzten Schiflf, von dem durch Berührung rot ge- 
färbten Bart reden? — alles Dinge, die in Szene gesetzt vorden 
sind, damit man Steine für Götter halte und den wahren Gott 
nicht suche. 

Femer, wenn euch die Magier Gespenster sehen lassen und 
die Seelen schon Verstorbener (durch Zitieren) beschimpfen, wenn 
sie Knaben durch Mißhandlimg zum Hervorstoßen von Orakel- 
sprüchen zwingen, wenn sie allerlei Wunder durch markt- 
schreierische Blendwerke aufFühren, wenn sie sogar Träume senden, 
indem sie die hilfreiche Macht der einmal zitierten Engel imd 
Dämonen zur Verfügung haben — daß Ziegen imd Tische weis- 
sagen, ist ja. Dank jenen Geistern, etwas Gewöhnliches geworden, 
— wenn schon Magier das vermögen, um wie viel mehr wird 
die Geisterwelt bestrebt sein, nach eigenem Plan und auf eigene 
Rechnung mit allen Kräften das in Szene zu setzen, was sie 
sogar einer fremden Unternehmung zur Verfügung stellt. Oder 
wenn die Engel und Dämonen dasselbe bewirken wie eure Götter, 
wo bleibt da der Vorzug der Gottheit, die man doch für er- 
habener als jede andere Macht halten muß? Ist die Vorteilung 
nicht würdiger, sie selbst (die Dämonen) seien es, die sich zu 
Göttern machen, indem sie (gerade) die Dinge tun, welche den 
Glauben an Götter hervorrufen, als zu glauben, daß die Götter 
den Dämonen und Engeln gleich seien? Es ist, denke ich, nur 
noch eine Ortsverschiedenheit: in den Tempeln haltet ihr die für 
^Götter^, die ihr außerhalb derselben nicht so nennt .... 

Doch keine weiteren Worte — es folge jetzt die Darlegung 
der Tatsache; wir werden beweisen, daß „Götter" und Dämonen 
dieselbe Qualität haben. Stellt hier von euren Tribunalen irgend 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämonen. t21 

jemanden auf, von dem es feststeht, daß er von einem Dämon 
besessen ist. Auf den Befehl eines beliebigen Christen, 
zu reden, wird jener Geist sich ebenso gewiß als einen 
Dämon wahrheitsgemäß bekennen, wie er sich anders- 
wo lügnerisch für einen Gott ausgibt^. Ebenso möge 
einer von denen vorgeführt werden, die nach eurer Meinung 
imter der Einwirkung eines Gottes stehen, welche, an den Altären 
Luft einziehend, die Gottheit aus dem Fettdampf in sich auf- 
nehmen, welche durch Luftausstoßung vrieder zu sich kommen 
(„ructando curantur"), welche mit keuchendem Atem weissagen. 
Oder laßt die „himniliche Jungfrau'^ selber konmien, die Regen- 
verheißerin, ja den Äsculap selbst, den Lehrer der Arzneien, der 
Leute, die demnächst sterben werden, mit Scordium, Tenatium (?) 
und Asclepiodotum bedient — wenn sie sich nicht als Dämonen 
bekennen werden, weil sie nicht wagen, einen Christen zu belügen, 
so vergießet vor dem Tribunal das Blut dieses unverschämtesten 
Christen! Was kann es Entscheidenderes geben als solch einen 
Versuch^ was Zuverlässigeres als diesen Beweis? Die Wahrheit 
in schlichter Klarheit steht vor den Schranken; nur ihre eigene 
Kraft steht ihr zur Seite; jeder Argwohn ist ausgeschlossen. 
Behauptet ihr, daß Zauberei oder sonst eine Betrügerei hier ob- 
walte? . . . Was kann man einwerfen gegen das, was in un- 
verhüllter Klarheit gezeigt wird? Wenn jene (Dämonen) doch 
wahrhaft Götter sind, warum lügen sie (wenn vrir sie beschwören), 
daß sie Dämonen seien? Um uns zu willfahren? Dann aber 
wäre bereits das, was bei euch „Gott" ist, den Christen imtertan 
und hörte damit auf, Gottheit zu sein, weil sie den Menschen 
untergeben ist ... . Also ist das keine Gottheit, woran ihr 
festhaltet, weil sie, wenn sie es wäre, weder von den Dämonen, 
wenn sie Rede stehen, erheuchelt noch von den Göttern abge- 
leugnet werden könnte .... Erkennt, daß es nur eine Gattung 
gibt, nämlich Dämonen; auch die „Götter" sind nichts anderes. 
Sucht also nach Göttern! Die, welche ihr dafür gehalten hattet, 
erkennt ihr nun als Dämonen!" 

Tertullian sagt im folgenden, daß die Dämonen, von Christen 
befragt, nicht nur sich selbst als Dämonen bekennen, sondern 
auch den Christengott als den wahren Gott. „Indem sie Christus 
in Gott fürchten und Gott in Christus, müssen sie sich den 
Dienern Gottes und Christi imterwerfen. Wenn wir sie berühren 
und anblasen, so werden sie durch die Betrachtung und Yer- 
gegenwärtigung des (zidcünftigen) Feuers in Bestürzung versetzt 



^) Tertullian hat hier wie an anderen Stellen des Apologeticus den 
Mond zu voll genommen. 



Digitized by 



Google 



1 22 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

und verlassen auf nnsern Befehl die Körper (der Kranken), mit 
Unwillen und Schmerz imd — wenn ihr zugegen seid — voll 
Scham. Glaubet ihnen, wenn sie über sich selber die Wahrheit 
sagen, die ihr ihnen glaubt, wenn sie lügen. Niemand lügt zu 
seiner eigenen Schande, sondern nur zu seiner Verherrlichung .... 
Derartige Zeugnisse eurer „Götter'' haben Übertritte 
zum Christentum zur gewöhnlichen Folge. ** 

Im 27. Kapitel des Apologeticus begegnet Tertullian dem 
naheliegenden Einwurf, wenn die Dämonen wirklich den Christen 
unterworfen wären, so wäre es unmöglich, daß die Christen hilf- 
los den Verfolgungen, die gegen sie gerichtet werden, unterliegen. 
Tertullian widerlegt diese Bemerkung, indem er sagt, sie seien 
Sklaven in der Christen Gewalt, aber wie nichtsnutzige Sklaven 
wenden sie sich von der Furcht zum Trotz und freuen sich, wenn 
sie diejenigen verletzen können,, welche sie furchten. „Von 
weitem bekämpfen sie uns, in der Nähe flehen sie. Wie revo- 
lutionierende gefangene Sklaven, wie Sträflinge und Bergwerks- 
arbeiter, bricht auch diese Art Strafgefangener Knechte wider 
ims, in deren Gewalt sie sich befinden, los, wohl wissend, daß sie 
uns nicht gewachsen sind und sich selbst nur inmier mehr ins 
Verderben stürzen. Wir aber lassen uns mit dieser wilden Bande, 
gleich als wären sie noch nicht besiegt, auf einen Kampf ein, 
wehren uns, in dem beharrend, was sie bekämpfen, und trium- 
phieren niemals glänzender über sie, als wenn wir für unseren 
hartnäckig festgehaltenen Glauben verdammt werden. ** 

Im dem 37. Kapitel faßt Tertullian noch einmal den Nutzen 
zusammen, den die Christen den Heiden durch ihre Exorzismen 
leisten: „Wenn wir nicht wären — wer würde euch jenen ver- 
borgenen, eure seelische und körperliche Gesundheit fort imd fort 
verwüstenden Feinden — ich meine den Anläufen der Dämonen 
— entreißen, welche wir euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung 
vertreiben?" Dasselbe behauptet er in der Schrift an den Statt- 
halter Scapula (c. 2): „Die Dämonen verachten wir nicht nur, 
sondern wir überwinden und überführen sie jeden Tag und treiben 
sie aus den Menschen aus, wie sehr vielen bekannt ist^.'^ 
Diese Gabe der Christen muß also wirklich in weiten Kreisen 
anerkannt gewesen sein, und Tertullian spricht an mehreren 
Stellen so, als ob jeder Christ sie besäße*. Interessant wäre es 



>) S. auch die interessanten Mitteilungen de anima 1. 

*) Vgl. z. B. de Corona 11; auch andere christliche Schriftsteller haben 
sich 80 ausgedrückt y vgl. die Petrusrede in den pseudoclem. Homil. (IX, 19): 
Durch die Taufe erhalten die Christen die Gabe, durch Exorzismen andere 
zu heilen, iviore Sk ol Salfwyes fiöyov iviSarttov vfi&v qjsvScvTcu' toaaiv yoQ xovs 
dnodedmxöras iavrovg t<^ ^€0, öio rifiwvtes avrovs nsipoßij/jiivoi ipsvyovatv. 



Digitized by VjOOQIC \ 



Der Kampf gegen die Dämonen. 123 

nur, zu wissen, wie lange diese Heilungen von psychisch Kranken 
gedauert haben. Leider ist darüber nichts bekannt, und doch 
ist auf diesem Gebiete nichts häufiger als ein nur augenblicklicher 
Erfolg. 

Wie Tertullian, so hat auch Minucius Felix in seinem 
^Octavius" dieses Thema abgehandelt, z. T. mit denselben Worten 
wie Tertullian (c. 27)^. Der Apologet Theophilus (ad Autolyc. 
II, 8) schreibt: ^Die griechischen Dichter reden, nicht von einem 
reinen, sondern von einem Irr-Geist inspiriert. Dies erweist sich 
deutlich daraus, daß auch Besessene manchmal und zwar bis heute 
im Namen des wahren Gottes exorzisiert werden, und daß dann 
die Irrgeister selbst bekennen, sie seien Dämonen und eben diese 
Dämonen, die firüher in jenen Dichtem wirksam gewesen." Hier- 
nach ist anzunehmen, daß die Besessenen bei den Exorzismen 
manchmal den Namen ^Apollo" oder den der Muse ausgestoßen 
haben. ** Auch Cyprian spricht noch, um d. J. 250, wie die Frü- 
heren, von den christlichen Dämonenheilungen (ad Demetr. 15): 
„O wenn du die Dämonen hören imd in jenen Momenten sehen 
wolltest, wenn sie von ims beschworen, mit geistlichen Geißeln 
gequält und durch folternde Worte aus den besessenen Leibern 
ausgetrieben werden, wenn sie, mit menschlicher Stimme (?) 
heulend und ächzend und durch göttliche Macht die Geißelhiebe 
und Schläge empfindend, das konmiende Gericht bekennen müssen. 
Komm und sieh, daß es wahr ist, was wir sagen. Und weil du 
sagst, daß du so sehr die Götter verehrst, so glaube doch 
wenigstens denen selbst, die du verehrst ... du wirst sehen, 
daß wir angefleht werden von denen, die du anflehst, gefürchtet 
werden von denen, die du anbetest. Sehen wirst du, wie die- 
jenigen unter unserer Hand gebimden stehen und als Gefangene 
zittern, zu denen du aufschaust und sie verehrst wie Despoten. 
Hier wirst du sicherlich in deinen Irrtümern zu schänden gemacht, 
wenn du siehst und hörst, wie deine Götter auf unsere Frage 
sogleich kundtun, was sie sind, und selbst in eurer Gegenwart 
jene ihre Blendwerke und Trügereien nicht verheimlichen können 2. ** 
Ähnlich heißt es in der Schrift „an den Donatus" (c. 5): „Im 

^) „Adiarati (daemones) per deum vermn et solum inviti miseris cor- 
poribus inhorrescant et vel enliunt statim vel evanescont gradatim, pront 
fides patientis adinvat aut gratia cnrantis adspirat. sie Christianos de 
proximo fngitant, qnos longe in coetibüs per vos lacessebant etc." 

•) Vgl. auch Quod idola dei non sint 7 und Cypr. ep. 69, 15: „Hodie 
etiam geritnr, at per exorcistas voce hmnana et potestate divina flagelletur 
et nrator et torqneatnr diabolos, et cmn ezire se et homines dei dunittere 
saepe dicat , in eo tarnen quod dizerit fallat .... cum tarnen ad aqaam 
salutarem adqne ad baptismi sanctificationem venitur, scire debemns et fidere 
[das klingt etwas kleinlaut], quia illic diabolus opprimitur." 



Digitized by 



Google 



124 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

Christentum wird die Gabe verliehen — wenn reine Keuschheit, 
reiner Sinn, lautre Rede waltet — zur Heilung der Kranken 
giftige Tränke unschädlich zu machen, Verrückte von ihrem 
schimpflichen Leiden durch Wiederherstellung der Gesundheit zu 
reinigen, Feindseligen Frieden, Gewalttätigen Ruhe, Wütenden 
Sanftmut anzubefehlen, unreine und umherschweifende Geister, 
die in die Menschen fahren, um von ihnen Besitz zu nehmen, 
durch Drohungen imd Scheltworte zum Bekenntnis zu zwingen, 
durch harte Rede zum Ausfahren zu nötigen, sie imter Sträuben, 
Heulen, Seufzen über die Vergrößerung ihrer Pein auf die Folter 
zu spannen, mit Geißeln zu peitschen und mit Feuer zu brennen. 
So geschiehts, auch wenn man es nicht sieht; die Schläge sind 
verborgen, oflFenbar ist die Strafpein. So gewinnt das, was wir 
schon angefangen haben, (bereits) seine Herrschaft . . . Der 
Christ herrscht bereits mit königlichem Recht über das ganze 
Heer des wütenden Gegners^." 

Am interessantesten aber sind die Auseinandersetzungen 
zwischen Celsus und Origenes über die Dämonen und Besessenen; 
denn hier streiten zwei Männer mit einander, welche auf der 
Höhe der Bildung der Zeit stehen^. Celsus behauptet, die Christen 
verdankten die Kraft, die sie zu haben scheinen, der Anrufung 
imd Beschwörung gewisser Dämonen*. Origenes erwidert, es sei 
lediglich der Name Jesu und das Zeugnis von seiner Geschichte, 
welche die Kraft haben, die Dämonen zu verscheuchen, ja so 
kräftig sei der Jesusname, daß er selbst wirke, wenn ihn unsittliche 
Menschen aussprächen^. Beide, Celsus und Origenes, glaubten 
also an Dämonen, und die alte Vorstellung von der Kraft der 
Aussprechung gewisser ^Namen'* wird von Origenes auch sonst 
(z. B. I, 24 f.) ausgeführt , ja er deutet eine geheime ^Namen- 

^) Hierzu ist Lactantius, Divin. Inst. II, 15, lY, 27 zu vergleichen, der 
z. T. die Schilderung Cyprians wiederholt, aber das Kreuzeszeichen als Heil- 
mittel gegen die Dämonen besonders hervorhebt. 

•) Origenes hat (Hom. XV, 5 in Jesu Nav. 1. 11 p. 141 f.) noch eine ganz 
besondere Theorie über die Dämonenbezwingung durch die Kirche entwickelt, 
und zwar in ihrer Bedeutung f&r die Ausbreitung des Christentums. „Wenn 
ein Mensch einen Dämon bei sich besiegt, z. B. den Dämon der Unzucht, so 
wird dieser Dämon unwirksam, d. h. er wird in den Abgrund geworfen und 
vermag nun keinem mehr zu schaden. So gibt es jetzt schon viel 
weniger Dämonen als früher; et inde est quod plurimo daemonum 
numero iam victo ad credulitatem gentes venire relaxantur, qui 
utique nullatenus sinerentur, si integrae eorum, sicut prius 
fuerant, subsisterent legiones.^ 

») Celsus sagt (I, 4flP.), die ethische Grundlehre der Christen ist ihnen 
mit den Philosophen gemeinsam, worin aber die Christen ihre Stärke zu 
haben scheinen, das seien die Namen etlicher Dämonen und Bezauberungen. 

*) Orig. c. Cels. I, 6. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen die Dämoneo. 125 

Wissenschaft'' an^, die den Eingeweihten Kräfte verleihe, bei der 
man aber wohl zusehen müsse, daß man sie in der richtigen 
Sprache rezitiere. „Die einen sind besonders kräftig, wenn sie 
ägyptisch gesprochen werden., bei gewissen Geistern, deren Macht 
nur auf diese Dinge und Gebiete sich erstreckt; die anderen 
aber, wenn sie in der Sprache der Perser ausgesprochen werden, 
bei anderen Geistern, und so weiter." „Zu dieser Namenwissen- 
schaft gehört auch der Jesusname, welcher bereits unzählige 
Geister aus den Seelen und Leibern ausgetrieben hat und kräftig 
gewesen ist in bezug auf die, aus denen sie ausgetrieben wurden^." 
Auf die Tatsache des gelungenen Exorzismus beruft sich Origenes 
noch mehrmals (I, 46. 67). Celsus leugnet sie nicht, leugnet auch 
die „Wunder" Jesu nicht, aber deutet sie ganz anders: „Die 
Goeten versprechen noch viel wunderbarere Dinge, und die in 
der Schule der Agyptier ausgebildet worden sind, führen das 
gleiche aus, wie Leute, welche für wenige Obolen auf den Märkten 
ihre Wunderweisheit losschlagen, Dämonen aus Besessenen aus- 
treiben, Krankheiten wegblasen, die Geister der Heroen zitieren, 
köstliche Speisen, Tische, Backwerk und Delikatessen vorführen, 
ohne daß sie wirklich vorhanden sind, und, wie wenn es lebendige 
Wesen wären, leblose Dinge in Bewegung setzen, ihnen einen täu- 
schenden Schein verleihend. Wenn einer solche Dinge vollbringen 
kann, müssen wir ihn deshalb für ,Gottes Sohn' halten? Müssen 
wir nicht vielmehr sagen, daß diese Dinge nur Veranstaltungen 
schlechter, schlimmen Dämonen ergebener Menschen sind?" Die 
Christen Taschenspieler oder Zauberer oder beides — das ist die 
eigentliche Meinung des Celsus*. Origenes gibt sich viele Mühe, 
diesen schwersten Vorwurf zu widerlegen*. Es gelingt ihm auch. 
Er kann auf die gewisse Tatsache verweisen, daß Christus all 
sein Wirken unter den Zweck, die Menschen zu bessern, gestellt 
hat^. Tun das die Zauberer? Aber eine ernste Mahnung an die 



*) IleQi dvofidxwv tä h djroQQi^Totg (piXoao(pe7v. 

*) Vgl. dazu die Aussage des Schülers des Origenes, des Bischofs Diony- 
ains von Alexandrien (bei Eoseb., h. e. VII, 10, 4), über die Ursache des Aus- 
bruchs der valerianischen Verfolgung. Hier haben heidnische und christliche 
Beschwörer sich gegenüber gestanden. Von diesen sagt Dionysius : „£s gibt 
und gab unter ihnen viele, die durch ihre bloße Gegenwart und ihren Blick, 
sowie schon durch Anblasen und durch ein Wort die Blendwerke der bösen 
Geister zu zerstören vermögen." Auch sonst sind lokale Christenverfolgungen, 
ja sogar die große Diocletianische, so entstanden, daß die heidnischen Priester 
erklärten, die anwesenden Christen verhinderten durch ihre Gegenwart die 
heilbringenden Opfer usw. 

*) Ober die gnostischen Dämonenbeschwörer hat er sich (VI, 39 f.) noch 
besonders ausgesprochen. 

*) S. z. B. 1, 68. — ») S. z. B. III, 28 und I, 68. 



Digitized by 



Google 



126 ^^® Missionspredigt in Wort und Tat. 

Kirche und an die Christen lag doch in diesem Vorwurf des 
Celsus, den er nicht allein erhoben hat. Schon um die Mitte des 

2. Jahrhunderts hatte ein christlicher Geistlicher gepredigt: ;,Der 
Name des wahren Gottes wird durch uns Christen unter den 
Heiden verlästert; denn wenn wir die Gebote Gottes nicht erfüllen, 
sondern ein unwürdiges Leben föhren, so wenden sich die Heiden 
ab und lästern und sagen, unsere Lehre sei nur ein neuer Mythus 
und Lrtum^.'* Seit der Mitte des 2. Jahrhunderts wurde den 
Christen nicht selten zugerufen, sie seien Taschenspieler oder 
Schwarzkünstler, und gewiß nicht wenige unter ihnen trugen die 
Schuld an solchem Vorwurf*. Die „Besessenenheilungen", von 
ungeistlichen Menschen als Metier betrieben, mußten bei aller 
Anziehungskraft, die sie besaßen (Tertull., Apol. 23: „Christianos 
facere consuerunt**), auf Besonnenere doch auch abstoßend wirken. 
Dazu kam, daß leichtfertige oder ungebildete Christen ihre Sünden 
nicht selten damit entschuldigt haben müssen, sie seien von einem 
Dämon verführt worden oder — nicht sie hätten das Böse getan, 
sondern der Dämon*. Wirkliche Aufklärung vermochte im 

3. Jahrhundert kaum Einer zu bringen. Christen und Heiden 
verstrickten sich immer mehr in den Dämonenglauben, und während 
sie in der Dogmatik und Religionsphilosophie den Polytheismus 
immer mehr verdünnten und einen sublimen Monotheismus aus- 
arbeiteten, versanken sie im Leben immer hilfloser in die Ab- 
gründe der erträumten Geisterwelt. Vergeblich protestierten ein- 
sichtige Arzte*. 

*) II Clem. ad Cor. 13,3: juv^öv uva xai jiXdrtjv. 

*) Daß die christlichen Exorzisten gewöhnlich angebildete Leute waren, 
gibt Origenes selbst zu, betont aber wiederholt und ausdrücklich, daß keine 
Zauberei und Schwarzkunst angewendet werde, sondern einzig das Gebet 
„und so einfache Beschwörungsformeln, daß sie auch der einfEichste Mensch 
anwenden kann** (c. Gel. VII, 4 : ovv ovdevl negUgfc^^ xcu fmyix^ § tpctQ^iaxsv- 
r(x4> JtQdyfiau, dXXä fi6yjj ^xfl ^^' 6gx(ooeoiv djikovoTegcug xod Soa &¥ dvvüuxo 
ngoadysiv ojiXovaxeQog äv&Qconog, vgl. Comm. in Matth. XIII, 7, t. 3 p. 224). 

•) S. Orig., de princip. III, 2, 1 : ,ünde et simpliciores quique domino 
Christo credentium existimant, quod omnia peccata, quaecunque commiserint 
homines, ex istis contrarüs virkutibus [seil, den Dämonen] mentem delinquen- 
tium perurgentibus fiant.* 

*) So jener berühmte Arzt Posidonius am Ende des 4. Jahrhunderts, von 
dem Philostorgius (h. e. VIII, 10) erzählt: Uyeir avxdv — SfAtog ovh 6q^€^, 
fügt Philostorgius hinzu — ovxi dcufuhoyy hii^iost xovg dv^Qiojtovg ixßaxxsv- 
ea^atf vyg&v de tivcov xaxoxvfilav to n&^og koyd^eo^i • firi ydq elvat t6 nagdstav 
loxvv 6aifi6v€ov dv^gtojicav qwotv imjQediovaav. 



Digitized by 



Google 



Daa Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 



127 



Viertes Kapitel. 
Das Evangelium der Liebe und Hilfieistung ^ 

„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset: ich 
bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket: ich bin ein 
Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin nackend 
gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, 
und ihr habt mich besuchet; ich bin gefangen gewesen, und ihr 
seid zu mir gekommen. Denn was ihr getan habt einem unter 
diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.^ 

Diese Worte Jesu haben in seiner Gemeinde mehrere Gene- 
rationen hindurch so hell geleuchtet und so kräftig gewirkt, daß 
man die christliche Missionspredigt auch als Predigt der Liebe 
und Hilfleistung bezeichnen kann. Ja von hier aus erscheint 
die Verkündigung vom Heiland und von der Heilung nur als 
ein Ausschnitt, wie denn auch die Worte: „Ich bin krank ge- 
gewesen, und ihr habt mich besuchet'', ein Glied in jener Kette 
von Sprüchen sind. 

Unter den überlieferten Worten und Gleichnissen Jesu sind 
die, welche zur Liebe und Hilfleistung ermahnen, besonders 
zahlreich, und auch manche Erzählungen von ihm gehören hier- 
her*. Aber jene Worte mögen noch zahlreicher oder spärlicher 
sein — daß die Ermahnung zur Brüderlichkeit und zur dienen- 
den Liebe der Kern seiner Predigt gewesen ist, so oft sie das 
Verhältnis von Mensch zu Mensch ins Auge faßt, steht fest, und 
daß er selbst diese Brüderlichkeit und dienende Liebe in sich 
und seinem Wirken dargestellt hat, war das Sicherste in dem 
Eindruck, den er hinterlassen hat. „Einer ist euer Meister; ihr 
alle aber seid Brüder". „Welcher unter euch will der Vornehmste 
werden, der soll aller Knecht sein; denn auch der Menschensohn 

>) Eine gründliche, aber gegen das „Heidentum" ungerechte Darstellung 
bat ühlhorn geliefert: „Die christl. Liebestätigkeit in der alten Kirche ** 
1. Aufl., 1882. Auch Griechen und ROmer kannten die Philanthropie. 

*) Man erinnere sich vor allem des Gleichnisses vom barmherzigen 
Samariter nnd des neuen Begriffs vom „Nächsten", welches es bringt, sowie 
des Gleichnisses vom verlorenen Sohn; unter den „Geschichten" der vom 
reichen Jflngling. Das Hebräer -Evangeliam hat die letztere besonders ein- 
dmcksvoU erzählt: „und es sprach der Herr zu ihm: Wie kannst du sagen: 
Ich habe das Gesetz nnd die Propheten gehalten, da doch im Gesetz ge- 
schrieben steht: „Du sollst lieben deinen Nächsten als dich selbst?" und 
siehe, viele deiner Brfider, Söhne Abrahams, liegen im Schmutze und sterben 
vor Hunger, und dein Haus ist voll von vielen Gfitem, und niemals kommt 
etwas aus ihm heraus zu jenen.** 



Digitized by 



Google 



1 28 ^io Missionspredigt in Wort und Tat. 

ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er 
diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele." So sollte 
das Gebot der Nächstenliebe verstanden werden. Wie schranken- 
los es gilt, zeigt der Spruch: „Liebet eure Feinde, segnet die 
euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so 
euch beleidigen und verfolgen^; auf daß ihr Kinder seid eures 
Vaters im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die 
Bösen und über die Guten, und läßt regnen über Gerechte und 
Ungerechte''. „Selig sind die Barmherzigen**, ist der Grundton 
der Verkündigung Jesu, und weil diese Barmherzigkeit vo^l 
Größten bis zum Kleinsten, vom Innersten bis zum Äußerlichsten 
reichen soll, so steht neben dem alles beherrschenden Spruch: 
„Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsem Schuldigem**, 
der andere, in welchem des Bechers kalten Wassers nicht ver- 
gessen ist^. Brüderlichkeit ist Liebe auf dem Fuße der Gleich- 
heit; dienende Liebe ist Vergeben und Geben; keine Schranke 
soll ihr mehr gezogen sein. Dienende Liebe ist aber auch 
die Betätigung der Liebe zu Gott. 

Indem Jesus selbst diese Liebe darstellte und Kraft und 
Leben werden ließ, lernten seine Jünger das Größte und Seligste, 
was in der Religion gelernt werden kann, nämlich an die Liebe 
Gottes glauben. Zum „Vater der Barmherzigkeit und Gott alles 
Trostes" wurde ihnen das Wesen, das Himmel und Erde ge- 
schaffen hat — kein Schwanken gibt es darüber mehr in den 
apostolischen und altchristlichen Zeugnissen — , imd nun erst trat 
in der Menscheit das Zeugnis hervor, dem nichts mehr über- 
geordnet werden kann: Gott ist die Liebe. Die erste große, 
einheitliche Zusammenfassung der neuen Religion, die, welche 
der vierte Evangelist gegeben hat, ist ganz und ausschließlich 
auf die Liebe gestellt — „Lasset uns ihn lieben; denn er hat 
uns zuerst geliebt"; „Also hat Gott die Welt geliebt"; „Ein neu 
Gebot gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebt" — und 
das Größte, Gewaltigste und Tiefste, was der Apostel Paulus 
geschrieben hat, ist der Hymnus, der mit den Worten beginnt: 
„Wenn ich mit Menschen- imd Engelzungen redete imd hätte 
der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende 
Schelle". Die neue Sprache, die den Christen auf die Lippen 
gelegt wurde, war die Sprache der Liebe. 

Es war nicht nur eine Sprache; es war Kraft und Tat; sie 
betrachteten sich wirklich als Brüder und Schwestern und han- 
delten danach. Wir haben dafür zwei vollgültige Zeugnisse aus 

*) Auch der Spruch: „Fastet für eure Verfolger", ist überliefert; s. Doctr. 
apost. 1. 

*) Matth. 10, 42. 



Digitized by 



Google 



Das Evangeliiun der Liebe und Hilfleistang. 129 

heidnischem Munde. Daß sie dem Ende des 2. Jahrhmiderts an- 
gehören, macht sich um so wertvoller. Lucian sagt von den / 
Christen: ^Ihr erster Gesetzgeber hat ihnen die Überzeugung bei- 1/ 
gebracht, daß sie alle untereinander Brüder seien; sie entwickeln 
eine unglaubliche Rührigkeit, sobald sich etwas ereignet, was 
ihre gemeinschaftlichen Interessen berührt; nichts ist ihnen als- 
dann zu teuer" ^, und Tertullian bemerkt 2. • ^Die Sorge für die 
Hilflosen, die wir üben, unsere Liebestätigkeit, ist bei unseren 
Gegnern zu einem Merkmal für uns geworden: ,Siehe nur', sagen 
sie, ,wie sie sich untereinander lieben' — sie selber hassen sich 
nämlich untereinander — , und wie einer für den andern zu 
sterben bereit ist'; sie selber wären eher bereit, sich gegenseitig 
umzubringen^." Das Wort: „Dabei wird jedermann erkennen, 
daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe imtereinander habt", ist 
also die Konstatierung einer Tatsache. 

Das Evangelium wurde so zu einer sozialen Botschaft. Die 
Predigt, welche das innerste Wesen des Menschen ergriff, ihn aus 
der Welt herauszog und ihn mit seinem Gott zusammenschloß, 
war auch die Predigt von der Solidarität und Brüderlichkeit. 
Das Evangelium, hat man mit Recht gesagt, ist im Tiefsten indi- 
vidualistisch und im Tiefsten sozialistisch zugleich. Seine Tendenz 
auf Assoziation ist nicht eine zufällige Erscheinung in seiner Ge- 
schichte, sondern ein wesentliches Element seiner Eigenart. Es 
vergeistigt den unüberwindlichen Trieb, der den Menschen zum 
Menschen zieht, und erhebt die gesellschaftliche Verbindung der 
Menschen über die Konvention hinaus in den Bereich des sittlich 
Notwendigen. Es steigert damit den Wert des Menschen und 
schickt sich an, diese gegenwärtige Gesellschaft umzubilden, den 
Sozialismus, der da ruht auf der Voraussetzung widerstreitender 
Interessen, umzuwandeln in den Sozialismus, der sich gründet auf 
dem Bewußtsein einer geistigen Einheit und eines gemeinsamen 
Ziels. Dem großen Heidenapostel hat das klar vor der Seele 
gestanden: in seinen kleinen Gemeinden, in denen jeder die Last 
des anderen trug, sah er im Geiste bereits eine neue Menschheit, 
und in dem Epheserbrief hat er dem einen jubelnd freudigen Aus- 
druck gegeben. Im wesenlosen Scheine hinter diesen Gemeinden 
— wenn sie waren, was sie sein sollten — lagen die Gegensätze 
von Juden und Heiden, Barbaren und Griechen, Vornehm und 
Gering, Reich und Arm. Eine neue Menschheit war vorhanden. 
Der Apostel schaute sie als den Leib Christi an, in welchem jedes 



*) Lucian, Peregrin. 10. — *) Apolog. 39. 

*) Dazu C&cilins bei Min. Felix 9: ,An geheimen Merkmalen und Zeichen 
kennen sie sich und lieben sich fast vorher, ehe sie sich kennen." 
Harnack, Mission. 9. Aufl. 9 



Digitized by 



Google 



130 I^ö Missionepredigt in Wort und Tat. 

Glied dem anderen dient und jedes an seiner Stelle notwendig ist. 
In Stunden hoher Begeisterung nahm er im Blick auf diese Ge- 
meinden, trotz ihrer Kümmerlichkeiten und Schwächen, die Ent- 
wickelung von Jahrtausenden vorweg^. 

Es kann nicht unsere Aufgabe sein — denn es würde zu 
weit führen — , alle die Stellen aus den Schriften der drei ersten 
Jahrhunderte zu sammeln, wo zur Liebe und Hilf leistung ermahnt 
wird. Allerdings würde uns bei solcher Sammlung manches Wert- 
volle begegnen; wir würden sehen, daß die Aufforderung zu 
schrankenlosem Geben, wie wir sie in Sprüchen Jesu finden, 
wiederholt worden ist; wir würden ims andererseits wundem, daß 
die Stellen, die das Liebesgebot einschärfen, nicht noch zahlreicher 
sind, und daß sie hinter den Mahnungen zur Askese so oft zurück- 
treten, und wir würden an manchen Fassungen Anstoß nehmen, 
in denen die Begehrlichkeit nach „Lohn" für -die Übung der 
Barmherzigkeit recht ungeschminkt hervortritt*. Allein die Lohn- 
sucht ist hier nicht unter allen Umständen unsittlich, imd die 
größere oder geringere Anzahl von Ermahnungen ist nicht ent- 
scheidend. Entscheidend ist, festzustellen, was wirklich auf dem 
Gebiete der Liebestätigkeit und Hilfleistung geschehen ist, und 

>) Die Warnung vor ünbarmherzigkeit und der Tadel der Unbarm- 
herzigen innerhalb der Gemeinde haben freilich frühe beginnen mflssen; man 
vergleiche den Jacobusbrief (c. 4 u. 5) und mehrere Abschnitte im Hirten des 
Hermas. 

*) Belege f£Lr alle diese Punkte findet man in der ganzen Literatur von 
der , Apostellehre" und dem Hirten des Hermas ab. Schrankenloses Geben; 
Doctrin. apost. 1,5 f.: navxl r^ alto0vzi ae diSov xai fiij SutcUrBf jtäai yäg &iXBi 
Sidoa&cu 6 TtatriQ ix rcäy ISicov ;|^a^c0j(iaTO)v. fioxdQUK 6 Stdovs xarä trjv hrioXi^; 
d^og ydg ioriv ovod t^ lafißdrortr el fjuv yoQ xqbUiv ^xcov Xa/ißarei ttg, d^^og 
iotai' 6 dk fjiri XQ^^^ h^*^ dcoasi dixtjv, tva tl iXaße xai slg ti' iv owox^ de 
yevöfievog i^erao&i^oeTcu jibqI d>v ijtQo^e, xou ovx e^eXevaercu ixet^ev /^XQ^ ^ 
dnod(fi xov iaxaxov xodgavtipf. Die oft wiederholte Aufforderung zum schranken- 
losen Geben steht mit dem Besitzproblem der alten Kirche und daher auch 
mit dem asketischen Problem in inniger Verbindung. Besitz oder gar Reich- 
tum soll überhaupt nicht sein, sagte die Theorie von Anfang an; denn er 
gehört zu der Welt, der man entsagen soll. Die Hingabe von Mitteln für 
andere trat damit unter einen ganz neuen Gesichtspunkt: daß man den 
Besitz los wurde, war an sich das Vorgeschriebene und Verdienstliche, gleich- 
gültig war zunächst, wem man ihn gab. Aber in der Praxis stellte sich die 
Sache anders dar, und zu ihr leitete die Theorie selbst inmier wieder an, 
weil sie das Prinzip der Freiwilligkeit nicht aufgegeben hat 
(auch in Jerusalem war der Versuch eines Kommunismus, wenn er überhaupt 
stattgefunden hat, dem Boden der Freiwilligkeit nicht entrückt). Durch das 
Prinzip der Freiwilligkeit wurde das der Liebe mit in Kraft erhalten. In 
der Praxis übten nur einige wenige den vollkommenen Verzicht ; sie galten 
als Heroen und Heilige. Die anderen befanden sich genau in derselben Lage, 
Stimmung und Sorge, in der sich noch heute ernste, opferwillige katholische 
Christen befinden; sie wurden vom asketischen und von dem Liebes -Motiv 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistang. 131 

daYon eine Übersicht zu geben, wollen wir versuchen. Drei 
Stellen seien, um die Gesamtwirkungen zu charakterisieren, vor- 
angestellt. 

In dem offiziellen Schreiben, welches die romische Gemeinde 
um das Jahr 96 an die corinthische gerichtet hat, wird der treff- 
liche Zustand geschildert, in welchem sich diese Gemeinde bis 
vor kurzem befunden hat (I Clem. 1. 2). Die Schilderung bringt 
uns also das Idealbild einer christlichen Gemeinde, wie sie sein 
soll und wie es annähernd in Corinth verwirklicht war: „Wer 
wäre bei euch eingekehrt und hätte nicht euem tugendreichen 
und festen Glauben erprobt? wer eure besonnene und tüchtige 
christliche Frömmigkeit nicht bewundert? wer die glänzenden 
Erweise euerer Gastfreundschaft nicht gerühmt und euer voll- 
endetes und sicheres Erkennen nicht hochgepriesen? Tatet ihr 
doch alles, ohne personliche Rücksichten walten zu lassen; 
ihr wandeltet in Gottes Satzungen, eueren Vorgesetzten untergeben 
und eueren Ältesten die geziehmende Ehre erweisend. Die Jugend 
hieltet ihr an, ihren Sinn auf Bescheidenes und Würdiges zu 
richten. Die Frauen ermahntet ihr, alles mit tadellosem, würde- 



zngleich bestimmt. Diese Lage braucht daher nicht näher beschrieben zu 
werden. Der strengste Standpunkt kommt bei Hermas, Sim. I zum Ausdruck 
(8. 0. 8. 84). 

Über den altchristlichen ,, Kommunismus' hat man viel g^eschrieben. 
Auf dem Boden der großen Heidenkirche hat er nie existiert; denn eine 
solche partikulare Erscheinung wie die der halbheidnischen carpocratianischen 
Sekte mit ihrem Kommunismus kommt nicht in Betracht. Der mönchische 
Kommunismus wird aber nur ex abusu so genannt, gehört übrigens nicht 
mehr hierher. Auch auf judenchristlichem Boden hat es keinen Kommunis- 
mus gegeben — das Beispiel der Essener blieb also wirkungslos. Richtig 
Uhlhorn (a. a. 0. S. 68): „Man kann sich die sog. Gütergemeinschaft nicht 
falscher vorstellen, als wenn man sich darunter eine Institution denkt, ähn- 
lich der bei den Essenern und Therapeuten vorkommenden. Viel besser stellt 
man sich den Zustand als die Abwesenheit jeder Institution vor.** Kommu- 
nistisch klingende Anweisungen sind nicht ganz selten (s. z. B. Bamab. ep. 
19,8, Tertull., A pol. 89), aber sie sind doch nicht so zu verstehen. Die 
häufige Formel ^ovx igsTg t9ia elvcu*^ gebietet nur die Freigebigkeit und ver- 
bietet, das Vermögen nur zum eigenen Vorteil zu gebrauchen. 

Es ist oben gesagt worden, daß das Prinzip der Freiwilligkeit (in bezug 
auf das Geben überhaupt und die Höhe der Gaben) nicht aufgegeben worden 
ist. Dieser Satz erleidet indes eine Einschränkung. Zwar das Abendland 
kennt in unserer Periode, so viel ich sehe, das Gebot der Erstlinge und 
Zehnten noch nicht (Cyprian, de unit. 26, ist nicht so zu verstehen, als gelte 
das Zehntengebot) ; aber in einigen Gegenden des Ostens ist die Übertragung 
des Erstlingsgebots uralt, s. die Apostellehre c. 13. Aus der Apostellehre ist 
es als apostolische Anordnung in alle orientalischen apostolischen Konstitu- 
tionen gekommen. Doch scheint es Origenes noch nicht als ein kirchliches 
Gebot anzusehen; er selbst aber hält es für gültig (in Num. hom. XI, 1; in 
Jos. Nav. hom. XVII). 

9* 



Digitized by 



Google 



1 32 I^e Misaionspredigt in Wort und Tat 

vollem und reinem Gewissen zu tun und ihren Männern mit schul- 
diger Liebe entgegenzukommen. Ihr lehrtet sie, in den Schranken 
des Gehorsams das Hauswesen würdig zu besorgen und allerwegs 
züchtig zu sein. Femer wart ihr insgesamt demütig, in keinem 
Stück hoffartig, lieber gehorsam als befehlend, lieber gebend 
als nehmend. Zufrieden mit den von Christus verliehenen 
Gütern und an ihnen festhaltend, bewahrtet ihr seine Worte zu 
tiefst im Innern, imd seine Leiden schwebten euch vor Augen. 
Allen war so tiefer und reiner Frieden geschenkt und ein un- 
stillbares Verlangen nach Übung der Wohltätigkeit. 
.... Tag und Nacht läget ihr im Wettstreit für das 
Beste der gesamten Bruderschaft, damit durch Barm- 
herzigkeit und Sorge die Zahl der Auserwählten Gottes ge- 
rettet werde. Ihr wäret schlicht und arglos und trüget einander 
nichts nach. Jedes Zerwürfnis und jede Spaltung war euch ein 
Greuel. Ihr beklagtet die Fehltritte des Nächsten und 
beurteiltet seine Versehen gleich euren eigenen. Keine 
Wohltat reute euch, und zu jeder guten Tat wart ihr 
bereit." 

Justin in seiner Apologie, dort wo er den christlichen Gottes- 
dienst darstellt, schreibt am Schlüsse der Schilderung (c. 67): 
„Die Wohlhabenden und Willigen geben, ein jeder nach eigenem 
Ermessen, soviel er will, und das Gesammelte wird bei dem Vor- 
steher niedergelegt, und er unterstützt die Witwen und Waisen 
und die Bediirftigen, sei es die Kranken, sei es die sonst Mangel 
Leidenden, und die Gefangenen und die zugereisten Fremden." 

Tertullian endlich (Apolog. 39) schreibt: „Wenn bei uns auch 
eine Art von Kasse vorhanden ist, so wird sie nicht etwa durch 
ein Aufhahmehonorar, was eine Art von Verkauf der Religion wäre, 
gebildet, sondern jeder einzelne steuert eine mäßige Gabe bei 
an einem bestimmten Tage des Monats oder wann er will, wofern 
er will und kann; denn niemand wird dazu genötigt, sondern 
jeder gibt freiwillig seinen Beitrag. Das sind gleichsam die 
Sparpfennige der Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für 
Schmausereien und Trinkgelage oder nutzlose Freßwirtschaft aus- 
gegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von Armen, von 
elterlosen Ejiaben und Mädchen ohne Vermögen, auch für Greise, 
die nicht mehr aus dem Hause können, ebenso für Schiflfbrüchige, 
und wenn sich etwa Leute in den Bergwerken, auf den Inseln 
oder in Gefangenschaft befinden, wofern nur die Zugehörigkeit 
zur Genossenschaft; Gottes die Ursache davon ist — diese werden 
Versorgungsberechtigte ihres Bekenntnisses.*' 

Im folgenden werden wir, soweit es unsere Aufgabe nötig 
macht, handeln: 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe nnd Hilfleistung. 133 

(t) Yon dem Almosen überhaupt und seiner Verbindung mit 
dem Kultus und den kirchlichen Beamten. 

(2) Yon der Unterstützung der Lehrer und Beamten. 

(3) Von der Unterstützung der Witwen und Waisen. 

(4) Von der Unterstützung der Kranken, Schwachen und 
Arbeitsunföhigen. 

(5) Von der Sorge für die Gefangenen imd in den Bergwerken 
Schmachtenden. 

(6) Von der Sorge für die zu begrabenden Armen und die 
Verstorbenen überhaupt. 

(7) Von der Sorge für die Sklaven. 

(8) Von der Sorge bei großen Kalamitäten. 

(9) Von dem Arbeitsnachweis und dem Recht auf Arbeit in 
den Oemeinden. 

(10) Von der Sorge für die zugereisten Brüder (Gastfreund- 
schaft) und für arme oder geßlhrdete Gemeinden. 

(1) Das Almosen überhaupt und seine Verbindung 
mit dem Kultus. 

Zur Freigebigkeit ist fort und fort ermahnt worden, und zwar 
soll das Haus die Stätte dieser Tugend und das tägliche Leben 
ihre Bewährung sein. Von den apostolischen Mahnungen bis zur 
großen Schrift Cyprians „de opere et eleemosynis** läuft eine lange 
Kette von Einschärfungen. Die Bedeutung des Almosens für die 
religiöse Haltung des Spendenden und die Aussicht auf Lohn im 
Jenseits ist dabei immer mehr gesteigert worden. Schon im 
Hirten des Hermas liest man darüber viel, und im 2. Clemens- 
briefe heißt es: xaXdv iXetjfwovn] (bg /xexdvoia ä/iagrlag, xgetaacDv 
vriöxeia ngooevxtjg, iXetj/iioavvi] dk ä/Luporigcov. Zu einem formlichen 
Giiadenmittel , dem einzigen, welches der Christ nach der Taufe 
noch besitzt, hat Cyprian das Almosen entwickelt^, ja noch mehr 
— er hat das Almosen als ein Schauspiel hingestellt, welches 
der Christ Gott darbietet*. 



') De op. et eleem. 1: .nam com dominus adveniens sanasset illa qnae 
Adam portaverat volnera et venena serpentis antiqui corasset, legem dedit 
sano et praecepit, ne ultra iam peccaret, ne quid pecoanti gravius eveniret 
coartati eramos et in angnstum innocentiae praescriptione conclusL nee 
haberet quid fragilitatis hnmanae infirmitas atqne imbecillitas fshceret, nisi 
iterum pietas divina snbveniens iustitiae et misericordiae operibos ostensis 
viam qoandam tuendae salutis aperiret, ut sordes postmodum, quascomque 
contrahimuB, eleemosynis ablnamns.'* 

*) L. c. 21: n Quäle munus, cuius editio deo spectante celebratur! si in 
gentilium munere grande et gloriosum videtur proconsules vel imperatores 
habere praesentes et apparatus ac sumptus apud munerarios maior est, ut 
possint plac^re maioribus — quanto inlustrior muneris et maior est gloria 
demn et Christum spectatores habere, quanto istic et s^paratus.uberior et 



Digitized by 



Google 



134 I^e Missionspredigt in Wort und Tat 

Diese Seite der Sache zu verfolgen und zu untersuchen, in 
welchem Orade dadurch das Almosen, das aus der Menschenliebe 
fließen soll, gelitten hat, kann hier nicht unsere Aufgabe sein. 
Qewiß ist, daß viel, sehr viel privatim in den christlichen Ge- 
meinden gegeben worden ist^. Den Heiden war das, wie *vrir 
bereits gehört haben, nicht unbekannt^. 

Allein die alte Christenheit hat sich mit diesem privaten 
Almosenspenden nicht begnügt', sondern sie hat, wie es scheint 
von Anfang an, eine Gemeindekasse (TertuU.: „arca'') gebildet 
und die Liebestätigkeit auf das engste mit dem Kultus und den 

Bomptos largior exhibendas est, ubi ad spectaculom conveniont caelormn 
virtatesy conveniont angeli omnes, ubi munerario non quadriga vel consulatus 
petitur, sed vita aetema praestatur, nee captatur inanis et temporarius favor 
vulgi, sed perpetuum praemium regni caelestis accipitur/ 

^) Der Heide bei Macarius Magnes (III, 5) behauptet, dafi manche 
Christinnen durch Verschenken ihres Eigentums zu Bettlerinnen geworden 
sind: „In der Tat haben die Christen noch gestern, nicht etwa vor alters 
angesehenen Frauen Matth. 19, 21 vorgelesen und haben sie dadurch über- 
redet, all ihren Besitz und ihre Habe unter die Armen zu verteilen, selbst 
sich in Bedürftigkeit zu begeben, sich milde Gaben zu sammeln und so von 
einer unabhängigen Stellung zu unschicklicher Bettelei herabzusinken, indem 
sie statt des alten Wohlstandes eine Janunergestalt annahmen und schließ- 
lich gezwungen waren, an den Türen derer anzuklopfen, die etwas besaßen." 

*) Bei Clemens Alex, ist das Motiv der Menschenliebe hier stets das 
Übergeordnete; s. das 8. Buch des Pädagogen und besonders das schöne Wort 
III, 7, 89 : xa^djteQ x&v q>Q9dxtov Soa ni<pvxev ß^veiv iutatrtXovfitva eis t6 dgx^^ 
avaaiSvsi (ihgo^f ovjofg ^ /lexddoatg, dya^ q>iXar&Q<03ilajs vndiQxovoa Jnjy^, xoi- 
vwvoifaa xols Siyf&ai ytorov ai;f eroi :idXip xal nifutkatcu. Klagen, daß die Wohl- 
tätigkeit abnehme, bei Cyprian, de unit. 26: „Largitas operationis infracta 
est ... . nunc de patrimonio nee decimas damus, et cum vendere iubeat domi- 
nus, emimus potius et augemus." 

*) Besonders häufig ist empfohlen worden, sich Almosen abzusparen 
durch Fasten. So konnte auch der Arme es aufbringen. S. Hermas, SimiL V; 
Aristides, Apol. 15: n^nd wenn bei ihnen jemand ist, der bedürftig oder arm 
ist, und sie nicht überflüssige Mittel haben, so fasten sie zwei oder drei 
Tage, damit sie den Armen erfQllen den Bedarf ihrer Nahrung" ; Mart Lucii 
et Montaui 21: „nam ut omittam carceris abstinentiam singularem ut acci- 
pientibus ceteris vel modicum cibum qui de sordibus penuriae fiscalis ex- 
hibebatur, solus se ab ipso modico continuit tanti habens ieiunüs multis et 
legitimis fatigari, dummodo alios victu proprio saginaret" ; auch Ap. Constit. 
V, 1 etc. (diese Praxis kommt auch in Torchristlicher Zeit vor). Sonst tritt 
bei der Frage, wie das Almosen zu beschaffen ist, häufig und von Anfsuig 
an der Hinweis auf die Arbeit ein, ja innerhalb der religiösen Betrachtung 
ist dies £äst der einzige Punkt, wo der Arbeit gedacht wird und ihr „sitt- 
licher Wert ** (also nur indirekt) in Betracht kommt; s. Ephes. 4, 28: »Wer 
gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den 
Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben dem Dürftigen. '^ 
Bamab., ep. 19, 10: Siä x^^Q^ <f<*^ ^67^^X1 ^^ i-vxQw a/MLQxtdiy cov [gemeint 
ist das Almosen]. YgL meinen kurzen AuÜBatz in der Zeitschrift «Evangelisch- 
Sozial* 1905 S. 48f.: .Der Wert der Arbeit nach urchristlicher Anschauung*. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 135 

Oemeindeämtem verbunden. Das reiche Material, welches wir 
besitzen, gestattet es, folgendes Bild zu entwerfen: An jedem 
Sonntag (s. schon I Cor. 16, 2) oder einmal im Monat (Tertull.) oder 
auch, wann es beliebt wurde, brachte man in den Gottesdienst 
Gaben (Geld und Naturalien = „stips**) und übergab sie dem Vor- 
steher. Dieser legte sie auf den Tisch des Herrn nieder, sie waren 
damit Gott geweiht^; der Empfänger erhielt sie nun aus Gottes 
Hand. „Die Gnade und Menschenfreundlichkeit des Herrn ernährt 
sie**, schreibt der Bischof Cornelius (Euseb., h. e. VI, 43). Der 
Vorsteher bestinmite, wer die Gaben erhalten und wieviel ein 
jeder empfangen sollte. Er war dabei von Diakonen beraten, 
die mit den Verhältnissen aller möglichst vertraut sein sollten. 
Sie verteilten auch die Gaben, teils direkt am Schluß des Gottes- 
dienstes, teils trugen sie sie den Hilfsbedürftigen ins Haus. Zu 
den regelmäßigen Selbstbesteuerungen — denn so muß man bei 
dem Prinzip der Freiwilligkeit, welches streng festgehalten wurde, 
die Darbringung nennen — kamen auch noch außerordentliche 
Gaben. So hören wir z. B., daß, als Marcion in die römische 
Gemeinde um das Jahr 139 eintrat (er kam aus Asien und war 
bereits Christ), er ihr 200000 Sestertien zum Geschenke brachte^. 
Zu den Unterstützungen muß man auch die Liebesmahle 
(Agapen) rechnen, mit denen ursprünglich die solenne Abend- 
ms^sfeier verbunden war, die sich aber auch in späterer Zeit 
noch erhalten haben. Ihrer Idee nach sollten hier die Armen 
Speise und Trank erhalten, da eine gemeinsame Mahlzeit, zu der 
ein jeder nach Vermögen beitrug, sie und die Reichen vereinigen 
sollte. Mißstände waren freilich schon frühe zu bekämpfen 
(s. I Cor. 11, 18 ff.), und die ganze Einrichtung (ob den heidnischen 
Mahlzeiten bei den Festen der Thiasoi nachgebildet? schwerlich) 
scheint überhaupt keine besondere Bedeutung erlangt zu haben ^. 



^) Über das Verhältnis von .stips" und „oblationes" ist man noch nicht 
ins klare gekommen. Die Sache kann hier auf sich beruhen. 

*) S. darüber unten. Sie wurden ihm wieder zurückgegeben. 

*) S. auch Judas, ep. 12; Tertull., Apol. 39, de ieiun. 17; Clemens, Paed. 
II 1. — Die Kontroversen über die Agapen brauchen hier nicht erörtert zu 
werden; s. Eeating, The Agape and the Eucharist, 1901. Batiffol, ^tudes 
d'hist. et de th^ol. positive, 1902, p. 279 ff. Funk, L'Agape (Rev. d'hist. 
ecd^iastique t IV, 1, 1903). In späterer Zeit dienten auch die Mahlzeiten 
bei den Gr&bem (M&rtyrergr&bem) dazu, die Armen zu sättigen. Constantin 
rechtfertigt diese Praxis der Totenmahlzeiteu, die augenscheinlich noch An- 
stoß gab, in seiner Rede an den h. Syllogus (c. 12) ausdrücklich durch den 
Hinweis der Unterstützungen, die dabei stattfinden: ra avfutöata [ftlr die 
Märtyrer vor ihren Gräbern] ngog iXeov xal dvdxn^oiv xiäv deofihtav Jtotovfieva 
xai ngos ßori^eiav t<5v ixjteaövTcov. Sjteg äv itc <poQXixä elvai vofiiClJt ov xaxä 
trjv ^eiav xai fiaxagiav Stdaaxcdiav <pQovtt 



Digitized by 



Google 



136 ^^6 Missionspredigt in Wort nnd Tat. 

Der Vorsteher scheint von Anfang an und stets so gut wie 
unbeschränkt über die Gaben yerfügt zu haben ^; als ausführende 
Organe hatten aber auch die Diakonen mit ihnen zu tun. Die 
Verantwortung war groß und auch die Versuchung zu Eigennutz 
und Unredlichkeit; daher wurde die Ermahnung, Bischöfe (und 
Diakonen) sollen „äq>ddQyvQoi" sein, stets wiederholt. Erst in 
späterer Zeit bildeten sich gewisse Grundsätze über die Ver- 
teilung der Gaben im großen aus, von denen nicht abgewichen 
werden sollte. 

Dies System der organisierten kirchlichen Liebestätigkeit und 
die private Wohltätigkeit wirkten nebeneinander (aus den Schriften 
und Briefen Cyprians läßt sich das deutlich erkennen). Aber es 
konnte nicht ausbleiben, daß diese durch jenes allmählich gehemmt 
wurde ; denn auf jenem lag in höherem Grade der Glanz religiöser 
Weihe, also, wie man überzeugt war, des göttlichen Wohlgefallens. 
Doch wurde an die private Wohltätigkeit in besonderen Fällen 
noch immer appelliert. Wir haben darüber bei Cyprian, ep. 62, 
ein schönes Beispiel. Rasch wurden hier in der carthaginiensischen 
Gemeinde 100000 Sestertien (= 17—20000 Mark) aufgebracht^. 

Die römische Gemeinde hatte im Jahre 250 ca. 100 Kleriker 
und 1500 Hilfsbedürftige zu ernähren. Berechnet man die Jahres- 
kosten für den Unterhalt eines Menschen auf 150 Mark (so be- 
rechnete sich ungefähr der Unterhalt eines Sklaven), so kommen 
wir auf die Summe von 240 000 Mark jährlich. Rechnen wir 
aber nur (mit Uhlhorn, a. a. O. I S. 153) 60 römische Scheffel 
Weizen im Jahre auf die Person (ä 90 Pfennige), so erhalten 
wir ca. 86000 Mark. Man wird daher gewiß sagen dürfen, daß 
um das Jahr 250 der römischen Gemeinde für Unterstützungen 
100—200000 Mark (= 500000 bis eme Million Sest.) zur Ver- 
fugung standen. 

Die Anforderungen an die Gemeindekassen waren groß: wir 
werden das im folgenden erkennen, wenn wir die einzelnen 
Gruppen überschauen. 

(2) Die Unterstützung der Lehrer und Beamten. Der 
paulinische Grundsatz, daß die Regel: |,Der Arbeiter ist seines 
Lohnes wert^ auch von den Missionaren und Lehrern gelte ^, ist 

^) Über die Spnren einer Ausnahme in der sog. Apost. Kirchenordnong 
8. Texte u. Unters. II, 5 S. 12 ff. S. 38. 

*) Besondere Kollekten, die der Bischof ausschreibt, s. Tert. de jej. 13. 
Hom. Clem. III, 71: 6ji6x8 XQ^^ tivog noqov ngog xo ävayxaTov yhoixo, äfia ol 

*) Paulus hat den Grundsatz sogar als eine Anweisung Jesu selbst be- 
zeichnet, 8. I Cor. 9, 14: <5 xvQiog dtha^sp xotg x6 svayyiXiov xaxayyilXovotv ix 
xov evayysliov ifjv. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 137 

stets und ohne Schwanken in den Gemeinden eingehalten worden. 
Man zog aus ihm die Folgerung, daß die Lehrer auf einfachen 
Lebensunterhalt Anspruch erheben können, und dieser Anspruch 
muß allen anderen Anforderungen an die Kasse stets vorangestellt 
worden sein. Als sich die Gemeinden ständige Beamte gewählt 
hatten, nahmen auch diese an dem Recht, den Unterhalt fordern 
zu dürfen, teil, doch nur so weit, als sie in ihrem bürgerlichen 
Verdienst durch ihr Amt geschmälert wurden^. Der Bischof 
hatte auch hier diskretionäre Gewalt und konnte für sich selbst 
nehmen und den Presbytern und Diakonen geben, was er für gut 
und billig hielt; dem Lehrer (Missionar, Propheten) aber hatte 
er den vollen Tagesunterhalt zu geben. Daß sich daraus Miß- 
stände entwickeln mußten, ist klar; daß sie sich entwickelt haben 
und die Rechte mißbraucht wurden, lernen wir aus der ^Apostel- 
lehre** und aus Lucian^. 

(3) Die Unterstützung der Witwen und Waisen^ 
Überall wo in den altchristlichen Quellen Hilfsbedürftige, die zu 
unterstützen sind, genannt werden, stehen die Witwen und Waisen 
voran. Es entsprach das der besonderen Not, in der eben diese 
sich im Altertum befanden, und es entsprach den ethischen An- 
weisungen, wie sie aus dem Judentum ins Christentum gekommen 
waren. Witwen und Waisen waren die Hilfsbedürftigen xaf i^oxrjv 

') Ganz klar sehen wir in die Verhältnisse nicht hinein, aber doch 
soweit, um das oben Gesagte erh&rten zu können. Die Gemeindebeamten 
brauchten ihren bfirgerlichen Beruf zunächst nicht aufzugeben, und soweit als 
er ihnen Unterhalt bot, bestand kein Anspruch an die Gemeindekasse. Aber 
in größeren Gemeinden und im Laufe der Zeit wurde es immer schwieriger, 
einen bflrgerlichen Beruf mit dem Gemeindeamt zu verbinden. Sehr lehr- 
reich ist eme Ausfahrung in den clementinischen Homilien (UI, 71), aus der 
hervorgeht, daß von einigen die Unterhaltungspflicht in bezug auf den 
Bischof und die Kleriker in Zweifel gezogen wurde. Der Verfasser schreibt: 
ZQ[x;ifaro^ [das war der Bischof] fi6¥og vfiTv Slog iavxov daxoXeiv dnodsdoDxtog, 
xoüJav ixo>v xcd iavT0 firi evaxoX&v, Jiwg dvvaxai xtp^ dvayxcUav itogiCsiv rQ(Hpi^ ; 
ovxi dk tvkoyöv iarip jiarxag v/zas jov (ffv avtov TtQdroiav jiouTp, ovx ^aiihov^ 
tag avtov {fftäs cUxeTv, xovxo yäg nQoocuxövvx6g iaxtp' fiäXXov Si xedn^^sxai ^fi^ 
§ xovxo nouXv vnooxalri. ji&g Sij xcd vfieTs ov Sixijv v<ps^€xe, firf loyujdfAevoi Sxi 
j,&Si6g iaxiv 6 igyaxijg xov fua^ov avxov*^; xcd /irj Xsyho) xig' Ovxovv 6 ScjQsäp 
ncLQaaxt^tlQ X6yog jtcoieZxcu; /irj y^^^'^o. st xig yoQ ixo}v n6&tv ^rjv Xdßot, oSxog 
7ia)XeT xov löyov — st de /irj i^fow xov C^v /a^tr lofißavBi XQOipriv; d>g xcd 6 
xvQiog iXaßev fv xs bslnvoig xcd q)iXoig, ovdev i^ow 6 elg a^tg stdvxa ^jfaw, ovx 
dfMLQxdvet. dxoJiov&Q}g ovv xtftäxs [durch Honorar] Jtgsoßvxigovg xaxtixijxdg, dia- 
x6vovg /^f^oijuot;;, XVQ^ ^ ßeßtcoxviag, dqipavovg d>g ixxXijoiag xixva. — Ein 
fester Monatsgehalt, wie ihn die Gemeinde des Theodotus ihrem Bischof 
Katalis aussetzte, wurde als anstößig empfunden (s. den alten Bericht bei 
Euseb., h. e. V, 28). 

') Näheres darüber s. unten in dem Kapitel über die Missionare. 

') Auch im Kirchengebet haben Witwen und Waisen ihren Platz un- 
mittelbar hinter den Kirchendienern. 



Digitized by 



Google 



138 ^^ MissioDspredigt in Wort und Tat. 

schon deshalb, weil sie nirgendwo fehlten. ^Die römische Ge- 
meinde", schreibt der Bischof Cornelius, ^ernährt 1500 Witwen 
und Hilfsbedürtige" (Euseb., h. e. VI, 43) ; nur die Witwen sind 
neben der allgemeinen Kategorie genannt. Die Witwen führten 
einen besonderen Ehrentitel in den Gemeinden: ^ Altar Gottes"^, 
und selbst der Heide Lucian wußte, daß Witwen und Waisen bei 
den Christen im Vordergrund stehen^. Der rechte Gottesdienst 
ist, Witwen und Waisen in ihrer Trübsal besuchen, sagt schon der 
Jacobusbrief (l, 27), und Hermas beginnt seinen Tugendkatalog 
(Mand. VIII, 10) mit den Worten: x^Q^^ vTctjQeteTv, dQq>avovg xal 
imtQtifiivovg buoximeo^ai^. In der Unterstützung der Witwen 
hat die alte Kirche unzweifelhaft einen wichtigen Beitrag zur 
Hebung der sozialen Lage der unteren Klassen geleistet^. Daß 
Mißbräuche nicht gefehlt haben — sie stellen sich überall ein, 
wo Menschen die Sorge für sich selbst ganz oder teilweise ab- 
genommen wird — , braucht nicht besonders erwähnt zu werden. 
Schon die Briefe an Timotheus zeigen solche^. 

1) S. Polyc. ad Philipp. 4; Tertull. ad uxor. 1,7; Pseudo-Ignat., T^rs. 9; 
Const. Apost. II, 26 (hier heißen auch die Waisen so, cf. IV, 3). Auf das 
Witweninstitut, welches sich schon in dem I. Timotheusbrief findet und auch 
der Fürsorge fttr die Witwen diente, gehe ich nicht ein. Die besondere Sorge 
f&r die Witwen sollte übrigens auch die Wieder Verheiratung, die man nicht 
gern sah, verhindern. 

») Peregr. 12. 

•) Merkwürdig ist auch, wie Vis. II, 4, 3 die Witwen und Waisen hervor- 
gehoben sind. Aristides, Apol. 15: »Von den Witwen wenden sie ihre Auf- 
merksamkeit nicht ab, und die Waisen befreien sie von dem, der sie ver- 
gewaltigt." — Beispiele, daß Privatpersonen Waisenkinder in ihre Familien 
aufnahmen, fehlen nicht. So ist Origenes aufgenommen worden von einer 
christlichen Frau (Euseb. VI, 2), cf. Acta Perpet et Felic. 15 und Const. 
Ap. IV, 1. Für die Pflicht, Witwen und Waisen zu unterstützen, bringt 
Lactantius (Inst. VI, 12) noch ein besonderes Argument bei: „Gott hat des- 
halb sie zu versorgen befohlen, daß nicht jemand aus Rücksicht auf seine 
Lieben sich abhalten lasse, für die Gerechtigkeit in den Tod zu gehen, son- 
dern ohne Zögern und tapfer ihn auf sich nehme, da er weiß, daß er seine 
Lieben Gott zurückläßt, und daß ihnen niemals Schutz und Hilfe fehlen wird.* 

*) Vgl. noch Hermas, SimiL I; V, 3; IX, 26. 27; X, 4; Polyc. ep. 6, 1; 
Bamab. 20,2; Ignat., Smym. 6 (über die Häretiker: jisqI dydmjg ov lUhi 
avtots, ov jisQt x^Q^^t ^^ ^^Q^ 6Q<pavav, ov ntQi ^XißofjUvov , ov negi dedsfiivov 
^ XeXvfiirov, ov stegi Tietywvrog ij ditp&vrog); Ignat., ad Polyc. 4; Justin, 
Apol. I, 67; Clem. ep. ad Jacob. 8: roig fikv dQtpavotg noiovvteg xa yoviayv, xaig 
Sk x^Q^^ ^^ dvSQ&v; Tertull., ad uz. 1,7. 8. Das 3. und 4. Buch der Const. 
App. ; Pseudoclem. de virg. 1, 12 : „Pulchrum et utile est visitare pupillos et 
viduas, imprimis pauperes qui multos habent liberos.** In bezug auf die 
empörende ünbarmherzigkeit mancher heidnischer, in Luxus versunkener 
Damen vgl. das beißende Wort des Clemens (Paedag. IH, 4, 30) : naidlov dk 
ovSe jiQoaievtai dgipavov od tovg yjirtaxovg xai tove ;|ra^d^iov; ixtgifpovacu. 

*) Klatschsucht, Habsucht, Trunksucht und Arroganz der Witwen, die von 
der Gemeinde ihren Unterhalt empfingen, mußten bekämpft werden. Selbst 



Digitized by 



Google 



Das Evangeliom der Liebe und Hilfleistung. 139 

(4) Die Unterstützung der Kranken, Schwachen, Ar- 
men und Arbeitsunfähigen. Von der Heilung der Kranken 
ist bereits oben die Rede gewesen; wo Heilung nicht möglich 
war, sollte die Gemeinde sie unterstützen, imterstützen durch Trost 
— im Kirchengebet ist von Anfang an ihrer gedacht worden^ — , 
durch Besuche^ und durch Gaben (in der Regel Naturalien). 
Den Kranken stehen die „iv ^Xbpei" und die „xifAvotrceg xjj tpvxff* 
(Herm. Mand. VIII, 1 0) sehr nahe, femer auch die HUflosen und 
Arbeitsunfähigen — ^senes domestici^ hebt Tertullian ausdrücklich 
hervor — , endlich überhaupt die Armen. Stellen hier anzuführen^ 
ist überflüssig: nicht nur die Mahnungen kehren immer wieder, 
sondern auch konkrete Beispiele sind ziemlich zahlreich, obschon 
unsere Quellen nur beiläufig und wie zufällig solche Fälle er- 
wähnen'. Diakonen, „Witwen** und Diakonissen (letztere gab es, 
wie es scheint, nur im Orient) waren für solche Tätigkeit ein- 
gesetzt. Yon den Diakonen heißt es in der Apostolischen Kirchen- 
ordnung: „Täter der guten Werke sollen sie sein, Tag und Nacht 
überall umherspähend, weder den Armen verachtend noch des 
Reichen Person ansehend; sie sollen den Notleidenden erkennen 
und ihn nicht von dem Anteil an der Gemeindekollekte ausschließen, 
den Vermögenden aber nötigen, zu guten Werken zurückzulegen.** 
Von den „Witwen** wird (ebendort) gesagt, sie sollen den von 
Krankheiten heimgesuchten Frauen beistehen, und auch unter den 
Qualitäten des Bischofs wird verlangt, daß er „(piX67n(oxo^' sei*. 
Eine alte Legende aus der Verfolgungszeit des Decius erzählt, 
der Diakon Laurentius in Rom habe auf das Verlangen, die Schätze 



das kam tot, daß Witwen das Geld, das sie empfingen, auf Wucherzins aus- 
liehen (s. Didasc. Apostol. c. 15, Texte u. Unters. Bd. 25 H. 2 S. 78. 274 ff.). 
Aber auch geistesmächtige Witwen gab es; ja man rechnete darauf, daß 
rechte, im Gebet verharrende Witwen Offenbarungen empfangen werden (s. d. 
Apostol. Eirchenordnung). 

») S.IClem.59,4. 

*) Tert. ad uzor. 11,4 (über die schwierige Lage einer Christin, die 
einen Heiden zum Mann hat): «Wird er ihr es gestatten, Straße ftUr Straße 
in fremde und grade in die ärmsten Hütten einzutreten, um die Brüder zu 
besuchen ?*" 

*) Daß die private Hilfleistung oder gar die der Gemeinde nicht ein- 
treten sollte, wenn* die Familie im stände war, ein hilfloses Glied zu unter- 
stützen, ist selbstverständlich, wird aber I Tim. 5,8 so scharf vorgehalten, 
daß man sieht, wie Versuche von Abwälzungen nicht gefehlt haben („So 
jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, der hat den 
Glauben verleugnet und ist ärger als ein Heide*). 

*) Apost. Eirchenordn. in den Texten u. Unters. II, 5 S. 8 £ In der Yita 
Polycarpi (Pionius) werden Züge von diesem Bischof erzählt, die an den 
h. Franciscus erinnern. Über die weibliche Diakonie s. Uhlhorn, a. a. 0. 
a 159-171. 



Digitized by 



Google 



140 ^® Missionspredigt in Wort und Tat. 

der Kirche auszuliefern, die Armen als die einzigen Schätze be- 
zeichnet. Das war kühn, aber doch nicht unwahr: das, was die 
Kirche besaß, ist von Anfang an und stets als Armengut bezeichnet 
worden, und in den ersten Jahrhunderten war das noch keine 
Lüge^ Daß das XJnterstützungssystem der Kirche' trefflich war, 
einen tiefen Eindruck machte und viele gewann, dafür liefert Julian 
der Apostat den besten Beweis. Er hat versucht, es in seiner 
künstlichen Schöpfung, der heidnischen Staatskirche, einfach nach- 
zuahmen, um den Christen diese Waffe zu entreißen. Die Nach- 
ahmung gelang freilich nicht. 

Julian bezeugt uns aber nicht nur die Trefflichkeit des kirch- 
lichen Unterstützungssystems, sondern auch seine Ausdehnung 
auf Nicht-Christen. An Arsacius (Sozem. V, 16) schrieb er; „Die 
gottlosen Qaliläer ernähren außer ihren eigenen Armen auch die 
unsrigen; die unsrigen aber ermangeln unserer Fürsorge." Dieses 
Zeugnis ist um so wichtiger, als wir in christlichen Quellen kein 
genügendes Material für diese ausgedehnte Armenpflege besitzen. 
Doch s. sub. Nr. 8, und schon Paulus ermahnte (Gal. 6, 10): 
„Lasset uns Outes tun an allen, am meisten aber an den Ge- 
nossen des Glaubens.'' „Wahre Barmherzigkeit'', schreibt Ter- 
tullian, Apol. 42, „gibt auf den Gassen mehr Geld aus als eure 
Religion in den Tempeln." Die Gemeindekasse war wohl aus- 
schließlich für die Brüder da, aber die private Wohltätigkeit hat 
sich nicht auf die Glaubensgenossen beschränkt. Bei großen 
Kalamitäten haben außerdem — nach sicheren Zeugnissen, s. u. — 
die Christen auch den Nicht -Christen geholfen imd sogar ihre 
Bewunderung geemtet. 

(5) Die Sorge für die Gefangenen und in den Berg- 
werken Schmachtenden. In dem Tugendkatalog bei Hermas 
liest man an dritter Stelle: iS ävayxcav XvxQovir&ai rovg dovlovg 
rov ^eov. Unschuldige Gefangene gab es mancherlei, vor allem 
um des Glaubens willen Eingekerkerte und in Schuldhaft Be- 
findliche. Auf beide sollte sich die Liebestätigkeit erstrecken, 
und zwar sowohl die offizielle (kirchliche) wie auch die private. 
Zunächst sollten sie besucht, getröstet und durch Nahrungsmittel 
ihre Lage erleichtert werden'. Der Besuch der Gefangenen war 

^) Aller Not konnte natürlich nicht gesteuert werden; von Christen, die 
bei Heiden Geld leihen mflssen, spricht Tertull., de idolol. 28. Es scheint 
das doch nicht so selten gewesen zu sein. 

*) Über die zu unterstützenden wurde eine Matrikel geführt (dies läßt 
sich sicher erschließen). Allein diese Tatsache schon gab den Armen einen 
moralischen Halt: sie wußten, daß sie nicht unbeachtet blieben. 

•) Hebr. 10, 84: xoTg dsofjUoig awsJta^aaTs. I Clem. 59, 4 (Kirchengebet): 
XvtQmaou xolfs dsoftiovs ^fi(öv, Ignat., Smym. 6: (es ist Pflicht zu sorgen) neqi 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 141 

regelmäßig Pflicht der Diakonen — sie kamen dadurch öfters in 
eine gefahrliche Lage — , aber auch die übrigen Christen sollten 
sie üben. Waren die Gefangenen um ihres Glaubens willen ein- 
gesetzt, und waren es gar angesehene Lehrer, so war es nicht 
schwer, das Gebot zu erfüllen, ja viele setzten alles daran, um 
zu den Gefangenen zugelassen zu werden^; denn der Verkehr 
mit dem Eonfessor galt als eine Heiligung. Man scheute sogar 
nicht Bestechungen der Gefängniswärter^, um Einlaß zu erhalten, 
gute Mahlzeiten einzuschmuggeln und den Segen des Heiligen zu 
erflehen. Die Märtyrergeschichten sind angefüllt von Erzählungen 
dieser Art; auch dem Lucian ist das nicht verborgen geblieben, 
imd er macht auf Ungehörigkeiten aufmerksam, die dabei vor- 
kamen. Die christlichen Quellen bestätigen das, und zwar be- 
sonders die der späteren Zeit^; aber schon in der montanistischen 
Kontroverse spielt die Frage eine Rolle, ob nicht dieser oder 
jener angesehene Konfessor in Wahrheit ein Schwindler gewesen 



deSefiivov ij XsXvfiivov. Clem. ep. ad Jacob. 9: xoig sv <pvXax(us buqxuvdfuvoi 
w^ dvvaa^B ßorj^eUs. Aristides, Apol. 15: ,Und wenn sie hören, daß einer 
von ihnen gefangen ist oder bedrückt wegen des Namens ihres Christns, so 
nehmen sie sich alle seiner Notdurft an, and wenn es möglich ist, daß er 
befreit werde, so befreien sie ihn," Von dem Jüngling Origenes wird erzShlt 
(Euseb., h. e. VI. 3): „Er war mit den h. Märtyrern nicht nur, so lange sie 
sich im Grefängnis befanden und das Endurteil über sie noch nicht gesprochen 
war, zusammen, sondern auch wenn sie zum Tode gefCLhrt wurden, und ging 
so voll des größten Freimuts den Gefahren offen entgegen.* TertulL, ad 
mart. Iff.: „Inter camis alimenta, benedicti martyres designati, quae vobis 
et domina mater ecclesia de uberibus suis et singuli fratres de opibus suis 
propriis in carcerem subministrant etc." Acta Pass. Perpetuae 3. Petri Alex, 
ep. c. 2 (Lagarde, Reliq. jur. eccl. p. 64, 14f.), c. 11 (p. 70, 1 f.), c. 12 (p. 70, 20 f.). 

^) S. die Thecla in den Acta Theclae und viele andere Beispiele, z. B. 
TertulL, ad uxor. II. 4. 

*) S. die Thecla; Lucian, Peregr. 12; Epist. Lugd. bei Euseb. V, 1,61. 

«) S. Lucian, Peregr. 12. 13. 16 („köstliche Speisen**). Tertullian — am 
Ende seines Lebens, als er von grimmigem Haß gegen die große Kirche 
erfüllt war — schreibt de jejun. 12: ,Eure Mode ist es freilich, für unsichere 
Märtyrer in den Gefängnissen Garküchen zu errichten, damit sie nicht aus 
der Gewohnheit kommen, des Lebens nicht überdrüssig werden und sich an 
der Schule der ihnen ungewohnten Entbehrungen nicht stoßen. Bis zu dieser 
hatte es ja auch jener Pristinus [oder jener Jüngste] — euer Märtyrer, kein 
christlicher — noch nicht gebracht. Nachdem ihr ihn, den ihm bewilligten 
freien Gewahrsam benutzend, eine Zeitlang gemästet hattet und er sich in 
allen möglichen Bädern, als wären sie besser wie die Taufe, an allen Er- 
holungsarten der feinen Welt, als wären dies die Heimlichkeiten der Kirche, 
und mit allen Reizen einer solchen Lebensweise, als stünden sie Über dem 
Ewigen, amüsiert hatte — aus dem Grunde, wie ich glaube, um kein Ver- 
langen nach dem Tode zu bekommen — , so habt ihr ihm am letzten Tage, 
am Tage des Verhörs, in aller Frühe gewürzten Wein eingegeben (um ihn 
gegen die Qualen zu betäuben).** 



Digitized by 



Google 



142 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

ist, der Vergehungen wegen in den Kerker gewandert ist, aber 
die Sache so zu drehen verstanden hat, als sei er des christlichen 
Glaubens wegen gefangen gesetzt worden. Allein solche Miß- 
bräuche waren unvermeidlich und im ganzen gewiß selten. Die 
Aufseher, selbst innerlich bewegt von der Haltung der Christen, 
gestatteten öfters aus freien Stücken den Verkehr mit den Ge- 
fangenen (Acta Perpet. 9 : „Pudens miles optio, praepositus carceris, 
nos magnificare coepit intellegens magnam virtutem esse in nobis; 
qui multos ad nos admittebat, ut et nos et illi invicem refri- 
geraremus''). 

Waren die christlichen Brüder in die Bergwerke verurteilt, 
so ließ man sie auch dort nicht außer acht ^ : ihre Namen wurden 
genau aufgezeichnet; man suchte die Beziehungen zu ihnen fest- 
zuhalten; man bemühte sich, sie frei zu bekommen^, und man 
sandte Brüder dorthin, imi ihre Lage zu erleichtem, sie zu erbauen 
und zu stärken '. Die Sorge der Christen für ihre Gefangenen 
war so bekannt, daß (nach Eusebius X, 8) der letzte Kaiser, der 
vor Constantin die Christen verfolgt hat, Licinius, ein Gesetz erließ, 
„daß sich niemand gegen die Unglücklichen in den Gefängnissen 
durch Darreichung von Speise menschenfreundlich zeigen oder 
derer, welche in Fesseln vor Hunger verschmachteten, sich er- 
barmen dürfe**; „auch war**, fährt Eusebius fort, „diesem Gesetz 
noch die Straf bestimmung beigesetzt, daß die Mitleidigen das 
gleiche Geschick mit den Bemitleideten haben, und diejenigen, 
welche den Unglücklichen einen menschenfreundlichen Dienst er- 
wiesen, in Fesseln und in das Gefängnis geworfen werden und 
die gleiche Strafe wie jene erdulden sollten.'* Dieses direkt 
gegen die Christen gerichtete Gesetz zeugt sicherer als alles 
andere von der Sorge der Christen für ihre Gefangenen, mag 
dabei auch manches untergelaufen sein, was der Staat nicht 
dulden durfte. 



*) S. Dionysius Cor. bei Euseb. IV, 23, der der römischen Gemeinde ein 
leuchtendes Zeugnis ausstellt. 

*) Man vgl. die Geschichte, die Hippolyt (Philos. IX, 12) erzählt: Der 
römische Bischof Victor besitzt eine Liste aller nach Sardinien in die Berg- 
werke verurteilten Chidsten und bekommt sie wirklich durch die Interzession 
der kaiserlichen Konkubine Marcia bei Commodus frei 

•) Besonders schöne Beispiele hierfür in der Schrift Eusebs de mart. 
Palaest. fttr die Zeit der Diocletianischen Verfolgung. Ägyptische Christen 
gehen bis in die entferntesten Bergwerke, selbst nach Cicilien, um ihre dort 
zu Zwangsarbeiten verurteilten Brüder zu stärken und ziT erbauen. Bei den 
Bergwerken in Phäno wird eine förmliche Kirche eingerichtet. Vgl. auch 
Ap. Const. V, 1 : et ri^ XQtauavog Siä ro ^ofia tov Xqiotov . . . xaxaxQi^ viro 
dosß&v slg ... ^haXXov, fxrj jiaQidrjTS aviov, dXX' ix xov xöjtov xcd xov idgcatog 
vfi(ov TtsfixpaTS avxc^ slg diaxQoq)Tjv avxov xal eis fu<r&odooiav xoiv axQaxttoxciv. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 143 

Aber nicht nur die Lage der Gefangenen zu erleichtern ver- 
suchte man, sondern auch sie loszukaufen. Fälle dieser Art bei 
Schuldgefangenen müssen nicht ganz selten gewesen sein — leider 
ist uns das Urteil erschwert, weil wir häufig nicht sicher entscheiden 
können, ob von Gefangenen oder von Sklaven die Rede ist, denen 
der Loskauf galt. Jedenfalls wurde das Loskaufen als ein besonders 
gutes und Gott wohlgefälliges Werk betrachtet; es scheint aber 
niemals von Gemeinde wegen unternommen worden zu sein, 
sondern blieb stets dem Edelmut Privater überlassen, und einzelne 
haben dabei wahrhaften Heroismus bewiesen ^ 

(6) Die Sorge für die zu begrabenden Armen und 
die Verstorbenen überhaupt. Hier mag das Wort des Kaisers 
Julian voranstehen (ep. ad. Arsacium bei Sozom. V, 15): „Am 
meisten ist die Gottlosigkeit (das Christentum) gefordert worden 
durch die Philanthropie in bezug auf die Fremden und durch die 
Fürsorge für die Bestattung der Toten." Daß aus der Gemeinde- 
kasse das Begräbnis armer Brüder bestritten wurde, sagt Tertullian 
(s. o. S. 1 32), und Aristides (Apol. c. 1 5) bestätigt es, aber als Übung 
privater Hilfleistung: „So oft aber einer von ihren Armen aus 
der Welt geht und ihn irgend einer von ihnen sieht, so nimmt er 
sich nach Kräften seines Begräbnisses an.'* Welche Bedeutung 
in jener Zeit ein ehrliches Begräbnis hatte, und wie schmerzlich 
die Aussicht war, ein solches entbehren zu müssen, ist bekannt. 
Die christliche Gemeinde kam hier einer Gesinnimg entgegen, die 
auch bei ihren Gegnern als eine Pflicht der Humanität empfunden 
wurde. Über irdische Schmach sollten sich die Christen erhaben 
fühlen; aber nicht, wie es sich geziemt, bestattet zu werden, war 
auch ihrer Empfindung etwas Schreckliches. Speziell die Diakonen 



*) Herrn., Sim. I: dvrl dyQ&y äyogaCsTs yrvxdg ^Xtßofihag , xa^d %ig dvva- 
tög kaxtv. Sim. X, 4, 2 f. , I Clem. 55, 2: imordfis^a jtoXXovg h ^fuv Ttagadedw' 
xdzag iavxovg stg dsofid, Sjtcog kxigovg XvjQcoaovrai' noXXoi kavxovg k^idcoxav stg 
dovXeiav, xai kaßdvxeg tag xifidg avx&v hsgovg hpw^toav. Const. App. IV, 9: 
Ttt Ix rov dixoUov xdjzov d^Qoi^ofisva XQVf*^^^ dutrdaasre dtaxovovyrsg sig dyo- 
gaoftoifg toH' dyiojv, Qvdfisvoi dovXovg xai alx/^aXcoxovg, deofiiovg, EnrjQBa^ofiivovgf 
fjxovxag ex xazadixrjg xrX., cf. V, 1, 2. Auf die Befreiung aus der Schuldhaft 
bez. auf die Verhütung derselben durch mildtätige Brüder bezieht sich eine 
Ausftlhrung TertuUians de idolol. 23. — Als numidische Räuber Christen 
weggeschleppt hatten, sammelte die carthaginiensische Gemeinde schnell ein 
Lösegeld von 100 000 Sestertien und erklärte sich zu weiteren Hilf leistungen 
bereit (Cypr. , ep. 62). Als die Gothen in Cappadocien Christen um das 
Jahr 255 geraubt hatten, sandte die römische Gemeinde Beiträge zum Los- 
kaufen derselben (Basil., ep. 70 ad Damas.). Über beide Fälle s. unten. Das 
Loskaufen der Gefangenen gilt auch in der Folgezeit als ein gutes Werk von 
besonderem Werte. Le Blaut hat mehrere gallische Inschriften des 4. und 
5. Jahrhunderts publiziert, in denen dem Verstorbenen nachgerühmt wird: 
,£r hat die Gefangenen losgekauft." 



Digitized by 



Google 



144 ^i<3 Missiouspredigt in Wort und Tat. 

hatten die Sorge dafür, daß jeder anständig begraben werde 
(Const. Ap. III, 7) K An diesem Punkt ging man auch über die 
Grenzen der Bruderschaft im gegebenen Fall hinaus. ^Wir werden 
es nicht dulden^, schreibt Lactantius^, „daß das Bild und Geschöpf 
Gottes den wilden Tieren und Vögeln als Beute hingeworfen wird, 
sondern werden es der Erde zurückgeben, von der es genommen 
ist^, und auch an einem unbekannten Menschen das Amt seiner 
Verwandten erfüllen, an deren Stelle, wenn sie fehlen, die 
Humanität tritt *.** — Hierher muß aber auch die Sorge für den 
späteren Zustand der Verstorbenen gerechnet werden: auch sie 
galten z. T. noch immer als Hilfsbedürftige und der Unterstützimg 
Fähige. Man brachte in ihrem Namen und zu ihrem Seelenheile 

^) Sogar ein gewisser Luxus war an diesem Punkte den Christen ge- 
stattet; s. Tertull.y Apolog. 42: „Wenn sich aber Arabien über uns beklagen 
sollte [daß wir diesem Lande nichts zu verdienen geben], so mögen die Sabfter 
wissen, daß eine teurere und bessere Sorte ihrer Ware beim Begräbnis von 
Christen wahrhaft verschwendet wird, als die ist, von der man den Grötzen 
räuchert" Zum richtigen Begräbnisse gehörte auch, daß man bei seinen 
Glaubensgenossen ruhte. Wer die Seinigen ohne Not bei den Nicht -Christen 
bestattete, setzte sich schwerer Anklage aus; aber wir hören, daß um die 
Mitte des 3. Jahrhunderts selbst ein Bischof in Spanien seine Kinder bei den 
Heiden beigesetzt hat; s. Cyprian, ep. 67,6: ,Martialis [episcopus] praeter 
gentilium turpia et lutulenta convivia in collegio diu frequentata filios in 
eodem collegio exterarum gentium more apud profana sepulcra deposuit et 
alienigenis consepelivit." Auf jüdischen Friedhöfen sind vereinzelte Christen- 
gräber gefunden worden. 

») Instit. VI, 12. 

•) Die Christen waren deshalb auch Gegner der Leichenverbrennung 
und versuchten alles, um wenigstens die Reste der verbrannten Brüder aus 
dem Feuer zu sammeln. Der Glaube der „simplices** in bezug auf die Auf- 
erstehung des Leibes kam ins Wanken angesichts der Verbrennung; aber die 
Theologen haben sie stets beschwichtigt, obgleich auch sie die Verbrennung 
für eine Unsitte hielten; s. Epist. Lugd. bei Euseb. V, 1 fin.; TertulL, de 
anima 51: „Nee ignibus funeraudum aiunt [seil, einige Heiden], parcentes 
superfluo animae [seil, weil am Körper noch etwas Seele haftet], alia est 
autem ratio pietatis istius [seil, der Christen], non reliquiis animae adulatrix, 
sed crudelitatis etiam corporis nomine aversatrix, quod et ipsum homo non 
utique mereatur poenali ezitu impendi.** TertulL, de resurr. 1: »Ego magis 
ridebo vulgus, tum quoque, cum ipsos defunctos atrocissime exurit, quos 
postmodum gulosissime nutrit . . . . o pietatem de crudelitate ludentem!' 
Die Gründe, welche, wie es scheint, von Anfang an zur Ablehnung der 
Leichenverbrennung bei den Christen geführt haben, sind uns nicht über- 
liefert. Man kann sie nur zu erraten versuchen. 

*) Die Frage nach dem Verhältnis der Gemeinden zu den collegia tenu- 
iorum (collegia funeraticia) kann hier ausscheiden; sie ist übrigens auch in 
dem letzten Jahrzent mehr zurückgetreten, da wirklich aufklärendes Licht 
in bezug auf die Lage der Gemeinden aus ihnen nicht gekommen ist, so ein- 
leuchtend die Konstruktion scheint, daß die Rechte, welche jene Kollegien 
erhalten hatten, zeitweilig auch den Christen zugut gekommen sind; s. Neu- 
mann, Römischer Staat und Kirche I S. 102 ff. 



Digitized by 



Google 



Das EvaDgelium der Liebe und Hilfleistang. 145 

Oblationen dar, die als wirksame Fürbitten galten, und diese ur- 
alte Sitte hat unzweifelhaft eine große Bedeutung im Leben gehabt, 
vielen besorgten Angehörigen Trost gebracht und die Anziehungs- 
kraft des Christentums besonders erhöht^. 

(7) Die Sorge für die Sklaven. Eine „Sklavenfrage'' hat 
man der alten Kirche zu Unrecht beigelegt. Die alten Christen 
beurteilten die Sklaverei nicht schlechter und nicht besser als den 
Staat und die Rechtsverhältnisse^; sie haben nicht daran gedacht, 
an der Aufhebung des Staats zu arbeiten, und es kam ihnen nicht 
in den Sinn, aus humanen oder verwandten Motiven die Sklaverei 
aufzuheben — auch nicht in ihrer eigenen Mitte. Bereits die 
neutestamentlichen Briefe setzen voraus, daß christliche Herrn 
Sklaven haben (nicht nur, daß heidnische Herrn christliche Sklaven 
haben), und geben keine Anweisungen, dies Yerhältnis zu ändern. 
Die Sklaven werden vielmehr zur Treue und zum Gehorsam ernst- 
lich vermahnt^. 

Dennoch würde man unrichtig urteilen, wollte man behaupten, 
daß das alte Christentum gleichgültig gegen die Sklaven und ihre 
Lage gewesen wäre ; vielmehr hat es ihnen seine Sorge zugewandt 
und auf ihre Lage eingewirkt. Es ergibt sich das an folgenden 
Punkten: 

(a) Die bekehrten Sklaven und Sklavinnen wurden in reli- 
giöser Hinsicht als Brüder und Schwestern in vollem Sinne an- 
erkannt; ihr Stand in der Welt wurde dem gegenüber als etwas 
Oleichgültiges beurteilt*, 

^) Tertullian ist für uns der älteste Zeuge dieser Sitte* die nicht ohne 
Einfluß des Heidentnms entstanden ist, wenn sie auch eine Wnrzel im christ- 
lichen Eultns selbst haben mag. Gegen' die üblichen heidnischen Toten- 
mahlzeiten und die Sitte, Speisen an die Gr&ber zu bringen, hat Tertullian 
polemisiert; aber sie bürgerte sich schon im Laufe des 3. Jahrhunderts ein 
und war nicht mehr auszurotten. 

*) Die ApoBtellehre (c. 4, 11) gebietet sogar den Sklaven, ihren (christ- 
lichen) Herrn mg vün<p ^eov zu gehorchen. 

*) Die Stellen in den paulinischen Briefen sind bekannt, s. auch den 
1. Petrusbrie£ Paulus hat die Freüaissung des Sklaven Onesimus im Philemon- 
brief weder verlangt noch erbeten. Die Stelle I Cor. 7, 20 f. (ixatnog h %fi 
xXijoet fi kxXri^, h xavtfj puritfo. SovXog ixXi^^s; A**? <^* fuXsim' aXX' et xod 
&vvaocu iiev^egos ysviadcHf fiäXXoy xQ^^^O kann nur so verstanden werden, 
daß der Apostel den Sklaven rät, sogar die Möglichkeit der Freilassung nicht 
zu benutzen. Die Standesänderung würde ihren Sinn — das scheint die 
Meinung zu sein — auf Irdisches ablenken. Ob man aus der Stelle heraus- 
lesen darf, daß christlichen Sklaven christlicher Herren die Möglichkeit frei 
zu werden häufiger als anderen geboten war, ist sehr zweifelhaft. In der 
Literatur des 2. und 3. Jahrhunderts kommen Christen, die Sklaven haben, 
öft&rs vor, 8. z. B. Athenag., Suppl. 35; Acta Perpet. etc. 

*) So nach dem Vorgang des Paulus andere, z. B. Tatian, Orat. 11; 
Iren. IV, 21, 3: .secundum camem ex liberis et ex servis Christus statuit filios 
Harnaok, Mission. 3. Aufl. 10 



Digitized by 



Google 



146 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

(b) sie nahmen deshalb an den Rechten der Gemeindeglieder 
in vollem Umfange teil; Sklaven konnten auch Kleriker werden, 
ja sogar Bischöfe \ 

(c) als Persönlichkeiten (in sittlicher Hinsicht) sollten sie 
ebensohoch geschätzt werden wie die Freien: die Geschlechtsehre 
und Schamhafdgkeit der Sklavinnen sollte nicht verletzt, den 
Sklaven sollten dieselben Tugenden zugemutet werden wie den 
Freien, deshalb aber auch dieselbe Wertschätzung ihrer Tugen- 
den gelten^, 

dei, similiter onmibus dans munos Spiritus vivificantis nos"; TertulL, de 
Corona 18; Lactant., Instit. V, 15: die Gegner sagten: «Auch bei euch sind 
Herren und Sklaven; wie steht es also mit eurer Gleichheit?' Antwort: 
„alia causa nulla est cur nobis invicem firatrum nomen impertiamus nisi 
quia pares esse noe credimus. nam cum omnia humana non corpore sed 
spiritu "iQetiamur, tametsi corporum sit di versa condicio, nobis tarnen servi 
non sunt, sed eoe et habemus et dicimus spiritu fratres, religione conservos." 
De Rossi (Bullet. 1866 p. 24) macht darauf aufinerksam, daß sich in christ- 
lichen Sepulkralinschriften niemals die Bezeichnung «Sklave*^ finde. Ob das 
zufällig ist oder absichtlich, muß ich dahingestellt sein lassen. — Pflicht 
christlicher Herren, ihre Sklaven im Christentum zu unterweisen, s. Aristides, 
ApoL 15: „Die Sklaven und Sklavinnen unterweisen sie, daß sie Christen 
werden, wegen der Liebe, die sie zu ihnen haben; und wenn sie es geworden 
sind, nennen sie sie Brfider ohne Unterschied.* 

^) Der rOmische Presbyter -Bischof Pins, Bruder des Hermas, muß dem 
Sklavenstande angehört haben ; der römische Bischof Callist war ursprünglich 
Sklave. Vgl. den 80. Kanon von Elvira: ,Prohibendum ut liberti, quomm 
patroni in saeculo fuerint, ad clerum non promoveantur." 

*) Hier ist in den Märtjrerakten ein reiches Material zu finden; erinnert 
sei besonders an Blandina, die lugdunensische Märtyrerin, und an Felicitas 
in den Akten der Perpetua. (Gemeinsames Martyrium von Herrn und Sklaven 
ist mehrfach bezeugt). Unter den „heiligen Märtyrern* der Kirche sind nicht 
wenige Sklaven. Wer würde, wenn es nicht im Texte stünde, ahnen, daß 
Blandina eine Sklavin ist, sie, die von der ganzen Gemeinde hochverehrt 
wird und die so edle Züge trägt! In Eusebs Mart. Pal. (Texte u. Unters. 
Bd. 24 H. 2 S. 78) heißt es: ..... Porphyrius, der für einen Sklaven des 
Pamphilus galt [sie], in der Liebe zu Gott aber und im bewunderungswerten 
Bekenntnisse sein Bruder, ja noch mehr ein geliebter Sohn für den Pamphilus 
war und seinem Erzieher in allem glich.* — Man vgl. übrigens auch die 
Bußgesetzgebung gegen die pfifQgen christlichen Herren, die in der Diocle- 
tianischen Verfolgung ihre christlichen Sklaven gezwungen hatten, für sie zu 
opfern (Kanon 6 u. 7 des Petrus Alex, bei Routh, Reliq. Sacr. IV p. 29 f.): 
die Herren sollen 3 Jahre Buße tun, ncd d>g vnoxQiydfievoi xal wg xaxavayxd- 
oavtsg Tovg 6fiodovXovg Ovacu, äzs Örj noQoxovamnBg xov dstoorölov xä avxä 
^iXovxog noisTv xovg deojtöxag xoTg dovXoig, dvtivxag xrjv djieiXi^, slSöxag, (pijaiy, 
Sxt xcd vfiiüv xai avxwv 6 xvgtog iaxiv h ovQavotc, xcu JtQoacosioXijyfla nag^ avx(^ 
ovx iaxiv (Ephes. 6, 9; es folgt Coloss. 8, 11) ... axojieiv 6q>€iXovoiv S xaxeiQYd- 
aavxo ^eXrjaavxsg xrjv tpvxtjv iavx&v o&ocu, ot xovg awdovlovg ^fjiiär iXxvaavxeg 
ijii elScoXoXaxQeiav Övvafisvovg xal avxovg ix<pvyeiv, el x6 Öixaiov xcu xrjv Ia6x7fxa 
^oav avxotg jroQaaxdrxeg , d}g jiaXtv 6 Sui6oxoXog Xiyst (Coloss. 4, 1). Den ver- 
führten Sklaven wird in diesen Fällen nur eine eii\jährige Buße auferlegt 
Umgekehrt zeigt TertulL, de idolol. 17, daß man an den Mut und die Be- 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe xind Hilfleistang. 147 

(d) die Herren und Herrinnen wurden eindringlich ermahnt, 
alle ihre Sklaven human zu behandeln \ christlichen Sklaven gegen- 
über aber nicht zu vergessen, daß sie ihre Brüder seien ^; um- 
gekehrt wird den christlichen Sklaven gesagt, daß sie ihre christ- 
lichen Herren nicht verachten, d. h. sich ihnen nicht gleich stellen 
sollen *, 

(e) Freilassung der Sklaven hat als ein rühmliches Werk 
wahrscheinlich von Anfang an gegolten^, sonst hätte der An- 
spruch christlicher Sklaven auf Freilassung nicht entstehen können ; 
einen solchen Anspruch — zumal an die Gemeindekasse — hat 
aber die alte Kirche nicht anerkannt, sondern ausdrücklich zurück- 
gewiesen; doch hat sie in einigen Fällen Sklaven aus der Ge- 
meindekasse freigekauft ^. Sie beurteilte eben das Herrenrecht 
über die Sklaven an sich nicht als sündig, sondern sah in der 
Sklaverei einen natürlichen Stand. Änderungen in dieser Be- 
ziehung stammen nicht aus dem Christentum, sondern aus all- 



kenntnistreae christlicher Sklaven und Freigelassener dieselben Ansprfiche 
stellte wie an die der Yomehmen. Sie sollen, wenn ihre heidnischen Herren 
Optier darbringen, denselben keinen Wein darreichen und keine Formel mit- 
sprechen. Tun sie es doch, so sind sie der Idololatrie schuldig. Versuche 
heidnischer Herren, ihre Sklaven vom Glauben abzubringen, sind bezeugt, 
s. z. B. Acta Pionii 9. 

^) Ein schönes Beispiel der angesehenen Stellung einer christlichen 
Sklavin in einem christlichen Hause bietet Augustin in seiner Schilderung 
der alten Dienerin („fiunula decrepita*) in seinem großväterlichen Hause 
(mütterlicherseits), die schon seinen Großvater als Kind gewartet hatte („siout 
dorso grandiuscularum puellarum parvuli portari solent"), also schon um 300 
t&tig war. ,.Propter senectam ac mores optimos in domo christiana satis a 
dominis honorabatur; unde etiam curam filiarum dominicarum (also auch der 
Monica) commissam diligenter gerebat (mehr als die Mutter, war schon vor- 
her gesagt), et erat in eis coercendis, cum opus esset, sanota severitate vehe- 
mens atque in docendis sobria prudentia** (Confess. IX, 8, 17). Auf diese 
Sklavin geht die Grundlage der Frömmigkeit Augustins zurück! 

*) Daß christliche Herren auch heidnische Sklaven hatten, ist durch 
eine lange Reihe von Zeugen vom lugdunensischen Brief an bezeugt. Denun- 
tiationen christlicher Herren durch diese Sklaven imd Verleumdungen der 
christlichen Gottesdienste müssen nicht ganz selten gewesen sein. 

*) So schon I Tim. 6, 1 f. Das ist ein Beweis, daß das CJhristentum von 
christlichen Sklaven in manchen Fällen „mißverstanden** worden sein muß. 

*) Zweifellose Belege fehlen freilich. 

*) Aus dem Brief des Ignatius an Polycarp (c. 4) folgt beides: (1) daß 
Loskauf von Sklaven aus den Mitteln der Gemeindekasse stattgefunden hat, 
(2) daß ein Anspruch nicht anerkannt wurde: dovXovg xcd SovXas fitj vjisQfj- 
qniyer dXXa fitfde avxol <pvotova^<ooav [christliche Sklaven konnten leicht die 
Bescheidenheit ihren christlichen Herren gegenüber verlieren] , äXX' sig dö^av 
^80v nUor SovXevhoaav, tva xQsixrovog ilev^sgiag iai6 ^eov tvxcooiv fitf iodra)' 
oav dnd rov xoivov iXsv&sQoOa&cu, tra iitj dovXoi svQe^c^atv int^filag» 

10* 



Digitized by 



Google 



148 ^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

gemeinen moralphilosophischen Erwägungen und wirtschaftlichen 
Nötigungen. 

Da£ leider auch in den chrietlichen Gemeinden, namentlich 
im 3. Jahrhimdert, Beispiele empörender Härte und Grausamkeit 
gegenüber den Sklaven vorgekommen sind, lehrt uns neben an- 
deren Zeugnissen vor allem ein Kanon der um das Jahr 300 ge- 
haltenen Synode von Elvira^. 

Im allgemeinen hat man sich zu erinnern, daß sich schon 
im 2. Jahrhundert eine Abnahme der großen Sklavenfamilien be- 
merklich macht, und daß diese Abnahme — aus wirtschaftlichen 
Gründen — im 3. Jahrhundert stetig zugenommen hat. Die Frei- 
lassungen der Sklaven sind häufig abgenötigte gewesen und dürfen 
in der Regel nicht als Akte der Barmherzigkeit oder Brüderlich- 
keit beurteilt werden. 

(8) Die Sorge bei großen Kalamitäten. Schon im 
Hebräerbrief (c. 10, 32flf.) wird eine Gemeinde dafür gelobt, wie 
sie sich in einer großen Verfolgung imd Not herrlich bewährt 
hat, bewährt durch Sympathie und Fürsorge. Ermahnungen an 
die christlichen Brüder, sich in besonderen Kalamitäten besonders 
tüchtig und aufopfernd zu erweisen, begegnen seitdem nicht selten; 
aber nicht nur Ermahnungen, sondern auch Zeugnisse, daß die 
Ermahnungen gefruchtet haben. Auf die Fälle, in denen die 
Gemeinden Schwestergemeinden, auch weit entfernten, geholfen 
haben, ist hier noch nicht einzugehen — sie werden sub Nr. 10 
aufgewiesen werden — , aber einige Beispiele in bezug auf Kala- 
mitäten in der eigenen Mitte mögen hier stehen: 

Als in Alexandrien die Pest wütete (um d. J. 259), schrieb 
der Bischof Dionysius (Euseb., h. e. VIT, 22): ^Die meisten unserer 
Brüder schonten aus großer Nächstenliebe ihre eigene Person 
nicht und hielten fest aneinander. Furchtlos besuchten sie die 
Kranken, bedienten sie sorgfältig, pflegten sie um Christi willen 
und schieden freudigst zugleich mit ihnen aus dem Leben . . . 
Ja viele starben selbst, nachdem sie anderen durch ihre Pflege 
die Gesundheit wieder verschafft und deren Tod gleichsam auf 

^) Kanon 5: „Si qua femina fnrore zeli accensa flagris verberaverit 
ancillam snam, ita ut intra tertinm diem animam com cruciatu effondat etc." 
Von Herren und Sklaven handelt auch can. 41. — Auf die Erlaubnis des 
römischen Bischofs Callist, daß Matronen geschlechtliche Verbindungen mit 
Sklaven schließen können, wird in diesem Zusammenhang nicht einzugehen 
sein; denn diese Erlaubnis war durch die Rücksicht auf die heiratslustigen 
vornehmen Frauen motiviert, nicht aber durch die Rücksicht, die Sklaven 
als gleichberechtigt anzuerkennen (Hippol., Philos. IX, 12: xai yvrculiv isU- 
tQetpev, el ävarÖgoi bUv xcu ^Xmlq. ye sxxaloivxo dva^lq, tj lavx&v d^lav iirj ßov' 
Xoirro xa&mQsXv dta t6 vofiifia>g yofAti^ijvm, ixeiv i^a Sy Sf al^i^covicu, avyxovtw, 
sXxB olxinpf, ehe iXsv^eQOv, xal tovror xgivstv dvxl äifdQde firj v6fMfi yeyofifffihrfy). 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 149 

sich verpflanzt hatten . . . Auf diese Weise starben die Edelsten 
unserer Brüder, einige Presbyter, Diakone und hochgefeierte 
Laien . . . Bei den Heiden aber fand das gerade G-egenteil statt. 
Sie stießen diejenigen, welche zu erkranken begannen, von sich, 
flohen von den Teuersten hinweg, warfen die Halbtoten auf die 
Straße hin und ließen die Toten unbeerdigt liegen.^ 

Ähnliches wird uns von Cyprian bei der Pest in Carthago 
berichtet; er ruft dem Heiden Demetrian (c. 10) zu: ^pestem et 
luem criminaris, cum peste ipsa et lue vel detecta sint vel aucta 
crimina singulorum, dum nee infirmis exhibetur misericordia et 
defunctis avaritia inhiat acrapina. idem ad pietatis obsequium timidi \ 
ad impia lucra temerarii, fugientes morientium funera et adpetentes 
spolia mortuorum." Wie er aber selbst ermahnt hat, zeigt seine 
Schrift „de mortalitate**, und wie er gehandelt und durch sein 
Beispiel auch andere Christen entflammt hat, berichtet sein Bio- 
graph Pontius (Vita 9flf.): „adgregatam primo in loco plebem de 
misericordiae bonis instruit. docet divinae lectionis exemplis . . . 
tunc deinde subiungit non esse mirabile, si nostros tantum debito 
caritatis obsequio foveremus: eum enim perfectum posse fieri, qui 
plus aliquid publicano vel ethnico fecerit, qui malum bono vincens 
et divinae clementiae instar exercens inimicos quoque dilexerit . . . 
Quid Christiana plebs faceret, cui de fide nomen est? distributa 
sunt ergo continuo pro qualitate hominum atque ordinum ministeria 
[also organisierte Hilfleistung], multi, qui paupertatis beneficio 
sumptus exhiberi non poterant, plus sumptibus exhibebant, compen- 
santes proprio labore mercedem divitiis omnibus cariorem . . . 
fiebat itoque exuberantium operum largitate, quod bonum est ad 
onmes, non ad solos domesticos fidei.^ 

Ganz ähnlich hören wir bei der großen Pest z. Z. des Maximinus 
Daza von dem tätigen Mitleid und der selbstverleugnenden Liebe 
der Christen auch in bezug auf Andersgläubige (Euseb., h. e. IX, 8): 
^Sie zeigten sich damals allen Heiden im hellsten Lichte; denn 
die Christen waren die einzigen, welche inmitten so vieler und so 
großer Drangsale ihr Mitgefähl und ihre Menschenliebe durch die 
Tat selbst bewiesen. Die einen beschäftigten sich Tag für Tag 
mit der Pflege und Bestattung der Leichen (es gab unzählige, 
um welche sich sonst niemand kümmerte); die anderen ver- 
sammelten die in der ganzen Stadt von Hunger Gequälten 
an einem Ort und teilten unter alle Brot aus. Als dies 
bekannt wurde, pries man den Gott der Christen und bekannte, 
daß sie allein die wahrhaft Frommen und Gottesfürchtigen seien, 
weil sie es durch die Tat selbst bewiesen." 

') Cf. CTpr. per Pont 9: «iacebant interim tota civitate vicatim non 
iam Corpora, sed cadavera plurimorum.*' 



Digitized by 



Google 



150 ^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

Man darf gewlB annehmen, daß solche Fälle, wie ja auch 
Eusebius sagt, auf die Nichtchristen einen tiefen Eindruck machten 
und die Propaganda mächtig beforderten. 

(9) Arbeitsnachweis und Recht auf Arbeit in den 
Gemeinden. Das Christentum verbreitete sich zuerst haupt- 
sächlichlich unter der hart arbeitenden Bevölkerung und hat diese 
zwar nicht „die Würde der Arbeit*^ oder „die hohe Befriedigung, 
welche die Arbeit gewährt^, gelehrt, wohl aber die Pflicht zu 
arbeiten ihnen eingeschärfte y^Wer nicht arbeitet, soll auch nicht 
essen^ (II Thess. 3, 10). Daß die Unterstützungspflicht ihre Grenzen 
an der Arbeitsfähigkeit hat, ist inuner wieder gepredigt worden. 
Die Beobachtung, daß Brüder in ein aufgeregtes, arbeitsscheues 
Treiben gerieten, mußte man bald machen, auch die andere, 
schmerzlichere, daß arbeitsscheue Brüder die Mildtätigkeit in eigen- 
nütziger Weise auszubeuten suchten. Die Sache war so bekannt, 
daß in der kurzgefaßten „Apostellehre^ Vorkehrungen gegen solche 
Versuche getroffen sind, und daß Lucian es als einen charakteri- 
stischen Zug im Bilde der Christen bezeichnet, sie ließen sich in 
ihrer Bruderliebe von abgefeimten Schwindlern leicht betrügen*. 

Jedenfalls kann man dem Christentum nicht den Vorwurf 
machen, es habe den Bettel groß ziehen wollen und die Pflicht 
der Arbeit unterschätzt'. Selbst den Vorwurf „infructuosi in 
negotiis^ zu sein, wollte Tertullian nicht auf den Christen sitzen 
lassen: „Wie? Leute, die mit euch zusammenleben, Leute von 
derselben Lebensweise, Kleidung, Einrichtung und denselben Be- 
dürfiiissen des Lebens? Wir sind doch keine Brahmanen oder 
indische Gynmosophisten, Waldmenschen und aus dem Leben 
bereits ausgeschieden? . . , Wir wohnen in dieser Welt mit euch 
zusanmien nicht ohne den Gebrauch des Forum, nicht ohne den 
Fleischmarkt, ohne die Bäder, ohne eure Kaufläden, Werkstätten, 
Ställe, Jahrmärkte und sonstigen Handelsverkehr. Wir treiben 
mit euch Schiffahrt, tun Kriegsdienst, treiben Ackerbau und 
Handel; wir gesellen unsere Kunstfertigkeit zu der der anderen 
und geben die Erzeugnisse unserer Arbeit zu eurem Gebrauche 

^) Als eine stille Unterströmnng verbreitete sich aber doch die Maxime, 
daß gänzliche Hingebung an das Heilige — »der himmlische Vater wird uns 
ernähren, wie er die Vögel ernährt und die Lilien kleidet* — ein höherer 
Stand sei. Apostel und Propheten (wohl auch von Anüang an heroische 
Asketen) brauchten nicht mit der Hand zu arbeiten. Man nahm an, daß 
ihre Predigtt&tigkeit ihre ganze Persönlichkeit fordern und ihre ganze Zeit 
ausftOlen werde. 

*) Scharfe Warnung gegen die „otiosi*, die von Religion schwatzen statt 
zu arbeiten, im pseudoclementinischen Brief de virginit 1, 11. 

') S. II Thess. 8, 6: xagayyüo/uv IftXv h ^röfiatt toO hvqIov */. X. atiXXs» 
o&ai vftäe &ji6 navtos ädsX^pod dtdxxaK xeQutatof>rtos, cf. ▼. 12. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 151 

hin^ (Apol. 42) ^. Sogar Kleriker standen mitten im allgemeinen 
Erwerbsleben^. Über die Notwendigkeit der Arbeit finden sich 
bei Clemens Alexandrinus und anderen treffliche Worte. Daß 
zur Arbeit auch durch die Erwägung angefeuert wurde, man könne 
sich dadurch etwas erwerben, um andere zu unterstützen, wurde 
schon bemerkt (s. o. S. 134). Es war das nicht nur ein flüchtiger 
Gedanke, sondern die häufige Wiederholung dieses Satzes seit 
der Ermahnung im Epheserbrief zeigt, daß man in ihm ein wich- 
tiges Motiv, mit FleiJB zu arbeiten, erkannte. Daß der Arbeiter 
seines Lohnes wert sei, ist ebenfalls schlicht und eindringlich ver- 
kündigt und ein schreckliches Strafgericht denen prophezeit worden, 
welche den Arbeitern ihren Lohn vorenthalten (s. vor allem den 
Jacobusbrief c. 5, 4 f.). Daß in einer religiösen Gemeinschaft, der 
die Gefahr der Schwärmerei und Tatenlosigkeit so nahe lag, so 
nüchtern von der Arbeit gesprochen und so ernsthaft die Arbeits- 
pflicht eingeschärft worden ist, ist bewunderungswürdig'. 

Aber das eigentlich Bemerkenswerte haben wir noch nicht 
berührt. Es waren uns schon früher einige Stellen bekannt, aus 
denen wir schließen konnten, daß in der ältesten Christenheit 
mit der Anerkennung des Anspruchsrechts eines jeden christlichen 
Bruders auf das Existenzminimum auch eine Pflicht der Gemeinden 
existierte, dieses Minimum entweder durch Arbeitsnachweis oder 
durch Unterstützung zu gewähren. So lesen wir in den pseudo- 
clementinischen Homilien (ep. Clem. 8): „dem Arbeitsfähigen 
Arbeit, dem Arbeitsunfähigen Mitleid** *, und Cyprian (ep. 2) hält 



^) Tertullian verschweigt hier seine eigenen sittlichen Anschauungen 
und spricht vom Standpunkt der Majorität der Christen. In Wahrheit yar 
er, wie die Schrift de idololatria lehrt, der Überzeugung, daß es kaum einen 
Beruf (oder ein Handwerk) gebe, das der Christ ausüben könne, ohne sein 
Gewissen mit Götzendienst zu beflecken. 

*) Erst in den Bestimmungen von Elvira (can. 19) liest man Beschrän- 
kungen, aber vorsichtige: «Episcopi, presbyteres et diacones de locis suis 
[nur das wird verboten] negotiandi causa non discedant; . . . sane ad victum 
sibi conquirendum aut filium aut libertum aut mercenarium aut amicum aut 
quemlibet mittant; et si voluerint negotiari, intra provinciam negotientur." 

*) Hier mag noch die in der Didasc. apost. c. 13 S. 78 f. gegebene An- 
weisung stehen: ,A11 ihr Gläubigen nun sollt an jedem Tage und zu jeder 
Zeit, so oft ihr nicht in der Kirche seid, fleißig bei eurer Arbeit sein, so daß 
ihr die ganze Zeit eures Lebens . . . niemals müßig seid. Denn der Herr hat 
gesagt [folgt Proverb. 6, 6 — 11]. Seid also allezeit tätig, denn eine Schande, 
die nicht wieder gut zu machen ist, ist der Müßiggang. So aber jemand 
bei euch nicht arbeitet, der soll auch nicht essen; denn die Faulen haßt 
auch Gott der Herr; ein Fauler nSmlich kann nicht ein Gläubiger werden.*' 

*) UaQixoy^^S fMTta ndatfs ev^QCOvvtjg tag xQO<pdg . . . tote äxixvoig diä 
t&v hiittjSevfidzciyy hvoovfuvot tag XQO<pdoBtc r^g avayxalag xQOfpfjg' tsx^^W 
igyw, dSgaveX iksog. 



Digitized by 



Google 



152 ^16 Missionspredigt in Wort und Tat 

es für selbstverständlich, daB die GFemeinde, wenn sie einem 
Lehrer der Schauspielkunst die Ausübung dieses Berufes unter- 
sagt, für ihn sorgen, bez. wenn er sonst nichts kann, ihm das 
Existenzminimum gewähren mu6^. Aber wir wußten doch nicht, 
ob diese Pflicht wirklich generell empfanden wurde. Seitdem 
1^^ wir die ^Apostellehre^ besitzen, ist das anders geworden. Hier 
heifit es (c. 12), daß kein arbeitsfähiger Bruder länger als zwei 
oder drei Tage von der Gemeinde unterstützt werden soll. Es 
besteht also ein Recht der Gemeinde, solche Brüder abzuschieben. 
Aber dieses Recht hat zu seiner Kehrseite eine Pflicht: „Ist der 
Bruder ein Handwerker, so möge er sein Handwerk ausüben 
und essen. Kann er aber kein Handwerk, so tragt dafür 
Sorge, daß kein Christ als Müßiger mit euch lebe. 
Wenn er aber das nicht tun will [die ihm von euch nachgewiesene 
Arbeit nicht leisten], so ist er einer, der mit Christus Handel 
treibt (xQioiiimoQog). Haltet euch fem von solchen.^ Hiemach 
ist es nicht zweifelhaft, daß der christliche Bruder in der Ge- 
meinde Arbeit verlangen konnte, und daß sie ihm solche nach- 
weisen mußte. Nicht nur die Unterstützungspflicht also ver- 
band die Gemeindeglieder — sie war nur die ultima ratio — , 
sondern sie waren in diesem Sinne auch eine Arbeitsgemeinschaft, 
daß die Gemeinden, wo es nötig, dem Brader Arbeit zu verschaflFen 
hatten. Diese Tatsache scheint mir sozial von hohem Werte. 
Die Gemeinden waren auch wirtschaftliche Gemeinschaften. Der 
durch Cyprian bezeugte Fall beweist es, daß hier nicht etwa nur 
eine rhetorische Maxime zu erkennen ist. Für arbeitswillige 
Menschen, die in Not geraten waren, war mithin die christliche 
Gemeinde ein Zufluchtsort. Ihre Anziehungskraft war dadurch 
erhöht, und wirtschaftlich müssen wir eine Gemeinschaft sehr hoch 
schätzen, die den Arbeitskräftigen Arbeit gewährte und die Ar- 
beitsunfähigen vor dem Hunger schützte. 

(10) Die Sorge für zugereiste Brüder (Gastfreund- 
schaft) und für arme oder gefährdete Gemeinden^. 

^) ,Si paennriam talis et necessitatem paupertatis obtendit, potest inter 
ceteros qui eoclesiae alimentis sostinentnr hnius quoque necessitas adiavari, 
si tarnen contentus sit frogalioribus et innocentibus cibis nee putet salario 
86 esse redimendum, ut a peccatis cesset.'' 

*) Hier habe ich meine in der „Monatsschrift f. Diakonie und innere 
Mission" (1879 Dez., 1880 Jan.) erschienene Abhandlung zu Grunde gelegt. 
Größere Ausführlichkeit war in diesem Abschnitt am Platze, da die Verhält- 
nisse der Einzelgemeinde zur Gesamtchristenheit hier in Betracht konmien. 
Den idealen Hinterg^rund der Betätigungen kann man in dem Wort Ter- 
tullians finden (de praescr. 20): „Omnes ecclesiae una; probant unitatem 
ecclesiarum communicatio pacis et appellatio fratemitatis et contesseratio 
hospitalitatis.* 



Digitized by 



Google 



Das Evangeliam der Liebe und Hilfleistung. 153 

Über den Ereis der eigenen Gemeinde griff die Diakonie 
hinaus, sofern sie die Pflege der Fremdlinge, d. h. zunächst 
der zugereisten christlichen Brüder, ausdrücklich in ihre Aufgabe 
mit einschloß. In dem ältesten Bericht, den wir über den G-e- 
meindegottesdienst besitzen (Justin, Apol. I, 67, s. o. S. 132), werden 
unter denen, welche Unterstützungen aus der Gemeindekasse 
erhalten, auch die herzugereisten Fremden genannt. Die Pflege 
derselben wird also nicht bloß dem guten Willen einzelner 
überlassen, obschon auch dieser mannigfach in Anspruch ge- 
nommen und die Tugend der Gastfreundschaft immer wieder 
eingeschärft wird^, sondern gilt als eine Gemeindeangelegenheit. 
In dem ersten Brief des Clemens an die corinthische Gemeinde 



^) Böm. 12, 18: „Nehmet euch der Heiligen Notdurft an. Herberget gem.*' 
IPetr. 4,9: «Seid gastfrei untereinander ohne Murmeln." Hebr. 6, 10; 13,2: 
, Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn durch dasselbe haben etliche, ohne 
ihr Wissen, Engel beherberget." Die Empfehlung einzelner Personen an die 
Ckistfreundsehaft der Gemeinde durch Paulus öfters, z. B. Rom. 16, 1 f. : ,Daß 
ihr sie aufiiehmt in dem Herrn, wie sich's ziemet den Heiligen." 8. auch 
3. Joh. 5 — 8. Im Hirten des Hermas wird Mand. VUI, 10 in dem Tugend- 
katalog die Gastfreundschaft ausdrücklich genannt mit dem bemerkenswerten 
Zusatz: h yäg tfj tpiXo^evig, svQlaxerai äya&onolr^alg jioxe. In demselben Buche 
werden Sim. VIII, 10, 8 solche Christen gerühmt, welche elg xovg otxovg amiav 
^icDg vneds^ayxo xovg dovXovg xoO ^bov. Aristides in seiner Apologie (c. 15) 
schreibt von den Christen: ^hw iav tÖcoöiv, 1x6 axSytfv sladyovai not x<'^vaiv 
hi am^ &g ksii adshp^ äXij^iv^. Tertullian setzt die private Ausübung der 
Gastfreundschaft gegenüber christlichen Brüdern als eine Pflicht, der sich 
niemand entziehen dürfe, voraus, wenn er seine Frau im Falle seines früheren 
Ablebens auch deshalb ermahnt, mit keinem Heiden eine zweite Ehe ein- 
zugehen, weil im fremden Hause kein wandernder Bruder gastliche Au&ahme 
finden würde (ad uzor. II, 4). Besonders eingeschärft aber wird die Ghist- 
freundschaft den Gemeindebeamten, den Ältesten (Bischöfen) und Diakonen, 
da sie ja im Namen der ganzen Gemeinde diese Tugend ausüben ; s. I Tim. 3, 2, 
Tit. 1, 8 (I Tim. 5, 10). Im Hirten des Hermas bilden eine besondere Klasse 
der Seligen die gastfreien Bischöfe, „welche allezeit gerne die Knechte Gottes 
in ihre Häuser aufgenommen haben ohne Heuchelei" (Sim. IX, 27, 2). In der 
«Apostellehre" nehmen die Anweisungen, welche die Sorge für die Zugereisten 
betreffen, einen verhältnismäßig großen Raum ein. Cyprians Sorge für die 
Fremden bezeugt der 7. Brief, den er während der Verfolgung des Decius aus 
seinem Zufluchtsort an seinen Klerus in Carthago geschrieben hat: . . . «vidu- 
arum et infirmorum et omnium pauperum curam peto diligenter habeatis, 
sed et peregrinis si qui indigentes fuerint sumptus suggeratis de quantitate 
mea propria quam apud Rogatianum compresbyterum nostrum dimisi. Quae 
quantitas ne forte iam erogata sit, misi eidem per Naricum acoluthum aliam 
X>ortionem, ut largius et promptius circa laborantes fiat operatio." S. auch 
Apost Constit. lU, 3 (p. 98, 9 sq. edid. de Lagarde). Ep. Clem. ad Jacob, 
(p. 9, 10 sq. edid. de Lagarde): twg ^hovg fiexä ndatfg xQo&vfuag elg tov? iav- 
t&v o^ovg Xa/Aßdvex8. — Lucian in seiner Spottschrift über das Lebensende 
des Peregrinus erzählt, wie dieser, Christ geworden, auf seinen Wanderungen 
reichlich unterstützt worden ist. „Peregrinus nun zog so zum zweitenmal 
aus und begab sich auf die Wanderschaft; einen hinreichenden Zehrpfennig 



Digitized by 



Google 



154 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

wird unter den Tugenden, durch welche diese sich ausgezeichnet 
hat, namentlich erwähnt, daß jedermann, der sich bei ihr auf- 
gehalten habe, ihre herrliche Sitte der Gastfreundschaft preise^. 
Es ist aber vor allem die römische Kirche selbst, welche in den 
ersten Jahrhunderten durch die weitherzige Übung dieser Tugend 
hervorleuchtet. In einem Schreiben aus der Zeit Marc Aureis, 
einem Briefe des corinthischen Bischofs Dionysius an die römische 
Gemeinde, wird anerkannt, daß diese Kirche ihre uralte Ge- 
wohnheit, den auswärtigen Brüdern Wohltaten zu erweisen, 
beibehalten habe. ^Diesen Beruf hat euer würdiger Bischof Soter 
nicht nur bewahrt, sondern sogar noch gesteigert, indem er nicht 
bloß die für die Heiligen bestimmten Gaben reichlich spendet, 
sondern die (durchreisenden) zurückkehrenden Brüder wie ein 
liebevoller Vater seine Kinder mit gottseligen Worten tröstet ^.'' 
Wir kommen später noch auf diese Stelle zurück; aber soviel 
darf schon hier gesagt werden, daß die römische Gemeinde 
nicht nur deshalb so rasch an die Spitze der abendländischen 
Christenheit getreten ist, weil sie in der Hauptstadt des Reiches 
ihren Sitz hatte, oder weil sie die Stätte apostolischer Wirksam- 
keit im Occident gewesen ist, sondern vor aUem auch deshalb, 
weil sie die besonderen Verpflichtungen der allgemeinen Fürsorge 
erkannt hat, welche ihr in der Reichshauptstadt auferlegt waren. 
Das wirksame Interesse am Gesamtwohl der Kirche Christi ist 
in der römischen Gemeinde, wie wir sehen werden, von Anfang 
an in besonderem Maße lebendig gewesen. Dasselbe kam aber 
auch in der Übung der Tugend der Gastfreundschaft zum Aus- 
druck. In einer Zeit, in welcher das Christentum noch Wander- 
religion war, die zufälligen Reisen der Brüder häufig das Mittel 
wurden, um Gemeinden, die sonst ohne jede Verbindung waren, 
einander nahe zu bringen, in welcher gefangene Christen weithin 
durch das Reich geschleppt wurden und verwiesene, notleidende 
Brüder Schutz und Trost suchten, mußte die Bewährung der 
Gastfreundschaft von besonderer Wichtigkeit sein. Bereits im 
2. Jahrhundert hat ein kleinetöiatischer Bischof sogar ein Buch 
über sie geschrieben', und so hoch wird sie in den Gemeinden 

hatte er von den Christen, die seine Trabanten machten, so daß er in Hülle 
nnd Fülle lebte. Eine Zeitlang fütterte er sich also auf solche Weise" (c 16). 
Wie die Gastfrenndschafb in Ansprach genommen nnd geübt wnrde, erkennt 
man auch aus den pseudoclementinischen Briefen de virginitate. Endlich 
hebt auch Julian (£p. ad Arsac.) 4 ^'6' ^<^^ iirovg <piXav^g<07rla bei den 
Christen hervor und wünscht, daß seine Glaubensgenossen sie nachahmen. 
') I Clem. 1, 2: tle yag stagejudijfii^oag 9€Q6g ifiäs . . . to fuyaXtmQouQ xfjg 

>) Euseb., bist, eccles. IV, 28, 10. 

*) Melito V. Sardes nach der Angabe des Eusebius (h. e. lY, 26, 2). 



Digitized by 



Google 



Das Eyangelimn der Liebe und Hilfleistung. 155 

gerühmt, daB man ihr neben dem Glauben (als der rechten Be- 
tatigimg desselben) die nächste Stelle anwies. „Um seines Glaubens 
und seiner Gastfreundschaft willen wurde dem Abraham noch in 
seinem Alter ein Sohn beschert." — „Der Gastfreundschaft und 
der Frömmigkeit wegen ist Lot aus Sodom gerettet worden." — 
„Um ihres Glaubens und ihrer Gastfreundschaft willen ist die 
Rahab errettet worden." — An solche Beispiele und in solchen 
Worten erinnert die römische Kirche die corinthische Schwester- 
gemeinde ^ Aber nicht nur eine flüchtige Gastfreundschaft wurde 
gewährt. Von dem Recht auf Arbeit in der Gemeinde wurde 
bereits oben gesprochen (s. S. 150 f.); auch die Zugereisten, wenn 
sie sich niederlassen woUten, durften es in Anspruch nehmen, ja 
wir kennen es deutlich nur aus den Anweisungen für solche Fälle. 
An Straßen, die durch öde Gegenden führten, wurden Hospize 
eingerichtet. Das älteste Beispiel bieten die Acta Archelai^ um 
den Anfang des 4. Jahrhunderts. 

Solch weitgehendes Entgegenkommen konnte leicht mißbraucht 
werden (s. o. Peregrinus Proteus; namentlich mit angeblichen 
Lehrern und Propheten hat man schlimme Erfahrungen gemacht): 
Irrlehrer konnten sich einschleichen und Arbeitsscheue und Schwind- 
ler. Wir sehen daher, daß schon frühe gegen solche bestimmte 
Vorsorge getroffen worden ist. Der Ankömmling soll geprüft 
werden, ob er Christ und ein rechter Christ ist (s. 11. u. IQ. Joh., 
Doctr. Apost., 1. c); bei einem zugereisten Propheten sollen die 
Worte und Taten yerglichen werden; ohne Arbeit soll kein Bruder 
länger als zwei, höchstens drei Tage bleiben; dann soll er weiter 
gehen oder arbeiten (Doctr. Apost. 12). Später verlangte man, 
daß der zugereiste Bruder eine Art Ton Paß aus seiner heimat- 
lichen Gemeinde brächte. Es mußte weit gekommen sein, wenn 
die Apostellehre erklärte, jeder zugereiste Prophet sei ohne 
weiteres als Pseudoprophet zu betrachten, der sich in der Ekstase 
ein Diner bestelle und dann wirklich das Mahl einnehme, oder 
der in der Ekstase Geld verlange. Manche Zugereiste, die sich 
niederlassen woUten, kamen übrigens nicht mit leeren Händen; 
sie forderten nicht, sondern sie gaben. So wissen wir von Marcion 
(s. o.), daß er, aus dem Pontus kommend, bei seinem Eintritt in 
die römische Gemeinde dieser 200000 Sesterzen dargebracht hat 
(Tertull. de praescr. 30). Aber das waren Ausnahmen; in der 
Regel waren die Zugereisten hilfsbedürftig. 

Die Fürsorge für die reisenden Brüder bildete naturgemäß 
die Brücke zu der Teilnahme und der Sorge für entfernte arme 

>) laem. 10,7. 11,1. 12,1. 

*) 8. c. 4: .... si qnando veluti peregrinans ad hospitium perrenisset, 
qnae qnidem di veneria hospitalissinras Marcellus iDstmxerat." 



Digitized by 



Google 



156 ^^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

und gefährdete Gemeinden. Das eingehende Interesse, welches 
man dem Gaste widmete, konnte nicht aufhören, wenn er die 
Schwelle des Hauses, das Tor der Stadt verlassen hatte. Aber 
dies ist doch nur das Geringere. Der Gast war ja selbst jedes- 
mal der Gemeinde, zu der er kam, ein Repräsentant, ein Bote 
aus einem fernen, vielleicht völlig unbekannten, aber doch ver- 
wandten Bruderkreise. Was er erzählte von der Not und dem 
Leiden oder dem Wachstum und den Gnadengaben seiner heimat- 
lichen Gemeinde, das war keine Kunde als von Fremdem. Die 
ältesten Gemeinden wußten sich in Glauben und Beruf innerhalb 
der Welt eng verbunden und empfanden nach der apostolischen 
Regel: ^So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so 
ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit*.^ 
Und gewiß: dieses Bewußtsein ist in den Zeiten am stärksten 
und lebendigsten gewesen, in denen noch kein äußeres Band die 
fast independentistisch nebeneinander stehenden Gemeinden mit- 
einander verband, in denen der uralte Artikel des allgemeinen 
Symbols: „Ich glaube eine, heilige Kirche", wirklich nur ein 
Glaubenssatz gewesen ist. Aber freilich, um so stärker wirkten 
die inneren Verbindungen: die Gemeinschaft desselben Glaubens, 
bald auch ausgedrückt in einem kurzen, kräftigen Bekenntnis, die 
gleiche Ausübung der Liebe, Geduld und christlichen Erziehung, 
sowie die gemeinsame Hoffnung auf die Zeit der herrlichen 
Ausgestaltung des Reiches Christi, für welches aUe das gleiche 
Angeld und Unterpfand schon empfangen hatten. Dieser Besitz 
belebte die Bruderliebe und machte die Unbekannten bekannt, 
brachte die Femen nahe. „An geheimen Zeichen und Merkmalen 
kennen sie sich und lieben einander, schier bevor sie sich kennen 
gelernt haben*^, sagte der Heide Cäcilius von den Christen*. Es ist 
später anders geworden, wenn auch das lebendige Gefühl, einem 
Bruderbunde anzugehören, niemals ganz geschwunden ist. 

In dem großen Gebete, in welchem sonntäglich die Gemeinden 
ihren Dank und ihre Bitte Gott vortrugen, hatte die Fürbitte für 
die ganze Christenheit auf dem Erdkreise ihre feste SteUe. Von 
dorther wurde das Bewußtsein, einer heiligen Christenheit anzu- 
gehören, bald in den einzelnen Gliedern belebt und die Erinnerung 
an die Aufgaben für das Ganze wach erhalten. Wo nur in Briefen 
und Schriftstücken der ältesten Zeit des Gemeindegebetes gedacht 
wird, da wird auch dieser ökumenische Charakter desselben aus- 
drücklich hervorgehoben*. Im einzelnen aber vermittelten Briefe, 



*) I Cor. 12, 26. — *) Cftcil. bei Minuc. Felix, Octav. 9, 3. 
*) Vgl. I Clem. 59, 2 f. und meine Bemerkungen zu dieser Stelle. Poljc, 
PhiUpp. 12,2f. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 157 

Zirkulärschreiben, Brief sammlimgen, übersandte Akten oder offi- 
zielle Berichte, Reisende und Spezialgesandte den Verkehr. In 
wichtigen Fällen haben sich die Bischöfe selbst aufgemacht, um 
Streitfragen beizulegen oder ein gemeinsames Abkommen zu treffen. 
Es ist hier nicht unsere Aufgabe, diesen mannigfaltigen Verkehr 
zu schildern; wir beschränken uns darauf, diejenigen Berichte zu 
sammeln und zu beleuchten, in denen die eine Gemeinde in Fällen 
der Not der anderen zu Hilfe gekommen ist. Armut, Ejrankheit, 
Verfolgung und Leiden aller Art sind es einerseits gewesen, welche 
tätige Hilfe von selten der besser situierten Genxeinden erheischten, 
andererseits waren es innere Krisen in bezug auf Lehre und 
Leben, Disziplin und Kultus, welche eine Gemeinde bedrohten, 
ja ihre Existenz in Frage stellen konnten. In beiden Fällen 
hatte sich die chrisüiche Bruderliebe der Schwestergemeinden zu 
bewähren. 

Das erste Beispiel von Unterstützung der einen Gemeinde 
durch eine andere begegnet uns schon im Anfange des aposto- 
lischen Zeitalters. In der Apostelgeschichte (11, 27 f.) lesen wir, 
daß in Antiochien Agabus eine Teuerung geweissagt habe. Auf 
diese Kunde hin sammelte die junge antiochenische Gemeinde 
für die armen Brüder in Judäa und schickte die Spende durch 
Bamabas und Paulus an sie ab ^. Eine heidenchristliche Gemeinde 
ist es gewesen, welche, soviel wir wissen, zuerst der Not einer 
Schwestergemeinde zu HiKe gekommen ist. Bald sollte sich die 
brüderliche Liebe der jungen christlichen Gemeinden aus den 
Heiden in Asien und Europa in noch größerem Umfange bewähren. 
Die Armut der jerusalemischen Muttergemeinde hat auch nach 
der Zeit der Teuerung fortbestanden. Die Gründe hierfür sind 
unbekannt. Man hat auf den Versuch, freiwillige Gütergemein- 
schaft einzufahren, welchen die Gemeinde am Aiifange gemacht 
haben soll, verwiesen ; er sei mißlungen, und die Gemeinde somit 
verarmt. Dies ist vage Vermutung; aber die Tatsache selbst steht 
fest. Bei der entscheidenden Zusammenkunft in Jerusalem, auf 
welcher die drei Säulenapostel die Heidenmission des Paulus 
ausdrücklich anerkannten, verpflichtete sich dieser, der jerusalemi- 
schen Armen in den fernen Ländern zu gedenken. In welchem 
Umfange und mit welcher Treue der Apostel dieser Verpflichtung 
nachgekommen ist, das zeigen uns die Briefe an die Galater, 
Corinther und Romer. Seine Stellung ist in dieser Angelegenheit 
keine leichte gewesen: er hatte sich für seine Person zu einer 
KoUekte verpflichtet, die doch, wenn sie Wert haben sollte, die 

^) Der Bericht der Apostelgesch. über die antiochenische Spende und 
die Reise des Bamabas nnd Paulos nach Jemsalem unterliegt allerdings 
kritischen Bedenken, die aber nicht unüberwindlich sind, s. Overbeck z. d.St. 



Digitized by 



Google 



158 I^iö Missionspredigt in Wort nnd Tat. 

freie Opferwilligkeit der von ihm gestifteten Gemeinden zur 
Yoranssetzimg hatte. Er war gewiß, auf diese rechnen zu dürfen, 
und hat sich nicht getäuscht. Seine Sache wurde die seiner Ge- 
meinden, und in Galatien, Macedonien, Achaja sammelte man für 
die fernen jerusalemischen Brüder. Als der Apostel es erleben 
mußte, daß in Corinth eine schwere Krise sein ganzes Werk in 
Frage stellte, selbst da hat er neben dem Größeren die Kollekten- 
Sache nicht vergessen. Die Sammlung war dort fast schon ins 
Stocken geraten; die eindringlichen, herzlichen und feinen Worte, 
in denen er die Gemeinde ermahnt, belebten wiederum den in den 
Parteikämpfen erkalteten Eifer ^. „Die aus Macedonien und 
Achaja'', kann er bald darauf den Römern schreiben, „haben 
williglich eine gemeine Steuer zusammengelegt, den armen 
Heiligen zu Jerusalem. Sie haben es williglich getan und sind 
auch ihre Schuldner. Denn so die Heiden sind ihrer geistlichen 
Güter teilhaftig geworden, ist es billig, daß sie ihnen auch in 
leiblichen Gütern Dienst beweisen ^.'^ Eine Liebespflicht der 
Gemeinden aus den Heiden sieht der Apostel in dieser Kollekte. 
Man braucht sich aber nur die Verhältnisse, unter denen sie ge- 
sammelt wurde, zu vergegenwärtigen, um zu erkennen, welche 
Bedeutung zugleich dieses Liebeswerk für die Geber selbst haben 
mußte. Noch bestand keine Lebensgemeinschaft zwischen den 
Christen aus den Heiden und den Christen in Judäa, und doch 
sollten sich jene als Brüder, als Glieder einer Gemeinde mit 
diesen geeint wissen. Nachfolger der Gemeinden Gottes in Judäa 
sind die Gemeinden in Asien und Europa', und doch bestand 
keine Gemeinschaft des Kultus, des Lebens, der Sitte zwischen 
ihnen. Jene Spende war somit der einzig sichtbare Ausdruck 
der brüderlichen Einheit, welche sonst nur in dem gemeinsamen 
Glauben festzustellen war. Darin bestand ihre hohe Bedeutung. 
Einzig in dieser Sorge der Heidenchristen für die notleidenden 
Brüder in Jerusalem tritt eine längere Zeit hindurch das Bewußt- 
sein um eine innerliche Gemeinschaft aller Christen auch äußer- 
lich hervor. Wie lange die Unterstützungen gedauert habea, 
wissen wir nicht. Die großen Katastrophen in Palästina seit der 
Mitte der sechziger Jahre sind jedenfalls auch für die Beziehungen 
der Christen aus den Heiden zu denen in Jerusalem und Palästina 
verhängnisvoll geworden*. — Vierzig Jahre später brach die 
Verfolgungszeit über die Gemeinden herein. Aber eine allgemeine 

*) II Cor. 8. 9. — *) Rom. 15, 26 f. — ») I Thessal. 2, 14. 

*) Wie Hebr. 6, 10 zu deuten ist, ist ungewiß. — Es mag hier erwähnt 
sein, daß mehr als dreihundert Jahre später Hieronymus aus jener von Paulus 
betriebenen Kollekte eine Pflicht aller Christen im römischen Reiche dedu- 
ziert hat, die Mdnchskolonien an den heiligen Stätten zu Jerusalem und 



Digitized by 



Google 



Das Evangeliam der Liebe und Hilfleistong. 159 

Yerfolgimg hat bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts nicht statt- 
gefunden. Während einige Gemeinden bedrängt, ihrer Güter 
beraubt^ und in ihrem Bestände gefährdet wurden, konnten sich 
andere des Friedens erfreuen. Diesen erwuchs mm die Pflicht, 
den Verfolgten zu Hilfe zu eilen. Sie haben sich dieser Pflicht 
nicht entzogen. Justin berichtet uns^, daß die in der Gemeinde 
gesammelten Gelder regelmäßig auch für die Pflege der Gefangenen 
verwendet wurden, und Tertullian bestätigt und erweitert diese 
Angabe, indem er sagt, daß die in den Bergwerken Schmachten- 
den, die auf wüste Inseln Verbannten und die Gefangenen unter- 
stützt würden*. Beide Zeugnisse lassen es unklar, ob nur Glieder 
der heimischen Gemeinde zu verstehen sind; aber schon an sich 
ist dies nicht wahrscheinlich, und ausdrückliche Angaben, sowie 
selbst ein heidnischer Bericht, stehen dem entgegen. Dionysius 
von Corinth schreibt um das Jahr 170 an die Romer: „Ihr habt 
von Anfang an die Gewohnheit gehabt, daß ihr allen Brüdern 
die mannigfachsten Wohltaten erwieset und vielen Gemeinden 
in den verschiedenen Städten Unterstützungen schicktet und auf 
diese Weise bald die Armut der Dürftigen erleichtertet, bald den 
in den Bergwerken befindlichen Brüdern den nötigen Unterhalt 
verschafiFtet. Durch diese Gaben, die ihr schon von Anfang an zu 
schicken pfleget, bleibt ihr als Romer einer von. den Vätern er- 
erbten Sitte der Römer treu. Diesen Brauch hat auch euer 
würdiger Bischof Soter nicht nur bewahrt, sondern sogar noch 
gesteigert*.*^ Himdert Jahre später kommt der Bischof Dionysius 
von Alexandrien in einem Briefe an den Bischof Stephanus von 
Rom auf die Kirchen in Syrien und Arabien zu sprechen und 
bemerkt beiläufig: „Dorthin schickt ihr regelmäßig Unterstützungen 
und habt erst vor kurzem wieder geschrieben*.'' Basilius der 
Große erzählt, daß zur Zeit des römischen Bischofs Dionysius 
(259—269) die römische Kirche Gelder nach Cappadocien geschickt 
habe zur Auslösung der christlichen Gefangenen aus den Händen 
der Barbaren. Noch am Ende des vierten Jahrhunderts erinnerte 



Bethlehem zn unterstützen. In seiner Schrift gegen Yigilantius, der gegen 
die Verschleuderung von Geldmitteln zum Unterhalt der Mönche in Judäa 
aufgetreten wtur, entwickelt er geradezu einen Schriftbeweis für die Verpflich- 
tung zu jenen Kollekten aus II Cor. 8 usw. (adv. Vigilant. 13). 

^) Verarmungen christlicher Gemeinden durch Gütereinziehung seitens 
der Obrigkeit stellten sich schon zur S^eit Domitians ein, s. Hebr. 10, 84 (wenn 
dieser Brief in diese Zeit gehört), Euseb., h. e. III, 17. 

*) A. a. 0. 

•) Tertull., Apolog. 89: „si qui in metallis et si qui in insulis, vel in 
custodiis, dumtaxat ex causa dei sectae, alnmni confessionis suae fiunt.** 

*) Euseb., h. e. IV, 23, 10. — •) Euseb., h. e. VII, 5, 2. 



Digitized by 



Google 



100 1^0 Missionspredigt in Wort und Tat. 

man sich dessen mit Dank in Cappadocien ^. Eosebias^ endlich 
bezeugt, daß die römische Gemeinde auch in der letzten Ver- 
folgung (der diocletianischen) ihrer Gewohnheit, leidende aus- 
wärtige Gemeinden zu unterstützen, treu geblieben sei. So legen 
Corinth, Syrien, Arabien und Cappadocien, Kirchen des Ostens, 
ein Zeugnis des Ruhmes ab für die römische Kirche, und wir 
verstehen es nach den Worten des Dionysius von Corinth, wie 
Ignatius die Gemeinde zu Rom die TiQOxa&YifjUvYi xijg äydmjg, die 
procuratrix caritatis, nennen konnte'. Aber auch andere Ge- 
meinden und deren Bischöfe sind nicht zurückgeblieben. Von der 
carthaginiensischen Kirche imd deren Bischof Cyprian ist uns 
Ähnliches berichtet. Aus mehreren Briefen, die kurz vor der 
Hinrichtung Cyprians geschrieben sind, geht hervor, daß er an 
die damals in Numidien gefangen gesetzten Christen Unterstützungen 
gesandt hat^, und Ahnliches von seiner Sorge für fremde Christen 
und auswärtige Gemeinden erfahren wir auch sonst noch aus 
seiner Korrespondenz. Am denkwürdigsten ist in dieser Hinsicht 
sein Brief an numidische Bischöfe vom Jahre 253. Diese hatten 
ihm gemeldet, daß wilde Räuberhorden in das Land eingefallen 
seien und viele Christen beiderlei Geschlechts als Gefangene fort- 
geschleppt hätten. Cyprian veranstaltete sofort eine KoUekte und 
übersandte das , Ergebnis derselben den Bischöfen zugleich mit 
einem Schreiben^. Es ist die ausfohrlichste und wertvollste Ur- 
kunde, welche wir aus den drei ersten Jahrhunderten in bezug 
auf Unterstützungen einer Gemeinde durch eine andere besitzen, 
und mag daher hier seine Stelle finden: 

„Cyprianus entbietet den Brüdern Januarius, Maxi- 
mus, Proculus, Victor, Modianus, Nemesianus, Nampu- 
lus und Honoratus seinen Gruß. 

Mit größtem Schmerze der Seele und unter vielen Tränen 
haben wir euer Schreiben, geliebteste Brüder, gelesen, welches ihr 
in Besorgnis der Liebe in bezug auf die Gefangenschaft unserer 
Brüder und Schwestern an uns gerichtet habt. Denn wer emp- 
fände nicht Schmerz bei solchen Unglücksfällen, oder wer macht 
nicht den Schmerz des Bruders zu seinem eigenen, da der Apostel 
Paulus spricht: „So ein Glied leidet, so leiden auch die anderen 
mit, und so ein Glied sich freut, so freuen sich die anderen mit^, 
und an einer anderen Stelle: „Wer ist schwach und ich werde 
nicht mit schwach^. Daher müssen auch wir jetzt die Gefangen- 
schaft unserer Brüder als unsere Gefangenschaft betrachten und 

*) Baeilius, ep. (70) ad Damasum papam. — *) Euseb., h. e. IV, 23, 9. 
*) Ignat. ad fiom. prooem. S. Zahn z. d. St: ,In caritatis operibns 
semper primam loctun sibi vindicavit ecclesia RomaDa.* 
*) Cypr. epp. 76—79. — ») Cypr. ep. 62. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelimn der Liebe und Hilfleistnng. 161 

den Schmerz der Gefährdeten f£Lr unseren Schmerz halten, da 
wir ja in unserer Vereinigung nur einen Leib bilden und nicht 
nur die Liebe, sondern auch die Pflicht des Glaubens uns 
antreiben und stärken muß, um die Glieder, die Brüder, loszu- 
kaufen. 

Denn da der Apostel Paulus abermals spricht: „Wisset ihr 
nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der heilige Geist in 
euch wohnet^, so muß man, wenn auch die Liebe nicht stark 
genug zur Hilfleistung für die Brüder antriebe, in diesem Falle 
bedenken, daß es Tempel Gottes sind, die da gefangen sind. 
Wir dürfen es nicht lange zögernd und des Mitleids vergessend 
ertragen, daß Gottes Tempel eine lange Zeit gefangen sind, son- 
dern wir müssen mit allen Kräften uns anstrengen und schleunig 
es bewerkstelligen, die Gnade Christi, unseres Richters, Herrn 
und Gottes, durch unsere Dienste zu verdienen. Denn da der 
Apostel Paulus spricht: „Soviele eurer in Christo getauft sind, 
die haben Christum angezogen^, so müssen wir in unseren ge- 
fangenen Brüdern Christum erblicken und ihn aus der Gefahr 
der Gefangenschaft erlösen, der uns aus der Gefahr des Todes 
erlöst hat. Ihn also, der uns aus dem Bachen des Teufels ge- 
zogen, der uns am Kreuze durch sein Blut erkauft hat, der jetzt 
selber in uns bleibt und wohnt, ihn müssen wir durch eine 
Summe Geldes aus den Händen der Barbaren auslösen. . . . 
Wie sollte auch nicht das Gefühl der Menschlichkeit und das 
Bewußtsein gegenseitiger Liebe jeden Yater bewegen, in den dort 
Gefangenen seine Söhne zu erblicken, und jeden Gemahl, für seine 
dort im Geföngnis schmachtende Gattin den Schmerz und die 
Liebe des ehelichen Bundes zu empfinden . . (es folgt eine Aus- 
führung über die besonders entsetzliche Lage der geweihten Jung- 
frauen) . . Dieses alles hat auf Grund eueres Briefes unsere 
Gemeinde in Erwägung gezogen und mit Schmerz durchgeprüft, 
und daher haben alle rasch und gerne und reichlich Geldspenden 
für die Brüder herbeigebracht. Immer sind sie gemäß der 
Stärke ihres Glaubens willig zu jedem Werke Gottes; dieses 
Mal aber hat die Betrachtung eines so großen Schmerzes sie in 
noch höherem Grade zu heilsamen Werken entflammt. Denn 
wenn der Herr in seinem Evangelium sagt: ^Ich bin krank ge- 
wesen, und ihr habt mich besuchf*, wie wird er erst zu weit 
größerer Belohnung unseres Almosens sagen: „Ich bin gefangen 
gewesen, und ihr habt mich losgekauft^. Und da er abermals 
spricht: „Ich bin gefangen gewesen, und ihr habt mich besucht^, 
wie viel mehr wird es dann am Gerichtstage wert sein, an dem 
wir von dem Herrn den Lohn erhalten sollen, wenn er sagt: „Ich 
bin im Kerker der Gefangenschaft gewesen, und gefesselt und 

Harnack, Mission. 2. Aufl. H 



Digitized by 



Google 



162 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

gebunden lag ich bei den Barbaren, und aus jenem Geföngnis 
der Sklaverei habt ihr mich befreif*. Endlich danken wir euch, 
daß ihr uns an euerem Kummer und an diesem so guten und 
notwendigen Liebeswerke Anteil nehmen ließet, so daß ihr uns 
fruchtbares Ackerfeld darbotet, in welches wir die Samenkörner 
unserer Hoffnung ausstreuen konnten in der Erwartung, daß wir 
die herrlich großen Früchte, welche aus diesem himmlischen 
und heilsamen Werke hervorgehen, ernten werden. Wir über- 
senden euch aber 100000 Sestertien (etwa 17—20000 Mark), 
welche hier in der Kirche, deren Vorsitz wir durch Gottes Barm- 
herzigkeit führen, aus den Beiträgen unseres Klerus und Volkes 
gesammelt worden sind ; ihr möget sie dort nach euerem gewissen- 
haften Ermessen verteilen. 

Schließlich wünschen wir, daß sich in Zukunft nichts der- 
gleichen mehr ereigne, und daß unsere Brüder, durch Gottes Macht 
geschützt, von solchen Gefahren nicht mehr betroffen werden mögen. 
Sollte sich aber doch noch zur Prüfung unseres Glaubens und 
unserer Liebe Ahnliches wieder ereignen, so zögert nicht, es uns 
schriftlich anzuzeigen. Seid versichert und wisset, daß unsere 
Kirche und die ganze Gemeinde flehentlich betet, es möge nicht 
wieder eintreten; geschiehts aber doch, daß sie gerne und reich- 
lich Beiträge spenden wird. Damit ihr aber unserer Brüder 
und Schwestern, welche zu diesem so notwendigen Liebeswerke 
bereitwillig und gerne beigetragen haben, bei eueren Gebeten 
eingedenk seid, auf daß sie immerfort zum Geben bereit seien, 
und damit ihr ihnen bei eueren Opfern und Gebeten das gute 
Werk vergelten könnt, habe ich ihre Namen einzeln beigefügt. 
Ich habe auch die Namen unserer Kollegen (der Bischöfe) und 
der Priester beigeschrieben, welche unserem Beispiele folgend bei 
ihrem Hiersein in ihrem und ihrer Gemeinde Namen nach ihrem 
Vermögen etliches beigesteuert haben; auch habe ich neben der 
von uns gesandten Hauptsumme ihr Sümmchen ebenfalls ange- 
geben und mitgeschickt. Es ist nun euere Pflicht, dieser aller 
in eueren Gebeten und Andachten zu gedenken, wie Glaube und 
Liebe es erheischen. 

Wir wünschen euch, teuerste Brüder, stets Wohlergehen in 
dem Herrn. Gedenket unser." — 

Unverkennbar ist die carthaginiensische Gemeinde sich be- 
wußt, etwas Außerordentliches getan zu haben. Aber doch ist 
das Bewußtsein, hier eine Pflicht der Liebe erfüllt zu haben, 
lebendig, und die religiöse Begründung solcher Pflicht musterhaft. 
Auch versteht es sich von selbst, daß eine so liberale Unter- 
stützung nicht den Erträgen der regelmäßigen Gemeindekollekte 
entnommen werden konnte. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 163 

Wir haben aber noch ein anderes Beispiel für die Sorge 
Cyprians, eine auswärtige Gemeinde betreffend. In jenem oben 
(S. 152) besprochenen Fall des Lehrers der Schauspielkunst, der 
von seinem Unterricht abstehen und, wenn er sonst keine Mittel 
hat, von der Gemeinde erhalten werden soll, schreibt Cyprian 
(ep. 2), der Mann möge nach Carthago kommen und dort von 
der Gemeinde Unterstützimg empfangen, falls seine heimische 
Gemeinde zu arm sei, ihn zu ernähren^. 

Wie rege und wirksam aber der Anteil auch femer Gemein- 
den zur Zeit oder im Falle einer Verfolgung gewesen ist, bezeugt 
Lucian, in den Tagen des Kaisers Marc Aurel, in der Spottschrift 
über das Lebensende des Peregrinus. Der Statthalter von Syrien 
hatte diesen von Lucian als ruchlosen Schwindler geschilderten 
Mann, nachdem er Christ geworden, einsetzen lassen. Lucian 
berichtet nun, wie er von den Christen im Gefilngnisse geehrt 
worden sei. Dann fährt er fort (c. 13): „Ja sogar aus einigen 
Städten der Provinz Asia kamen Leute, welche die Christen im 
Namen ihrer Gemeinde abgeschickt hatten, um Beistand zu leisten, 
die Verteidigung zu fuhren und den Mann zu trösten. Sie ent- 
wickeln nämlich eine unglaubliche Rührigkeit, sobald sich etwas 
dergleichen ereignet, was ihre gemeinschaftlichen Interessen be- 
rührt; nichts ist ihnen alsdann zu teuer. So flössen denn auch 
damals von ihrer Seite dem Peregrinus nicht unbeträchtliche Geld- 
summen zu, und er verschaffte sich daraus keine geringe Ein- 
nahmequelle^." Es muß also nichts Seltenes gewesen sein, wo- 
von Lucian hier berichtet. Im Namen ihrer Gemeinden kamen 
von fem her Brüder, und sie brachten nicht nur Unterstützungs- 
gelder für die Gefangenen, sondern sie kamen auch zu ihnen in 
das Gefängnis, trösteten sie durch ihre Liebe, ja, versuchten selbst 
im Prozeßverfahren ihnen beizustehen. Zu diesen Angaben des 
heidnischen Schriftstellers bilden die sieben Briefe des Ignatius 
gleichsam einen Kommentar. In ihnen tritt uns die lebendige Teil- 
nahme der kleinasiatischen Kirchen sowie der römischen Gemeinde 
an dem Schicksale eines Bischofs, den sie früher nie gesehen, 
sowie die Sorge für die nun verwaiste antiochenische Gemeinde 
lebhaft entgegen. Ignatius befindet sich auf dem Transport von 



^) ,Si illic ecclesia non suffieit ut laborantibus praestet alimenta, poterit 
86 ad nos transferre [seil, nach Carthago] et hie quod sibi ad victam atque 
ad vestitum necessarium faerit accipere." 

^ Erwähnt mag hier sein, daß es allgemeine Kollekten in der 
ältesten Kirche, wie die Jnden in der Kaiserzeit solche hatten, nicht gegeben 
hat. Die Organisation der Kirchen wäre einem solchen Unternehmen auch 
wenig gönstig gewesen; denn es fehlte der Mittelpunkt, den die Juden in 
Palästina besaßen. 

11* 



Digitized by 



Google 



164 ^^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

Antiochien nach Rom, um dort mit den Tieren zu kämpfen. In 
Antiochien dauert unterdes die Verfolgung der Christen noch fort. 
In Smyrna angelangt, begrüßen ihn die Abgesandten der Ge- 
meinden von Ephesus, Magnesia und Tralles. Nach mehrtägigem 
Verkehr mit ihnen übergibt Ignatius ihnen Briefe an ihre Ge- 
meinden, in welchen er neben anderem den kleinasiatischen 
Brüdern seine verlassene Gemeinde an das Herz legt. „Betet für 
die Kirche in Syrien", schreibt er den Ephesem. „Gedenket in 
eueren Gebeten der Kirche Syriens; ich bin nicht wert, zu ihr 
gerechnet zu werden, da ich der Geringste unter ihnen bin", heißt 
es im Briefe an die Trailer. In dem Briefe an die Magnesier 
wiederholt er dieselbe Bitte; er vergleicht die antiochenische 
Gemeinde mit einem von der glühenden Hitze der Verfolgung 
versengten Felde, das nach einem erfrischenden Tau verlange; 
die Liebe der Brüder soll es erquicken^. Aber gleichzeitig 
wendet er sich bereits an die Römer. Es scheint ein Bruder aus 
Ephesus zu sein, der bereit ist, den Brief an sie zu überbringen. 
Ignatius setzt voraus, daß die Römer schon vor Eintreffen des 
Briefes von seinem Schicksal unterrichtet sind. Was er befürchtet, 
ist, sie könnten ihren Einfluß bei Hofe zu seinen Ghmsten geltend 
machen oder durch eine Appellation an den Kaiser ihn des er- 
sehnten Martyriums berauben wollen. Der ganze Brief ist ge- 
schrieben, um die römische Gemeinde hiervon abzuhalten 2. Uns 
interessiert hier die Tatsache, daß ein fremder Bischof aus fernem 
Land das Eintreten der römischen Gemeinde für ihn voraussetzt, 
sei es nun, daß er dabei an eine legale Appellation oder an die 
Wirksamkeit besonderer Konnexionen der römischen Gemeinde 
gedacht hat. Wenige Tage später befindet sich Ignatius in Troas, 
begleitet von dem ephesinischen Diakon Burrhus und ausgerüstet 
mit Unterstützungen der smymensischen Gemeinde*. Von dort 
aus schreibt er nach Philadelphia und Smyrna — beide Gemein- 
den hat er auf seinen Reisen kennen gelernt — sowie an den 
Bischof der Kirche von Smyrna, Polycarp. Boten aus Antiochien 
sind in Troas zu ihm gekommen und haben ihm von dem Auf- 
hören der Verfolgung berichtet. Sie haben ihm zugleich er- 
zählt, daß Gemeinden aus der Nachbarschaft Antiochiens bereits 
Bischöfe oder Presbyter und Diakonen dorthin gesandt haben, 
um die Kirche zu beglückwünschen*. In der Überzeugung, daß 

*) Eph. 21,2; Trall. 13, 1; Magn. 14. 

*) Auch hier vergißt es Ignatius (c. 9) nicht, seine antiochenische Ge- 
meinde den fernen Römern ans Herz zu legen. „Oedenket in eurem Gebet 
der Gemeinde in Syrien , welche statt meiner Grott zum Bischof bat. Jesus 
Christus allein wird sie (als Bischof) beschj^tzen und euere Liebe." 

») Ad Phüad. 11, 2; ad Smym. 12, 1 - *) Phüad. 10, 2. 



Digitized by 



Google 



Das Evangeliiun der Liebe und Hilfleistang. 165 

das Gebet der kleinasiatischen Gemeinden die antiochenische Kirche 
von der Verfolgung befreit hat, fordert Ignatius diese Gemeinden 
nun auf, ihrerseits ebenfalls Gesandte nach Antiochien zu schicken, 
um sich in dem Dank für die Hilfe Gottes mit der dortigen Ge- 
meinde zu vereinigen: „Da mir gemeldet worden isf*, schreibt er 
nach Philadelphia, „daß gemäß euerem Gebete und der Liebe, 
die ihr habt in Christus Jesus, die Kirche im syrischen Antiochien 
(wieder) Frieden habe, so geziemt es euch, als einer Gemeinde 
Gottes, einen Diakonen mit einer Gottesbotschaft dorthin ab- 
zudelegieren, um sich in der 'Gemeinde- Versanmilung mit ihnen 
zu freuen und den Namen zu verherrlichen. Selig in Jesu Christo 
ist der Mann, der eines solchen Dienstes gewürdigt wird, und euch 
allen wird es zum Ruhme gereichen. Wenn ihr nur woUt, so ist 
euch für den Namen Gottes nichts unmöglich^." Ahnliches 
schreibt er nach Smyma: einen Boten mit einem Gemeinde- 
schreiben sollen auch sie nach Antiochien abschicken^. Der un- 
erwartete schnelle Aufbruch von Troas verhinderte ihn, den übrigen 
kleinasiatischen Gemeinden dieselbe Bitte vorzutragen. Er ersucht 
daher den Polycarp durch einen eigenen Brief, in welchem er 
ihn selbst zur schleunigen Beauftragung eines Gesandten ermahnt *, 
er möge in seinem Namen den übrigen Gemeinden schreiben, 
daß auch sie sich, sei es durch Boten, sei es durch Briefe, an 
der Freude der Antiochener, die eine allgemeine sei, beteiligen*. 
Wenige Wochen später hat die Gemeinde zu Philippi an Polycarp 
geschrieben; sie hat ebenfalls unterdes den Ignatius persönlich 
kennen gelernt, und sie bittet nun den Bischof von Smyma, auch 
ihre Briefe an die Gemeinde zu Antiochia dorthin gelangen zu 
lassen, wenn er einen Boten absende. Polycarp sagt diese Bitte 
zu; ja er stellt sogar in Aussicht, daß er selbst vielleicht der 
Überbringer sein werde. Die Briefe des Ignatius, soviele ihm 
zugekommen, schickte er ihnen auf ihren Wunsch anbei mit, und 
wünscht sichere Nachrichten über das Geschick des Ignatius und 
seiner Genossen von den Philippem zu bekommen*. 

Dies sind in Kürze die Verhältnisse, welche uns aus den 
sieben Briefen des Ignatius und dem Schreiben des Polycarp an 
die Philipper entgegengetreten. Welch eine Fülle von Beziehungen 
der Gemeinden untereinander, welch ein Gemeinsinn und welche 
brüderliche Sorge! Die Unterstützungen durch Geldmittel treten 
hier ganz zurück hinter den Bezeugungen einer persönlichen Teil- 
nahme, durch welche ganze Gemeinden untereinander und wieder- 
um Bischöfe und Gemeinden sich gegenseitig beistehen, trösten 



») Phüad. 10, If. - *) Smym. 11. — ») Polyc. 7, 2. - *) C. 8, 1. 
•) Polyc. ad Philipp. 13. 



Digitized by 



Google 



166 I)ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

und starken, mit einander Leid tragen und sich freuen« Eine 
Welt von Teilnahme und Liebe tritt uns hier entgegen. 

Auch sonst ist uns bekannt, daß die Gemeinden nach über- 
standener Verfolgung anderen Gemeinden einen ausfuhrlichen Be- 
richt abstatteten. Wir besitzen noch größere Schreiben dieser 
Art, den Brief der Gemeinde von Smyma an die Gemeinde zu 
Philomelium und an alle Kirchen nach der Verfolgung zur Zeit 
des Kaisers Antoninus Pius, und den Brief der gallischen Kirchen 
an die kleinasiatischen und phrygischen nach Ablauf der blutigen 
Verfolgung unter Marc Aurel^. Sehr ausführlich wird in beiden 
Schreiben die 'ganze Verfolgung, in dem ersteren besonders der 
Tod des Bischofs Polycarp geschildert: das glorreiche Ende des 
im Orient und Occident bekannten Bischofs sollte der ganzen 
Christenheit kund werden. Die Vorgänge in Gallien beanspruchten 
in besonderem Maße die Teilnahme der kleinasiatischen Brüder; 
denn mindestens zwei der ihrigen, Attalus aus Pergamum und 
ein Phrygier, Alexanjler, hatten in der Verfolgung ruhmvoll den 
Märtyrertod erlitten. Die Gemeinden benutzen aber zugleich die 
Gelegenheit, um wertvolle Erfahrungen, die sie während der Ver- 
folgungszeit gemacht, und Grundsätze, die sie erprobt, den Brüdern 
mitzuteilen. So spricht sich die smymensische Gemeinde sehr 
entschieden gegen das Selbstangeben und Aufsuchen des Marty- 
riums aus, und teilt einen hierauf bezüglichen traurigen Fall mit ^. 
Die gallischen Gemeinden warnen ihrerseits vor allzu strenger 
Behandlung der Gefallenen, wenn sie Reue zeigen, und wissen 
von dem barmherzigen Sinn ihrer Konfessoren zu berichten*. 
Umgekehrt ist es dUe römische Gemeinde, welche die cartha- 
giniensische während der Verfolgung unter Decius zur Stand- 
haftigkeit und Ausdauer ermahnt^ und später ihre Grundsätze 
über die Behandlung der Gefallenen mit der carthaginiensischen 
austauscht'. Ein besonderer Fall lag hier vor. Cyprian, der 
Bischof von Carthago, hatte sich der Verfolgung durch die Flucht 
1- 

^) Der letztere ist uns, nicht ganz vollständig, von Eusebius in der 
Eirchengeschichte (V, If.) aufbewahrt; der erstere findet sich eben&Us ver- 
kürzt bei Eusebius (IV, 15), außerdem aber noch vollständig in besonderer 
Überlieferung griechisch und lateinisch. 

*) Mart. Polyc. c. 4. — ») Bei Euseb., h. e. V, 2. 

*) Unter den Briefen Cyprians der 8. (nach Hartel). 

*) S. meine Abhandlung (in der Festschrift für Weizsäcker): ,Die 
Briefe des römischen Klerus aus der Zeit der Sedisvakanz im Jahr 250* (1892). 
— Interessant ist auch eine Notiz des Dionysius von Alexandrien in einem 
Briefe an Germanus, welchen uns Eusebius (h. e. VII, 11,3) aufbewahrt hat 
Dionysius erzählt, daß bei seinem Verhör vor dem Statthalter Aemilianus 
(Valeriänische Verfolgung) auch „einer von den aus Rom anwesenden Brüdern 
mit hineingegangen sei." 



Digitized by 



Google 



Das Eyangelimn der Liebe und Hilfleistung. 167 

entzogen, leitete aber seine Gemeinde von seinem Versteck aus; 
mit gutem Gewissen durfte er sich sagen, er müsse sich den 
Seinen erhalten. Den Römern waren zunächst die näheren Ver- 
hältnisse nicht kund geworden; unverkennbar beurteilten sie die 
Flucht des Bischofs mit Mißtrauen und hielten es eben deshalb 
für geboten, an die Gemeinde zu schreiben und sie zu stärken. 
In der Tat konnte in schlimmen Zeiten einer Gemeinde nichts 
Verhängnisvolleres begegnen, als daß sie ihres Elerus oder ihres 
Bischofs, sei es durch das Martyrium, sei es durch pflichtwidriges 
Verhalten, beraubt wurde. TertuUian erzählt uns in seiner Schrift 
„über die Flucht in der Verfolgung", daß unter Berufung auf 
Matth. 10, 23 : „Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, 
so fliehet in eine andere", nicht selten Diakonen, Presbyter und 
Bischöfe bei Anbruch einer Verfolgung geflohen seien. Die Folge 
war, daß die Gemeinde sich zerstreute oder den Häretikern zur 
Beute fiel ^. Je mehr die Gemeinde in Abhängigkeit vom Klerus 
geriet, desto erschütternder für sie mußte jeder Verlust desselben, 
ja schon jeder Wechsel sein. Das haben auch die energischen 
Verfolger der Kirchen im dritten Jahrhundert, Maximin I., Decius, 
Valerian und Diocletian wohl erkannt. Konnte doch selbst ein 
Cyprian von seinem Versteck aus seiner Gemeinde nicht Herr 
werden und mußte die erschütterndsten Krisen dort erleben! Aber 
eben deshalb betätigte sich in solchen Fällen die Teilnahipe der 
Schwestergemeinden, teils durch Trostschreiben während der Not, 
wie es die Römer getan, teils durch Gratulationsbriefe, wenn sie 
gehoben. Eusebius hat uns in seiner Kirchengeschichte Regesten 
aus der umfangreichen Korrespondenz des corinthischen Bischofs 
Dionysius mitgeteilt. Hier interessiert uns ein Schreiben an die 
Gemeinde zu Athen. Eusebius berichtet: „der Brief enthält eine 
Aufmunterung zum Glauben und zu einem den Vorschriften des 
Evangeliums entsprechenden Lebenswandel. Dionysius macht den 
Athenern den Vorwurf, daß sie denselben vernachlässigt, ja beinahe 
vom Glauben abgefallen seien, seitdem ihr Bischof Publius in 
den damaligen Verfolgungen den Märtyrertod gefunden. Auch 
des Quadratus erwähnt er, der nach dem Martyrium des Publius 
ihr Bischof geworden. Er bezeugt nämlich, daß durch dessen 
Bemühung sich die Gemeinde wieder gesammelt und neuen Eifer 
fOr den Glauben bekommen habe^.^ Die in Antiochien zur Zeit 



^) De fuga 11: „Sed cum ipsi auctores, id est ipsi diaconi et presbyteri 
et episcopi fiigiunt, quomodo laicus intellegere poterit, qua ratione dictum: 
Fugite de civitate in civitatem? (Tales) dispersum gregem faciunt et in 
praedam esse omnibus bestiis agri, dum non est pastor illis. Quod nunquam 
magis fit, quam cum in persecutione destituitur ecclesia a clero.* 

*) Euseb., h. e. IV, 23, 2 f. 



Digitized by 



Google 



168 I)iö Missionspredigt in Wort und Tat. 

des Septimius Sevenis wütende Verfolgung forderte als ihr Opfer 
den dortigen Bischof Serapion. Dieser Tod muß der großen 
Gemeinde schwere Gefahr gebracht haben; denn als der Bischofs- 
sitz glücklich wieder besetzt ist, da gratuliert ein cappadocischer 
Bischof vom Gefängnis aus in einem eigenen Schreiben der 
antiochenischen Kirche: „Erträglich und leicht hat mir der Herr 
zur Zeit meiner Gefangenschaft meine Fesseln gemacht, weil 
ich erfahren, daß durch die göttliche Vorsehung der durch das 
Verdienst seines Glaubens vollkommen dazu geeignete Asclepiades 
das bischöfliche Amt in eurer heiligen Gemeinde überkommen 
habei.« 

In dem Bisherigen haben wir zusammengestellt, was sich in 
den dürftigen Resten der ältesten kirchlichen Literatur über 
materielle Unterstützungen einer Gemeinde durch andere und 
über die gegenseitige Hilfleistung in Verfolgungszeiten findet. 
Sofern die Verfolgungen nicht selten auch innere Krisen und Ge- 
fahren für die Gemeinden hervorriefen, erstreckte sich die Teil- 
nahme auch auf diese, und hatte Versuche zur Folge, ihnen 
abzuhelfen. Es erübrigt aber noch, diejenigen Fälle zu berück- 
sichtigen, wo weder Armut noch Verfolgung, sondern lediglich 
innere Mißstände und Gefahren ein Wort der Mahnung oder des 
Rates seitens einer Schwestergemeinde, resp. ihres Bischofs, ver- 
anlaßt haben. 

Aus der frühesten Zeit, dem Ende des ersten Jahrhunderts, 
ist uns ein Dokument erhalten, welches vor allem einer Betrachtung 
hier würdig ist, der sogenannte erste Brief des Clemens, in Wahr- 
heit ein offizielles Schreiben der römischen Gemeinde an die 
corinthische 2. Im Schöße dieser Gemeinde war eine Krisis aus- 
gebrochen, welche von den ernstesten Folgen begleitet war. Wir 
kennen freilich nur die Beurteilung der Krisis seitens der Majorität 
in der Gemeinde. Danach hatten sich einige ehrgeizige, auf- 
geblasene Neuerer wider die bestehenden Autoritäten aufgelehnt, 
und hatten einen Teil der jüngeren Glieder der Gemeinde mit- 
verführt*. Jhr Absehen war darauf gerichtet, die Presbyter und 
Diakonen zu entsetzen, ja die wachsende Autorität des Amtes 
überhaupt zu vernichten*. Ein erbitterter Kampf war die Folge. 
Selbst die Frauen mischten sich hinein^; Glaube, Liebe und 
brüderlicher Sinn drohten bereits unterzugehen*; das Ärgernis 
wurde in der Christenheit bekannt, ja, schon war Gefahr vorhanden, 
daß die Zwistigkeiten den Heiden ruchbar, der Name Christi so 



») Euaeb., h. e. VI, 11,5. — *) Vgl. die Inscriptio. 

») S. c. 1, 1. 3, 3. 39, 1. 47, 6. usw. — ♦) S. c. 40—48. 

») Das ist nach c. 1,3. 21,6 wahrscheinlich. — •) S. c. 1-3. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelimn der Liebe usd Hilfleistung. 169 

gelästert und die Sicherheit der Gemeinde bedroht würde ^. Da 
tritt die römische Gemeinde ein. Sie ist nicht von Gorinth aus 
aufgefordert worden, sich in die Angelegenheit einzumischen; nein, 
aus freien Stücken ergreift sie das Wort^. Aber sie führt es mit 
ebensoviel herzlicher, besorgter Liebe, wie mit Freimut und Würde. 
Sie fühlt sich von Gewissens wegen zu einer ernsten brüderlichen 
Mahnung verpflichtet, und weiß, daß es Gottes Stimme ist, welche 
durch sie zum Frieden mahnt ^, freilich auch zugleich die erhabene 
Würde der kirchlichen Amtsträger durch sie einschärft*. Dabei 
läßt sie es doch nie aus den Augen, daß sie den Corinthem nichts 
zu befehlen, sondern nur, was recht ist, darzulegen habe^, imd 
sie gibt auch immer wieder in feiner Weise der guten Zuversicht 
Ausdruck, daß die Gemeinde den Willen Gottes kenne und selbst 
sich auf das Richtige wieder besinnen werde*, wie sie auch auf 
eine Umkehr der Unruhestifter noch hofft ''. Aber sie verlangt 
im Namen Gottes, daß dem Argemisse rasch ein Ende gemacht 
werde. Mit der Überbringung ihres Schreibens beauftragt sie die 
angesehensten Männer aus ihrer Mitte, „sie sollen Zeugen sein 
zwischen euch und uns. Dieses aber haben wir getan, damit ihr 
wisset, daß sich unsere ganze Sorge darauf gerichtet hat und noch 
richtet, daß ihr in Kürze den Frieden wieder herstellt®." Der 
Brief schließt mit den Worten, die Corinther sollten die Abge- 
sandten alsbald in Frieden und Freude wieder nach Rom zurück- 
schicken, damit sie so schnell wie möglich von der wiederher- 
gestellten Einmütigkeit erführen und sich in Bälde freuen könnten®. 
Diesem ausführlichen, energischen, von kirchlichem Gemeinsinn 
und brüderlicher Liebe durchleuchteten Schreiben ist nichts aus 
der ältesten Literatur an die Seite zu stellen. Aber ähnliches 
ist uns nicht selten berichtet. So hat die Gemeinde zu Philippi 
übers Meer an den greisen Polycarp von Smyma geschrieben 
und ihm u. a. von einem traurigen Falle, der sich in ihrer Mitte 
ereignet hat, erzählt. Einer ihrer Presbyter, Valens mit Namen, 
war der Veruntreuung von Gemeindegeldern überführt worden. 
Li dem Antwortschreiben des Polycarp, welches wir besitzen, 
geht er auf diese betrübende Nachricht ein^®. Er mischt sich 
nicht in die Jurisdiktion der Gemeinde; aber er gibt ihr Er- 
mahnungen und Ratschläge. Sie selbst sollen sich an dem Fall 
ein Beispiel nehmen, die Habsucht zu fliehen; wenn der Presbyter 
und sein Weib Reue zeigen, so sollen sie sie nicht als Feinde 
behandeln, sondernd als leidende und irrende Glieder, damit der 

') S. c. 47, 7. 1, 1. — *) S. c. 1, 1. 47, 6, 7. - ») S. c. 59, 1. 56, 1. 63, 2. 
*) S. c. 40f. — •) S. besonders c. 58, 2: di^ao^s r^ avfißovXrfv ij^dh». 
«) S. c. 40, 1. 45,2f. 53, 1. 62,3. — ') S. c. 54. - ») S. c. 63,3. 
•) S. c. 65, 1. — *•) Polyc. ad Phüipp. 11. 



Digitized by 



Google 



170 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

ganze Leib gerettet werde. Der Bischof läßt durchblicken, daß 
ihm die Behandlung des Falles seitens der Gemeinde nicht durch- 
weg richtig scheine; er ermahnt sie zur Nüchternheit gegenüber 
der Leidenschaft und zur Milde; aber er tut es, indem er sich 
wohl bewußt ist, wie weit er einer fremden Gemeinde gegenüber 
gehen darf. — Der Bischof Ignatius von Antiochien benutzt auf 
seinem Transporte durch Eleinasien die Gelegenheit, in kurzen 
Schreiben die dortigen Gemeinden in den besonderen Gefahren 
zu stärken, denen sie ausgesetzt sind. Er warnt sie vor den Um- 
trieben der Häretiker, mahnt zum Gehorsam gegen den Klerus, 
fordert zur klugen Einmütigkeit und festem Zusammenhalten auf 
und gibt in eingehender Weise besondere Ratschläge für spezielle 
obwaltende Verhältnisse. — Am Anfange des 2. Jahrhunderts will 
ein römischer Christ, der Bruder des Bischofs, gegenüber Laxheit 
und Rigorismus in der Gemeinde in schweren Krisen den Mittel- 
weg richtiger Disziplin und Kirchenzucht, den er gefunden, an- 
geben. Sein Absehen ist aber nicht nur auf die römische Ge- 
meinde gerichtet, sondern auf die ganze Christenheit, auf die 
^auswärtigen Städte'', und er wünscht, daß seine Mahnungen, 
die er vom heiligen Geiste durch die Kirchs selbst empfangen 
haben will, dort bekannt würden^. — Im Zeitalter Marc Aureis 
ist es namentlich der Bischof Dionysius von Corinth, welcher, 
gewiß auch namens seiner Gemeinde, in einer umfangreichen 
Korrespondenz die gefiihrdeten Gemeinden, auch die entferntesten, 
zu stärken sucht. Zwei seiner Briefe, den an die Athener und den 
an die Römer, haben wir schon erwähnt. Eusebius teilt uns den 
Lihalt einiger ähnlicher Schreiben mit, er nennt sie „katholische" 
Briefe. Wahrscheinlich sollten sie in den Gemeinden zirkulieren, 
wie sie denn auch frühzeitig gesammelt imd — wie bereits der 
Bischof selbst entrüstet bemerken muß — verfälscht worden sind. 
Ein Brief an die Gemeinde zu Lacedämon enthielt eine Darlegung 
der rechten Lehre, sowie eine Aufforderung zu Frieden und 
Einigkeit. In dem Briefe an die Gemeinde zu Nicomedien in 
Bithynien bekämpft er die Häresie des Marcion. „Ferner schrieb 
er an die Gemeinde zu Gortyna sowie an die übrigen Gemeinden 
auf Creta einen Brief, worin er deren Bischof Philippus rühmt, 
weil seiner Gemeinde das Zeugnis sehr großer Frömmigkeit und 
Standhaftigkeit erteilt werde, und sie ermahnt, vor Verführung 
der Häretiker sich zu bewahren. Auch schrieb er an die Gemeinde 
zu Amastris und zugleich an die übrigen Gemeinden im Pontus. 
Hier fugt er Erklärungen von Stellen aus der heiligen Schrift an. 
Ihren Bischof nennt er Palmas. Er gibt ihnen viele Ermahnungen 



») Herrn., Vis. II, 4. 



Digitized by 



Google 



Das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. 171 

über die Ehe und über die Jungfräulichkeit und fordert sie auf, 
alle, welche von irgend einem Falle oder von einer Vergehung 
oder von einem häretischen Irrtume zurückkehren, gnädig wieder 
aufzunehmen. In seiner Sammlung befindet sich auch ein anderer 
Brief an die Cnosier (auf Greta), worin er den Bischof dieser 
Gemeinde, Pinytus, ermahnt, er möchte den Brüdern in betreff 
der Enthaltsamkeit keine zu große Last mit Gewalt auflegen, 
sondern die Schwachheit der Mehrzahl berücksichtigen^." So 
mannigfach ist der Inhalt der Briefe. Über alle Fragen, die 
damak die Gemeinden bewegten, scheint sich Dionysius ausge- 
sprochen zu haben, und keine Kirche war ihm zu fem, um ihr 
nicht seine Teilnahme an ihren inneren Geschicken zu beweisen. 
Eine bedeutende Veränderung dieser Verhältnisse trat seit 
dem Ende des zweiten Jahrhunderts ein, als das Institut der 
Synoden sich einbürgerte. .Der freie und zwanglose Austausch 
der Gemeinden und ihrer Bischöfe wich einem geregelten Verkehr. 
Schon die montanistischen Streitigkeiten und die um den richtigen 
Ostertermin unterlagen einer neuen Art der Behandlung. In weit 
höherem Grade noch ist dies bei den späteren, den großen christo- 
logischen imd novatianischen Kämpfen der Fall. Zwar hören 
wir noch fortgehends von Fällen besonderer Sorge einzelner Ge- 
meinden oder deren Bischöfe für andere entfernte Kirchen, und 
die freie Teilnahme am Wohl und Wehe einer Schwestergemeinde 
ist nicht erloschen; aber sie tritt doch mehr und mehr zurück 
hinter die Sorge für den Zustand der Gesamtkirche angesichts 
einzelner bestimmter Bewegungen und hinter die Pflege der 
provinzialen Gemeinden ^. Man nahm ein Interesse daran, wie sich 
die Gemeinden im Reiche resp. deren Bischöfe zu einschneiden- 
den Fragen verhielten, und ließ sich hier die Einmütigkeit an- 
gelegen sein, sonst aber begannen die kirchlichen Provinzen sich 
in sich selber abzuschließen. Aber doch kommen noch im dritten 
Jahrhundert neue Formen zur Unterstützung oder Stärkung der 
einen Gemeinde durch eine andere auf. Hierher gehört es, wenn 
wir erfahren, daß gefeierte Lehrer zu Vorträgen in eine andere 
Gemeinde berufen wurden, oder daß man sie sich erbittet, um in 
ausgebrochenen Streitigkeiten ein Gutachten abzugeben, die Par- 
teien zu belehren und ein Urteil zu fällen. Das Leben des großen 
Theologen Origenes bietet z. B. hierfür Belege '. Auch im vierten 
und fünften Jahrhundert haben die materiellen Unterstützungen 



») Euseb., h. e. IV, 23. 

*) Belege hierfür bietet z. B. die Korrespondenz des Cypriau und des 
Dionysius von Alexandrien. 

») S. Euseb., h. e. VI, 19, 15. VI, 33, 2. VI, 37. VI, 32, 2. 



Digitized by 



Google 



172 I^e Missionspredigt in Wort und Tat. 

armer Gemeiden von auswärts nicht aufgehört. Ein besonders 
leuchtendes Beispiel hat Socrates in seiner Eirchengeschichte 
aufgezeichnet ^. 



Fünftes Kapitel. 

Die Religion des Geistes und der Kraft» des sittlichen Ernstes 
und der Helligkeit'. 

Die christliche Religion stellte sich in ihrer Missionswirksam' 
keit nicht nur als das Evangelium der Erlösung und der helfenden 
Liebe dar, sondern auch als die Religion des Geistes und der 
Kraft. Allerdings, als Geist und Kraft bewährte sie sich eben 
dadurch, daß sie Erlösung und Hilfe brachte, daß sie von den 
Dämonen befreite* und von der Not des Lebens. Allein daß 
Zeugnis des Geistes reichte weiter. Wenn Paulus (I Cor. 2, 6) 
schreibt: „Ich kam zu euch mit Schwachheit und mit Furcht 
und mit großem Zittern, und mein Wort und meine Predigt waren 
nicht in beredenden Worten der Weisheit, sondern in Beweisung 
des Geistes und der Kraft*^, so denkt er wohl auch an den Kampf 
mit den Dämonen und an ihre sinnenfällige Besiegung, aber keines- 
wegs nur an sie. An alle die Wunderwirkungen denkt er, welche 
die Wirksamkeit der Apostel und die Begründung der Gemeinde 
begleiteten. Sie waren nicht an seine Person allein gebunden. 
Von überall her kamen die Nachrichten, daß sie auch anderen 
Missionaren gegeben waren. Als man gegen Ende des 1. Jahr- 
hunderts auf die Begründungszeit zurückschaute, da faßte man 
das Geschehene in die Worte zusammen (Hebr. 2, 3): „Das Heil 
nahm seinen Anfang der Verkündigung durch den Herrn und 
wurde uns von seinen Hörern zuverlässig mitgeteilt, indem Gott 
mit Zeuge war durch Zeichen und Wunder und mancherlei Kräfte 
und Verteilung des heiligen Geistes." 

Schon die Mannigfaltigkeit der Ausdrücke * zeigt, daß es viele 
Erscheinungen sind, die hier hervortraten. Versuchen wir es, die 
wichtigsten herauszuheben: 

») Socrat., h. e. VII, 25. 

') Man maß sich bei der Darstellung dieser Seite der christlichen Reli- 
gion entweder ganz kurz fassen oder ansftlhrlich werden. Eine sehr gründ- 
liche Darstellung ist von Weinel in dem oben (S. 108) genannten Buche 
gegeben worden. Ich beschränke mich darauf, die Hauptpunkte anzuf&hren. 

») S. oben S. 108 ff. 

*) Vgl. Justin, Dial. 39: ipcouC^fievoi diä xov Mfiarog toO Xqkjtov xovxov 
6 fuv yoLQ Xafißdvei avvioecog nvevfia, 6 de ßovXrjg, 6 de Toxvog, 6 de IdoeaK, 6 
de 7fQoyv(oae(og, 6 de didaoxaXiag, 6 de <p6ßov ^eov. 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Krafb etc. 173 

(1) Gott spricht in der Vision, im Traum, in der Ekstase zu 
den Missionaren und zeigt ihnen das Größte und das Kleinste, 
leitet ihre Absichten, weist ihnen die Straße, auf der sie wandern, 
imd die Stadt, in der sie einkehren sollen; er macht ihnen die 
Personen kenntlich, die sie aufzusuchen haben. Yisionen brechen 
namentlich nach Martyrien hervor; der verstorbene Märtyrer er- 
scheint seinen Bekannten in den nächsten Wochen nach seinem 
Tode; so erscheint die Potamiäna [Euseb., h. e. VI, 5], so Cyprian 
und viele andere. Durch Träume sollen Amobius (Hieron., Chron. 
z. J. 326) und andere zum Christentum gekommen sein. Die 
beiden großen Bischöfe in der Mitte des 3. Jahrhunderts, Cyprian 
und Dionysius, sind noch Visionäre gewesen ^. Monica, die Mutter 
Augustins, die, wie manche christliche Witwen, häufig Visionen 
hatte, erklärte, sie könne an einem gewissen Geschmack im Munde 
erkennen, ob das Geschaute wirkliche Offenbarung oder Traum- 
einbildung sei (Augustin, Confess. VI, 13, 23: „dicebat discemere 
se nescio quo sapore, quem verbis explicare non poterat, quid 
interesset inter revelantem te et animam suam somniantem^). Sie 
wird nicht die erste gewesen sein, die so unterschied. 

(2) Bei der Missionspredigt der Apostel und Evangelisten 
oder in den Gottesdiensten der gegründeten Gemeinden zeigen 
sich plötzlich eintretende und viele zugleich ergreifende Er- 
weckungen, bald als Erschütterungen des ganzen Seelenlebens 
voll Furcht und Schrecken, bald als jubelnde Ausbrüche einer 
Freude, die den Himmel offen sieht. Aber auch die einfache 
Frage: „Was muß ich tun, daß ich selig werde?" bricht mit 
elementarer Gewalt hervor. 

(3) Einzelne werden erweckt, die das Erlebte in Worte zu 
fassen vermögen — Propheten, welche die Vergangenheit erklären, 
das Gegenwärtige deuten und vertiefen, das Zukünftige weissagen^. 
Die Weissagungen beziehen sich auf den großen Gang der Ge- 
schichte, aber auch auf das Geschick einzelner und auf das, was 
sie tun und lassen sollen. 

(4) Brüder werden begeistert und zu Gebeten, Hynmen, 
Psalmen, die sie extemporieren, angeregt. 



*) S. meine Abhandlung über „Cyprian als Enthusiast* in der Ztschr. 
f. NTliche Wissenschaft Bd. 3, 1902, S. 177 ff. 

') Zu diesen Weissagungen gehören nicht die christlichen sibyllinischen 
Orakel. Die jüdischen sind von den Christen gutgläubig aufgenommen worden 
und wurden (seit dem Hirten des Hermas) wie Prophetensprüche von ihnen 
zitiert; die christliche Sibyllenfabrikation hat aller Wahrscheinlichkeit nach 
erst seit der Mitte des 3. Jahrhunderts begonnen und ist eiae künstliche 
Nachblüte des urchristlichen Enthusiasmus, sie ist eine Kette von Fälschungen, 
s. meine Chronologie I S. 581 ff. H S. 184 ff. 



Digitized by 



Google 



1 74 I^e Missionspredigt in Wort und Tat. 

(5) Andere werden von dem Geiste so erfüllt, daß sie das 
Bewußtsein verlieren und in ein stammelndes Sprechen oder 
Schreien ausbrechen, das unverständlich ist, aber von Begabten 
gedeutet werden kann. 

(6) Wieder andern drückt der Geist die Feder in die Hand, 
sei es in der Ekstase, sei es in Momenten höchster seelischer 
Anspannung; sie reden nicht nur, was sie müssen, sondern sie 
schreiben auch, was sie müssen. 

(7) Kranke werden gebracht und von den Missionaren oder von 
jüngst erweckten Brüdern geheilt; wilde Ausbrüche der Gottes- 
angst werden besänftigt und Teufel in Jesu Namen ausgetrieben. 

(8) Zu wimderbaren Handlungen der verschiedensten Art 
treibt der Geist — zu symbolischen Handlungen, die etwas Ge- 
heimnisvolles ofEenbaren oder Anweisungen geben sollen, und zu 
heroischen Handlungen. 

(9) Mit allen Sinnen nehmen einige die Gegenwart des Gei- 
stes wahr; sie sehen seinen Lichtglanz, sie hören seine Stimme, 
sie riechen den Duft der Unsterblichkeit und schmecken seine 
Süße, noch mehr: sie sehen himmliche Personen mit ihren Augen; 
sie sehen die Seele; sie sehen und hören zugleich; sie sehen in 
das Verborgene, in das Feme, in das Zukünftige ; sie selbst werden 
entrückt in die jenseitige Welt, in den Himmel; sie hören dort 
„unaussprechliche Worte ^ " . 

(10) Aber der Geist tut sich nicht nur durch solche Wunder 
kund, sondern nicht minder durch die Steigerung der religiösen 
und sittlichen Kräfte, die so rein und so stark in einigen wirk- 
sam sind, daß sie den Stempel göttlichen Ursprungs sinnenfallig 
an sich tragen: ein heroischer Glaube, ein Gottvertrauen zeigt 
sich, das Berge versetzt und über den Glauben weit hinausragt, 
den jeder Christ im Herzen trägt; hilfreiche Liebesdienste werden 
geleistet, die mehr erschrecken und mehr erschüttern als alle 
Wunder; umsichtige Leitung und Fürsorge wird lebendig, die so 
sicher wirkt wie die göttliche Vorsehung. Diese Charismen, neben 
denen des Apostels, des Propheten und des Lehrers erweckt, er- 
bauen die Gemeinden grundlegend und erweisen sie als „Barchen 
Gottes«. — 

Für alle diese hier aufgewiesenen Züge findet man auf den 
Blättern der christlichen Literatur von der ältesten Aufzeichnung 

>) Aber vgl. Origenes, Hom. XXVII, 11 in Nom. (t. 10 p. 353): ,Solet in 
visionibus esse tentatio ; nam nonnunquam angelus iniquitatis transfigurat se 
in angelum Incis, et ideo cayendnm est et sollicite agendnm, ut scienter 
discernas visionnm genus, sicut et lesus Nave, cum visionem viderit, sciens 
in hoc esse tentationem, statim requirit ab eo qui appaniit et dicit: Noster 
es an adversariorum?* S. auch das Folgende. 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Kraft etc. 175 

bis zu Irenäus (und auch weiter noch) die zahlreichsten Belege; 
die Apologeten verweisen auf sie als auf etwas Bekanntes und 
Anerkanntes. Daß sie fiir die Mission und Propaganda der christ- 
lichen Religion von höchster Bedeutung waren, liegt auf der Hand. 
Wohl hatten auch andere Religionen und Kulte einiges von diesen 
Geistwirkungen aufzuweisen, die Ekstase, die Vision, die dämo- 
nischen und anti- dämonischen Manifestationen, allein für keine 
von ihnen ist uns eine solche Fülle von Erscheinungen überliefert 
wie hier, und vor allem : daß ihre Scala die Mirabilia des sittlichen 
Heroismus umfaßte, verlieh ihnen ein einzigartiges Gepräge und 
gab ihnen eine durchschlagende Bedeutung. Was anderswo in 
einigen stereotypen Erscheinungen stückweise vorhanden war, 
zeigte sich hier in einer Fülle der Manifestationen, in der jede 
geistige, seelische und sittliche Funktion über sich selbst hinaus 
gesteigert erschien^. 

Der Komplex dieser Vorgänge — gefahrlich, weil die Ver- 
suchung, sie künstlich zu steigern oder leichtgläubig zu vermehren^ 
oder in Täuschung nachzuahmen oder eigennützig auszubeuten, so 

*) Daß diese Beweise «des Geistes und der Kraft*' nicht durchweg der 
Propaganda günstig waren, darf nicht verschwiegen werden. Celsus beurteilt 
sie als Gaukeleien, Zauberwerk und groben Unfug. Mit ihm werden auch 
andere nüchterne Heiden so geurteilt haben. Ganz sicher waren sie freilich 
ihrer Sache gewiß so wenig wie Celsus. Daß die Glossolalie, statt die chiist- 
liche Religion zu empfehlen, sie umgekehrt bei den Heiden zu diskreditieren 
vermag, hat schon Paulus bemerkt (I Cor. 14, 23 : iäv avveX^ ij ixxXtjoia oXrj 
bii x6 avTO xal :TdvTeg Xal&aiv yXcoaocug, eioiX&<ooiv 6s iSi&xai tj abiioxoi, ovh 
igovaiv Sn fiaivea&e;), 

') Der Wunderglaube war in jenem Zeitalter überhaupt groß , wie alle 
Quellen beweisen, aber er scheint doch in christlichen fij-eisen besonders 
stark und grenzenlos gewesen zu sein und blendete mehr und mehr das Auge 
für das Wirkliche. Man vergleiche z. B. die apokryphen Apostelgeschichten; 
diese Literaturgattung gehört in ihren maßgebenden Anfängen bereits dem 
2. Jahrhundert an. Zu beachten ist auch, daß uralte volkstümliche Wunder- 
erzählungen, die umliefen, nun eine christliche Etikette erhielten und irgend- 
einem christlichen Apostel oder Heros oder Frommen beigelegt wurden. Als 
Beispiel nehme man die bekannten Erzählungen von Leichnamen, die sich 
beweg^ten, wie wenn noch Gefühl und Verstand in ihnen sei. Tertullian (de 
anima 51) berichtet folgendes: „Mir ist der Fall bekannt, daß eine Frau, 
als Glied der Kirche geboren, ohne Gebrechen an Form und Lebensalter, nach 
einer einzigen und kurzen Ilie in Frieden entschlafen war. Die Beerdigimg 
verzögerte sich noch, und die Person winrde unter den Gebeten des Priesters 
unterdessen für die Bestattung zurechtgelegt. Beim ersten Tone des Gebets 
hob sie ihre Hände von den Seiten auf, nahm die Haltung des Gebets an 
und legte sie nach Beendigung des Friedensgebets wiederum in ihre frühere 
Lage zurück. Auch lebt im Munde der Unsrigen die Erzählung, daß auf 
dem Kirchhofe ein Leichnam einem anderen, der daneben gelegt werden 
sollte, durch Zurückweichen Platz gemacht habe'* (dies wird auch von der 
Beerdigung des Bischofis Reticius von Autun am Anfang des 4. Jahrhunderts 
erzählt). 



Digitized by 



Google 



176 1^6 Missionspredigt in Wort und Tat 

groß war ^ — trat am Anfang, d. h. in den ersten sechzig Jahren, 
am stärksten hervor: aber er hat noch das ganze zweite Jahr- 
hundert hindurch, wenn auch abgeschwächt, fortgedauert^. Irenäus 
bestätigt uns das ^ ; die montanistische Bewegung hat den ^Geist", 
als er zurückzutreten anfing, noch einmal belebt. Aber seit dem 
Anfang des dritten Jahrhunderts erlahmt ein Teil dieser Erschei- 
nungen; sie sind nun nicht mehr die Signatur der Gesamtkirche 
und jeder einzelnen Gemeinde, sondern sie sind die Ausstattungen 



') Man vgl. den gegen manche Exorzisten ausgesprochenen Tadel, femer 
wie Irenäus den christlichen Schwindler Marcus im ersten Buch seines großen 
Werkes geschildert hat. Nach Lucian wurde der Schwindler Peregrinus, als 
er bei den Christen eintrat, „Prophet" und verschaflEle sich als solcher An- 
sehen und Gewinn. Schon die „Apostellehre* sucht die Gemeinden vor 
solchen zu schützen, die mit ihren geistlichen Gaben schwindeln. Selbst 
christliche Bänkelsänger fehlten nicht; s. den pseudoclementinischen Brief 
de virginitate II, 6: „Nee proicimus sanctum canibus nee margaritas ante 
porcos, sed dei laudes celebramus cum omnimoda disciplina et cum omni 
prudentia et cum onmi timore dei atque animi intentione. cultum sacrum 
non exercemus ibi, ubi iuebriantur gentiles et verbis impuris in convivüs 
suis blasphemant in impietate sua. propterea non psallimus gentilibus neque 
scripturas illis praelegimus, ut ne tibicinibus aut cantoribus aut hariolis 
similes simus, sicut multi, qui ita agunt et haec faciunt, ut buccella panis 
saturent sese, et propter modicum vini eunt et cantant cantica domini in 
terra aliena gentilinm ac £Etciunt quod non licet.* S. auch schon 1,18: Gott 
möge operarios schicken, die nicht sind „operarii mercenarii, qui religionem 
et pietatem pro mercibus habeant, qui simulent lucis filios, cum non sint 
lux, sed tenebrae, qui operentur fraudem, qui Christum in negotio et quaestu 
habeant." 

*) Daß sich die verschiedenen christlichen Parteien im 2. Jahrhundert 
gegenseitig den Geist und die Kraft absprachen und sie bei dem Gegner für 
Teufelswerk und Lüge erklärten, mußte notwendig zur allgemeinen Dis- 
kreditierung führen. 

') Er behauptet sogar, wie bemerkt, daß auch jetzt nochTotenerweckungen 
in der Kirche vorkommen (II, 31, 2) ; über die zurzeit noch wirksamen Charis- 
men s. II, 82, 4: Aio xod h x^ ixeivov 6v6(jiaTi [im Namen Jesu] ol dXrj&c^ avrov 
fJLa^xai noQ* avxov Xaß6vxeg xrjv x^^^ imtsXovaiv iji evsQyeolq. rfj z&v XoKt6w 
dv^Qcojtoov, xa&wg elg ixcunog ainatv tijv 6(OQsav sTXrjtps nag^ avzov. ol fiev yäg 
öai/wvag eXavvovoi ßsßaUog xai dXij^&g, &me JioXkaxig xou jztorsvsiv avrovg ixsl- 
vovg Tovg xa&OQia^svxag djio %&v siovtfQwv nvsvfmtcov xai slvcu hf rg kxxXrjo(q.' 
oi de xai siQÖyvcaoiv l'ji^ovat t&v fMXX6vx<ov xai djtraolag xai gi^OBig siQCHptiTixdg. 
äXloi Sk TOvg xdfjtvovrag diä T^g x&v xeiQ&v htMdBCDg i&vrai xai vyisig dstoxa- 
^laräoiv, ijÖi] Ös xai vexgol ^eg^oav xai ^tagifMivav avv rifjuv Ixavoig hsai, 
xai xl ydg; ovx icriv OQv&fJLW sbisTv %(öv ;|^a^f<7/^TCt)v &v xaxa Ttaviog tod xöofiov 
^ ixxXrjola sKxgä ^eov Xaßovaa h t4> dvofMu 'Irjaov X^Knov Jod axavQoa^evxog 
knl Uovtiov UiXaTOv ixdoxrjg ^fisgag iji* svsQYeaiq. zf} x&v k&vwv htixeksT. Aus- 
drücklich fügt Irenäus hinzu, daß diese Gaben umsonst gegeben werden. Er 
und andere Ketzerbestreiter tadeln es an Gnostikem, daß sie sich Geld zahlen 
lassen und so mit Christus Handel treiben. Ein solcher Vorgang findet sich 
übrigens schon Act. 8, 18 ff. (Simon Magus) und wird hart gerügt (x6 oQyvQiöv 
oov avv ool eXri elg djtioXsiav). 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes and der Kraft etc. 177 

weniger beyorzugter Personen. Das GesamÜeben hat den Priester, 
den Altar, das Sakrament, das heilige Buch und die Glaubensregel, 
aber nicht mehr „den Geist imd die Kraft ^.*' Nicht erst Eusebius 
blickt (im 3. Buch seiner Eirchengeschichte) auf das Zeitalter des 
Geistes xmd der Kraft als auf das vergangene heroische Zeitalter 
der Kirche zurück^, sondern schon Origenes urteilt aus einer 
yerarmten Gegenwart heraus ebenso '. Indessen der Mission war 
diese Verarmung und Ernüchterung kaum mehr schädlich; denn 
sie wurde im dritten Jahrhundert auf eine andere Art betrieben 
als im ersten und zweiten. Berufsmäßige Missionare gab es kaum 
mehr — wenigstens wissen wir von solchen nichts — ; die Propa- 
ganda war nicht mehr eine gewaltsame, sondern gleichsam ein 
stätiger Gährungsprozeß. In stiller aber sicherer Expansion ver- 
breitete sich das Christentum von den gewonnenen Mittelpunkten 
aus ohne stürmische Anläufe und erschütternde Bewegungen. — 



^) Um 80 höher wurden solche Personen geschätzt, welche als Oeist- 
träger erschienen. Je mehr Qeist nnd Kraft als Erscheinungen in und au 
der Gesamtheit abnahmen, desto höher stieg der Kultus des Heros (d. h. des 
Asketen, des Eonfessors, des Wundertäters), der übrigens von An^Ekng an be- 
standen hat. Sie alle tragen Christum in sinnenfälliger Weise in sich und 
sind daher verehrungswürdige und autorative Personen. Allmählich, besonders 
in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts, rficken sie in die Stellen der entthronten 
Qötter ein, aber in der Regel erst nach dem Tode. — Von Visionen und 
Träumen hat übrigens Cyprian noch einen sehr starken Gebrauch gemacht 
(s. 0. S. 178); aber er suchte durch dieselben lediglich seine bischöfliche Auto- 
rität zu steigern. Er stieß übrigens mit ihnen bei manchen auf Zweifel und 
Unglauben, s. ep. 66, 10: .scio somnia ridicula et visiones ineptas quibusdam 
videri.* Das ist charakteristisch. 

*) H. e. 111,37: ^Es wirkten in der Anfangszeit durch die Apostelschüler 
noch sehr viele wunderbare Kräfte des h. Geistes, so daß beim ersten An- 
hören der Predigt plötzlich ganze Scharen mit der größten Bereitwilligkeit 
den Glauben an den Schöpfer des Alls in ihr Herz aufnahmen.* 

•) In c. Gels. II, 8 behauptet er nur, daß er selbst noch mehrere Wunder 
gesehen habe, die eigentliche Wunderzeit ist ihm also die frühere Zeit. 
L. II, 48 gibt er den Wundem Jesu und der Apostel die Wendung, daß sie 
sowohl gewisse Wahrheiten versinnbildlichen, als auch viele Herzen für die 
wunderbare Lehre des Evangeliums gewinnen sollten. Exorzismen und Hei- 
lungen dauern nach ihm noch fort (öfters, z. B. 1,6); wie er aber über die 
Gegenwart im Vergleich zur Vergangenheit der Christenheit denkt, zeigt 1, 2: 
„Für unseren Glauben gibt es einen besonderen Beweis, der ihm allein zu- 
kommt und göttlicher ist als der mit Hilfe der griechischen Dialektik ge- 
führte. Diesen göttlicheren Beweis nennt der Apostel „den Beweis der Geistes 
und der Kraft". Den Beweis des Geistes um der Weissagungen willen, die 
geeignet sind, in dem Hörer und Leser den Glauben zu erzeugen . . ., den 
Beweis der Kraft um der außerordentlichen Wunder willen, deren Tat- 
sächlichkeit sich sowohl durch vieles andere als auch durch den Umstand 
erweisen läßt, daß sich Spuren davon noch bei solchen erhalten 
haben, die ihr Leben nach dem Willen des Logos führen.* 
Harnack, Mission, a. Aufl. 12 



Digitized by 



Google 



1 78 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

Wenn die alten Christen die Beweise des Geistes und der 
Kraft ins Auge faßten, so haben sie das unter dem Gesichtspunkt 
der sittlichen und religiösen Wirkungen getan: um dieses 
Erfolges willen sind sie der Kirche geschenkt. Paulus bezeichnet 
als den Erfolg die Erbauung des Ganzen der Kirche^ und, auf 
den einzelnen gesehen, die Neuschaifung des Menschen aus einem 
Toten zu einem Lebendigen, aus einem Unwerten zu einem Wert- 
vollen. Die Erbauung aber ist das Wachstum in allem Guten 
(s. Gal. 5, 22: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, 
Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gutheit, Glaube, Sanftmut, Ent- 
haltsamkeit"), und der Beweis der Kraft ist es, daß Gott nicht 
viele Weise nach dem Fleisch und nicht viele Edle, sondern 
geringd und schwache Menschen berufen und sie zu sittlich 
kräftigen und erkennenden umgeschaifen hat (I Cor. 1, 26 f.). Die 
sittliche Neugeburt und das sittliche Leben ist dem Apostel nicht 
nur eine Seite am Christentum, sondern sie ist die Furcht des- 
selben und sein irdisches Ziel. Man kann die ganze christliche 
Missionstätigkeit als sittliche Arbeit, als Erweckung und Kräf- 
tigung des sittlichen Sinns bezeichnen, und man verkürzt sie 
damit nicht. 

Wie Paulus haben auch die Christen der nachapostolischen 
Zeit, die Apologeten und die großen Kirchenväter, wie Tertul- 
lian^ und Origenes, geurteilt. Man lese die „Apostellehre" und 
die ersten Kapitel des I. Clemensbriefes, den Schluß des Bamabas- 
briefes, die Predigt, welche die Bezeichnung „zweiter Clemens- 
brief" fuhrt, oder den Hirten des Hermas, oder die Schlußkapitel 
der Apologie des Aristides, oder sogar Origenes „de principiis" 
— überall wird man finden, daß die sittlichen Forderungen 
obenan stehen. Fast mit einer ermüdenden Breite und mit einer 
rigoristischen Härte sind sie in den Vordergrund geschoben. 
Niemand kann zweifeln : diese christlichen Gemeinden wollen ihre 



*) Cf. Pseudoclemens, de virginit. 1, 11: „lUo igitur chariBmate, quod a 
domino accepisti, illo inservi fratribus pneumaticis, prophetis, qui dignoscant 
dei esse verba ea, quae loqaeris, et enarra quod accepisti charisma in eccle- 
siastico conventu ad aedificationem fratrum tuorum in Christo." 

*) Die besonders charakteristische Stelle Apol. 45 sei hierher gestellt: 
„Nos soli innocentes, quid mirum, si necesse est? enimvero necesse est. in- 
nocentiam a deo edocti et perfecte eam novimus, ut a perfecto magistro 
revelatam, et fideliter custodimus, ut ab incontemptibili dispectore manda- 
tam. Vobis autem humana aestimatio innocentiam tradidit, humana item 
dominatio imperavit, inde nee plenae nee adeo timendae estis disciplinae 
ad innocentiae veritatem. Tanta est prudentia hominis ad demonstrandum 
bonum quanta auetoritas ad exigendum; tam illa fiEilli facilis quam ista con- 
temni. Atque adeo quid plenius, dicere: Non occides, an docere: Ne ira- 
scaris quidem? etc." 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Kraft etc. 179 

Gemeinschaft nach den strengsten sittlichen Grundsätzen regehi; 
sie dulden keine unheiligen Glieder in ihrer Mitte ^, und sie wissen, 
daß sie in dem Augenblick aufhören zu sein, in welchem sie der 
Unsittlichkeit Raum lassen. Das furchtbare Strafgericht, welches 
Paulus über den Blutschänder verhängt (I Cor. 5), ist kein Aus- 
nahmefall; die groben Sünder werden ausgeschlossen. Auch die, 
welche alle Religion und darum auch die christliche für eine 
Idiosynkrasie halten, aber in dem sittlichen Fortschritt der Mensch- 
heit den Fortschritt überhaupt sehen, müßten anerkennen, daß er 
auf diesen Gemeinden damals beruhte, und daß die Geschichte 
einen ungeheuren und paradoxen Apparat angewendet hat, um 
eine höhere Stufe der Entwickelung der Menschheit zu erreichen. 
Unter der Seele und Leib erschütternden Predigt von dem ein- 
brechenden Gericht und unter der beseligenden Gewalt des Geistes 
Christi rang sich das Sittliche zu reinerer und sicherer Geltung 
empor. Vor allem war es der Kampf gegen die Fleischessünden, 
den das Christentum aufnahm, gegen die Hurerei, den Ehebruch 
und die widernatürlichen Laster. Schlechterdings nur die Einehe 
galt in den christlichen Gemeinden als erlaubte Geschlechtsver- 
bindung*. Die Unauflöslichkeit der Ehe wurde eingeschärft 
(abgesehen vom Falle des Ehebruchs') und die Ehe auch durch 
die Schwierigkeiten geschützt, die der Eingehung einer zweiten 
Ehe entgegengestellt wurden*. Mit dem Kampf gegen die 
Fleischessünden stand das strenge Verbot der Fruchtabtreibung 
und der Aussetzung der Kinder in engster Verbindung*. Sodann 
bekämpften die Christen die Habsucht, den Geiz und die Unehr- 
lichkeit in Handel und Wandel, also den Mammonismus in allen 



*) Martyr. Apoll. 26; , Zwischen Tod und Tod ist ein Unterschied. Des- 
halb sterben die Jünger Christi fortwährend, indem sie ihre Begierden mar- 
tern nnd sie gemäß den göttlichen Schriften foltern; denn es gibt bei uns 
überhaupt kein schamloses Begehren und keine schmutzige Szene, kein laster- 
haftes Auge, kein der Bosheit zugängliches Ohr, auf daß imsere Seelen nicht 
Terletzt werden." 

') Auch dies gehörte zur Vorbereitung des Christentums, daß die Mono- 
gamie zu der Zeit, da es sich verbreitete, bei den Juden und im römischen 
Reiche als die einzige gesetzliche Form der Gteschlechtsverbindung nahezu 
zum Siege gekommen war. Das Christentum proklamierte nur als göttliche 
Ordnung, was sich bereits durchgesetzt hatte. Was demgegenüber noch als 
Konkubinat etc. geduldet wurde, war innerhalb der sozialen Ordnung von 
geringem Belang. Über die «fomicatio" war freilich im Reiche das Urteil 
ebenso lax geblieben wie früher, und auch der Ehebruch des Mannes wurde 
kaum verurteilt. An diesen Punkten mußte der Kampf der Kirche einsetzen. 

•) Von der Kasuistik kann hier abgesehen werden. 

*) Das 2. Jahrhundert ist mit Bedenken und Erwägungen über die Zu- 
lässigkeit einer zweiten Ehe angeföllt gewesen. 

») S. die Didache, Athenag., Suppl. 35, etc. (vgl. oben S. 107). 

12* 



Digitized by 



Google 



IgO Dio Missionspredigt in Wort nnd Tat. 

Beinen Gestalten und mit der XJnbarmherzigkeit, die ihm folgt. 
Drittens bekämpften sie die Zweideutigkeit und Lüge. In diesen 
drei Richtungen bewegten sich vor allem die Anstrengungen, welche 
die christliche Predigt auf sittlichem Gebiete machte. Reine Men- 
schen, die nicht am Besitz kleben und nicht selbstsüchtig sind, 
sollten die Christen sein, dabei wahre und mutige Menschen. 

Wie die nachapostolischen Väter urteilten die Apologeten. 
Aristides legt am Schluß seiner Apologie dem heidnischen Publi- 
kum das christliche Leben in seiner Reinheit, seinem Ernste 
und seiner Liebe dar und ist überzeugt, damit das Wichtigste 
und EindrucksYoUste auszusprechen. Justin macht es in seiner 
großen Apologie nicht anders; umfangreiche Abschnitte derselben 
sind der DarsteUung der sittlichen Grundsätze des Christentums 
gewidmet und dem Nachweise, daß sie bei den Christen ein- 
gehalten werden. Dabei vertrauen alle Apologeten darauf, daß 
auch ihre Gegner das Gute für gut und das Schlechte für schlecht 
halten. Sie glauben ihre Zeit nicht darauf yerschwenden zu 
müssen, zu zeigen, daß das Gute wirklich das Gute sei: in dieser 
Hinsicht sind sie der Zustimmung sicher; aber daß es bei den 
Christen nicht nur kraftlose Forderung oder blasses Ideal, sondern 
in jeder Richtung kräftig ausgebildet sei und wirklich geübt werde, 
das wollen sie zeigen *. Von besonderer Wichtigkeit ist es ihnen 
aber, darauf hinweisen zu können (vgl. die Ausführungen des 
Apostel Paulus), daß das Schwache und Geringe und Unedle hier 
zu Kraft und Wert komme. „Man sagt von uns, daß wir unter 
Weibern, Halbwüchsigen, Mädchen und alten Weibern schwatzen* 

^) Daß die ethischen Lehren des Christentums mit denen der Philo- 
sophen übereinstimmen, räumt Celsus ausdrücklich ein (Orig. 1, 4); cf. Tertull., 
Apolog. 46: „eadem, inquit, et philosophi monent atque profitentur." — Auch 
hier ist übrigens eine complezio oppositorum, und zwar in doppelter Hin- 
sicht, zu erkennen. Einerseits gilt das Sittliche seinem Wesen nach als 
selbstverständlich: eine allgemeine Übereinstimmung herrsche darüber (Rein- 
heit in jeder Beziehung, vollkommene Nächstenliebe usw.). Andererseits 
wird unter umständen doch gesagt, daß die christliche Sittlichkeit von jeder 
anderen qualitativ verschieden sei und ohne den Geist Grottes weder erkannt 
noch geübt werden könne. Diese Beurteilung entspricht der doppelten Be- 
schreibung des Christlich -Sittlichen. Einerseits ist es das rechte Verhalten 
in bezug auf alle irdischen Verhältnisse, andererseits ist es ein auf voll- 
kommener Askese und Abtötung ruhendes überirdisches, göttliches Leben und 
Verhalten. Diese Spannung in der Definition des Sittlichen, die besonders 
scharf bei Tatian hervortritt, ist aber nicht erst vom Christentum geschaffen. 
Sie entstammt der philosophischen Ethik; die Christen haben sie nur rezipiert 
und modifiziert. Es ist dies leicht ersichtlich, wenn man Philo, Clemens und 
Origenes studiert. 

*) Celsus III, 44 : „Die Christen müssen selbst zugeben , daß sie nur 
Menschen ohne Geist, ohne Ansehen und ohne Verstand, daß sie nur Sklaven, 
Weiber und Kinder zur Annahme ihres Glaubens bewegen können.* 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Kraft etc. Igl 

— nein, unsere Jungfrauen ^philosophieren^ und reden bei der 
Spindel Ton den göttlichen Dingen ^.^ ^Es philosophieren bei uns 
nicht nur die Wohlsituierten, sondern auch die Armen ^." ^Christus 
hat nicht wie Socrates nur Philosophen und Philologen zu seinen 
Jüngern, sondern auch Handwerker und ganz ungebildete Leute, 
und sie verachten den Ruhm und die Furcht und den Tod^.^ 
„Bei uns findet ihr ungebildete Leute und Handwerker und alte 
Weiber, die gar nicht mit Worten den Wert unserer Lehre dar- 
zulegen Terstehen, aber ihn durch ihre Taten beweisen *.'* Ähn- 
liches hat Origenes dem Celsus im zweiten Buche vorgehalten 
und Lactantius seinen Gegnern'. 

Daß die Hohe der Sittlichkeit der christlichen Yorschriften 
und die sittliche Haltung der christlichen Vereine direkt missio- 
nierend wirken sollte* und gewirkt hat, dafür haben wir eine 
Reihe von Belegen. Nicht selten heben die Apologeten dies her- 
vor''; Tatian nennt als eines der Motive für seinen Übertritt zum 
Christentum ^die Vorzüglichkeit der Sittenlehren**®; Justin sagt, 
daß die Standhaftigkeit der Christen ihn von ihrer Reinheit über- 
zeugt habe und diese Eindrücke für seinen Übertritt entscheidend 
gewesen seien*. Daß die Standhaftigkeit und Treue einen über- 
wältigenden Eindruck gemacht haben, sodaß bei Christen -Verhören 
oder -Exekutionen Umstehende sich plötzlich für das Christentum 
entschieden, lesen wir öfters in Märtjrerakten und zwar auch in 

>) Tatian, Orat. 33. — ») L. c. c. 32. 

') Justin, Apol. II, 10; er f&gt hinzu: ^vvofiig iaxiv joü dQQtjtov siaxQog 
xai ovxl dv^Qcojteiov Xayov xaxaoxsvi^. Ebenso Diognet. 7: jovta dv^Qtojwv ov 
doxeX xä SQya, xavta ^vvctfiig iaxi ^eov. 

*) Athenag., Suppl. 10. Vgl. dazu Justin, Apol. I, 60: ^o^* ^fiTv clv iaxi 
xavta dxof)0M xcu f^a'&sTv naga xwv ovdk xovg ;|^a^axT$^a; x&y oxoixsUov htuna- 
lihüw, löicox&v fur xod ßaQßdQotv x6 tp-^^yf*^» o<Hpciyv de xcu 7ucx(äv xor vaOv 
Smoav, xai mjg&v xcu ZVQ^*^ xiv&v xäg Stpsig' cjg cwsTvat oif awpiq. dr^Qmsreüf, 
xavxa yeywivat, dXXa övydfist ^eov leysa^cu. Tertull., Apol. 46: „Deum quüibet 
opifex Öhristianus et invenit et ostendit et exinde totum quod in deum 
qnaeritur re quoque adsignat, licet Flato adfirmet £Etctitatorem universitatis 
neque inveniri facilem et inventum enarrari in onmes difficilem.* 

•) Instit. VI, 4. 

') Ig^t., ad Ephes. 10: htexQhpaxs avxoTg [seil, den Heiden] xSr ix xmv 
Igynav v^uv /la^jev^ffvai' stQdg tag Soyäg avt&v ifjuHg ngastg, ngog xäs (juya- 
loQQ^fioavvas axn&v vfUlg tajreir6q?QOV8g , nQ6g xag ßXaoqnifjtlas avT<5y vfislg xäg 
nQoasvx^ . . . . ^^ aaovddCorxsg uyxifitfirjoaa^cu avxovg* dSsltpol avx^ svqs^- 
fiey xfj hu8txB(q* /u/Atjxal xov xvqIov ajravddC<Ofiey slvcu. 

^) Vgl. auch die Predigt II Clem. 18: ra f&rrf dxovorxa ix xaO oxöfiaxog 
ijfA&¥ xa X&fia xoO ^soG <&g xaXa xai fisydla i^VfidCst' insixa xaxofia&iiyxa xä 
M^a ^fiwv Sxt o(fx iaxw Äfta Tc5r ^(Aaxmv &v Xiyofisv, h^w slg ßXaoqnjfihr 
tQijtawxai, Xfyorxsg ehai fjtfi66y xiva xai nXanniv, Also auch solche Fälle kamen 
vor; sie beweisen indirekt das im Texte Gesagte. 

•) Orat. 29. — ») Apol. II, 12. 



Digitized by 



Google 



182 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

echten^. Am lebendigsten aber tritt uns in der Schrift des 
Cyprian ad Donatom entgegen, wie ihn nicht sowohl die sittliche 
Forderung als vielmehr die sittliche Kraft, welche das Christen- 
tum darbot, überzeugt und gewonnen hat. Das Ausziehen des 
alten und das Anziehen eines neuen Menschen habe er für eine 
Unmöglichkeit erachtet; aber ^nachdem ich himmlischen Geist in 
mich geschöpft und die zweite Geburt mich zu einem neuen 
Menschen umgestaltet hatte, da gewann plötzlich auf vnmderbare 
Weise das Zweifelhafte festen Bestand, das Verschlossene öffiiete 
sich, die Finsternis hellte sich auf, ausführbar wurde, was vorher 
schwierig geschienen, und erfüllbar, was für unmöglich gegolten 
hatte.'' Nicht anders reden Tertullian und Origenes. 

Aber nicht nur die Christen selbst bezeugen, daß sie in eine 
neue Welt sittlicher Kräfte, des Ernstes und der Heiligkeit gestellt 
sind, auch ihre Gegner legen Zeugnis für ihre Reinheit ab. Zwar 
hielten sich die von den Juden in Kurs gesetzten abscheulichen 
Vorwurfe in bezug auf das sittliche Leben der Christen lange 
Zeit hindurch und wurden vom Volke und von manchen Gebildeten^ 
geglaubt, aber wer nachprüfte, fand etwas ganz anderes. Plinius 
erklärt dem Trajan, daß er nichts Verbrecherisches oder Laster- 
haftes bei seinen Verhören mit Christen habe feststellen können; 
der Zweck dieser Vereine sei vielmehr der, sich in der Gewissen- 
haftigkeit und Tugend zu bestärken^. Lucian hat die Christen 

*) Bereits das Zweitälteste Martyrium, welches wir kennen, das des 
Zebedäiden Jacobns, ist von Clemens Alex, in den Hjponmematen so erz&hlt 
worden (s. Euseb. II, 9), daß der Ankläger sich bekehrte und mit dem Apostel 
zusammen hingerichtet worden ist. — Während alle Christen im öffentlichen 
Bekenntnis des Glaubens Yor der Obrigkeit den Höhepunkt der christlichen 
Sittlichkeit erkannten, trug der sektiererische Christ Heracleon eine andere 
Meinung, die ihm freilich sehr übel genommen worden ist, vor. £r behaup- 
tete, daß jenes Bekenntnis mit dem Wort auch heuchlerisch sein könne, und 
daß das stetige Bekenntnis in Werken und Handlungen, die dem Glauben 
entsprechen, das Entscheidende sei (Clemens Alex., Strom. IV, 9, 71 f.). 

') So wahrscheinlich Ton Fronto, dem Lehrer M. Aureis (s. den Octavius 
des Minucius), auch von Apulejus, wenn die Metamorph. IX, 14 geschilderte 
Frau (,onmia prorsus ut in quandam caenosam latrinam in eins anlmam 
flagitia confluzerant") eine Christin war («spretis atque calcatis divinis numi- 
nibus invicem certae religionis mentita sacrilega praesumptione dei, quem 
praedicaret unicum*). Ein Gemisch von Demut und Frechheit hat der Rhetor 
Aristides in der christlichen Lebensweise gesehen und sie der der Juden in 
dieser Beziehung gleichgestellt (Orat. 46). Das ist der empfindlichste Vorwurf; 
einen ähnlichen hat Celsus erhoben ; s. im 3. Buch Eap. 5. 

*) „Adfirmabant autem [seil, die Christen im Verhör] haue fuisse summam 
vel culpae suae vel erroris, quod essent soliti stato die ante lucem convenire 
carmenque Christo quasi deo dicere secum invicem, seque sacramento non in 
scelus aliquod obstringere, sed ne furta, ne latrocinia, ne adulteria com- 
mitterent, ne fidem fallerent, ne depositum appellati abnegareni* 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Kraft etc. 183 

80 geschildert, daß sie als leichtgläubige Schwärmer, aber auch 
als Leute von Reinheit, Opferwilligkeit und von Todesmut er- 
scheinen. Epictet und M. Aurel haben den letzteren anerkannt^. 
Am wichtigsten aber ist das Zeugnis des scharfblickenden Arztes 
Galen. Er sagt in der Schrift de sententiis politiae Platonicae*: 
„Hominum plerique orationem demonstrativam continuam mente 
assequi nequeunt, quare indigent, ut instituantur parabolis. veluti 
nostro tempore videmus homines illos, qui Christiani vocantur, 
fidem suam e parabolis petiisse. hi tamen interdum talia faciunt, 
qualia qui vere philosophantur. nam quod mortem contemnunt, 
id quidem omnes ante oculos habemus; item quod verecundia 
quadam ducti ab usu rerum venerearum abhorrent. sunt enim inter 
eos et feminae et viri, qui per totam vitam a concubitu abstinuerint'; 
sunt etiam qui in animis regendis coercendisque et in acerrimo 
honestatis studio eo progressi sint, ut nihil cedant vere philoso- 



^) Beide freilich mit einer Einschränkung; Epictet sagt, daß die Oalil&er 
die d<poß(a vor den Tyrannen ^^gewohnheitsmäßig** hätten (Arrian., Epictet. 
diss. IV, 7, 6) , M. Aurel behauptet, die christliche Todesbereitschafb stamme 
aus Ostentation (Med. XI, 8). 

*) Arabisch erhalten in der Hist. anteislam. Abulfedae (ed. Fleischer 
p. 109); s. dazu Kalbfleisch in der Festschrift für Gomperz, 1902, S. 96f. 
Norden, Eunstprosa S. 51 8 f. 

•) Von Justin an — wahrscheinlich schon früher — haben die Christen 
den Heiden gegenüber immer wieder auf die Gruppe ihrer Brüder und 
Schwestern hingewiesen, die sich der Ehe ganz enthielt oder nach einmaliger 
Ehe nicht wieder zur Ehe schritt oder innerhalb der Ehe auf den Geschlechts- 
verkehr verzichtete. Augenscheinlich rechneten sie darauf, daß eine solche 
Lebensweise auch bei ihren Gegnern Beifall und Bewunderung finden werde 
(auch Selbstentmannungen fehlten nicht, s. das Beispiel des Origenes und 
den Versuch, von welchem Justin, Apol. I, 29 berichtet). Schwerlich haben 
sie sich dabei verrechnet; denn die Keligionsphilosophie des Zeitaltei-s war 
asketisch. Doch ungeteilt war der Beifall auch der sittlich Strengen nicht. 
Der Heide bei Macarius Magnes (Forphyrius) III, 36 fahrt dem Paulus zu 
Gemüte, daß er I Tim. 4, 1 die tadelt, welche die Ehe verbieten, selbst aber 
I Cor. 7 die Jungfräulichkeit empfiehlt, obgleich er bekennen muß, kein 
Hermwort über die Jungfrauen zu besitzen. „Tut also nicht der, welcher 
wie eine Jungfrau lebt, unrecht und ebenso der, welcher sich nach der 
Weisung irgendeines schlechten Menschen der Ehe enthält, da sie doch von 
Jesus kein Gebot über das jungfräuliche Leben haben? Und wie dürfen 
einige Frauen, welche jungfräulich leben, so gewaltig Rühmens davon machen 
und behaupten, sie wären des heiligen Geistes voll, wie die, 
welche Jesum gebar ?•* — Die mißtrauische Beurteilung des Geschlechts- 
verkehrs (auch des ehelichen) bei den alten Christen zeigt sich von Paulus 
an auf der ganzen Linie ; besonders charakteristisch sind hier die apokryphen 
Apostelgeschichten (mit den Acta Pauli beginnend), die die populären Stim- 
mungen widerspiegeln. Folgende Tatsachen mögen hier zusammenstehen: 

(1) Die Ehe wird als Konzession an die Schwachheit gerade noch geduldet, 

(2) die Einschränkung oder gänzliche Enthaltung des Geschlechtsverkehrs in 
der Ehe wird angeraten und dringlich empfohlen, (8) die zweite Ehe wird 



Digitized by 



Google 



1 84 I^ie MissioiiBpredigt in Wort und Tat. 

phantibus^.^ Ein unbestocheneres und glänzenderes Zeimiis f&r 
die Sittlichkeit der Christen kann kaum gedacht werden. Übrigens 
hat auch Gelsus, der ihnen sehr mißgünstig bt, das sittliche Leben 
der Christen nicht bemängelt. Dumpf, niedrig, kläglich ist zwar 
nach Celsus alles bei ihnen, aber die Moralität, die unter solchen 
Umständen möglich ist, spricht er ihnen nicht ab. — 

Wie seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts der Beweis „des 
Geistes und der Eraft^ zurücktritt, so hört auch die ungeheuere 
sittliche Anspannung auf und macht allmählich einer Moralität 
Platz, die sich an das weltliche Leben anschmiegt und Ter- 
folgungen nicht mehr gewachsen ist^. Die Stadien dieses Prozesses, 
der seine Anfange schon im 2. Jahrhundert hat und bei der Frage 
einsetzte, ob und welche Sünden nach der Taufe vergeben werden 
können, können hier nicht dargelegt werden. Es muß die Be- 
merkung genügen, daß seit c. 230 in vielen Gemeinden nach dem 
Vorgang der römischen die groben Fleischessünden vergeben 
wurden, seit dem Jahre 251 in den meisten Gemeinden sowohl 
diese als die Sünden der Idololatrie. Damit war der Ereb ge- 
schlossen : nur in einigen Fällen wurden Verbrechen von besonderer 
Scheußlichkeit nicht vergeben, der Betreffende abo in die Ge- 
meinde nicht wieder aufgenommen. Daß die chrbtlichen Gemeinden 
samt ihren Bischöfen und ihrem Klerus bereits um das Jahr 220 
in sittlicher Hinsicht das nicht mehr waren, was sie früher gewesen 
waren — obgleich uns der Hirte des Hermas zeigt, wieviel 
Schlimmes auch damals schon zu bekämpfen war — , geht aus 
den letzten Schriften Tertullians („Nostrorum bonorum status iam 
mergitur^, de pudic. 1) und aus vielen beißenden Bemerkungen 
des Origenes in seinen Kommentaren klar hervor. Dennoch aber 
hörten sie nicht auf, sich durch ihre Sittlichkeit von den anderen 
Vereinen im Reiche und vor den städtbchen Bevölkerungen aus- 
zuzeichnen (Origenes betont das Cebus gegenüber ausdrücklich; 



als evjtQemjg /ioixeux bezeichnet, (4) die Jungfrauen werden überredet, in diesem 
Stande zu bleiben, (5) an die Stelle der Ehen treten platonische Bündmsse 
(„viigines subintroductae") mit kühnsten Wagnissen. S. dazu Tertull., de 
resurr. 8: „virginitas et viduitas et modesta in occulto matrimonii dissimu- 
latio et una notitia eius.** Das sind in absteigender Reihenfolge die vier 
Formen geschlechtlicher Enthaltsamkeit. 

^) Natürlich verurteilt Galen den Glauben der Christen als Hartnäckig- 
keit im Festhalten an völlig unbewiesenem; nsgi diaq^ogäe o<pvyiJi&v II, 4: 
tva fii^ ttg 9ir&vg xax dQxds, o>g elg Motvoov xcu X^unoO diargiß^r dq}iyfiiyiK, 
y6/jiQ)v Avanodehcx(ov dxovjj. III, 3 : darroy äv tig toifg dno McDvaod xcu Xqiotov 
ftexadiddSBisv ^ tavg rcug atgtot nQoarertjxdtag latQovg re xai fpiloa6q><>vg, 

*) Die Zahl der Lapsi in den Verfolgungen unter Decius und Diocletian 
war außerordentlich groß; aber schon Tertullian spricht (Scorp. 1) von „Leuten, 
die nur bei günstigem Wind, wenn es ihnen geflällig ist, Christen sind.** 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Geistes und der Kraft etc. Ig5 

8. m, 29. 30), und die BuSgesetzgebungen aus der Zeit von dem 
Jahre 251 bis 325, die uns in nicht ganz geringer Zahl erhalten 
sind, zeigen doch das ernsteste Bestreben, die Sittlichkeit und 
Heiligkeit des Lebens aufrechtzuerhalten. Auf sittlich gesinnte 
Menschen mußten die christlichen Gemeinden trotz ihrer mora- 
lischen Depotenzierung noch immer eine mächtige Anziehungskraft 
ausüben. 

Allein — und hier tritt uns wieder die complexio oppositorum 
entgegen — auch auf die sittlich dauernd Schwachen und 
Schwächsten mußten sie eben durch die neue Entwicklung, die 
sich um die Mitte des 3. Jahrhunderts in ihnen abschließend voll- 
zogen hatte, mächtig wirken. Waren sie bisher Gemeinschaften 
gewesen, welche die Sündenbeladenen aufnahmen, den schlimmsten 
Verbrecher nicht von ihrer Schwelle wiesen und ihm Vergebung 
bei Gott vermittelten, dann aber von ihm verlangten, daß 
er nun rein und heilig bleibe, so hatten sie sich jetzt, 
volentes-notentes, als Gemeinschaften einer grenzen- 
losen Vergebung etabliert. Sie hatten neben und nach der 
Taufe nxm ein zweites Sakrament ausgebildet; noch war es formlos, 
aber sie vertrauten ihm als einem formierten und hielten sich für 
berechtigt, es fast in jedem Falle anzuwenden: das Bußsakrament. 
Ob sie durch diese Entwicklung den Absichten des Stifters mehr 
entgegengekommen sind als die Rigoristen vor ihnen oder sich 
noch weiter von ihnen entfernten, mag hier auf sich beruhen — 
gewiß ist, daß die Anziehungskraft der christlichen Religion als 
Religion der Vergebung nun erst voll einsetzte. Alles kam auf 
die Art der Anwendung an; aber es war doch nicht nur frivoler 
Spott von Julian dem Apostaten, wenn er darauf hinwies, daß 
die christlichen Gemeinden durch die Art, wie sie Vergebung ver- 
kündigen und ausspenden, die ernste Moral schädigen und Glieder 
in ihrer Mitte haben, die keine andere religiöse Gemeinschaft bei 
sich dulden würde. Das, was Julian tadelt, hat schon in der 
2. Hälfte des dritten Jahrhunderts reichlich begonnen. Wenn, 
wie z. Z. Cyprians in Carthago, Kleriker derselben Gemeinde in 
Streit miteinander geraten, werfen sie sich alsbald die schlimmsten 
Dinge vor. Betrug, Ehebruch, selbst Mord. Erstaunt und entrüstet 
fragt man sich, wenn diese Vorwürfe zu Recht bestanden haben, 
warum^ hat man den betreifenden Presbyter oder Diakon nicht 
längst aus der Kirche entfernt? Auf diese Frage erhält man 
keine Antwort. Beruhten aber alle diese fast stereotyp wieder- 
holten Anklagen nicht auf Wahrheit, so ist die Tatsache, daß man 
leichtfertig den Bruder der schlimmsten Verbrechen zieh, nicht 
minder schlimm. Man sieht hier in eine Verwahrlosung hinein, 
die nicht möglich gewesen wäre, hätte sich nicht schon die Kehr- 



Digitized by 



Google 



186 J^iö Missionspredigt in Wort und Tat. 

Seite der Religion der Barmherzigkeit und Vergebung in ver- 
hängnisvoller Weise geltend gemacht. 

Indessen — wenn diese Vergebung auch Unwürdige traf, so 
ist sie damit noch nicht verurteilt, und zum Richten sind wir nicht 
berufen. Es muß uns genügen, festzustellen, was wir festgestellt 
haben, daß die christliche Religion im Laufe des 3. Jahrhunderts 
an ihrem Charakter, Religion der Sittlichkeit zu sein, Abbruch 
erlitten hat, daß sie aber in ihrer Anziehungskraft dadurch gewiß 
nicht vermindert worden ist; denn als ^Religion, die stetig Ver- 
gebung vermittelt, wurde sie nun aufgesucht. Es waren jetzt 
freilich z. T. andere Kreise als bisher, die sich an sie wandten. 

Noch aber ist eines Doppelten zu gedenken, um die hier ge- 
gebenen Grundzüge nicht lückenhaft erscheinen zu lassen. Erstlich, 
die von den meisten Gnostikem befolgte These, die Menschen 
seien ihren sittlichen Anlagen nach qualitativ verschieden, und 
deshalb müsse auch ihr sittliches Verhalten und die Moral, die 
man ihnen zumuten könne, verschieden sein, ist von der Kirche 
nicht gebilligt worden ^. Aber die Unterscheidung einer Sittlichkeit 
der Vollkommenen und einer noch ausreichenden Sittlichkeit ist 
uralt und stets festgehalten worden. Selbst bei Paulus finden 
sich deutliche Spuren dieser Betrachtung neben einer streng ein- 
heitlichen Auffassung. Die katholische Lehre von den „praecepta^ 
und „consilia'* hat in der Heidenkirche fast von Anfang an ge- 
golten, und die Worte der Apostellehre nach der Schilderung 
„der beiden Wege*' drücken eine allgemeine Überzeugung aus 
(C. 6: el fjikv dvvaaai ßaoxdoai SXov rdv Cvydv rov xvqIov, riXetog 
lofj' st d* oi dvvaoai, 8 övvfi rovro nolei). Die Unterscheidung 
von „Kindern" und „Vollkommenen", die zimächst für das Gebiet 
der christlichen Erkenntnis gilt, gilt auch für das sittliche Gebiet; 
denn sie hängen aufs engste zusammen^. Christliche Heroen, 
nämlich Asketen, Besitzlose u. s. w., hat es stets gegeben, und sie 
wurden besonders hoch verehrt (s. o.) ; ja sie mußten schon im 
nachapostolischen Zeitalter gewarnt werden, sich nicht zu überheben 

*) Es ist auffallend, daß die Werbekraffc dieser (gnostischen) Ideen nicht 
stärker war als sie gewesen zu sein scheint. Allein als sie auf christlichem 
Boden Bürgerrecht begehrten oder eindrangen, war die starke kirchliche 
Organisation dort schon vorhanden, und der Gnostizismus vermochte ^es nicht 
mehr, sie zu brechen oder eine rivalisierende Einrichtung zu schaffen. 

') Die Asketen sind nicht nur die , Vollkommenen*, sondern auch die 
eigentlichen „religiosi* — so schon Origenes, b. Hom. II in Num. (t 10 p. 20), 
wo die virgines, continentes etc. als die bezeichnet werden, „qui in professione 
religionis videntur**. Man vgl. hierzu Hom. XVII in Luc. (t. 5 p. 151) zu 
I Cor. 1, 2: „Memini cum interpretarer I Cor. 1, 2 dixisse me diversitatem 
ecclesiae et eorum qui invocant nomen domini. puto enim mono- 
gamum et virginem et eum, qui in castimonia perseverat» esse de ecclesia 



Digitized by 



Google 



Die Beligion des Geistes und der Kraft etc. 187 

oder zu prahlen (s. Ignat. ad Polyc. 5 : €t Ttg dvvatai h äyvetq, 
fiivtiv elg iipi^v xrjg oagxdg roü xvglov, iv äxavxt)olq, pievha)' läv 
xav^fjorpcai, äju&Xeto, cf. I Clem. 38: 6 äyv&g iv xfj aagxl ijto) xal 
juf) dJiatovevia^a}). In den urehristlichen Asketen hat das Mönch- 
tum seine Vorstufe. 

Zweitens — die Wahrhaftigkeit in bezug auf das Wirkliehe 
leidet in jeder Religion ebensoleicht Schaden wie die Gerechtig- 
keit, und an jede Religion haftet sich der Fanatismus, die Kritik- 
losigkeit und der Schwindel. Die Blätter der Eirchengeschichte 
von den ältesten Zeiten an wissen davon zu erzählen. In den 
meisten Fällen, bei allen den Wundem, die nicht geschehen, den 
Visionen, die nicht gesehen, den Stimmen, die nicht gehört, den 
Büchern, die von den angeblichen Verfassern nicht geschrieben 
worden sind, können wir heute nicht mehr entscheiden, wo der 
Selbstbetrug aufhört und wo der Betrug anfängt, wo die Schwär- 
merei zur Methode wird und die Methode zur gewohnheitsmäßigen 
Täuschung; ebenso wie wir in der Regel nicht zu entscheiden 
vermögen, wo die herbe Exklusivität zur Ungerechtigkeit und zum 
Fanatismus wird. Wir müssen uns begnügen, festzustellen, daß 
solche Fälle leider nicht selten waren, und daß sie zugenommen 
haben. Auch das hat im 3. Jahrhundert und auch schon im 
zweiten nicht gefehlt, was man Priesterbetrug und Wunderschwindel 
nennt. Nicht nur in einigen gnostischen Eonventikeln, wo man 
Wasser in Wein (Marcosier) und Wein in Wasser (Bücher Jeü) 
verwandelte, sind sie zu finden, sondern auch in der großen 
Kirche. 

Das Christentum als Religion des Geistes und der Kraft barg 
aber noch ein Element in sich, das von höchster Bedeutung ge- 
worden ist und in besonderer Weise die Originalität dieser Religion 
zum Ausdruck bringt — das ist die Ehrfurcht vor Niedrigkeit, 
Schmerz, Leiden und Tod und die heldenhafte Umbiegung dieser 
Hemmnisse in Sieg und Triumph. Das Leben des l^lösers und 
sein Kreuz waren die großen Kräfte und Paradigmen für die 
Entstehung und Einübung jener Ehrfurcht, die mit Geduld und 
Hoffnung vermählt, jeden äußeren Widerstand niederwarf, in dem 
Leiden den Weg zur Gottheit verehrte und so inmitten der Feinde 
triumphierte. „Die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist — diese 
ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und mußte. 



dei, eum vero, qoi sit digamus, licet bonam habeat conversationem et ceteris 
virtutibns poUeat, tarnen non esse de ecclesia et de nmnero, qui non habent 
mgam aut macnlam aut aliquid istius modi, sed esse de secundo gradu et 
de bis qui invocant nomen domini, et qui salvantur quidem in nomine 
I^8u Christi, nequaquam tarnen coronankur ab eo." 



Digitized by 



Google 



Igg Die MiBsionspredigt in Wort and Tat. 

Aber was gehorte dazu, die Erde nicht allein unter sich liegen 
zu lassen und sich auf einen höheren Geburtsort zu berufen, 
sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, 
Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen K^ 
Das Tiefste, was in der Christenheit nach Seiten der Entwicklung 
des sittlichen Gemüts, toU Kraft und voll ZarÜieit, henrorgebracht 
worden ist, hat hier seine Wurzel, und es hebt sich als ein durch- 
aus Originales von ähnlichen Ansätzen in einigen Philosophen- 
schulen (z. B. den zynischen) ab. Worte freilich sind dieser 
Stimmung erst viel später — von Augustin ab — verliehen 
worden. 

Aber wie auch das Göttlichste auf EIrden seinen Schatten 
hat, so ist auch jene Ehrfurcht nicht ohne einen solchen. Nicht 
nur die neue Ästhetik, die hier entstand, mußte — weil die Auf- 
gabe unlösbar war — eine Ästhetik des Niedrigen, des Todes 
und seiner häßlichen Reliquien werden, also^eine Nicht -Ästhetik, 
bis endlich in sehr viel späterer Zeit die Ästhetik des Seelen- 
schmerzes und des Entzückens in dem Leid gefunden war, sondern 
auch hier stellte sich Routine und Konventionelles ein, und das 
Tiefste und Yerehrun^würdigste wurde durch Gewohnheit, profane 
Rede, mechanische Überlieferung und rituelle Übung entgeistet 
und widerlich^. Aber so stark man das häßliche Phlegma dieser 
neuen Stimmung empfinden und so empört man es verurteilen 
mag — man soll nicht vergessen, daß es der Schatten der tiefsten 
und zugleich heldenmütigsten Erhebung der Seele ist, ja der Re- 
ligion selbst in ihrer reifsten Entwicklung. 



Sechstes Kapitel. 

Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien 
und der transzendentalen Erkenntnisse. 

1. 
^Einige Christen [also nicht alle] wollen nicht einmal Rechen- 
schaft geben noch nehmen über das, was sie glauben; sie halten 
sich an die Parole: ,Prüfe nicht, sondern glaube^ und ,Dein Glaube 
wird dich retten'. ,Ein Übel ist die Weisheit in der Welt, ein 

^) Goethe, Wandeijahre Bd. 24 S. 243. 

*) Auch hier hat Goethe (a. a. 0. S. 255) das treffende Wort gesprochen: 
„Wir ziehen einen Schleier fiber diese Leiden (die Leiden Christi Tomehm- 
Hch), eben weil wir sie so hoch verehren; wir halten es fttr eine yerdammongs- 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität nnd der Vernunft, der Mysterien etc. Ig9 

Gutes aber die Torheit/** So hat Celsns (I, 9) von den Christen 
geschrieben. Dieselbe Charakteristik hat er noch öfters in seiner 
Streitschrift vorgebracht und variiert; s. I, 12: ^Wie sie gewohnt 
sind, sprechen sie: ^Untersuche nicht.'** 1,26 f.: ^Jesu verderb- 
liches Wort hat die Menschen betrogen; freilich bei seinem 
idiotischen Charakter und seinem Mangel an Beredsamkeit hat 
er fast .nur Idioten gewonnen*.** HE, 44: ^Folgende Vorschriften 
gelten bei den Christen, ja sogar bei den verstandigeren: ,Wer 
gebildet ist, wer klug, wer weise ist, der trete nicht zu uns hinzu; 
denn solche Eigenschaften sind in unseren Augen schlimme Dinge. 
Die Unwissenden aber, die Narren und die Toren mögen herzhaft 
zu uns kommen!'** VI, 10 ff.: „Die Christen sagen: ,Glaube allem 
zuvor, daß der, welchen ich dir verkündige, der Sohn Gottes ist.*** 
„Alle sind mit der gleichen Aufforderung bei der Hand: ,Glaube, 
wenn du gerettet werden willst, oder packe dich fort.* Von der 
Weisheit unter den Menschen sagen sie, sie sei Torheit bei Gott. 
Die Ursache davon ist, daß sie durch solche Rede nur die Un- 
gebildeten und Einföltigen an sich ziehen wollen.** Auch nach 
Justin werfen die Gegner den Christen vor, daß sie nur blind be- 
haupten, aber nichts beweisen (Apol. 1, 53), und Lucian (Peregr. 13) 
sagt von ihnen : Svev rivdg äxgißovg jämecog rd Totavxa nagedi^avto. 
Die Charakteristik und der Vorwurf sind nicht ganz unbe- 
rechtigt. Innerhalb einer bestimmten Linie der Betrachtung haben 
die Christen von Anfang an und stets behauptet, man habe seine 
Vernunft gefangen zu nehmen und in Gehorsam unter die evan- 
gelische Botschaft zu beugen. Einige von ihnen sind noch weiter 
vorgeschritten und haben überhaupt blinden Glauben dem Wort 
gegenüber verlangt. Wenn der Apostel Paulus das, was er predigt, 
nicht sowohl seinem Inhalte nach ins Auge faßt, als vielmehr seiner 
Herkunft nach — es ist Gottes Wort — , aber auch wenn er 
auf den Kontrast sieht, in welchem es zur Weisheit dieser Welt 
steht, so fordert er entschlossenen und festen Glauben, nichts 
anderes. „Wir nehmen alle Vernunft gefangen unter den Gehor- 
sam gegenüber Christus** (II Cor. 1 0, 5) und : das Wort vom Kreuz 
verträgt keine o<Hpla X6yov und will als törichte Predigt gepredigt 
und mit dem Glauben ergriffen sein (I Cor. 1, 17 ff.). Daher warnt 
er auch vor den Verführungen der Philosophie (Coloss. 2, 8). Sehr 
viel entschlossener noch ist Tertullian vorgegangan. Er verbietet 

würdige Frechheit, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die Tiefe des 
göttlichen Leidens Terborgen liegt, zu spielen, zn tändeln, zu verzieren und 
nicht eher zu ruhen, als bis das Würdigste gemein und abgeschmackt er- 
scheint." 

*) Doch fügt Gelsus hinzu, es gebe auch etliche maßvolle, fromme, ver- 
ständige und zu geistigen Umdeutungen geschickte Leute unter den Christen. 



Digitized by 



Google 



190 Die Missionspredigt in Wort und Tat 

es dem Christen (de praescr. 8 flf.), das Wort: ^Suchet und ihr 
werdet finden" auf die Lehre überhaupt anzuwenden. ^Was haf*, 
ruft er (1. e. c. 7) aus, ^ Athen mit Jerusalem zu schaffen, was 
die Akademie mit der Kirche, was die Häretiker mit den Christen? 
Unsere Lehre stammt aus der Säulenhalle Salomos, der selbst 
gelehrt hatte, man müsse den Herrn in der Einfalt des Herzens 
suchen. Zusehen mögen die, welche ein stoisches und platonisches 
und dialektisches Christentum eingeführt haben! Seit Jesus Christus 
bedürfen wir des Porschens nicht mehr, auch nicht des Unter- 
suchens, seitdem das Evangelium gepredigt worden ist. Wenn 
wir glauben, so wünschen wir über den Glauben hinaus weiter 
nichts mehr. Denn das ist das Erste, daß wir glauben, es gebe 
nichts mehr, was wir über den Glauben hinaus noch zu glauben 
haben . . . Nichts außerhalb der Glaubensregel wissen heißt alle 
Wissenschaft besitzen^." 

So mögen viele Missionare gepredigt haben, nicht nur seit 
dem schweren Kampf mit dem Gnostizismus, sondern auch schon 
vorher. Auf den Glauben kommt es an als einen Entschluß des 
Willens und des Gehorsams; keine Yerstandsbedenken sollen ihn 
stören! 

So kann nur gepredigt werden, wenn zugleich eine mächtige 
Autorität eingesetzt wird, und sie wurde eingesetzt. Zuerst und 
vor allem — man vergleiche Paulus — war es die Autorität des 
göttlichen Offenbarungswillens, wie sich derselbe in der Sendung 
des Sohnes kund getan hat. Hierbei aber lagen äußere und innere 
Autorität ineinander und deckten sich; denn so gewiß der gött- 
liche Wille an sich, nach Paulus, Autorität ist und sich auch als 
solche wirksam zu machen vermag, ohne daß man den Zweck 
und das Recht dieses Willens erkennt (s. Rom. 9 ff.), so gewiß ist 
der Apostel davon durchdrungen, daß der Gnadenwille sich inner- 
lich verständlich macht. 

Aber schon bei Paulus sind neben der in dem Kreuz Christi 
gesetzten äußeren und inneren Autorität auch noch andere Autori- 
täten vorhanden, die Glaubensgehorsam verlangen — das ge- 
schriebene Wort der heiligen Urkunde und die Worte Jesu. Auch 
hier soll es keine Zweifel und keine Widerrede geben. 

Dennoch hat der große Apostel den Versuch gemacht, alles 
geistig zu durchdringen, und schließlich handelt es sich bei ihm 



*) Vgl. de came Christi 2: ^Si propheta 68, praenuntia aliquid; si 
apostolus, praedica publice; si apostolicus, cum apostolis aenti; si tantum 
Christianus es, crede quod traditam est.*^ Das „ Glauben** wurde aber dann 
bei den Massen (den „simpliciores", den „simplices et idiotae*) manchmal 
handfester als es den Theologen — ja selbst einem Tertullian — lieb war. 
Die Klagen darüber bei Origenes sind zahlreich (s. z. B. de princip. IV, 8). 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 191 

an keiner Stelle um ein sacrificium intellectus (s. u.). Die Sätze, 
die anders lauten, sind nur Schein. Sofern er Glaubensgehorsam 
fordert und das „Worf* oder das „Kreuz" als Autorität hinstellt, 
meint er den Glaubensgehorsam, der von jeder Religion unzer- 
trennlich ist, mag sie noch so frei und geistig ausgestaltet sein. 
Aber Celsus und Tertullian belehren uns darüber, wenn es hier 
überhaupt einer Belehrung bedarf, daß viele Missionare und Lehrer 
ganz anders verfahren sind. Sie pflanzten einfach die Autorität 
auf, in steigendem Maße die des Bibelbuchstabens ^. bald auch die 
der Glaubensregel und der Kirche (die Kirche als mvlog xal 
idQaloyjna rfjg äXrj&eiag schon I Tim. 3, 15). Es ist richtig, daß sie 
die Autorität beider Größen, der Bibel und der Kirche, durch 
eine rationale Beweisführung zu stützen suchten (die der Bibel 
durch den Nachweis der erfüllten Weissagungen, die der Kirche 
durch den Nachweis der lückenlosen Tradition, die auf Christus 
selbst zurückführt und der kirchlichen Lehre den Wert der Worte 
Christi verleiht) und insofern im Grunde doch keinen blinden 
Glauben verlangten. Allein erstlich waren zu solchen Beweis- 
führungen gewiß nicht alle Missionare und Lehrer fähig — es 
sind die gebildeten Apologeten und Polemiker, die sie führen — ; 
zweitens kann eine innere Autorität der betreffenden Größen 
durch äußere Beweise nicht herbeigeführt werden. Sie bleiben 
doch etwas Heteronomes, und der geforderte Glaube bleibt im 
Grunde blinder Glaube. 

Aber man würde sehr irren, wollte man annehmen, daß die 
runde Forderung, einfach den Autoritäten zu glauben und die 
Vernunft zu verabschieden, für die Mehrzahl der Menschen als 
starkes Hindernis bei der Annahme der christlichen Religion ge- 
wirkt hat^. Das Gegenteil ist sicher der Fall gewesen. Je 
peremptorischer und exklusiver eine Religion die Glaubensforde- 
rung geltend macht, desto zuverlässiger und sicherer scheint sie 
der Mehrzahl zu sein; je mehr sie ihnen die Pflicht der Verant- 
wortung, über ihre Wahrheit nachzudenken, abnimmt, desto will- 
kommener ist sie. Jede kräftig eingesetzte Autorität wirkt hier 

*) Genaueres über die Bedeutung der Bibel für die Mission s. im siebenten 
Kapitel. 

*) Auf hochgebildete Männer wie Celsus und Porphyrius natürlich wohl. 
Über Celsus s. oben; Porphyrius (der Heide bei Macarius Magnes IV, 9) 
schreibt zu Matth. 11,25: „Wenn die Geheimnisse vor den Weisen verborgen 
sind, den ünmQndigen und vemunftlosen Säuglingen aber hingeworfen werden 
— es mflßte dann freilich auch das für die Unmündigen und Unverständigen 
Geschriebene deutlicher sein und nicht rätselhaft — , so ist es besser, nach 
Unvernunft und Unbildung zu streben. Das ist der höchste Glanzpunkt des 
auf Erden wandelnden Christus, vor den Weisen den Strahl der Erkenntnis zu 
verbergen, den Unverständigen aber und den kleinen Kindern ihn zu enthüllen." 



Digitized by 



Google 



192 Die HisdoDspredigt in Wort und Tat. 

als Beruhigung; feruer aber: gerade die paradoxesten Glaubens- 
sätze, welche jeder Erfahrung und yemünftigen Überlegung spotten, 
sind die willkommensten; denn sie scheinen die Gewähr zu bieten, 
daB hier nicht nur Menschliches und daher Unzuverlässiges dar- 
gereicht wird, sondern göttliche Weisheit. „Das Wunder ist des 
Glaubens liebstes Eind^, gilt nicht nur Ton den Mirakeln, es gilt 
auch Ton den mirakulösen Lehren, die man nur in blindem Glauben 
und Gehorsam sich anzueignen yermag. 

Allein solange die Autoritäten in Büchern und Lehren be- 
stehen, ist die letzte Beruhigung, die gesucht wird, noch nicht 
erreicht. Der Sinn solcher Lehren bleibt immer mit einem Zweifel 
behaftet, und ihr Spielraum unsicher, vor allem aber: ihre An- 
wendung auf die Fragen der Gegenwart ist oft schwierig und 
fuhrt zu peinlichen und erschütternden Kontroversen. Die letzte 
Beruhigung für den „blinden Glauben^ ist erst dann gegeben, 
wenn die Autorität eine lebendige ist, leicht befragt werden 
kann und prompt antwortet. Eine solche Autorität gab es in den 
ersten Generationen der Christenheit nicht; aber langsam bildete 
sie sich im Laufe des 2. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 
dritten heran: die Autorität der im Episkopat repräsen- 
tierten Kirche. Sie verdrängte die anderen Autoritäten nicht, 
den Heilswillen Gottes und die heilige Schrift; aber indem sie 
sich neben sie stellte, schob sie sie zurück: die auctoritas inter- 
pretativa ist stets die höchste und eigentliche Autorität. 
Seit der Mitte des dritten Jahrhunderts waren Kirche und Episko- 
pat soweit entwickelt, daß sie wie heilige Autoritäten funktionierten. 
Erst seit dieser Zeit hat die Verbreitung der Kirche den großen 
Aufschwung genommen; nunmehr wurde sie Massenkirche. Zwar 
auch das lebendige Autoritätssystem der Kirche hatte noch seine 
Mängel und Lücken — unter Umständen funktionierte es sehr 
langsam oder konnte überhaupt nicht in Wirksamkeit gesetzt 
werden — , aber für die Massen bestanden diese Mängel nicht. 
Sie schauten in dem Bischof, in dem Priester, ja in dem Kirchen- 
gebäude und dem Kultus das Heilige und Autoritative, dem sie 
sich unterwarfen, unmittelbar an. Dieser Zustand herrschte schon 
zwei Generationen lang, als Constantin das Christentum anerkannte 
und privilegierte. Diese Kirche mit der ungeheuren Autorität, 
die sie über die Massen hatte, privilegierte er, und diese Christen 
erklärte er für die Stützen des Thrones, die in gehorsamem 
Glauben den Bischöfen anhingen und sich ihrer gottverordneten 
Autorität nicht widersetzten. Das Christentum mit seinem blinden 
Glauben, welches Celsus schildert, ist das Christentum, das „ge- 
siegt'' hat. Wann hätte auch jemals ein Staat ein positives Liter- 
esse für eine andere Art von Religion gezeigt? 



Digitized by 



Google 



Die Religioii der Autorität und der Yemunft, der MTsterien etc. 193 

2. 

Das Christentum ist complexio oppositorum. Derselbe Paulus, 
der die Vernunft gefangen nehmen heißt, verkündigt, daß im 
Gegensatz zum Polytheismus das Christentum der „vernünftige 
Gottesdienst" (Rom. 12, 1 : Xoyixij XaxQeUi) sei, und erklärt, daß, 
was den Heiden als Torheit am Kreuze Christi erscheine, eben 
nur ihnen, die da verblendet seien, so erscheine; in Wahrheit sei 
die christliche Predigt die tiefste Weisheit. Ferner aber erklärt 
er, daß sie nicht nur im Jenseits als Weisheit uns aufgehen werde, 
sondern daß sie schon jetzt von den Gläubigen als solche erkannt 
werden könne, und da^^r die „VoUkonmienen'' unter ihnen in 
sie einfuhren werdet Diese Zusage (z. B. I Cor. 2, 6 f.: ootplav 
Xalovfiev h tolg reieioig) hat er wahr gemacht und doch den 
Kindern und Schwachen am Geiste die Weisheit nicht vorent- 
halten. Zwar nicht alles kann und darf er sagen, was ihm an dem 
Worte Gottes und dem Kreuze Christi aufgegangen ist — laXovßiev 
^eov ao<piav h jLivmrjQlcp rijv äjioxexQv/a/xivrjv — , aber in Spe- 
kulation und Geschichte hat er sich bewegt und aus der „Tiefe 
des Reichtums und der Weisheit und Erkenntnis Gottes" reichlich 
geschöpft. Mit ihm empfindet man die Freude des Denkers, der 
die Gedanken Gottes nachdenkt und gewiß 'ist, daß er in, mit 
und durch seinen Glauben aus der Finsternis zum Licht, aus dem 
Verworrenen, Undurchsichtigen und Lastenden zu befreiender 
Klarheit gekommen ist. 

„Wir sind aus der Finsternis zum Licht empor gerettet wor- 
den" — das ist der Jubelruf eines Chors von Christen in jenen 
ersten Jahrhunderten gewesen. Es war die intellektuelle 
Wahrheit und Klarheit, deren sie sich freuten und rühmten. 
Wie eine lastende Nacht erschien ihnen der Polytheismus; nun 
war er von ihnen genommen; die helle Sonne stand am EQmmel! 
Wohin sie auch schauten, alles empfing durch den geistigen 
Monotheismus, empfing von dem lebendigen Gott Klarheit und 
Gewißheit. Man lese den I. Clemensbrief ^ oder den Anfang 



*) Über die .Vollkommenen" s. o. S. 186. Sie bilden för Paulus eine 
besondere Kategorie. Die Unterscheidung ist dann namentlich von den 
Alexandrinern scharf ausgeprägt und eine christliche Lehre für die Voll- 
kommenen (die »Wissenden"), eine andere fttr die Gläubigen ausgebildet 
worden. Auch von Christus selbst erzählte man in Alexandrien (nicht nur 
bei den Gnostikem) , daß er eine Geheimlehre für die Vollkommenen seinen 
vertrauten Aposteln übergeben und ftir ihre Fortpflanzung gesorgt habe, 
s. Clemens Alex, bei Euseb. , h. e. II, 1 : 'lax&ßq) tq> Stxaiq) xai 'laydwjj xal 
nhgq) fista jtjv dvdaraatv JiagiScoxev trpf yve5o<v 6 xvQtog, ovroi jotg Xoufols 
dnomdXoii stoQeScoxav xzX. 

*) Besonders c. 19 ff. 
Harnaok, Mission. 2. Aufl. 13 



Digitized by 



Google 



194 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

der clementinischen Predigt^ oder den Barnabasbrief^ oder höre 
die Apologeten oder studiere den alexandrinischen Clemens und 
Origenes. Sie richten ihren Blick auf die Natur und freuen sich 
der gesetzmäßigen Einheit ihrer Bewegung: Himmel und Erde 
sind ihnen Zeugen der Einheit und Allmacht Gottes. Sie blicken 
auf die Anlagen und die Ausstattung des Menschen und schauen 
in ihnen die Züge des Schöpfers. Sie preisen in der Vernunft 
und Freiheit des Menschen seine imermeßliche Güte. Sie ver- 
gleichen die Offenbarungen Gottes, den göttlichen Willen, mit 
dieser Vemimft und Freiheit, und siehe da — alles stimmt har- 
monisch zusammen: nichts wird dem Menschen auferlegt, was 
nicht schon in ihm liegt, nichts offenbart, was nioht bereits in 
seinem inneren Bestände gegeben ist. Die lange verschüttete 
natürliche Religion, die Religion fiezä Xöyov ist wieder aufgedeckt ' ! 
Sie blicken auf Christus, imd wie Schuppen fallt es von ihren 
Augen : das was in ihm tätig war, ist der Logos, derselbe Logos, 
durch den die Welt geschaffen ist, mit dem das geistige Teil des 
Menschen durch ein geheimnisvolles Band unlöslich verbunden ist, 
der in der Geschichte gewirkt hat, in allen Guten und Edlen, der 
zuletzt notwendig seine ganze Kraft offenbaren mußte, damit alle 
Hemmimgen und Störungen schwänden, in die der Mensch, das 
so herrlich geschaffene, aber so schwache Wesen, geraten war. 
Sie blicken endlich auf den Lauf der Geschichte, auf den Anfang, 
die Mitte und das Ende, imd alles strebt zusammen, vereinigt 
sich zu einem herrlichen Aufstieg und zu einem noch herrlicheren 
Abschluß. Die kreatürliche Freiheit, den Verlockungen der Dä- 
monen unterliegend, hat Störungen angerichtet, aber sie werden 
allmählich durch die Kraft des Logos -Christus überwunden: an 
dem Anfang der Geschichte stand eine kindliche Menschheit, voll 
guter, göttlicher Anlagen, aber noch unerprobt und der Versuchung 
zugänglich ; an ihrem Ende wird eine vollendete Menschheit stehen, 
fähig und würdig, in die Unsterblichkeit einzugehen. Vernunft, 
Freiheit und unsterbliches Wesen werden Recht behalten gegen- 
über Irrtum, Verfehlimg und Verderbnis. 

Das war das Christentum vieler, eine helle, freudige Sache, 
die Lehre der reinen Vernunft. Nicht Last für den Verstand war 
die neue Lehre, sondern Befreiung. Nichts Fremdes trägt sie 
der Vernunft zu, sondern klärt sie über ihren eigenen verdunkelten 

*) II Clem. 1, 4 ff. : ro q>(ög i^fiTv ixagioaxo . . . strjQol Svreg tfj biavoiq. ngoa- 
xwovvrsg Xl^ovg xcd fvAa xai XQ^<^ ^«* äQyvQov xai xaXx6Vf igya dv^gcoTttov 
. . . AfwvQGHJiv o^ 3i€Qixeift€voi xai xoiavTijg dx^vog yifiovrsg h ifj Sgäosi dvtßXi- 
xpafMv, Ähnliche Stellen sind sehr häufig. 

*) Man vgl. das erste Kapitel und c. 2, 2 f. 

•) Vgl. Justins Apologie, Tertullians Traktat de testimonio animae u. a. 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 195 

Inhalt auf. Das Christentum ist göttliche Offenbarung, 
aber es ist zugleich die reine Vernunft, die wahre Phi- 
losophie. 

So haben es die meisten Apologeten erfaßt; sie haben zu 
zeigen versucht, daß der gesammte Inhalt des Christentums sich 
diesem Gedanken unterordnet. Was sich nicht fügte, das schlössen 
sie aus, aber verwarfen es nicht, sondern deuteten es vermittelst 
der „wissenschaftlichen'' Methode, nämlich der pneumatisch- 
allegorischen, um oder stellten es in den großen Beweisapparat 
ein (den Weissagungsbeweis). Was sachlich wertlos oder an- 
stößig erschien, wurde so entweder weggeräumt oder erhielt einen 
formalen Wert als Bestandteil eines frappierenden, die Göttlich- 
keit des Christentums bestätigenden Beweises. Es ist hier nicht 
möglich, im einzelnen die vernünftige Philosophie, die so entstand, 
zu entwickeln^; aber es genügt auch für unsere Zwecke, zu 
konstatieren, daß es eine hervorragende Gruppe von christlichen 
Lehrern bis zum Anfang des 4. Jahrhunderts — denn auch Lac- 
tantius gehört zu ihnen — gegeben hat, die das Christentum in 
dieser Weise gefaßt haben. Sie haben sich als Apologeten und 
auch als Lehrer vom Katheder herab eifrig an der Mission be- 
teiligt; Justin hatte z. B. seine „Schule**, ebenso Tatian^. Auch 
die Hoftheologen in der Umgebung Constantins huldigten dieser 
Denkweise. Die Erlasse des Kaisers, wo sie auf das Christentum 
eingehen, und vor allem seine Rede an den Syllogus der Heiligen 
sind von ihr getränkt^. Eusebius, wenn er die neue Keligion dem 
großen Publikum verständlich machen will, schildert er sie als die 
Religion der Yemunft und der Klarheit; man lese das erste Buch 
der Barchengeschichte und die Vita Constantini samt Zubehör. 

^) In meinem Lehrbuch der Dogmengeschichte Bd. I * S. 462—507 habe 
ich versucht, sie darzulegen. 

*) S. die Acta mart. Justini und seine Apologie. Von Tatian wissen 
wir, daß er den Rhodon zum Schüler gehabt hat (Euseb. V, 13). 

') Die „Rede" Constantins ist vielleicht — auch abgesehen von ihrem 
Autor — die eindrucksvollste Apologie, die geschrieben worden ist (über ihre 
Echtheit s. meine Chronologie Bd. 2 S. 116 f. und Wen dl and, Philol. 
Wochenschr. 1902 Nr. 8), eindrucksvoll fttr halbgebildete Leser, d. h. fttr das 
gebildete Publikum, wie es damals war. Sehr wirkungsvoll ist es, wie als 
SchlußefPekt die (gefälschte) Sibyllenweissagung und die (interpolierte) Ekloge 
Yergils verwendet und die Regierung des Kaisers in Kontrast zu den früheren 
Regierungen gesetzt wird. Das hier vorgeführte Christentum ist exklusiv — 
selbst Socrates findet keine Gnade, und Plato wird nicht nur gelobt, sondern 
auch hart getadelt (c. 9) — und ist doch mit dem Neuplatonismus vermählt. 
Der Sohn Gottes ist als solcher und als Christus stark in den Vordergrund 
geschoben; er ist Gott, Gottes Sohn und Held eines wahrhaftigen Mythus 
zugleich. Alles aber erscheint in einer gewissen spekulativen Schwebe, der 
eine echauffierte, blumenreiche, aller Schärfe ermangelnde Sprache entspricht. 

13» 



Digitized by 



Google 



196 ^® MisdoDspredigt in Wort and Tat. 

^Supranaturalistische Rationalisten^ konnte man mit einem Kunst- 
ausdruck der modernen Eirchengeschichte alle diese einfloSreichen 
Lehrer nennen; sofern aber die Offenbarung etwas Stetiges ist, 
was mit der Schöpfung begonnen, niemals gefehlt hat und sich 
harmonisch der menschlichen Anlage anschmiegt, ist im Grunde 
der Ausdruck ^supranaturalistisch^ kaum am Platze. Ein reiner 
religiöser Rationalismus entstand hier, begleitet von einem eigen- 
tümlichen Geschichtsbilde, dessen letzte zukünftige Erscheinungen 
freilich zu dem gemessenen Verlaufe der früheren nicht recht 
paßten. Justin, Commodian und Lactantius belehren uns, wie man 
den rationalistischen Moralismus mit der alten Apokalyptik zu- 
sammengeschweißt hat, ohne an der Stilmischung, die so entstand, 
Anstoß zu nehmen. 



Indessen Autorität und Vernunft, blinder Glaube und helle 
Erkenntnis, sie umfassen noch nicht alle Formen, in denen das 
Christentum vorgetragen wurde. Dieses Zeitalter, in seiner geisti- 
gen Haltung und seinen religiösen Bedürfnissen so mannigfaltig zu- 
sammengesetzt, wollte auch im Christentum keine Form entbehren, 
die Träger eines religiösen Wertes zu sein vermochte. Und die 
komplizierte Epoche machte auch den einzelnen in seinen Be- 
dürfiöissen kompliziert. Derselbe Mann, der nach einer Autorität 
verlangte, der er sich blindlings unterwerfen wollte, verlangte oft 
gleichzeitig nach einer vernünftigen Religion, und wenn er beides 
erhalten hatte, war er noch nicht zufrieden, sondern begehrte 
Weiteres, sinnliche Unterpfänder, die ihm das Heilige leibhaftig 
vorstellen sollten, und Symbole mit geheimnisvollen Ej-äften. 
Doch — war es nur damals so, waren es nur die Menschen jenes 
Zeitalters, welche nach solchen Dingen strebten? 

Aus der Urzeit der christlichen Religion hatten zwei äußere 
heilige Handlungen, nicht mehr und nicht weniger, die Verkün- 
digung dieser Religion begleitet, die Taufe und die Feier des 
Abendmahls. Was sie ursprünglich bedeutet haben und bedeuten 
sollten, das können wir beiseite lassen. Sobald wir sie auf heiden- 
christlichem Boden sehen, steht ihre Bedeutung wesentlich fest: 
es sind — obgleich der christliche Gottesdienst ein Dienst im 
Geist und in der Wahrheit sein soll — effektive heilige Hand- 
lungen; sie enthalten Sündervergebung, Erkenntnis und ewiges 
Leben*. Gewiß, die Elemente Wasser, Brot und Wein sind 
Symbole, imd nicht im Äußeren spielen sich die Vorgänge ab; 
aber die Symbole bringen der Seele das, was sie bedeuten, wirk- 

^) S. das Johannesevangelium y den Johannesbrief und die Apostellehre 
(Abendmahlsgebete). 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 197 

lieh. Ein jedes Symbol steht mit- der Sache, die es bedeutet, 
in einem mysteriösen, aber realen Zusammenhang. 

Wasser, Brot und Wein als heilige Elemente, Untertauchen 
in das Wasser, damit die Seele gebadet und gereinigt werde, 
Brot und Wein als Leib und Blut, als Leib und Blut Christi, 
als Nahrung der Seele zur Unsterblichkeit, Wasser und Blut — 
diese Sprache verstand das Zeitalter. Der massive Realist ver- 
stand sie, aber der sublimste Spiritualist verstand sie nicht weniger. 
Die beiden sublimsten Spiritualisten der Kirche, Jo- 
hannes und Origenes, sind die tiefsinnigsten Myste- 
riosophen gewesen, und die großen gnostischen Theologen 
haben ihre abstraktesten Theosopheme an realistische Mysterien 
angeschlossen; sie alle sind Theologen der Sakramente. 
Christus hat die (Hter, die er gebracht hat, an Symbole als an 
Vehikel und Träger angeschlossen, ja in sie versenkt: wem die 
Weihe des heiligen Symbols zu teil wird, der hat damit die 
Gnade. Das war eine von unzähligen Mysterien her geläufige 
Sache: in und mit der körperlichen Applikation wird die Weihe, 
die Gnade, in die Seele gegossen. Es ist wie eine prästabilierte 
Harmonie, nein, die Verbindung ist noch inniger. Der Satz der 
späteren Scholastiker: ^Sacramenta continent gratiam", ist so alt 
wie die Heidenkirche; er ist noch älter als sie; er war längst 
da, bevor sie existierte. 

Die christliche Religion war verständlich und eindrucksvoll, 
weil sie Sakramente brachte^; ohne die Mysterien hätten es die 

^) Das Abendmahl als Essen und Trinken von Fleisch und Blut hat frei- 
lich auch manchen abgestoßen. Merkwürdig ist die Kritik des heidnischen 
Philosophen (Porphyrius) bei Macarius Magnes III, 15. Das Mysterium des 
Abendmahls, wie es die Synoptiker überliefern, tastet er nicht an, aber zu 
Joh. 6, 54 («Werdet ihr nicht essen mein Fleisch und trinken mein Blut, so 
habt ihr kein Leben in euch") bemerkt er: 

nist denn dies nicht tierisch und widersinnig, ja vielmehr widersinniger 
als aller Widersinn und tierischer als tierische Roheit, daß ein Mensch 
Menschenfleisch essen und seines Stammesgenossen und Verwandten Blut 
trinken und dafür das ewige Leben bekommen soll ? [Man erinnere sich, daß 
Porphyrius Gegner des Fleisch- und Biutgenusses überhaupt war]. Denn 
sage mir: welch größere Roheit könnt ihr noch, wenn ihr dies tut, in das 
Leben einführen? Welch ein Verbrechen werdet ihr noch aufbringen, das 
fluchbeladener wäre als diese ekelhafte Ruchlosigkeit? Das Ohr ertrfi^ es 
nicht, ich meine noch gar nicht die Handlung, sondern nicht einmal den 
Namen dieses völlig unerhörten fremdartigen Frevels. Nicht einmal die 
Phantasiegebilde der Erinyen haben jemals, selbst in außergewöhnlicher 
Lage, den Menschen solche Schuld vorgespiegelt; nicht einmal die Potid&er 
hätten, wenn nicht unmenschlicher Hunger sie entkräftet hätte, dergleichen 
zugelassen. Von einem Thyestesmahl freilich weiß man, usw. [es folgen ähn- 
liche Beispiele aus dem Altertum]. Alle diese haben, ohne es zu wollen, 
solchen Frevel begangen. Niemand aber hat je, im Frieden lebend, solchen 



Digitized by 



Google 



198 ^^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

Menschen schwer gehabt, sich in sie zu finden. Wie sie ge- 
kommen sind, wer kann das sagen? Niemand ist schuldig und 
niemand verantwortlich. Wäre zufallig die Taufe nicht ange- 
ordnet gewesen, wäre die Wiederholung der Feier des Abend- 
mahls nicht eingerichtet worden — und wer kann behaupten, 
daß sie notwendig aus dem Wesen des Evangeliums flössen? — , 
80 hätte man aus einem Gleichnis Jesu, aus einem Wort, aus 
irgend einer Handlung ein Sakrament gemacht. Die Zeit der 
dinglichen und gar der blutigen Opfer war zunächst vorüber, sie 
vermißte man an den Religionen nicht mehr; aber die Zeit der 
Sakramente war längst nicht vorüber, sondern stand in Kraft und 
Blüte. Jede Hand, die sich nach der Religion ausstreckte, suchte 
sie in der Form des Sakraments zu ergreifen; das Auge sah 
Sakramente, wo doch keine waren, und die Sinne schufen sie^. 
Wasser und Blut, Brot und Wein — der Apostel Paulus ist 
gewiß kein Sakramentstheologe gewesen, aber ganz hat auch er 
sich nicht diesen Mysterien zu entziehen vermocht; man lese das 
11. Kapitel des I. Corintherbriefs und erwäge, wie er über das 
Taufbad spekuliert hat. Aber er ist der erste und fast der letzte 
Theologe der alten Barche gewesen^, bei dem die Sakraments- 
theologie wirklich niedergehalten wird durch klare Gedanken und 

Tisch angerichtet; niemand hat je von einem Lehrer so greuliche Lehre 
empfangen. Und wenn du mit deinen Erkundigungen bis nach Scythien 
kämest und zu den äthiopischen Macrobiem, und wenn du rings um den 
Rand des Ozeans reiten wolltest, so wirst du Völker finden, die Läuse und 
Wurzeln essen, und solche, die von Schlangen leben und Mäuse speisen, des 
Menschenfleisches aber enthalten sich alle. Was bedeutet nun dieses Wort? 
Denn wenn es auch einen mehr allegorisch-mystischen und er- 
sprießlichen Sinn haben sollte, so muß doch der bloße Klang des 
Wortes, wenn er an das Ohr dringt, die Seele beleidigen und durch seine 

Widerlichkeit in Aufruhr versetzen Freilich, viele Lehrer suchen 

Neues und Fremdartiges aufisubringen. Doch keiner unter ihnen hat eine 
so fremdartige, schreckliche Vorschrift erfunden wie diese, kein Geschicht- 
schreiber, kein Philosoph, keiner unter den Barbaren, keiner unter den 
Hellenen der früheren Zeit. Seht nun her, was ist euch angekommen, daß 
ihr die Leichtgläubigen unverständig ermahnt, solchem Glauben zu folgen? 
Seht her, welches Unheil nicht nur gegen die Dörfer, sondern auch gegen 
die Städte in wildem Zuge heranstürmt ! Deshalb, glaube ich, hat dies auch 
weder Marcus noch Lucas noch selbst Matthäus erzählt, weil sie eben der 
Meinung waren, daß dies Wort gesitteter Menschen nicht würdig, sondern 
ganz fremdartig und unpassend sei und von edler Lebensgewohnheit weit 
entfernt.** 

>) Spätestens seit dem Ende des 2. Jahrhunderts ist dann die Arkan- 
disziplin teils aus pädagogischen Gründen, teils nach heidnischem Muster 
über die Sakramente gezogen worden; sie machte dieselben noch wichtiger 
und eindrucksvoller. 

') Nicht der letzte; denn Marcion und seine Schüler scheinen keine 
Sakramentstheologen gewesen zu sein. 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 199 

durch rein geistige Reflexionen. Nach ihm sind bereits alle 
Schleusen geöffnet, und die Mysterien — mit ihnen die Mysterio- 
sophie — strömten ein. Bei Ignatius, sechzig Jahre nach Paulus, 
ist bereits die ganze helle Theologie in sie hineingezogen und 
verschlungen. Ein Mann wie Pseudobarnabas glaubt das Tiefste 
zu sagen, wenn er seine Gedanken an das Wasser, das Blut und 
das Kreuz anschließt. Und der, welcher die geheimnisvollen 
Worte geschrieben hat: „Drei sind, die da zeugen, der Geist und 
das Wasser und das Blut, und diese drei sind eins^ (I Joh. 5, 8), 
lebt in seinen Gedanken in Symbolen und Mysterien. In der 
„Offenbarung" sind die Symbole sämtlich nicht das, was wir 
Symbole nennen, sondern halbe Realitäten, das Lanmi xmd das 
Blut, das Waschen und das Besprengen, das Siegel und die Ver- 
siegelung. Manches ist uns heute noch verborgen. Was bedeuten 
die Worte (I Joh. 2, 27) vom Chrisma und zwar vom „Chrisma*^, 
welches so vollkommene Belehrung über alles bringt, daß man 
weiterer Lehre überhaupt nicht bedarf? 

Aber wie — ist Johannes nicht durch und durch Spiritualist, 
ist es Origenes nicht auch und Valentin und Basilides? Wie kann 
man da behaupten, daß ihre Realismen etwas anderes für sie ge- 
wesen seien als pure Symbole? Bei Johannes kann man diese 
Meinung mit einem gewissen Scheine verteidigen, weil wir nicht 
den ganzen Mann kennen, sondern nur den Schriftsteller, und 
auch den nur einseitig; denn unmöglich kann Johannes inmier 
nur so gesprochen und • geschrieben haben, wie in den uns er- 
haltenen Schriften; aber in bezug auf alle anderen, sofern wir 
sie von mancherlei Seiten kennen, ist die Meinung unhaltbar. 
Man kann das an Clemens und Origenes studieren, die uns aus- 
reichend bekannt sind. Die Vereinigung des mysteriösen, realisti- 
schen Elements mit dem spiritualistischen ist ihnen deshalb mög- 
lich, weil sie überhaupt keine Religionsphilosophie, die auf eine 
Fläche übertragen werden kann, haben, sondern eine solche 
übereinander liegender Stockwerke ^ Auf der höchsten 
Stufe verschwindet allerdings alles Realistische, ja verschwinden 
selbst alle geistigen^ Mittelwerte und -potenzen, sogar der Logos. 
Übrig bleiben nur Gott und die ihm stammverwandten Seelen, 
die sich gegenseitig in ihrem Wesen erkennen und lieben und so 
in eins aufgehen. Allein bis man zu diesem Abschluß gelangt, 
ist eine Stufenleiter zu erklimmen. Jeder Stufe entsprechen be- 
sondere Potenzen und daher auch eine eigene Theologie, Meta- 
physik und Ethik. Auf der untersten Stufe steht die Religion in 
mythologischer Form und mit den Sakramenten, deren geistiger 



Sie teilen diesen Aufbau mit den idealistischen Philosophen ihrer Zeit. 



Digitized by 



Google 



200 ^ie Missionspredigt in Wort and Tat. 

Wert noch gar nicht erkannt ist. Aber auch sie ist ihnen 
nicht Lüge, sondern Wahrheit; sie entspricht einer bestimmten 
seelischen Verfassung und genügt für diese; denn sie beseligt 
sie. Die christliche Religion ist also bereits auf dieser Stufe 
Wahrheit. Später fallt das alles weg und fallt nicht weg. Es 
fallt weg, weil es überholt ist; es fallt nicht weg, weil es die 
Brüder noch brauchen, und weil die unterste Stufe einer Leiter 
überhaupt nicht entfernt werden kann, ohne die ganze Leiter zu 
gefährden. 

Nach dieser kurzen Skizze muß man die Bedeutung der 
realistischen Sakramentstheologie für die Spiritualisten zu erkennen 
versuchen. Männer wie Origenes sind, von unserem Standpunkt 
aus, die abschreckendsten Sakraments-, Blut- und Entsühnungs- 
Theologen gewesen. Mit und in diesen Theorien haben sie auch 
einen großen Teil des Polytheismus durch eine Hintertür wieder 
in die christliche Theologie gebracht; denn in den unteren und 
mittleren Stockwerken waren Engel und Erzengel, Äonen, Halb- 
götter und Nothelfer aller Art nötig ^ — aus kosmologischen und 
soteriologischen Gründen, denn diese entsprechen sich wie der 
Weg AB und der Weg BA*. Vor allem aber konnte die Theo- 
logie dabei jedem noch so leisen Druck der populären Religion 
folgen, und hier liegt wohl die letzte Enthüllung dieses seltsamen 
Geheimnisses. Die Mysterien- nnd Stockwerk-Theologie bot das 
bequemste Mittel, den geistigen Charakter der Religion auf der 
obersten Stufe zu wahren imd auf den unteren jeden erwünschten 
Kompromiß zu schließen. Mit Bewußtsein ist das schwerlich ge- 
schehen, es machte sich von selbst; denn mit dem ersten Ansatz, 
mit der Aufnahme von Sakramenten, war keimhaft schon alles 
gegeben'. 

*) Eine beträchtliche Zeit hindurch war es ein gegen die Juden ge- 
richteter Vorwurf der Christen, daß sie Engeldienst trieben (Praedic. Petri 
bei Clemens, Strom. VI, 5; Aristides, Apol. 14; auch Cebus weiß um den Vor- 
wurf; Engeldienst wohl auch bei den im Colosserbrief bekämpften Irrlehrem). 
Später ist dieser Vorwurf gegen die Christen selbst zu erheben; aber schon 
Justin hat unvorsichtigerweise Apol. I, 6 geschrieben : [tov ^sov] xat rov tioq' 
avTOv vlov sX^6vxa xal öidd^avxa ^fiäg tavta xai lov t&v &iXo}v htofAsyatv xat 
i^Ofiotovf^(ov dya^öjv äyyiXoiv argaidy, jtvevfjid xs x6 stQOipfjjixov [die letzten 
vier Worte werden von einigen für interpoliert gehalten] aeßöfie^ xai ngoo- 

XWOVfltV, 

*) S. Ober den „Abstieg* und .Aufetieg" Anz, Zur Frage nach dem 
Ursprung des Gnostizismus, in den Texten u. Unters. Bd. 15 Heft 4, 1897. 

•) Auch die Idee, daß es Opfer und Priester geben müsse, ist von An- 
fang an im fleidenchristentum vorhanden gewesen — auch damals schon, als 
man mit Paulus nur von geistigen Opfern und dem allgemeinen Priestertum 
der Gläubigen etwas wissen wollte; s. Justin, Dial. 116: ov dix^roA szoq' ovdevog 
^volag 6 ^s6g, el firi diä x&v isgicDv airxov. 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 201 

Dies sind die sublimen Theologen; bei den weniger sublimen 
fallen die Stockwerke fori und die sakramentalen Elemente werden 
plump und ungefüge einfach in die Religion eingestellt. Man lese 
doch, wie schon Justin, der Rationalist, im 55. Kapitel seiner 
Apologie vom ^Ereuz^ spricht ; eine stärkere Superstition ist kaum 
denkbar. Man erwäge, wie TertuUian (de bapt. 1) vom „Wasser" 
spricht und seiner Affinität mit dem heiligen Geist. Man über- 
zeuge sich, daß alle Christen einhellig dem bloßen Aussprechen 
des Namens Jesu und dem Kreuzeszeichen eine magische Gewalt, 
besonders über die Dämonen, beilegen; man lese, welche Ge- 
schichten Dionysius von Alexandrien, ein Origenesschüler, vom 
Abendmahl erzählt, und was Cyprian über die Mirakel der Hostie 
zu berichten weiß. Zählt man diese Züge und viele ähnliche zu- 
sammen, so glaubt man urteilen zu müssen, das ganze Christen- 
tum sei eine Zauberreligion und seine sakramentalen Mysterien die 
Hauptsache gewesen. „Ab initio sie non erat'' wird man ein- 
wenden. Das mag sein, aber es muß weit zurückliegen, so weit, 
daß wir diese Periode von äußerster Kürze gar nicht mehr auf- 
zufinden vermögen. 

Ursprünglich waren Wasser, Brot, Wein (Leib und Blut), der 
Name Jesu und das Kreuz die einzigen Sakramente, Taufe und 
Abendmahl die einzigen Mysterien; aber dabei konnte es nicht 
bleiben. Alle Sakramente drängen auf Vermehrung, aus ver- 
schiedenen Gründen, auch aus philosophischen. So kamen schon 
in unserer Periode Sakramentalien hinzu, Salbungen und Hand- 
auflegungen, heiliges Öl usw. Allein das Wichtigste war, daß der 
ganze Gottesdienst in das Mysterienwesen allmählich hineingezogen 
wurde. Bereits im dritten Jahrhundert konnte er mit seinem 
feierlichen und strengen Ritual, seinen Priestern, Opfern und 
heiligen Zeremonien mit dem pompösesten heidnischen Kultus 
rivalisieren. 

Indessen diese Erscheinungen dürfen nicht nur vom Stand- 
punkt des Puritanismus aus betrachtet werden. Jede Zeit muß 
die Religion so fassen und aufnehmen, wie sie sie allein verstehen 
und für sich lebendig machen kann. Wenn die Züge der christ- 
lichen Religion, die wir in den vorhergehenden Kapiteln geschil- 
dert haben, zu Recht bestehen bleiben, wenn sie die Religion 
Gottes des Vaters, die Religion von dem Heilande und der Hei- 
lung, der Liebe und der Hilfleistung blieb, so war es vielleicht 
ein Schaden, aber gewiß kein unerträglicher, daß sie die Formen 
annahm, welche die Religion damals überhaupt hatte. Religion 
wächst wie alles Lebendige nur in Rinden, und destillierte Reli- 
gion ist überhaupt keine; aber noch etwas anderes kommt in 
Betracht. 



Digitized by 



Google 



202 ^^ Mißsionspredigt in Wort und Tat. 

Wir haben oben gesehen, daß in einigen Lehrern von hohem 
Einfluß — haben sie doch die ganze kirchliche Theologie be- 
gründet — der Trieb und das Absehen mächtig gewesen ist, die 
christliche Religion rational zu fassen und sie als die yemünf- 
tige Religion darzustellen. Für die Mission und Verbreitung des 
Christentums war das von hoher Bedeutung. Diese Lehrer traten 
sofort in den Kampf gegen die zeitgenössischen Philosophen und 
haben, wie das Beispiel des Justin zeigt, auch Streitunterredungen 
mit ihnen nicht gescheut. Sie stellten fest, was man mit Socrates, 
mit Plato und der Stoa gemeinsam habe, zeigten, wie weit man 
mit ihnen gehen könne, suchten die Übereinstimmungen geschicht- 
lich zu erklären^' und begannen so die große Auseinandersetzung, 
die unvermeidlich war, wollte man nicht eine kleine Sekte bleiben, 
die sich um Kultur und Wissenschaft nicht kümmerte. Allein, 
indem man bei diesen Auseinandersetzungen rein rational verfuhr 
und sich in den Gedanken, das Christentum sei wasserklare Ver- 
nunft, geradezu verliebte, gab man, ohne es zu wollen, wichtige 
christliche Erkenntnisse preis oder schob sie doch zurück. Man 
wurde so ärmer und verdünnte den christlichen Glauben in be- 
denklicher WeiA. 

Diese Art von Erkenntnis war sicher nicht im Sinne des 
Paulus und entsprach auch nicht der Tiefe der christlichen Reli- 
gion. Der Apostel hat wohl auch einmal rationale Betrachtungen 
stoischer Art angewendet, wenn er sie für die Apologetik brauchen 
konnte (s. die ersten Ausführungen im Römerbrief); aber an sie 
dachte er schwerlich, wenn er an die christliche acxpta, avveoig, 
htiGTYijxri und yvcboig dachte. Etwas ganz anderes schwebte ihm 
da vor — Vertiefung in das Wesen Gottes, wie es in Christus 
offenbar geworden ist, fortschreitende Erkenntnis seines Heils- 
willens, wie er sich in Offenbarung und Geschichte kundgetan hat, 
Einsicht in das Wesen der Sünde, in die Macht der Dämonen, 
^der Geister in der Luft", in die Herrschaft des Todes, über- 
schwengliche Erkenntnis der Gnade Gottes und vorschauendes 
Wissen um das ewige Leben, alles in allem eine Erkenntnis, die 

*) Darin waren die jüdischen alexandrinischen Philosophen vorange- 
gangen, und man brauchte sie eigentlich nur abzuschreiben; aber sie boten 
verschiedene Erklärungsversuche, zwischen denen man zu wählen hatte. Alle 
diese Versuche bis auf einen waren kindlich. Angemessen war der Versuch, 
die Übereinstimmungen aus dem Walten desselben Logos zu erklären, der in 
den jüdischen Propheten und in den Philosophen und Dichtem gewirkt habe. 
Naiv war der Versuch, die griechischen Philosophen und Dichter als Plagia- 
toren zu entlarven — aber Celsus hat denselben Versuch in bezug auf Christus 
gewagt — ; naiv und fanatisch war das Unternehmen, alle Übereinstimmungen 
der Philosophen mit der christlichen Lehre für Schein und Teufelswerk aus- 
zugeben. 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 203 

hinaufsteigt über Throne, Herrschaften und Fürstentümer bis zu 
Oott selbst, und die hinuntersteigt bis in die Abgründe, aus denen 
wir errettet sind, die der Menschheitsgeschichte nachdenkt von 
Adam bis Christus, und die zugleich zu sagen weiß, was Glaube 
ist und was Liebe, was Sünde und was Onade. 

Diese Erkenntnisse nun — so paradox das zu sein 
scheint — wurden befruchtet und genährt von den 
Mysterien. An den Mysterien hafteten sie seit alters; mit ihnen 
kamen sie herüber Ton dem heidnischen Boden; an ihnen wuchsen 
sie und entwickelten sich auf dem christlichen. Es war damals 
so, wie es später im 16. und 17. Jahrhundert mit den Mysterien 
stand. Nicht die scholastischen Rationalisten trotz allem ihrem 
Scharfsinn haben die Wissenschaft gefördert und ihre Neugeburt 
begründet, sondern die Eabbalisten, die Naturphilosophen, die 
Alchemisten und Astrologen. Woher kommt das? Wie kann sich 
an den Mysterien solches entwickeln? Die Antwort ist einfach: 
weil sie mit dem Gefühl und der Phantasie erfaßt werden und 
darum beide erregen und beleben können. Die großen Spekula- 
tionen der synkretistischen Religionsphilosophie, deren Grundzüge 
wir oben 8. 25flF. angedeutet haben, waren auf dem Grunde von 
Mysterien erbaut worden (d. h. auf der Phantasie und dem Gefühl, 
deren Hervorbringungen man durch die Spekulation gestaltete). 
Die Gnostiker, welche samt und sonders keine Rationalisten waren, 
haben den Versuch gemacht, diese lebendigen und warmen Spe- 
kulationen auf den christlichen Boden überzuführen und doch den 
Prinzipat des Evangeliums aufrecht zu erhalten. Dieser Versuch 
konnte nicht glücken; es waren zuviel Elemente in jenen Spekula- 
tionen enthalten, die dem christlichen Geist fremd waren, und die 
er sich nicht gefallen lassen konnte^. Aber als einzelne Stücke, 
gleichsam zerschlagen in ihre Elemente — indessen die einzelnen 
Elemente sind hier vielleicht das Prius; die Verbindungen sind 
später — konnten sie einer produktiven, christlichen Religions- 
philosophie große Dienste leisten und haben sie geleistet. Was 
an tieferen Gedanken seit dem Ende des 1. Jahrhunderts in der 
Christenheit produziert worden ist, alle die transzendentalen Er- 
kenntnisse, alle die versuchten Ideen, die doch wertvoller sind 

*) Zu ihnen gehörte die Trennung des Schöpfergottes (Demiurgen) und 
des Erlösergottes (die Erlösung entspricht nicht der Schöpfting, sondern der 
Emanation), die Preisgabe des Alten Testaments und seines Gottes, die dua- 
listische Entgegensetzung von Geist und Leib, die Zerspaltung der Erlöser- 
persönlichkeit usw. Vor allem aber — fOr den Synkretisten und den Gnostiker 
war die Erlösung Auflösung des widernatürlich Verbundenen, für den Christen 
Verbindung des widernatürlich Getrennten. Von letzterem Erlösungsbegriff 
konnte die Christenheit nicht lassen, wollte sie nicht alles umstürzen, und 
er allein entsprach der Monarchie Gottes. 



Digitized by 



Google 



204 I^ö Missionspredigt in Wort und Tat. 

als logische Deduktionen, das stammt zu einem großen Teile 
aus dem Eontakt mit der alten Mysterienweisheit. Sie hat tiefe 
Gedanken entbunden und zur Aussprache gebracht. Weder kann 
man sie bei Johannes verkennen noch bei Ignatius noch bei 
Irenäus; am deutlichsten ist sie bei den großen Alexandrinern. 
Wertvolles und Wertloses, rein Phantastisches und Bleibendes, 
was nicht mehr verloren gehen kann, wogen freilich überall durch- 
einander; am wenigsten bei Johannes, der namentlich auch in der 
Form hohe Einheitlichkeit gefunden hat. Wer im Empirismus 
oder in der Rationalität die auch nicht versuchsweise zu über- 
schreitenden Grenzen der Erkenntnis sieht, wird freilich diesen 
Ideen wenig Geschmack abgewinnen; wer aber versuchte Ideen 
für wertvoller hält als prinzipielle Ideenlosigkeit, wird an der an 
den Mysterien erwachsenen Geistesarbeit der alten Lehrer nicht 
vorübergehen wollen. Gewiß ist jedenfalls, daß diese Seite am 
Christentum, die auch fast von der Geburtsstunde an entwickelt 
worden ist, für die Propaganda von höchster Bedeutung war. 
Daß es seine Geheimnisse hatte, in sie einzudringen suchte, um 
sie dann wieder still zu verehren, daß es den Vollkommenen noch 
mehr und anderes predigte als den Einfältigen, gab ihm eine 
besondere Würde. Mochten die Geheimnisse, was unverkennbar 
ist, auf Tausende abstumpfend wirken und ihnen den Zugang zu 
der geistigen Religion versperren; auf andere wirkten sie belebend 
und beflügelten ihren Aufstieg in die übersinnliche Welt ^. 

Den Aufstig in die übersinnliche Welt, die Vergottung 
(^eojiolrjaig) — das war das letzte und höchste Wort, und daß 
die christliche Religion diese jedem Gläubigen verhieß, war ihre 
größte Botschaft. Man weiß, wie sich in der Zeit der antiken 
Götterdämmerung alles auf sie zugespitzt hat. Eben deshalb mußte 
eine Religion, welche die Vergottung nicht nur lehrte, sondern 

^) Mit dieser relativen Schätzung der Spekulation ist das Äußerste kon- 
zediert, was hier konzediert werden kann. Die Behauptung aber, jene „christ- 
liche" Metaphysik, welche sich allmählich aus unzähligen fremden Erkennt- 
nissen gebildet hat, die an das Evangelium herangerückt worden sind, sei 
die höchste Blüte des Christentums, ja sein eigentlicher Kern, — ist nur 
durch ihr hohes Alter ehrwürdig. Wäre sie richtig, so wäre Jesus Christus 
nicht der Stifter dieser Religion, ja nicht einmal der Vorläufer; denn weder 
hat er eine Religionsphilosophie offenbart, noch hat er auf solche Dinge 
Wert gelegt, die auf diesem Standpunkte als die Hauptsache gelten. Schon 
sehr frühe freilich haben die Griechen das paulinische Wort vergessen : ix 
idQovg y<ve6axo/u£v .... ßXisiofiev yoQ ägti di' iaöjngov iv alvfyfjiau, sie haben 
auch vergessen, daß yvö^oig und aoq)ia Charismen sind, ihr Ertrag also nicht 
das Wesen des Christentums bezeichnen kann. Unter den hervorragenden 
Lehrern sind sich nur Marcion, Apelles und z. T. auch Irenäus der Schranken 
der Erkenntnis bewußt geblieben. 



Digitized by 



Google 



Die Religion der Autorität und der Vernunft, der Mysterien etc. 205 

bewirkte — und zwar ohne Einschränkimg, auch das Fleisch nicht 
ausschließend — die größten Erfolge haben. Die neuere Dogmen- 
geschichte hat gezeigt, daß die christliche Lehrentwicklung bis 
zu Irenäus unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden muß, wie 
in das Christentum der Yergottungsgedanke — der älteste Wunsch 
und Traum der Antike, dessen Unerföllbarkeit einen tiefen Schatten 
auf ihr Fühlen und Leben gelegt hat — eindringt und die Richt- 
linien dieser Religion umändert, um dann alles zu beherrschen^. 
Seine urchristliche Vorstufe ist die Verheißung der Teilnahme an 
dem zukünftigen Gottesreich. Man ahnt auf dieser Stufe noch 
nicht, was sich mit dieser Verheißung verschmelzen und sie trans- 
formieren wird. Aber schon bei Paulus tritt neben den Gedanken 
des Gottesreichs der des ewigen Lebens in der doppelten 
Wendung, daß es in der Rechtfertigung bez. im Geiste gegeben 
sei (als unauflösliche innere Verbindung mit der Liebe Gottes), 
und daß es durch heilige Medien als neue Natur bereits ein- 
ströme. Der vierte Evangelist hat diesen Doppelgedanken noch 
lebendiger erfaßt, souveräner gestaltet und die geistige und 
physische Immanenz des ewigen Lebens den Gläubigen verkündet. 
Aber noch überwiegt für ihn in der Einheit der Gläubigen mit 
dem Sohne und dem Vater das Moment der Liebe gegenüber 
dem Moment einer naturhaften Transmutation. Darum kommt er 
auch nur bis an die Grenze des Gedankens: „Wir sind Götter 
geworden." Der Ausdruck „Kinder Gottes'' erscheint ihm noch 
immer der treffendere. Auch die Apologeten lassen noch den 
Vergottungsgedanken hinter dem der vollen Erkenntnis Gottes 
zurücktreten *. Aber aus der großen Epoche, in der der „Gnosticis- 
mus'' bekämpft und rezipiert worden ist, tritt die Kirche mit dem 
sicheren Erwerbe heraus, daß sie die Vergottung als den eigent- 
lichen Ertrag der christlichen Religion erkennt und verkündigt. 
Wenn sie von der „adoptio'' durch Gott, von der „participatio 
dei** usw. spricht, meint sie zwar immer auch noch eine geistige 
Verbindung, aber diese hat ihre Unterlage und Wirklichkeit an 
einer sakramentalen, physischen Neuschöpfung: „non ab initio 
dii facti sumus, sed primo quidem homines, tunc demum dii.** 
So sprach Lrenäus*, und so verkündigten die christlichen Lehrer 
nach ihm. „Der Hölle wirst du entfliehen^ wenn du die Kenntnis 
des wahren Gottes gewonnen hast; du wirst den Leib unsterblich 
haben und unvergänglich zusammen mit der Seele und das 



*) S. meine Dogmengesch. Bd. 1», namentlich S. 516 ff. 
^) Doch s. Justin, Dial. 124, welches die Parallelstelle zu der großen 
Ansftihrnng im Johanne8-£v. 10, 33 ff. ist. 
») S. IV, 88, 4 und an vielen Stellen. 



Digitized by 



Google 



206 I)ie Misaionspredigt in Wort und Tat. 

Himmelreich erhalten; du, der du auf Erden gelebt und den 
himmlischen König erkannt hast, wirst ein Freund Gottes und ein 
Miterbe Christi sein, den Begierden, Leiden und Krankheiten 
nicht mehr verhaftet. Denn du bist zum Gott geworden . . . 
und alles, was zum Gott -sein gehört, das hat Gott dir zu ge- 
währen versprochen, weil du, unsterblich geworden, nun vergottet 
bist^." Das ist die Botschaft, die ein Jeder verstand und die 
nicht überboten werden konnte. 



Das Christentum ist Offenbarung, die geglaubt sein will; es 
ist Autorität, der man gehorchen muB; es ist die vernünftige 
Religion, die man wissen und beweisen kann; es ist die Religion 
der Mysterien, der Sakramente; es ist die Religion der trans- 
cendentalen Erkenntnisse ; es ist die Religion der Vergottung und 
des ewigen Lebens: so wurde sie verkündigt — nicht als ob der 
eine Missionar nur diese, der andere nur jene Seite zum Ausdruck 
gebracht hätte; die Darstellungen wogten durcheinander, wenn 
auch bald dies, bald jenes von dem einzelnen bevorzugt wurde. 
Mit Erstaunen vertieft man sich in eine solche Missionspredigt, 
und doch waren die, welche sie verkündigten, jeden Augenblick 
bereit, in das Bekenntnis „Ein Gott Himmels und der Erde, und 
Jesus der Herr'^ ihren ganzen Glauben zu legen und alles andere 
zurückzustellen. 



Siebentes Kapitel. 

Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten 

Geschlecht (das geschichtliche und politische Bewußtsein 

der Christenheit). 

1. 
Das Evangelium wurde als das vollendete Judentum, als eine 
neue Religion und als die wiederhergestellte und auf einen ab- 
schließenden Ausdruck gebrachte Urreligion zugleich verkündigt, 
und zwar war es nicht nur ein einzelner, dialektisch veranlagter 
Missionar, der es in dieser dreifachen Gestalt predigte, sondern 
diese Darstellung trat in allen ausführlicheren Missionspredigten 
mehr oder minder deutlich hervor. In der Überzeugung, daß 
Jesus, der Lehrer und Prophet, auch der Messias sei, der 

») Hippol., Philos. X, 34. Vgl. Pseudo-Hippolyt, Theoph. 8: «/ atWvaroc 
ySywE¥ 6 äv^gcoTtog, iaxou xai ^s6g. 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 207 

demnächst wiederkommen werde, um sein Werk zu vollenden, 
wandelte sich das Bewußtsein, seine Schüler zu sein, in das 
andere, sein Volk, das Volk Gottes, zusein: v/ieig yivog ixXexröv, 
ßaolXeiov legdrev/Lia, i'&vog äyiov, Xadg elg Jiegmoirjoiv (IT?etr, 2^9), 
Sofern man sich aber als Volk fühlte, wußte man sich als das 
wahre Israel, als das neue Volk und als das alte zugleich. 

Diese Überzeugung, Volk zu sein (d. h. die Überleitung aller 
Prärogative und Ansprüche des jüdischen Volks auf die neue 
Gemeinde unter dem Gesichtspunkt einer Neuschöpfung, die das 
Alte und Ursprüngliche enthüllte und in Kraft setzte), gab den 
Bekennern des neuen Glaubens sofort ein politisch-historisches 
Bewußtsein und zwar das umfassendste, vollkommenste und ein- 
drucksvollste, das sich denken läßt. Oder läßt sich etwas Höheres 
imd Umfassenderes vorstellen als der Komplex der Momente, die 
in der Selbstschätzung ^Wahres Israel", „Neues Volk**, „Ursprüng- 
liches Volk'', „Volk der Zukunft d. h. der Ewigkeit" gegeben 
waren? In dieser Selbstschätzung war man gegen alle Einwürfe 
und Wendungen der Polemik gesichert und konnte auf allen 
Linien zum Eroberungskampfe vorschreiten. Lautete der Vor- 
wurf: „Ihr seid abgefallene Juden", so entgegnete man: „Wir 
sind die Gemeinde des Messias, also die wahren Israeliten." Hieß 
es: „Ihr seid nichts anders als Juden", so lautete die Antwort: 
„Wir sind eine neue Schöpfung imd ein neues Volk." Warf man 
ihnen umgekehrt ihre Neuheit vor und daß sie von gestern seien, 
so replizierte man: „Wir sind nur scheinbar das jüngere Volk; 
latent waren wir von Anfang an und vor allen Völkern stets vor- 
handen; wir sind das Urvolk Gottes." Sagte man ihnen: „Ihr 
verdient nicht zu leben", so lautete die Antwort: „Wir wollen 
sterben, um zu leben; denn wir sind Bürger der zukünftigen Welt 
und sind unsrer Auferstehung gewiß." 

Im besonderen aber waren es noch einige ganz bestimmte 
ÜT)erzeugungen universaler Art, die bereits die ältesten Christen 
aus dem Schatze der judäocentrischen Geschichtsbetrachtung über- 
nahmen und auf sich anwendeten: (1) Unser Volk ist älter als 
die Welt, (2) Die Welt ist um unsertwillen geschaffen^, (3) Die 
Welt wird um unsertwillen erhalten — wir verzögern das Welt- 
gericht — , (4) Alles in der Welt ist uns imtertan und muß uns 
dienen, (5) Alles in der Welt — Anfang, Mitte und Ende der 
Geschichte — ist uns offenbart und für uns durchsichtig, (6) Wir 
werden am Weltgericht beteiligt sein und selbst ewige Freude 
genießen. In verschiedenen urchristlichen Schriften, noch vor der 



*) In diesen beiden Überzeugungen vindizierten sich die Christen eine 
flberweltliche Stellung und verbanden Schöpfung und Geschichte. 



Digitized by 



Google 



208 ^® Miflsionspredigt in Wort und Tat. 

Mitte des 2. Jahrhunderts, sind diese Überzengongen zmn Aus- 
druck gekommen, in Predigten, Apokalypsen, Briefen und Apo- 
logien^, und Celsus hat seine grimme Verachtung der unver- 
schämten und lächerlichen Anmaßungen der Christen an keinem 
anderen Punkte so schneidend zum Ausdruck gebracht wie hier*. 

Wußten sich aber die Christen als das neue und alte Volk, 
so genügte es nicht, daß sie dieses Bewußtsein nur dem Juden- 
tum gegenüber hervorkehrten und mit ihm über den Besitz der 
Verheißungen und des heiligen Buches stritten'; auf den Boden 
des griechisch-römischen Reichs gestellt, mußten sie sich mit 
diesem und seinem ^Yolke^ auseinandersetzen. Dies hat bereits 
der Apostel Paulus getan, und andere sind ihm gefolgt. 

Paulus, wenn er die Menschheit gliedert, spricht wohl ein- 
mal (Rom. 1, 14) neben Juden von ^Griechen und Barbaren" und 
ein anderesmal (Col. 3, 11) von ^Barbaren und Skythen*^ neben 
Griechen, aber als geborenem Juden und Pharisäer ist ihm die 
Zweiteilung der Menschen am geläufigsten — Beschnittene und 
Unbeschnittene; die letzteren nennt er kurzweg „Griechen*.'' 



^) Man Tgl. die Panlosbriefe, die Johannes-Apokalypse, den Hirten des 
Hermas (Vis. II, 4, 1), den 11. Clemensbrief (c. 14), die Apologien des Aristides 
nnd Justin (II, 7). Ähnliche Ausführungen früher in den jüdischen Apokalypsen. 

*) Er weiB sehr wohl, daß diese Anmaßungen den Juden und Christen 
gemeinsam sind, daß also diese sie von jenen übernommen haben und beide 
sich um den rechtmäßigen Besitz streiten. Metä tavta — so referiert Origenes 
c. Cels. IV, 23 — awi^cog iavr^ yeXc^ to *Iovdal<a¥ xcd Xgimuxy&v yivog nrnnas 
TtagaßißXrjxs wxTSQidcov Sg/Aad^ ^ fiVQfifj^iv ix xoüUäs JfQOsX^ovatv tj ßatgdxois 
negi tiXfia owsdgevovoiv ij axtoXtj^iv h ßogßdgov ytovlq, ixxkifaid^ovai xai JiQog 
dXXi^Xovg dtatpego/jUvoig, xlveg avx<bv elsv dfmQX<oX6xeQ<H, xcd <pdaxovaiv Su naarta 
rjfitv 6 &e6g jtgoStjXoi xai siQOxaxayyeXXei, xal xov Jtavxa x6ofwv xai xifv cvq6.vu)v 
(poQov ajtoXmwv xai xijv xooavxtjv ytjv nagidayv ^/uv fi6voig JtoXixsvexai xcd xgog 
flfiäg fiovovg hiixijQvxevexai xai nefxnoDv ov ötaXelnet xcd ^rix&v, Sjia>g dei avv&' 
/iiev avx^. xai h tq) dvanXdofiaxi ye iavxov nagcuiXijalovg rjfiag aouX axmXti^t, 
(pdaxovaiv Sxi 6 ^sog iaxiv, eha fisx'' sxeXvcv ^fieig vn avxov ysyovdxeg ndrxfj 
Sfioioi x^ ^£(pt xcd rjfuv jidvxa vjtoßsßXijxai, yfj xcd v6o}q xcd drjQ xai äaxga, xcd 
rjfiwv ivexa ndvxa, xai ^fuv dovXsvstv xhaxxcu. Xiyovai di xi nag* avx^ ol axm- 
Xrjxeg, ^fietg SrfXaÖi^, Sxi vvv, ijieiSt^ xiveg (iv) rifjuv tiXtj fif^eXovaiv, d<p{^excu ^eog 
rj nifixpei xov vl6v, tva xaxatpXi^n xovg ddixovg xcd ol Xouioi avv avxcfi ^onjp 
aicoviov ix^f^^' ^^^ hiKpigei ys Jiäaiv Sxt xavxa (jioXXov) dvexxd axcoXi^xcov xai 
ßaxgdxoyy fj 'lovÖaicov xai Xgiaxiar&v Jtgog dXXi^Xovg dia<pegofievcDV. 

») Dieser Streit fallt die Geschichte der ersten Generationen und reichte 
noch weit über sie hinaus. Obgleich die Position, welche die Christen in 
ihm einzunehmen hatten, in den Grundzügen sicher vorgezeichnet war, waren 
doch noch verschiedene Stellungen möglich, s. meine Abhandlung in dem 
3. Heft des 1. Bandes der „Texte u. Unters." (1883) über die antyüdische 
Polemik der alten Kirche. 

*) Auch an der Colosserstelle steht der geläufige Ausdruck ^EXXip^ xai 
'lovöaTog, siegtxofiij xai dxgoßvoxla* voran; dann folgen ßdgßagog, Zxtr&tjg, Sov- 
Xog, iXetr&sgog als rhetorische Erweiterung. 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 209 

Diesen beiden ^Völkern" aetzt er die Kirche Christi als neue 
Schöpfung zur Seite bez. gegenüber (cf. z. B. I Cor. 10, 32: 
äjiQÖoxoTioi xal *Iovdaloig ylveo^e xal '^XXtjoiv xai xjj ixxki]olq, xov 
&€ov). Aber er begnügt sich nicht mit der Gegenüberstellung, 
sondern sofort faßt er die neue Schöpfung als diejenige in das 
Auge, welche Juden und Griechen in sich aufnehmen, und in der 
der Unterschied beider Völker in einer höheren Einheit aufgehoben 
werden soll. Das christliche Yolk ist ihm nicht ein drittes neben 
den anderen, sondern es ist die neue Stufe der Menschheits- 
geschichte an ihrem Endpunkte, die an die Stelle der früheren, 
zweigeteilten Stufe zu treten hat und nicht nur die Yolkstümlichen 
Unterschiede, sondern auch die sozialen, ja sogar die geschlecht- 
lichen, aufhebt bez. unwirksam macht ^. Man vgl. z. B. Gal. 3, 28: 
aSx lyi *Iovdäiog avdk *EÜUi^v, ovx Svi ägoev xal ^Xv Jidvxeg yäg 
ifuTg elg iare h Ägicrcp 'Ii]oov, oder Gal. 5, 6: Iv XQuncp *Irjoov 
oike neQuoft/j ri loxvei ovxe äxQoßvmia, äXXä nlaxig di' äydjii]g 
heQyovfihri (cf. 6, 15: ovre yäg jteQtxojLirj xi iöxlv oSre ixQoßvaxta, 
&XXä xcuvi] xrioig und II Cor. 5, 17). I Cor. \2^ id: iv M Ttvsvfjtaxi 
flfieig Tidvxeg elg Sv ocofza ißajrriadrj/iAev, ehe 'lovddioi ehe *TJXXi]veg, 
ehe dovXoi ehe iievi^egot, Coloss. 3, 1 1 : Snov oix Ivi TlXkr^v xal 
^lovdcuog, nequofiY} xal äxQoßvarta, ßdgßagog, Zxi^g, dovlog, 
iXev^eQog, Am eindrucksvollsten Eph. 2, 1 1 ff. : juvrjjnov&ieTe Sri 
Ttotk ijxeig xä l&vf] . . . ^re iTttjXlatQiCDßiivoi rijg nohxelag xov 
Uagai^i .... (6 XQiaxög) iaxiv ^ elgrivt} ijjiidjv, 6 noiijoag xä ä/Lupö- 
xega Sv xal xd fxeodxoixov xov q)Qayßiov Xvoag ... Tva xovg ovo 
TcxUffi h avx((> elg Sva xaivöv &v&Q<onov noubv elQYjvriv, xal äno- 
xaraXXd^jj xohg äßiqxnigovg h hl ocbfmxi. Im Römerbrief end- 
lich (c. 9 — 11) eröffnet Paulus eine geschichtsphilosophische 
Betrachtung, nach welcher das neue Volk, welches seine 
Vorgeschichte in Israel gehabt hat, nun nach der Verstockung 
Israels die Heidenwelt in sich aufnimmt, am Ende der Dinge 
aber neben dem „nXriQoyfia xcbv t9va>v** auch „nag ^lagai^l" um- 
fassen wird. 

Griechen (Heiden), Juden und das neue Volk der 
Christen (bestimmt die beiden ersten in sich aufzunehmen) — 



^) Die Vorstellnng der neuen Menschheit gegenüber der alten (also eine 
Zweiteilnng) hat ihre kräftigste Worzel an der Vorstellung vom Christus als 
dem zweiten Adam. Diese Konzeption spielt bekanntlich in der Gedanken- 
welt des Paulus eine große Rolle; sie ist aber nicht zuerst von ihm vor- 
getragen worden, sondern hatte bereits in der jüdischen messianischen Dog- 
matik eine Stelle. Bei Paulus und anderen kreuzt sich die Vorstellung von 
einer Zweiteilung mit der einer Dreiteilung der Menschheit; beide Vorstel- 
lungen stimmen aber darin überein, daß in der neuen Menschheit die ältere 
aufgehoben sein soll. 

Harnaok, Misdon. S. Aufl. 14 



Digitized by 



Google 



210 IHe Missionspredigt in Wort und Tat. 

diese Dreiteilung ist fortan in der altchristlichen Literatur geläufig. 
Einige Beispiele sollen das belegend* 

Der 4. Evangelist läBt Christus sprechen (10, 16): xal äXXa 
nqdßata Sx^ ^ ^^^ for^v ix tfjg avXtjg ravxrjg' xäxeTra de! fie 
äyayeJv, xai r^g (poov^g fwv äxovoovoiv, xal yevijoovTCu ßua nolfjivri, 
tlg notjuijv, und in einer tiefsinnigen prophetischen Wendung (4, 21 f.): 
iQXe^ai' ^^ Sre oire iv t0 Bgei romq) (dem der Samaritaner, die 
hier als Repräsentanten der Heiden gelten) oihe h 'legoaokvfioig 
nQoaxvvTjoexe t(J> tuxxqL ifieig ngoaxweite 8 oix otdare, fifieXg 
TiQooxwovfiev 8 oTöafiev, Sri ij ocoxrjgUi ix tcbv 'lovöakav itnlr ' äXia 
igxercu äga xal vvv iariv, 8re ol äXi]&ivol ngoaxwfjral jiQoaxvyti' 
oovoiv tcp jzotqI iv Ttveifuni xal äXi]&elq. Diese Stelle ist deshalb 
so wichtig, weil sie über eine bloß formale Einteilung hinausgeht 
und die drei möglichen religiösen Standpunkte sachlich und auf 
die Völker verteilt beschreibt: Unwissenheit in bezug auf die 
Gottheit und falsche, weil äußerliche Gottesverehrung = Heiden 
(Samaritaner); richtige Gotteserkenntnis, aber falsche, äußerliche 
Gottesverehrung = Juden; richtige Gotteserkenntnis und richtige, 
weil innerliche Gottesverehrung = Christen. Diese Betrachtung 
hat den Anlaß zu vielen ähnlichen in der alten Christenheit ge- 
gegeben oder ist doch die älteste in einer Reihe verwandter, 

^) In bezug auf die Christen als das neue Volk s. den Hirten des Hermas» 
Bamab. 5, 7 : (XQunog) iavx^ %6v Xaov x^ xaxvw hoifAaCov ; 7, 5 : (XQiaxhi) 
V716Q dftaguöv /jUXloyr xov AaoCf xov xaiyoß xQoa<piQeiv xrjv ad^xa; 18,6: ßXhtexs 
. . . . Tov Xaor xovxov [das neue, scheinbar junge] elvou xqcjxov, II CleuL ad 
Cor. 2, 3 : eQrffjiog id6xei elvcu <bro xoi) ^toi> 6 Xaos ^f*^, rwi de nunevoarxsg 
nlsloveg iysvö/ie^ x&v doxovvxatv ixeiy ^b6v, Ignat. ad Ephes. 19. 20. Aristides, 
Apol. 16: .Wahrlich, dieses Volk ist ein neues, und eine göttliche Mischung 
ist in ihm." Justin, Dial. 119: ^fjuig ov (a6vw XaoQ iXXä xal XaoQ &yi6g iof*sp 
. . . ovx 8Vxaxa<pQ6yrjx<K d^f*<k iofuv ovös ßd^ßagoy <pvXor ovdt 6jtoTa Kag&v ^ 
^Qvyo^ idvtj. Orac. Sibyll. I, 383 f.: ßXaaxog viog dv^octsv i^ i^r&r. Neues 
Geschlecht heiBen die Christen auch bei Bardesanes. Clemens, Paedag. 1, 5, 15 
zu Sach. 9, 9: ovx rJQxei x6 JtwXor eigtjxivai fxdvov, aXka xai x6 viov XQOöidrfxer 
aifx^, xijv iv Xqkjx^ veoXaiav xijg dv^go>7i6xtjxog .... ifitpalvfov, I, 5, 20: vioi 
6 Xaog 6 xaivbg XQhg dvxidiaaxoXriv xov jtQsoßvxeQov laov xä via fia^övxsg dya^. 
1, 7, 58 : xal yog ^v c5c dXfj^<^ dia ftsv MatvaiaK xcudaytoyog 6 xvgiog xoO XaoD 
joD Jtalawi}, öi* avxov de xov viov xa^ysfwyv Xaov, ngdootnov ngog xQdaatJtov. 
Der Terminus «Neues Volk" ist im Altertum noch lange beibehalten worden, 
8. z. B. Constantin, Ad s. coetum 19: xaxa xQ^vov xov Tißsghv rj xoO ooyxfjgog 
i^iXa/itpe nagovala . . . . i} tc via xov drifiov diadoxtf owioxtj, xxX. Andererseits 
sind die Christen auch die „non-gens*, weil sie keine Nation sind; s. Orig. 
Hom. I in Psalm. 36 t 12 p. 155: ,Nos sumus ,non gens* [Deuter. 32,21], qui 
pauci ex ista civitate credimus et alii ex alia, et nusquam gens inte^ ab 
initio credulitatis videtur assumpta. non enim sicut ludaeorum gens erat 
vel Aegyptiorum gens ita etiam Christianorum genus gens est una vel in- 
tegra, sed sparsim ex singulis gentibus congregantur.** ~ Die Christen als 
ein eigenartiges «genus" oder als das genus der wahrhaft Fronmien: Hart 
Poljc. 3: ^ yewaiöxrjg xov ^eoqpdovs xai ^eoaeßovc yivovg x&v Xgiaxtar^, 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 2 11 

durch welche die altchristliche religionsgeschichtliche Spekulatioii 
begründet worden ist. Namentlich die sogenannten ^Gnostiker" 
sind es gewesen, welche ihre Systeme geradezu auf religions- 
geschichtliche Betrachtungen dieser Art auferbaut haben. In den- 
selben erscheinen bald die Griechen (Heiden), Juden und Christen 
als die Stufen, bald werden die beiden ersten zusammengenommen, 
die Christen aber in psychische und pneumatische gespalten; end- 
lich erscheint auch eine Vierteilung in Griechen (Heiden), Juden, 
Xirchenleute und Pneumatiker ^. Beligionsgeschichtliche Speku- 
lationen lagen damals, als die Religionen sich wendeten, in der 
Luft, und selbst in untergeordneten und phantastisch verwilderten 
Religionssystemen finden sie sich^. Doch kehren wir zu den 
Schriftstellern der großen Kirche imd ihrer Dreiteilung zurück. 

In einer urchristlichen Schrift aus dem Anfang des 2. Jahr- 
himderts, von der wir leider nur wenige Bruchstücke besitzen — 
der Praedicatio Petri — (bei Clemens Alex., Strom. VI, 5, 41) werden 
die Christen davor gewarnt, ihre Gottesverehrung nach dem Muster 
der griechischen oder der jüdischen einzurichten (fii] xatd tovg 
^nXXfjvag oißea&e tdv ^e6v . . . firjök xaxä *Iovdalovg oißeo'&e). Dann 
heißt es: &(ne xal vfieig öalcog xal dixalcog /uxxv&dvovreg ä Tiaga- 
dldojuev vfuv, (pvXdooecf&e , xaivwg rdv '&edv did rov Xqiotov oeß6- 
juevoi. evQOfiev yäQ h xaTg ygag^äig xa&cbg 6 xvgiog Xiyei' Idov 
diatl&ejMii vjbuv xaivrjv dia'^xrjv ovx d>g die^ifirjv xoXg nargdaiv 
vjj/bv h ÖQBi XoiQYiß, viav vfuv dii&exo, td ydq 'EXXijvcov xal 
^lovdaUov TtaXatd, vjuetg dh ol xaivcog avxdv xQixcp yivet 

1. c. 14: jräv x6 ysvog x&v Sixalcor (Mart. Ignatii Antioch. 2: r6 x&v XQiGxiav&v 
&eoo€ßeg yhog). Melito bei Euseb., h. e. IV, 26, 5: t6 x(av ^eoasßatv yhog. 
Arnob. 1,1: «Christiana gens.** Pseudo-Josephos, testim. de Christo: x6 qwXov 
x&¥ XQuniav&v. Orac. Sibyll. IV, 136: evaeßioiv ^^OAov, etc. Die Idee des 
neuen nnd zugleich universalen Volkes konflagrierte bei einigen gebildeten 
Christen mit der stoischen Idee des Eosmopolitismus, so bei TertuUian, der 
mehr als einmal erklärt hat, daß die Christen nur einen Staat anerkennen, 
die Welt. Ebenso schreibt Tatian (Orat. 28) : Trjs jioq' vfitv xaxiyvcDv vofio- 
'^Bolas' fiiav fuv yoQ sxQtjv elvai xcu xoivrjv ändvxoDv xrjv noXixelav. Der demo- 
kratisch-kosmopolitische Zug des Christentums ist der Propaganda in den 
mittleren und unteren Schichten, vor allem in den Provinzen, gewiß höchst 
förderlich gewesen. Die religiöse Gleichstellung wurde bis zu einem gewissen 
Grad auch als politisch -sozial empfunden. 

^) Wie sich bei den Gnostikem diese ethnologisch -religiöse Einteilung 
der Menschheit mit der psychologisch -religiösen (Hyliker, Psychiker und 
Pneumatiker) kreuzt und ausgleicht, darauf kann hier nicht eingegangen 
werden. 

*) In bezug auf das Religionssystem der Anhänger des Simon Magus 
hat uns Irenäus die abgerissene und dunkle Mitteilimg gemacht (1, 2), Simon 
habe gelehrt, „semetipsum esse qui inter Judaeos quidem quasi fi^ius ap- 
paruerit, in Samaria autem quasi pater descenderit, in reliquis vero gentibus 
quasi spiritus sanctus adventaverit". 

14» 



Digitized by 



Google 



212 Die Missionspredigt in Wort ond Tat. 

oeßofieroi Ägiaxiavol^. Auch dieser Verfasser unterscheidet also 
„Griechen, Juden, Christen**, und er unterscheidet sie, wie der 
4. Evangelist, nach Maßgabe der Gotteserkenntnis und der Gottes- 
Verehrung. Das Bemerkenswerte ist aber, daß er ganz bestimmt 
drei Arten feststellt, nicht mehr und nicht weniger, und das 
Christentum ausdrücklich als das neue, dritte genus der Gottes- 
verehrung bezeichnet. Das ist die älteste Stelle unter einigen 
ähnlichen, die uns noch beschäftigen werden; doch ist zu beachten, 
daß hier die Christen selbst noch nicht „das dritte Geschlecht*' 
heißen, sondern ihre Gottesverehrung als die dritte gilt. Nicht 
in drei Völker teilt unser Verfasser die Menschheit, sondern in 
drei Klassen von Gottesverehrern. 

Dasselbe tut der unbekannte Verfasser des Briefs an den 
Diognet; aber bestimmter fuhrt er bereits die Vorstellung von drei 
Klassen von Gottesverehrem in die von drei Völkern über (Xqi- 
öxiarol ovre rovg voßuCo/uUvovg inb x(bv 'Eilijvwv ^eovg Xoyil^oviat 
oihe xi]v 'lovdalcor deiaidaifiovlav (pvXdoaovoi .... xal xl diJTioxe 
xaivdv xoijxo yhog fj inm^devjMi eia^X^ev elg xöv ßiov vvv xal 
oi> TtQÖxegov, cf. c. 5: vnd *Iovdaio)v cbg dXXotpvXoi noüefiovvxai xal 
inö 'EXki^vcüv dicbxovxai). Das zeigt sich namentlich in dem Be- 
streben, eine eigene Lebensweise und politisch - soziale Existenz 
für die Christen nachzuweisen und sie dadurch als besonderes 
„Volk" zu legitimieren. 

Ganz deutlich teilt aber Aristides in seiner Apologie an den 
Kaiser Pius die Menschheit in drei „Arten** im Sinne von Völkern ; 
denn er gibt für jede ^Art** die Genealogie d. h. den geschicht- 
lichen Ursprung. Er schreibt (c. 2); ^aveQ^v ydq iaxiv fifuv, (b 
ßaoiXev, 5x1 xqUx yhni elolv äv&QCOTicov h x(pde t(J> xöofjup' wv elai 
ol naq ifuv Xsyojuiivcov ^e&v jiQooxvvrjxcd xal 'lovdauH xal Xqi^ 
cxiavol' aixol dk n&hv ol tovg noilovg oeßdfievoi i^eovg elg xgia 
diaiQOvvxai yivrj , Xaldalovg xe xal "EXXrjvag xal AlyvTxilovg (folgt 
der Nachweis des Ursprungs dieser Völker; von den Christen heißt 
es „ysveaXoyovvxai änb *Irjoov Xgioxov")^, 



*) Der Ausdruck „religio Christiana" findet sich zuerst bei Tertullian^ 
wo er aber gaoz geläufig ist. Die Apologeten sprechen von der besonderen 
^ocißsia der Christen. 

*) In der syrischen und armenischen Übersetzung lautet der Passua 
etwas anders: „Dieses ist offenbar, o König, daß vier Geschlechter der Men- 
schen in der Welt sind, Barbaren und Griechen, Juden und Christen* (die im 
Griechen folgende weitere Einteilung in drei Klassen fehlt ganz). Einige 
Gelehrte bevorzugen diese Fassung (indessen ist zu beachten, daß auch 
Hippolyt, Philosoph. X, 30 [bis], 31 [bis] die Ägypter, Chaldäer und Hellenen 
den Juden und Christen gegenüberstellt). Für unsre Zwecke ist die Frage 
von geringem Belang. — Auch Justin (Dial. 123) leitet die Christen von 
Christus nicht als ihrem Lehrer (s. Orig., de princ. IV, 1, 1: Xqujt^ xov tlariyrixrir 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem nenen Volk und dem dritten Geschlecht. 213 

Wie sehr Irenäus Ernst mit dem Gedanken gemacht hat, 
daß die Christen ein besonderes Volk sind, zeigt sich in seiner 
Ausführung IV, 30. Gegenüber den Vorwürfen, die die Gnostiker 
den Juden und ihrem ^Gotte machten, weil sie die goldenen und 
silbernen Gefäße der Ägypter an sich genommen hatten, führt er 
aus, daß man dann mit viel mehr Recht den Christen den Vor- 
wurf des Diebstahls zu machen habe; denn alles, was sie besäßen, 
stamme von den Römern. „Wer ist mit mehr Recht in Besitz 
von Gold und Silber, die Juden, die es für ihre Arbeit den 
Ägyptern nahmen, oder wir, die wir das Gold von den Römern 
und den anderen Völkern genommen haben, obgleich sie nicht 
unsere Schuldner waren?" Diese Reflexion hat nur dann einen 
Sinn, wenn Irenäus die Christen als ein Volk betrachtete, welches 
von den übrigen Völkern streng geschieden ist und nichts mehr 
mit ihnen zu tun hat. In der Tat betrachtete er den Auszug 
Israels aus Ägypten als Typus der „profectio ecclesiae e gentibus'^ 
(IV, 30, 4). 

* Die religiöse Geschichtsphilosophie des Clemens Alexandrinus 
wurzelt ganz in der Betrachtung der beiden Völker, der Griechen 
und Juden, die beide von Gott. erzogen worden sind, nun aber 
(s. den Epheserbrief des Paulus) zur höheren Einheit eines dritten 
Volkes erhoben werden sollen. Es mag genügen, dafür drei 
Stellen anzuführen. Strom. HI, 10, 70 schreibt er (zu dem Spruch: 
^Wo zwei oder drei versammelt sind" usw.): eTrj 6' &v xal ^ 
öfjuivoia t(dv noXXayv &nb x(av xQubv ägi'&fioviiihn] fie^' &v 6 xiigiog, 
^ juia ixxkfjola, ö elg äv^gconog, rd yivog rd Sy. fj fitj u fietä juev 
tov ivdg Tov 'lovdaiov 6 xvQtog vojiw^etcov ^v, 7iQO(prjX€V(oy dh fjdtf 
xal TOV 'legefilav inooteXkcov elg Baßvlwva, äXXä xal xohg ii I9vd}y 
diä xijg nQixpfjxelag xaXmv, ovvijye Xaohg xovg dvo, xghog dk ^v ix 
xcov dvöiv xxi^öfievog elg xaivbv äv&QWJtov, (ß drj ifutegmaxel xe xal 
xaxoixel h ainfj Ixxkrjotq. V, 14, 98 (zu Plato, Republ. 3 p, 415): 
el fAYi XI xQBig xivag vnoxi&ifievog tpvaetg, xgetg nohxelag, cbg ijiiXaßör 
xiveg, dtayQdq?et, xal 'lovdakov juiv ägyvgäv , 'EXXi^vwv dh xqlxrp^ 
[die Stelle ist verdorben; schon Eusebius, Fraepar. XIII, 13 hat 
sie fehlerhaft gelesen; in marg. L lautet das Lemma: 'EXlrjvoiv 
oidrjgäv i} xaXxriVt Xqigxuivöv XQvofjv], XQiaxiavwv de, olg 6 
XQvobg 6 ßaadücdg iyxaxajuifuxxai, xö äyiov Jtvevßia. VI, 5, 42: 
ix yovv xfjg 'EXXrjvixtjg natdelag, äXXä xal ix xtjg vofux^g elg xd 
Sv yivog xod oco^ofihov ovvdyovxat kaov ol xi]v nUrciv Jigooiiptevoi, 



xiöT Haxä xQtaxtariöf*^ atoxtigltov doyfidKov)^ sondern als ihrem Stammvater ab: 
«Sff djto TOt) irog 'Iaxd>ß ixsivov, xov xal 'löQarjX imxXij^ivTog, %6 näv yivog v/Mor 
JtQoatjYÖgevio 'Iax<bß xal 'loga^X, ovtco xcu ^/Mtg dno tod ysvvi^aavToc ^l^äg 
elg ^eov Xaiaiov .... xal ^sov lixra dXtf^tvä xaXovfis^ xal iofUv. 



Digitized by 



Google 



214 3Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

oi XQ^^ diaiQovju£v(ov rcov xqiwv Xacov, Tva Tig (pvaeig inokdßot 
TQiTTiig, xri^. 

Auch aus anderen altchristlichen Schriftstellern läßt sich die 
Trias ^Griechen (Heiden), Juden und Christen'* als Grundform 
der kirchlichen Geschichtsbetrachtung belegen*; namentlich bei 
der Deutung biblischer Geschichten wurde sie häufig benutzt. So 
zieht sie Tertullian bei seiner Auslegung des Gleichnisses vom 
verlorenen Sohn (De pudicit, 8 f.) heran. Hippolyt (Comment, in 
Daniel., ed Bonwetsch p. 32) sieht in Susanna die Christen, in 
den beiden ihr nachstellenden Alten die Griechen und Juden. 
Pseudocyprian (De mont. Sina et Sion 7) erklärt die beiden 
Schacher als die Repräsentanten der letzteren. Doch kommt 
meines Wissens die runde Bezeichnung; ^Wir Christen sind das 
dritte Geschlecht, in der christlichen Literatur nach der Prae- 
dicatio Petri (wo übrigens nur von der christlichen Gottesver- 
ehrung als der dritten die Rede ist) nur einmal vor, nämlich in 
der pseudocyprianischen Schrift de pascha computus c. 17, die 
im Jahr 242/3 verfaßt ist. Leider ist der Zusammenhang, in 
welchem das Wort steht, nicht recht deutlich. Der Verfasser 
spricht vom Höllenfeuer und sagt, dasselbe habe die Widersacher 
des Ananias, Azarias und Misael verzehrt, ^et ipsos tres pueros 
a dei filio protectos — in mysterio nostro qui sumus tertium 
genushominum — non vexavit". Wie sich der Verfasser durch 
die drei Knaben im Feuerofen, die doch sämtlich gottwohlgefällig 
waren, an die Christen als das dritte Geschlecht erinnert fühlen 
konnte, ist unklar; indessen er ließ sich daran erinnern, und jeden- 
falls geht aus der Stelle hervor, daß ihm die Bezeichnung der 
Christen als „drittes Geschlecht" geläufig gewesen sein muß. Li 
welchem Sinne, können wir noch nicht sicher sagen. Zimächst 
müssen wir jedoch nach unseren bisherigen Untersuchungen an- 
nehmen, daß ihm die Christen als das dritte Geschlecht neben 
Griechen (Heiden) und Juden galten. Ob diese Annahme richtig 
ist, darüber wird sich erst im 2. Teil der Abhandlung urteilen 
lassen. 



>) Von einem »weisen Manne" hat Clemens (Strom. II, 15, 67) die Er- 
klärung zu Ps. 1, 1 gehört, daß damit die Heiden („Rat der Gottlosen*), die 
Juden („Weg der Sünder") und die Häretiker („die Lehrkanzel der Spötter*) 
gemeint seien. Diese Hinzufügung der Häretiker ist lediglich durch die zu 
erklärende Stelle motiviert. 

*) Auch die epistula Hadriani ad Servianum (Vopisc, Satumin. 8) gehört 
hierher, wenn sie eine christliche Fälschung ist: ,hunc (nummum) Christiani, 
hunc Judaei, hunc omnes venerantur et gentes*. 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 215 



Das Bewußtsein, ein Volk zu sein und zwar das uralte und 
neue Volk^, blieb innerhalb der Kirche nicht abstrakt und un- 
fruchtbar, sondern wurde nach den verschiedensten Richtungen 
hin entfaltet; überall war auch hier die Synagoge die Vorgängerin; 
aber man bestritt ihren Anspruch, indem man ihn selbst übernahm, 
und erweiterte ihn wo möglich noch über die Grenzen hinaus, die 
jene innegehalten hatte. 

Drei Richtungen sind es vornehmlich gewesen, in denen die 
Kirche das eigentümliche Bewußtsein, das uralte Volk zu sein, 
zur Darstellung brachte: (1) sie wies nach, daß sie, wie jedes 
Volk, ihre eigene Lebensweise habe, (2) sie suchte zu zeigen, 
daß die philosophischen Erkenntnisse, Kulte und Politien der 
anderen Völker, soweit sie beifallswert seien, Plagiate an der 
christlichen Religion seien, (3) sie begann, wenn auch nur in ver- 
suchten Ideen, politische Erwägungen anzustellen über ihre eigene 
aktuelle Bedeutung innerhalb des römischen Weltstaats und über 
das positive Verhältnis zwischen diesem und ihr selbst als der 
neuen Weltreligion. 

(Ad 1) Die Nachweisungen der ältesten Christenheit in bezug 
auf ihre ^^noXaeta^ waren doppelter Art. Das Thema für die eine 
Gattung hat Paulus im Philipperbrief (3, 20) angegeben: fifx&ir 
TÖ jioXlrevjiia h oigavöig vndQxei (cf. Hebr. 13, 13 f.: i^egxcojue&a 
iSo) T^g TiaQefzßokijg . , , oi yäg ^xofiev wde ßiivovoav nöXiv, äXXä 
xrjv fdXkovoav im^tjxovjLiev). Nach dieser empfinden sich die 
Christen hier auf Erden als Pilger imd als Paröken; sie wandeln 
im Glauben und nicht im Schauen, und ihre ganze Lebensweise 
ist weltflüchtig und allein durch das jenseitige Reich, dem sie 
zueilen, bestimmt. Am kräftigsten spricht sich diese Haltung in 
der ersten Similitudo des Hermas aus: zwei „Städte'' stehen sich 
gegenüber mit zwei Herren; die Stadt des Diesseits und die des 
Jenseits. Der Christ darf mit jener „Stadt** und ihrem Herrn, 
dem Teufel, schlechterdings nichts zu tun haben, und seine ganze 
Lebensweise muß der Lebensweise, den Ordnungen und Gesetzen 
der diesseitigen Stadt entgegengesetzt sein. So vermochte man 
sich wirklich als ein besonderes Volk mit besonderer Lebensweise 
kräftig zur Darstellung zu bringen, durfte sich aber auch nicht 
wundem, wenn man nun mit dem Worte abgefertigt wurde: nävteg 
iavTOvg q)ovevoavreg nogevetr^e fjörj Jiagä ibv '&e6v xal fffAiv nqdyfwja 

^) Cf. das 1. Buch der Eirchengeschichte des Eusebius, besonders cap. 4: 
Tfjg {ikv yoQ xoO ocnx^gog ijfiöv 'Irjooi> Xgiaxo^ noQovalai vscoaxi näoiv dv^gwaoig 
hriXafi^Poorjg, viov SfioXoyovfiivcDg i^vog, ov jmxq^v ovd* da&evks ovd^ Ini 
y<oviag xav yiji idgvfUyov, äXXa xai stdvrayv TCÖy i^&v xoXvav^gmJtdxaxiSv xe xai 
^toceßiaxaxov t^ nagä xotg Jtäai xfj xoü Xgiaxov stQoariyoQlq. xsxifirifihov. 



Digitized by 



Google 



216 ^^ Missionspredigt in Wort und Tat. 

ßifj Jiagixete (bei Justin, Apol. 11, 4). Indessen dies war nur die 
eine Seite in dem Nachweise der eigentümlichen Lebensweise und 
der Ordnungen. Nicht weniger energisch suchte man zu zeigen, daß 
hier eine Politie verwirklicht sei, welche sich von der der übrigen 
Völker durch die absolute Moral unterscheide^. Schon in den 
apostolischen Briefen wird nachdrücklicher als auf irgend einen 
dogmatischen Funkt auf die Verpflichtung zu einem heiligen Leben 
hingewiesen, durch welches die Christen wie Lichter inmitten eines 
verderbten und verkehrten Geschlechts leuchten sollen. „Nicht 
wie die Heiden", auch nicht wie die Juden, ist hier die Losung, 
sondern als das Volk Gottes. Alle Gebiete des Lebens bis zu den 
intimsten und geringsten werden unter die Zucht des Geistes ge- 
stellt und neu geordnet. Man lese die „Lehre der zwölf Apostel", 
um zu erkennen, wie ernst man es mit „dem Wege des Lebens" 
nahm. Demgemäß bildete auch in allen christlichen Apologien 
die Darlegung der christlichen Politie als der schlechthin sittlichen 
einen Hauptabschnitt. Das Literesse ist hier überall das, zu zeigen, 
daß diese christliche Politie nach den höchsten sittlichen Maß- 
stäben, die auch die Gegner als solche anerkennen müssen, ver- 
läuft, und daß sie eben deshalb der Politie der anderen Völker 
entgegengesetzt ist. Die Apologien des Justin (namentlich 1, 14fl?.), 
Aristides (c. 15), Tatian und TertuUian kommen hier besonders in 
Betracht^. Die Überzeugung, eine besondere Politie zu besitzen, 
kommt aber auch in der Vorstellung zimi Ausdruck, die militia 
des wahren Gottes und Christi zu sein (s. darüber später). 



1) S. oben S. 178ff. 

*) Die vielgepriesene Darstellung in dem Brief an den Diognet (c. 5. 6) 
ist eine schöne rhetorische Leistung, aber auch nicht viel mehr. Der Ver- 
fasser hat es fertig gebracht, drei Gesichtepunkte in einem Atem gleichmäßig 
zum Ausdruck zu bringen, die christliche Politie als die höchste Moral, die 
Weltfeme des Christentums und — die Innerlichkeit, die es dieser Religion 
gestattet, mitten in der Welt zu stehen und sich unbefleckt allem Äußern 
anzuschmiegen. Wer diese Gedanken so vollkommen in ein Gewebe zu ver- 
spinnen vermag, der steht entweder auf der Höhe des 4. Evangeliums — 
aber den Verfasser des Briefs dorthin zu versetzen, ist nicht wohl möglich — 
oder verfällt dem Verdachte, daß es ihm mit keinem der Gesichtspunkte 
völlig ernst ist. 

•) Eine sehr wichtige Seite an der christlichen Politie hebt Hermas 
(Simil. IX; 17) hervor — ihre Kraft, die in Anlage und Sitten so verschiedenen 
Völker zur Einheit einer Cresinnung und Lebensweise zusammenzuschließen. 
Die Steine, die aus den verschiedenenn Bergen [= Völker] in den Turm 
[= Kirche] eingef&gt werden, sind zunächst buntfarbig, aber in dem Moment 
ihrer Einfügung nehmen sie alle dieselbe weiße Farbe an (Xaß6vx8g Ttjr 
aipQayTda fxlav q>Q6yrjoiv ioxov xal ha yovv, xai fjiia Jtiarn avx&v kfhexo xai fUa 
äyastrj .... Öiä jovxo j} obcodofitf rov swQyov fuq, xQO<f iywsro XafiXQa e&c <J V^^^)f 
vgl. dazu Iren. 1, 10, 2. Celsus (Orig. c. Geis. VIII, 72) blickte sehnsüchtig auf 
eine solche Einheitlichkeit der in Völker zerspaltenen Menscheit aus, aber 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 217 

(Ad 2) Das streng Sittliche, die monotheistische Weltbetrach- 
tung und die Ordnung des gesamten privaten und gemeinschaft- 
lichen Lebens nach den Forderungen der höchsten Moral ist das 
„quod ab initio fuif. Indem die Kirche dies wieder bei sich 
hergestellt sieht, erkennt sie auch darin die Gewähr, daß sie, 
obgleich scheinbar das jüngste Volk, in Wahrheit das älteste ist. 
Indem sie aber diese Überzeugung mit Hilfe der Bücher Mosis, 
die sie für sich mit Beschlag gelegt hat, zu erweisen unternimmt 
(s. Tatian, Theophilus, Clemens, Tertullian, Julius Africanus, 
Hippolyt) \ vindiziert sie sich selbst, das jüdische Volk entthronend, 
die UroflFenbarung, die Urweisheit und die genuine Gottesverehrung. 
Hieraus gewinnt sie die Erkenntnis und den Mut, alles, was an 
Offenbarung, Weisheit und Gottesvehrung bei den anderen Völkern 
in ihren Gesichtskreis tritt, nicht nur inhaltlich an dem eigenen 
Besitz zu messen, sondern auch so zu messen und zu werten, wie 
Kopien an dem Originale. Es ist bekannt, welchen Umfang in 
den altchristlichen Apologien die Abschnitte einnehmen, in denen 
nachgewiesen wird, daß die griechische Philosophie, soweit sie 
beifallswert und richtig ist, aus der den Christen zugehörigen, 
uralten Literatur zusammengestohlen ist. Die Bemühungen, dies 
zu zeigen, gipfeln in dem Nachweise: „Was irgendwo gut gesagt 
worden ist, das ist von uns genommen." Die Dreistigkeit dieser 
Behauptung verdeckt uns heute die Großartigkeit und Kraft des 
Selbstbewußtseins, welches aus ihr spricht. Schon Justin hat jede 
richtige geistige Erkenntnis als „christlich" in Anspruch genommen, 
mag sie sich bei Homer, bei den Tragikern oder den Komikern 
oder bei den Philosophen finden. Daß bei solcher Erweiterung 
die ganze Betrachtung „imischlägt" und das „Christliche" in das 
allgemein Menschliche umgesetzt erscheint, ist ihm nicht aufge- 
gangen, oder ahnte er es doch? Clemens Alexandrinus, der ihm 
In diesen Betrachtungen folgt, ahnte es nicht nur, sondern er hat 
den Gedanken mit Bewußtsein verfolgt. 

Indem sich das alte Christentum mit der Philosophie ver- 
gleicht, faßt es sich selbst als eine „Philosophie", seine Bekenner 
als „Philosophen". Indes ist das eine Form des Selbstbewußtseins, 
die man nicht überschätzen darf, weil sie in diesen ersten Jahr- 
hunderten fast ausschließlich der Apologetik und Polemik angehört. 



«r hält sie fftr eine Utopie: El yoQ Ötj ol6v xb eis iva ovfjupQovrjoai v6fAw xovg 
xfjv 'AöCav Kai Evgamtjv xai Atßvrfv ^'EXXijvds xe xod ßagßdgovg äxQi nsQOXGJv 
vsvefiriiAivovg. Dazu bemerkt Origenes: ädvvaxov xovxo vo/iioag elvou imq>iQei 
[seil. Celsus] Sxt 6 xovxo ol6/isvos olSev ovdiv, 

^) Daß hier die Anfänge der universalgeschichtlicben Chronographie 
und damit der christlichen allgemeinen Weltgeschichte überhaupt liegen, 
daran sei im Vorübergehen erinnert. 



Digitized by 



Google 



218 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

Die Christen haben doch nie daran gezweifelt, daß ihre Lehre zwar 
Wahrheit sei, also die wahre Philosophie, aber doch unendlich 
viel mehr als Philosophie — nämlich Gottesweisheit — und daß 
sie selbst etwas anderes seien als Philosophen — nämlich das 
Volk der Gottesfreunde. Aber in der Polemik war es bequem, 
das Christentum als Philosophie bez. als ^barbarische** Philosophie 
und die christlichen Bekenner als Philosophen zu bezeichnen; denn 
erstlich konnte die Natur der christlichen Lehre den draußen 
Stehenden nur so klar gemacht werden — eine Vergleichung mit 
den heidnischen Religionen zu positiven Zwecken war be- 
denklich, — zweitens durfte imter dÜeser Voraussetzung verlangt 
werden, daß der Staat das Christentum ebenso liberal behandle 
wie die Philosophie und die Philosophenschulen. In diesem Sinne 
hauptsächlich hat man die beliebte Parallele der Apologeten 
zwischen Christentum und Philosophie zu verstehen, obschon 
einzelne christliche Lehrer, die Vorsteher einer innerkirchlichen 
oder freikirchlicken Schule (didaoHcdeiov) waren, die Parallele 
ernsthafter gemeint haben ^; aber diese standen gewissermaßen 
neben der großen Christenheit*. 

Nicht nur die Philosophie, soweit sie probehaltig war, be- 
urteilte man als Plagiat, sondern auch solche Riten und Kultus- 
handlungen, die sich als vermeintliche oder wirkliche Parallelen 
zu christlichen darstellten. In den offiziellen römisch-griechischen 
Kulten war nicht viel dergleichen zu finden, aber in den Myste- 
rien und den orientalischen Kulten um so mehr. Namentlich der 
Mithrasdienst hat in dieser Hinsicht schon frühe die Aufmerk- 
merksamkeit christlicher Apologen auf sich gezogen. Hier galt ein- 
fach das Urteil, daß die Dämonen christliche Riten in den heid- 
nischen Kulten nachgeäfft hätten. Konnte man aber nicht in 
Abrede stellen, daß jene heidnischen Riten und Sakramente älter 
seien als die parallelen christlichen, so war die Ausrede sofort 
bei der Hand, daß die Dämonen das Christliche, schon bevor es 
in die Erscheinung getreten war, kopiert und verzerrt hätten, um 
es im voraus zu diskredieren — so die Taufe, das Abendmahl, 
die Versöhnungshandlungen, das Kreuz usw. Die Dogmatik ver- 

*) Solche Lehrer mit ihrer kleinen Grappe empfanden sich schwerlich 
als das „Urvolk*, sondern sie brachten ihr absolutes Bewußtsein als „Begabte* 
und „ Wissende *" zum Ausdruck. Über die chrislichen didaaxalelä und ihre Be- 
deutung fOr die Propaganda wird in einem anderen Zusammenhang zu handeln 
sein. Daß die Heiden den Anspruch der ChristeUf „die Wissenden" und «die 
Philosophen* zu sein, besonders lächerlich und anmaßend fanden, ist wohl 
verständlich. Sie nannten sie umgekehrt Leichtgläubige oder verspotteten 
sie als maxoi, die fremden Fabeln und Altweibergeschwätz Glauben schenken. 

*) Mit der ältesten Erscheinungsform des Christlichen — Jesus als der 
Lehrer, die Jünger als die Schüler — haben sie nichts mehr zu tun. 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk nnd dem dritten Geschlecht. 219 

mag stets die Geschichte zu brechen und tut dies fort und fort. 
Hier aber liegen besonders instruktive Fälle vor, weil sich die 
Ausgestaltung der christlichen Riten und Sakramente unter dem 
Einfluß der Mysterien-Riten voUzogen hat (freilich nicht bestimmter 
Riten eines bestimmten Kultus, sondern des allgemeinen Typus 
der Mysterien) und somit die Dogmatik die Folge zur Ursache 
machte. Aber auch hier tritt das quid pro quo in ein günstigeres 
Licht, wenn man erwägt, daß sich die Christenheit als das Urvolk 
an den Anfang der Geschichte setzt und dieses Selbstbewußtsein 
die Yoraussetzung für ihre gesamte Betrachtung der Geschichte 
ist. Denn unter dieser Voraussetzung bedeutet die Beschlagnahme 
jener Riten und Sakramente nichts anderes als die Behauptung 
ihres ideal -menschlichen und daher göttlichen Charakters. Sie 
werden den Grundzügen jener Gottesoffenbarung und Gottesver- 
ehrung einverleibt, von denen die Menschheitsgeschichte ausge- 
gangen ist, und die ihr uraltes, bis zur Gegenwart freilich verhülltes 
Besitztum bilden. 

(Ad 3). Die interessanteste, aber bisher noch am wenigsten 
erforschte Seite an dem Bewußtsein der alten Christen, „Volk*^ 
zu sein, ist die politische im engeren Sinne des Worts. Das 
Material ist reichhaltig; man hat aber bisher wenig Blick dafür 
gehabt; ich begnüge mich hier mit der Aufdeckung der wichtig- 
sten Punkte^. 

Das politische Bewußtsein der ältesten Kirche hat drei Elemente 
zu seiner Voraussetzung gehabt, erstlich die Politik der jüdischen 
Apokalyptik, die der Forderung des Eaiserkultus und den Schrecken 
der Verfolgungen gegenüber als geboten erschien, zweitens die 
Tatsache des so frühen Übergangs des Evangeliums von den Juden 
zu den Hellenen und die imverkennbare Wahlverwandtschaft 
zwischen Christentum und Hellenismus sowie zwischen Kirche und 
römischen Weltstaat, drittens den Fall und Untergang Jerusalems 
und des jüdischen Staates. Das erste Element verhält sich anti- 
thetbch zu den beiden letzteren, und demgemäß ist das politische 
Bewußtsein der Earche gegensätzlich bestimmt gewesen und mußte 
sich aus Kontradiktionen herausarbeiten. 

Die Politik der jüdischen Apokalyptik kennt den Weltstaat 
nur als Teufelsstaat und nimmt daher zu ihm eine reine negative 
Stellung ein. In der Johannesapokalypse ist diese Politik rund 
aufgenommen. Die neronische Verfolgung, der geforderte Kaiser- 
kultus und der domitianische Schrecken haben sie beglaubigt. 

^) Tertallians Satz (Apol. 38): „nulla magis res nobis aliena quam pu- 
blica; unam omnium rempublicam agnoscimus, mnnclum'', ist stoisch gef&rbt 
und darf höchstens cum grano salis för zutreffend gelten; außerdem — die 
Staatsverächter haben zu allen Zeiten eine sehr aktive Politik getrieben. 



Digitized by 



Google 



220 ^i^ Missionspredigt in Wort und Tat. 

Diese politische Haltung der Eorche ist, soweit sie sieh im zweiten 
und dritten Jahrhundert fortsetzt, verhältnismäßig am besten von 
den Forschem beachtet worden; noch jüngst hat sie Neumann in 
seiner Studie über Hippolyt (1902) gründlich erörtert. Daß die, 
bis über die Mitte des zweiten Jahrhunderts noch wenig zahlreiche 
Christenheit sich auch in bezug auf die politische Geschichte als 
Mittelpunkt der Menschheit und als deren entscheidenden Faktor 
erkennt, ist das Merkwürdige. Bei dem jüdischen Volke ist dieses 
Selbstbewußtsein recht wohl erklärlich — es war wirklich ein 
großes Volk und hatte eine gewaltige Geschichte hinter sich — ; 
aber daß ein kleiner Haufe sich das ganze große römische Reich 
gegenüberstellt^, die Hauptaktion dieses Reiches in der Christen- 
verfolgung erblickt und die ganze Weltgeschichte in diesem 
Kampfe endigen läßt, ist wahrlich erstaunlich. Es erklärt sich 
das nur aus der Tatsache, daß sich die Kirche einfach an Stelle 
Israels setzte und sich deshalb als Volk, also auch als politischen 
Faktor empfand, und zwar als den neben dem Weltstaat aus- 
schlaggebenden und zuletzt ihn besiegenden Faktor. Das große 
Problem „Kirche und Staaf^ tritt schon hier in die Erscheinung, 
und die schroffe Form, die es hier empfing, ist maßgebend ge- 
worden für die folgenden Zeiten. Unter der Hülle anderer Be- 
ziehungsformen liegt diese noch immer verborgen. 

Aber das ist nur die eine Seite. Die Tatsache des Übergangs 
des Evangeliums von den Juden zu den Hellenen, die unverkenn- 
bare Wahlverwandtschaft zwischen Christentum und Hellenismus 
sowie zwischen Earche und römischem Weltstaat, endlich der 
Untergang des jüdischen Staats durch Rom — diese Faktoren 
schufen ganz andere Vorstellungen von den Beziehungen zwischen 
Earche und Reich als die rezipierte Apokalyptik sie wollte. Eine 
systematische Behandlung dieser Vorstellung ist jedoch nicht am 
Platze; sie würde ein falsches Bild geben. Richtiger wird es 
sein — da es sich nur um versuchte Ideen handelt — , die wich- 
tigsten kennen zu lernen und sie einzeln ins Auge zu fassen: 

n Thess. 2, 5 — 7 ist die älteste Stelle in der christlichen 
Literatur, in welcher des römischen Reichs in positiver Bedeu- 
tung gedacht wird: es ist nicht das antichristliche Reich, sondern 



*) Mit der großen Menge der Christen vermochte erst Tertullian Apol. 87 
(kurz vor dem Jahre 200) dem Staate za drohen; bis dahin suchte man mit 
den Kalamitäten des Endes und mit dem wiederkehrenden Christus zu 
schrecken. Aber gleichsam vikarierend ftr die noch fehlende größere Anzahl 
wirkte (von AnfiEuig an) die Tatsache der weiten Verbreitung über das ganze 
Reich und Über die Grenzen desselben hinaus. Daß sie überall zu finden 
waren, stärkte und formte das Selbstbewußtsein der C^lhristen schon in den 
ersten Generationen. Im Gegensatz zu den in bestimmten Grenzen einge- 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 221 

im Gegenteil die hemmende Macht, welche den letzten Schrecken 
und das Kommen des Antichrists aufhält; denn unter „x6 xarixov" 
(„S xarixcov'') ist dieses Reich zu verstehen. Ist dem so, so folgt, 
daß Kirche und Weltreich nicht nur als Gegensätze betrachtet 
werden dürfen. 

Rom. 13, 1 ff. zeigt dies deutlich und zieht die Konsequenz: 
die Obrigkeit ist ^eov didxovog, ist von Gott eingesetzt zur Unter- 
drückung des Bösen: wer sich ihr widersetzt, widersetzt sich der 
göttlichen Ordnung. Man muß ihr daher nicht nur gezwungen, 
sondern um des Gewissens willen gehorsam sein; selbst die Steuer- 
zahlung ist eine sittliche Pflicht. Ähnlich spricht sich der Ver- 
fasser des I Petrusbriefs aus (c. 2, 13 ff.) ^; aber er geht noch einen 
Schritt weiter; er schließt die Ehrfurcht vor dem Kaiser unmittel- 
bar der Furcht Gottes an (ndvTag ujurioaxe, rijv ädeXfpörrjza äyajtätey 
xbv ^eov q)oßeTa&e, xbv ßaodia u/xare)^. Das ist eine Konzeption, 
wie sie loyaler nicht gedacht werden kann; man beachte, daß 
der Verfasser nach Kleinasien schreibt, in die Hauptprovinzen des 
Kaiserkultus. 

Lucas beginnt seine Erzählung von Christus mit den Worten 
(3, 1): *EyeveTo h xalg fifiigaig ixelvaig i^fjX'^ev döyjua nagä Kai- 
oagog Avyovaxov ä7toyQA(p€(T&ai näaav xijv olxov/jLivriv, Vielleicht 
mit Recht hat man hier vermutet, daß die Erwähnung des Kaisers 
Augustus keine müßige sei. Daß mit Auguetus eine neue Zeit 
für das Reich angebrochen, war die offizielle und die populäre 
Vorstellung. Der Prinzipat war der Friede, der Kaiser der Heiland 
(6 aanrio). Hinter dem irdischen Heiland läßt Lucas den himm- 

schlossenen Völkern, seien es anch so große wie die Parther, nennt Tertullian 
(Apolog. 37) die Christen die «gens totius orbis**, also das Weltvolk. So aber 
empfand man sich schon lange vor Tertullian. 

*) Cf. Tit. 3, 1. — Bei den Worten des Paulus im Römerbrief kann man 
sich erinnern, eine wie ruhige, glückliche Zeit die ersten Jahre unter Nero 
waren. 

*) Die griechischen Christen nannten den Kaiser in der Regel ßaoiXevg 
— das war im Orient ttblich und bedeutete hier keine so große Schmeichelei, 
wie wenn Abendländer ihn »rex' genannt hätten. Baaders war aber auch 
eine Bezeichnung ftür den xvQu>g Xeioxög, die man als Christ nicht vermeiden 
durfbe (nicht nur um der ßaatXeia lotJ ^sov willen, sondern auch weil Jesus 
sich selbst so genannt hatte, Joh. 18, 83 ff.). Daraus ergab sich ein peinlicher 
Konflikt; die besonnenen Christen waren eifrig bemüht, den Schein des Hoch- 
verrats, der hier entstehen mußte, abzulehnen und zu versichern, daß sie 
unter .Reich" und ,i König*' nichts Irdisches und Menschliches verstehen, 
sondern etwas Göttliches (so schon Justin, Apol. 1, 11). Einige Heißsporne 
freilich erklärten vor dem Richter, daß sie nur einen König, bezw. einen 
Kaiser anerkennen (Gott oder Christus), und zogen sich damit die gerechte 
Strafe zu. Doch waren diese Fälle sehr selten. Auch «imperator" ist Christus 
im Abendlande genannt worden, aber nicht in Schriften, die für die Öffent- 
lichkeit bestimmt waren. 



Digitized by 



Google 



222 ^i^ MissioDspredigt in Wort und Tat 

lischen auftauchen — auch er ist der ganzen Oikumene geschenkt, 
und was er bringt, ist der Friede (v. 14: inl ytjg cIqijvtj) ^ Schwer- 
lich hat Lucas den Augustus und den Christus in feindlichen 
Gegensatz stellen wollen: auch Augustus und sein Reich bezeichnen 
die neue Zeit. Das kann man auch aus der Apostelgeschichte 
herauslesen, die zwar m. E. keine bewußte politische Tendenz hat, 
die aber im Gegensatz zum jüdischen Volke in dem römischen 
Reich den gewiesenen Boden für die neue Religion sieht, von 
aller Kaiserfeindschaft weit entfernt ist und solche Tatsachen gern 
hervorhebt, die in der nächsten Vergangenheit eine tolerante Ge- 
sinnung der Obrigkeit gegen die Christen beweisen. 

Justin schreibt (Apol. 1, 12) an den Kaiser: ägcoyol vfxXv xal 
ovfxfxaxoi JiQÖg elgrjvrjv iofih jidvrwv fxäkXov äv&Qa>n(ov, Er er- 
kennt damit an, daß der Zweck des Reiches ein guter ist (die 
pax terrena), und daß ihn die Kaiser erreichen wollen. Indem 
er aber die Christen als diejenige Macht bezeichnet, die am besten 
geeignet ist, diesen Zweck durchzusetzen — weil sie, vor allem 
Verbrechen zurückscheuend, streng sittlich leben und strenge 
Sittlichkeit lehren, und weil sie die Dämonen, diese größten 
Feinde des Menschengeschlechts, verscheuchen und austreiben^ — , 
statuiert er gewissermaßen ein positives Verhältnis zwischen Kirche 
und Reich. 

Der Verfasser des Briefes an den Diognet, indem er Christen 
und Welt (Staat) imterscheidet wie Seele und Leib (c. 6) und 
seine Darstellung ihres Verhältnisses auf Antithesen hinausspielt, 
statuiert doch eben dadurch auch ein positives Verhältnis zwischen 
beiden Größen: lyxixXeKTtai /mv ^ y^X^ ^^ aiojuari, awi^Bi di 
avxrj rö acbßia' xal XQiaxiavol xaT^;|rorTat /liv (bg iv xpQOvqq, x(p 
xoöfjup, avxol dk övvfxovoi xbv xdafxov (cf. Ahnliches bei Justin, 

Apol. n, 7). 

') Auch der Ausdruck im Epheserbrief (2, 14): avT<fc iativ i} dgrivri ^f/mv, 
ist der Sprache, in welcher man in Asien von dem Kaiser sprach, nachge- 
bildet. Wie sehr die lucanische Sprache in dem betreffenden Abschnitt von 
dieser beeinflußt ist, habe ich an einem anderen Ort gezeigt Gewiß hat 
man auch Luc. 2, 14 und Ephes. 2, 14 an Micha 5, 4 zu denken; aber das ist 
eben f&r jene Zeit und Anschauung das Charakteristische, daß verschiedene 
Linien konvergierten. 

*) Wo die den Staat erhaltende und die Menschheit befreiende Macht 
des christlichen Volkes verkündigt wird, da sind es immer diese beiden 
Momente, die in Betracht kommen — die strenge Sittlichkeit und die Macht 
über die Dämonen. Jene Waffe führen auch andere, wenn auch nicht so gut; 
diese aber, die Macht über die Dämonen, steht nur den Christen zu, und des- 
halb leisten sie, so wenig zahlreich sie sein mögen, dem Menschengeschlecht 
und dem Staat einen unvergleichlichen Dienst. Von hier aus ist das christ- 
liche Selbstbewußtsein, die konservative und befreiende Macht in der Welt 
zu sein, erwachsen. 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk und dem dritten Geschlecht. 223 

Alles dieses ist bereits positive Politik^; aber am weitesten 
in dieser Richtung ist Melito gegangen (bei Euseb., h. e. IV, 26). 
Es ist nicht zufällig, daß er in dem loyalen Kleinasien schreibt. 
Er hat den Wink des Lucas in bezug auf Augustus und alles, 
was sonst an positiven Beziehungen zwischen Kirche und Welt- 
reich bereits geltend gemacht worden war, wohl beachtet und ist 
nun zu folgender Darstellung in seiner Apologie an Marc Aurel 
fortgeschritten: 

„Diese unsre Philosophie hat zwar zuerst bei einem frem- 
den Volke gegrünt. Als sie aber darauf unter der gewaltigen 
Herrschaft deines Vorgängers Augustus in den Provinzen deines 
Reichs zu blühen begann, brachte sie deinem Reiche in be- 
sonderer Weise reichen Segen. Denn es hat ja von der Zeit 
an das römische Reich immer an Größe imd Glanz zugenommen, 
dessen erwünschter Beherrscher du bist und sein wirst zugleich 
mit deinem Sohne, wofern du diese unter Augustus begonnene 
und zugleich mit dem Reiche großgezogene Philosophie, welche 
auch deine Vorfahren neben den anderen Religionen in Ehren 
gehalten, beschützen willst. Und zum stärksten Beweise, daß 
unsre Religion zugleich mit der so glücklich begonnenen Monar- 
chie zum Wohle derselben aufgeblüht, dient der Umstand, daß 
diese seit der Regierung des Augustus von keinem Unglück be- 
troffen worden ist, sondern daß im Gegenteil nach dem allge- 
meinen Wunsche alles nur deren Glanz und Ruhm vermehrt hat.'^ 
Melitos Gedanken 2 brauchen nicht analysiert zu werden; 
deutlich und klar sind sie ausgesprochen: der Weltstaat und die 
christliche Religion sind Milchschwestem; sie gehören zusammen; 
sie bilden die neue Stufe der Geschichte; die christliche Religion 
bedeutet den Segen und die Wohlfahrt des Reichs; sie ist das 
Innere zu dem Äußeren; nur wenn sie beschützt wird und sich 
frei entfalten kann, bleibt das Reich in Größe und Glanz. Nimmt 
man nicht an, daß Melito lediglich hat schmeicheln wollen — 
und es ist kein Grund zu dieser Annhme, wenn auch Schmeichelei 
nicht fehlt — , so folgt, daß er wirklich in dem Christentum die 
zu dem Weltstaate gehörige, ihm zugeordnete imd ihn tragende 



') Dazu möchte ich es auch rechnen, wenn Athenagoras in seiner Sup- 
plicatio an die Kaiser (c. 18) sagt: ix^its d^* kavxwv xai xrjv inovQoviov ßaai- 
ieiav iSetdCetv c&c yoQ vfuv siaxQi xai vl^ ndrxa xbxsIqwxoi, ävco'&ev xrjv ßaot- 
Xslar eiXrjtpdai — ßaoiXicog yoQ ynjxfl h ;f «ß« ^sov, (pf}ol to 3fQOipijxu<6v jtvevfia — , 
o{rra>g evl t(p ^e^ xcd t<p jioq^ avxov X6y(fi vl^ voovfziyq> dfiegicxq» ndvra vnorhaxxai. 

*) Tertullian urteilte anders ; von einer Solidarität von Christentum und 
Kaisertum weiß er nichts : ,sed et Caesarea credidissent super Christo, si aut 
Caesarea non essent necessarii saeculo, aut si et Christiani potuissent esse 
Caesarea* (Apol. 21). 



Digitized by 



Google 



224 I>ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

innere Macht erkannt hat. Die spätere Entwicklung der Dinge 
hat ihm Recht gegeben, und in diesem Sinne ist er als Politiker 
bewunderungswürdig; aber noch bewunderungswürdiger ist es, 
daß er diesem zu seiner Zeit noch geringem Volke der Christen 
um ihrer Religion, d. h. ihres transzendenten Ghits, willen, die 
Kj-aft zugetraut hat, den Staat zu erhalten^ — daß er überhaupt 
die Christenheit als die parallele Größe zum Staate erkannt hat. 
Es gibt noch einen altchristlichen Schriftsteller, dem die 
Analogie von Weltstaat und Christenheit aufgegangen ist (am 
Punkte der Ökumenizität); aber er hat sie in einer überraschenden 
Weise zu erklären versucht, die eine große Feindseligkeit gegen 
das Reich verrät. Hippolyt schreibt (in Daniel. IV, 9): 

„Denn da im 12. Jahre der Herr unter dem Kaiser Augustus 
geboren wurde, von dem an das Reich der Römer sich ent- 
wickelte, durch die Apostel aber der Herr alle Nationen und 
alle Zungen hinzurief imd das Volk der gläubigen Christen 
schuf, das Herrenvolk und das Volk derer, die einen neuen 
Namen tragen — so ahmte das Reich dieser Zeit, das da 
herrscht „nach Kraftwirkimg des Satans^, dies genau nach und 
sammelt seinerseits auch aus allen Völkern die Edelsten und 
rüstet zum Streit, sie Römer nennend. Und deshalb war auch 
die erste Schätzung imter Augustus, als der Herr in Bethlehem 
geboren wurde, damit die Menschen dieser Welt, für den irdi- 
schen König angeschrieben, Römer genannt würden, die an 
den himmlischen König Glaubenden aber Christen hießen, das 
Zeichen des Sieges über den Tod an der Stime tragend." 

Die Ökumenizität des römischen Reichs ist also eine satanische 
Nachäffung der Christenheit: wie die Dämonen die christliche 
Philosophie gestohlen, wie sie den christlichen Kultus und die 
Sakramente nachgeäfft haben, so haben sie auch durch Stiftung 
des großen kaiserlichen Römerreichs ein Plagiat an der Kirche 
begangen! Dies ist wohl der kräftigste, aber auch dreisteste 
Ausdruck des christlichen Selbstbewußtseins, der sich denken 
läßt! Den wahren christlichen Kosmopolitismus hat Octavius 
(Minucius 33) so formuliert: „nos gentes nationesque distinguimus: 
deo una domus est mundus hie totus." 

Gerechter politisiert Origenes, aber wie hochfliegend sind seine 
Gedanken! In den capp. 68 — 75 des 8. Buchs gegen Celsus trägt 
er, eine uralte christliche Vorstellung umdeutend und eine pla- 



>) Vgl. dazu Orig. c. Cels. VIII, 70: dXX' ol xa&' {)n6&eoiv KiXoov Jtdvrsg 
av nsto^ivtes 'PiOfjiaToi tvx^pLWOi negiioovxai x&v jtoXsfiioov ij ovdh trfv &QXV^ 
yiolefiijoovtat, q>QovQo6fjL€V0i vno ^eiag Swdfisojg, Tffg dia nertiqxovia dixahvg 



Digitized by 



Google 



Die Botschaft von dem neuen Volk nnd dem dritten Geschlecht. 225 

tonische benutzend, die Idee vor, daß die Kirche — der xdofiog 
tov xöoßiov (in Joh. VI, 38) — in der Zukunft der göttliche Welt- 
staat sein werde; sie sei bestimmt, das römische Reich, ja die 
Menschheit, in sich aufzunehmen und die Staaten zu verbinden 
und zu ersetzen. Cf. c. 68: „Denn wenn alle es ebenso machten, 
wie wir, um mit Celsus zu reden, so würden, darüber kann kein 
Zweifel bestehen, auch die Barbaren, die das Wort Gottes an- 
nähmen, ganz gesittet und gutartig werden, so würden alle Reli- 
gionen ihr Ende finden und die christliche die allein herrschende 
sein — sie wird einst auch allein herrschen, da das Wort 
immer mehr Seelen gewinnt.'^ Damit ist die urchristliche 
Hoffnung umgebogen: die Kirche erscheint als die sittigende und 
vereinigende Macht, welche einen einheitlichen Menschheitsstaat 
schon im Diesseits schaffen wird. Freilich, ganz sicher ist es dem 
Origenes nicht, daß dies im Diesseits wirklich möglich ist; denn 
bereits c. 72 schreibt er in bezug auf die Frage, ob Asien, 
Europa und Libyen, Griechen und Barbaren, in der Anerkennung 
eines Gesetzes übereinstimmen könnten (Celsus stellte das in Ab- 
rede) : xal rdxoL äXrj^cbg Mvvaxov fjikv x6 toiovto xoXq hi h ocü/iaoi, 
oi fikv ädvatov xal änoXtr&eiaiv alrcayv^. In II, 30 schreibt Ori- 
genes: „In Jesu Tagen ging die Gerechtigkeit auf imd die Fülle 
des Friedens; sie begann mit seiner Geburt. Gott bereitete die 
Völker auf seine Lehre vor und machte, daß der römische Kaiser 
die ganze Welt beherrschte; es sollte nicht mehrere Reiche geben, 
sonst wären ja die Völker einander fremd geblieben und der Voll- 
zug des Auftrages Jesu: „Gehet hin imd lehret alle Völker", den 
er den Aposteln gab, schwieriger gewesen." 

Aber der große Kirchenvater, der auch ein großer und ein- 
sichtiger Politiker war, trägt in seinem Werke gegen Celsus 
(in, 29. 30) noch eine politische Beobachtung vor, die nicht hoch- 
fliegend sondern nüchtern ist, aber dafür den Vorteil hat, zu- 
treffend imd eindrucksvoll zu sein. Obschon sie etwas umfang- 
reich ist, setze ich sie hierher, weil sie in der altchristlichen 
Literatur nicht ihresgleichen hat: 

„Apollo wollte nach Celsus von den Metapontinem, daß 
sie den Aristeas für einen Gott halten sollten. Sie aber hielten 
den Aristeas für einen Menschen und vielleicht nicht einmal 
für einen tüchtigen, und diese ihre Überzeugung war ihnen 
sicherer als der Orakelspruch, der ihn für einen Gott erklärte. 



*) Die politische Kannegießerei, die Celsus (c. 71) von einem C^ujkten 
gehört haben will, verstehe ich so wenig wie Origenes sie verstanden nat. 
Sie stammt schwerlich von einem solchen; was ihr zugrunde liegt, laßi'l^ich. 
nicht mehr ermitteln. Ich lasse sie daher beiseite. -: '^'•--'■n 

Harnack, Mission. S. Aiifl. 15 

Digitized by VjOOQIC 



226 1^6 MiBsionspredigt in Wort und Tat. 

dem göttliche Ehre zu erweisen sei. Deshalb wollten sie dem 
Apollo nicht gehorchen, und so hielt niemand den Aristeas für 
einen Gott. Was aber Jesus betrifft, so können wir sagen, 
daß es dem Menschengeschlecht Segen brachte, ihn als Sohn 
Gottes anzuerkennen, als Gott, der in menschlicher Seele und 

menschlichem Leibe erschienen ist Gott, der Jesum 

gesandt hatte, vereitelte alle Nachstellung der Dämonen und 
verhalf auf der ganzen Erde dem Evangelium Jesu zur Be- 
kehrung und Besserung der Menschen zum Siege und lieB überall 
Kirchen entstehen, die eine andere Politie haben als die Kirchen 
dämonenverehrender, ausschweifender und ungerechter Menschen. 
Denn so beschaffen sind die Massen, welche überall die städtischen 
„Kirchen'' bilden. Die Kirchen Gottes aber, die Christus geschult, 
sind — wenn man sie mit den „Kirchen" der Volksmassen, unter 
denen sie als Fremdlinge wohnen, vergleicht, — „wie Lichter in 
der Welt". Denn wer muß nicht bekennen, daß selbst die ge- 
ringeren Mitglieder der Kirche imd solche, diie gemessen an den 
Vorzüglicheren tiefer stehen, doch viel besser sind als die Mit- 
glieder der profanen Kirchen?" 

„Da ist die Kirche Gottes zu Athen; sie ist friedfertig und 
liebt die Ordnung; denn sie will Gott, dem Allherrschenden, 
gefallen. Die Kirche der Athener aber ist aufsässig und kann 
in keinem Sinne mit der dort befindlichen Kirche Gottes ver- 
glichen werden. Dasselbe hat man betreffs der Kirche Gottes 
in Corinth und der Kirche des Volks der Corinther zu sagen, 
sowie betreffs der Kirche Gottes in Alexandrien und der Kirche 
des alexandrinischen Volkes. Und wenn ein wohlgesinnter Mann 
davon hört und mit Liebe zur Wahrheit den Sachverhalt prüft, 
so wird er den bewundem, der den Gedanken gefaßt und ihn 
zu verwirklichen vermocht hat, überall Kirchen Gottes einzu- 
richten, die da als Fremdlinge mitten unter den Kirchen der 
Volksmassen jeglicher Stadt wohnen. Femer, auch wenn man 
den Rat der Kirche Gottes mit dem Rat der Städte, Stadt für 
Stadt, vergleicht, so dürfte man finden, daß manche Ratsherrn 
der Kirche eine Stadt Gottes zu leiten verdienen, wenn es eine 
solche in der Welt gibt; die überall sich findenden [weltlichen] 
Ratsherrn aber haben in ihrem Wandel nichts, was die aus 
ihrer amtlichen Stellung fließende Superiorität rechtfertigte, in 
der sie ihre Mitbürger zu überragen scheinen. Und so steht 

■ es auch bei einem Vergleich zwischen dem Vorsteher der Kirche 
jeder Stadt mit den Bürgermeistem; man wird finden, daß selbst 

\ ^Je Eatsherm und Vorsteher der Kirche Gottes, welche weniger 
y ankommen sind und ihren eifrigeren Kollegen gegenüber als 
lässig gelten können, auf den Wandel gesehen, generell in den 



Digitized by 



Google 



Die Beurteil, der Christen als drittes Qeschlecht seit, ihrer Gegner. 227 

Tugenden weiter vorgeschritten sind, als die städtischen Rats- 
herrn und Vorsteher.** 

Hier breche ich diesen Teil der Untersuchung ab. Das An- 
geführte wird genügen, um sich ein Bild davon zu machen, wie 
sich die Christen als das neue Volk und als das dritte Geschlecht 
gefaßt und welche Eonsequenzen sie aus diesen Yorstellungen 
gezogen haben. Wie aber beurteilten die Griechen und Römer 
die Erscheinung der Christenheit und ihre immensen Ansprüche? 
In einem Exkurse soll dieser Frage Genüge geschehen. 



Exkurs: 



Die Beurteilung der Christen als drittes Qeschlecht 
seitens ihrer Gegner. 

Um die Beurteilung der Christenheit seitens der Griechen und Römer 
richtig zu würdigen, muß man sich zun&chst erinnern, wie die Juden im 
Reiche angesehen und beurteilt wurden; denn es war allgemein bekannt, 
<laß die Christen von den Juden ausgegangen waren. 

Nichts ist sicherer, als daß die Juden in dem Römerreiche als ein be- 
sonderes Volk gegenüber allen anderen Völkern unterschieden wurden. Ihre 
bildlose Gottesverehrung und ihre Ablehnung des Staatskultus (d^86njg) sowie 
ihre Exklusivität (äfjii^(a) hoben sie als einzigartig aus allen Nationen heraus'. 
Diese Einzigartigkeit hatte Cäsar durch seine Gesetzgebung zur öffentlichen 
Anerkennung gebracht. Wurde doch — eine kurze Epoche abgerechnet — 
nicht einmal der Eaiserkult von den Juden verlangt. So standen sie allein 
und für sich neben allen anderen Völkern, die das römische Reich umfisißte 
oder mit denen es Bundesgenossenschaffc geschlossen hatte. Die runde 
Formel: „Wir und die Juden" findet sich m. W. in der griechisch-römischen 
Literatur nicht*, aber die Sache war da, d. h. die Betrachtung war ganz 



') Dazu kamen noch ihre besonderen Sitten (Beschneidung, Verbot des 
Schweinefleisches, Sabbath etc.) ; aber diese wirkten doch nicht so stark, um 
den Charakter der Einzigartigkeit zu begründen, wie d&eöxtjg und dfu^ia. 
Zum Teil dieselben, zum Teil iUinliche Sitten fanden sich ja auch bei anderen 
orientalischen Völkern. Zu d&eartfg (s. meine Abhandlung: Der Vorwurf des 
Atheismus in den drei ersten Jahrhunderten, Texte u. Unters. Bd. 28 Heffc 4): 
Plioius, bist. nat. XlII, 4,46: ,gens contumelia numinum insignis*'; Tacitus, 
bist. V, 5: „ludaei mente sola unumque numen intellegunt .... igitur nulla 
simulacra urbibus suis, nedum templis sistunt; non regibus haec adulatio, 
non Caesaribus honor.** Juvenal, Satir. XIV, 97: „nil praeter nubes et caeli 
numen adorant,* etc. etc. Zu fitoav^gcDstia und dfjtt^lai Tacitus, 1. c: ^apud 
ipsos fides obstinata, misericordia in promptu, sed ad versus omnes alios 
hostile odium"; schon früher Apollonius Moion (bei Josephus, c. Apion. II, 14). 
Schürer, Geschichte des jüd. Volks IIP S. 418. 

*) Doch s. die epistula Aristeae § 16 (ed. Wendland, 1900, p. 6): x^ 
stdvxmv hiÖTntfv xal xttojijv ^sov oitoi oißovxai, Sv xal stdvreg, ^(ieXq 61 xqoo- 
o/vofJtd^ovxei higcK Zrjva xal Aia. 

15* 



Digitized by 



Google 



228 I>ie Missionspredigt in Wort und Tat. 

gel&ofig, daß die Juden eine Yolkserscheinung ffür sich sind, daß dagegen 
die anderen Völker gemeinsame Merkmale haben, welche jenen fehlen '. In 
allen Provinzen und Städten femer unterschieden sich die Juden — und nur 
sie — durch ihre staatsrechtliche Stellung und ihr bfirgerliches Verhalten 
von der Bevölkerung, unter welcher sie lebten. Aber eben diese Einzigartig« 
keit wurde ihnen als Mangel an Qemeinsinn und Patriotismus, als Schimpf 
und Schande ausgelegt — von Apollonius Molon und Posidonius an bis zu 
Plinius, Tacitus und den Sp&teren*, wenn auch einige Einsichtigere den 
«philosophischen* Charakter der JudeA. nicht verkannten'. 

Aus diesem jüdischen Volke sich entbindend, trat nun die Christenheit 
den Griechen und Römern entgegen. Einiges, was bei den Juden Anstoß 
erregte, fehlte hier, aber das Anstößigste erschien in potenzierter Gestalt — 
die d^eikrjg und die d/u^ia (fucar&Qwnia). Daher wurde die christliche 
Religion als «superstitio nova et malefica*\ als ^superstitio prava, immo- 
dica" *, als «ezitiabilis superstitio" *, als ,vana et demens superstitio* ^, die 
Christen selbst als „per flagitia invisi" bezeichnet und ihnen das ,odium 
generis humani" schuld gegeben*. 

Wohl urteilten im Laufe des 2. Jahrhunderts und im dritten einige ver- 
ständige Leute anders — Lucian sieht in den Christen halbverrdckte, leicht- 
gläubige Schwärmer, denen er jedoch seine Achtung nicht ganz entziehen 
kann, Galen erklärt ihre Lebensweise ftlr philosphisch und spricht mit hohem 
Respekt von ihnen *, Porphyrius behandelt sie und namentlich ihre Theologen, 
die Gnostiker und Origenes, als respektable Gegner *^ aber die große Menge 
der Literaten blieb dabei, daß es sich um eine ganz abscheuliche Erscheinung 
handle. «Latebrosa et lucifuga natio", ruft der Heide Cäcilius bei Minucius 



>) Eine scharfe Dreiteilung (Ägypter, Hellenen, Juden) fand in Ägypten 
statt, s. Schürer. 1. c. III« S. 23. 

*) Apollonius Molon bei Josephus, c. Apion. II, 14: „die unfähigsten unter 
den Barbaren, ä^toi, fuodvOgoynoi* . Seneca bei Augustin, de civit. VI, 11: 
«sceleratissima gens*. Tacitus, bist. V, 8: „despectissima pars servientium — 
taeterrima gens". Plinius, 1. c. Marc Aurel bei Ammian XXII, 5. Caeciliua 
bei Minucius Felix 10: „ludaeorum misera gentilitas*". 

*) Aristoteles nach Clearch: q)tX6a<Hpoi nagd Zvgoig, Theophrast nach 
Porphyrius: &te <pd6öoq>oi x6 yevog SrtBg. Strabo XVI, 2, 35 p. 760f. Varro 
bei Augustin, de civit. IV, 31. 

*) Sueton, Nero 16. — ») Plinius, ep. X, 96 (97). 

•) Tacitus, annal. XV, 44. — ') Minuc. Felix 9. 

^ Tacitus, I.e., cf. Tertull. Aj}ol. 35: »publici hostes"; 37: „hostes ma- 
luistis vocare generis humani Christianos*. Minucius c. 10: «pravae religionis 
obscuritas"; c. 8: „homines deploratae, inlicitae ac desperatae fEtctionis*; 
„plebs profanae coniurationis" ; c. 9: „sacraria taeterrima impiae coitionis''^ 
,eruenda et execranda consensio**. 

•) Die Stelle ist nur im Arabischen erhalten (s. o. im 4. Kap.). 
^^) Über die geschichtlichen Grundlagen der christlichen Religion und 
ihre heiligen Bücher Neuen Testaments haben Porphyrius und die Neuplato- 
niker im allgemeinen nicht Dünstiger geurteilt als Celsus, und auch im Alten 
Testament fanden sie viel Unsinn und Lil^% (darin mit den christlichen 
Gnostikem fibereinstimmend); ja niemand, auch Celsus nicht, hat die evan- 
gelische Geschichte so scharf und abschätzig kritisiert wie Porphyrius. Allein 
erstlieh erschien ihnen manches, was in den Büchern Mosis zu lesen stand 
und bei Jobannes, wertvoll, sodann hatten sie vor der christlichen Religions- 
philosophie einen hohen Respekt und suchten sich mit ihr ernsthaft aus- 
einanderzusetzen. Dabei erkannten sie, daß ihnen die kirchliche Religions- 
philosophie viel nfiher stand als die gnostische: denn das abschätzige Urteil 
über die Welt, welches sie in dieser fanden, und der Dualismus erschienen 



Digitized by 



Google 



Die Beurteil, der Christen als drittes Geschlecht seit, ihrer Gegner. 229 

Felix (c. 8f.) ans, „in publicum muta, in angulis garrula; templa ut busta 
•despiciunt, deos despuunt, rident sacra" . . . „occultis se notis et insignibus 
noRCunt et amant mutuo paene antequam noverint" . . . ,cur nuUas aras 
habent, templa nulla, nuUa nota simulacra . . . nisi illud quod colunt et 
interprimunt, aut puniendum est aut pudendum? unde autem vel quis ille 
aut ubi deus onicusi solitarius, destitutus, quem non gens libera, non 
regna, non saltem Homana superstitio noverunt? Judaeorum sola et misera 
gentilitas unum et ipsi deum, sed palam, sed templis, aris, victimis caeremo- 
niisque coluerunt, cuius adeo nulla vis ac potestas est, ut sit Romanis 
numinibus cum sua sibi natione captivus. at iam Christiani quanta monstra, 
quae portenta confingunt!" Man sieht — Cäcilius sieht eine absteigende 
Reihe vor sich in bezug auf die numina und den cultus: Romani, Judaei, 
Christiani. 

So monströs, so widerlich sind diese Christen — Cäcilius erzählt des 
weiteren die schlimmsten Dinge von ihrem Glauben und ihrem Leben — , 
daß sie gleichsam aus der übrigen Menschheit herausfallen. So nennt sie 
denn auch Cäcilius eine „natio*, obschon er weiß, daß sie sich aus der Hefe 
der Völker rekrutieren, also kein Volk im nationalen Sinne sind. Der Christ 
Octavius muß sie gegen diesen Vorwurf, eine unmenschliche Erscheinung 
zu sein, verteidigen, und noch eingehender tut das Tertullian im Apologeticus 
und in der Schrift ad nationes. In beiden Schriften ist die Abwehr des Vor- 
wurfs, die Christenheit sei etwas ganz unmenschlich Eigenartiges, ein 
Hauptpunkt. «Alia nos, opinor, natura, Cynopennae [Cjnopae?] aut Scia- 
podes*^, heißt es Apolog. 8, „alii ordines dentium, alii ad incestam libidinem 
nervi? . . . homo est enim et Christianus et quod et tu." Und Apol. 16 muß 
Tertullian böse Lügengeschichten in bezug auf die Christen widerlegen, die, 
wären sie wahr, die Christen wirklich als eine ganz besondere Art von 
Menschen erscheinen ließen. Aber in Wahrheit — , Christiani homines sunt 
vobiscum degentes, eiusdem victus, habitus, instructus, eiusdem ad vitam 
necessitatis. neque enim Brachmanae aut Indorum gymnosophistae sumus, 
silvicolae et exules vitae . . . si caeremonias tuas non frequento, attamen et 
illa die homo sum** (Apol. 42). „Cum concutitur imperium, concussis etiam 
ceteris membris eins utique et nos, licet extranei a turbis aestimemur^ 
in aliquo loco casus invenimnr" (Apol. 31). Daß die Christen als etwas ganz 
Absonderliches auffielen, trat auch in den Spott- und Schimp&amen, die 
man ihnen gab, hervor (cf. z. B. Apol. 50). 



ihnen wie ein frivoles Attentat an der Gottheit. Da,steg&ii erklärte Porphyrius 
von Origenes: „Sein äußeres Leben war das eines Christen und widergesetz- 
lich; in bezug auf seine Ansichten von den Dingen und von der 
Gottheit aber dachte er wie ein Hellene, schob aber die Vorstell ungjen 
der Hellenen fremden Mythen unter" (bei Euseb., h. e. VI, 19). Über Plotins 
Stellung zur kirchlichen Gnosis und zum Gnostizismus vgl. Karl Schmidt 
in den „Texten u. Unters." N. F. Bd. V Heft 4. 

*) Daher die wohlverständliche Aufforderung an die dHiristen: „Packt 
euch aus der Welt, in die ihr nicht gehört, und macht uns keine Beschwerde^; 
vgl. die bereits oben zitierte Stelle aus Justin, Apolog. 11,4, wo die Gegner 
zu den Christen sprechen: Jldrrsg ^avxovg qxwsvoavreg nogevec^e ^drj stagä xov 
^Bov ftai ^fur jiQayfjLaxa fiif noQsxsxe, Tertullian erzählt (ad Scapulam 5), 
Arrius Antoninus, der Prokonsui Asiens, habe den Christen, die sich freiwillig 
und scharenweise zur Zeit einer Verfolgung um sein Tribunal drängten , zu- 
gerufen: „Ihr Unseligen, wenn ihr sterben wollt, so habt ihr AbcTÜnde und 
«tricke." Celsus (bei Orig. c. Cels. VIII, 55) schreibt: „Wenn die Christen es 
unter ihrer Würde halten, sich an den religiösen Feierlichkeiten zu beteiligen 
und den Vorstehern derselben Verehrung zu erweisen, so sollen sie nicht zu 



Digitized by 



Google 



230 I^e Missionspredigt in Wort und Tat 

Alles dies findet sich ebenso in den beiden gleichzeitig mit dem Apolo- 
geticns geschriebenen Büchern ad nationes, aber hier tritt noch ein Moment 
hinzu, welches unsere besondere Aufmerksamkeit erregt. Tertnllian sagt, 
die Christen würden von ihren Gegnern ,genus tertium' genannt. Die Stellen 
sind folgende: 

,ad nat. 1,8: «Plane, tertium genus dicimur. an Cynopennae aliqui 
vel Sciapodes vel aliqui de subterraneo Antipodes ? si qua istic apud vos 
saltem ratio est, edatis vel im primum et secundum genus, ut ita de tertio 
constet. Psammetichus quidem putavit sibi se de ingenio exploravisse 
prima generis. dicitur enim infantes recenti e partu seorsum a commercio 
hominium alendos tradidisse nutrici, quam et ipsam propterea elinguaverat, 
ut in totum exules Tocis humanae non auditu formarent loquellam, sed 
de suo promentes eam primam notionem designarent cuius sonum natura 
dictasset. prima vox «beccos' renuntiata est; interpretatio eins „panis* 
apud Phrygas nomen est; Phryges primum genus ezinde habentur . . . 
sint nunc primi Phryges, non tamen tertii Christiani. quantae enim aliae 
gentium series post Phrygas? verum recogitate, ne quos tertium genus 
dicitis principem locum obtineant, siquidem non ulla gens non Christiana. 
itaque quaectunque gens prima, nihilominus Christiana. ridicula dementia 
novissimos dicitis et tertios nominatis. sed de superstitione tertium 
genus deputamur, non de natione, ut sint Romani, Judaei, de- 
hinc Christiani. ubi autem Graeci? vel si in Romanorum superstitioni- 
bus censentur, quoniam quidem etiam deos Graeciae Roma soUicitavit, 
ubi saltem Aegyptü, et ipsi, quod sciam, privatae curiosaeque religionis? 
porro si tam monstruosi, qui tertii loci, quales habendi, qui 
primo et secundo antecedunt?** 

Femer ad nat. I, 20 [nachdem gezeigt worden, daß die den Christen 
gemachten Vorwürfe auf ihre Ankläger, die Beiden, zurflck&llen] : »habe- 
tis et vos tertium genus etsi non de tertio ritu, attamen de tertio 
sexu. illud aptius de viro et femina viris et feminis iunctum." 



Männern heranwachsen, noch Weiber nehmen, noch Kinder haben, noch mit 
den Dingen des Lebens sich irgendwie befassen, sondern sich vielmehr von 
hier in aller Eile fortmachen, ohne Nachkommen zu hinterlassen, damit diese 
Art (t6 xoiwtoy yhog) auf Erden gänzlich ausgerottet werde." Die Keichs- 
und Eaiserfeindschaft sowie die wirtschaftliche Imfruchtbarkeit waren stehende 
Vorwürfe gegen die Christen, denen die Apologeten (besonders Tertullian) 
entgegenzutreten sich bemühten. Celsus sucht den Christen zu zeigen, daß 
sie den Ast abzusägen suchen, auf welchem doch auch sie sitzen (vlll, 68): 
„Bandelten alle wie du, so wäre der Kaiser (ßaodevg) bald allein und ver- 
einsamt, so würden die Dinge auf Erden in kurzem in die Bände der wil- 
desten und abscheuliebsten Barbaren geraten, und um den Ruhm deiner 
€k>ttesverehrung und um den der wahren Weisheit unter den Menschen wäre 
es geschehen.** Da unter allen Reli^onsbekennem fast allein die Christen 
für reichsfeindlich galten, so wurden sie bekanntlich vom Pöbel für die großen 
Kalamitäten verantwortlich gemacht. Die Stellen bei Tertullian sind bekannt; 
vgl. aber auch die parallelen Ausführungen bei Origenes, in Matth. comment. 
ser. 39. Auch von hier aus erschienen me Christen als eine Gruppe für sich. 
Maximinus Daza spricht in seinem Reskript an Sabinus (Euseb., h. e. IX, 9) 
von dem „i&vog" t<5v Kgioxiavöüv. Daß es den Christen gelungen ist, die 
verschiedenen Völker zu einer relativen Einheit durch ihre Gesetze zu ver- 
binden, sagt das Edikt des Galerius widerwillig (bei Euseb., h. e. VIII, 17, 7): 
tocav-nj atnoifg nXsovs^la xaxeaxrixti xal Svota xateiXi^tpsi , d>g fitf isiso^i xoXg 
{mo Tc5v ndXai xatadeix^sToiv . . . dXXä xarä xrjv avrciv ngö^sotv xal <bg ixaaxog 
ißovXeto, o^(og iavrotg xai vöfiovg sioirjaai xal xovxovg staQafpvlarxsiv xai kv 
StaqfÖQOig 6id<poQa nXri^ owdystv. 



Digitized by 



Google 



Die Beurteil, der Christen als drittes Geschlecht seit, ihrer Gegner. 231 

Dazn eine Stelle aus der Schrift Scorpiace (c. 10: Anrede an die 
martyriumsscheuen Häretiker): »Illic constitues et synagogas Judaeorum, 
fontes persecutionum, apud quas apostoli flagella perpessi sunt, et populos 
nationum cum suo quidem circo, ubi facile conclamant: ,Ü8que quo 
genus tertium*?" 

Aus diesen Stellen geht folgendes hervor: 

(1) Die Bezeichnung der Christen als .genus tertium' seitens der Heiden 
war um das Jahr 200 in Carthago ganz geläufig; selbst im Zirkus wurde 
gerufen: ,üsque quo genus tertium?** 

(2) Die Bezeichnung bezog sich ausschließlich auf die Art der Gottes- 
Vorstellung und die Gk)ttesverehrung: als »genus primum" galten Griechen, 
Römer und alle flbrigen YGlker, sofern sie gegenseitig ihre Götter anerkennen^ 
bezw. auch fremden Göttern Ehre erweisen, und Opfer und Bilder haben und 
sich dem Kaiserkultus unterwerfen; das .genus alterum** waren die Juden 
(Nationalgott, Exklusivität, Bildlosigkeit, aber Opfer) ^; das ,genus tertium** 
bildeten die Christen (geistiger Gott, Bildlosigkeit, keine Opfer, „contemnere 
deos* wie die Juden)*. 

(8) Wenn Tertullian so spricht, als könne sich die ganze Unterscheidung 
auf die zeitliche Aufeinanderfolge der Völker beziehen, so ist das nur pole- 
mische Dialektik; auch mit der Jungfräulichkeit der Christen oder umgekehrt 
mit den ihnen zur Last gelegten geschlechtlichen Ausschweifungen hat die 
Bezeichnung „tertium genus" nichts zu tun*. 

Das was sich hier ergeben hat *, ist von hoher Bedeutung fOr den Ein- 

*) Cf. ad nat. I, 8. 

•) Vgl. den runden Satz ad nat. I, 8: „de super stitione tertium genus 
deputamur, non de natione, ut sint Romani, Judae\, dehinc Christiani"; dazn 
1,20: „tertium genus [dicimur] de ritu*". Daß sich Tertullian in dieser Deu- 
tung der Bezeichnung geirrt haben sollte , scheint mir ganz ausgeschlossen 
zu sein. 

*) Stellen lassen sich wohl nachweisen, in denen die Jungfräulichkeit 
(Geschlechtslosigkeit) oder die widernatürliche Unzucht als „genus tertium" 
oder Überhaupt als „genus" aufj^efaßt wird (Tertull., de virg. vel. 7: „Si caput 
mulieris vir est, utique et virgmis, de qua nt mulier illa ^uae nupsit, nisi si 
virgo tertium genus est monstruosum aliquod sui capitis"); ct. I.e. c. 5: 
das weibliche Geschlecht als „genus secundi hominis'; Pseudocypr., de 
pudicit. 7: „virginitas neutrius est sexus"; Clemens Alex., Paedag. 11, 10, 85: 
ovdk yoQ aiioXa ix^i ilj üaiva äfia äft<po>f äggevog xai ^hog, xa&mq vjtedi^q>aai 
uveg, iQfiawgoShovg teQOToXoYobvTes xai rgirrfv tavrtjy fiBta^v ^tfleias xal 
äggevog av6Q6yvvov xaivotofiovvtsg fpvaiv, cf. andererseits 1. c. 1,4, 11: 
es gibt ein Drittes, Gemeinsames über den beiden Geschlechtem, das Mensch- 
sein und der Eindesstand; Lampridius, Alexander Sev. 23: „Idem tertium 
genus hominum ennuchos esse dicebat"; aber diese Stellen gehören offenbar 
nicht hierher. 

*) Merkwürdig ist, daß Tertullian die Charakteristik „tertium genus" 
für die Christen überhaupt nur als heidnische Bezeichnung zu kennen scheint 
und nicht auch als christliche. Aber selbst wenn er es verschwiege, daß 
auch die Christen selbst ihre Reli^on „die dritte Art" nennen, so müßte 
man doch annehmen, daß die Bezeichnung spontan sowohl bei den Christen 
als bei ihrem Gegnern entstanden ist; denn es ist nicht wahrscheinlich, wenn 
auch nicht unmöglich, daß diese sie der christlichen Literatur entnommen 
haben. (Es müßte denn sein, daß Fronto in einer verlorenen Schrift gegen 
die Christen von dem „genus tertium", das er in christlichen Schriften fand, 

E olemischen Gebrauch gemacht hat und durch ihn der terminus in weitere 
eidnische Kreise gekommeur ist. Aber gerade bei Minucius findet er sich 
nicht). Ich erinnere noch einmal an die chronologische Aufeinanderfolge der 



Digitized by 



Google 



232 Die Missionspredigt in Wort und Tat 

dmck, den das Christentum (und das Judentum) ' auf die Heiden weit gemacht 
hat. Die Christen selbst haben bereits am Anfang des 2. Jahrhunderts ihre 
Gottesverehrung als «die dritte Weise* bezeichnet (s. oben das aus der 
Praedicatio Petri gewonnene Zeugnis) und um das Jahr 240 rund erklärt: 
«Wir sind das dritte Geschlecht der Menschen* (s. das Zeugnis der Schrift 
de pascha computus*) — nun hat sich gezeigt, daß die Heiden ihrerseits 
diese Betrachtung aufgenommen haben, auch sie haben (und zwar schon vor 
200)' die Juden als das zweite und die Christen als das dritte Geschlecht 
bezeichnet, und zwar aus demselben Grunde wie die Christen selbst: um der 
Art der Religion willen. 

Das ist erstaunlich! Man ist doch nicht darauf gefaßt, daß sich für 
das römisch - griechische Bewußtsein die Juden so stark von den übrigen 
Völkern und die Chiisten von beiden abhoben, daß sie sich als selbständige 
„genera* darstellten und in einer runden Formel so bezeichnet wurden. Eine 
größere Anerkennung konnten diese wie jene nicht erwarten^, so wenig die 
Unterscheidung als Anerkennung gemeint war. 

Eine Beloäftigung, daß die Trias, .Römer usw., Juden, Christen", wirklich 
den Gegnern der Christen stets vorschwebte, bieten die Streitschriften gegen 
die Christen. Soweit wir solche kennen, befolgen sie sämtlich das Schema: 
die Juden stechen bereits von allen anderen Völkern und Religionen ab und 
bilden, nachdem sie die Ägypter verlassen haben, eine häßliche Gattung fftr 
sich ; von diesen Juden haben sich nun die Christen getrennt, das Schlinmiste 

Erscheinungen: am Anfang des 2. Jahrhunderts nennt ein Christ (der Ver- 
fasser der Praedicatio Petn) die christliche Gottes Verehrung .die dritte Art*, 
im J. 197 sagt Tertullian: .tertium genus dicimur*; im J. 242/3 schreibt ein 
römischer oder africanischer Christ (Pseudocyprian) : .tertium genus sumus*. 

^) Auch das Judentum; denn wir konnten oben nicht ganz sicher fest- 
stellen, daß eine Formel geläufig war, welche die Juden von allen anderen 
Völkern in bezug auf ihre Gottesvorstellung und Gottesverehrung unterschied. 
Nun sehen wir es klar: Die Juden galten m dieser Beziehung als eine Größe 
fSr sich, als das .genus alterum*. 

*) Daß wir oben richtig vermutet haben, daß dem dritten Geschlecht 
gegenüber fQr Pseudoc^rian die Römer usw. das erste Geschlecht sind und 
die Juden das zweite, ist nun klar. 

*) Wie lange vorher, wissen wir nicht — am Ende des 2. Jahrhunderts 
war jedenfalls die Bezeichnung in Carthago geläufig. Man kann daher schwer- 
lich daraus ein Argument ffe^en die Echtheit der Epistula Hadriani ad Ser- 
vianum (s.o.) entnehmen, daß sich hier die Dreiteilung findet: .hunc [num- 
mum] Christiani, hunc Judaei, hunc omnes venerantur et gentes*. Aber 
die Bezeichnung der Römer, Griechen usw. als .gentes* ist allerdings sehr 
bedenklich und verrät, wenn ich nicht irre, eine christliche Feder. 

*) Durch Varro, das Genie der Klassifikation, war man zunächst in den 
literarischen Kreisen daran gewöhnt worden, auch die Götter und die Reli- 
fifionen einzuteilen. Es mag sein, daß unter der Einwirkung seiner Schriften 
(mit denen sich auch Teixullian in seinen Traktaten ad nationes viel zu 
schaffen macht) zuerst bei den Gelehrten die Unterscheidung des Judentums 
und des Christentums als ,.zweite und dritte Weise* aufkam und daß sie 
dann allmählich ins Volk gedrungen ist. Daß die bei den Ägyptern (s. o.) 
geläufige, ffanz andersartige Unterscheidung von den drei yinj (Ägypter, 
Griechen, Juden) auf die neue Klassifikation von Einfluß gewesen ist, ist 
völlig unwahrscheinlich. Einmal geschaffen, mußte jene mit eigener Logik 
weiter wirken und Judentum und Christentum in ein Licht setzen, welches 
ursprünglich gewiß nicht beabsichtigt war: die drei Ringe, die drei mög- 
lichen Keligionen! Merkwürdig, daß Tertullian im gleichzeitig geschriebenen 
Apologeticus nichts von dem ^genus tertium* sagt. War ihm die Sache den 
Statthaltern gegenüber nicht bedeutend genug? 



Digitized by 



Google 



Die Beurteil, der Christen als drittes Geschlecht seit ihrer Gregner. 233 

des Judentums beibehaltend und Widerlicheres und Abstoßenderes hinzu- 
fügend. So sind Celsus, Porphyrius und Julian in ihren Werken gegen die 
Christen verfahren. Celsus spricht von dem yivog der Juden und Christen, 
stellt beide yivt] in den schärfsten Gegensatz zu den ttbrigen Völkern, um 
dann zu zeigen, daß sich die Christen, als abgefallene Juden, von diesem 
yivog, das doch wenigstens ein Volk ist, noch zu ihrem Nachteil unter- 
scheiden. Er charakterisiert die Christen (VI 11, 2} als anojBixl^ovxeg iavxovg 
xai iistoQQriyvvmsg dji6 xöv Xoui&v dr^gtoTiayv, dabei ist doch alles bei ihnen 
nur Plagiat vom Plagiat und Kopie von der Kopie; an sich haben sie kein 
neues fid^fia (I, 4; cf. II, 5; IV, 14); nur weil sie von allem das Schlechteste 
zurQckbehalten haben, stellen sie ein solches dar und infolge ihrer Haltung, 
nämlich des ataoidCsiv ngog to 9coiy6vK Porphyrius — er ist wohl der anti- 
christliche Polemiker, den Eusebius in der Praeparatio (I, 2) berücksichtigt* — 
betrachtet zunächst die Christen als etwas Unmögliches, weil sie weder zu 
den Hellenen noch zu den Barbaren gehören wollen und gehören. Dann 
beißt es: xal fiijd' avx<p t<j> jiciqu lavdcuoig Ti/i(Ofiivq} ^8<p xatä tä tioq' axnoXg 
jiQocavixsiy y^fufia, xaivr/v Si xtva xal sQrifAtjv ävodlav iavxotg owxsfisXv firjXB ta 
*EU,ijv(ov fArjxs xä 'lovdaicov qwXdxxavoav. Also auch hier die Dreiteilung. Julian 
endlich (Neumann p. 164) befolgt ebenfalls die Unterscheidung: "EXXrjveg, 
'lovSaXotf raXiXäioi. Die Galiläer sind weder Hellenen noch Juden, sondern 
sind vom Judentum ausgegangen, haben sich aber auch von diesem losgesagt 
und einen Weg für sich eingeschlagen. »Sie haben verworfen, was an schönen 
und bedeutsamen Lehren bei uns Hellenen und bei den auf Moses zurück- 
gehenden Hebräern sich findet, von beiden aber fQr sich abgehoben, was 
diesen Völkern wie ein unheilvoller Dämon sich angeheftet hat, die Gott- 
losigkeit von der Leichtfertigkeit der Juden, ein leichtsinniges und lockeres 
Leben von unserer Sorglosigkeit und Gemeinheit.* 

Man sieht — durchweg werden auf Grund der Religion Hellenen, Juden 
und Christen unterschieden, wenn sich auch die runde Formel «das dritte 
Geschlecht^ nur im Abendland findet. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts 
lernten Kaiser und Reich dieses dritte Geschlecht von Religionsverehrem 
auch als „Volk", als Staat im Staate kennen und fürchten. Das instruktivste 
Zeugnis ist in dieser Hinsicht das, was Cyprian (ep. 55, 9) von Decius be- 
richtet: „multo patientius et tolerabilius audivit levari adversus se aemulum 
principem quam constitui Romae dei sacerdotem**. Das furchtbare Verfolgungs- 
edikt dieses Kaisers ist zunächst die tatsächliche Antwort des Staats auf die 
Ansprüche des „neuen Volks" und auf die politische Betrachtung, welche 
Melito und Origenes empfohlen hatten. Die intensive Stärke der neuen 
Religion tritt sowohl in der Selbstbeurteilung , Neues Volk", «Drittes Ge- 
schlecht" hervor als in dem den Gegnern abgezwungenen Zeugnis, daß hier 
wirklich ein neues genus religionis neben den Religionen der Völker und 
des Judentums in die Erscheinung getreten ist. Für die extensive Stärke 
des Christentums läßt sich hieraus direkt wenig entnehmen; denn jene Be- 
urteilung trat bereits zu einer Zeit hervor, wurde geltend gemacht und an- 
erkannt, als die Christen noch eine numerisch nicht sehr große Gemeinschaft 
waren*. Aber für die Propaganda der christlichen Religion mußte es von 

*) Das xqIxov yhog, von welchem Celsus in ziemlich unklarer Weise 
V, 61 spricht, hat mit dem dritten Geschlecht nichts zu tun, das uns hier 
beschäftigt; denn es handelt sich dort um innerchristliche Unterscheidungen. 

•) y. V. Wilamowitz-Möllendorf in der Zeitschr. f. neutestament- 
liche Wissensch. 1, 2 S. 101 ff. 

*) Ganz unbedeutend können sie übrigens nicht g^ewesen sein; denn 
sonst wäre die Beurteilung unverständlich. Sie müssen doch mit den Juden 
an Zahl bereits rivalisiert haben. 



Digitized by 



Google 



234 ^ie Missionspredigt in Wort und Tat 

höchster Bedeutung sein, daß sie sich so deutlich von allen anderen Reli- 
gionen abhob und so ein hohes Selbstbewußtsein zur Schau trug^ Freilich 
wirkte dies in weiten Kreisen auch abstoßend, aber es war doch ein Zeichen 
von Kraft, und der Kraft fehlt der Erfolg niemals. 



• Achtes Kapitel. 
Die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte. 

Religion des Buchs im eigentlichen Sinn des Worts wie der 
Islam ist xlas Christentum nie gewesen und nie geworden (erst 
in viel späterer Zeit, im strengsten Calvinismus, drohte die kon- 
sequente Ausgestaltung der Religion des Buchs; indessen auch 
hier blieb doch die Glaubensregel das Steuer). Allein das Buch 
d. h. zimächst das Alte Testament übte doch eine Wirkung aus^ 
die das Christentum bis an die Grenze brachte, Religion des Buchs 
zu werden. Paulus, richtig verstanden, wehrte freilich dieser 
Entwicklung, und große Kreise in der Christenheit — Gnostiker 
und Marcioniten — schritten sogar dazu fort, das Alte Testament 
ganz zu verwerfen, bez. es einem anderen Gott, sei es auch einem 
gerechten und vom höchsten Gott abhängigen, zuzuschreiben*; 
aber in der großen Earche lehnte man mit Entrüstung die Ejitik 
der Gnostiker ab, und die komplizierte Stellung des Apostels Paulus 
zu dem Buche verstand man nicht. Es blieb, allegorisch erklärt, 
bei diesen Christen das heilige Buch wie bei den Juden, denen 
man es entreißen wollte. 

Diese Stellung zu dem Alten Testament ist wohl verständlich. 
Welche andere Religionsgemeinschaft konnte ein ähnliches Buch 
aufweisen * ! Wie überwältigend mußte der Eindruck bei Griechen, 
bei gebildeten und ungebildeten, sein und bleiben, nachdem man 
es kennen gelernt hatte! Mochten auch noch so viele Einzel- 
heiten befremdlich oder anstößig sein — das, was belehrte und 



') Schon das Judentum verdankte seine Propaganda zu einem nicht 
geringen Teile seiner Apologetik und innerhalb der Apologetik der Selbst- 
schätzung, die es entwickelte; s. Schür er, Gesch. des Volkes Israel III* 
S. 107 ff. 

*) S. beispielsweise den Brief des Ptolemäus an die Flora und meine 
Abhandlung über ihn in den Sitzungsber. d. E. Pr. Akad. d. Wiss. 1902, 15. Mai. 

*) Beides war von Vorteil, daß es in griechischer Sprache zugänglich 
war, und daß man von dem hinter der Übersetzung liegenden hebrSischen 
Text wußte. Über die Septuaginta s. die Studien von Nestle und Deiß- 
mann, femer vgl. den Aristeasbrief (edid. Wendland, 1900). 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte. 235 

begeisterte, wog sie reichlich auf. Allein schon das hohe Alter, 
und man steigerte es für einzelne Teile um Jahrtausende^, ent- 
schied für seinen imvergänglichen Wert; das aber, was man in 
ihm las, erschien teils als eine Welt von Geheimnissen, teils als 
ein Kompendium der tiefsten Weisheit. Durch den unerschöpflichen 
Reichtum des Stoffs, seine Mannigfaltigkeit, Vielseitigkeit und 
Extensität, erschien es wie ein literarischer Kosmos, eine zweite 
Schöpfung, der Zwilling der ersten^. Das war sogar der stärkste 
Eindruck: daß dieses Buch und das Weltganze zusammengehören 
und dem gleichen Urteil unterliegen, war die verbreitetste Meinung 
unter den Griechen, die von dem Alten Testament berührt waren. 
Mochten sie über das Buch noch so verschieden denken — daß 
es eine Parallelschöpfung zur Welt sei, so groß und umfassend 
wie sie, und daß beide Größen auf einen Urheber zurückgehen, 
erschien auch den meisten Gnostikem und den Marcioniten das 
Sicherste (die Großkirchenleute aber erkannten in diesem Gott den 
höchsten Gott selbst)*. Über welches andere Buch ist jemals in 
der Geschichte von denkenden Menschen ein ähnliches Urteil ge- 
fällt worden*! 

Daß das Buch die Propaganda der Christen mächtig verstärkt 
hat, ist gewiß; vergebens reklamierten die Juden*. Wir besitzen 
aber ein positives Zeugnis dafür, daß das Alte Testament die 
eigentliche Brücke zum Christentum für manchen gewesen ist. 

*) Triumphierend ruft Tertullian in dem Traktat de pallio c. 2 aus: 
«Bei euch geht die Geschichte nur bis zu den Assyriern; wir sind im Besitz 
der Weltgeschichte" (,Ferme apud vos ultra stilus non solet. ab Assyriis, 
si forte, aevi historiae patescunt. qui vero divinas lectitamus, ab ipsius 
mundi natalibus compotes sumus"). 

*) Daher auch die zahlreichen Namen für das Buch, die teils von seinem 
Ursprung, teils von seinem Inhalt (omxriQia YQdfifia%a) genommen sind. 

*) Einige Gnostiker unterschieden — abgesehen vom höchsten Gott — 
den Schöpfergott und den Gott des Alten Testaments. Diese Unterscheidung 
trat überall dort ein, wo man die Natur noch ungünstiger beurteilte als die 
religiöse Kultur, wie sie vor Christus bestanden hat. Die Natur ist grausam 
und tötet, das Gesetz ist relativ sittlich. 

*) Angriffe der Gnostiker und der Heiden fehlten nicht; aber die der 
letzteren müssen im ganzen selten gewesen sein. Wenn sie sich gründlicher 
mit dem Buch beschäftigten, gewannen sie &st alle Respekt. ,Unde scis 
iilos libros (Yeteris Testamenti) unius veri et veracissimi dei spiritu esse 
humano generi ministratos?* (bei Augustin, Confess. VI, 5, 7) ist ein mani- 
chäischer bez. gnostischer Einwurf. 

*) Der Besitz des Buchs wurde ihnen einfach abgesprochen ; ihr Unver- 
ständnis des Buchs beweist, daß es ihnen nicht mehr gehört; ja selbst die 
Meinung wurde laut (ep. Barnabae), daß es ihnen niemals gehört habe und 
daß sie es sich widerrechtlich angeeignet hätten. ,In Judaeorum oleastro 
insiti sumus** (Tertull., de testim. 5 nach Rom. 11) — aber eben damit hat 
der Oleaster sein Existenzrecht verloren. 



Digitized by 



Google 



236 ^^6 Missionspredigt in Wort und Tat. 

Tatian schreibt (Orat. 29): ^Als ich ernstlich das, was frommt, 
erwog, fielen mir einige barbarische Schriften in die Hände, älter 
als die Lehren der Griechen und göttlicher als ihr Irrtum. Diesen 
gelang es^ mich zu überzeugen, und zwar durch ihren 
schlichten Ausdruck und die unstudierte Einfalt ihrer Verfasser, 
durch die leichtfaßliche Darstellung der Weltschöpfiing, durch die 
Vorkenntnis der Zukunft, durch die Vortrefflichkeit ihrer Ver- 
ordnungen und weil sie die alles beherrschende Monarchie Gottes 
lehren. So wurde meine Seele von Gott unterrichtet, und ich 
sah ein, daß die anderen Lehren zur Verdammnis fuhren, diese 
aber die in der Welt herrschende Knechtschaft lösen und uns den 
vielen Gewalthabern und unzähligen Tyrannen entziehen. Nicht 
bringen sie uns etwas, was wir nicht schon empfangen hätten, 
wohl aber etwas, was wir, obgleich wir es empfangen haben, 
durch den Irrtum verloren hatten*.*' 

Dieses Bekenntnis ist besonders ausgezeichnet, sowohl durch 
die Bestimmtheit, mit der es die Bedeutung des Alten Testaments 
für den Übertritt zum Christentum hervorhebt, als durch die Voll- 
ständigkeit und Klarheit der Gründe, die es anfuhrt. Erstlich 
machte die Form des Buchs einen tiefen Eindruck; es ist charak- 
teristisch für den Griechen Tatian, obschon er kein Grieche mehr 
sein will, daß die Form das Erste ist, was er hervorhebt. Die 
mächtige Sprache der Propheten und Psalmisten entzückte den 
Mann, der durch die Rhetoren- und Philosophenschulen gegangen 
war. Kraft gepaart mit Einfachheit — das war es, was ihm das 
Buch so ganz anders erscheinen ließ als jene Traktate und un- 
geheuren Rollen, in denen sich die Autoren mühsam abquälten, 
über die höchsten Fragen ins Klare zu kommen. Das Zweite, 
was der Apologet nennt, ist der Schöpfimgsbericht der Genesis. 
Auch das ist bedeutsam und wohlverständlich: alle griechischen 
Religionsphilosophen sind Kosmologen; hier war ein durchsichtiger 
und faßlicher Schöpfungsbericht gegeben. Er schien nicht wie 
Philosophie, und er schien auch nicht gewöhnlicher Mythus zu 
sein; es war eine ganz neue Gattung, zwischen und über beiden. 
Das kann nur Gott selbst gelehrt haben! Das Dritte, was Tatian 
imponiert hat, waren die Weissagungen des Buchs : ein Blick auf 



') S. auch Justin, Dial. c. Tryph. 7 f.: 'Eyhovxd xivsg jiqo noXloü xQ^ou 
jtdvt€Ov xovxwv x(av vofti^oftivcov tpiioaöqxov naXaioxsQOi, fuucaQtoi xai dixcuot xod 
^eoipiXslg, ^elq> jzvevfiaxi Icdtjoarxeg xal xä fieXXorxa ^eanlaavxeg , ä Srj vvr yivt- 
xai' TfQoqpi^xag dk avxovg xcdovaiv' o^xoi fjiöroi x6 dXrj^kg xai sldoy xai i^sutov 
avdQ(03toig, ftrjx'' evXaßtj^hxsg firixe dvacojtij^Svxeg xtra .... &kXa fiova xavxa 
sln6vxsg ä rjxovoav xai ä eldov äyiq) nhiQco^hxtg jtvevfmxi. ovyydftfMLxa ds avx&r 
hl xai yvv biafiivBi xxX, . . . 'Efiov de JtaQaxQ^fML jivq iv xfj fpvxfj ävriqr^ xai 
igayg sixe fis x&v siQoqnjx&v xai x&v dvÖQCJy ixsivotr, ot tloi Xqioxov (plhn. 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Buchs und der erfüllten Qeschichte. 237 

die altchristlichen Schriftsteller, besonders die Apologeten, zeigt, 
welche Rolle der Weissagungsbeweis gespielt, ja wie er alles 
beherrscht hat; nur vermittelst des Alten Testaments konnte man 
ihn fuhren. Das vierte Stück sind die Sittengebote; Tatian hat 
hier sicherlich in erster Linie an den Dekalog gedacht, der ja 
auch solchen Gnostikem, die sich kritisch zum Ganzen des Buchs 
verhielten, nur der Vollendung zu bedürfen schien, den sie also 
aus dem Übrigen hervorhoben ^ Der Dekalog hat den Heiden- 
christen stets als der Inbegrifif der Moral gegolten, der nur durch 
die Sprüche der Bergpredigt zu vertiefen sei 2. Das fünfte Stück 
endlich, welches der Apologet nennt, ist der strenge Monotheismus, 
der dem ganzen Buch das Gepräge gibt. 

Damit sind in der Tat die Elemente genannt, die an dem 
Buch besonders wichtig erschienen und es zur göttlichen Urkunde 
stempelten. Überschaut man aber, welche Dienste es der christ- 
lichen Kirche in den zwei ersten Jahrhunderten geleistet hat, so 
ist folgendes festzustellen: 

(1) Man entnahm dem Alten Testament die monotheistische 
Kosmologie und Naturbetrachtung. Die Evangelien und die pauli- 
nischen Briefe setzen sie einfach voraus, aber legen sie nicht 
ausführlich dar; in den alttestamentlichen Büchern aber fand man, 
was man brauchte, zahllose Stellen, welche den Monotheismus 
verkündigen und einschärfen und den Polytheismus bedräuen, so- 
dann viele Stellen, welche Gott als den Schöpfer Himmels und 
der Erde preisen und seine Schöpfung schildern. 

(2) Man erwies aus dem Buch, daß die Erscheinung und die 
ganze Geschichte Jesu bereits vor Jahrhunderten, ja vor Jahr- 
tausenden vorausverkündet, femer daß die Stiftung des neuen 
Volkes, welches sich aus allen Nationen bilden würde*, von An- 
beginn geweissagt und vorbereitet worden sei (s. o. 8. 206 ff.) *. Die 
eigene Religion erschien auf Grund dieses Buchs als die Religion 

*) S. den Brief des Ptolemäus an die Flora. 

*) Vgl. die „Apostellehre**. 

•) Die Meinung, die jüdischen Proselyten seien dieses neue Volk — ein 
naheliegender Einwand — , wird von den Apologeten widerlegt. Nur die 
Christen haben Anhänger ex navtos yevovg dvdQ<ojt<ov. 

*) Man vergleiche, um nur eine Stelle anzuführen, die Praedic Petri 
(bei Clemens, StrouL VI, 15): 'HftsTg dvoutrv^avzes ' ras ßißXovg äg eixofAev t&v 
xQixpijtcär, & fitv 6ia nagaßoX&Vf S. de di* alvtyfiaxtov, & de av^evtixfog xal avro- 
Xe$el XQV XQimov 'Itjaovv dvofia^ortoDv, evQOf^ev xai t^v jictgovoiav avrov xcd tav 
^vaxcv xcd %cv axavQdy xai rag Xouiäg xokdoeig ndoag, ^kmg ijtoltjoav avt^ ol 
'lovöaiöi, xai Tiyv fyegc^y xcu tr^v elg ovgavovg dvdXijtptv ngd tov legoadXvfia 
XQi^^vai, xa:&wg lyiyQa:nto xavta Jtdyxa & idei avrov na&eiv xai (xex' avrov & 
iatcu' xavta <Ajv hiiyvdvxeg htiaxsvaafiev x^ ^e^ diä xSuv yeyQafifiivaiv eig a^dv^ 
Also auch dieser Schriftsteller erkl&rt, daß er auf das Alte Testament hin 



Digitized by 



Google 



238 Die Missioiwpredigt in Wort und Tat 

der erfüllten Geschichte; was ausstand, konnte nur noch eine 
Spanne sein, und auch hier wird sich alles so erfüllen, wie es 
geweissagt worden ist; dafür bietet das, was sich bereits erfüllt 
hat, die sichere Gewähr. Mit Hilfe des Alten Testaments datier- 
ten die christlichen Lehrer ihre Religion bis zum Anfang der 
Dinge hinauf und verbanden sie mit der Schöpfung. Das wurde 
eines der eindrucksvollsten Stücke der Misssionspredigt für Ge- 
bildetere. Das Christentum erhielt dadurch einen Halt, wie ihn 
auBer dem Judentum keine andere Religion hatte. Aber man 
muB sich eben deshalb hüten, das Alte Testament im Sinne dieser 
Christen lediglich als Weissagung, dem die Erfüllung noch fehle, 
aufzufassen. Es ist allerdings das Buch der Weissagungen, aber 
eben deshalb lehrhaft bereits die vollständige Offenbarung 
Gottes, die irgend welcher Zusätze nicht bedarf und nachträgliche 
Änderungen ausschließt. Die geschichtliche Erfüllung — ^Lex 
radix evangeliorum'', TertuU., Scorp. 2 — erweist nur vor aller 
Welt die Wahrheit jener Offenbarungen. So stellte man denn 
auch aus dem Alten Testament das ganze Evangelium zusammen. 
Handbücher dieser Art müssen in verschiedenen, aber ähnlichen 
Rezensionen verbreitet gewesen sein. 

(3) Man belegte in steigendem Maße Grundsätze und Ein- 
richtungen der christlichen Gemeinde (nicht nur die bildlose geistige 
Gottesverehrung, die Aufhebung der zeremonialgesetzlichen Vor- 
schriften, die Taufe und das Abendmahl, sondern, wenn auch 
zögernd, das christliche Priestertum, den Episkopat und die neuen 
kultischen Einrichtungen) aus dem Alten Testament. 

(4) Man benutzte das Buch zum Zweck der Paränese, indem 
man nach dem Schema a minori ad malus verfuhr: wenn Gott 
dies und jenes damals so und so belohnt und bestraft hat, wie 
viel Größeres haben wir zu erwarten, die wir jetzt in der End- 
zeit stehen und ^die Berufung zur Verheißung^ empfangen haben. 

(5) Man bewies aus dem Alten Testament (aus den Schelt- 
reden der Propheten), daß das Judenvolk einen Bund mit Gott 
nicht mehr besitze oder überhaupt nie besessen habe (s. o. S. 58 ff.), 
und daß sein Untergang als Volk geweissagt sei^. 

an Gott, den Vater Jesu Christi, gläubig geworden ist. Tertull., ApoL 46: 
„Ostendimus totum statum nostrum, et quibus modis probare possimus ita 
esse sicut ostendimus, ex fide scilicet et antiquitate divinarum 
litterarum, item ex confessione spiritualium potestatum** [d. h. dem Zeugnis, 
das die von ims vertriebenen Dämonen ablegen mflssen]. Dies sind also die 
beiden entscheidenden Beweise. 

^) Wie eindrucksvoll war das Argument: da seht ihr es, das jüdische 
Volk ist zerstreut, der Tempel ist zerstört, die Opfer haben aufgehört, die 
Fürsten aus dem Stamme Juda fehlen! Man vergleiche, in welchem Umfange 
Eusebius in seiner Eirchengeschichte von diesen Tatsachen Gebrauch macht. 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte. 239 

(6) Man erbaute sich an dem Alten Testament, an den 
Sprüchen des Gottesvertrauens und der Gotteshilfe, der Demut und 
des heiligen Mutes, an seinen Heldengestalten und seinen Pro- 
pheten, vor allem an seinen Psalmengesängen. 

Das hier kurz Zusammengefaßte genügt, um die Bedeutung, 
die das Buch für die alte Christenheit und seine Mission hatte, 
zu erkennen ^. Immer aber ist dabei vorausgesetzt, daß ein großer 
Teil des Inhalts des Buchs allegorisiert, d. h. kritisiert und um- 
gedeutet wurde. Ohne solche Umdeutungen war sehr vieles in 
dem Buch für die Christen unannehmbar. Wer sie also nicht an- 



') Eine gründliche Darstellung der Bedeutung und des Gebrauchs des 
Alten Testaments in der alten Kirche besitzen wir noch immer nicht. Wie 
eine solche anzulegen und durchzuführen sei, hat Wrede in seinen ^Unter- 
suchungen zum ersten Clemensbrief" (1891) gezeigt. Die Zusammenfassung 
(8. 75 f.) stimmt mit der von uns gegebenen überein: „Die Schriftbenutzung 
des Clemens ruht ganz auf der gemeinchristlichen Voraussetzung, daß das 
Alte Testament das eine, von Gott den Christen, ja gerade und eigentlich 
den Christen gegebene heilige Buch ist, dessen Worte absolute Autorität 
beanspruchen können und das erste und bedeutendste Fundament aller christ- 
lichen jtaQodootg bilden. Es würde eine historisch ganz ungenügende Be- 
zeichnung der Sache sein, wollte man sagen, daß das Alte Testament — 
ganz oder teilweise — noch itlr den Christen in Geltung stehe, als ob der 
Anerkennung erst irgendeine Reflexion vorangegangen wäre, und als ob nicht 
der Besitz des wunderbaren und unfehlbaren Buches in den Augen der 
Christen einer der einleuchtendsten und empfehlendsten Vorzüge der neuen 
Religion gewesen wäre. Gar nicht kräftig genug kann man sich mit der 
Vorstellung durchdringen, daß damals jedwede Ahnung fehlte, daß sich einst 
die Bildung einer zweiten heiligen Schrift neben, ja Über der ersten voll- 
ziehen werde. '^ — Im Gottesdienst wurde regelmäßig aus dem Alten Testa- 
ment vorgelesen, und seine Kenntnis wurde außerdem noch durch die kurzen 
Chrestomathien und durch Schriften wie Cyprians „Testimonia* vermittelt. 
Private Schriftlektüre hat nicht gefehlt, wie die Akten der Märtyrer von 
Scili, mehrere Stellen bei TertuUian und Origenes und andere Zeugnisse 
beweisen. Origenes, Hom. II in Num. (t. 10 p. 19), meint, daß ein bis zwei 
Stunden Schriftlektüre und Gebet für jeden Christen das kaum ausreichende 
Minimum seien; Hom. in Levit. IX, 7 bezeichnet er als „nutrimenta spiritus' 
die „divina lectio, orationes assiduae et sermo doctrinae''. In Pseudoclemens, 
de virginit 1, 10 ist von der Schriftlektüre in kleinen Erbauungsversamm- 
lungen in den Häusern die Rede. Justin nimmt in der Apologie an, daß 
das A. T. leicht zugänglich sei und die Kaiser sich dasselbe daher leicht 
verschaffen könnten. Besonders instruktiv aber ist, was von Famphilus in 
Cäsarea (Hieron., ad v. Rufin. I, 9) erzählt wird: „Scripturas sanctas non ad 
legendum tantum, sed et ad habendum tribuebat promptissime, nee solum 
viris sed et feminis, quas vidisset lectioni deditas. unde et multos Codices 
praeparabat, ut cum necessitas poposcisset, volentibus largiretur.* Auch 
durch Vorlesen (in kleineren Zirkeln oder öffentlich) verbreitete sich die 
Kenntnis der h. Schriften, s. Pseudoclemens, de virginit. II, 6. Doch wird 
Augustin mit seiner Klage (Confess. VI, 11, 18) nicht allein geblieben sein: 
„Obi ipsos Codices [seil, der h. Schriften] quaerimus? unde aut quomodo com- 
paramus? a quibus sumimus?" 



Digitized by 



Google 



240 I^i© Missionspredigt in Wort und Tat. 

erkennen wollte, der mußte das Buch ganz oder teilweise ver- 
werfend 

Nachdem das Neue Testament geschafiPen war — die größte 
und selbständigste Leistung der ältesten Kirche, durch die sie ihren 
Glauben als neue Religion legitimiert hat — , trat das Alte auf 
einigen Linien zurück, aber doch nur auf wenigen; denn es liegt 
auf der Hand, daß jenes Buch die Dienste an Hauptpunkten nicht 
zu übernehmen vermochte, welche dieses leistete. Für die Dar- 

^) Daß der Buchstabe in vielen Fällen unannehmbar sei, hat Origenes 
— vor ihm schon Bamabtts — mit aller Bestimmtheit ausgesprochen; man 
vgl. z.B. Hom. VII, 5 in Levit (t. 9 p. 306 f.): „Si adsideamus iiterae, et 
seeundum hoc vel quod ludaeis vel id quod vnlgo videtur accipiamus, quae 
in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri, quia tales leges dederit 
deus. videbuntur enim magis elegantes et rationabiles hominum leges, verbi 
gratia vel Romanorum vel Atheniensium vel Lacedaemoniorum. si vero seeun- 
dum hanc intelligentiam, quam docet ecclesia, accipiatur dei lex, tunc plane 
omnes humanas supereminet leges et veri dei lex esse creditur.* Es wird 
nicht überflüssig sein daran zu erinnern, daß jeder für autoritativ, zumal für 
göttlich -autoritativ erklärte Text die allegorisch^ Auslegung fordert; denn 
die, welche seine Autorität erkannten oder schufen, verbanden in der Regel 
dabei schon ganz andre Vorstellungen in bezug auf den Inhalt des Textes, 
als dieser bei der historischen Erklärung darbot. Eben für jene Vor- 
stellungen aber verlaugten und schufen sie die Autorität. Das 
Hohe Lied z. B. erotisch verstehen und dann doch die Autorität eines heiligen 
Textes aufrechterhalten, ist der Gipfel des Widersinns, und erst dies wird 
zur unerträglichen Last. Aber selbst mit einem Buch wie der Qenesis steht 
es nicht anders. Die, welche dieses Buch kanonisiert haben, haben nicht 
einen jämmerlichen Jakob usw. kanonisieren wollen, sondern sie hatten sich 
bereits alles zurechtgelegt und durch allegorische Umdeutungen alles An- 
stößige weggeräumt. Ja in diesem Falle kann man sogar fragen, ob nicht 
schon der letzte Redaktor sich durch allegorische Auslegungen alles geglättet 
hat, so daß nur die Quellen des Buchs „historisch" erklärt werden dürfen, 
während das Buch selbst bereits (ganz abgesehen von seiner Kanonisierung) 
eine allegorische Auslegung verlangt — welche, das müßte aus der Zeit 
eben dieser letzten Redaktion festgestellt werden. Ist aber ein Text für 
göttlich -autoritativ erklärt, so braucht man überhaupt nicht mehr ängstlich 
zu fragen, wie ihn die, welche ihn kanonisiei*ten, allegorisiert haben; denn 
indem sie ihn für göttlich -inspiriert erklärten, boten .sie ihn den Gläubigen 
dar mit der stillschweigenden Anweisung: .Lest ihn so, daß ihr die höchste 
Erbauung aus ihm schöpft; dann lest ihr ihn recht. '^ Es muß nur irgend- 
eine Brücke -^ sei es auch die schmälste und willkürlichste — vorhanden 
sein zwischen dem Buchstaben des Textes und den hohen Gedanken, die man 
an ihn anschließt. Sobald sie da ist, ist alles in Ordnung, und die Gedanken 
dürfen als die Gedanken des Textes gelten. Im Grunde und mutatis mutandis 
ist es mit menschlichen Gesetzbüchern nicht anders. Sie verlangen alle neben 
der historischen Erklärung (im Sinne ihres Gesetzgebers) eine »allegorische" 
Erklärung, d. h. sie lassen nicht nur zu, sondern fordern es, daß jede Er- 
klärung als zu Recht bestehend anerkannt wird, die mit dem Wortlaut des 
Buchstabens — sei es auch in gewagtester Weise — grade noch verbunden 
werden kann. 



Digitized by 



Google 



Die Religion des Buchs und der erftülten Geschichte. 241 

Stellung der christlichen Sittlichkeit waren allerdings von Anfang 
an die Sprüche Jesu die Hauptquelle gewesen, der gegenüber das 
Alte Testament zurücktreten muBte; aber sonst behauptete dieses 
seine Stellung. Nur in der Theorie trat ein leiser Umschwung 
ein. Der Kampf mit dem Gnostizismus und die in und mit dem- 
selben erfolgte Schöpfung des Neuen Testaments hat es den groß- 
kirchlichen Theologen klar gemacht, daß eine einfache Identifi- 
zierung des Alten Testaments mit dem Evangelium doch nicht 
unbedenklich sei. Bereits die ältesten altkatholischen Theologen, 
Irenäus und Tertullian, lösen die vollkommene Identifizierung auf 
und kommen der Anschauung des Apostel Paulus wieder näher, 
daß das Alte Testament und der alte Bund eine andere Stufe 
bezeichnen- als der neue. Sie erkennen die höhere Stufe dieses 
Bundes und deshalb auch des Neuen Testamentes an. In der 
Theorie hatte das manche nicht unwichtige Polgen. Man lernte — 
die Gnostiker hatten energisch darauf gedrungen — die spezifische 
Bedeutung der christlichen Religion gegenüber dem Alten Testa- 
ment besser schätzen. Allein in der Praxis, die Benutzung des 
Alten Testaments anlangend, hatte diese Änderung nur geringe 
Folgen. Mochte man auch in der Theorie lehren, daß vieles im 
Alten Testament durch den neuen Bund „demutatum, suppletum, 
impletum, perfectum", ja sogar „expunctum" sei (Tertull., de orat. 1), 
man fuhr doch im 3. Jahrhundert fort, das Alte Testament zu 
allegorisieren und in dieser Gestalt als direkte Erkenntnisquelle 
für die christlichen Wahrheiten zu gebrauchen. Ja man allegori- 
sierte es nicht einmal mehr — jetzt erst und in dem Maße als 
sich die Kirchen mit heiligen Zeremonien aller Art füllten und 
den Priester-, Opfer- und Sakramentsbegriff scharf ausbildeten, 
wurde man unbekümmert und kühn bei der Anwendung des 
Buchstabens alttestamentlicher Zeremonialgebote auf die christ- 
lichen Einrichtungen in Verfassung und Kultus. Indem sich die 
Kirche als Gesetzeskirche etablierte, nahm sie das Alte Testament 
in einer Weise in Anspruch, die Paulus streng gerügt hätte, und 
kehrte zu dem Gesetz zurück, dabei noch immer auf die Juden 
scheltend und ihre Gesetzesbeobachtung für etwas Unerlaubtes 
erklärend. In der Dogmatik wurde man freier vom Alten Testa- 
ment, als man im 2. Jahrhundert gewesen war — die christologischen 
Probleme traten in den Vordergrund, und die theologischen Inter- 
essen rückten von dem ^e6g und l6yog zu den trinitarischen und 
christologischen Problemen sowie zu christozentrischen Mysterien 
hinüber — , aber in der Kirchenpraxis begründete man unbe- 
künmierter als es die Vorfahren getan hatten das, was man nötig 
zu haben glaubte, mit Hilfe des Alten Testaments; denn das 
Neue Testament bot für solche Zwecke wenig. 

Harnack, Mission. 9. Aufl. \Q 



Digitized by 



Google 



242 I^ie Missionspredigt in Wort und Tat 

Das Neue Testament als Ganzes hat überhaupt in der Mission 
und in der Eirchenpraxis nicht die Rolle gespielt wie das Alte 
Testament. Zwar die Evangelien traten diesem ebenbürtig zur 
Seite, ja überstrahlten es: hier schimmerten und leuchteten die 
Worte Christi, und hier war sein Tod und seine Auferstehung 
erzählt. Aber die Briefe haben nie die Bedeutung dieser Schriften 
erlangt, zumal da viele Ausführungen in ihnen, namentlich in den 
paulinischen, die Kirchenväter in schwere Verlegenheiten — be- 
sonders denGnostikem gegenüber — brachten*. Erst durch Augustin 
ist das paulinische Evangelium im Abendland in den Vordergrund 
getreten; im Morgenland hat es stets im Schatten gestanden. Die 
Johanneische Theologie aber ist fast spurlos an der alten Kirche 
vorübergegangen; nur in einzelnen Fragmenten hat sie gewirkt; 
als Ganzes blieb sie ein verschlossenes Buch, was sich übrigens 
auch von der paulinischen Theologie sagen läßt^. 



Neuntes Kapitel. 
Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 

(1) Krieg gegen den Polytheismus führte die alte Kirche, 
indem sie die ^Dämonen^ bekämpfte (s. o. S. tl3ff.), und indem sie 
gegen die öffentliche Unsittlichkeit zu Felde zog, die mit dem 
Polytheismus zusammenhing (s. o. S. 178 ff.). Aber sie hat sich mit 
diesem Kampf nicht begnügt. Die „stummen Götzen'' wurden 
direkt angegriffen, waren sie doch noch eine Macht, zumal in den 
Kreisen, aus denen sich die Mehrzahl der Christen rekrutierte. 
Uns scheint heute die Polemik gegen die Götter des Olymp, gegen 
die ägyptischen Krokodile und Katzen, gegen die geschnitzten, 

*) Darüber klagt schon der 2. Fetmsbrief , üsd aus dem großen Werke 
des Irenäus erkennt man deutlich, welche Schwierigkeiten die paulinische 
Frädestinationslehre, seine Lehre von Sünde, Freiheit und Gnade u. a. gemacht 
haben. Tertullian hat diese Schwierigkeiten in noch höherem Maße als 
Irenäus empfunden, aber als Montanist sieht er sie jetzt durch Parakleten 
gelöst, 8. z. B. de resurr. 6S: „Dens pristina instrumenta manifestis verborum 
et sensuum luminibus ab omni ambiguitatis obscuritate purgavit* (seil, durch 
die neue Prophetie). 

*) Mit und neben der Bibel, d. h. in erster Linie mit dem A. T. kam 
auch eine beträchtliche Literatur von Apokalypsen und verwandten Schriften 
in die christlichen Gemeinden ; sie enthielten auch Kosmologisches und Philo- 
sophisches. Tertullian, der übrigens vermutet, daß heidnische Philosophen 
von ihr Kenntnis genommen haben, spricht sich (de anima 2) über sie sehr 
abschätzig aus: «Quid autem, si philosophi etiam illa incursaverunt quae 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 243 

gegossenen und gemeißelten Götzenbilder billig und überflüssig 
gewesen zu sein. Es ist auch richtig, daß sie nicht schwer war — 
Philosophen, wie die Stoiker, Skeptiker und Zyniker, und Satiriker, 
wie Lucian, lieferten ein reiches Material; auch waren Intellekt 
und sittlicher Sinn jenem Götterwesen längst entwachsen — , allein 
überflüssig war sie gewiß nicht; sonst hätten nicht alle Apologeten 
von Aristides an bis Amobius an diesem Punkte so ausführlich 
polemisiert, sonst hätte der Märtyrer ApoUonius vor dem Senat 
sich seine lange Polemik erspart, und Tertulliaa, der Rechts- und 
Gewohnheitskundige, hätte in seiner den Präsides eingereichten 
Verteidigungsschrift nicht eine so umfangreiche Widerlegung für 
nötig gehalten. Allerdings sieht man eben aus dieser Widerlegung, 
wie heruntergekommen, man kann fast sagen schäbig, das öffent- 
liche Götter- und Opferwesen bereits war. Auf den Bühnen wurde 
es verspottet; halbtote und wertlose Tiere wurden als Opfer ge- 
bracht ^; die Götzenbilder wurden verunehrt, die Tempel profaniert^. 
Eine Last von Überdruß, Verachtung, Spott und Ekel lag auf dem 
Ganzen. Aber man würde doch sehr irren, wenn man annähme, 
daß dem überall so war. Nicht nur wurde offiziell alles in Gang 
erhalten, sondern es hafteten auch noch zahlreiche Gemüter an 
diesen Einrichtungen und Zeremonien. Die neu einströmenden 
Beligionen frischten die alten Kulte auf, und selbst das Rück- 
ständigste erhielt manchmal neue Bedeutung. Dazu, das öffentliche 
Religionswesen, mochte es nun in Flor stehen oder ganz abgelebt 
sein, war nicht allein maßgebend. In allen Provinzen und in allen 
Städten, in Rom so gut wie in Alexandrien, in Spanien, Asien und 
Ägypten, gab et Haus- und Familiengötzen und häusliche religiöse 
Gebräuche, Superstitionen und Zeremonien aller Art. Bis in die 
Literatur sind sie selten aufgestiegen, aber die Steine und Grab- 
kanmiem und Zauberpapyri haben sie uns näher gebracht. Da 
hatte jede häusliche Funktion ihren Schutzgeist, und jedes Wider- 



penes nos apocryphorum confessione damnantur, certos nihil recipiendum 
quod non conspiret germanae et ipso iam aevo pronatae propheticae para- 
turae, quando et pseudoprophetarum meminerimus et multo prius aposta- 
tarum spirituum etc.* ; cf. de resurr. 63, wo es von den Gnostikern heißt, daß 
sie ,arcana apocryphorum superducunt, blasphemiae fabuias". 

*) TertulL, Apolog. 14: „Auch eure Relig^onsgebr&uche will ich durch- 
gehen. Ich verbreite mich nicht über eure Yerfahrungs weise beim Opfern, 
wie ihr nämlich alles, was abgerackert, hinfällig oder räudig ist, als Opfer 
schlachtet, wie ihr von dem fetten und gesunden Vieh nur das abschneidet, 
was entbehrlich ist, die Köpfe und Klauen, die ihr zu Hause wohl auch 
euren Kindern oder den Hunden bestimmt haben würdet, daß ihr vom Zehnten 
des Hercules nicht einmal den dritten Teil auf seinen Altar legt, usw.** 

*) Tertull., Apol. 42: ,Es schmelzen, klagt ihr, die Tempelsteuem täg- 
lich mehr zusammen; wie wenige zahlen noch ihre Gebühren!" C£. Amob. 1, 24. 

16* 



Digitized by 



Google 



244 ^^ Missionspredigt in Wort und Tat. 

fahrnis stand unter einem dirigierenden Gott. Diese religiöse Welt, 
diese Religion zweiter Ordnung, war überall lebendig und wirksam. 

Die Apologeten begnügten sich in der Regel damit, die ofß- 
zielle Götterwelt zu bekämpfen ^, und zwar taten sie es so, daß sie 
erstlich den sittlichen Geist gegen sie zu erwecken suchten, indem 
sie die Schandtaten der „Götter*' brandmarkten, zweitens die Tor- 
heit und den Unsinn der Götterlehre und Göttergeschichten ans 
Licht stellten, und drittens den Ursprung derselben aufdeckten. 
Sie zeigten, daß die Götzen ein Nichte seien bez. Blendwerke der 
Dämonen, die hinter den toten Puppen lauem und sie eingeführt 
haben, um durch sie die Menschen zu beherrschen, oder sie zeigten, 
dem Euhemerus folgend, daß die vermeintlichen Götter nichte 
anderes als verstorbene Menschen seien*, oder sie wiesen nach, daß 
alles eitel Fabel und Schwindel, nicht selten aber eigensüchtiger 
Priesterbetrug sei. Witz und Ironie, aber auch kraftvollen Abscheu 
haben sie dabei zum Ausdruck gebracht. Man weiß freilich nicht, 
wieviel davon ihr geistiges Eigentum ist; denn, wie bemerkt, die 
stoischen, skeptischen und zynischen Philosophen (auch z. T. die 
epikureischen) waren ihnen hier vorangegangen, und Verspottungen 
der Götter waren so billig wie Brombeeren. Es ist daher auch 
nicht nötig, sie durch Anfahrung einzelner Stellen zu illustrieren. 
Die Durchsicht der wenig umfangreichen Apologie des Aristides 
genügt bereits, um sich ein Bild von dieser Polemik zu verschaffen; 
auch die pseudojustinische Oratio ad Graecos mag man nachlesen, 
vor allem aber die betreffenden Abschnitte in Tertullians Apolo- 
geticus. 

Die Pflicht, sich von aller Befleckung mit dem Polytheismus 
rein zu erhalten, galt als die oberste Christenpflicht, die allen 
anderen voranging. Sie galt als die negative Seite der Bekenntnis- 
p flicht, und es ist mit „der Sünde des Götzendienstes^ in den 
christlichen Gemeinden strenger genommen worden als mit irgend 
einer anderen Sünde'. Daß auch für diese Sünde Vergebung 



^) Jener häusliche Aberglaube schien ihnen wohl zu unbedeutend, oder 
sie rechneten darauf, daß er von selbst dem Sturz des öffentlichen folgen 
werde. Dabei hatten sie sich allerdings verrechnet. — In der Apostel- 
geschichte ist uns eine Szene (aus Ephesus) berichtet, die man hierher ziehen 
kann. Auf die Predigt des Paulus hin bringen Erweckte die Zauberbücher,, 
die sie zu Hause hatten , und verbrennen sie (Act. 19, 19). Die Szene hat 
aber wenige Parallelen in der altchristlichen Literatur. 

*) Doch ist die euhemeristische Erklärung bei den christlichen Lehrern 
weder die älteste noch die verbreitetste. 

*) S. TertulL, de idolol. 1: »Principale crimen generis humani, summus 
saeculi reatus, tota causa iudicii idololatria." Tertullian sucht in dem ersten 
Kapitel dieser Schrift zu zeigen, daß alle Hauptsünden im GrOtzendienst 
stecken, Ehebruch, Mord, usw. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 245 

gespendet werden kann, zu dieser Anerkennung hat sich die 
Kirche sehr schwer und spät entschlossen, erst unter dem Druck 
der furchtbaren Folgen des decianischen Sturmes (also nach dem 
Jahre 250)^. Das ist wohl verständlich; denn die Exklusivität 
war die Bedingung der Existenz der Kirche. Kapitulierte sie an 
irgend einem Punkte mit dem Polythebmus, so war es um ihre 
Eigenart geschehen. So stand es wenigstens bis gegen die Mitte 
des 3. Jahrhunderts. Yon da an konnte sie minder ängstlich sein; 
denn nun war das Kircheninstitut so mächtig gewachsen und Lehre, 
Kultus und Verfassung hatten sich so eigentümlich entwickelt, 
daß sie eine scharf umrissene Größe sui generis blieb, auch wenn 
sie, wissend oder unwissend, dem verkappten Polytheismus ent- 
gegenkam, oder sich nachsichtiger gegen ihn erwies. 

Wie aber die Bekenntnispflicht die Pflicht, sich zimi Bekenntnis 
zu drängen oder gar sich selbst zu denunzieren, nicht einschloßt 
(im Brief der Gemeinde von Smyma an die von Philomelium wird 
sogar ausdrücklich dagegen protestiert, und die montanistbche 
Martyriumssucht ^ wird auch sonst gerügt)^, so schloß der Protest 
gegen den Polytheismus nicht die Verpflichtung ein, aus freien 
Stücken öffentlich gegen ihn zu protestieren. Zwar solche Fälle, 
in denen ein Christ, als Zuschauer vor Gericht stehend, dem 
Konfessor Beifall ausdrückte und nun selbst gefaßt wurde, werden 
lobend erwähnt; der Geist hatte ihn erfeißt. Aber öffentliche 
Schmähungen gegen den Kaiser oder die Götzen wurden in der 
Regel so wenig gebilligt wie Au&uhr, und gar die unprovozierte 
Beschimpfung oder das Herabstürzen der Götzenbilder wurde ge- 
tadelt^. Hin und her muß dergleichen vorgekommen sein; denn 

^) Vorher ist es nur Tertullian in seinem Kampf gegen die kirchliche 
laxe Behandlmig der Fleischessünden aufgedämmert, daß unter Umständen 
eine unter Foltern abgepreßte Verleugnung eine geringere Sünde ist als 
Hurerei und Ehebruch. Bei Cjprian findet sich dann ähnliches. 

*) Selbst die rechtzeitige Flucht war nach Matth. 10 gestattet; die 
Montanisten und Tertullian erlaubten sie nicht; s. die Schrift des letzteren 
„de fuga in persecutione*. Sehr besonnen hat hier Clemens gesprochen; 
8. Strom. IV, 10, 76 u. 77 u. VII, 11 u. 12. 

*) Die Acta Perpetuae erzählen es ohne Tadel, daß sich Saturus frei- 
willig als Christ gemeldet hat; aber diese Akten sind montanistisch. 

*) Etwas anderes war e^, wenn sich die Christen in Scharen zum Tri- 
bunal drängten, um den Richter zu nötigen, entweder alle zu töten oder 
keinen; s. Tertull. ad Scapul. 5: Arrius Antoninus in Asia cum persequeretnr 
instanter, omnes illius civitatis Christiani ante tribunalia eins se manu facta 
obtulerunt. tum iUe paucis duci iussis reliquis ait: ^ dedoi, sl ^ilete dxo- 
^yrjOHtiv, xgrjfivoifg ^ ßo^X^^ iz^'- Ähnlich ist der heidnische Zuruf (Justin, 
Apol. II, 4) : jtavTsg <Äjv iavtovg qpoyevaayxeg jtoQtvea&e tjdrf nagä tov ^eov xal 
^fiTv ngäyfiaxa fArj nagexets» (S. o. Seite 229 ^.) 

') Doch gab es auch einige Christen, die darüber frohlockten ; in einigen, 
freilich späten Martyrien prägt sich das aus. Mit Bei&ll berichtet Eosebius 



Digitized by 



Google 



246 I^e Missionspredigt in Wort und Tat 

im 60. Kanon von Elyira heißt es: ;,Si quis idola fregerit et ibidem 
fuerit occisus, quatenus in evangelio scriptum non est neque inve- 
nietur sub apostolis umquam factum, placuit in numerum eum non 
recipi martyrum." 

(2) Um den Polytheismus wirksam zu bekämpfen, durfte man 
vor den Philosophen, auch vor den angesehensten, nicht Halt 
machen; denn sie alle standen irgendwie' mit dem Götzendienst 
in Verbindung. Aber an diesem Punkte gingen doch die Apolo- 
geten in ihrer Polemik stark auseinander. Daß kein Philosoph 
die Wahrheit rein und ganz gefunden habe, darüber zwar waren 
sie alle einig, femer auch darüber, daß keiner von ihnen imstande 
gewesen ist, das Wahre, was er gefunden hat, sicher zu beweisen, 
allgemein zu verbreiten und zu einer Überzeugimg zu machen, für 
die man in den Tod geht. Aber die einen ließen es bei diesen 
starken Vorbehalten bewenden und freuten sich im übrigen an 
der Übereinstimmung des Christentums mit der Philosophie, lobten 
wohl auch die Philosophen um ihrer sittlichen Absichten und ihrer 
tiefen Gedanken willen, so z. B. Justin; ja die alexandrinischen 
christlichen Lehrer haben sogar in der hellenischen Philosophie 
die Parallelerscheinung zum jüdischen Gesetz erkannt^. Dem 
Plato fand man sich in der Gotteslehre und Metaphysik verwandt, 
der Stoa in der Ethik, und in Philosophen wie Seneca sah man 
partielle Gesinnungsgenossen^, in Socrates einen Heros und Vor- 
läufer der Wahrheit. Allein andere wollten von keinem Philo- 
sophen und keiner Philosophie etwas wissen und meinten der 
Mission des Evangeliums am besten dadurch dienen zu können, 
daß sie jene wie diese gröblich verlästerten. Tatian hat darin 
Unglaubliches geleistet und sich empörender Ungerechtigkeit 
schuldig gemacht; aber Theophilus gibt ihm wenig nach, und auch 
Tertullian, obgleich er doch der Stoa soviel verdankt, kommt dem 
Tatian ziemlich nahe. Diese Apologeten täuschten sich aber, 
wenn sie meinten, durch ihre Verunglimpfungen viel zu erreichen. 
Soviel wir zu urteilen vermögen, hat nicht die Methode jener 
Extremen, sondern die des Justin, Clemens und Origenes auf die 
gebildete griechische Welt Eindruck gemacht. Indessen ist es 
nicht unwahrscheinlich, daß auch jene ihr Publikum hatten. Die 
meisten Menschen denken überhaupt nicht, oder sie denken in den 
rohesten Kontrasten. Auf solche Leute konnten die Schmähreden 



(de mart Palaest. 2) das Vorgehen des Märtyrers Romanus, der, als er in 
Antiochien — die diocletianische Verfolgung war eben angebrochen — einen 
Festzug von Männern, Frauen und Kindern zu den Götzenbildern gehen sah^ 
sie durch laute Warnungen zurückzuhalten suchte. 

^) S. meine Rede „Socrates und die alte Kirche", 1900. 

') TertuU., de anima 20: „Seneca saepe noster." 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus nnd Götzendienst. 247 

Tatians wohl Eindruck machen, und ferner, man kann weder bei 
ihm noch bei TerhiUian verkennen, daß sie ehrlich waren, nicht 
bloße Ealumniatoren.' Wo sie noch irgendwelche Spuren von 
Polytheismus fanden, da empörte sich ihr ganzer sittlicher Sinn, 
da waren sie überzeugt, daß nichts Gutes vorhanden sein könne, 
da glaubten sie jeder Verleumdung, welche eine schlechte Literatur 
ihnen zutrug. Spuren des Polytheismus waren aber bei allen 
Philosophen, auch den sublimsten, immer noch zu finden. Hatte 
doch selbst Socrates in der letzten Stunde die Anordnung getroffen,, 
man solle nach seinem Tode dem Äsculap einen Hahn schlachten. 
Die Ironie dieser Anweisung verstand man nicht; man sah in ihr 
nur eine Anerkennung des Götzendienstes. Also auch Socrates,^ 
der Heros, war zu tadeln! 

Allein ob halbe Freunde, ob erbitterte Gegner der Philosophie 
— die Apologeten standen doch sämtlich auf ihrem Boden, und 
zwar auf dem Boden des Piatonismus. Obgleich sie ihn be- 
kämpften, zogen sie ihn in die Kirche hinein und bauten die 
kirchliche Glaubenslehre nach dem Grundriß des Piatonismus und 
mit seinen Bausteinen (Näheres darüber s. i. d. ^Schlußbetrachtung^ 
dieses Buchs). 

(3) Praktisch von noch größerer Wichtigkeit als der Kampf 
gegen die Götterwelt und den Götzendienst war der Kampf gegen 
die Menschenvergötterung. Dieser Kampf, der seine Spitze 
in der radikalen Verwerfung des Kaiserkultus hatte, bedeutete 
zugleich den entschlossenen Protest gegen die Vermischung 
von Religion und Patriotismus, also gegen jenen Staatskultus, 
in welchem der Staat (seine Repräsentation im Kaiser) selbst 
Gegenstand des Kultus war. Ein Hauptzweck und ein Haupterfolg 
der christlichen Religion ist es gewesen, eine scharfe Grenze zu 
ziehen zwischen der Anbetung Gottes und der Ehrfurcht gegen den 
Staat und seine Leiter. Das Christentum hat die politische 
Religion entwurzelt. 

Der Kaiserkultus ^ hat eine doppelte Gestalt. Er ist in beiden 
keine griechisch-römische, sondern eine orientalische Erscheinung, 
die sich jedoch ohne Schwierigkeit, ja mit Notwendigkeit den 
„caeremoniae religionis Romanae^ einfügte, nachdem das Reich 
kaiserlich geworden war — Kultus der verstorbenen Kaiser und 
Kultus des lebenden Kaisers (Verehrung des Kaiserbildes). Jener 
Kultus hatte von Anfang an seinen Hauptsitz in Rom selbst und 
wurde als der wichtigste Teil der staatlichen Religion in die 
Provinzen getragen; dieser ist in den östlichen Provinzen entstanden. 



Zu der bekannten deutschen Literatur 8.Beurlier, Essai sur le culte 
rendu aux empereurs romains, 1890. 



Digitized by 



Google 



248 IWe Missionspredigt in Wort und Tat. 

ist aber schon im 1. Jahrhundert von Gajus und Domitian rezipiert 
worden und wurde im 2. Jahrhundert (als Verehrung des Eaiser- 
bildes) ganz geläufig. Die Verweigerung beider Kulte fiel sowohl 
unter das Verbrechen des Sacrilegiums wie der Majestas. Die 
Repression des Staats gegen das Christentum ist fast 
ausschließlich an diesem Punkte erfolgt, da der Staat ihm 
die Nachsicht hier nicht gewährte, die er dem Judentum zubilligte. 
Hätten sich die Christen nur gegen den Olymp gekehrt, aber 
einen Kompromiß mit dem Kaiserkultus gefunden, so wären sie 
höchst wahrscheinlich ganz unbehelligt geblieben — Tertullian 
sagt das im Apologeticus (c. 28fiP.) mit dürren Worten. Auch 
sind fast alle Konflikte einzelner Christen mit den Ordnungen des 
Staats im Prozeß auf die Majestas hinausgeführt worden. Was 
der Kaiserkultus positiv für das Reich bedeutete, das hat jüngst 
V. Wilamowitz-Moellendorff eindrucksvoll ausgesprochen ^ 
Die Christen verwarfen den Kaiserkult in jeder Form (bis 
in das Leben des Tages hinein, auch die Schwüre und die 

*) Geschichte der griech. Religion, im Jahrbuch des Freien deutschen 
Hochstifts, 1904, Sonderabdruck S. 28 f.: „Der Gedanke, aus dem heraus 
Augustus die Welt erneute, war die Religion des Poseidonios, der Glaube an 
die Weltvemunfb und die Einheit alles Lebens, an den stoischen Weltgott, 
Vorsehung und Notwendigkeit. Er durfte sich als das Organ, den TrSger 
dieses Weltengesetzes betrachten; er durfte die persönliche Fortdauer seiner 
Seele als den Lohn seiner Milde hoffen: das entspricht genau der poseido- 
nischen Lehre; aus ihr folgt die Berechtigung des Kultus der divi. Es Ter- 
steht niemand die Zeit oder den Mann, der das divi filius als leeres Orna- 
ment oder als Lug betrachtet. Dem Tiberius, der aller Mystik abhold, aber 
dem starren Glauben an die Astrologie ergeben war, lief das freilich wider 
Gefühl und Verstand. Ein Gajus ward durch den Glauben an seine Gött- 
lichkeit zum Narren; als Claudius von seinen Mördern konsekriert ward, war 
dies für die Wissenden eine Farce; aber selbst sie werden den Kaiserkult 
sehr ernst genommen haben. Wieder wie nach Alexander mußte der Kultus 
der Persönlichkeit sich wandeln in den der Institution. Der Kaiser war 
Gott, weil er Kaiser war, nicht Regent der Welt, weil der Gott in ihm zur 
Herrschaft Kraft und Recht besaß. Seine Person war der Trftger der All- 
macht des Reiches; diese machte sich auch dem geringsten und entferntesten 
Untertan fühlbar; ihr persönlicher Träger war für die Millionen so unnahbar 
fem wie ein Weltgott im Hinmiel, viel femer als fOr jeden einzelnen die 
Götter seines Dorfes oder seiner Flur. Und wenn er sich zu der Erkenntnis 
nicht erheben konnte, daß das gesamte Leben im Himmel und auf Erden 
eine Einheit ist: auf Erden war die Einheit von Staat, Kirche, Gesetz und 
Sitte eine Tatsache, und wohl verdiente diese Einheit das Prädikat der Gött- 
lichkeit; war sie göttlich, so war der Kultus ihrer persönlichen Exponenten 
eine unabweisbare religiöse Forderang. So ist denn der Reichskultus, der 
Kaiserkultus, das eigentliche Hauptstück der Religion ; ihn veraeinen ist das- 
selbe wie einst in den kleinen Städterepubliken die Verleugnung der xargtoi 
^eoL Alle anderen Gottheiten, denen staatlicher oder munizipaler Kult zuteil 
wird, ordnen sich dieser Religion ein und unter ; sie haben nur i^och dadurch 
Bedeutung, daß ihr Kult zu dem gehört, was der Staat ordnet. Und wenn 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 249 

Redensarten, die den Kaiser als ein übermenschliches Wesen er- 
scheinen ließen) und rechneten ihn ohne Schwanken zum Götzen- 
dienst. Sie deckten sich dabei gegen den Vorwurf der Respekt- 
losigkeit und Untreue durch den Hinweis auf ihre Gebete für 
den Kaiser und den Staat ^. Diese Gebete sind in der Tat von 
Anfang an eine feste Einrichtung im christlichen Gottesdienst 
gewesen 2, und allgemein bezog man das Wort Christi: „Gebet 
dem Kaiser, was des Kaisers ist^, nicht nur auf den Gehorsam 
und die pünktliche Steuerzahlung, sondern auch auf die Fürbitten. 
Selbst die schärfste Kritik, welche einzelne christliche Lehrer am 
Wesen des römischen Staats und des Kaisertums übten, hat sie 
niemals bestimmt, die Fürbitte zu unterlassen oder von ihr ab- 
zumahnen. Daß der Kaiser als „a deo secundus ante omnes et 
super omnes deos*' bei den Christen galt (Tertull., Apol. 30), wird 
durch zahlreiche Stellen bestätigt, in denen gleich nach Gott der 
Kaiser genannt wird*. In der Tat, die Christen durften sagen, 
daß sie es an Loyalität nicht fehlen ließen in der Theorie und 



die Fortana oder der Silvan oder die Matres Augusti und Augostae werden, 
so hat der Kaiserkult selbst im Westen die alten Götter innerlich aufgesogen. 
Qroßartig genug ist der Inhalt dieses Glaubens; denn alle Gaben der Kultur 
von der Sicherheit des physischen Lebens bis zu den höchsten Genüssen des 
Geistes erscheinen als Gaben der (Gottheit, die in dem Reiche immanent ist 
und zurzeit in dem Kaiser oder seinem Genius oder seiner Tyche Persönlich- 
keit gewinnt. . . . Daher ist es ganz folgerichtig, daß die Verweigerung, dem 
Kaiser zu opfern, Hochverrat ist, und die Christen verweigern es im vollen 
Gefühle, damit der noXixela xov xdofwv abzusagen; sie fQhlen sich ja als 
Bürger eines anderen Reichs. Ebenso folgerichtig ist es, daß sie ä^eoi sind; 
denn mit dem Staatskult negieren sie alle Götter, die eben von Gnaden des 
btaats noch existieren/ 

^) Vgl. die bekannten neutestamentlichen Stellen, die apostolischen 
Väter und die Apologeten (vor allem Tei-t., Apol. c. 28 fPl)« ^^^ Inhalt der 
Fürbitte, wie sie in Carthago lautete, gibt uns Tertullian im Apolog. an 
(c. 39: ,oramu8 etiam pro imperatoribus, pro ministris eorum et potestatibus, 
pro statu saeculi, pro rerum quiete, pro mora finis*. c. 30: „precantes sumus 
semper pro omnibus imperatoribus: vitam illis prolizam, imperium securum, 
domum tutam, exercitus fortes, senatum fidelem, populum probum, orbem 
quietum, quaecumque hominis et Caesaris vota sunt [a deo oramus]"). 

*) Der Ursprung f&Ut in die allerfrfiheste Zeit; wir kennen die ErwÄ- 
gungen nicht, die zu der Einrichtung geführt haben. 

*) Die Hochschätzung des Kaisers als secundi a deo berührt aber die 
Überzeugung nicht (wenigstens bei Tertullian nicht), daß Kaiser niemals 
Christen sein können; s. Apol. 21: „Et Caesares credidissent super Christo, si 
aut Caesares uon essent necessarii saeculo, aut si et Christiani potuissent 
esse Caesarea.' Sechzig Jahre später dachte man im Orient darüber anders. 
Nicht nur erzählte man sich in weiten Ejreisen, Alexander Severus und 
Philippus seien heimliche Christen gewesen, sondern sogar ein so hervor- 
ragender Lehrer wie Dionjsius Alex, glaubt diese Legende und nimmt keinen 
Anstoß an ihr. 



Digitized by 



Google 



250 ^^6 Missionspredigt in Wort und Tat 

in der Praxis. Sie haben es gelehrt und in die Weltgeschichte 
eingeführt, daß die Anbetung der Gottheit und die Ehrerbietung 
gegenüber dem Herrscher etwas ganz Verschiedenes ist, und daft 
Anbetung des Monarchen ein verabscheuungswürdiges und er- 
niedrigendes Verbrechen ist; aber sie haben dabei den Gehorsam 
gegen die Obrigkeit und die Pietät gegen den Kaiser streng 
eingeschärft. 

Die Haltung der Kirche im 3. Jahrhundert hat sich in diesem 
Punkte im allgemeinen nicht verändert ^ : es blieb bei der scharfen 
Ablehnung der Menschenvergötterung in Form des Kaiserkultus; 
aber an einem anderen Punkte drang langsam, aber mit elemen- 
tarer Gewalt die Menschenvergötterung doch ein — bei der Ver- 
ehrung der Apostel und Märtyrer. Schon in den um die Wende 
des 2. zum 3. Jahrhundert geschriebenen apokryphen Apostel- 
geschichten erscheinen die Apostel wie Halbgötter; ja bereits um 
das Jahr 1 60 befurchten die Heiden in Smyma, die Christen würden 
den gemarterten Polycarp göttlich verehren, und spottet Lucian, 
der Schwindler Peregrinus mit seinem billigen Martyrium gelte 
bei ihnen als ein Gott. Befürchtungen und Spott waren damals 
wohl noch unbegründet, aber drei Menschenalter später waren sie 
es nicht mehr, und gegen das Ende des 3. Jahrhunderts gab es 
bereits zahlreiche Kapellen, die Aposteln, Patriarchen und Mär- 
tyrern — auch Erzengeln — geweiht waren*, schlief man mit 
Vorliebe bei den Gräbern der Heiligen und hatte einen Heiligen- 
kultus ausgebildet, der lokal sehr verschieden gestaltet war und 
das bequeme Mittel bot, alte Kulte, die in der Bevölkerung be- 
liebt waren, zu konservieren. Theoretisch ist im 3. Jahrhundert 
die Grenze zwischen der Anbetung Gottes und jenem Nothelfer- 
und Pürbitter-Kultus wohl noch scharf gezogen worden, auch läßt 
sich eine christliche Wurzel dieses Kultus nicht verkennen (die 
Gemeinschaft der Heiligen) — aber praktisch verwischen sich 
erfahrungsgemäß die Grenzen unter solchen Umständen stets'. 



^) Dionysius Alex, hat allerdings auf Gallienus, der den Christen freund- 
lich war, Jesaj. 43, 19 angewendet (bei Euseb., h. e. VII, 28), aber das ist 
Rhetorik. 

«) S. Euseb., Märt Pal. S. 102 (Texte u. Unters. Bd. 15 Heft 4). 

•) Schon Origenes polemisiert nur noch gegen eine Hälfte des poly- 
theistischen Aberglaubens und seiner Manifestationen, s. Hohl YUI, 4 in Jesum 
Nave (t. 11 p. 67): ,Illi qui, cum Christiani sint, solenmitates gentium cele- 
braut, anathema in ecclesias introducunt. qui de astrorum cursibus vitam 
hominum et gesta perquirunt, qui volatus avium et cetera huiusmodi, quae 
in saeculo prius observabantur, inquirunt, de Jericho anathema inferunt in 
ecclesiam et polluunt castra domini et vinci faciunt populum dei." Er hätte 
noch anderes nennen können und müssen, aber er emp&nd das Polytheistische 
dort nicht mehr. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 251 

Am Ende des 3. Jahrhunderts war die christliche Religion trotz 
ihres Monotheismns eine in Heiligen, Engeln, Nothelfern, wunder- 
tätigen Reliquien usw. ganz besonders starke Religion, die es 
darin mit jedem anderen Kult aufzunehmen vermochte. Porphyrius 
(der Heide bei Macarius Magnes), lY, 21 hat das wohl erkannt. 
Er schreibt: ^Wenn ihr nun behauptet, daß Engel bei Oott stehen, 
die dem Leiden und Tod nicht unterworfen und unvergänglich 
seien in ihrer Natur, welche wir Götter nennen, da sie der 
Göttlichkeit nahe stehen: was ist dann, den Namen betreffend, 
der strittige Punkt? Oder sollen wir es nur für eine Verschieden- 
heit der Benennungen halten? .... Mag nun also jemand diese 
Götter oder Engel nennen — die Namen sind überhaupt gleich- 
gültig : eine und dieselbe Göttin heißt z. B. Athena und Minerva 
und führt bei den Ägyptern und Syrern wieder andere Namen — , 
so macht das keinen großen Unterschied, da ja ihre göttliche 
Natur bezeugt ist, auch bei euch durch Matth. 22, 29. 31 ^.^ 

(4) Der Krieg gegen den Polytheismus* wurde femer durch 
radikale Bekämpfung des Theaters und aller Spiele geführt. Wer 
erwägt, was sie im antiken Leben bedeuteten und wie innig sie 
mit dem Götzendienst zusammenhingen', weiß, was die Polemik 

*) Porphyrius fährt fort, — indem er sich gegen die billige Kritik der 
Christen an dem Götzendienst (s. o.) richtet: „Wenn demnach zugestanden 
wird, daß die Engel teilhaben an göttlicher Natur, so glauben andererseits 
die, welche den Göttern die geziemende Verehrung erweisen, nicht, daß der 
Gott aus dem Holz, Stein oder Erz bestehe, aus welchem das Götterbild 
gearbeitet ist, und meinen nicht, wenn irgendein Stück Ton dem Bilde ab- 
gebrochen ist, daß damit etwas von der Macht des betreffenden Gottes ge- 
nommen sei. Denn um der Erinnerung willen wurden Götterbilder und 
Tempel tou den Alten angestellt, damit die, welche hinzugingen, dadurch 
des Gottes gedächten, oder damit sie, feiernd von der Arbeit und rein von 
anderen Dingen, Gelübde und Gebete an ihn richteten, und von ihm ein 
jeder das erbäte, dessen er bedarf. Denn wenn jemand das Bild eines 
Freundes anfertigen läßt, so glaubt er doch nicht, daß der Freund sich auf 
dem Bilde befände, oder daß seine Glieder in Wirklichkeit durch die Teile 
des Gemäldes eingeschlossen würden, sondern er meint vielmehr, daß die 
Ehre, welche er dem Freunde zollt, in dem Bilde ihren Ausdruck finde. Die 
Opfer aber, die man den Göttern darbringt, bringen ihnen nicht Ehren, son- 
dern sie sollen die Bezeugung des guten Willens ihrer Verehrer sein und 
davon, daß sich diese ihnen gegenüber nicht undankbar verhalten.* Die 
Mehrzahl der Christen dachte über diesen Punkt schwerlich mehr so rein 
und spirituell wie dieser „Götzendiener". 

*) Man vgl. zu dem Folgenden Bigelmair, Die Beteiligung der Christen 
am öfifentlichen Leben in vorconstantinischer Zeit, 1902. 

*) TertulL, de spect 4: «Quid erit summum ac praecipuum, in quo dia- 
bolus et pompae et angeli eins censeantur, quam idololatria? . . . Igitur si 
ex idololatria universam spectaculorum paraturam constare constiterit, indu- 
bitate praeiudicatum erit etiam ad spectacula pertinere renuntiationis nostrae 
testimonium in lavacro, quae diabolo et pompae et angelis eins sint manci- 



Digitized by 



Google 



252 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

gegen sie sagen wollte. Darf man doch behaupten, daß sie für 
Unzählige die andere Hälfte des Lebens waren neben der müh- 
samen Arbeit des Tages: ^panis et circenses^. In den christ- 
lichen Gemeinden war es verboten, Schauspieler oder Gladiator 
zu sein, die Schauspielkimst zu lehren^ und die Schauspiele zu 
besuchen^. Die erste scharfe Polemik findet sich bei Tatian in 
der Oratio*; es folgen andere, sodann die Traktate Tertullians 
und Pseudocyprians (Novatians) „de spectaculis" und die Aus- 
führungen des Lactantius^. Daß die Verbote nicht überall respek- 

pata, seil, per idololatriam. commemorabimns origines singulonim, qoibus 
incunabulis in saeculo adoleverint, exinde titulos quorundam, quibus nomini- 
bu3 nuncupentur, exinde apparatus, quibus superstitionibus instruantor. si 
quid ex bis non ad idolum pertinuerit, id neque ad idololatriam neque ad 
nostram eierationem pertinebit.' Novatian, de spect 2: „Quando id quod 
in honore alicuius idoli ab ethnicis agitnr (seil, die Sehauspiele) a fidelibus 
christianis speetaeulo frequentatur, et idololatria gentilis asseritur et in con- 
tumeliam dei religio vera et divina ealcatur." 

*) S. Cjprian, ep. 2. 

*) Minueius Felix 12: ,Yo8 vero suspensi interim atque sollieiti honestis 
voluptatibus abstinetis, non speetacula visitis, non pompis interestis, con- 
vi via publiea absque vobis, saera eertamina.* 

») Orat. 22. 23. 

♦) Instit. VI, 20. 21; s. auch Amob. IV, 35 f. — Mit den Schauspielen 
war auch die Beteiligung an öffentlichen Festfeiem, die immer mit Poly- 
theistischem verbunden waren, verboten; s. den 7. Kanon von Ancjra: Jlsgl 
t6)v avveaxia^Svrcov h ioQxfj l&vixfj, kv r6jiq) dqxoQia/nivq) rots i^txotg, Idia 
ßgcofiaTa hfiHOfiioafihKov xai (payovrojVj iSo^e Öteriav {fn(mea6vxag dex^fjvai. Vor 
allem kommt hier Tertull., de idol. 13 — 16 in Betracht Alle öffentlichen 
Feste sind zu vermeiden; denn mau macht sie entweder aus Vergnfigungs- 
sucht oder aus Furcht mit .Wenn wir uns mit der Welt freuen, so ist zu 
befürchten, daß wir auch mit der Welt trauern werden.** Man sieht freilieh 
auch hier, daß Tertullian bereits zu einer Minorität gehört; die Mehrzahl 
der Christen in Oarthago sah in der Beteiligung an öffentlichen und privaten 
Feiern nichts Schlimmes, ja hielt es fQr ein gefährliches Frondieren, sich 
ihnen zu entziehen. „Eure Werke sollen leuchten,** ruft Tertullian klagend 
aus, Jetzt aber strahlen unsere Läden und Türen von Licht. Bereits findet 
man bei den Heiden mehr Tfiren unbeleuchtet und unbekränzt als bei den 
Christen. Welcher Ansicht bist du betreffs dieses Falles? Soll es eine 
Ehrenbezeugung für ein Idol sein, so ist es unzweifelhaft, daß ein Idol ehren 
Idololatrie ist; geschieht es aber eines Menschen wegen, so erinnern wir uns, 
daß alle Idololatrie eines Menschen wegen geschieht; denn alle Idololatrie 
ist Menschen Verehrung (die Götter der Heiden sind früher Menschen gewesen)." 
.E^ ist mir bekannt, wie ein christlicher Mitbruder durch eine Vision noch 
in derselben Nacht schwer dafür gezfichtigt wurde, daß seine Sklaven bei 
Gelegenheit einer plötzlich ausgerufenen öffentlichen Freudenbezeugung die 
Haustür mit Krausen geschmückt hatten.** Nur ganz bestimmte Familien- 
feste, wie die Anlegung der toga virilis, Verlobungen, Hochzeiten, Namens- 
tage, nimmt Tertullian aus, da sie nicht notwendig mit Götzendienst befleckt 
seien und das Gebot kein Tagewähler zu sein, hier nicht zutrifft „Man darf 
sich auch zu solchen Festen einladen lassen, nur darf der Titel der geforderten 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 253 

tiert wurden, zeigen eben diese Schriften^. Die Lust war fast 
unbezwinglich; muß doch Tertullian auf das Schauspiel im Jenseits 
vertrösten, um den der Spiele beraubten Christen einen Ersatz zu 
gewähren ^. Aber erfolglos war der Kampf gegen sie keineswegs, 
vielmehr erfolgreicher als auf anderen Gebieten. Als Constantin 
die Kirche privilegierte, war die Sache so weit gediehen, daß der 
Staat sofort Maßregeln ergriff, die Schauspiele zu beschneiden 
und einzuschränken^. 

(5) Auch gegen den Luxus, sofern er zum Teil mit dem 
Polytheismus verbunden war, sicher aber eitlen und heidnischen 
Sinn offenbarte, wurde scharf polemisiert; man vergleiche den 
Pädagog des Clemens und Tertullians Schriften „de cultu femi- 
narum". Daß das auf Luxus verwendete Geld besser im Dienst 
der Armenpflege angewendet werde, wurde stets eingeschärft. 
Aber zur Herstellung einer besonderen christlichen Sitte des 
äußeren Lebens ist es doch nicht gekommen. 

(6) Li bezug auf die Frage, wie weit man auf die Sitten, 
Gewohnheiten und das Berufsleben des Tages eingehen könpe, 
ohne Christus zu verleugnen und sich mit dem Götzendienst zu 
beflecken, hat es schon im apostolischen Zeitalter Strenge und 
Laxe, Gebundene und Freie gegeben. In jener Zeit scheint aber 
nur erst die Frage nach dem Götzenopferfleisch -Essen, bez. ob 
man an den Mahlzeiten der Ungläubigen teilnehmen könne, 
brennend geworden zu sein. Die große Mehrzahl der Christen 
gehörte damals noch den untersten Ständen an, hatte keine Re- 
präsentationspflichten und bestand aus Handwerkern niederer Ord- 



Anfmerksamkeit nicht lauten ^Zor Teilnahme am Opfer", und ich muß soviel 
tun dürfen als mir beliebt. Weil der Satan die Welt einmal so ganz in die 
Idololatrie verstrickt hat, so wird es erlaubt sein müssen, bei gewissen Ver- 
gnügungen zugegen zu sein, wenn wir dabei gegen einen Menschen, nicht 
gegen ein Idol, Verbindlichkeiten abmachen.' 

^) Novatian, de spect. 1: „Quoniam non desunt vitiorum assertores 
blandi et indulgentes patroni qui praestant vitiis auetoritatem et quod est 
deterius censuram scripturarum caelestium in advocationem 
criminum convertunt, quasi sine culpa innocens spectaculorum ad remis- 
sionem animi appetatur voluptas — nam et eo usque enervatus est eccle- 
siasticae disciplinae vigor et ita omni languore vitiorum praecipitatur in 
peius ut non iam vitiis excusatio sed auetoritas detur — , placuit paucis vos 
non nunc instruere [seil, de spectaculis], sed iustructos admonere." 

*) De spect. 30 mit dem Schluß: „Ceterum qualia illa sunt, quae nee 
oculus vidit nee auris audivit nee in cor hominis ascenderunt? credo, circo 
et utraque cavea et omni stadio gratiora.** Die ganze Ausführung gehört zu 
dem Empörendsten, was Tertullian geschrieben hat, selbst als Entgleisung 
betrachtet immer noch unentschuldbar. 

*) Gegen die Glücksspiele s. den Traktat Pseudocjprians adversus alea- 
tores und manche verwandte Stellen in anderen Schriften. 



Digitized by 



Google 



254 I^ie MissioDspredigt in Wort und Tat. 

nung. Tagelöhnern, deren einfaches Tagewerk sie kaum in irgend 
eine Beziehung zum öffentlichen Leben und darum auch in keinen 
Konflikt brachte. Bald aber wurde es anders, und nun strömte 
ein Heer von schweren und bitteren Fragen auf die Gemeinden 
ein. Auch die Laxeren wollten nichts tun, was dem göttlichen 
Willen zuwider lief; auch sie hatten ihren Schriftbeweis bei der 
Hand und Ableitungen aus dem christlichen Grundprinzip. ^Fliehet 
aus einer Stadt in die andere^, so lautet das Gebot, sagten sie, 
wenn sie vorsichtig der Verfolgung auswichen. „Ich habe Macht 
über alles", „Man muß allen alles werden", sprachen sie mit dem 
Apostel, wenn sie unbefangenen Verkehr mit den heidnischen 
Nachbarn gepflogen. Selbst den Besuch der Schauspiele wußten 
sie aus der Bibel zu verteidigen. Novatian (de spect. 2) fuhrt 
klagend ihre Reden an: „Ubi scripta sunt ista? ubi prohibita? 
alioquin et auriga est Hellas et ante arcam David ipse saltavit. 
nabla cynaras aera tympana tibias citharas choros legimus. apo- 
stolus quoque dimicans caestus et colluctationis nostrae adversus 
spiritalia nequitiae proponit certamen. rursus cum de stadio sumit 
exempla, coronae quoque collocat praemia. cur ergo homini 
christiano fideli non liceat spectare quod licuit divinis litteris 
scribere?" 

Diese Verteidigung des Besuchs der Schauspiele klingt fast 
frivol; aber es gab viel ernstere Konflikte ; mit innerer Bewegung 
verfolgt man sie. 

Schon die Beteiligung an den Festen und geselligen Ver- 
einigungen brachte sie in reichem Maße, aber vor allem fahrte 
der tägliche Beruf in sie hinein. Kann der Christ überhaupt 
einen Beruf in der Welt haben, ohne sich mit dem Götzendienst 
zu beflecken? Die Strengen verboten zwar kaum einen einzigen 
Beruf prinzipiell, aber schränkten die Betätigung in ihm so ein, 
daß die Einschränkung einem Verbote nahe kam. Tertullian geht 
in der Schrift „de idololatria" eine Reihe von Berufen durch. 
Das Ergebnis ist fast immer dies, daß man den Beruf besser 
läßt oder ihn jeden Augenblick preiszugeben bereit ist, und auf 
die Einwendung „Ich habe nichts zu leben'^, erfolgt die Antwort: 
„Der Christ darf sich nicht vor dem Hunger furchten'^ ^. 

Allem zuvor verbietet Tertullian das Verfertigen von Götzen- 
bildern (c. 4 ff.) — das ist verständlich; aber doch gab es christ- 



*) S. vor allem die herben AusfElhrungen in c. 12 unter Berufung auf 
evangelische Stellen. Die Ausführung schließt: «Nemo eorum, quos dominus 
allegit, Non habeo, dixit, quo vivam. Fides famem non timet. Seit etiam 
famem non minus sibi contemnendam propter deum quam omne mortis genus ; 
didicit non respicere vitam, quanto magis victum? Quotusquisque haec ad- 
implevit? sed quae penes homines difficilia, penes deum ÜEtcilia." 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 255 

liehe Handwerker, die keine andere Kunst verstanden und die 
sich mit dem Spruch (I Cor. 7, 20) zu decken versuchten: „Wie 
jeder gefunden wird, so soll er bleiben". Sie verwiesen auch 
darauf, daß Moses in der Wüste eine Schlange hat anfertigen 
lassen. Man sieht aus Tertullians Klagen deutlich, daß die 
Majorität in der Kirche ihnen gegenüber die Augen zudrückte: 
„Von den Idolen weg gehen Christen zur Kirche; sie kommen 
aus der Werkstätte des bösen Feindes zum Hause Gottes; sie 
heben ihre Hände, die Schöpfer von Götzenbildern sind, zu Gott 
dem Vater; sie bringen sie mit dem Leibe des Herrn in Be- 
rührung, nachdem sie den Dämonen Leiber verliehen haben. Und 
das ist noch nicht alles! Es ist ihnen noch nicht genug, daß sie 
beflecken, was sie aus den Händen anderer empfangen; nein, 
sie reichen auch andern noch dar, was durch sie befleckt worden 
ist! Werden doch Verfertiger von Götzenbildern in den geistlichen 
Stand aufgenommen!" 

Im Gegensatz zu diesen Laxen verbietet Tertullian nicht 
nur die Anfertigung von Bildern und Statuen, sondern auch die 
Anfertigung aller Dinge, die auch nur mittelbar zum Götzendienst 
gebraucht werden. Die Zimmerleute, Stukkaturarbeiter, Tischler, 
Dachdecker, Blattgoldschläger, Maler, Bronzearbeiter, Graveure — 
sie alle dürfen schlechterdings nichts anfertigen, was zum Tempel- 
dienst nötig ist, und sich an keiner Arbeit für ihn (z. B. keinen 
Ausbesserungen) beteiligen (c. 8). 

Die Profession von Astrologen und Magiern auszuüben ist 
ebenfalls verboten — die Magier, auf die sich die Laxen beriefen, 
mußten ja [Matth. 2, 12] „auf einem anderen Weg" in ihre Heimat 
zurückkehren (c. 9)^. Auch SchuUehrer und Lehrer der Wissen- 
schaften kann der Christ nicht sein; denn sie kommen vielfach mit 
der Idololatrie in Berührung^. Sie müssen die Kenntnis der heid- 
nischen Götter verbreiten, ihre Namen, Abstammung, Mythen 
angeben, ihre Feste und Feiertage beobachten, ^weil sie nämlich 
an denselben ihre Honorare zusammenrechnen". Das erste Schul- 
geld der neuen Schüler widmet der Lehrer der Minerva. Ist die 
Befleckung mit dem Götzendienst darum geringer, weil sie in diesem 
Fall noch etwas einbringt? Aber wenn man die heidnische Wissen- 

') TertulL, de anima 57: ^Quid ergo dicemus magiam? quod omnes 
paene — &llaciani! sed ratio fallaciae solos non fugit Christianos, qui 
Bpiritalia nequitiae, non quidem socia conscientia, sed inimica scientia novi- 
mu8, nee invitatoria operatione, sed expugnatoria dominatione tractamus 
multiformem luem mentis humanae, totius erroris artificem, salutis pariter 
animaequae vastatorem. sie etiam magiae, secundae scilicet idololatriae etc." 

*) Auch die mathematischen Wissenschaften waren verdächtig. Noch 
am Anfang des 4. Jahrhunderts wollte man in Emesa den Euseb nicht zum 
Bischof, weil er diese Studien betrieb (Socrates, h. e. II, 9). 



Digitized by 



Google 



256 I^iö Missionspredigt in Wort und Tat. 

Schaft nicht lehren darf, darf man sie dann lernen? Hier ist 
Tertullian zur Nachsicht bereit; denn „wie können wir die welt- 
lichen Studien verwerfen, ohne welche doch die religiösen 
nicht bestehen können?** Ein bemerkenswerter Satz (c. 10)^. 
Es folgt der Handel. Tertullian ist sehr geneigt, ihn ganz 
zu yerbieten^; denn der Handel entstammt der Habsucht und ist 

*) Das Lesen schlechter nnd verftthrerischer Bücher ist natürlich stets 
untersagt worden, sobald sich eine Gefahr hier bemerkbar gemacht hat. 
Darf man blasphemische oder ketzerische Reden nicht einmal anhören, so 
darf man sich noch viel weniger mit Büchern dieses Inhalts beschäftigen. 
Das, was Dionysius Alex, (bei Euseb., h. e. VII, 7) von sich selbst erzfihlt, 
bestätigt nur die Regel: ,Ich habe mich'', schreibt er dem römischen Pres- 
byter PhilemoD, „sowohl mit den Schriften als auch mit den Überlieferungen 
der Häretiker beschäftigt und dadurch zwar meine Seele einige Zeit durch 
ihre verabscheuungswürdigen Einöle befleckt, aber doch daraus den Nutzen 
gezogen, daß ich sie bei mir selbst widerlegt habe und sie nan noch viel 
mehr verabscheue. Ein Bruder unter den Presbytern wollte mich davon ab- 
halten aus Furcht, ich möchte mich von dem Schlamme ihrer Schlechtigkeit 
fortschwemmen lassen, und wie ich selbst fQhlte, hatte er vollkommen recht, 
daß ich dadurch meine Seele befleckte. Da schickte aber Gott eine Erschei- 
nung, die mich stärkte. Und es erging eine Stimme an mich, welche mir 
mit deutlichen Worten befahl: ,Lies nur alles, was dir in die Hand kommt; 
denn du bist beföhigt, alles zu beurteilen und zu prüfen, und dieses ist dir 
vom Anfange an auch die Uraache zum Glauben geworden.' Ich glaubte der 
Erscheinung, da sie übereinstimmend war mit jener Aufforderung des Apostels, 
die er an die Stärkeren richtete: , Werdet geschickte Geldwechsler*." S. Didasc. 
apost. c. 2 (S. 5 ed. Achelis): ,Von allen Schriften der Heiden halte dich 
fern; denn was willst du mit den fremden Worten oder den Gesetzen und 
falschen Prophezeiungen, die junge Leute sogar vom Glauben abbringen? 
Was fehlt dir denn an dem Worte Gottes, daß du auf diese Geschichten der 
Heiden dich stürzest? Wenn du Geschichtsberichte lesen willst, so hast du 
das Buch der Könige, wenn aber die Weisen und Philosophen, so hast du die 
Propheten, bei denen du mehr Weisheit und Verstand findest, als bei den 
Weisen und Philosophen; denn es sind die Worte des einen, allein weisen 
Gottes. Und wenn du Hymnen begehrst, so hast du die Psalmen Davids, 
und wenn etwas über den Anfang der Welt, so hast du die Genesis des 
großen Moses, und wenn Gesetze und Vorschriften, so hast du das Gesetz. . . . 
Aller jener fremden Dinge also, die dawider sind, enthalte dich gänzlich." 
Generelle Verbote bestimmter Bücher unter Androhung von Strafen beginnen 
mit der Anordnung Constantins in bezug auf die Schriften des Arius und 
anderer Ketzer (s. Euseb., Vita Oonst. III, 66; Verbot der Bücher des Euno- 
mins, s. Philostorg., h. e. XI, 5). — Ob und in welcher Weise man heidnische 
Philosophen und Dichter zu zitieren habe, blieb ein Problem. Die Apologetik 
hat von ihnen bekanntlich reichen Gebrauch gemacht. Die profanen Zitate 
bei Paulus erschienen aber doch auffallend (Tit. 1, 12; I Cor. 15, 33; Act 17, 28); 
sie sind, seitdem Origenes sich über sie geäußert hatte, oft besprochen und 
in liberalem Sinn angerufen worden. Origenes meinte (Hom. XXXI in Lucam 
t. 5 p. 202): ,ldeo assumit Paulus verba etiam de bis, qui foris sunt, ut 
sanctificet eos.** 

') Tertullian steht damit ziemlich allein; selbst von einem Manne wie 
Irenäus wissen wir, daß er gegen den Handel der Christen nichts einzuwenden 
hatte, s. IV, 30, 1. 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus und Götzendienst. 257 

mit der Idololatrie verknüpft, wenn auch nicht mit der direkten. 
Er schafft — das genügt — die Mittel für den Tempeldienst. 
„Mögen immerhin dieselben Waren, ich meine den Weihrauch und 
die übrigen ausländischen Waren, die zu Götzenopfem gehören, 
den Leuten auch zu medizinischen Salben und vor allem auch 
uns Christen zur Ausstattung bei Begräbnissen dienen, du stehst 
aber ganz sicher als ein Förderer des Götzendienstes da, wenn 
Aufzüge, Gottesdienste und Opfer für die Idole infolge von Ge- 
fahren, Verlusten, Unglücksfällen, Plänen, Gesprächen oder Ge- 
schäftsuntemehmungen veranstaltet werden^. „Mit welcher Stirn 
kann ein christlicher Spezereihändler, wenn er an den Tempeln 
vorbeigeht, den Qualm der dampfenden Altäre verabscheuen und 
von sich wegblasen, da er sie selber damit versorgt hat?*' (c. 11)^ 
Strikt verboten wurde das Zinsnehmen, welches von dem Wucher 
nicht unterschieden worden ist. Allein das Verbot wurde nicht 
gehalten. Immer wieder mußte sogar gegen Kleriker, Bischöfe 
und Gemeindewitwen geeifert werden, welche Zins nahmen oder 
wucherische Handelsgeschäfte trieben^. 

Kann der Christ Beamter sein? Joseph und Daniel waren 
es imd haben sich vom Götzendienst frei gehalten, sagen die 
Freieren. Tertullian ist nicht überzeugt. „Geben wir zu, daß es 
jemand gelingen könne, als Inhaber irgend einer Ehrenstelle mit 
dem bloßen Titel derselben aufzutreten, ohne zu opfern, ohne die 
Opfer durch seine Anwesenheit zu autorisieren, ohne Liefenmg 
von Opfervieh zu vergeben, ohne die Abgabe für die Tempel an 
andere zu übertragen, ohne die Tempelsteuem zu verwalten, ohne 
selbst oder von Staats wegen Spiele zu veranstalten oder bei den 
veranstalteten zu präsidieren, ohne bei einer Feierlichkeit zu 
sprechen oder sie anzusagen, ja ohne auch nur zu schwören, 
femer, was auch Handlungen der Amtsgewalt sind, er spreche 
ein Urteil über Leben und Tod oder die bürgerliche Ehre eines 
Menschen . . . und verurteile dabei nicht und gebe keine Straf- 
verordnungen, er lasse niemanden fesseln, niemand einkerkern oder 
foltern: wenn das glaublich ist, dann könnte man nichts dagegen 
haben, daß der Christ Beamter sei." Dazu — die Abzeichen der 
Beamten hängen alle mit dem Götzendienst zusammen. „Wenn du 
der Pracht des Teufels abgeschworen hast, so wisse, es ist jedes- 
mal Idololatrie, wenn du etwas von ihr anrührst" (c. 17. 18). 



>) Aber selbst den Klerikern konnte man das Handeltreiben nicht vCllig 
untersagen, sondern es nur einschränken, s. den 19. Kanon von Elvira. 

*) S. Funk, Zins und Wucher im christlichen Altertum, in der Tüb. 
Theol. Quartalschr. Bd. 57, 1875, S. 214 ff. S. Euseb., h. e. V, 21; Cypr., de 
lapsis 6; testim. III, 48. Commod., instruct. II, 24. Konzil Ton Elvira, 
can. 20. 

Harnaok, Mission. 2. Aofl. 17 



Digitized by 



Google 



258 1^6 MissioDspredigt in Wort und Tat. 

Die Unmöglichkeit, daß der Christ Offizier sei, ist damit schon 
ausgesprochen. Kann er aber nicht Gemeiner sein und niedere 
Chargen bekleiden? Sie brauchen nicht zu opfern und haben mit 
Urteilen über Leben und Tod nichts zu tun. Indessen — „es fugt sich 
nicht, unter dem Fahneneid Gottes und der Menschen, unter dem 
Feldzeichen Christi und des Teufek, im Lager des Lichts und in 
dem der Finsternis zu stehen, eine und dieselbe Seele kann nicht 
zweien verpflichtet sein, Christus und dem Teufel." Aber man 
beruft sich auf die israelitischen Krieger, auf Moses, auf Josua, 
auf die Soldaten, die zu Johannes kamen, auf den Hauptmann, 
der gläubig wurde. „Der Herr hat nachmals in der Entwaffnung 
des Petrus jedem Soldaten das Schwert abgeschnallt. Selbst im 
Frieden soll man es nicht führen'^ (c. 19). 

Es gibt noch vieles im Leben des Tages, was man ganz ver- 
meiden muß. Alle Redensarten sind zu verbannen, in denen Götter- 
namen vorkommen; man darf also nicht sagen „Beim Hercules" 
oder „Medius Fidius" oder ähnliche Beteuerungen aussprechen 
(c. 20). Auch soll man Schwüre bei den Götzen nicht aus Furcht 
(als Christ erkannt zu werden) schweigend auf sich nehmen^. 
Jeder heidnische Segenswunsch ist abzulehnen; denn das heißt 
bei Gott verflucht werden. „Es verleugnet jeder, der bei irgend- 
einer Angelegenheit sich verstellt und sich für einen Heiden halten 
läßt. Jede Verleugnung ist natürlich ein Götzendienst, sowie jeder 
Götzendienst eine Verleugnung, sei es in Worten, sei es in Werken^ 
(c. 21.22). Aber auch der Eidschwur, den man sich bei Leih- 
geschäften von dem Gläubiger vorsagen läßt, um ihm Sicherheit 
zu bieten, ist eine Verleugnung, auch wenn man selbst nicht mit 
dem Mund geschworen hat (c. 23). 

„Das sind die Klippen, Untiefen und Meerengen der Idolo- 
latrie, zwischen denen der Glaube hindurchsteuern muß, die 
Segel vom Hauche Gottes geschwellf^ — die große Mehrzahl der 
Christen dachte seit dem Ausgang des 2. Jahrhunderts darüber 
anders und führte ihr Schiff ohne diese Sorgen über die Fähr- 
nisse^. Die grobe Idololatrie wurde verabscheut und streng be- 

^) „Ich kenne einen Christen, der, als ihm aof der Straße im Streit zu- 
gerufen wurde: »Juppiters Zorn möge dich treffen*, antwortete: »Nein dich*." 
Hier ist nach Tertullian nicht nur die Verwünschung unerlaubt, sondern vor 
allem die Anerkennung Juppiters. 

*) Man lese das IL und III. Buch des Pädag. des Clemens; er gehört 
gewiß nicht zu den «Laxen**, aber soweit wie Tertullian geht er längst nicht 
Andererseits geißelt schon er (Paedag. III, 11, 80) das Sonntagschristentum: 
„Den in der Kirche empfangenen himmlischen Sinn streift man mit dem 
Wechsel des Orts ab und wird der großen Masse ähnlich, mit der man ver- 
kehrt, oder vielmehr es wird nach Ablegung der affektierten und erheuchelten 
Sittsamkeit ersichtlich, daß man seine wahre Gestalt nur maskiert hat, und 



Digitized by 



Google 



Der Kampf gegen den Polytheismus nud Götzendienst. 259 

straft, aber die feine, sofern es überhaupt eine solche war, 
wenigstens zu Tertullians Zeit nicht mehr viel beachtet. Tertullian 
selbst übrigens rühmt im Apologeticus, da es ihm hier so paßt, 
gegenüber dem Vorwurf der sträflichen Isolierung der Christen: 
„Wir treiben Schiffahrt und tun Kriegsdienste mit euch 
zusammen und sind im Ackerbau und Handel beschäftigt" 
(c. 42). Auch bemerkt er triumphierend, daß die Christen überall 
zu finden seien, auch in allen Staatsstellen und im Heere, selbst 
im Senat. „Nur die Tempel haben wir euch überlassen." So war 
es; die Tatsachen lehren uns, daß Christen in allen Berufen zu 
finden waren ^, und daß Konflikte, die aus dem Berufe entsprangen, 
im ganzen (mit Ausnahme des Soldatenberufs, s. darüber später) 
sehr selten gewesen sein müssen. Auch die herbe Kritik am Staat 
als solchem und am Rechtsleben, wie sie Tatian, Tertullian und 
Hippolyt, bez. auch (von anderen Prämissen freilich) Origenes 
geübt haben, ist selten ins Praktische übersetzt worden^. Mochte 

nachdem man dem Worte Gottes ehrfurchtsvoll gelauscht, l&ßt man es dort 
drinnen, wo man es gehOrt hat, draußen aber ergötzt man sich in Gesell- 
schaft der Atheisten mit Musik usw.*" 

*) Doch — bemerkt Tertull., Apol. 43, witzig — „beklagen können sich 
mit Grund über die Nutzlosigkeit der Christen die Kuppler, die Gelegenheits- 
macher, die Meuchelmörder, Giftmischer und Zauberer, ebenso die Opfer- 
beschauer, Wahrsager und Sterndeuter''. Schon in der Apostelgeschichte 
(c. 19) wird erzählt, daß sich in Ephesus die Handwerker, welche vom Kult 
der Diana lebten, durch die Christen beeinträchtigt fühlten. 

*) Doch sagt Cäcilius bei Minucius Felix von den Christen (c. 8): «natio 
in publico muta, in angulis garrula'' .... „honores et purpuras despiciunt". 
Tatian, Orat. 11: ßaoiXevew ov ^iX<Of nXovxBiv ov ßovXojiiai, t^ axQarriyiav nag^j- 
trjfiai .... do^ofiariag ojiriXlayficu. Speratus (Martyr. Scilit): „Ego imperium 
huius saeculi non cognosco.* Tertullian, Apolog. 46: „Christianus nee aedili- 
tatem affectat.* Kritik der römischen Gesetze 1. c. c. 4 — 6. Zum Vorwurf 
der „infructuositas in negotiis* s. Tertull., de pallio 5 [was hier vom Pallium 
gesagt ist, gilt vom Christen]: „Ego, inquit, nihil foro, nihil campo, nihil 
curiae debeo, nihil officio advigilo, nulla rostra praeoccupo, nalla praetoria 
observo, canales non odoro, cancellos non adoro, subsellia non contundo, iura 
non conturbo, causas non elatro, non iudico, non milito, non regno, secessi 
<le populo. in me unicum negotium mihi est; nisi aliud non curo quam ne 
eurem, vita meliore magis in secessu fruare quam in promptu. sed ignavam 
infaroabis. scilicet patriae et imperio reique vivendum est. erat olim ista 
sententia. nemo alii nascitur moriturus eibi. certe cum ad Epicuros et Zenones 
ventum est, sapientes vocas totum quietis magisterium, qui eam summae 
atque unicae voluptatis nomine consecravere.* S. auch das Folgende. 
Apol. 38 f. : .nee ulla magis res aliena quam publica'' .... „unam omnium 
rempublicam agnoscimus, mundum*. Kein Heimatsgefähl bei den Christen; 
8. Diognet. 5, 5: naigidag olxovaiv idiag, aXX d)g jioqoixoi' fisrixovoi ndvrcov 
wg noXXxai, xai ndv^^ vnofUvovaiv c&c ^evoi' Jtäoa (irrj narglg kaxiv avx&Vf xai 
häaa naxqig ^hrj. Clemens, Paed. III, 8, 41 : natQiöa hii y^v ovx ix^fiev. Vita 
Polycarpi 6: Jiavti dovXci> ^eov nag 6 xöa/wg jtöXig, natglg de j} i:zovQdyiog 
*IeQovaaXrjft' ivraxr&a de JiagoixeTv, dXX^ ov xaxotxetv, (hg ^evoi xai JtaQemötjfioi 

17* 



Digitized by 



Google 



260 ^^® Miseionspredigt in Wort und Tat. 

man gegen den wirklichen Staat das Reich Christi oder den- 
stoischen Weltstaat oder einen platonischen Staat der christlichen 
Philosophen als die höchste got^ewollte Verbindung ausspielen — 
das Leben, wenigstens seit dem Ende des 2. Jahrhunderts, blieb 
davon unberührt; der Pädagog des Clemens gibt bereits An- 
weisungen, wie man sich „christlich" in der Welt einzurichten 
habe. Am Ende unserer Periode war der Hof, die Beamtenschaft, 
das Heer von Christen angefüllte 

Aber daß man den groben und eigentlichen Götzendienst bis 
zuletzt bekämpfte, bedeutete etwas, bedeutete viel. Das Christen- 
tum hat hier nicht praktiert^. 

teidyiit^, cf. auch c. 30. Celras sagt (bei Origenes Vllf, 68) wohl nicht 
grundlos seinem christlichen Qegner: ,Wenn alle so handeln würden wie da, 
so wäre der König bald allein und vereinsamt, und es würden die Dinge^ 
aof Erden in Kürze in die Hände der wildesten und scheußlichsten Barbaren 
geraten." Im folgenden weist er darauf hin, daß das Christentum unter 
solchen Umständen gar nicht existieren würde, daß also das römische Reich 
es trägt. Die Christen sagten umgekehrt: Wir stützen allein das Reich. 

Zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert (die Grenze mag c. 180 liegen) bestand 
ein großer Unterschied. In jenem erschienen die Christen größtenteils als 
eine lichtscheue, vom öffentlichen Leben zurückgezogene, unzüchtige und 
ruchlose Baude und hielten sich wirklich Tom Leben fem; in diesem sah 
das Heidentum im Christentum erschreckt einen Gegner, der ihm auf allen 
Gebieten, dem religiösen, politischen und sozialen, öffentlich und machtvoll 
entgegentrat. Die Lehre war bereits ebenso bekannt wie der Kultus, die Dis- 
ziplin und die Verfassung, und wie sich seit der Zeit des Gallienus fiberall 
christliche Basiliken erhoben neben den alten Tempeln, so waren in allen 
Staatsämtem Christen. In Ansehung der staatlichen und gesellschaftlichen. 
Stellung der Christenheit gehört die Zeit von c. 250 fiberhaupt mehr zum 
4. Jahrhundert als zu der vorherliegenden Periode. 

') Daß Origenes eine zahlreiche Klasse von Christen konstatiert, die- 
alles glaubt, dem Priester gegenfiber devot ist, aber sittlich jeden Halt ent- 
behrt, ist nicht auffallend; aber auffallend ist, daß er ihnen den Himmel 
zuspricht, weil sie doch Gläubige sind! (s. Hom. X, 1 in Jesum Nave t. 11 
p. 102, hom. XXI, 1 p. 182 ff.). Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch, daß 
Monica, die Mutter Augustins, zwar in Sorge ist um der Hurerei ihres jugend- 
lichen Sohnes willen, aber ihm die Tischgemeinschaft erst kündigte, als er 
Manichäer geworden war (Confess., Buch 8). 

*) Auch die christlichen Sekten wohl nur selten; in einigen Fällen hat 
der sublimierte Intellektualismus der Gnostiker und ihr pneumatisches Selbst^ 
gefühl mit allem äußeren Handeln auch die Berührung mit den Götzen für 
etwas Indifferentes, das öffentliche Bekenntnis für etwas Unnützes, ja för 
Selbstmord erklärt (s. die Polemik bei Iren. IV, 33, 9; Clemens, Strom. IV, 4, 16; 
TertulL, Scorpiace adv. Gnost.). Aber die Ketzerbestreiter haben die Gnostiker 
auch in solchen Fällen der prinzipiellen Verleugnung des Christenstandes 
geziehen, wo eine solche gar nicht vorlag (s. das über Heracleon oben S. 182 
Bemerkte), und sie haben auch ihre freiere Stellung zum Götzenopferfleisch- 
Essen als Abfall bezeichnet. 



Digitized by 



Google 



Die volle Ausgestaltung des Christentums als synkretist. Religion. 261 



Schlußbetrachtung. 

Die volle Ausgestaltung des Christentums 
als synkretistische Religion. 

Mit welch einem Reichtum und in welcher Fülle von Be- 
-ziehungen stellt sich doch die christliche Religion schon in ihren 
frühesten Anfängen auf heidenchristlichem Boden dar! Und jeder 
Punkt scheint die Hauptsache, ja das Ganze zu sein. Sie ist die 
Predigt von dem ^edg naxriQ jiavroxQdtcjQ , von seinem Sohne 
Jesus Christus, dem Herrn, imd von der Auferstehung. Sie ist 
das Evangelium vom Heiland imd von der Heilung, der Erlösung 
und der Neuschöpfung; sie ist die Botschaft von der Vergottung. 
Sie ist das Evangelium der Liebe und Hilfleistung. Sie ist die 
Religion des Geistes und der Kraft, des sittlichen Emsts und der 
Heiligkeit. Sie ist die Religion der Autorität und des unbedingten 
Glaubens, und wiederum ist sie die Religion der Vernunft und 
der hellen Erkenntnisse; aber sie ist aujch Mysterienreligion. Sie 
ist die Botschaft von der Entstehung eines ganz neuen Volkes, 
welches aber in der Verborgenheit vom Anfang der Dinge an 
bestanden hat. Sie ist die Religion eines heiligen Buches. 
Was nur immer als Religion gedacht werden' kann, das hat sie, 
ja das ist sie. 

Schon hierin zeigt sie sich als Synkretismus, aber sie offen- 
bart einen Synkretismus besonderer Art: es ist der Synkretismus 
der Universalreligion. Aller Eräfte und aller Beziehungen hat 
«ie sich bemächtigt und sie in ihren Dienst genommen; wie arm, 
wie dürftig, wie beschränkt nehmen sich die anderen Religionen 
im Reiche daneben aus! Und doch hat sie von vielen gelernt 
und entlehnt, ohne es zu wissen, und sie wäre in dieser ihrer 
Fülle und Stärke nicht denkbar, wenn sie nicht Saft und Kraft 
auch aus ihnen gezogen hätte. Jene Religionen haben den Boden 
für sie gedüngt; auf dies Erdreich ist das neue Samenkorn ge- 
fallen, hat seine Wurzeln in dasselbe gesenkt und ist zum mäch- 
tigen Baume geworden. Was umscUießt diese Religion nicht 
alles, und doch läßt sie sich noch immer auf einen ganz einfachen 
Ausdruck bringen, und ein Name umfaßt noch alles, der Name 
Jesu Christi! 

Der Synkretismus dieser Religion zeigt sich auch in der 
Fähigkeit, die verschiedensten Völker in sich hineinzuziehen, 
Parther und Meder imd Elamiter, Griechen und Barbaren. Sie 
spottet der Völkerschranken. Indem sie alle Elemente an sich 
gezogen hat, hat sie nur eines abgestreift, das jüdisch-nationale. 



Digitized by 



Google 



262 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

Die Abstreifung dieses Elements bedeutete den Universalismus; 
denn die jüdische Religion, ihres Nationalismus entkleidet, war 
bereits universal, nur dieser hatte sie zwei Jahrhunderte hindurch 
noch in engen Grenzen gebannt gehalten. Und wie universal 
zeigt sie sich in bezug auf die Anlagen und die Bildung der 
Menschen! Zeitgenosse des Hermas ist Valentin, beide sind 
Christen; Zeitgenosse des Clemens Alexandrinus ist Tertullian, 
beide sind kirchliche Lehrer; Zeitgenosse des h. Antonius ist 
Eusebius, beide dienen derselben Gemeinschaft. 

Aber das, was man Synkretismus im eigentlichen Sinn des 
Wortes nennt, ist mit dem allen noch nicht gedeckt. Das Chri- 
stentum ist seit der Mitte des 3. Jahrhunderts als synkretistische 
Religion im vollsten Sinne zu betrachten * ; als solche steht es den 
beiden anderen großen synkretistischen Schöpfungen des Zeitalters, 
der mit dem Sonnendienst verbundenen neuplatonischen Religion 
und dem Manichäismus gegenüber^. Man kann es jetzt ebenso 
gut eine hellenische Religion nennen wie eine orientalische, eine 
einheimische wie eine ausländische. Synkretistisch war es von 
Anfang an auf heidenchristlichem Boden -^ nicht als pures Evan- 
gelium ist es erschienen, sondern mit allem ausgestattet, was die 
jüdische Religion in ihrer langen Geschichte an sich gezogen 

*) Einer meiner Rezensenten, de Grandmaison (^itudes, Rev. par des 
peres de la comp, de Jesus, T. 96, 5. Aug. 1903, p. 817). schreibt: „Comment 
une religion syncretiste peut-elle rester exclusive? C'est ce qu'on ne voit 
pas.** Aber wenn sie alles, was sie Übernommen und sich angeeignet hat, 
stets als ihr Eigentum und ihr Eigentümliches ausgibt, ja zu ihrem Eigen- 
tum macht — warum soll sie da nicht exklusiv sein können? 

*) Vgl. mein Lehrbuch der Dogmengesch. Bd. 1» S. 766 ff. 785 ff.: «Drei 
große Religionssysteme haben seit dem Ausgang des 3. Jahrhunderts in West- 
asien und Südeuropa einander gegenübergestanden: derNeuplatonismus, 
der Katholizismus und der Manichäismus. Alle drai dürfen als die 
Endergebnisse einer mehr als tausendjährigen Geschichte der religiösen Ent- 
wicklung der Kulturvölker von Persien bis Italien bezeichnet werden. In 
allen dreien ist der alte nationale und partikulare Charakter der Religionen 
abgestreift; es sind Weltreligionen mit universalster Tendenz und mit 
Anforderungen, die in ihrer Konsequenz das gesamte menschliche Leben, das 
öffentliche und private, umgestalten. An die Stelle des nationalen Kultus 
ist hier ein System getreten, welches Gotteslehre, Weltanschauung und Ge- 
schichtsbetrachtung sein will und zugleich eine bestimmte Ethik und ein 
gottesdienstliches Ritual umfaßt. Formal sind sich also die drei Religionen 
gleich, und auch darin sind sie sich ähnlich, daß jede von ihnen sich die 
Elemente verschiedener älterer Religionen angeeignet hat. Femer zeigen 
sie sich darin gleichartig, daß die Ideen der Offenbarung, der Erlösung, 
der asketischen Tugend und der Unsterblichkeit in allen dreien in 
den Vordergrund treten. Aber der Neupia tonismus ist die verjjeistigte Natur- 
religion, der durch orientalische Einflüsse und durch philosophische Spekula- 
tion verklärte und zum Pantheismus entwickelte griechische Polytheismus; 
der Katholizismus ist die monotheistische Weltreligion auf dem Grunde des 



Digitized by 



Google 



Die volle Ausgestaltung des Christentums als synkretist. Religion. 263 

hatte, und sofort auf alles das, was dort etwa noch fehlte, ein- 
gehend. Aber nun erst, um die Mitte des 3. Jahrhunderts, war 
die neue Religion fertig als die synkretistische Religion par 
excellence, und dabei doch exklusiv! Ihr Kirchentum hatte alle 
Elemente in sich, die das Zeitalter bot, einen mächtigen Priester- 
stand, einen Hohenpriester sowie dienende Geistliche, und dieser 
Priesterstand führte sich auf Christus und die Apostel selbst zurück ; 
die Bischöfe rühmten sich ihrer Sukzession und ihrer von den 
Aposteln stammenden Weihe. Was der Begriff „Priestertum" 
irgend umfaßte, das besaß sie. In ihrem Gottesdienst samt den 
Sakramenten stellte sich wirksames göttliches Handeln dar. Die 
zukünftige Welt und die Kräfte des ewigen Lebens ragten in den 
Kultus und durch ihn in diese Welt hinein und konnten ergriffen 
und geistleiblich zur Vergottung angeeignet werden. Was die 
Begriffe „geoffenbarte Erkenntnis", „Mysterien", „Kultus" irgend 
umfaßten, das eröffnete sie ihren Gläubigen. In ihrer Lehre hatte 
sie alles in sich aufgenommen, was der Synkretismus des Zeit- 
alters, wie wir ihn S. 21 ff. kurz skizziert haben, bot; sie mußte 
diesem System eine andere Orientierung geben und es an wichtigen 
Punkten korrigieren, aber im übrigen hat sie es sich angeeignet. 
In dem Lehrsystem des Origenes, welches in der zweiten Hälfte 
des 3. Jahrhunderts die denkenden Christen des Orients beherrschte, 
ist die Vereinigung von Evangelium und Synkretismus perfekt. 
Was der Begriff „Hellenische Religionsphilosophie" erhält, das 
besaß sie in geläuterter, aber auch mit neuem Aberglauben be- 

Alten Testaments und des Evangeliums, aber auferbaut mit den Mitteln der 
hellenischen Spekulation und Ethik; der Manichäismus ist die dualistische 
Weltreligion auf dem Boden des ChaldSiismus, aber versetzt mit christlichen, 
parsistischen und vielleicht buddhistischen Gedanken. Dem Manichäismus 
fehlt das hellenische Element, dem Katholizismus das chaldäisch -persische 
fast ganz (soweit nicht schon das Späijudentum von ihm beeinflußt war). 
Entwickelt haben sich diese drei Weltreligionen im Laufe von zwei Jahr- 
hunderten (c. 50 — 250). Der Katholizismus geht voran, und der Manichäismus 
ist die jüngste SchOpfung. Überlegen aber sind beide dem Neuplatonismus 
schon deshalb, weil dieser keinen Stifter besessen hat; er hat deshalb keine 
elementare Kraft entfaltet und den Charakter einer künstlichen Schöpfung 
nicht verloren. Versuche, einen Stifter ftlr ihn zu erfinden, die gemacht 
worden sind, sind natürlich gescheitert. Der Katholizismus aber ist wiederum 
— von dem Inhalte der Religion noch abgesehen — dem Manichäismus 
überlegen, weil in ihm der Stifter nicht nur als Offenbarungsträger, sondern 
auch als die persönliche Erlösung und als Sohn Gottes verehrt wird.** Diese 
drei synkretistischen Weltreligionen stehen dem Kaiserkult gegenüber. Offen- 
kundig feindlich war ihm nur das Christentum; die neuplatonische Sonnen- 
religion ist sogar darauf bedacht gewesen, ihn zu stärken. Allein in Wahr- 
heit war auch sie sein Feind. Auch sie versetzt die Religion in das Innen- 
leben, und damit ist der Kaiserkult schon entwurzelt. Es war die größte 
Täuschung Julians, daß er glaubte, die neuplatonische Sonnenreligion mit 
der politischen Religion verbinden zu können. 



Digitized by 



Google 



264 Die Missionspredigt in Wort und Tat. 

lasteter Gestalt^. Mächtig und stark, ihrer Eigenart sicher und 
vor dem Zerfließen in andere Religionen geschützt, glaubte sie nun 
liberaler und nachsichtiger sein zu können, wenn man sich ihr nur 
unterwarf. Ihre Missionsmethoden änderten sich langsam aber 
bedeutend im Laufe des 2. Jahrhunderts. Derselbe Gregorius 
Thaumaturgus, der sich in seiner religionsphilosophischen Zu- 
sammenfassung des Christentums als ein Schüler des Origenes 
beweist, der als Hellenist den Meister noch übertrifft, ist als 
Bischof den heidnischen Neigungen der von ihm Bekehrten in 
überraschender Weise entgegengekommen. Wir werden von ihm 
noch hören. Heilige und Nothelfer, also Halbgötter, dringen in 
die Kirche ein^; Lokalkulte und lokale heilige Stätten werden 
gegründet; die Gebiete des Lebens werden an Schutzgeister aufs 
neue verteilt; die alten Götter ziehen ein, nur mit neuen Masken; 
rauschende Jahresfeste werden gefeiert; Amulette und Sakramen- 
talien, Reliquien und heilige Knochen werden begehrenswerte 
Gegenstände*. Die Religion — einst, als streng geistige, jede 

^) Die religionsphilosopbische Stufe, welche durch Männer wie Posido- 
nius und Philo begründet worden ist und in dem Neuplatonismus gipfelte, 
hat sich in der christlichen Religionsphilosophie, wie sie sich bis zum Anfang 
des 8. Jahrhunderts entwickelt hat und in Origenes kulminierte, vollendet. 
Blindheit gegenüber dem sinnlich Wirklichen und Kritiklosigkeit haben dabei 
auf der christlichen Linie in erschreckender Weise zugenommen; aber das 
Innenleben ist vertieft und die philosophische Gotteslehre durch die Ein- 
führung der Schöpfungslebre modifiziert worden. In die Spekulation ist die 
Idee der Gottmenschheit eingeführt, und noch heute meinen hervorragende 
Denker, darin den eigentlichen Wert der christlichen Religion und ihre Haupt- 
bedeutung in der Geschichte des Geistes sehen zu dürfen. Den Kampf gegen 
die materialistische, skeptische und epicureische Philosophie haben die Apo- 
logeten, besonders aber Origenes und Dionysius Alex, geführt. 

*) Auch das Däumeln (Orakelaufechlagen) in der h. Schrift gehört hier- 
her. Bezeugt ist es m. W. erst für das 4. Jahrhundert, aber gewiß ist es 
älter; s. Augustin, ep. 55, 37: „hi qui de paginis evangelicis sortes legunt, 
etsi optandum est, ut hoc potius faciant quam ad daemonia concurrant, 
tamen etiam ista mihi displicet consuetudo, ad negotia saecularia et ad 
vitae huius vanitatem propter aliam vitam loquentia oracula divina volle 
convertere.'* Das ist doch laxer als sich Hermas (Mand. 11) in Bezug auf 
den Pseudopropheten geäußert hat. Vgl. auch das „tolle, lege* in Augustins 
eigner Geschichte. 

') Man hat nicht zu fragen, was die Kirche an Mythologien, Aber- 
glauben und Sakramentalien aufgenommen hat, sondern vielmehr in welcher 
Abfolge sie es aufgenommen und was sie nicht rezipiert hat. In bezug 
auf die erste Frage handelt es sich nicht sowohl darum, was von Anfang an 
dort und hier von dergleichen Vorstellungen und Dingen in den Gemeinden 
vorhanden war — • es war natürlich alles Syrische vorhanden, sobald ein paar 
Dutzend Syrer bekehrt waren, und alles Hellenische, sobald die Gemeinden 
Hellenen in ihrer Mitte zählten usw. — , sondern darum handelt es sich, wann 
diese Vorstellungen und Dinge von der Kirche geheiligt worden und in 
den öffentlichen Gebrauch oder in den öffentlichen Ausdruck 



Digitized by 



Google 



Die volle Ausgestaltung des Christentums als synkretist. Religion. 265 

Materialisienmg verbietend und bekämpfend — materialisiert sich 
in jeder Beziehung. Sie hat die Welt und Natur getötet, nun aber 
beginnt sie sie wiederzuerwecken, freilich nicht die ganze, sondern 
Partikeln und Ausschnitte, und zwar die abgestorbenen und häß- 
lichen. Die Wunder in den Kirchen werden zahlreicher, äußer- 
licher und plumper. Was apokryphe Apostelgeschichten fabelnd 
erzählt haben, wird in die Gegenwart hineingezogen und von der 
Gegenwart behauptet. 

Diese Kirche, an deren Religion Porphyrius die unverschämte 
Kritik an dem Weltganzen, die Lehre von der Menschwerdung^ 

des Gebets und der Lehre (in der Stadt, in der Provinz, in der ganzen 
Kirche) gekommen sind. Die Geschichte dieser Rezeptionen ist noch nicht 
geschrieben worden und kann auch nur in Fragmenten geschrieben werden; 
auch ist vieles von Anfang tm nebeneinander hergegangen. Aber eine Frage, 
wie die, wann bestimmte heidnische Mythologumenen und Riten mit geän- 
derten Etiketten in den öffentlichen Ausdnick der kirchlichen Religion ge- 
kommen sind, läßt sich in einigen wichtigen Fällen wohl beantworten. Nur 
muß die Antwort mit mehr Umsicht und Skepsis gesucht werden, als das 
heute üblich ist. Versuche, wie die, die urchristliche Feier des Sonntags, 
die urchristliche Abendmahlsfeier, die Vorstellung von der Jungfrauen- 
geburt, der Auferstehung am dritten Tage, der Hinmielfahrt usw. auf den 
Einfluß eines bestimmten (obskuren oder publiken) heidnischen Eultu-s 
zurückzuführen, scheinen mir gründlich verfehlt und bisher an keinem Punkte 
geglückt (eine andere Frage ist, wie diese Einrichtungen und Vorstellungen 
sehr bald aufgefaßt worden sind). Im allgemeinen wird man sagen dürfen, 
wenn man nicht auf einzelne gnostische Kreise, sondern auf die großen Ge- 
meinden sieht — aber das Recht dieser Unterscheidung wird zurzeit auch 
bestritten! — , daß zuerst die Grundgedanken der idealistischen Philosophie 
rezipiert worden sind und ihnen die Rezeption der Mythologien und Riten 
gefolgt ist. Was die zweite Frage betrifft, so ist es am wichtigsten zu kon- 
statieren, wie lange und wie kräftig sich die Kirche gegen die Astrologie, 
diesen Todfeind der Moral und Freiheit, gesträubt hat. Wer Überschlägt, 
welche Macht in der Kaiserzeit — beim allgemeinen Niedergang der Natur- 
wissenschaften — die Astrologie gewesen ist, wie sie sich in das Gewand 
der Wissenschaft zu hüllen verstanden hat, wie sie sich überall eindrängte, 
und wie sehr sie der passiven und müden Stimmung des Zeitalters entgegen- 
kam, wird den Widerstand, den die Kirche — der Gnostizismus war auch 
hier ziemlich wehrlos — geleistet hat, zu würdigen wissen. Hier ist eine 
Großtat der Kirche zu verzeichnen! Jüngst hat Schürer in seiner Abhand- 
lung über die siebentägige Woche im Gebrauche der christlichen Kirche der 
ersten Jahrhunderte (Ztschr. f. NTliche Wissensch. Bd. 6, 1905, S. 1 ff. 43 ff.) 
die Stellung der Kirche zur Astrologie sachkundig erörtert. Im 2. Jahrhundert 
hört man noch so gut wie nichts von ihr in der Kirche, d. h. sie wird als 
heidnische Afterweisheit, so schlimm und schlimmer als der Polytheismus, 
bekämpft. Im 3. Jahrundert erhebt sie auch in der Kirche ihr Haupt; im 
4. muß sie innerhalb der Kirche aufs schärfste zurückgewiesen werden. Die 
kirchlichen Theologen haben sie zu allen Siciteu entrüstet verurteilt, aber 
sie wurden seit dem Ausgang des 3. Jahrhunderts in den Gemeinden ihrer 
nicht mehr Herr und konnten es nicht verhindern, daß sie eindrang und 
Gedanken und Sprache durchsetzte. 

') Der Heide bei Macarius Magnes IV, 22: El ds xal xig t&v 'EXXipKor 



Digitized by 



Google 



266 I^ie MissioDBpredigft in Wort und Tat. 

und die Behauptung der Auferstehung des Fleisches zu tadeln 
fand^, hat in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts missioniert, 
und sie ist zum Siege gekommen; aber hätte man sie vor Gericht 
gefordert und sie gefragt, mit welchem Rechte sie die Neuerungen 
zugelassen habe, so hätte sie antworten können: Ich bin un- 
schuldig; denn ich habe nur Keime zur Entfaltung gebracht, die 
man in mich eingesenkt hat von Beginn meines Daseins an! Den 
übrigen Religionen hat erst diese Religion den Boden entzogen, 
und ihre Religionsphilosophie hat als Eulturmacht die antike 
Philosophie ersetzt^. Aber das, was der christlichen Religion 
damals den Sieg gegeben hat, verbürgt nicht die Dauer dieses 
Siegs in der Geschichte. Diese Dauer ruht vielmehr auf den 
einfachen Elementen, auf der Predigt von dem lebendigen Gott 
als dem Vater und auf dem Bilde Jesu Christi. Sie ruht eben 
deshalb auf der Fähigkeit, jenen gesamten Synkretismus auch 
wieder abzustreifen und sich mit anderen Koeffizienten zu verbinden. 
Damit hat die Reformation den Anfang gemacht 

ovTO> xovqpog xrjv yv<ofirjv, d>g h xotg dydXfiaaiv irdov olxsTr voiii^siv tovs ^scvg, 
noXX^ xa&OQiOTSQOv elxev ttjv eyvotctp tov morevortog, Sxi elf xfjv yaotiga Mclqios 
Tfjg noQ^ivov eiaidv to ^eioy, iußgvöv xe fyivexo xat xex^ev iastoQyavd}^, fisaxor 
aTfiaxog x^6^^ ^<** X^^^^ ^^* ^^ ^* 7ioXX(p xovxoir dxoxa}xegov. 

*) Schon die Obereinsiimmangen zwischen Celans nnd Origenes sind 
frappant nnd lehrreich, obschon Celsus keine religiöse Natnr war; viel frap- 
panter noch sind die Obereinstimmungen zwischen Porphyrius und den orien- 
talischen Kirchenlehrern seiner Zeit. Die scharfsinnige, an vielen Punkten 
berechtigte Kritik des Porphyrius an den Evangelien (namentlich dem vierten) 
und an dem ihm so unsympathischen Apostel Paulus kann darüber nicht 
täuschen, daß er, abgesehen von jenen oben genannten drei Punkten, mit 
den Christen wesentlich einer Meinung war und in derselben religiösen 
Stimmung lebte. Der Hauptpunkt der Differenz war, daß er mit der Gottheit 
auch das Weltganze ehrftlrchtig umfaßte und die Gottheit nicht von ihm 
abtrennte, obgleich er „den befleckten Rock des Fleisches" ebenso haßte wie 
die christlichen Lehrer. 

*) Vgl. die von Heinrici, Das Urchristentum (1902) S. 3, aufgeworfene 
Frage. 



Digitized by 



Google 



Drittes Buch. 

Die Missionare; 
Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Erstes Kapitel. 

Die christlichen Missionare (Apostel, Evangelisten, 
Propheten, bez. Lehrer; nicht berufsmäßige Missionare). 

1. 

Bevor wir in die eigentliche Untersuchung eintreten, sei eine 
kurze Übersicht über den Gebrauch des Wortes „Apostel" im 
weiteren und engeren Sinne in den ältesten christlichen Schriften 
vorausgestellt ^. 

(1) Bei Matthäus, Marcus und Johannes ist „Apostel" kein 
besonderer und auszeichnender Name für den engeren Jüngerkreis 
Jesu. Die Mitglieder desselben heißen vielmehr fast stets die 
„Zwölf" ^, bez. die zwölf Jünger*. Ihre Auswahl erfolgte, wie 
aus Matth. 19, 28 geschlossen werden kann, vielleicht im Blick 

') Nur um Apostel Christi handelt es sich; indessen mag doch bemerkt 
werden, daß Paulus II Cor. 8, 23 von djiöatoXoi ixxXr^aiwv gesprochen, und daß 
er den Epaphroditus, der ihm eine Spende der philippischen Gemeinde ge- 
bracht, , Apostel* der Philipper (Phil. 2,25) genannt hat. Hebr. 3, 1 wird 
Jesus «Apostel*^ und Hohepriester unseres Bekenntnisses genannt. In Joh. 13, 16 
ist „Apostel* nur als Beispiel gebraucht: ovx ioxiv dovXog f^isiCtov jov xvqIov 
avtoO, ovSe &jt6o%oXog /ui^ayv rov siifitparxog avxöv. — Literatur: s. meine Aus- 
gabe der Lehre der 12 Apostel in den Texten u. Unters. Bd. 2, 1884, Lehr- 
buch der Dogmengesch. 1», 1894, S. 153 ff. Seufert, Der Ursprung und die 
Bedeutung des Apostolats in d. christl. Kirche, 1887. Weizsäcker, Apostol. 
Zeitalter, 2. Aufl., 1892, vv. IL Zahn, Skizzen aus dem Leben der alten 
Kirche, 2. Aufl., 1898, S. 383. Haupt, Zum Verstandnisse des Apostolats im 
N.T., 1896. Wernle. Die Anf&ngeunsrer Religion, 2. Aufl., 1904. Monnier, 
La notion de TApostoIat des origines ä. Ir^n^e, 1903. 

«) Matth. 10,5; 20, 17; 26, 14. 47; Marc. (3,14); 4, 10; 6,7; 9,35; 10,32; 
11, 11; 14, 10. 17. 20. 43; Joh. 6, 67. 70. 71; 20, 24. 

») Matth. 10, 1; 11, 1; 26,20. — Hierher sind auch die Falle zu rechnen, 
in denen sie »die Elf* (Marc. 16,14), bez. „die elf Jünger* genannt werden 
(Matth. 28, 16). 



Digitized by 



Google 



268 ^i^ Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

auf die zwölf Stämme Israels K Die Tatsache der Auswahl selbst ist 
m. E. historisch, ebenso wahrscheinlich die Überiiefenmg, daß 
Jesus sie bereits bei seinen Lebzeiten einmal zur Verkündigung 
des Evangeliums ausgesandt und mit unter diesem Gesichtspunkt 
erwählt hat. Dennoch sah man in der Urgemeinde ihre besondere 
Würde nicht darin, daß sie Apostel, sondern daß sie die zwölf 
(von Jesus erwählten) Jünger waren. Bei Johannes heißen sie 
niemals die Apostel^, bei Matthäus scheinbar einmal „die zwölf 
Apostel" (10, 2)^; doch ist das Korrektur; Syrus Sinait. schreibt 
„tfünger'*. Marcus schreibt einmal (6, 30) „die Apostel", aber im 
Zusammenhang der Erzählung von ihrer zeitweisen Missionstätig- 
keit z. Z. Jesu. Alle drei Evangelisten kennen also das Wort 
„Apostel" als Bezeichnung der Zwölfe nicht; es gibt nur einen 
Fall, in welchem ad hoc das Wort auf sie angewendet wird^ 

(2) Anders steht es bei Paulus; er braucht den Terminus „die 
Zwölfe" niemals — denn I Cor. 15, 5 gibt er eine Formel der Ur- 
gemeinde wieder* — , sondern er braucht ausschließlich den Begriff 
„Apostel"; aber sein Sprachgebrauch ist hier nicht eindeutig: 

(a) er nennt sich selbst Apostel Jesu Christi und legt darauf, 
daß er es ist, das höchste Gewicht*. Geworden ist er es so, wie 

*) Ausdrücklich sagt dies Bamabas ; ep. 8 : ovaiv dexadvo elg /iOQWQior 
TÖJv q>vkcjv Su iß' od qwlai tov 'lagai^L 

') Eine merkwürdige Tatsache! In den Johannesbriefen kommt , Apostel* 
überhaupt nicht vor. Indessen sind diese Briefe von einem Manne geschrieben, 
der — wer es auch immer sei — apostolische Rechte Über eine Mehrzahl 
von Gemeinden in Anspruch nahm und ausübte. Das ist namentlich nach 
dem 3. Briefe deutlich (s. meine Abhandlung in dem 15. Bd. der .Texte u. 
Unters.", Heft 3). Näheres darüber wird unten folgen. 

•) Also nicht einfach „die Apostel*. Der Ausdruck »die zwölf Apostel* 
findet sich sonst nur noch Apok. 21, 14. Auch hier ist «Zwölf* nicht müßig; 
denn die Apokalypse befolgt einen weiteren Sprachgebrauch in bezug auf 
Apostel (s. u.). 

*) Es wird dem ursprünglichen Sachverhalt entsprechen, wenn es Marc. 3, 14 
heißt: htolrjosv Stodsxa tva c5a«v fisx' airrov x€u tva obtoatiXXjj avxovg xtiQVü- 
aeir xal ix^ir i^ovaiav ixßdXXetv xä douftdvia. Die Aussendung (innerhalb 
Israels) wird von Anfang an ein Zweck der Auswahl gewesen sein; s. auch 
das Wort von den „Menschenfischem" Marc. 1, 17. — Zu achten ist übrigens 
in diesem Zusammenhang auch auf die Stellen in den Evangelien, in denen 
djvooriXXeiv gebraucht wird, d. h. wo Jesus es von seiner Sendung braucht 
und von den Jüngern, die er sendet, s. besonders Job. 20, 21 : xa^g iaihxaX' 
xiv fis 6 TtatriQf xdyo} nifjui<o vftäg. 

*) Man könnte aus dem Fehlen der „Zwölf bei Paulus schließen, daß 
der Begriff überhaupt erst jung sei (trotz der Evangelien); aber eben I Cor. 15, 5 
beweist das Gegenteil. 

*) S. den Eingang aller Paulusbriefe außer I und II Thess. , Philipp., 
Philem. Dazu Rom. 1,5; 11,13; I Cor. 4, 9; 9, Iff.; 15,9; II Cor. 12. 12; 
Galat. 1, 17; (2, 8). In bezug auf I Cor. 4, 9 (doxöi, 6 ^eog ^ftäs xovq asioczö- 
Xovg iaxdtovg aniÖBi^sv (bg im^vaxlovg) kann man schwanken, ob saxdxovg 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 269 

man es allein werden kann, nämlich durch Gott (bez. Christus); 
er hat ihn berufen und ihm den Apostolat gegeben^; erwiesen 
ist dieser Apostolat durch das Werk, welches er geleistet hat, und 
wie er es geleistet hat^. 

(b) Apostel sind auch seine Mitmissionare wie Bamabas und 
Silvanus, nicht aber seine ihn unterstützenden Schüler wie Timotheus 
und Sosthenes*. 

(c) Apostel sind auch andere, z. B. wahrscheinlich Andronicus 
und Junias^; ja der Begriff läßt eine feste Abgeschlossenheit 
überhaupt nicht zu; denn wie Gott Propheten und Lehrer „in die 
Kirche stellt", so stellt er auch Apostel als den ersten Stand in 
dieselbe^; diese charismatischen Berufsstände sind numerisch unbe- 
schränkt, denn sie folgen dem Bedürfnis, wie Gott es erkennt. 
Zum Apostolat gehören, außer der Berufung durch Christus bez. 
Gott (s. o.), beglaubigende Wundertaten • und ein Werk'' (sowie 

attributivisch zu ojioaxökovg zu ziehen ist oder prädikativisch; ich ziehe jenes 
vor (s. I Cor. 15, 8f.\ und es ist mir daher v^ahrscheinlich, daß die 1. Person 
Plur. hier schriftstellerischer Plural ist. 

*) Gal. 1, IfF.; Rom. 1, 5 ßXdßofuv x^Q^^ ^^^ djtoatoXrjv) ; ob iXdßojuev 
wirklicher Plural ist, und welche Apostel in diesem Fall miteingeschlossen 
sind, ist schwer zu sagen. 

») I Cor. 9, 1. 2; 15, 9flF.; II Cor. 12, 12; Gal. 1. 2. 

*) Bamabas als Apostel folgt aus I Cor. 9, 4fr. und Gal. 2,9, Silvanus 
sehr wahrscheinlich aus 1 Thess. 2, 7. In den Thessalonicherbriefen (Adresse) 
und im Philipperbrief (Adresse) nennt sich Paulus selbst nicht Apostel, weil 
er sich mit Timotheus enge zusammen nennt, der niemals „Apostel" heißt 
(I Thess. 2, 7 braucht nicht auf ihn bezogen zu werden). Wenn diesem 
II Tim. 4, 5 das Werk eines , Evangelisten" zugeschrieben wird, so ist das 
also ganz korrekt. Auch Apollo heißt niemals Apostel. — Zu evayyeXtatijg 
ist zu bemerken, daß es außer im II. Timotheusbrief im Neuen Testament 
noch zweimal vorkommt, nämlich in der Wirquelle der Apostelgeschichte 
(Act. 21, 8 heißt der Siebenmann Philippus so) und Ephes. 4, 11 (hier sind 
Evangelisten neben Aposteln wohl deshalb genannt, weil der Brief an solche 
Gemeinden gerichtet ist, die nicht von Paulus, sondern von nicht -aposto- 
lischen Missionaren gegründet worden waren; so ist auch im Hebräerbrief 2, S 
das Wort «Apostel** vermieden [dafür steht oi dxovaavreg seil, roy xvqiov], 
weil die Adressaten ihren Christenstand nicht von Aposteln erhalten hatten). 

*) Rom. 16, 7 (iniarjfioi h xoig cutoöTÖXois, oT xai jiqo i/iov yiyovav h 
Xqujx^); h ist wahrscheinlicher mit «unter** als mit »bei* zu übersetzen (mit 
Lightfoot gegen Zahn), weil im letzteren Fall der Zusatz ziemlich müßig 
wäre und auch der Umfang des Begriffs ol djtöaxoXoi undurchsichtig. Ist «^*^ 
mit «bei** zu übersetzen, so ist unsre Stelle den Zeugnissen zuzuordnen, in 
denen ol djtöaxoXoi die ürapostel sind; denn das ist in diesem Fall die ein« 
lachste Deutung des Wortes. Das o7 bezieht sich jedenfalls auf Andronicus 
und Junias und nicht auf djtoaröXoig. 

») I Cor. 12, 28 f.; Ephes. 4, 11. Auch Ephes. 2, 20 und 3, 5 können nicht 
die sog. ürapostel ausschließlich verstanden werden; sonst würde sich Paulus, 
hier ja selbst desavouieren. 

•) II Cor. 12, 12. — ') I Cor. 9, 1. 2. 



Digitized by 



Google 



270 ^^^ Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

besondere Rechte)^. Wer dies aufweisen kann, ist Apostel. Auch 
die Polemik gegen PseudoaposteP und „Überapostel^ * beweist, 
daß der Begriff „Apostel^ dem Paulus kein numerisch abge- 
schlossener ist, sonst müßte die Polemik anders gestaltet sein. 
Endlich zeigt die Stelle I Cor. 1 5, 7 vgl. mit v. 5 aufs klarste, daß 
Paulus von den Zwölfen einen weiteren Kreis von Aposteln unter- 
scheidet und zwar schon für die früheste Zeit und Palästina^. 

(d) Aber Apostel ist einer zunächst und im strengen Sinn 
nur für die, bei denen er wirkt*, und auch die chronologische 
Reihenfolge der zum Apostolat Berufenen ist nicht gleichgültig^. 
Als die ältesten Apostel haben die von Jesus bei Lebzeiten 
berufenen Zwölf zu gelten''; sie, ihre Qualitäten und Funk- 
tionen sind vorbildlich und maßgebend für die späteren Apostel. 
Also treten die Zwölf und zwar als Apostel in den 
Vordergrund. Paulus hat sie als Apostel in den Vordergnmd 
geschoben. Um die Würde seines eigenen Amtes in das rechte 
Licht zu stellen, hat er jene unter den Gesichtspunkt des Ur- 
apostolats gestellt (und die persönliche Jüngerschaft derselben 
terminologisch zurücktreten lassen) ; er hat sie also damit erhoben 
über alle anderen Apostel, aber doch nicht höher gehoben als 
auf die Stufe, die er selbst in Anspruch nahm. Daß die Zwölfe 
fortan in der Geschichte als die zwölf Apostel, ja als die Apostel 
gelten, das hat Paulus begründet, und er hat es begründet — 
paradox genug — , um seine eigene Bedeutung zu fixieren. Aber 
sicher hat er es noch nicht herausgearbeitet; er konnte und woUte 
ja den allgemeineren Begriff des Apostolats nicht aufheben. So 
finden wir die Beschränkung des Begriffs ^Apostel" auf die Zwölf 



') Aus I Cor. 9, 1 läßt sich nicht — wenigstens nicht mit höherer Wahr- 
scheinlichkeit — schließen, daß man den Herrn gesehen haben müsse, nm 
als Apostel auftreten zn können. Die vier Aussagen sind steigernde (ovx slfu 
iXev^SQog; ovx slftl djt6axoXog; ovxi 'iTjaovv x6v xvqiov ^ft&v iögoxa; ov tö 
igyov fwv vfuXg iats h xvqI(^) ^ wie das Verhältnis der zweiten zur ersten 
beweist. Daß die dritte und vierte Aussage die zweite beglaubigen 
sollen, ist klar; daß sie aber eine schlechthin notwendige Beglaubigung 
enthalten, ist zweifelhaft. 

») II Cor. 11, 13. - ») II Cor. 11, 5; 12, 11. 

♦) S. Origen., Homil. in Num. XXVII, 11 (t. 10 p. 353 Lomm.): ,In quo 
apostolus ostendit [seil. I Cor. 15, 7] esse et alios apostolos exceptis illis 
duodecim". 

*) I Cor. 9, 2 und Qal. 2 (Juden- und Heidenapostolat), s. auch Röm. 11, 13: 
i^öjv djtdGxoXog^ Petrus hat (Gal. 2 , 8) die cüiootoXti t. jisQiTOfiijg. Ideell ge- 
nommen gibt es nur einen Apostolat, weil es nur eine Kirche gibt, aber 
die konkreten Aufgaben der Apostel sind verschieden. 

•) Röm. 16, 7. 

') Der Apostolat ist der vornehmste Stand (I Cor. 12, 28); also muß 
auch an den Zwölf- Jüngern das das Vornehmste sein, daß sie Apostel sind. 



Digitized by 



Google 



Die chrietlichen Missionare. 271 

auch nur zweimal — und selbst da nicht ganz sicher — bei Paulus ^, 
nämlich im ersten Kapitel des Galaterbriefs und I Cor. 9, 5. 
Gal. 1, 17 ist von ol ngd ifxov äjtöaroXoi die Rede, und darunter 
sind aller Wahrscheinlickeit nach die Zwölfe ausschließlich zu ver- 
stehen; doch zeigt der folgende Satz (1,19): hegov rä)v änoaröXwv 
ovx eldov el /irj 'läxcoßov x6v ädeiipdv tov hvqIov^ daß es Paulus 
nicht an einer starren Einschränkung des Begriffs gelegen ist. 
I Cor. 9, 5 liest man: /i^ ovx Ixofxxy i^ovolav ädehpriv yvvaXxa 
TieQidyeiv, cbg xal ol Xomoi indoxoloi xal ol ädeXtpol tov xvqIov xai 
Krj(pag; Die Zusammenordnung der lomcav änooröXwv mit den 
Hermbrüdem macht es sehr wahrscheinlich, daß er hier bei den 
„Aposteln" ausschließlich an die Zwölfe und nicht an aUe vor- 
handenen Apostel gedacht hat. Ergebnis: Paulus hält den weiteren 
Apostelbegriff fest, aber die zwölf Jünger sind ihm der Urstock 
des Apostolats. 

(3) Der Sprachgebrauch des Lucas ist sowohl durch den der 
ältesten Zeit (synoptische Tradition) als durch den nachpaulinischen 
bestimmt. Jenem folgend nennt er die vertrauten Jünger Jesu 
„die Zwölf *^ (bez. „die Elf")^, diesem nachgebend nennt er sie 
in der Apostelgeschichte fast überall einfach „die Apostel '* — 
als gebe es überhaupt keine anderen* — und erzählt im Evan- 
gelium, Jesus selbst habe sie Apostel genannt'. Demgemäß nennt 
er sie auch im Evangelium ein paarmal „die Apostel"^. Man ist 
demnach geneigt, den Satz aufzustellen, Lucas kenne keine anderen 
Apostel als die Zwölfe oder wolle keine anderen kennen; allein 
das wäre vorschnell; denn c. 14, 4. 14 wird nicht nur Paulus, son- 
dern auch Bamabas als Apostel bezeichnet. Man sieht — der 

') Abgesehen von 1 Cor. 15, 7 (vgl. mit v. 5), wo die Zwölf als der 
Urstock der Apostel erscheinen, und vielleicht von Rom. 16, 7 (s. S. 269 An- 
merk. 4) nnd 1, 5. 

») Luc. 8, 1; 9, 1. 12; 18, 81; 22, 3. 47. Act. 6, 2 (also nur einmal in der 
Apostelgeschichte werden sie so genannt; mir scheint, daß Lucas hier einer 
ausgezeichneten Quelle folgt). 

») Luc. 24, 9. 33 (cf. Act. 2, 14: IlhQog ovv toTg §v6exa\, 

*) Act. 1, 2; 2, 37. 42. 43; 4, 33. 35. 36. 37; 5, 2. 12, 18. 29. 40; 6, 6; 8, 1. 
14.18; 9,27; 11,1; 15,2.4.6.22.23; 16,4. In den späteren Kapiteln des 
Buchs konmit das Wort „Apostel' überhaupt nicht mehr vor. Einmal 
(Act. 1, 26) findet sich auch der Ausdruck „ol hdsxa dnöaroXoi". 

») Luc. 6, 13. 

•) Luc. 9, 10; 17, 5; 22, 14; 24, 10. Das Petrusevangelium ist vorsich- 
tiger; es spricht von /la^xoU (v. 30), bez. von oi da>dexa fAo&rixal (v. 59), nie- 
mals aber von iatdaxoXot. Ebenso schreibt die Petrusapokalypse (v. 5): ^fuTg 
ol ^(odexa fia^tai. 

^) Die Apostel wttrde des Bamabas steht also nach Paulus (s. o.) und 
Lucas fest. — In bezug auf die 70 Jünger hat Lucas wohl von einem Suto- 
ütiXletv gesprochen und sie in Rücksicht auf die zwölf Apostel ,70 andere*. 



Digitized by 



Google 



272 Die Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Sprachgebrauch ist doch noch nicht völlig fixiert. Auffallend bleibt 
es immerhin, daß Paulus nur bei einer Gelegenheit im ganzen 
Buch „Apostel'' genannt ist. Unter die Beschreibung der Qualitäten 
des Apostolats, den Lucas Act. l, 21 ff. im Auge hat — diese 
Beschreibung ist für die Folgezeit mehr und mehr maßgebend 
geworden — fallt Paulus nicht ^- Also kann er für Lucas nur ein 
Apostel im weiteren Sinn gewesen sein. 

(4) In der Johannes- Apokalypse wird von solchen gesprochen 
(2, 2), die sich selbst Apostel nennen und es nicht sind * ; vor- 
ausgesetzt also ist, daß sie es sein könnten; man sieht, daß der 
Verfasser den weiteren (ursprünglichen) Apostelbegriff befolgt. 
Die Stelle 18, 20 ist mindestens nicht dagegen^ und ebensowenig 
die Stelle 21, 14 (s. o.), wenn auch die Zwölfe hier als Apostel 
allein genannt sind und die Aussage mit ihrem symbolischen 
Charakter gewiß viel dazu beigetragen hat, dem engeren Apostel- 
begriff zum Siege zu verhelfen. 

(5) Im I. und 11. Petrusbrief (1, 1) ist Petrus als Apostel Jesu 
Christi bezeichnet. Jud. 17 und II Pet. 3, 2 (tä ^ij/uata tä ngo- 
eiQtjjLiiva inb xcbv äjioaröXcov tov hvqiov fjficbv */. Xq., bez. xä 
TtQOEiQtjfjtiva ^TfixaTa inb xcbv äyicov 7tQoq)rjx(ov xal ff xtbv tmoGxoXiov 
vfjLOiv hxolfj xov xvqIov xal ocoxrjQog) sind an der zweiten Stelle 
sicher, an der ersten sehr wahrscheinlich nur die zwölf Jünger 
zu verstehen. 

(6) Daß der I. Clemensbrief unter „Apostel" nur die Urapostel 
und Paulus versteht, folgt ganz deutlich aus c. 42, 1 ff. (die Apostel 
waren schon vor der Auferstehung erwählt) und 47, 4 (an letzterer 
Stelle wird Apollo als ävrjQ dsdoxijuaofievog naq äTtooxöXoig von 
diesen bestimmt unterschieden) ; sonst siehe noch c. 5, 3 imd 44, 1 . 
Über die Vorstellung des Clemens vom Apostolat siehe später. 
Der Barnabasbrief spricht c. 5, 9 von der Erwählung der Idioi änd- 
axoXoi durch den Herrn, scheint also noch andere Apostel zu 



aber nicht rund Apostel genannt. Irenäus (11,21, 1), TertuUian (adv. Marc. IV, 24), 
Origenes (zu Köm. 16, 7) u. a. aber haben sie als Apostel bezeichnet, und 
Personen, deren Zugehörigkeit zn den Siebzig man vermutete, wurden auch 
später noch Apostel genannt. 

^) Der zn wShlende Apostel soll mit Jesus von der Johannestaufe an 
gewandelt haben bis zur Himmelfahrt und Zeuge der Auferstehung sein, 
8. auch Luc. 24, 48; Act. 1, 8. Dieser Apostelbegriff wird allmählich den ur- 
sprünglichen gänzlich verdrängen, Paulus aber dennoch die Apostelwflrde 
als eine Ausnahme behalten. 

*) Vgl. oben die Verurteilung falscher Apostel bei Paulus. 

■) EvfpQoivov ovgavk xai oi ayioi xal ol obtoaxoXoi xai ol jrQo<pr}xai. Zu- 
sammenstellung mit den alttestamentlichen Propheten auch Luc. 11, 49; 
II Petr. 3, 2. Doch ist es sehr möglich, daß an unserer Stelle christliche 
Propheten gemeint sind, wie Ephes. 2, 20; 3, 5; 4, 11. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 273 

kennen; c. 8, 3 spricht er nur von den Zwölfen, „die uns die 
Sündenvergebung als frohe Botschaft verkündigt^ und die Kom- 
petenz des Evangeliums, es zu predigen, erhalten haben", ohne 
sie ausdrücklich Apostel zu nennen^. Daß das Eerygma Petri, 
wo es von den Aposteln spricht, nur die Zwölfe im Sinne hat, 
ist, da es sich als wirkliche Petrusschrift ausgibt, selbstver- 
ständlich ^. 

(7) Die Stelle Sim. IX, 17, 1 läßt es zweifelhaft, ob Hermas 
unter den Aposteln die Zwölfe oder einen weiteren Kreis ver- 
standen hat. Allein die vier übrigen Stellen, an denen in dem 
Buche Apostel vorkommen (Vis. IH, 5, 1; Sim. IX, 15, 4; 15, 5; 
25, 2), machen es ganz deutlich, daß der Verfasser auschließlich 
einen weiteren, wenn auch, wie es scheint, festen Kreis im Auge 
hat und den Zwölfen dabei keine besondere Beachtung schenkt 
(siehe darüber und über die Zusammenordnung von Aposteln, 
Bischöfen, Lehrern und Diakonen, bez. Aposteln und Lehrern, 
später). Ebenso hat die Didache ausschließlich einen weiteren 
Kreis von Aposteln im Sinn; sie will zwar selbst, wie die Auf- 
schrift lehrt, eine didaxij xvqIov diä twv iß äjioaxdXcov sein, aber 
eben diese Aufschrift deutet bereits durch die Hinzufügung der 
Zahl an, daß das Buch noch andere Apostel kennt, und es handelt 
auch c. 11, 3 — 6 ausschließlich von Aposteln im weiteren Sinn 
(Näheres siehe später). 

(8) In dem Dutzend von Stellen, an denen bei Ignatius das 
Wort Apostel vorkommt, findet sich keine einzige, die einen 
weiteren Gebrauch des Worts wahrscheinlich macht, dagegen 
mehrere, an denen nur die Beziehung auf die XJrapostel möglich 
ist. Also ist zu urteilen, daß Ignatius unter Apostel lediglich die 
Zwölfe und Paulus (s. Rom. 4, 3) verstanden hat*. Unsicherer ist 
die Entscheidung bei Polycarp (ep. 6, 3; 8, 1); doch wird es bei 
ihm schwerlich anders stehen als bei Ignatius. Seine Gemeinde 
hat ihm aber das Prädikat eines ^apostolischen und prophetischen 
Lehrers" beigelegt (Ep. Smym. 16, 2). 

*) Ol QavtC^omBg naXÖBg ol tvayyeXiadfievoi rjfiTv ttjy äqfsaiv dfiOQUcüv xal 
Tcv dYvtöfiov Tfjg xagSlag, olg idcoxev tov eiayysUov xfjv i^ovöiav — ovotv 
Sexadvo eh fiaQxvQiov x(ov (pvlcäv, ort dexadvo (pvXai tov ^loQarjX — elg xo 
Htjgvoaeiv. 

*) Das ist aber nach c. 5, 9 bloßer Zufall. 

*) S. Dobschütz in den Texten u. Unters. XI, 1. Jesns spricht in 
diesem Eerygma: 'E^eXe^dfirjv Ifiäs Scodsxa /ia^ijxdg XQlvaq d^Covg e/iov xat 
djfOoxdXovg ntaxovg i^adfjuvog elvai, nifistmv ijti xov xdofiov evayyeXioaa^i 
Tovg xaxd xijv olxovfihrjv dv^Qwnovg xxX. 

*) Ignatius lehnt an mehreren Stellen die apostolische Würde von sich 
ab: das ist immerhin ein Beweis dafür, daß die Möglichkeit bestand, ein 
Nicht-Ürapostel könne doch ein Apostel sein. 

Harnack, Mission. 2. Aufl. 18 



Digitized by 



Google 



274 Die Missionare ; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Diese Übersicht über den ältesten öebrauch des Wortes 
^ Apostel^ zeigt, daß eine doppelte Auffassung nebeneinander 
gestanden hat, daß aber die engere siegreich vordrangt. 

2. 

Noch eine zweite Voruntersuchung ist nötig, bevor wir zu 
dem Thema dieses Kapitels übergehen können: Apostel, Pro- 
pheten und Lehrer werden wir als die christlichen Missionare bez. 
als die Prediger kennen lernen; es fragt sich, ob sich diese 
Trias aus dem Judentum erklären läßt. 

Die Ableitung aus dem Judentum hat jedenfalls daran ihre 
Schranke, daß die drei Stände dort keine Trias gebildet haben, 
während die feste Zusammenordnung für das Urchristentum 
charakteristisch ist. Im einzelnen ist über jeden dieser Stände 
folgendes zu bemerken. 

(1) Apostel*. Jüdische Beamte unter diesem Namen kennen 
wir erst seit der Zerstörung des Tempels und der Einrichtung des 
palästinensischen Patriarchats; aUein es ist ganz unwahrscheinlich, 
daß es vorher keine „Apostel" gegeben hat; nach dem Auftreten 
der christlichen Apostel werden die Juden schwerlich sich Beamte 
mit dem Namen „Apostel" geschaffen haben. Die Sache — autori- 
tative Beamte, welche die Geldzahlungen für den Tempel in der 
Diaspora einzogen und die Beziehungen der Gemeinden mit Jeru- 
salem und untereinander aufrecht erhielten — war jedenfalls da, 
und gewiß auch der Name^. Die Gegenmaßregeln gegen die christ- 
liche Mission, die von Jerusalem aus ganz systematisch schon zur 
Zeit des Paulus betrieben worden sind, sind nach Justin (Dial. 17. 
108. 117) von den Hohenpriestern und Lehrern ausgegangen; sie 
haben Männer (ävögag xeiQoxovrjaavteg ixXexrovg) in alle Welt ge- 



') Daß andere Personen als die biblischen Apostel oder die in der Bibel 
^Apostel* genannten noch als «Apostel* bezeichnet werden, wird im Laufe 
des 2. Jahrhunderts immer seltener. Clemens Romanos ist von Clemens Alex, 
so genannt worden (Strom. lY, 17, 105) ; auch Quadratus heißt einmal Apostel. 

*) Der klassische (attische), sehr eingeschränkte Gebrauch des Worts ist 
bekannt (Herod. 1,21, Y. 88: ein Abgesandter; Hesychius: dxöcrolos' ütQcmjyog 
xaxä nXovv ne/jutS/nevog), In der LXX kommt das Wort nur I Eon. 14, 6 vor 
(der Prophet Ahia wird so genannt; im Hebräischen steht mbn^). Justin muß 
sich auf djtoatiXXetv berufen, um zu beweisen, daß die Propheten im Alten 
Testament dnöazoXot heißen (Dial. 75). Josephus nennt den Yarus, das Haupt 
einer jüdischen Gesandtschaft, die nach Rom ging, „dnöoroXo^ avt&v" 
(Antiq. XYII, 11, 1). Der klassische Sprachgebrauch erklärt den jüdisch- 
christlichen nicht. Also ist es wahrscheinlich, daß dnöoToXog auf jüdischem 
Boden die technische Bedeutung .der Gesandte" erhalten hat. 

») Hätte Paulus II Cor. 8, 23 und Philipp. 2, 25 von ,Apostehi* ge- 
sprochen, wenn das Judentum keine Apostel gekannt hätte? 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 275 

«andt, die den wahren Bericht über Jesus und seine Jünger geben 
fioUten, also ^Apostel" ^, bez. sie haben die den Verkehr Jerusalems 
mit der Diaspora aufrecht erhaltenden „Apostel" mit jener Auf- 
gabe betraut*. 

Daß wir die von Justin gekennzeichneten und auserwählten 
Männer mit den „Aposteln" zu identifizieren haben, das bezeugt 
uns Eusebius (in Jes. 18, 1 f.). Die Stelle ist bereits oben (S. 51) 
abgedruckt worden, mag hier aber um ihrer Wichtigkeit willen 
noch einmal stehen: svQo/uev h xoig xwv naXaiojv ovyyQd/uinaoiv, 
<bg ol rfjv 'leQovoaXrj/i obcovvceg xov xojv *Iovdalo)v i&vovg legelg xai 
jiQeaßvxcQOi ygä/i/iaxa diaxaqd^avxeg elg juivxa diejii/uyjavxo xd li9vi] 
xöig änavxaxov 'lovdaloig diaßdXXovxeg xrjv Xqioxov didaonXlav d>g 
<itQ€Oiv Haivijv xal älXoxgiav xov ^eov, naQtjyyeXkov xe di buaxoX&v 
jAti Ttagadi^ao^ai airxi^v . . . . ot xe dndaxokoi avxatv buaxoldg 
ßißUvag HO/ju^6fjievoi^ . . . äjiavxaxov yqg dihgexov, x6v 71€qI xov 
oün^Qog fjfJLcav hdiaßdXlovxeg l6yov, dnoaxdkovg ik elohi xal 
vvv [also war es keine neue Institution] ^og ioxlv ^lovdaloig ovo- 
jLidCsiv xovg iyxvxXux ygd/ijLiaxa nagd xcav dgxdvxcov avxaw intxoßi^ 
^ofAhovg, Bei den jüdischen „Aposteln" seiner Zeit hebt also 
Eusebius als Hauptfunktion diese hervor, daß sie enzyklische brief- 
liche Anweisungen von der Zentralstelle aus in die Diaspora zu 
tragen haben. Es ist nicht verwunderlich, daß in dem Rechtsbuch 
{Theodosianus CodexXVI, 8, 14) eine andere Seite hervorgehoben 
wird : „Superstitionis indignae est, ut archisynagogi sive presbyteri 
Judaeorum vel quos ipsi apostolos vocant, qui ad exigendum 
aurum atque argentum a patriarcha certo tempore diriguntur etc." 
Dieselbe Seite hebt, wie der Zusammenhang lehrt, Julian, ep. 25 
{Hertlein p. 513) hervor, indem er von der Xeyo/uUvrj naq' ifuv 
dnoaxolri spricht. Hieronymus (ad Gal. 1,1) sagt nur: „Üsque hodie 
a patriarchis Judaeorum apostolos mitti". Sehr viel mehr erfahren 
wir von Epiphanius; er spricht haer. 30, 4 von einem gewissen 
Joseph und schreibt: ovxog xa>v naq avxoTg d^t(Oßiaxixd)v dvdq&v 
iyaQt&jüuog ^v, elal dk ovxoi juietd xbv naxQtdQxrjv dndoxoXoi xodov- 
jievoh nQoaeÖQevovai dh xcp naxQidQXJl xal avv axncp noXXAxig xal 

*) Die Stellen sind oben (S. 51) abgedruckt. Das ;ifffißoro»^aavTe5 weist 
anf den «Apostolat*, s. Act. 13, 3. 

*) Über diesen Verkehr s. u. a. Act. 28, 21: ovxs ygäfifiata juqI oov 
-idiSa/u^ djt6 i^ff lovSaias — sagen die römischen Jnden in bezug auf 
Panlus — oCte naQayev6fitv6g xig r&v &deXq>c^ amiyystXsv. Hierher gehören 
auch die II Cor. 3, 1 erwähnten hiKnoXai avotaxtxal. 

•) Bezieht sich auf Jes. 18, 1. 2, wo die LXX lesen: wal . . . <J imo- 
ariXXiov h Miaaoji SfiijQa xai htiaroXäs ßißXlvag htdvco tov vöatog, wo aber 
Symmachus ftir Sfiriga vielmehr djtoaröXovs bietet. Eusebius bezieht also 
diese Stelle auf die falschen jüdischen .Apostel*, die Worte nogsvoortat yciQ 
^yysXoi xovqfoi xtX. auf die wahren Apostel. 

18* 



Digitized by 



Google 



276 I^e Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Iv wxxl xal h ^J^Q9^ cvrexoK didyovoi, diä t6 (w/ißovXeveir xal 
dvaq)iQ€iv avx^ rä xard rdr vo/wv, und c. 11 erzählt er, wann 
dieser Joseph „Apostel" geworden sei (die ehcagTila jijg änoorolrjg 
erhalten habe), und föhrt dann fort: xal juiet' bwnoi/äv oinog 
AnoorUXetcu elg rijv KJJx(ov yrjr. Sg dyeX&div htaoe &Ji6 ixdartjg 
TtöleoDg Ttjg KiXtxiag rd buiixaxa xal x&g inagxdg naga r&r h rfj 
iTiüQx^ 'lovdatayv dohtQaxTev .... ijiel oSv, 61a äjidoToHog (ovrwg 
yäg naQ avtolg, (bg ^ptjv, t6 ä^Uofxa xalehai), i/Lißgi^eciarog xal 
xa^agevcop irji&ey rd dg xardotaaiv evro/uUag, ovxoyg inireXeTr 
nQoßaXXöjiievog, nolXovg tcov xaxcav xaxaaxa&ivx(ov ägxiovva^ 
ydyf<ü¥ xaL Ugianf xal TtQsoßvxeQoyv xal ä^avn&y . . . xa&aiQcäv xe 
xal juietaxivdw xov i^mfjurtog vnb noU&v hacatmo xxL 

Faßt man diese Funktionen der „Apostel" zusammen^, so 
ergibt sich, (1) sie waren geweihte Personen und nahmen einen 
sehr hohen Rang ein, (2) sie wurden abgesandt in die Diaspora, 
um den Tribut für die Zentralstelle einzuholen, (3) sie brachten 
enzyklische Briefe dorthin, hielten den Zusammenhang mit dem 
Mittelpunkt aufrecht, berichteten über die Intentionen der Zentral- 
steUe bez. des Patriarchen, hatten Ordre in bezug auf geföhrliche 
Bewegungen und sollten ihre Bekämpfung veranlassen, (4) sie 
übten in der Diaspora eine gewisse Aufsichts- und DiszipUnar- 
gewalt aus, (5) sie bildeten, in die Heimat zurückgekehrt, eine 
Art von Ratsversammlung für den Patriarchen, welche mit ihm 
über dem Gesetze wachte. 

Hiemach kann man schwerlich einen gewissen Zusammenhang 
der christlichen Apostel mit diesen jüdischen leugnen. Nicht nur 
feindlich hat Paulus und haben andere mit ihnen zu tun gehabt', 
vielmehr kommt der Institution selbst etwas Vorbildliches für den 
christlichen Apostolat zu, so groß auch wiederum die Verschieden- 
heiten sind. Sind sie nicht zu groß? Die jüdischen Apostel sind 
doch finanzielle Beamte! Nun, in dem Moment, in welchem die 
Urapostel Paulus als Apostel anerkennen, machen sie ihm auch 
eine finanzielle Auflage (öal. 2, 10) — er soll fär die jerusalemische 
Gemeinde überall in der Diaspora sammeln! Welche Bedeutung 
Paulus dieser Seite seiner Tätigkeit von da an beigelegt hat, ist 
bekannt; bildete sie doch einen Hauptgegenstand seiner unauf- 

') Inschrifblich sind die Apostel bisher einmal nachgewiesen, nämlich 
zu Venosa auf der Grabschrifl eines 14jährigen Mädchens: „quei dixerunt 
trenus duo apostuli et duo rebbites (Hirschfeld, Bullet, dell Instit di 
corrisp. archeol. 1867 p. 152). 

*) Aber ist nicht Paulus selbst, bevor er Christ wurde, ein jüdischer 
n Apostel" gewesen? Er trug Briefe gegen die Christen in die Diaspora und 
hatte sich eine gewisse Disziplinargewalt vom Hohenpriester und Synedrium 
übertragen lassen ; s. Act. 8, 2 ; 22, 4 f. ; 26, 10 f. Diese Angaben sind genau zu 
erwägen. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 277 

hörlichen Sorge, trotzdem sie ihn in die größten Widerwärtigkeiten 
und zuletzt in den Tod geführt hat. Es ist an sich nicht leicht 
verständlich, wie ihm die Urapostel gerade diese Auflage machen 
konnten und er sie ruhig hinzunehmen vermochte. Es wird aber 
verständlich, sobald man annimmt, die jerusalemische Gemeinde 
samt den Uraposteln habe sich als die christliche Zentralstelle 
betrachet und zugleich als die Vertretung des wahren Israel; eben 
deshalb habe sie den Aposteln, die sie anerkannte, eine ähnliche 
Verpflichtung auferlegt, welche den jüdischen „Aposteln** zukam, 
nämlich den „Tribut" in der Diaspora einzusammeln. Paulus wird 
das selbst wohl etwas anders aufgefaßt haben, aber daß die Ur- 
apostel es so auffaßten, ist recht wahrscheinlich. Dann aber ist 
der Zusammenhang zwischen jüdischem und christlichem Apostolat, 
der auch sonst bei aller Verschiedenheit schwerlich zu leugnen ist, 
sehr wahrscheinlich^. 

Diese Ausführungen über die jüdischen Apostel sind von Monnier^ 
a. a. 0. p. 16ff. bestritten worden. ,Pour appuyer sa th^orie, Hamack prend 
un texte de Justin, et il le fortifie par un texte d*Eus^be. Ainsi, il prouve 
Fexistence d'une Institution du premier si^cle par un texte du second, et il 
interprfete ce texte k Taide d'un ^crivain du quatrifeme! C'est trop facile.** 
Aber es ist noch leichter, hinter solch einer blendenden Abstraktion die 
Gründe verschwinden zu lassen, die es in diesem Falle gestatten und nahe 
legen, das Zeugnis des Justin durch das des Eusebius zu erläutern und 
wiederum mit jenem Zeugnis das zu verbinden, was wir über die antichrist- 
liche Mission, die von Jerusalem aus getrieben wurde, und über Pseudapostel 
im Zeitalter des Paulus wissen. Daß wir kein direktes Zeugnis dafür be- 
sitzen, daß die jüdischen Emissäre, wie Saulus einer war, im 1. Jahrhundert 
den Kamen „Gesandte" führten, habe ich nicht verschleiert. 

(2) Propheten. Die vulgäre Meinung ist, Propheten seien 
im Zeitalter Jesu und der Apostel im Judentum längst ausgestorben 
gewesen; allein das neue Testament selbst protestiert gegen diese 
irrige Ansicht. Vor allem aber ist auf Johannes den Täufer hinzu- 
weisen, der gewiß ein Prophet war und auch so bezeichnet wird, 
femer auf die Prophetin Hanna (Luc. 2, 36), auf den jüdischen 
Propheten Barjesus in Cypem bei dem Proconsul (Act. 13, 7) und 
auf die Warnungen vor Pseudopropheten^. Weiter aber: von den 
Essenern wird berichtet, daß sie die Gabe der Prophetie besessen 



') Ob auch die Johannesjünger (der engere Kreis des Täufers, der nach 
dem Bericht der Evangelien durch Fasten und besondre Gebete zusammen- 
gehalten war) „Apostel** besaßen, wissen wir nicht; sicher ist nur, daß sie 
auch in der Diaspora (vielleicht in Alexandrien Act 18, 24 flF. , jedenfalls in 
Ephesus Act. 19, 1 ff.) Anhänger hatten. Apollo ist vielleicht ursprünglich 
ein berufsmäßiger Missionar der johauneisch-täuferischen Bewegung gewesen ; 
doch ist die Apostelgeschichte in bezug auf diese ganz besonders übermalt 
und unklar. 

»; Ö. Matth. 7, 15; 24, 11. 25 (Marc. 13,22); I Joh. 4, 11; II Pet. 2, 1. 



Digitized by 



Google 



278 I^ie Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

haben*, von Theudas heißt es: j^7igo(p^Trjg iXeyev elvai^^^ ebenso 
Tom „Ägypter"*; Josephus, der Geschichtsschreiber, spielte sich 
formlich und mit Glück als Prophet Vespasian gegenüber auf*; 
Philo nannte sich einen Propheten; von jüdischen Traumdeutem 
und Zauberpropheten in der Diaspora hören wir^. Aber was mehr 
als dies alles sagen will — die Fülle der jüdischen Apokalypsen, 
Orakelsprüche und dergleichen aus jener Zeit zeigt, daß die Pro- 
phetie, weit entfernt ausgestorben zu sein, in üppigster Blüte stand^ 
und daß Propheten zahlreich waren und Anhänger und Leser 
fanden. Für sehr weite Kreise im Judentum muß es gar nichts 
Auffallendes gehabt haben, daß ein Prophet auftrat: Johannes der 
Täufer imd Jesus wurden ohne weiteres als Propheten begrüßt. 
Auch an die bevorstehende Wiederkehr alter Propheten glaubte 
man*. Der christliche Prophetismus, wie er von Anfang an erweckt 
wurde, war somit, formal betrachtet, nichts Neues, sondern eine 
Erscheinung, die sich ähnlichen und gleichzeitigen Erscheinungen 
im Judentum einfach zuordnet. Auch die hohe Schätzung der 
Propheten dort und hier ist etwas Selbstverständliches: sie sind 
ja Gottes Stimme; sind sie also als echte Propheten anerkannt, 
80 ist die Autorität ihrer Predigt und ihrer Anweisungen eine 

>) S. Josephus, Bellum I, 3, 5; II, 7, 3; II, 8, 12; Antiq. XIII, 11, 2; 
XV, 10, 5; XVII, 3, 3. 

*) Joseph.. Antiq. XX, 5, 1. 

») Act. 21, 38; Joseph., l. c. XX, 8, 6; Bellum II, 13, 5. 

♦) Bellum III, 8, 9, cf. Sueton, Vesp. 5 und Cassius Dio LXVI, 1. 

») Vgl. Hadrian , ep. ad Servian. (Vopisc, Saturn. 8). — Nicht berufen 
darf man sich natürlich auf das Evang. Pseudo-Matthaei c. 13 („et prophetae 
qui fuerant in Jerusalem dicebant hanc stellam indicare nativitatem Christi"); 
denn die Worte sind nur eine späte Paraphrase des echten Matthäus. 

*) Gewiß ist, daß die Sadducäer von Propheten nichts wissen wollten, 
und daß bei einem Teile der strengen Gesetzesbeobachter neben dem Gesetz 
nichts mehr aufkommen konnte. Daß auch die Priester und ihre Partei 
Propheten nicht gelten ließen, ist selbstverständlich. £ine halboffizielle oder 
offizielle Lehre muß es (nach dem Abschluß des Kanon) bei den Synedristen 
gewesen sein, daß die Propheten abgeschlossen seien (s. Psalm 74, 9: tä 
arjfieXa ^n<av ovx etÖofitv, ovx iaxiv hi ngofffixTig, xai fifiäg ov yvd}oexm hi und 
vgl. IMacc. 4, 46; 9,27; 14,41), und diese Überzeugung kam auch in die 
Kirche (s. Murat. Fragm.: „prophetae completo numero** u. a. St). Das Buch 
Daniel ist nicht mehr zu den Propheten gestellt worden, und die späteren 
Apokalypsen konnten überhaupt nicht mehr rezipiert werden. Die „Diadoche 
der Propheten** sei abgerissen, behauptet Josephus, gewiß eine verbreitete 
Meinung wiedergebend (c. Apion. I, 8, s. auch Euseb., h. e. III, 10,4: obto Sk 
'Agja^ig^ov ftixe^ toO xad^ tjfiäg XQ^^^ yeyQonxat fihv ixaaza , niarecDg 6' ovx 
6fioiag ri^lmxai xotg stgo avröv, 6iä to /itf yevso^ai trjv t€5v jigoqfijt&r 
axQißfj diadoxriv), Julian c. Christ. 198 C: t^ nag' 'Eßgaioig [stgoipfjTixoy 
jivevfia] ijtilutev. Allein wenn auch die Kette der „kanonischen* Propheten 
schon vor dem Auftreten Jesu abgerissen war, brauchte deshalb nicht die 
Prophetie in jedem Sinn erloschen zu sein. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 279 

unbedingte. Solchen traute man auch nicht nur Wunder zu, 
sondern hielt sie für selbstverständlich. Sogar daß ein Prophet 
durch Gottes Kraft von den Toten auferstehen könne, erschien 
glaublich: so haben Herodes und ein Teil des Volkes gemeint, 
Jesus sei der wiedererstandene Johannes der Täufer (vgl. auch 
Apoc. Joh. 11, liy. 

(3) Lehrer. Welche Bedeutung die Schriftgelehrten und 
Lehrer im jüdischen Volke, zumal in Palästina, besaßen, darüber 
braucht man kein Wort zu verlieren; aber wichtig ist es, um das 
Ansehen geschichtlich zu erklären, welches die christlichen didd^ 
axaXoi forderten und genossen, auf das Ansehen der jüdischen 
Lehrer zu verweisen. „Von seiten ihrer Schüler forderten die 
Rabbinen die unbedingteste Ehrerbietung, welche selbst die Ehr- 
furcht gegen Vater und Mutter übertreffen sollte.'' „Die Ehre 
deines Freundes grenze an die Achtung vor deinem Lehrer, und 
die Achtung für deinen Lehrer an die Ehrfurcht vor öott." „Die 
Ehrerbietung gegen den Lehrer geht der Ehrerbietung gegen den 
Vater vor; denn Sohn und Vater sind dem Lehrer Ehrerbietung 
schuldig." „Wenn jemandes Vater und Lehrer etwas verloren 
haben, so geht der Verlust des Lehrers vor; denn sein Vater hat 
ihn nur in diese Welt gebracht; sein Lehrer, der ihn Weisheit 
lehrt, bringt ihn aber zum Leben in der zukünftigen Welt. Tragen 
jemandes Vater und Lehrer Lasten, so muß er zuerst dem Lehrer 
und hernach dem Vater abhelfen. Sind Vater und Lehrer in der 
Gefangenschaft, so muß er zuerst den Lehrer loskaufen.'' Über- 
haupt machen die Rabbinen überall auf den ersten Rang An- 
spruch. „Sie lieben die ersten Plätze bei den Gastmählern und 
die ersten Sitze in den Synagogen und haben es gerne, daß sie 
gegrüßt werden auf den Märkten und von den Menschen Rabbi 
genannt werden" (Matth. 23, 6 f. cimi parall.). Auch ihre Kleidung 
war die der Vornehmen 2." 

Es sind also die drei Elemente der christlichen Trias „Apostel, 
Propheten, Lehrer" im gleichzeitigen Judentum vorhanden gewesen, 
und die Schätzung jedes einzelnen Standes war eine hohe, aber 
zusammengeordnet sind sie nicht worden (wären sie es, so hätten 
die Propheten weit voran stehen müssen). Die Zusammenordnung 
und die besondere Ausbildung des Apostolats ist ein originales 



') Sehr merkwürdig ist das Wort Jesu, daß alle Propheten and das 
Gesetz bis Johannes geweissagt haben (Matth. 11, 13); er scheint also — wohl 
um des nahen Endes willen — an das Aufhören der Prophetie gedacht zu 
haben. Allein der Spruch läßt auch eine Deutung zu, nach welcher das 
Aufhören der Prophetie nicht ins Auge gefaßt ist. 

«) Schürer, Gesch. des jüd. Volkes II» S. 317 f. 



Digitized by 



Google 



280 1^6 Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Werk der christlichen Gemeinde, welches die größten Folgen ge- 
habt hat. 

3. 

Indem wir die Untersuchung über die Missionare und Lehrer 
in Angriff nehmen, setzen wir bei der Didache (AposteUehre) ein^. 

In dem 4. Kapitel der Didache, in welchem der Verfasser die 
besonderen Pflichten der Christen als Glieder einer Gemeinde 
zusammengefaßt hat, ist als erstes Gebot die Ermahnung voran- 
gestellt: Tixvov fAov, Tov iaXovvxog ooi x6v kdyov xov ^eov jütvrjo^ojj 
wxTÖg Hai fifxiQag, xifiT^aeig dk avxdv (5c hvqiov S^ev yäg ^ xvgidxtjg 
XaXeirai, ixet xvgiög iariv^. Das ganze Buch aber — namentlich 
das c. 15 über die Episkopen und Diakonen Gesagte — zeigt, 
daß der Verfasser nur eine Klasse von Gelehrten in den Ge- 
meinden kennt, nämlich lediglich diejenigen, welche das Wort 
Gottes verkündigen, in ihrer Eigenschaft als ministri evangelii^. 

Wer aber sind die icdovvteg rdv löyov rov ^eov nach der 
Didache? Nicht ständige, gewählte Beamte einer Einzelgemeinde, 
sondern zunächst freie Lehrer, die auf ein göttliches Mandat oder 
Charisma ihren Beruf zurückführten. Unter ihnen werden (1) 
Apostel, (2) Propheten, (3) Lehrer unterschieden. Diese Prediger 
sind z. Z. des Verfassers der Didache und für den Kreis der Ge- 
meinden, die er kennt, erstens die berufsmäßigen Missionare des 
Evangeliums (die Apostel), zweitens die Träger der Erbauung, 
also die geistlichen Stützen des Lebens der Gemeinden (die Pro- 
pheten und Lehrer)*. 

(1) Sie sind nicht von den Gemeinden gewählt; denn 
nur in bezug auf die Bischöfe und Diakonen heißt es (15, 1): 
XeiQoxovijaaxe iavxoig ijuaxönovg xal diaxdvovg. Dagegen liest 
man I Cor. 12, 2S: xai odg fih i&exo 6 ^edg h xfj bcxlrjatq, TiQonay 
änooxölovg, devxsQOv 7iQ0<pi^xag, xgixov didaoxdXovg (cf. Ephes. 4, 1 1 : 

^) Im folgenden ist der Abschnitt S. 93 ff. meiner großen Aasgabe (1884) 
benutzt. 

') Man vgl. die Schätzung der Lehrer bei den Juden, wie sie oben an- 
gegeben worden ist. Bamabas (19, 9. 10) schreibt an der der Didache par- 
allelen Stelle: äyounioeig cu; xöqijv tov 6<p^aXfio(f oov nana tov XaXovvTo. ooi 
TOV Xöyov xvgtoVf fivrio^aij ^fiigop xgiasoyg rvxTog xai ^/iigag. 

•) Auch der Verf. des Uebr&erbriefs (13, 7) charakterisiert die „rjyovfurot" 
durch die nähere Bestimmung: ohireg iXdXijaav l/itv top loyov rot) ^sov. Der 
Ausdruck „fiyovfitvoi" , t^Qoriyoviisvoi** (s. auch Hebr. 13, 17) — besonders in 
der römischen Gemeinde Üblich, aber auch sonst zu finden — ist in der 
älteren Zeit nicht technisch gewesen; daher ist es im einzelnen Fall oft nicht 
möglich, sicher zu bestinmien, wer unter ihm verstanden werden soll, die 
Lehrer oder die Bischöfe. 

*) In zweiter Linie gehören nach c. 15 auch die Bischöfe und Diakonen 
hierher, sofern sie an Stelle der Propheten und Lehrer durch das Wort die 
Gemeinde erbauen. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 28 t 

xal airtog Sdcoxev rovg jukv äjtoorökovg, rovg dk 7iQog)ijrag, rovg dk 
evayyeXiardg, Tovg di noißhag xal didaaxdXovg). Wie diese gött- 
liche Bestellung in bezug auf die Apostel zu denken ist, davon 
gibt die alte, in Act. 13 aufgenommene Urkunde eine gute Vor- 
stellung. Dort heißt es, daß die in der Gemeinde zu Antiochien 
wohnenden fünf Propheten und Lehrer (Bamabas, Simeon, Lucius, 
Menaen, Saulus) nach Gebet und Fasten die Weisung vom heiligen 
Geist erhalten hätten, den Bamabas und Saulus als Missionare 
d. h. als Apostel auszusenden^. Wir dürfen annehmen, daß auch 
in anderen Fällen sich die Apostel auf eine solche außerordent- 
liche Berufung bezogen haben ^. Die Propheten hatten ihre 
Legitimation an ihrer in der Form einer Botschaft des heiligen 
Geistes vorgetragenen Verkündigung, sofern sich dieselbe als 
geisteskräftig erwies. Was aber die Lehrer betrifft, so läßt sich 
nicht bestimmt feststellen, auf welche Weise man als solcher an- 
erkannt wurde. Jedoch scheint Jacob. 3, 1 einen Fingerzeig zu 
geben. Dort heißt es: Mij tioXXoI diddaxcdoi ylveo'&e, eld&tsg Sri 
fmCov xQi/aa Xri^\p6fie&a, Hieraus geht hervor, daß Lehrer zu 
werden Sache eines personlichen Entschlusses — natürlich auf 
Grund eines Charismas, dessen man sich bewußt war — gewesen 
ist. Auch der Lehrer galt als einer, der zu diesem Berufe den 
heiligen Geist empfangen habe*; ob er aber ein wahrhaftiger 
Lehrer sei (Did. 13, 2), das hatten die Gemeinden ebenso festzu- 
stellen wie die Wahrhaftigkeit der Propheten (11,11 ; 13,1). Aber 
sie konstatierten nur das Vorhandensein eines göttlichen Auftrags, 
übertrugen also nicht im entferntesten damit ein Amt. Übrigens 
bildeten die besonderen und schweren Verpflichtungen, die die 
Apostel und Propheten zu erfüllen hatten (s. u.), in der Regel eine 
natürliche Schranke, sodaß nicht allzuviele Unberufene sich in 
das Predigt- und Missionsamt eindrängten. 

*) Die Aussendung erscheint ganz als ein Werk des h. Geistes selbst: 
d<poQiaaj8 dri fjun zov Baqvaßotv xal ImvXov elg to igyov S jtQooxixXtjfiai aviovg, 
spricht der Geist. Die also Aufgeforderten handeln ledigliöh als ausführende 
Organe. 

') Timotheus ist in den Timotheusbriefen als n^^^angelist** vorgestellt, 
d. h. als Apostel zweiter Ordnung, aber deshalb auch als Träger eines charisma- 
tischen Amts. Infolgedessen heißt es — ganz wie in Act. 18 — I, 1, 18: 
xavxrjv lijv noQayyeXlav nagaxl'&eptal aot, xixvov Ttfio&es, xaxa xag Ttgoayovoag 
ini ah Jtgoipijxsiag y und 4, 14: /Äff dfiiXet xov h aoi ;|faß/ö^TOff, 5 idö&r^ aot diä 
nQoqnjXBlag [fisxa hti&iaecDS xwv xti^Giv toi; TtQtaßvxegiov]. 

*) Das kann man vielleicht schon aus I Cor. 14, 26 schließen, wo didaxv 
neben dnoxdXvyftg steht: ganz klar wird es aus dem Hirten des üermas, 
erstens weil er djtöaxoXoi und diddaxcdoi überall zusammenordnet, zweitens 
weil er Sim. IX. 25, 2 von den Aposteln und Lehrern schreibt: diöd^ayxeg 
aefiv&g xal dyv&g xov Xoyov xoO ^eoi) .... xa^mg xal jtoQiXaßov x6 nveüfui 
x6 dywv. 



Digitized by 



Google 



282 ^ie Missionare; Modalitäten und Gegen wirknngen der Mission. 

(2) Die Unterscheidung ^Apostel, Propheten und 
Lehrer^ ist eine uralte und in der ältesten Zeit der 
Kirche allgemeine gewesen. Der Verfasser der Didache setzt 
voraus, daß allen Gemeinden Apostel, Propheten und Lehrer be- 
kannt sind. C. 11, 17 erwähnt er die Propheten besonders, c. 12, 3 f. 
nennt er Apostel und Propheten, c. 13, 1. 2 und 15, 1. 2 aber 
Propheten und Lehrer zusammen (niemals Apostel und Lehrer; 
anders Hermas). Hieraus folgt, daß die Reihenfolge „Apostel, 
Propheten, Lehrer" in seinem Sinne ist, und daß unter gewissen 
Gesichtspunkten die Propheten eine Kategorie mit den Aposteln 
gebildet haben, während sie unter anderen Gesichtspunkten zu 
den Lehrern gestellt werden mußten (s. u.). Die Reihenfolge ist 
mit der von Paulus (I Cor. 12, 28) angegebenen identisch; somit 
ist ihr Ursprung bis in die fünfziger Jahre des 1. Jahrhunderts 
hinaufzufuhren, ja mit Sicherheit in eine noch frühere Zeit; denn 
wenn Paulus sagt: odg fikv S&exo 6 deoc iy tfj ixxXrjoUjt tiqqjxov 
AnoaxdXovg xrJl., so hat er zweifelsohne eine Einrichtung in der 
Kirche im Auge, die für die judenchristlichen Gemeinden, die 
ohne sein Zutun gestiftet waren, ebenso galt wie für die Ge- 
meinden Griechenlands und Kleinasiens. Diese Annahme aber 
bestätigt sich durch Act. 11, 27; 15, 22. 32 und 13, 1 f. An der 
ersten Stelle lesen wir von Propheten, die aus der jerusale- 
mischen Gemeinde in die antiochenische hinübergewandert sind^; 
aus der dritten geht hervor, daß in Antiochien fünf Männer, die 
als Propheten und Lehrer bezeichnet werden, eine Sonder- 
stellung in der Gemeinde einnahmen und aus ihrer Mitte nach 
Weisung des Geistes zwei als Apostel ausgesondert haben (s. o.) ^. 
Der Apostelberuf war also nicht sofort durch den Beruf des Pro- 
pheten oder des Lehrers gegeben, sondern es bedurfte noch einer 
besonderen Weisung des Geistes für denselben. Geht aber aus 
Act. 13, IflF. die Ordnung „Apostel, Propheten, Lehrer ** indirekt 
aber deutlich hervor, so ist sie damit — da der Bericht als zu- 
verlässig gelten darf — für die älteste heidenchristliche Gemeinde 
und für eine Zeit bezeugt, die von dem Jahre der Bekehrung des 
Paulus vielleicht nicht einmal durch ein Jahrzehnt getrennt war. 

Zwischen den Ereignissen, von denen Act. 13, 1 f. berichtet, und 
der Schlußredaktion der Didache mag ein Jahrhundert liegen. 



^) Zu zeitweiligem Anfenthalt; einer derselben, Agabus, hat noch etwa 
15 Jahre später seinen dauernden Aufenthalt in Jndäa gehabt, reiste aber 
dem Paulns nach Oäsarea entgegen, um ihm eine prophetische Kunde zu 
bringen (Act. 21, lOf.). 

*) Nach den an der Stelle gebrauchten Partikeln ist es wahrscheinlich, 
daß Bamabas, Simeon und Lucius die Propheten, Menäen und Saulus die 
Lehrer gewesen sind. Ein Prophet und ein Lehrer sind somit als Apostel 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 283 

Mittelglieder fehlen nicht. Wir haben erstlich das Zeugnis des 
I. Corintherbriefs (12,28)^; wir besitzen aber sodann noch zwei 
Zeugnisse, nämlich in dem Epheserbrief (ist der Brief unecht, so 
ist das Zeugnis um so wichtiger) und im Hirten. Beide Zeugnisse 
sind aber insofern nicht von vollem Gewicht, als sie bereits die 
alte Ordnung der berufsmäßigen Xaloirneg xbv Xdyov xov ^eov als 
Apostel, Propheten und Lehrer nicht mehr ganz rein darstellen, 
sondern zeigen, wie dieselbe durch die auf anderen Grundlagen 
erwachsene Organisation der geschlossenen Einzelgemeinde leise 
modifiziert worden ist. 

Wie Did. 11, 3 werden Ephes. 2, 20 und 3,4 die Apostel und 
Propheten zusammen genannt und ihnen ein überaus hoher Rang 
zugewiesen. Alle Gläubigen, heißt es, sind erbaut auf dem Grunde 
der Apostel und Propheten, und ihnen ist zuerst das Geheimnis 
offenbart worden, daß die Heiden Miterben der Verheißung Christi 
seien. Daß hier nicht die alttestamentlichen Propheten, sondern 
evangelische gemeint sind, zeigt sowohl der Kontext als die Vor- 
ausstellung der Apostel. C. 4, 11 folgt nun eine Aufzählung, in 
der zwar die Keihenfolge „Apostel, Propheten, Lehrer ** gewahrt 
ist, jedoch so, daß nach den Propheten „Evangelisten" einge- 
schoben und zu den Lehrern (und zwar vorantretend, aber mit 
ihnen eine Gruppe oder Stufe bildend) „Hirten" gestellt sind^. 
Aus diesen Einschiebungen geht ein Dreifaches hervor: erstlich, 
daß der Verfasser (bez. Paulus) Missionare kennt, die nicht die 
Apostelwürde besitzen*, daß er sie aber nicht sofort nach den 

ansgesandt worden. Bamabas hatte als der ältere zunächst die Führung 
(Barnabas' Prophetengabe kann man auch aus dem Namen „Bamabas", der 
ihm gegeben worden ist = vlog jiagaxXi^aecos [Act. 4, 36] schließen; denn 
I Cor. 14, 8 heißt es: 6 nQo<pijxiv(ov dv&gconots laXsT jiagdxXijatv), 

^) Hier ist zu beachten, daß Paulus nach Aufzählung der Apostel, Pro- 
pheten und Lehrer nicht mehr Kategorien von charismatisch begabten Per- 
sonen anführt, sondern nur noch Charismen, femer, daß er innerhalb dieser 
Charismen Rangunterschiede nicht macht, sondern mit einem doppelten 
inetja sie in eine Ordnung stellt, wahrend die Apostel, Propheten und 
Lehrer in Rangordnung durch ng&jov, devregoTf xqIxov aufgezählt sind. Bier- 
aus ergibt sich, daß nur der Apostolat, das Prophetenamt (nicht die Glos- 
solalie) und das Magisterium die Träger dieser Ämter zu Personen von Rang 
in den Gemeinden erhoben, während die dvviifieis, idfiara, drrdijfiipeis xxX, 
keine sonderliche Stellung der mit diesen Charismen Begabten begründet 
haben. Es konstituiert also auch nach Paulus lediglich die Verkündigung 
des Wortes Gottes einen Rang in der IxxXrjaia xod &eov. Das stimmt genau 
mit der Ansicht des Verfassers der Didache Überein. 

*) Daß, weil xoifg dk vor »Lehrer* fehlt, diese als identisch mit den 
„Hirten" zu erachten seien, folgt nicht; wohl aber, daß der Verfasser bez. 
Paulus beide als eine Gruppe betrachtet. 

•) Oben S. 269* habe ich es zu erklären versucht, warum gerade im 
£pheserbrief Evangelisten genannt sind. 



Digitized by 



Google 



284 Die Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Aposteln aufführt, weil die Zusammenstellung „Apostel und Pro- 
pheten" ein Noli me tangere war (nicht ebenso die Zusammen- 
stellung „Propheten und Lehrer**), zweitens, daB er die Leiter der 
Einzel gemeinde (noi/Liiveg) in die Rangordnung der der ganzen 
Kirche geschenkten Prediger einordnet — die Einzelgemeinde 
machte sich also geltend — , drittens, daß er die Lehrer als einer 
bestimmten Gemeinde zugehörige Personen ins Auge faßt, wie 
die enge Verbindung derselben mit Tioijueveg und die Nachstellung 
(wenn auch Gleichordnung) beweist. Der Unterschied zwischen 
dem Verfasser des Epheserbriefs und dem der Didache ist jedoch 
in diesen Punkten kein bedeutender, wenn man erwägt, daß auch 
dieser die Ttoi/Liiveg (imoxonoi) der Einzelgemeinde neben die Lehrer 
gestellt hat und darum wie diese geehrt wissen wollte (15, 1.2), 
und wenn man femer beachtet, daß er die ständige Niederlassung 
von Lehrern in einer Einzelgemeinde (13, 2) als das Regebnäßige 
zum Gegenstand einer besonderen Anordnung gemacht hat (beim 
Propheten scheint nach 1 3, 1 die Niederlassung der Ausnahmefall 
zu sein). Allerdings ist nicht zu verkennen, daß die Ordnung der 
Didache der von Paulus im Corintherbriefe befolgten näher steht 
als die des Epheserbriefes; aber es wäre mehr als vorschnell, 
aus dieser Beobachtung zu folgern, daß die Didache älter sein 
müsse als jener Brief. Wir haben bereits gesehen, daß die engere 
Auffassung des Apostolats neben der weiteren sehr alt ist und 
somit die weitere nicht einfach abgelöst hat, vielmehr zeitweilig 
neben ihr hergegangen ist; und es ist femer daran zu erinnern, 
daß aus Act. 13, 1: 11, 27; 21, 10 u. a. St. hervorgeht, daß die 
Propheten, vor allem aber die Lehrer, wenn sie auch der ganzen 
Kirche mit ihrem Charisma zu dienen hatten, schon in ältester 
Zeit doch einen ständigen Aufenthalt besitzen konnten und fiir 
längere Zeit bez. für immer Glieder einer bestinmiten Gemeinde 
waren. Als solche konnten sie daher frühe schon ins Auge ge- 
faßt werden unbeschadet ihrer Eigenschaft als der Kirche ge- 
schenkte Lehrer. 

Was den Hirten des Hermas betrifft, so ist zunächst die auf- 
fallendste Beobachtung, welche er bietet, die, daß die Propheten 
in seinem Buche, so oft Klassen von Predigern und Hütern in 
der Christenheit aufgezählt werden, ungenannt bleiben^. Lifolge 
hiervon stehen die änöorokoi und diddaxaloi regelmäßig zusammen ^ 

^) Sim. IX, 15, 4 a sind die alttestamentlichen Propheten gemeint. 

*) S. Sim. IX, 15, 4b: o! dk fi obioarokoi xai diddaxaXoi jov xrjQvyfiaros tov 
vlov Tod §eov. 16, 5: ot ojioaxoXoi xai oi diddoxaXoi ol xrjQvScarreg to Srofia 
JOV viov xoii &eov. 25, 2: dji6oToXoi xal dtddaxcLXoi oi xtjgv^ccyres etg oXov tov 
xoofiov xai oi dtdd^avteg asfxvcog xai dyvwg tov Xoyov zov xvgiov. Auch 
Vis. III, 5, 1 (s. u.) gehört hierher. Die Zusammenstellong ,fd^6aTolos, 6i* 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 2S5 

Da Hermas selbst als Prophet auftritt, da sein Buch einen großen 
Abschnitt (Mand. XI) umfaßt, in welchem ausführlich von den 
falschen und von den wahren Propheten gehandelt wird, da end- 
lich die Wirksamkeit des wahren Propheten im ;,Hirten'' nach- 
drücklicher als in irgendeinem anderen urchristlichen Buche 
betont und als eine universale vorausgesetzt wird, so darf vielleicht 
die Nichterwähnung des Propheten in der „Hierarchie'' des Hermas 
als eine absichtliche aufgefaßt werden. Hermas überging die Pro- 
pheten, weil er sich selbst zu ihnen rechnete. Ist das wahrschein- 
lich^, so haben wir ein Recht, überall da, wo er „Apostel** und 
„Lehrer** zusammen nennt, „Propheten" zu supplieren und so in- 
direkt auch von Hermas die Trias „Apostel, Propheten, Lehrer** 
bezeugt sein zu lassen'*. Dann aber steht die Auffassung, welche 
der Hirte in der 9. Similitudo kundgetan hat, in genauer Parallele 
zu der des Verfassers der Didache. Die Apostel, (Propheten) und 
Lehrer sind die von Gott gesetzten, das geistliche Leben der Ge- 
meinden begründenden Prediger, und an sie schließen sich erst 
(s. c. 25 — 27) die Episkopen und Diakonen*. Dagegen Vis. IH, 5, l 
hat der Verfasser die Reihenfolge geändert. Er schreibt: ol jukv 
ovv U&oi ol xeiQdycovoi xal Xevxol xal ovjMpcovovvxeg xaig &Qfjtoyaig 
avrtfüv, ovTol daiv ol änoaroloi xal inloxonoi xal diddaxaXoi xal 
didxovoi ol TcoQev&Svreg xaxä xijv ae/ivöxrjxa xov ^eov xal huaxonri- 
aavxeg xal didd^avxsg xal diaxovtjoavteg dyvcbg xal oejuvcjg xoTg 
ixXexxolg xov ^eov, ol fih xsxoijLirijbLevoi, ol dh Sti dvxeg. Auch nach 
dem Verfasser der Didache sind die biioxonot, und didxovot, den 
dsidaxoXoi und diddoxaXoi anzureihen; der Unterschied aber besteht 
hier darin, daß Hermas die Episkopen — wie der Verfasser des 

ddaxaXos" findet sich sonst nur noch in den Pastoralbriefen (I Tim. 2, 7. 
II Tim. 1,11), indessen die Stellen dort beweisen nichts, da Paulus der 
Sprechende ist bez. sein soll. , 

«) Lietzmann (Gott. Gel. Anz. 1905 Nr. 6 S. 486) schlägt eine andere 
Erklärung vor: „Apostel und Lehrer gehören nach Hermas der vergangenen 
Generation an; ein Propheten am t kennt er auch, aber nur im A. T. 
(Sim. IX, 15, 4). Wenn er trotzdem viel von der Wirksamkeit des wahren 
Propheten handelt und sich sieb er auch als solchen fühlt, so faßt er das 
ngoiprixevsiv als eine durch göttliche Begabung ermöglichte private Wirk- 
samkeit ohne Amtscharakter: genau wie sein Zensor, der Muratorische Frag- 
mentist'. Vielleicht ist dies die richtige Erklärung des merkwürdigen 
Problems; aber soll Hermas wirklich über Propheten so gedacht haben wie 
der Fragmentist? 

') „Evangelisten* im unterschiede von «Aposteln*^ kennt Hermas eben- 
sowenig wie der Verf. der Didache; auch er braucht das Wort „Apostel* 
im weiteren Sinn (s. o. S. 273). 

*) Die Reihenfolge der letzteren ist c. 26. 27 invertiert infolge eines 
dem Gleichnisse entnommenen Gesichtspunktes; die richtige Reihenfolge s. 
Vis. III, 5, 1. 



Digitized by 



Google 



286 ^10 Missionare; Modalitäten und Oegenwirkungen der Mission. 

Epheserbriefs die nw/bieveg — den Lehrern vorangestellt hat 
Aus welchen Gründen dies geschehen ist, wissen wir nicht; wir 
können nur konstatieren, daß auch hier die faktische Organisation 
der Einzelgemeinde bereits die Auffassung Yon der Organisation 
der Qesamtkirche, welche Hermas mit dem Verfasser der Didache 
teilt, modifiziert hat^. 

Also eine alte Quellenschrift der Apostelgeschichte, Paulus, 
Hermas und der Verfasser der Didache bezeugen es, daß in den 
ältesten christlichen Gemeinden die kcdovrieg t6v löyov rov ^sov 
den höchsten Rang einnahmen^, und daß sie in Apostel, Propheten 
und Lehrer zerfielen. Sie bezeugen es aber auch, daß diese 
Apostel, Propheten und Lehrer nicht als Beamte einer Einzel- 
gemeinde angesehen, sondern als von Gott eingesetzte und der 
ganzen Kirche geschenkte Prediger geehrt wurden. Die Vor- 
stellung, daß die professionsmäßigen Prediger in der Kirche Ton 
den Gemeinden gewählt worden seien, ist ebenso unrichtig wie 
die andere, daß sie durch eine menschliche Übertragung ihr „Amt" 
erhalten haben. Soweit Menschen dabei mitwirkten, fiihrten sie 
nur einen direkten Befehl des Geistes aus. 

Es ist aber schließlich die Bedeutung der Beobachtung, daß 
die Apostel, Propheten und Lehrer nach der übereinstimmenden 
Auffassung der ältesten Zeugen nicht der Einzelgemeinde, sondern 
der Gesamtkirche geschenkt sind und angehören, genauer zu 
erwägen. In diesem Besitze hatte die zerstreute Christenheit eine 
Verbindung und ein Band der Einheit, welches oft unterschätzt 
worden ist. Diese Apostel und Propheten, die Ton Ort zu Ort 
wandern und in allen Gemeinden mit dem höchsten Respekte auf- 
genommen werden mußten, sie helfen es erklären, wie die Ent- 
wicklung der Gemeinden in den Yerschiedenen Provinzen unter 
den so disparaten Bedingungen doch das Maß von Gleichartigkeit 
bewahren konnte, welches sie bewahrt hat. Sie haben auch ihre 
Spuren nicht nur in den wenigen Urkunden zurückgelassen, wo 
nicht viel mehr als die Namen genannt sind und die Verehrung 
bezeugt ist, sondern in weit höherem Grade haben sie sich in 
einer ganzen Gattung der ältesten christlichen Literatur ziun Aus- 
druck gebracht, in den sog. katholischen Briefen und Schrift- 



*) Es ist übrigens zu beachten, daß im Sim. IX von den Aposteln und 
Lehrern als von einer vergangenen Generation die Eede ist, wfthrend Vis. III 
von der ganzen Gruppe gesagt ist, daß ein Teil derselben bereits entschlafen, 
ein anderer noch am Leben sei. Näher kann hier auf die wichtigen Auf- 
fassungen des Hirten nicht eingegangen werden. 

*) So auch der Verfasser des Uebrfterbriefs. Man vgl. aber auch I Pet. 
4, 11: et tu XaXet, d>g X6yia ^«nJ* efji^ dtaxo¥8T, d>g iS loxvoq ^g Z©^/« ^ ^«<fe 
[diese Stelle illustriert den Bericht Act. 6J. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 287 

stücken. Man kann die Entstehung, Yerbreitung and das Ansehen 
dieser eigentümlichen und in vieler Hinsicht so rätselhaften Literatur- 
gattung nur verstehen, wenn man sie zusammenhält mit dem, was 
wir von den urchristlichen „Aposteln, Propheten und Lehrern** 
wissen. Betrachtet man, daB diese von Gott in der Kirche d. h. in 
der ganzen Christenheit, nicht in der Einzelgemeinde, gesetzt sind, 
also den Beruf für die Gesamtkirche gehabt haben, so leuchtet 
ein, daß die sog. katholischen Briefe und Schriftstücke mit ihrer 
Adresse an die ganze Christenheit die hier entsprechende lite- 
rarische Gattung sind, welche daher verhältnismäßig frühe auf- 
kommen mußte. Ein Brief wie der des Jacobus mit seiner Adresse 
„an die zwölf Stämme in der Zerstreuung", mit seinen prophetischen 
Ausführungen (c. 4. 5), mit seinen Anweisungen selbst an die Pres- 
byter (5, 14), mit seinen dezidierten Versicherungen (5, 15f.) — er 
wird, da er von dem Apostel Jacobus nicht herrühren kann, erst 
verständlich, wenn man an die wandernden Propheten denkt, die 
das Bewußtsein hatten, von Gott fiir die Christenheit berufen zu 
sein, und daher die Verpflichtung fühlten, der ganzen Kirche zu 
dienen. Es begreift sich, wie katholische Briefe ein hohes An- 
sehen erlangen mußten, auch wenn ursprünglich nicht der Name 
eines der zwölf Apostel sie auszeichnete^. Hinter denselben 
standen die von Gott berufenen Lehrer, die man zu ehren hatte 
wie den Herrn. Es würde zu weit führen, dem angedeuteten 
Gesichtspunkte hier nachzugehen; aber es mag noch darauf hin- 
gewiesen werden, welche Verbreitung und Bedeutung gewisse 
„katholische*' Briefe in den Gemeinden erlangt haben, und wie 
sie kaum in geringerem Maße die Entwicklung der Christenheit 
in ältester Zeit bestimmt haben als die paulinischen Briefe. Hier 
haben also, sei es Apostel, sei es Propheten und Lehrer, in den 
letzten Dezennien des ersten und im Anfang des zweiten Jahr- 
hunderts ein bleibendes Denkmal ihrer außerordentlichen Wirk- 
samkeit hinterlassen. Zu demselben gesellen sich Schriften wie 
die des Hirten, deren Verfasser Hermas es nicht anders weiß, als 
daß seine Offenbarungen allen Gemeinden mitzuteilen seien. Er 
ist eben nicht römischer Prophet, sondern als Prophet Lehrer 
der gesamten Christenheit. 

Nicht mit Unrecht hat man gesagt, daß die Christenheit erst 
Kirchenämter — im Unterschied von Gemeindeämtern — erhalten 



^) Diese Zeit war freilich damals vorbei, als man unter anderen Vor- 
warfen dem Montanisten Themison auch den machte, er habe einen katho- 
lischen Brief geschrieben und damit in die Prärogative der ürapostel ein- 
gegriffen; s. ApoUonius bei Euseb., h. e. V, 18, 5: ßefiiocov hoXfirjoe, fii(iovfuvog 
TOf &x6axoXw, xa'&oUxriv xiva awraSdfuvfK ijttoToXijv xaxrixBtv johg äfMwor 
avtov TtBnioxtvx&ias, 



Digitized by 



Google 



288 Die Missionare ; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

habe, nachdem der Episkopat für eine Einrichtung erklärt worden 
war, in der sich das Apostolat so fortsetze, daß jeder einzelne 
Bischof nicht nur der Träger eines Gemeindeamtes, sondern als 
Bischof der katholischen Kirche (und in diesem Sinne als Nach- 
folger der Apostel) zu gelten habe. Aber man hat diese richtige 
Beobachtung durch den Hinweis darauf zu ergänzen, daß in der 
ältesten Zeit eigentumliche Einrichtungen bestanden haben, die 
sich in einer Hinsicht als Analogie zu dem späteren katholischen 
Amte fassen lassen. Die „JloAovvrcc tdv Xöyov rov ^eov^ waren 
j^diddoxaXoi xa&ohxoi^^. In der Zeit aber, in der diese alten 
Lehrer sukzessive verschwanden, hatte auch schon jene Entwicklung 
begonnen, die mit dem Triumphe des monarchischen Episkopats, 
nämlich mit der Anerkennung seiner apostolisch-katholischen Be- 
deutung geendet hat. Die Vorstufen dieser Entwicklung beobachteten 
wir dort, wo, wie in dem Epheserbrief, im Hirten und in der 
Didache, die ständigen Beamten der Einzelgemeinde an die Ordnung 
„Apostel, Propheten und Lehrer" herangeschoben oder bereits in 
sie eingerückt sind. Damit war die fundamentale Bedingung ge- 
schaffen, auf Grund deren die Bischöfe schließlich die Bedeutung 
der „Apostel, Propheten und Lehrer'* erhielten. Faßt man die 



^) Das Quellenmaterial Qber die Trias soll hier zusammenstehen: 

(a) Die XaXovvreg zov Xöyov zov ^eov, und ursprünglich wahrscheinlich 
nur sie, d. h. die Apostel, Propheten und Lehrer, sind die ^yovfttvoi bez. die 
xexifiriijihoi in den Gemeinden; dies ergibt sich (a) aus Didache 4, 1; 11, 3 f.; 
13; 15, 1. 2 kombiniert, (b) aus Hebr. 13, 7. 17. 24, wo die ^yovfisvoi ausdrück- 
lich als XakovvxBg xov X6yov tov &eov bezeichnet werden, (c) vielleicht aus 
I Clem. 1, 3; 21, 6, (d) aus Act. 15, 22. 32, wo dieselben Männer erst ^yovfievot, 
dann Ttgoqfijtai genannt sind, (e) aus dem Hirten des Hermas. 

(b) Apostel, Propheten und Lehrer: Paulus, I Cor. 12, 28 f. (angereiht 
sind Swdfieig, jjfo^/a^ara iaftdtcov, drtdijfitpeig , xvßeQvtjoetg , yivrj yXtoaüiav), 
Die Väter, die in späteren Jahrhunderten sich dieser Stelle erinnern, tim so, 
als bestünde die Trias noch zu Recht, ja vergessen manchmal neben ihr die 
herrschende Kirchenverfsissung ganz. Novatian schreibt, nachdem er von den 
Aposteln, die der Paraklet stärkt, gesprochen hat (de trinit. 29): ,hic est 
qui prophetas in ecclesia constituit, magistros erudit". Cyrill. Hieros. (catech. 
18, 27) sieht in bezug auf die Kirche nur die an unsrer Stelle genannten 
Ämter für wesentlich an, nicht aber die Bischöfe. Ambrosius (Hexa^m. 
III, 12, 50) schreibt: «Circumdedit euim vineam velut vallo quodam caelestium 
praeceptorum et angelorum custodia .... posuit in ecclesia velut turrim 
apostolorum et prophetarum atque doctorum, qui solent pro ecclesiae pace 
praetendere** (cf. in Ps. 118, sermo 22 c. 15). Yincentius Lerin. (Commonit37. 38) 
spricht von Pseudaposteln, Pseudopropheten, Pseudolehrem ; in c 40 erwartet 
man, die Bischöfe genannt zu lesen, aber nur Apostel, Propheten und Lehrer 
werden genannt. Paulin von Nola (Opp. ed. Harte 1 I p. 411f.) richtete an 
Augustin eine Anfrage über Apostel, Propheten und Lehrer, Evangelisten und 
Hirten. Sehr bezeichnend sagt er: ^in omnibus his diversis nominibus simile 
et prope unum doctrinae oflBcium video fuisse tractatum", und er nimmt 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 289 

Stelle I Cor. 12, 28 oder Didache e. 11 in» Auge („die Propheten 
sind eure Hohenpriester'' ; vgl. dazu die Nachricht des Polycrates 
von Ephesus, daß „Johannes'* das nhaXov als legevg getragen habe 
[Euseb., h. e. V, 24] und Tertull., adv. Valent. 37, der von einem 
valentinianischen Lehrer sagt: „insignior apud eos magister, qui 
et pontificali sua auctoritate in hunc modum censuit'') und sodann 
solche Stellen bei Cyprian und aus der nachcyprianischen Zeit, 
in denen die Bischöfe als die Apostel, Propheten und Lehrer und 
als die Hohenpriester der Kirche gefeiert werden, so hat man 
die Anfangs- und Endpunkte einer der wichtigsten Entwicklungen 
vor sich. Hervorragende Bischöfe wie Polycarp von Smyma hatten 
sie längst antizipiert; er wurde von seiner Gemeinde und in Asien 
als „apostolischer und prophetischer Lehrer" gefeiert. 

Was den Ursprung der Trias betrifft, so ist gezeigt worden, 
daß sich ihre einzelnen Elemente zwar im Judentum fanden, die 
Zusammenordnung aber von dort nicht erklärt werden kann. Man 

richtig an, daß die Propheten nicht die alttestamentlichen sein können, 
sondern christliche Propheten sein müssen. 

(c) Propheten and Lehrer, welche aus ihrer Mitte Apostel aussondern: 
Act. 13, 1. 

(d) Apostel, Propheten und Lehrer: Didache (angereiht werden Bischöfe 
und Diakonen). 

(e) Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer: Ephes. 4, 11. 

(f) Apostel und Lehrer '(aber Propheten mit Absicht ausgelassen), an sie 
sich anreihend Bischöfe und Diakonen: Hermas, Simil. IX. 

(g) Apostel (Propheten), Bischöfe, Lehrer, Diakonen: Hermas, Vis. IIL 
(h) Apostel, Lehrer, Prophet: Clem. Hom. XI, 35: /lifivrja^e cuiöatokov 

ij diddaxaXov tj 7iQog?rJTrjv. 

(i) Apostel und Propheten (die enge Zusammengehörigkeit beider er- 
gibt sich schon aus Matth. 10, 41): Apoc. 18, 20 (2, 2. 20); Ephes. 2, 20; 8, 5. 
Didache 11, 3. (Nach Irenäus III, 11, 4 ist der Täufer Johannes Prophet und 
Apostel zugleich: „et prophetae et apostoli locum habuit**; nach Hippol., 
de anticbr. 50 ist Johannes der Jünger Apostel und Prophet zugleich). Der 
Gegner der Aloger bei Epiphan., haer. 51,35 etc., cf. Didasc. de charism. 
[Lagarde, Reliq. p. 4, 19 sq.]: o! jiQoqr^jai iq^ ^fiwv sigotpijTevaayisg ov 
noQt^eieivav iavrovg roTs djioar6?.ois. 

(k) Propheten und Lehrer: Act. 13, 1. (II Pet. 2, 1). Didache 13,1.2; 
14, 1. 2. Pseudoclemens, de virg. 1, 11: „Ne multi inter vos sint doctores ne- 
que omnes sitis prophetae" (1. c: Xöyog didax^s v JiQtxprixBlag § ^iOLXovias), 
Man findet sie, bez. Pseudopropheten und Pseudolehrer, in den späteren Lite- 
ratur noch häufig zusammengestellt, s. z. B. Orig., Homil. 2 in Ezech. (Lom- 
matzsch T. XIV p. 33. 37); Vincent. Lerin., 1. c. c. 15. 23. In den pseudo- 
clementinischen Homilien (III, 12) heißt Jesus selbst „unser Lehrer und 
Prophet". 

(1) Apostel und Lehrer: (Hermas); I Tim. 2, 7; II Tim. 1, 11; Clemens 
Strom. VII, 16, 103: oi f^axagiot djtoaroXoi ts xai öiddoxaXoi, Eclog. 23. 

(m) Polycarp wird im Briefe seiner Gemeinde (c. 16, 2) also bezeichnet: 
iv toTc xad^ ^fiäs XQ^^^S diddaxaXog cbioaroXixos xai jiQo<prjiix6s , ysvdfievog 
Harnack, Mission. 3. Anfl. 19 



Digitized by 



Google 



290 I^ie Missionare; Modalit&ten und Gegenwirkangen der Mission. 

könnte geneigt sein, sie auf Jesus Christus selbst zurückzufuhren 
— seine Jünger hat er einmal als Missionare (Apostel) ausgesandt, 
und von Propheten, die er erweckt, und die predigend umherziehen^ 
scheint er nach Matth. 10, 41 gesprochen zu haben. Allein die 
Geschichtlichkeit der letzteren Stelle ist zweifelhaft^; daß sich die 
Jünger nicht ^Lehrer" nennen lassen sollen, hat Jesus aus- 
drücklich gesagt^, und eine solche Anweisung, wie sie sich in der 
Schöpfung jener Trias darstellt, fügt sich überhaupt nicht zu seiner 
ganzen Predigt und den übrigen Anweisungen. Mithin muß man 
annehmen, daß die Trias und ihre Schätzung in der jerusalemischen 
Gemeinde (und zwar schon in ältester Zeit) entstanden ist im Zu- 
sammenhang mit dem ^Geist'', der über die Gemeinde kam. Auf 
christliche Propheten wird im Zusammenhang Yon Act. 2 (s. v. 1 8) 
hingewiesen; sie werden (cf. Act. 4, 36) sehr frühe aufgetreten sein. 

htüfxoxog rfjg h Sfivgrjj xa&oXixfjg ixxXijaiac (cf. Acta Pion. 1: dxoatolixog 
dyrjg j&r xa^' fjfMs yev6fi9vog). Hier sind die alten hohen Prädikate sämt- 
lich zasammengefaßt und mit .Bischof verbunden. Aber augenscheinlich 
gilt es als etwas ganz Seltenes, daß noch ,zu unseren Zeiten* ein aposto- 
lischer und prophetischer Lehrer gelebt hat. Sehr bezeichnend ist die Aus- 
drucksweise des Eusebius (Mart. Pal. 11, 1); er sagt von einer Gruppe von 
zwölf Märtyrern, sie sei teilhaft gewesen jrgoiptjtixoO jivo^ fj xai dxooxoXixov 
Xagloftaxog xcd agi&fiov, 

(n) Von dem Phrygier Alezander heißt es in dem lugdunensischen 
Briefe (Euseb. Y, 1, 49): yvacxog öxb6o¥ Jtäat dm rifv tiqoq Oeor dyarnfv xai 
noQQfiolav roO X6yov' ^v yäg xcd ovx äfwiQ<K djtoiStolixoO x^^f*^^^- 

Ein sehr schönes Zeugnis dafür, daß die Propheten der Gesamtkirche 
und nicht einer Einzelgemeinde geschenkt sind — bei den Aposteln ist das 
selbstverständlich — , besitzen wir aus valentinianischen Kreisen (Excerpta 
ex Theodot. 24) : Hyovoiv oi Ovalevrtviavoi Sn S xarä tle töw siQoqnjj^ iaxtr 
JtvevfMi iScJQBtor eis Staxovictr, xwxo hm nianoji rovs r^s ixxXrjaias iSexvdrj' 
di6 xcd xä mj/ista xov nvevfwxog Idaetg xcu jrgoiptjxetou Sia x^g ixxXtjaiag ^c- 
xeXovrxcu. Vgl. die Ansprüche der montanistischen Propheten und die Ge- 
schichte des Hirten in der Kirche. 

Die sub (1) oben angemerkte Stelle aus den Eklogen des Clemens lautet: 
*Q<msß diä xoi} aojfiaxos S awxfjQ iXdXei xcd täxo, o&xcos xcd itQ&ieQW „öia x&r 
jtQoq>rjx&v** f WJv dh „Sia x&v iüio<Tx6la>v xcd SidaaxdXoiv'* .... xcu xdrxoxe 
&v&Q<03iov 6 (piX6v^Q(onoi Mvexat, &e6g elg xrjy dv&Qconotr ooyxrjQiav, JiQÖxtQor 
fih xovs jfQixpi^xag , vvv de xrjr ixxXrjaicn^. Diese Stelle ist lehrreich; aber 
die alte Trias ist, wie man sieht, bereits gesprengt: die Propheten sind nur 
noch als alttestamentliche bekannt und zugelassen. — Ob die jtyevfuxtixol 
des Origenes (de orat. 28) mit unsrer Gruppe der Lehrer zusammenhängen, 
lasse ich dahingestellt. Die xa^ig 7tQoq>tjx^ fMiQxvQtov xe xai dnoaxdXwiß (Elipp., 
de antichr. 59) gehört nicht hierher. 

*) Nicht auf das Wort Matth. 11, 13 (ndrxeg ot TiQwpijxcu xcd 6 v6fAog 
icag 'loydvyov ijtQotpijxevaav) möchte ich mich berufen (denn dieses Wort 
schließt vielleicht, s. o. S. 279 S eine neue Gattimg von Propheten nicht aus), 
wohl aber darauf, daß die Situation, aus der 10, 40ff. gesprochen zu sein 
scheint, die begonnene und dauernde Missionstätigkeit bereits voraussetzt. 

*) Matth. 28, 8. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 291 

Näheres ist leider unbekannt, und der wirkliche Ursprung der 
enthusiastischen Trias „Apostel, Propheten und Lehrer" so dunkel, 
wie der Ursprung der Trias „Bischöfe, Presbyter und Diakonen" 
und der sehr viel spätere des Komplexes der sog. niederen 
Weihen. Überall handelt es sich hier um bewußte Schöpfungen, 
die von einem bestimmten Punkte ausgegangen sind, sich aber aus 
den tatsächlichen Verhältnissen heraus aufgedrängt haben mögen. 



Die Didache faßt zunächst (11, 3) Apostel und Propheten 
zusammen, indem sie die Anweisung gibt, daß für sie das Dogma 
des Evangeliums in Geltung bleiben soll. In den späteren 
Kapiteln dagegen faßt sie vielmehr Propheten und Lehrer zu- 
sammen und schweigt über die Apostel. Hieraus folgt, worauf 
bereits oben hingewiesen worden ist, daß die Propheten einerseits 
mit den Aposteln, andererseits mit den Lehrern ein Merkmal 
gemeinsam hatten. Jenes Merkmal ergibt sich aus dem Ausdruck 
xaxd x6 doyfxa rov evayyeXlov^ sowie aus den nun folgenden Spezial- 
anweisungen ^. Unter dem „Dogma des Evangeliums" können 
nur die Regeln verstanden sein, die wir Marc. 6 cum parall. lesen ^. 
Diese Annahme wird dadurch noch verstärkt, daß Matth. 10, wo 
Gebote für die Apostel zusammengestellt sind, auch von wandern- 
den Propheten die Rede ist (v.4l) und sie als besitzlos vorgestellt 
werden. Die Besitzlosigkeit wurde also als ein notwendiges 
Erfordernis für die Apostel und Propheten erachtet. Das sagen 
auch der 3. Johannesbrief, Origenes und Eusebius. Johannes 
bemerkt über die Missionare, sie wanderten predigend, ohne etwas 
von den Heiden anzunehmen. Auf „Annehmen" waren sie also 
angewiesen. Origenes (c. Cels. III, 9) schreibt: „Die Christen 
bieten alles auf, was sie können, den Glauben über die ganze 
Erde zu verbreiten. Darum machen es sich einige förmlich zu 
ihrer Lebensaufgabe, nicht bloß von Stadt zu Stadt, sondern selbst 



*) Uäg 6 djzöoToXog igz^fi^^og xQog vfMS dex^tco c5^ xvgtog. ov /mvsT 
de ei lATj tjfiiQov fiictr* iav de ^ XQ^^t ^^ ^ äXXrjv xgeig de iäv fieivjj, 
xpevdonQOfprjTfis iariv. i^eQx6fievog de 6 djtoaioXog firfdev kafißarhoD et fit] 
^Qxov i(og o^ avUaOfj' iäv de &qyvqiov ahjj, yfevdojtQKxpi^ttfg iaxlv (c. 11, 4 — 6). 

*) Lietzmann (a. a. 0. S. 486) wendet ein, die Worte könnten nicht 
besagen, was die Propheten und Apostel tun müssen, sondern wie die Ge- 
meinde ihnen begegnen soll; also sei an Stellen wie Matth. 10, 40 f. zu denken. 
Allein, so nahe dieser Einwand liegt, so scheint er mir durch das, was v. 4£ 
in der Didache (c. 11) folgt, ausgeschlossen: gewiß handelt es sich um eine 
Anweisung an die Gemeinde, aher die Gemeinde soll bei ihrer Aufnahme 
jener Herren sich das „Dogma *" zur Richtschnur gereichen lassen, was für 
dieselben im Evangelium aufgestellt ist, und das findet sich in Marc. 6 
«um parall. 

19» 



Digitized by 



Google 



292 Die Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

Ton Flecken zu Flecken und von Dorf zu Dorf zu gehen, um dem 
Herrn neue Gläubige zu gewinnen. Und man wird nicht sagen 
können, daß sie das eines Gewinnes wegen tun, da sie oft nicht 
einmal soviel nehmen wollen, als sie zum Leben nötig haben; 
und wenn die Not sie manchmal zwingt, etwas anzunehmen, so 
begnügen sie sich mit der Befriedigung der dringendsten Bedürf- 
nisse, obgleich so manche bereit sind, ihnen noch weit mehr zu 
geben. Und wenn in unsem Tagen bei der großen Anzahl derer, 
die zum Glauben übertreten, einige reiche und hochgestellte 
Männer und zartfühlende und edle Frauen den Glaubensboten 
gastliche Aufnahme gewähren, getraut sich da jemand zu behaupten^ 
daß einige aus Verlangen nach Ansehen den christlichen Glauben 
verkündigen? In den ersten Zeiten, wo gerade den Predigern des 
Glaubens große Gefahr drohte, konnte man einen solchen Arg- 
wohn nicht so leicht haben, heutzutage aber ist die Gering- 
schätzung, mit welcher ihnen Andersgläubige begegnen, größer 
als die Ehre, welche die Glaubensgenossen, und nicht alle, ihnen 
erweisen." Eusebius schreibt (h. e. III, 37): „Sehr viele von den 
damaligen Jüngern (den Schülern der Apostel), deren Herz daa 
göttliche Wort zu einer brennenden Liebe für die „Philosophie" 
hingerissen hatte, erfüllten zuerst das heilbringende Gebot dea 
Herrm und verteilten ihre Habe unter die Dürftigen. Dann aber 
begaben sie sich auf Reisen und verrichteten das Amt der Evan- 
gelisten, indem sie sich eifrigst bestrebten, denjenigen, welche 
noch gar nichts vom Worte des Glaubens vernommen hatten, 
Christum zu predigen und die Schrift der heiligen Evangelien 
mitzuteilen. Sie legten aber in fremden Ländern nur allein den 
Grund des Glaubens; dann stellten sie andere als Hirten auf und 
vertrauten diesen die Pflege der neuen Pflanzung an; sie selbst 
aber eilten mit der göttlichen Gnade und Mitwirkung wieder zu 
andern Völkern und Ländern.'' Dazu h. c. V, 10, 2, wo es in bezug 
auf das Ende des 2. Jahrhunderts heißt: ^Es gab noch bis zu 
dieser Zeit mehrere Evangelisten des Wortes „6^eov C^Xov äno- 
OToXixov fufirifjunog ovveiocpiQeiv hi ai^ijoei xcd obcodo/ufj rov 
^elov köyov TtQojutj&ovfuvoi, d>v elg yevofxevog xal IlavTaivogK — 

>) Das Wort .Evangelist* kommt Ephes. 4, 11; Act. 21, 8 mid II Tim. 4, 5 
vor, sodann in der ,,Apo8tol. Eirchenordnung* (c. 19). Hierauf findet man es 
erst wieder bei Tertnll. de praescr. 4 und de Corona 9 (HippoL, de anticbr. 56, 
heißt Lucas Apostel und Evangelist). Das ist ein Beweis, daß die Unter- 
Scheidung von Aposteln und Evangelisten in ältester Zeit selten gemacht 
worden ist (dagegen werden die Apostel selbst häufig als ol evayyeXtüd/ieroi 
bezeichnet, s. Gal. 1,8; I Clem. 42, 1; Polyc. ep. 6, 8; von Bamabas c. 8, ^ 
sogar die Zwölf ohne die Bezeichnung „Apostel"). Eusebius bezeichnet die 
Evangelisten als Nachahmer der Apostel; in ältester Zeit galten sie den 
meisten einfach als Apostel. 



Digitized by 



Google 



Die christlicben Missionare. 293 

Das zweite Erfordernis für die Apostel, welches die „Apostellehre** 
neben der Besitzlosigkeit 'angibt, die rastlose Missions tätigkeit 
(keine Niederlassung), bestätigen Origenes und Eusebius ebenfalls ^. 

Durch die „Apostellehre'' wissen wir, daß diese wandernden 
Missionare noch am Anfang des 2. Jahrhunderts Apostel geheißen 
haben. Origenes und Eusebius bestätigen uns, daß sie noch im 
2. Jahrhundert existierten — Origenes weiß sogar noch von solchen 
in der Gegenwart — , aber den Namen „Apostel" führten sie nicht 
mehr*. Nicht nur die gesteigerte Verehrung der Urapostel ver- 
bot das, sondern auch die Theorie, die sich schon im Laufe des 
2. Jahrhunderts einbürgerte, daß bereits die Urapostel das Evan- 
gelium auf der ganzen Welt verkündigt hätten. War dem so, 
dann waren alle folgenden Missionare nicht mehr Apostel, da 
sie nicht mehr die ersten waren, die das Evangelium in den 
Ländern verkündigten'. 

Wie es zu der exorbitanten Hochschätzung der Urapostel 
gekommen ist*, ist schon angedeutet worden. Ihre Tätigkeit soll 
als Ersatz dafür angesehen werden, daß Jesus Christus selbst nicht 
in allen Ländern missionierend gewirkt hat. Dazu: der Glaube 
an das nahe Weltende erzeugte mit einer gewissen Notwendigkeit 
die Vorstellung, daß das Evangelium schon überall verkündigt sei; 
denn erst nach der universalen Verkündigung kann das Ende ein- 
treten; den Aposteln aber gebührt das Verdienst dieser wunder- 
baren Verbreitung, Endlich, das was heute als christlich gilt, 
kann als solches nur durch den Rückgang auf das Älteste, also 
auf das Apostolische, legitimiert werden*. Aus diesen Gründen 



^) Nur die YerkündiguDg des Wortes, schlechterdings keine andere 
Tätigkeit haben die Apostel auszuüben. Diese Vorstellung ist schon Act. 6 
ausgeprägt und ist so lange festgehalten worden, als das Gedächtnis die Zeit 
wirklicher Apostel festhielt. In der Abgar-Quelle, welche Eusebius (h. e. 1, 13) 
ausgeschrieben hat, wird auch bestätigt, daß der Apostel kein Geld nehmen 
darf; außerdem fügt sie noch einen wertvollen Zug zu den Verpflichtungen 
des Apostolats hinzu: Thaddäus sagt, als er aufgefordert wurde, in kleinem 
Kreise das Wort Gottes zu verkündigen: ,Ich werde jetzt schweigen; da ich 
aber abgesandt bin, das Wort öffentlich zu verkündigen (xrjQvScu), versammle 
mir morgen alle deine Bürger, und ich werde zu ihnen predigen**. 

') Es ist natürlich nur Hohn, wenn Cyprian von den Aposteln Novatians 
spricht (ep. 55, 24). 

*) Eusebius ist freilich mit seiner eigenen Darstellung in Konflikt ge- 
raten; man halte die Stellen II, 8; III, 1—4 und III, 37 zusammen. 

*) Die Vorstellung von gemeinsamen Kundgebungen aller Apostel findet 
sich schon in der Didache (s. die Aufschrift), in dem Judas- (und II Petrus-) 
Brief und bei Justin (s. Apol. I, 62). 

») S. TertulL, de came 2: „apostolorum erat tradere". Die Idee der 
apostolischen Oberlieferung, an sich uralt und eines geschichtlichen Kerns 
nicht ermangelnd, hat sich zuerst in Rom — und gewiß nicht ohne Einfluß 



Digitized by 



Google 



294 Die Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

ißt das Ansehen der Urapostel so ungeheuer gesteigert worden; 
es wurde ihre Aussendung in alle Welt geradezu ins ^Credo" auf- 
genommen i. Wir sind heute nicht mehr imstande, das — jeden- 
falls höchst bescheidene — Maß von Wirklichkeit festzustellen, 
welches dem Glauben an die universale Missionstätigkeit der 
Apostel zugrunde hegt. Sicher aber sind alle Vorstellungen von 
der universalen und einheitlichen, kirchenorganisatorischen Tätig- 
keit der zwölf Apostel fiir die Heidenkirchen ins Reich der 
Legenden zu verweisen^. 

Von der Tätigkeit der Missionare (Apostel) des 2. Jahrhunderts 
wissen wir leider in concreto so gut wie nichts und hören, außer 
dem Namen Pantänus und der Mission dieses alexandrinischen 
Lehrers nach „Indien'' ^, auch keine Namen. Vielleicht haben wir 



des genus loci et imperii — zu der Vorstellung und Theorie der durch 
Sukzession sich vermittelnden Überlieferung verdichtet und schematisiert. 
Später ist diese Theorie gemeinchristlich geworden und konstituiert den 
Begriff des Katholischen. Origenes vertritt sie mit derselben Sicherheit wie 
Tertullian, s. z.B. de princip. IV, 9: „Regula et disciplina, quam ab Jesu 
Christo traditam sibi apostoli per successionem posteris quoque suis sanctam 
ecclesiam docentibus tradiderunt**. 

*) S. das Nähere in meinem Lehrbuch der Dogmengesch. I * S. 153—156; 
unten im 1. Kapitel des 4. Buches komme ich auf die Missionslegende zurück; 
aber eine Erschöpfung des unendlichen Stoffes ist nicht beabsichtigt; ich 
werde ihn nur streifen. Das Höchste und Ausschweifendste in bezug auf die 
Bedeutung der Zwölfapostel findet sich in der Pistis Sophia c. 7 (Schmidt 
p. 7). Jesus spricht zu den Zwölfen : „Freuet euch nun und jubelt, denn als 
ich mich autmachte zur Welt, führte ich von Anfang an zwölf Kr&fte mit 
mir, wie ich es euch von Anfang an gesagt habe, welche ich von den zwölf 
Erlösern (ccorrjQeg) des Lichtschatzes gemäß dem Befehle des ersten Myste- 
riums genommen hatte. Diese nun stieß ich in den Mutterleib eurer Mutter, 
während ich in die Welt kam, d. h. diese, die heute in eurem Körper sind. 
Denn es wurden euch diese Kräfte vor den Augen der ganzen Welt gegeben, 
weil ihr die seid, welche die ganze Welt retten werden, und damit ihr im 
stände seid, die Drohung der Archonten der Welt und die Leiden der Welt 
und ihre Gefahren und alle ihre Verfolgungen .... zu ertragen*. Vgl. c. 8 p.9: 
„Freuet euch nun und jubelt, denn ihr seid selig vor allen Menschen, die auf 
der Erde, weil ihr es seid, die die ganze Welt retten werden*. Übrigens 
heißen auch in den Eklogen des Clemens (c. 16) die Apostel „aaytfjQsq x&v 
äv^ßmjtcDv'* ; Origenes nennt sie „Könige* (Hom. XII, 2 in Num. t. 10 p. 132f.), 
und er mißbilligt (De princip. II, 8, 5) jene Auslegung des Hermworts: „Meine 
Seele ist betrübt bis zum Tode* nicht, nach welcher Jesus unter seiner Seele 
die Apostel verstanden habe; die multitudo credentium sei das corpus Christi 
und die Apostel seien die Seele! 

*) Beachtenswert ist, daß nach altchristlicher Vorstellung sich auch das 
mosaische Gesetz über die ganze Welt verbreitet hat. Die Predigt der zwölf 
Apostel in der ganzen Welt findet also die Wirkungen vor, welche jenes Ge- 
setz hervorgerufen hat (s. z. B. die Ausführungen Eusebs im 1. Buch der 
Kirchengeschichte). 

») Euseb., h. e. V, 10. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 295 

den Papylus in den Acta Carpi et Papyli als Missionar zu betrachten; 
denn er sagt im Verhöre (c. 32): iv jidajj biaQxiq xal TtöXsi elaiv 
fxov rixva xatd ^e6v. Vielleicht war Attalus in Lyon ein Missionar 
(Euseb. h. c. V, 1); aber beides ist unsicher. Ein Name wäre 
freilich zu nennen, der der Thecla (nach der Acta Pauli), wenn 
wir auf diesen Roman etwas geben könnten. Sie ist die einzige 
Frau, welche den Ehrentitel „i^ äjiSaroXog^ erhalten hat. Aber es 
ist sehr zweifelhaft, ob ihre Verehrung außer der Legende von 
ihr irgend eine tatsächliche Grundlage gehabt hat; doch kann die 
Legende einen historischen Kern einschließen. Selbsterlebte Fälle, 
daß ein Missionar und Lehrer später zum Bischof der von ihm 
Bekehrten erwählt worden ist, hat Origenes im Auge^; aber damals 
hatte sich schon der Unterschied von „Missionar'^ und „Lehrer'' 
verwischt und die alte Trias existierte nicht mehr. 

Können wir auch von der Tätigkeit der Apostel im 2. Jahr- 
hundert nichts Bestimmtes aussagen — am Anfang des 3. sind wohl 
nur noch letzte Nachzügler dieses Standes vorhanden gewesen; 
daß die Kirche wächst ovde xwv didaaxdXcov jtkeova^övxcDv, sagt 
Origenes de princ. IV, 1, If. ausdrücklich — , so ist doch die 
Schöpfung und Existenz dieser heroischen Institution an sich von 
großem Interesse. Ihre Erfolge dürfen freilich nicht zu hoch 
geschätzt werden; denn erstlich trifft die „Apostellehre'' haupt- 
sächlich Bestimmungen, um vor dem Mißbrauch des Amtes zu 
schützen — es muß schon am Anfang des 2. Jahrhunderts der Ge- 
fahr der Verwilderung unterlegen sein, was sehr begreiflich ist — , 
zweitens hätte sich die stilisierte Vorstellung von der grundlegenden 
und eigentlich schon abschließenden Missionstätigkeit der Urapostel 
gar nicht bilden und so fest einbürgern können, wenn lebendige 
Apostel im 2. Jahrhundert noch eine große Rolle gespielt hätten. 
Vielleicht ist es daher nicht zu kühn zu sagen, daß die Kirche in 
Wahrheit nur zwei wirkliche Apostel besessen hat, einen großen 
und einen kleinen, den Paulus und Petrus, dazu etwa noch den 
ephesinischen Johannes. Schwerlich haben jene anderen berufs- 
mäßigen Apostel, die besitzlosen und rasüos wandernden, das 
Hauptverdienst an der Ausbreitung des Christentums — wir müßten 
sonst von ihnen hören oder doch ihre Namen kennen; aber schon 
Eusebius war über sie so unwissend wie wir. Das Hauptverdienst 
der Ausbreitung wird den nicht berufsmäßiger^ Aposteln gebühren 
und dazu den „Lehrern'*. 



') S. Hom. XI, 4 in Nnm. t. 10 p. 113: ^Sicut in aliqua, verbi gratia, 
ciyitate, nbi nondum Christiani nati 8nnt> si accedat aliquis et docere in- 
cipiat, laboret, instruat, adducat ad fidem, et ipse postmodum iis, quos docoit, 
princeps et episcopus fiat*. 



Digitized by 



Google 



296 I^ie Missionare; Modalit&ten and Gegenwirkungen der Mission. 

5. 
Die Propheten^, obschon sie nach der „Apostellehre" und 
anderen Zeugnissen auch besitzlos sein sollten wie die Apostel, 
sind doch nicht zu den berufsmäßigen Missionaren zu rechnen; 
aber sie haben wie die Lehrer indirekt für die Mission eine 
Bedeutung gehabt. Ihr charismatisches Amt befähigte sie zur 
Verkündigung des Wortes Gottes und wies sie dazu an; ihre be- 
geisterten Reden wurden auch von Heiden gehört, und Paulus 
setzt (I Cor. 14, 24) gewiß mit Grund voraus, daß die prophetische 
Rede und die prophetische Herzenskündigung auf diese einen be- 
sonderen Eindruck machen. Bis gegen Ende des 2. Jahrhunderts 
haben sich die Propheten als Stand in der Kirche erhalten; ein 
Prophet war noch der Bischof Melito von Sardes^; die monta- 
nistische Bewegung hat den urchristlichen Prophetismus gesteigert 
und zu Ende geführt. Vereinzelte Zeugnisse sind auch später noch 
vorhanden*; aber für die Kirche bedeuten solche Propheten nichts 
mehr, ja sie wurden vom Klerus wohl kurzerhand als falsche Pro- 
pheten beurteilt. Wie die Apostel, so waren auch die Propheten 
in einer gefahrlichen Lage und konnten leicht verwildem. Die 
Bestimmungen der „Apostellehre" (c. 11) lehren, welche Vorsichts- 
maßregeln man schon am Anfang des 2. Jahrhunderts gebrauchen 
mußte, um die Gemeinden vor Schwindelpropheten zu schützen. 
Lucian zeigt in Peregrinus Proteus einen solchen; auch das stimmt 
mit der „Apostellehre'' überein, daß Peregrinus als Prophet sich 
bald in einer Gemeinde niederläßt, bald umherzieht in Begleitung 
von ihn besonders verehrenden Christen: die Propheten waren 



*) Sie wurden in der Heidenkirche stets von den Wahrsagern (jnavten) 
unterschieden (s. Hermas, Mand. 11; Iren, fragm. 23 [ed. Harvey]: o^tog 
ovxhi <bg nQwprjXfig <UJl' c5ff fidyrig Xoyia^aezai)f aber nicht immer werden die 
unterscheidenden Merkmale deutlich gewesen sein. Das ^aliquid praenun- 
tiare* gehört z. B. nach Tertullian (de came 2) auch zum Beruf des Propheten. 

») Tertullian (de praescr. 3) zählt die Propheten als besonderen Stand 
nicht mehr mit: „Quid ergo, si episcopus, si diaconus, si vidua, si virgo, si 
doctor, si etiam martyr lapsus a regula fuerit.'' In einem sehr alten christ- 
lichen Stück, das uns G renfeil und Hunt geschenkt haben (The Oxjrhjn- 
chus Papyri I, 1898, Nr. V p, 8f., s. Sitzungsber. der Preuß. Akad. 1898 
S. 516 ff.), finden sich die Worte: ro jtQfxprjttxov jtvevfia %6 ocofiatet^r eativ tijs 
nQoqyrjTiHTJg td^scog, S eaxiv to a(ö(JLa xijg ooQXog 'IrjooC X^unoü ro fuyhv x^ 
dv^Qcojtövrju dtä Maglas^ Leider ist das Fragment, welches vielleicht aus der 
verlorenen Schrift Melitos jibqI jigoqpijxsias stammt, so kurz und abgerissen, 
daß ein sicheres Urteil nicht möglich ist Aber zu dem Ausdruck tj jtQwpff- 
xixfj xd^ig ist Serapion v. Antiochia, ep. ad Caricum et Pontium (Euseb., h. e. 
T, 19, 2) zu vergleichen: ^ hegysia xijg ipevdodg xavxtjg xdiecog t^ff hnXeyofdvrig 
viae TiQixprjxsiag. Der Ausdruck 17 ngoiptjxixij xd^ig war also noch um das 
J. 200 ein geläufiger. 

») S. Firmilian bei Cypr., ep. 75, 10. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 297 

nicht an eine bestimmte Gemeinde gebunden. Auch Prophetinnen 
haben nicht gefehlt; man findet sie sowohl in der großen Earche 
als namentlich bei den Gnostikern^. 

Unser Quellenmaterial in bezug auf die urchristlichen Pro- 
pheten ist sehr umfangreich, und viele noch unerledigte Fragen 
knüpfen sich an dasselbe; so ist z. B. das Verhältnis der christ- 
lichen Propheten zu den zahlreichen Kategorien heidnischer 
Propheten (ägyptischer, syrischer, griechischer), die wir aus der 
Literatur und den Inschriften kennen, noch niemals untersucht 
worden^; ebenso fehlt noch eine gründliche Untersuchung über 
die Idee der prophetischen Sukzession. Aber für die Zwecke, 
die wir hier verfolgen, bietet das Material nichts; denn über die 
Missionstätigkeit der Propheten erhalten wir keine Kunde. 

*) Aus der koptischen Übersetzung der Acta Pauli (Briefwechsel des 
Paulus mit der corinthischen Gemeinde) haben wir gelernt, daß der dort 
genannte corinthische Gemeindeprophet nicht ein Mann, sondern eine Frau 
gewesen ist (Name: Theonoe, nicht Theonas). Noch eine zweite Prophetin, 
Namens Myrte, kommt in diesen Akten vor. Origenes schreibt (Hom. V, 2 
in Judic. t. 11 p. 250): „Cum plurimi iudices viri in Israel fiiisse referuntur, 
de nullo eorum dicitur, quia propheta fuerit, nisi de Debbora muliere. prae- 
stat et in hoc non minimam consolationem mulierum sexui etiam prima 
ipsius literae facies et provocat eas, ut nequaquam pro infirmitate sexus 
desperent, etiam prophetiae gratiae capaces se fieri posse, sed intelligant et 
credant, quod meretur hanc gratiam puritas mentis, non diversitas sexus. ** 

•) Sofern sich hier und dort Schwindler unter die Propheten mischten, 
hat ein Unterschied überhaupt nicht bestanden. Eine interessante Charak- 
teristik hat Celsus von den Propheten gegeben (Orig. c. Cels. VII, 9. 11): ,Es 
gibt viele, die, obgleich sie Leute ohne Ruf und Namen sind, mit der 
größten Leichtigkeit und bei dem nächsten besten Anlaß sowohl innerhalb 
der Heiligtümer als außerhalb derselben sich gebärden, als wären sie von 
prophetischer Ekstase ergriffen; andere als Bettler umherschweifend und 
Städte und Kriegslager umziehend geben dasselbe Schauspiel. Einem jeden 
sind die Worte geläufig, ein jeder ist damit sofort bei der Hand: ,Ich bin 
Gott' oder (und) , Gottessohn' (ndtg ^sov) oder ,Geist Gottes*. ,Ich bin ge- 
konmien, weil der Untergang der Welt schon im Anzug ist, und ihr, Menschen, 
fahret wegen eurer Ungerechtigkeiten ins Verderben! Aber ich will euch 
retten, und ihr werdet mich bald wiederkommen sehen mit himmlischer 
Macht! Selig der, welcher mich jetzt ehrt! Alle Übrigen werde ich dem 
ewigen Feuer übergeben, die Städte sowohl als die Länder und die Menschen. 
Diejenigen, welche jetzt die ihnen bevorstehenden Strafgerichte nicht erkennen 
wollen, werden dereinst vergeblich anderen Sinnes werden und seufzen! Die 
aber, welche an mich geglaubt, die werde ich ewiglich bewahren!' .... 
Diesen großartigen Drohungen mischen sie dann noch seltsame, halb ver- 
rückte und absolut unverständliche Worte bei, deren Sinn kein noch so ver- 
ständiger Mensch herauszubringen vermag, so dunkel und nichtssagend sind 
sie; aber der erste beste Schwachkopf oder Gaukler vermag sie zu deuten, 
wie es ihm beliebt .... Diese angeblichen Propheten, die ich selbst mehr 
als einmal mit meinen Ohren gehört, haben, nachdem ich sie überführt, mir 
ihre Schwächen bekannt und eingestanden, daß sie ihre unfaßbaren Worte 
selbst erfunden hätten." 



Digitized by 



Google 



298 Die Missionare; Modalitftten und Gegen wirkaiigen der Mission. 

6. 

Die „Apostellehre" erwähnt die Lehrer an zwei Stellen (13, 2; 
t5, 1. 2), und zwar als einen besonderen Stand in den Gemeinden. 
Sie leisten ihnen denselben Dienst wie die Propheten, nämlich 
den Dienst am Wort, gehören deshalb zu den „Geehrten*' und 
können, wie die Propheten, Anspruch auf Unterhalt erheben. 
Dagegen sind sie augenscheinlich nicht zu Besitzlosigkeit ver- 
pflichtet^, auch wandern sie nicht pflichtmäßig, sondern bleiben 
in der Regel in der Gemeinde seßhaft. 

Diese Angaben empfangen erstlich eine Bestätigung aus jenen 
Quellenstellen, in welchen Apostel, Propheten und Lehrer zu- 
sammengenannt sind (s. 0. S. 288 ff.), sodann aus einer Reihe von 
einzelnen Zeugnissen, die da zeigen, daß die Lehrer ein Stand in 
der Christenheit waren, und daß sie hohes Ansehen im 2. Jahr- 
hundert und zum Teil, wie wir sehen werden, auch noch in der 
Folgezeit genossen haben. Zunächst beweist schon die nicht selten 
begegnende Versicherung eines Schriftstellers, daß er nicht in der 
Eigenschaft eines Lehrers schreibe, resp. Vorschriften gebe, ein 
wie bedeutendes Ansehen der wahrhaftige Lehrer genoß, und wie 
man ihm das Recht zusprach, allgemein gültige, yerpflichtende 
Anweisungen zu geben. So versichert Bamabas zweimal (1, 8; 
4, 9): lycb dk oix <^^ diddaxaXog äXX* cbg elg i^ vjuidfv vnodelico, 
und Tioild dk ^ilcov yQdq^eiv ovx ^^ öiödaxaXog^. Ignatius er- 
klärt (ad Eph. 3, l): ov öiaxdoaofxcu vßuv (bg dir xig . , . jigooXai.(b 
vßuv (bg ovvöiöaoxaXlxaig fxov *, und noch im 3. Jahrhundert schreibt 
Dionysius von Alexandrien (ep. ad Basil.): lycb dk ovx ^ diöd- 
oxaXog, dAA* (bg ßierd Jidotjg &7iX6Ti]Tog Tzgooijxov fffiäg dJlrflcng 
diaXiyeo^ai^. Die Warnung des Jacobusbriefes (3, 1): /i^ jtokXol 
diödoxaioi ylvea^e, beweist, wie gesucht dieser Stand in der Ge- 
meinde war, von dem Hermas (Sim. IX, 25, 2) ausdrücklich sagt, 
daß seine Vertreter den heiligen Geist für denselben empfangen 
hätten*. Derselbe Hermas beruft sich (Mand. IV, 3, 1) auf einen 

*) Wenn von Origenes erzählt wird (Euseb., h. e. VI, 3), daß er den 
evangelischen Spruch, nicht zwei Stöcke osw. zu haben, befolgt hat, so ist 
das ein freier Entschluß von ihm gewesen. Kurz vorher wird erzählt, daß 
er sich durch Verkauf seiner Bücher eine Leibrente verschafft habe, um ganz 
sorgenfrei zu sein. 

*) Aber andererseits sagt er c. 9, 9: ol6ev 6 xtfr ifi<pvxw dtogtar r^c 
SiSaxrjs avtov ^ifievog h i^/^Tv. 

') Man beachte hier „SiaTdaaofiai**, welches Ignatius (Trall. 3, 3; Rom. 4, 3) 
von den Aposteln braucht; s. Trall. 7, 1 : lä dtaxayimxa x&v &jioax6X(ov. 

*) Vgl. auch noch Commodian, Instruct II, 22, 15; „Non sum ego doctor, 
sed lex docet"; II, 16, 1: ,Si quidem doctores, dum ezspectant munera vestra 
aut timent personas, laxant singula vobis; et ego non doceo." 

^) AiZaoxaXoi ol dtdd^avxeg aefivü)g xat dyv&s xov X&yov xov xvgiov .... 
xa^QK xou nageXaßov x6 nvevfui x6 Syiov, 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 299 

von ihm gehörten Ausspruch einiger Lehrer betreffs der Buße, 
der dann von dem Engel ausdrücklich bestätigt wird. Diese Stelle 
zeigt, daß es zur Zeit des Hermas in Rom diddaxaXoi gab, die in 
hohem Ansehen standen. Eine ganze Reihe von Lehrern nennt 
uns Clemens Alex. (Strom. I, 1, 11). Die Stelle zeigt zugleich, 
wie international sie waren: „Mein Werk soll ein einfaches Bild 
und Gemälde jener klaren und lebendigen Lehren, sowie jener . 
seligen und wahrhaft verehrungswürdigen Männer sein, welche ich 
zu hören gewürdigt worden bin. Der eine von ihnen, der lonier, 
war in Griechenland, zwei andere in Großgriechenland — der eine 
von ihnen stammte aus Coelesyrien, der andere aus Ägypten — , 
wieder andere traf ich im Orient, und zwar einen aus dem Lande 
der Assyrer, einen anderen, einen geborenen Hebräer, in Palästina. 
Bei dem letzten aber, den ich traf (seiner Bedeutung nach war er 
wohl der erste) ließ ich mich nieder. Ich hatte ihn in Ägypten, wo 
er verborgen war, aufgespürt, die sicilische Biene (Pantänus).'^ 
Eine ausführliche Anweisung über Lehrer besitzen wir in den 
pseudoclementinischen Briefen de virginitate (I, 11): „Doctores 
esse volunt et disertos sese ostendere . . . neque adtendunt ad id 
quod dicit [Scriptura]: ,Ne multi inter vos sint doctores, fratres, 
neque omnes sitis prophetae' . . . Timeamus ergo iudicium quod 
imminet doctoribus; grave enim vero iudicium subituri sunt doc- 
tores illi, qui docent et non faciimt^, et illi qui Christi nomen 
mendaciter assumunt dicuntque se docere veritatem, at circum- 
cursant et temere vagantur seque exaltant atque gloriantur in 
sententia camis suae . . . Verumtamen si accepisti sermonem 
scientiae aut sermonem doctrinae aut prophetias aut ministerii, 
laudetur deus . . . illo igitur charismate, quod a deo accepisti (seil. 
Xagio/xan didaxtJQ)^ iUo inservi fratribus pneumaticis, prophetis, qui 
dignoscant dei esse verba ea, quae loqueris, et enarra quod acce- 
pisti Charisma in ecclesiastico conventu ad aedificationem fratrum 
tuorum in Christo.'' Diese Stelle zeigt, daß es in den Gemeinden 
noch Lehrer und Propheten gab, daß jene diesen nachstanden, 
resp. sich eine Kontrolle gefallen lassen mußten, und daß — man 
vergleiche das ganze Kapitel — schwere Mißstände in diesem 
Stande zu bekämpfen waren. Naturgemäß traten schon frühe aus 
dem Stande der freien, der ganzen Gemeinde dienenden Lehrer 
einzelne hervor, die sich eine besonders tiefe Erkenntnis der 
dtxaicoßMita Tov ^eov zutrauten und sich daher nicht an die Christen 
ohne Unterschied, sondern an die Geförderten oder Gebildeten 
d. h. an irgend welche Auslese richteten. Auch ging das 



*) Vgl. Apostellehre 11, 10: xgoipi^xijg , el & dtddoxsi ov jtotsT, xpevdonQO- 
ipt^xtjg iazL 



Digitized by 



Google 



300 I^ie Missionare; Modalitäten und Gegenwirkungen der Mission. 

charismatische Lehrertum unvermerkt in das profane 
über. Hier ist der Punkt gegeben, von welchem aus eine Um- 
bildung der Institution der Lehrer eintreten mußte und eingetreten 
ist; denn es lag nun sehr nahe, auch in der Christenheit Schulen 
zu errichten, wie solche, von griechischen und römischen Philo- 
sophen begründet, in jener Zeit zahlreich bestanden. Diese Schulen 
konnten in der Gemeinde sozusagen eingebettet bleiben; sie 
konnten sich aber auch sehr leicht sektiererisch entwickeln; denn 
jeder Schule haftet diese Tendenz an. Hierher gehört die Tätig- 
keit der wandernden christlichen Apologeten, die wie Justin^ und 
Tatian * in den großen Städten Schulen stifteten ; hierher gehören 
Schulgründungen wie die des Rhodon und der beiden Theodoti 
in Rom*; hierher gehören die Unternehmungen^vieler sogenannter 
Gnostiker, hierher gehört vor allem die alexandrinische Katechen- 
schule (und ihr Ableger in Cäsarea Pal.), deren Ursprung freilich 
in tiefes Dunkel gehüllt ist*, und die Schule des Lucian in An- 
tiochien (hier hören wir von ZvXkovxiaviGxai^ also von einem Zu- 
sammenschluß ähnlich denen in den Philosophenschulen). Aber 
gerade der Gefahr gegenüber, die Kirche Christi in Schulen zu 
zersplittern und das Evangelium der weltlichen Bildung, dem 
Scharfsinn und dem Ehrgeiz einzelner Lehrer zu überÜefem*, 
erstarkte schließlich das kirchliche Bewußtsein, und das Wort 

*) Die Tätigkeit des Justin kennen wir am besten aus den Acta Justini. 
Mit seinen Schülern steht er vor dem Richter Rusticus. Der Richter ftragt: 
Wo kommt ihr zusammen? Justin antwortet erst ausweichend» bez. er will 
das Mißverständnis abwehren, als besäßen die Christen einen heiligen Ort f&r 
den Kultus. Auf die drängende Frage: Wo versammelst du deine Schüler? 
erwidert Justin dann: iyw iTtdvco fiivm xivog Magrirov tov Tifiojxivov ficdoofeiov 
xai noQCi ndvxa tov xqww lovxov — ijtedrj/itjaa ds xfj 'PoyfmioDV nöXst tovto 
dsvteQov — ov yivaxjxQ) äXXrjv xtra owilevaiv el firj xrjv ixeivov. Auch in 
Ephesus hatte Justin eine Schule. 

') Über die Schule des Tatian, die sektiererisch wurde, s. Iren. I, 28: 
olrjfjLaxi dtdoöxdXov sjtoQ^elg .... tdiov jj^o^cücr^^a didaaxaXeiov oweoxi^oaxo, 
Tatian stammte aus Justins Schule. 

') Zu Rhodon Euseb., h. e. V, 13 (Rhodon stanmite selbst aus der Schule 
Tatians), zu den Theodoti, deren Schule sektiererisch wurde und dann den 
Versuch machte, sich in eine Kirche zu verwandeln, s. Euseb. V, 28. Einen 
„doctor'' nennt Tertullian den Praxeas, der seine Lehre in Asien, Rom und 
Carthago verbreitete, vgl. auch die Schule des Epigonus, Cleomenes und 
Sabellius in Rom. 

*) Cf. Euseb. V, 10: fjyeXxo h 'AXe^ca^dgelq, xfjg x&v moxc^ avxö^t diaxgißrjg 
x(bv djio jxcudeias dvrfQ hiido^6xaxog , SvofML avx(p IlavxaiSvos, i| äQXodov f&avg 
didaaxaXelov tcuv Uq&v löycDV JtoQ* avxolg avvsoxwxog. Hieron., de vir. inl. 36: 
„Alexandriae Marco evangelista instituente semper ecclesiastici fuere doctores." 
Clem., Strom. I, 1, 11. 

*) Hermas rühmt von den guten Lehrern (Sim. IX, 25, 2), daß sie fitjdh 
SXcDs hooq>laavxo elg tti&vfilav jiovrjQctv; dagegen s. über solche Lehrer, welche 
dida/ai ^eyai einführen, Sim. IX, 19, 2. 3; Sim. VIII, 6, 5; Vis. III, 7, 1. 



Digitized by 



Google 



Die christlichen Missionare. 30 [ 

„Schule" wurde fast ein Schmähwort für eine kirchliche Sonder- 
gemeinde ^. Indessen deshalb starben die „doctores'' (diddoxaXoi) 
— ich meine hier die charismatischen, die das Recht besaßen, 
in den Gottesdiensten zu sprechen, obgleich sie nicht Kleriker 
waren — in den Gemeinden nicht sofort aus, ja sie haben sich 
länger in ihnen gehalten als die „Apostel" und „Propheten". Von 
Anfang an fehlte ihnen das enthusiastische Element, welches jene 
charakterisiert und ihnen den Untergang bereitet hat. Ferner: 
die Unterscheidung von „Milch" imd von „starker Speise", von 
verschiedenen Graden der christlichen ao<pla, avveaig, imon^juii] und 
yvojoig war zu allen Zeiten nicht zu entbehren^. Deshalb mußten 
sich naturgemäß die ^diödoxaXoi^ so lange in den Gemeinden 
halten, als die Verwaltungsbeamten resp. die Priester noch nicht 
überall die Qualitäten von Lehrern besaßen, und der Bischof 
(samt den Presbytern) noch nicht Beschlag auf die kirchliche Er- 
ziehung und Unterweisung gelegt hatte. Dies aber ist in manchen, 
auch in großen Gemeinden, erst spät d. h. erst in der